bei uns ? « » Grüß dich Gott , Bruckner ! An Treiber tät ich brauchen für acht Täg . Hast net Lust ? Der Graf zahlt net schlecht , vier Markln für ' n Tag . « » Ich ? Und treiben ? Wie fallt dir denn so was ein ? « Die Furchen im Gesicht des Bauern verschärften sich . » Oder hat dich der Schipper geschickt ? « » Der Schipper ? « Franzl schien die Frage nicht zu begreifen . » Gott bewahr ! Bist mir schon selber eingfallen . Also ? Magst ? « » Na ! « Bruckner prüfte die Schneide der Sense und ging auf die Haustür zu . » No , no , no ! Ich hab mir halt denkt , es könnt dir a bißl Verdienst net zwider sein . « » Ja , Lenzi , « fiel Mali ein , » sei gscheit ! Dreißg Markln sind net von Holz ! « » In Ruh laß mich ! « Der Bauer trat auf die Schwelle , musterte den Jäger über die Schulter und sagte grob : » Willst noch was ? « Franzl bekam einen roten Kopf , blieb aber ruhig . » Red , wie d ' magst , ich nimm dir nix übel . « Er wandte sich ab und strich mit der Hand über das Köpfl des Kindes . » Bhüt dich Gott , Mali ! An andersmal ! « Mit dem Ellbogen die Büchse rückend , ging er davon . Mali sah den Bruder an . » Aber Lenzi ? Was hast denn ? « Langsam trat der Bauer auf die Schwester zu . » Was willst denn du mit dem Jagerischen da ? « » Warum denn ? Was is denn ? « » Gelt , du ! Da fang mir nix an ! Es könnt mir net taugen . « Mali erhob sich und schlang den Polster um das Kind , aus dessen kraftlosen Händchen die Nelken zur Erde fielen . » Ich will dir was sagen , Lenzi ! Bei der Schwester hab ich ' s net schlecht ghabt . Aber aufs erste Wörtl , daß mich der Bruder braucht , hab ich den Kufer packt . Deine drei Kinder sollen net merken , daß ihnen d ' Mutter fehlt . Im übrigen hab ich meine ausgwachsenen Jahr und bin freund , mit wem ich mag . Was gegen den Franzl hast , da frag ich net drum . Mir war der Franzl mein Kamerad . Und dös weißt , Lenzi : so bin ich allweil gwesen , daß ich meine Sachen net versauen laß . « Sie drückte das Kind an sich und ging am Bruder vorüber ins Haus . In ratloser Bestürzung sah ihr der Bauer nach . Wie von einer Schwäche befallen , tappte er zur Hausbank hin und ließ sich niedersinken . Vom Nachbargehöft herüber klang die Stimme Franzls , der einen jungen Burschen anrief . In ihm fand der Jäger den Treiber , der noch zu bestellen war . Und nun ging ' s den Bergen zu , hinauf zur Jagdhütte , in der Graf Egge am liebsten hauste , weil sie mitten im besten Gemsrevier gelegen war . Franzl hatte einen fünfstündigen Marsch vor sich , zuerst durch Buchenwälder , in deren Laub schon gelbe Blätter leuchteten , dann durch dunklen , kühlen Fichtenwald und über breite Almen . In einer Sennhütte rastete Franzl und löffelte zu bescheidenem Mittagsmahl eine Schüssel Milch . Dabei fand er Gesellschaft . In die Hütte trat ein junges Mädel , das hübsche , runde Grübchengesicht von der Hitze gerötet . Ihr schmuckes , zur Üppigkeit neigendes Figürchen in der halb städtischen Kleidung ließ erkennen , daß sie gute Freundschaft mit dem Spiegel hielt . Das schwarze Haar war nicht in Zöpfe geflochten , sondern zeigte eine » Frisur « . Das grüne Lodenhütchen , das sie in der Hand trug , war mit Bergblumen besteckt , und ein Sträußlein Alpenrosen war an die Spitze des Bergstockes gebunden . Sie schien den Jäger nicht ungern zu gewahren . Während sie Hut und Stock auf die Holzbank legte , grüßte sie mit einem zutraulichen Wink ihrer schwarzen Augen . » Grüß Gott , Lieserl ! « nickte Franzl und löffelte weiter . Die alte Sennerin , die beim Herdfeuer stand , drehte das Gesicht über die Schulter ; der neue Gast schien ihr nicht zu gefallen . » Wo kommst denn her ? « brummte sie . » Man muß net allweil an der Maschin sitzen . Luftschnappen muß der Mensch auch . D ' Stubenluft taugt mir net . Jetzt bin ich auf der Bergpartie . « » Geh ? « fragte die Alte anzüglich . » Und ganz allein ? « » Ja , gelt , dös is schad ! « Lieserl lachte , daß man zwischen den roten Lippen die kleinen blinkenden Zähne sah . » Es hätten sich schon a paar zur Begleitung anboten . Aber jeder paßt mir net . Ich bin anspruchsvoll . « Sie setzte sich an Franzls Seite , drückte den Arm an seinen Ellbogen und guckte in die Schüssel . » Hast alles aufschnabuliert ? Gar nix hast übrig für mich ? « » Na , gar nix ! « Franzl erhob sich und stellte die leere Schüssel auf die Bank . » Was rennst denn ? Bleib doch sitzen und laß a bißl plauschen ! « » Mir pressiert ' s. « Der Jäger griff nach seiner Büchse und ging . » Bist a Feiner ! Dös muß ich sagen ! « schmollte Lieserl , während die Sennerin vergnügt vor sich hinkicherte . Dann lief die Alte dem Jäger nach . Hinter der Hütte holte sie ihn ein , laut in die Schürze lachend . » Die hast schön abfahren lassen ! So eine ! Ihr Vater muß rein nix wissen , und der Zauner-Wastl is doch sonst an ehrenwerter Mensch ! Was d ' Leut über dös Mädl alles reden ! A solchene Unmoreulidätt , wie dös Mädl hat ! Wirst sehen , es dauert net lang , und es kommt einer daher , so a städtischer Heuschniggl , mit dem sie sich a Ranzewuh geben hat ! « Franzl wurde verdrießlich . » Laß mich in Ruh , du alte Ratschen ! « » No ja , hab ich net recht ? Und allweil muß sie ' s mit die Fremden haben . Es taugt ihr keiner von unsere Buben mehr , seit im letzten Sommer der junge Herr Graf a bißl mit ihr scharmiert hat . Dös Gansl , dös dumme , hat dran glaubt ! Als ob die Herren Grafen fürs Zauner-Lieserl gwachsen wären ! « » Du ! « Franzl wurde grob . » Mei ' Herrschaft laß in Ruh ! « » Hab ich denn was über d ' Herrschaft gsagt ? « staunte die Alte unschuldig . » Ich red vom Zauner-Lieserl . Sie is ihm nachgelaufen wie ' s Hundl dem Jager . Und glaubst mir ' s net , so schau , da kommt der alte Herr Moser , den kannst ja fragen . « Aus einer Senkung des Almfeldes tauchte ein bejahrter Mann hervor , in abgetragener Jägerlivree , mit weißem Schnauzbart im roten Gesicht . Franzl ging dem Alten entgegen . » Hat er ihn schon ? « Verschnaufend schüttelte Moser den Kopf und nahm den Hut ab ; seine mit Schweißperlen besäte Glatze schimmerte in der Sonne . » Nix hat er ! Und fuchsteufelswild is er , weil ihn der Gamsbock zum Narren hat . Hätt er mir gfolgt , er hätt ihn schon lang ! Aber natürlich , jetzt is der Schipper in Gnaden , und der alte Moser kann Brieferln tragen . Der Schipper ! Ja , der Herr Schipper ! « Franzl wurde ernst , als er diesen Namen hörte . Nur um etwas zu sagen , fragte er : » Gehst heim ? « » Der Konteß muß ich a Brieferl nunterbringen , weil der Herr Graf net fort mag von der Hütten . Ich kann ' s ihm net verdenken . So a Trumm Bock mit solche Krucken hab ich meiner Lebtag noch net gsehen ! « Der Alte wandte sich gegen die Berge . » Ich sag , er kriegt ihn net . Hätt er mir gfolgt ! Aber der Herr Schipper natürlich ! Der is der gscheitere . Und der alte Moser wird ausglacht . Es gibt kei ' Grechtigkeit mehr auf der Welt ! « Die Stimme des Alten zitterte . » Tu dich net kränken ! « tröstete Franzl . » Gnau hinschauen muß man , nachher kommt man drauf , daß alles mit Grechtigkeit verteilt is . Schau uns zwei an : ich bin der jünger , dafür bist du der gscheiter , ich hab die mehreren Haar , dafür hast du die schönere Glatzen . « Der Alte lachte . » Ja , Franzl , du haltst noch zu mir ! Aber der Schipper - lassen wir ' s gut sein , ich will nix reden ! Und tu dich nimmer verhalten , Franzl ! Der Herr Graf hat eh schon gscholten , weil so lang ausbleibst . « Franzl erschrak . » Bhüt dich Gott , Moser ! « Er fing zu rennen an . Die Sennerin , die den Schatten des Hüttendaches nicht verlassen hatte , machte vor dem alten Büchsenspanner einen Bückling . » Hab die Ehre , Herr Moser ! Freuen tut ' s mich , daß der Herr Moser wieder amal zuspricht . « Zwinkernd deutete sie mit dem Daumen über die Schulter . » Gsellschaft haben wir , ' s feine Lieserl ist da . « » Was ? Unser Lieserl ? Ah , dös is aber lieb ! « Der Alte trabte zur Hüttentür . Die Sennerin kicherte . » Net schlecht ! So an alter Stieglitz ! Und geht auch noch auf d ' süße Leimruten ! « Inzwischen hatte Franzl den Rücken des Almfeldes überstiegen und erreichte einen Lärchenwald . Der Weg war rauh , so daß dem Jäger bei seiner treibenden Eile der Atem in hastigen Zügen ging . Die Gedanken , die ihn drückten , sprachen aus seinen Augen . » Wie därf er denn schelten ? Ich kann doch net fliegen ! « Die kurze Rast in der Sennhütte war ihm doch nicht zu verdenken ? Man wird sich auf einem fünfstündigen Marsch auch einmal niedersetzen dürfen ? Und drunten hatte er doch den letzten Treiber besorgen müssen . Und es war nicht seine Schuld , daß er den Gang zum Bruckner umsonst getan . Umsonst ? Als Franzl zu diesem Gedanken kam , begannen seine Augen sich aufzuhellen . Jetzt hatte er an was anderes zu denken als an das Gewitter , das ihn in der Jagdhütte erwarten mochte . Zerklüftetes Gestein begann sich über den Wald zu erheben , und der Fußpfad lenkte in eine enge Schlucht . Bald traten die Wände wieder auseinander , und vor dem Jäger lag ein breites Hochtal , in dessen Mitte zwischen Latschengebüsch und Zirbelkiefern das silbergraue Schindeldach der Jagdhütte leuchtete . Auf drei Seiten war das Tal umgeben von steilen Bergzinnen , während gegen die Seite , von welcher Franzl kam , sich ein Ausblick ins Weite öffnete ; dort unten , in unsichtbarer Tiefe , lag der See , und drüben stiegen die Berge wieder auf , Gipfel hinter Gipfel , in immer zarterem Blau . Als Franzl sich der Jagdhütte näherte , sah er zwischen den Latschen etwas blinken wie Goldschimmer . Einen Augenblick zögerte er , dann bahnte er sich durch die wirren Äste einen Weg und kam zu einer kleinen Blöße , auf der ein hohes Rohrstativ mit ausgezogenem Tubus stand . Vor dem großen Fernrohr , das gegen die Mitte einer rauhgeklüfteten Felswand gerichtet war , saß auf niederem Stein ein Jäger : Jochel Schipper , Graf Egges Büchsenspanner . Er trug die Tracht der Berge ; was er am Leib hatte , war so grau verwittert , daß die regungslose Gestalt einem Felsblock ähnlich sah . Auch das Haar wie Asche ; man konnte nicht unterscheiden : war es noch blond oder schon ergraut ? Der Nacken von der Sonne so braun gebrannt wie die hageren Knie , über deren Kehlen sich fingerdicke Sehnen spannten . Als hinter ihm die Zweige rauschten , wandte er langsam das Gesicht . Man sah diesen Zügen die vierzig Jahre an . Die Stirne weiß , soweit der Hutrand sie beschattete , Nase und Wangen gebräunt . Die eine Seite des Gesichtes war dicht mit farblosem Bart bewachsen , die andere nur dünn behaart und mit veralteten Narben befleckt - vor Jahren einmal , im Rausch , war Schipper mit dem Gesicht gegen die glühende Ofenplatte gefallen . Seine Züge schienen wie versteinert ; nur die Augen lebten , diese kleinen , grauen Augen , und sie hatten den scharfen Blick des Habichts . » Wo steht der Bock ? « fragte Franzl mit gedämpfter Stimme . Flüsternd , kaum merklich die Lippen bewegend , erwiderte Schipper : » Sorg dich um den Bock net ! Der kommt mir net aus ' m Aug . Schau lieber , daß zur Hütten findst . Der Graf wartet schon lang . Ich hab ihm gsagt : du kannst net früher da sein . Aber weißt ja , wie er is ! « Langsam wandte er das Gesicht zum Tubus , kniff das linke Auge zu und spähte mit dem rechten durch das Fernrohr . Franzl schob schwer atmend den Hut in die Stirn und drückte sich durch die Büsche . Nun sah ihm Schipper nach ; ein dünnes Lächeln glitt um den schiefbärtigen Mund , und in den grauen Augen funkelte die Schadenfreude des Hasses . 6 Graf Egges Lieblingshütte zeichnete sich , von ihrer günstigen Lage abgesehen , nicht durch besondere Eigenschaften aus , am allerwenigsten durch Bequemlichkeit : ein kleines , rohgezimmertes Blockhaus mit winzigen Fenstern und so niederer Tür , daß Graf Egge , wenn er rasch aus der Hütte laufen und nach Gemswild ausspähen wollte , häufig mit dem Querbalken in unangenehme Berührung geriet . Die Folge war eine Beule auf der Stirn - oder wie die Leute in den Bergen sagen : ein » Dippel « . Statt den Zimmermann zu rufen und das Übel an der Tür bessern zu lassen , begnügte sich Graf Egge damit , der Hütte den Ehrentitel » Palais Dippel « zu verleihen . Die Tür führte in die kleine Jägerstube , die zugleich als Küche diente , und aus der eine steile Leiter den Aufstieg zum Heuboden , zum Schlafraum der Jäger , ermöglichte . Neben der Küchenstube lag das » Grafenzimmer « , ein bescheidener Raum , dessen Decke und Balkenmauern mit Brettern verschalt waren ; um die Ecke zwischen den zwei kleinen Fensterchen zog sich eine Holzbank ; davor ein Tisch mit zwei dreibeinigen Sesseln und in der Ecke ein Kruzifix mit verblühten Almrosen . In der gegenüberliegenden Ecke stand der eiserne Ofen und daneben das Bett mit grauer Lodendecke und zerlegener Matratze , unter der die Heufäden hervorhingen ; an der Wand ein plumper Schrank , ein Jagdkalender und ein Rechen mit Gewehren , mit Feldstecher , Fernrohr , Wettermantel und allerlei Riemenzeug . Der einzige Überfluß , der sich in diesem Raum gewahren ließ , bestand in einem Dutzend Paar Bergschuhen der verschiedensten Art , die frisch gefettet rings um den eisernen Ofen standen . Ein braun und schwarz getigerter Schweißhund lag auf dem Bett und ließ sich in seiner Nachmittagsruhe nicht stören , obwohl die zornige Stimme seines Herrn die kleinen Fensterscheiben des Stübchens zittern machte . Noch ehe Franzl zu dem die Hütte umschließenden Stangenzaun gekommen war , hatte er diese scheltende Stimme schon vernommen . Neben der Tür sah er eine Büchse und einen Bergstock an die Balkenmauer gelehnt . Da war wohl ein Jäger aus einem anderen Jagdbezirk mit einem Anliegen zu seinem Herrn gekommen und hatte ihn zu übler Stunde angetroffen . Franzl konnte die Worte verstehen , die in der Stube hallten . Er zog die Brauen auf und kraute sich hinter dem Ohr : » Sakra ! Heut raucht er keinen Guten , weil er stadtisch redt ! « Franzl wußte aus Erfahrung : Wenn Graf Egge in der Jagdhütte hochdeutsch redete , stand der Barometer seiner Laune auf Sturm . Franzl zögerte . Sollte er eintreten oder das Ende des Gewitters abwarten , das sich in der Stube entlud ? Er entschloß sich für das letztere und setzte sich auf die neben der Tür angebrachte Holzbank . In der Stube klang die wuchtige Stimme des Grafen : » Das muß ein Ende nehmen . Oder ich verliere die Geduld . Dein Bezirk hat eine Lage , wie man sie schöner im ganzen Gebirg nicht findet . Da sollten die Rudel nur so umeinanderstehen . Und wie sieht es in Wirklichkeit aus ? Daß einem grausen könnte ! Mir scheint , du hast die Schußliste vom letzten Jahr schon völlig vergessen ? Armselige drei Hirsche und sieben Gamsböcke , einer schlechter wie der andere ! Glaubst denn du , das ist mir die sieben Zentner Salz und das ganze Winterfutter wert ? Von deinem Gehalt schon gar nicht zu reden ! Der ist ohnehin zum Fenster hinausgeworfen ! « » Aber ich bitt , Herr Graf , « stammelte eine scheue Stimme , » ich lauf mir bei Tag und Nacht schier d ' Füß ab ! Mein Bezirk liegt halt an der Grenz . Und drüben die Bauernjagd ! Die Gams und ' s Wildbret kann ich net anbinden , und was halt nüberwechselt , wird drüben niedergschossen . Wie soll ich denn da an Wildstand in d ' Höh bringen ? Da weiß ich mir wahrhaftig kein Rat nimmer . « » Natürlich ! Du hast eben andere Dinge im Kopf . Dein Bezirk wird schlechter von Jahr zu Jahr , und dafür soll ich dir noch den Gehalt aufbessern ? Erlaub mir , Patscheider , das ist eine starke Zumutung ! « » Ich schau mich halt mit meine sechshundert Markln nimmer naus , Herr Graf ! Sieben Kinder daheim - « » Was geht denn das mich an ? Muß denn der Mensch sieben Kinder haben ? Wärst du bei Nachtzeit fleißiger im Dienst gewesen , so hättest du mehr Gamsböcke im deinem Revier und daheim weniger Kinder . « » Aber Herr Graf ? « Ein Faustschlag dröhnte auf die Tischplatte . » Fertig ! Wir haben ausgeredet . Bring deinen Bezirk so weit , daß ich im Jahr sechs gute Hirsche und ein Dutzend Gamsböcke schieße , und ich bessere deinen Gehalt nicht nur um die fünfzig Mark auf , die du haben willst , sondern um volle zweihundert . Und jetzt kein Wort mehr . Nimm dich zusammen , Patscheider , ich sag es dir heut noch im Guten . Oder es sitzt übers Jahr ein anderer in deiner Hütte . « Schweigen folgte diesen Worten ; dann wurde die Stubentür geöffnet , schwere Tritte ließen sich hören , u im Eingang der Hütte erschien ein schwarzbärtiger Jäger mit bleichem Gesicht u verstörten Augen . Als er den Hornegger Franzl gewahrte , nickte er einen stummen Gruß . In der Stube begannen die Saiten einer Zither zu klingen . Graf Egge liebte die Zither und spielte sie meisterhaft ; sie war in den Mußestunden der Jagdhütte sein einziger Zeitvertreib und sein Heilmittel wider jeden Ärger . Franzl legte die Hand auf Patscheiders Arm und fragte flüsternd : » Michel ? Brauchst du was für daheim ? « » Vergeltsgott , Franzl , hast ja selber net viel übrig ! « Patscheider atmete schwer und deutete über die Schulter . » Hast es ghört , was er verlangt ? Sechs Hirsch und a Dutzend Gamsböck ! Bei mir ! Dös möcht unser Herrgott selber net zwegenbringen . Und der Graf versteht doch so viel von der Jagd , daß er ' s wissen müßt ! Aber der Schipper hetzt halt ! Der Herr Schipper ! « Er griff nach seiner Büchse . » ' s gscheiteste wär , man springet amal wo nunter über d ' Wänd , nachher hätt man sei ' Ruh für ewige Zeiten ! « » Aber Michel ! Denk doch an deine lieben Leut daheim ! « Patscheiders Augen wurden feucht . » Ich sag dir ' s , Franzl , es wird mir hart ! Ich renn mir d ' Seel aus ' m Leib . Aber von der Grenz müssen mich ja d ' Lumpen überall sehen . « Er spähte nach dem Fenster und dämpfte die flüsternde Stimme noch mehr . » In vier Wochen haben s ' mir drei Gams davon ! Wenn ich ' s dem Grafen sag , der jagt mich zum Teufel . Jetzt muß ich schon lügen , wenn ich für meine Kinder dös bißl Brot erhalten will ! « Er hob die Faust . » Aber soll ' s unser Herrgott geben , daß mir einer übern Weg lauft ! Da gibt ' s an Unglück , Franzl ! « Mit eisernem Griff umklammerte er den Lauf der Büchse und schritt ohne Gruß davon . In der Stube sangen die Saiten der Zither einen heiteren Ländler , während Franzl bekümmert dem Jäger nachblickte . Als er ihn hinter den Latschenbüschen verschwinden sah , blies er die Backen auf , als könnte er sich den schwülen Druck , der auf ihm lag , von der Seele blasen wie einen Mund voll Pfeifenrauch . Dann knöpfte er die Joppe zu und trat in die Hütte . Langsam öffnete er die Stubentür und zog den Hut . » Grüß Gott , Herr Graf ! « Der Hund auf dem Bette hob den Kopf und vergrub , als er den Jäger erkannte , die Schnauze wieder zwischen den Beinen . Graf Egge saß hinter dem Tisch , hemdärmelig , in abgewetzter Lederhose und mit schiefgetretenen Filzpantoffeln . Ohne das Spiel zu unterbrechen , blickte er auf . » Aaaah ! Der Herr Hornegger ! Schau nur , schau ! Dös is ja wie der Wind gangen ! Also , der Herr Hornegger is auch schon da ! « Dem Jäger schlug bei diesem Empfang das Blut ins Gesicht , und doch atmete er erleichtert auf , als er den breiten Dialekt hörte , der auf mildere Stimmung zu deuten schien . Er begann sich damit zu entschuldigen , daß ihn bereits beim Niederstieg ins Dorf die Begegnung mit der » gnädigen Konteß und dem alten Fräuln « aufgehalten hätte . Ein Schatten des Unbehagens glitt über das Gesicht des Grafen . Er schob die Zither fort und erhob sich . » Bist du der Kammerdiener meiner Tochter , oder bist du mein Jäger ? « Franzl schwieg , denn er kannte die Wirkung , die jeder Widerspruch auf den Grafen zu üben pflegte . » Aber natürlich , das ganze Jahr füttert man seine Leute , und wenn man sie braucht , sitzen sie weiß der Teufel wo ! Wenn ich den Bock nicht bekomme , bist du schuld ! Seit acht Tagen sitz ich und warte mir die Seel heraus . Richtig , heute mittag steht der Bock , wo ich ihn brauche . Aber wo ist der Herr Hornegger ? Ja , der Herr Hornegger ! Der schlaft sich schön aus . Der laßt sich gemütlich Zeit , damit er keinen Schuhnagel verliert . Und der Graf kann warten . Der kann sich den Bock in der Wand drin anschauen und kann sich die Gelbsucht an den Hals ärgern . « Graf Egge trat dicht vor den Jäger hin . » Hornegger ! « Er betonte jede Silbe : » Wenn ich den Bock nicht bekomme , dann spukt ' s in der Fechtschul . Dann waren wir die längste Zeit gut Freund miteinander , und ich könnte sogar vergessen , daß der beste Jäger , den ich je gehabt habe , dein Vater war . « Nun konnte Franzl nicht länger schweigen . Seine Gestalt reckte sich . » Herr Graf ! Ich hab den einzigen Ehrgeiz , daß ich dem Vater nachschlag . Und ich glaub , ich hab dazu noch allweil den richtigen Willen mitbracht . Wenn ich heut was versäumt hab , bitt ich um Entschuldigung . Ich gsteh ' s ein , ich hätt flinker wieder heroben sein können . Aber so harte Wort hab ich deswegen net verdient . « Das freimütige Bekenntnis schien den Unmut des Grafen schon zu beschwichtigen ; aber die letzte Wendung versalzte die Suppe wieder . » Das ist doch eine unerhörte Keckheit ! Soll ich mir vorschreiben lassen , wie ich mit meinen Leuten reden muß ? Und was hast du nicht verdient ? Du bist noch lang nicht Jäger genug , um zu begreifen , was du mir angetan hast . « Die Wände hallten vom Zorn dieser Stimme . » Neunhundertvierzehn Gamsböck hab ich in meinem Revier geschossen . Aber kein einziger ist drunter wie der in der Wand da droben ! Der Bock ist mir ein Vermögen wert . Sechs Jahr lang kenn ich ihn schon und wart auf ihn . Heut hätt ich ihn haben können . Aber der Herr Hornegger - « Da wurde die Tür aufgerissen , und Schipper stürzte in die Stube . » Herr Graf ! Der Bock steht am richtigen Fleck ! Wenn der Franzl sei ' Sach jetzt in der Ordnung macht , muß der Bock am Wechsel herspringen auf den schönsten Schuß ! « Bei Graf Egge war plötzlich aller Zorn verraucht . Fiebernde Aufregung befiel ihn wie einen jungen grünen Jäger , in dem noch das leidenschaftliche Feuer brennt . Im Nu hatte er die Bergschuhe an den Füßen , und während ihm Schipper die Riemen band , wußte er vor Erregung an der abgeschabten und geflickten Joppe , die ihm Franzl reichte , kaum die Löcher für die Arme zu finden . Mit zitternden Händen stülpte er das verwitterte Hütl über die weißen Haare , packte die Büchse und den Feldstecher und eilte zur Stube hinaus . » Die Tür , Herr Graf ! « wollte Franzl noch warnen . Aber man hörte schon den dumpfen Schlag . Das » Palais Dippel « hatte seinem Namen wieder einmal Ehre gemacht . Graf Egge vergaß in seiner Hast den üblichen Fluch und drückte nur die Hand an die Stirne , während er rasch das Latschendickicht zu gewinnen suchte . Franzl und Schipper folgten . Als sie die Blöße erreichten , wo der Tubus stand , warf Schipper einen Blick nach der bereits im Schatten der Nachmittagssonne liegenden Felswand und sagte flüsternd : » Er steht noch am gleichen Fleck . Schauen S ' ihn an , Herr Graf ! « Graf Egge legte die Büchse ab und spähte durch den Tubus . Es stieg ihm heiß ins Gesicht , und er schob den Hut zurück . » Herrgott ! Herrgott ! Is das ein Bock ! Hundertmal hab ich ihn schon angschaut , und allweil reißt ' s mich wieder . « Er atmete tief . » Kinder ! Wenn das jetzt gut ausfallt - « Er nahm sich nicht die Zeit , das Versprechen , das er geben wollte , in Worte zu fassen . Vor allem schob er die Patronen in seine Doppelbüchse . Dann wurde mit leisen Stimmen Rat gehalten . Inmitten der hohen , langgestreckten Felswand stand der Gemsbock , dem freien Auge nur wie ein winziges Figürchen erscheinend ; kaum merklich bewegte er sich äsend auf einer vorspringenden Kuppe hin und her ; manchmal hob er den Kopf , um auszuspähen über das Latschental . Vielleicht hatte er auch die Jäger schon gewahrt ? Aber er war es gewöhnt , tief unter ihm in den Tälern diese kleinen lebendigen Pünktlein schleichen zu sehen , die sich Menschen nennen ; vielleicht wußte er aus Erfahrung , daß sie seine Feinde waren ; doch er schien sich in seiner schwindelnden Höhe sicher zu fühlen . Von den tiefer liegenden Almen herauf klang der Jodelruf einer Sennerin - lange stand der Gemsbock unbeweglich und äugte in die Ferne ; dann begann er wieder sorglos zu äsen , während ihm zu Füßen im Versteck der Latschenbüsche um sein Leben gerechnet wurde . Unter dem südlichen Abfall der Wand sollte Graf Egge seinen Stand nehmen , Franzl von der nördlichen Seite her in die Felsen steigen , um den Gemsbock gegen den Stand zu treiben . Wohl führten von der Stelle , wo der Bock sich aufhielt , zwei Wechsel aus der Felswand , der eine niederwärts gegen den Wald , der andere gegen den Grat empor . » Aber es kann net fehlen ! « meinte Schipper . » Wenn der Franzl sei ' Schuldigkeit tut , muß der Bock auf ' m unteren Wechsel kommen ! « » Also , Franzl , was meinst du ? « fragte Graf Egge und hing gespannt an dem Gesicht des Jägers . Franzl schwieg eine Weile und spähte zu den Felsen hinauf , dann schüttelte er den Kopf . » Herr Graf ! Herr Graf ! Es kann gut gehen , aber es muß net . Ich kenn den Bock , ich weiß , wie er is , und ich fürcht schier , eh ich den Bock ins Treiben bring , machen ihn die andern Gams lebendig , und da nimmt er den oberen Wechsel an . « » Die andern Gams ? « fragte Graf Egge erschrocken . » Wo ? « » Da droben stehen s ' , drei Stück beinander ! « Franzl deutete mit dem Bergstock nach den Gemsen , die sein scharfes Auge entdeckt hatte . Schipper schoß einen wütenden