weißt , daß ich in dieser delikaten Sache nicht wie Therese denke ; sie hält die Poggenpuhls für einen Pfeiler der Gesellschaft , für eine staatliche Säule , was natürlich lächerlich ist ; aber du deinerseits hast umgekehrt eine Neigung , zuwenig auf unsern alten Namen zu geben oder , was dasselbe sagen will , auf den Ruhm unsres alten Namens . Ruhm und Name sind aber viel . « » Kann ich zugeben , Manon ; aber wer hat heutzutage nicht einen Namen ? Und was macht nicht alles einen Namen ! Pears Soap , Blookers Cacao , Malzextrakt von Johann Hoff . Rittertum und Heldenschaft stehen daneben weit zurück . Nimm da beispielsweise den Marschall Niel ! Er hat , glaub ich , Sebastopol erobert und war , wenn ich nicht irre , verzeih den Kalauer , ein Genie im Genie ; jedenfalls eine militärische Berühmtheit . Und doch , wenn nicht die Rose nach ihm hieße , wüßte kein Mensch mehr , daß er gelebt hat . Indessen lassen wir Niel ; was geht uns am Ende Niel an ? Nehmen wir lieber etwas , was uns viel , viel näher liegt , nehmen wir da beispielsweise den großen Namen Hildebrand . Es gibt , glaub ich , drei berühmte Maler dieses Namens , der dritte kann übrigens auch ein Bildhauer gewesen sein , es tut nichts . Aber wenn irgendwo von Hildebrand gesprochen wird , wohl gar in der Weihnachtszeit , so denkt doch kein Mensch an Bilder und Büsten , sondern bloß an kleine dunkelblaue Pakete mit einem Pfefferkuchen obenauf und einer Strippe drum herum . Ich sage dir , Manon , ich habe mein Poggenpuhlhochgefühl geradesogut wie du und fast so gut wie Therese ; wenn ich dieses Hochgefühls aber froh werden soll , so brauche ich zu meinem Poggenpuhlnamen , der , trotz aller Berühmtheit , doch leider nur eine einstellige Zahl ist , noch wenigstens vier Nullen . Eigentlich wohl fünf . « » Ich habe nichts dagegen , Leo , daß du so rechnest ; ganz im Gegenteil . Bin ich doch selber nicht ängstlich in diesem Punkte . Ja , ich gehe zu , du mußt so rechnen . Aber ich fürchte , du rechnest nicht an der richtigen Stelle . Da sind Bartensteins , da ist Flora ... Ja , das wäre was . Flora Bartenstein ist ein kluges und schönes Mädchen und dazu meine Freundin . Und reich ist sie nun schon ganz gewiß . Also darüber ließe sich reden . Aber in Thorn , wovon du beständig schreibst und sprichst ... freilich immer nur so dunkel und bloß in Andeutungen . Ich bitte dich , Leo , was soll das ? In Thorn ... ! Wie heißt sie denn eigentlich ? « » Esther . « » Nun , das ginge . Viele Engländerinnen heißen so . Und ihr Vatersname ? « » Blumenthal . « » Das ist freilich schon schlimmer . Aber am Ende mag auch das hingehen , weil es ein zweilebiger Name ist , sozusagen à deux mains zu gebrauchen , und wenn du Stabsoffizier bist ( leider noch weitab ) , und es heißt dann bei Hofe , wo du doch wohl verkehren wirst : die Frau Majorin oder die Frau Oberst von Poggenpuhl ist eine Blumenthal , so hält sie jeder für eine Enkelin des Feldmarschalls . Ein Poggenpuhl , der eine Blumenthal heiratet , soviel Vorteil muß man am Ende von einem alten Namen haben , rückt sofort auf den rechten Flügel der Möglichkeiten . « » Bravo , Manon . Also deine Bedenken zerrinnen . « » Doch nicht ganz ; soviel kann ich nicht zugehen . Ich mühe mich nur einfach , aus Esther und Blumenthal das Beste zu machen . Außerdem , ich begreife deine Lage , fühle den Druck mit und freue mich , daß du heraus willst . Aber wenn es irgend sein kann , bleibe im Lande und nähre dich redlich ; laß es nicht an der Weichsel sein , nicht Esther ; sie kann , wie sie auch sei , an Flora nicht heranreichen . Zudem , die ganze Bartensteinsche Familie - es sind drei Brüder , zwei in der Voßstraße - hat ein besonderes Ansehen ; der , in dessen Hause ich verkehre , ist ein Ehrenmann , beiläufig auch noch ein Humorist , und ich bin sicher , daß er bei der nächsten Anleihe geadelt wird . In meinen Augen ist das nichts von Bedeutung , ja , beinahe störend , denn ich hasse alles Halbe , was es doch am Ende bleibt . Aber vor der Welt ... « » Ich will es mir überlegen , Manon . Vorläufig find ich es entzückend , so gleichsam die Wahl zu haben ; wenigstens kann ich mir so was einbilden . Am liebsten freilich blieb ich noch eine Weile , was ich bin ; ein Junggeselle steht doch obenan . Nur der Witwer mit seinem Blick in Vergangenheit und Zukunft steht vielleicht noch höher . Aber das kann man nicht gleich so haben . Und nun gehab dich wohl . Mama wird sich schon wundern , was wir noch alles wieder miteinander gehabt haben . « Und bei diesen Worten trennten sie sich . Manon aber trat noch an das Bett der Mutter , um zu sehen , ob sie schliefe . » Du hast geweint , Mama . « » Ja , Kind . Aber gute Tränen ; die tun wohl . « Neuntes Kapitel Manon war früh auf , um dem Bruder noch bei der Abreise behilflich zu sein , die beiden andern Schwestern aber beschränkten sich darauf , als Leo den Korridor passierte , ihm ihre Arme durch den Türspalt entgegenzustrecken . » Ich kenne euch doch « , sagte Leo , » der dicke Arm , das ist Sophie . « Die von ihm gestellte Diagnose war denn auch richtig , aber für Therese verletzlich , und so empfing der Abschiedsmoment einen kleinen Beigeschmack von Verstimmung . Friederike , die natürlich mit aufgestanden war , trug den Koffer bis an den nächsten Droschkenstand , und als Leo hier gewählt und Platz genommen und dem Kutscher » Friedrichstraßenbahnhof « zugerufen hatte , drückte er Friederike etwas in die Hand , das diese - trotzdem ihr bei den Poggenpuhls eigentlich wenig Gelegenheit gegeben war , ein feines Abschätzungsvermögen für im Halbdunkel gereichte Trinkgelder auszubilden - sofort als einen richtigen preußischen Taler erkannte . Der Schreck darüber war beinahe noch größer als die Freude . » Gott , junger Herr ... « » Ja , Friederike , die Tage sind verschieden , und wenn es nach mir ginge ... « » Nein , nein ... « » ... Und wenn es nach mir ginge , so nähm ich gleich den ausgehöhlten Edamer , der doch wohl noch da ist , und schüttete ihn dir voll lauter Goldstücke . Na , nun mit Gott , vorwärts . « Und dabei gab er ihr noch die Hand , und die Droschke setzte sich in eine wilde , aber schnell nachlassende Bewegung . Auf dem Heimwege von der Potsdamerstraßenecke bis wieder nach Hause kamen Friederike allerlei Betrachtungen . » Es kann einen doch eigentlich rühren « , sagte sie . » Und wenn ich dann so an das reiche Volk denke , wo ich früher war , und gar kein Mensch nich . Und daneben nun diese Poggenpuhls ! Eigentlich haben sie ja gar nichts , un mitunter genier ich mich , wenn ich sagen muß : Ja , gnäd ' ge Frau , der Scheuerlappen geht nu nich mehr . Aber sie haben doch alle so was , auch die Therese ; sie tut wohl ein bißchen groß , aber eigentlich is es doch auch nich schlimm . Un nu das Leochen ! Ein Tunichtgut ist er und ein Flausenmacher , da hat die arme alte Frau ganz recht , un hat auch seinen Nagel , wie sie alle haben , bloß die Frau nich ... na , die hat sich zu sehr quälen müssen , un da vergeht es einem ... Aber man is doch immer ein Mensch , un darin sind sie sich alle gleich . Ich bin froh , daß ich solche Stelle habe ; satt wird man ja doch am Ende , un wenn es mitunter knapp is , denn kosten sie bloß un lassen einen alles ; aber ich mag denn auch nich ; wenn man das so sieht , da steckt es einen auch in ' n Hals un will nich runter . Ja , ja , das liebe Geld ... Un ' n Taler . Wo er ihn bloß herhat ? Na , der Onkel wird wohl ordentlich in die Tasche gegriffen haben . « Als Friederike wieder oben war , fand sie die beiden älteren Mädchen schon am Kaffeetisch , und Manon kniete vor dem Ofen , um einzuheizen . Als es zuletzt brannte , kam auch die Mutter und nahm wie gewöhnlich ihren Platz auf dem Sofa . » Na , ist er gut fortgekommen ? « » Ja , Mama « , sagte Manon , » und ich soll dir auch noch einen Kuß von ihm geben , und du wärst doch die Beste , wenn du auch keine richtige Poggenpuhl wärst ... « » Nein , das bin ich nicht . Gott , Kinder , wenn ich auch eine wäre , da wäre die Elle schon lange viel länger als der Kram . « » Ach laß doch ; es geht auch so . Nur immer Mut . Ich hatte mir schon vorgenommen , mit Flora zu sprechen , und da mit einmal kam der Onkel ... « » Ja , der hat mal wieder geholfen . Aber man muß nicht denken , daß es immer so geht ... « » Nicht immer , Mama ; aber doch beinah . « » Ja , du bist auch solch Leichtfuß , ganz wie der Bruder . Und mit dem jungen Klessentin wird es wohl auch so gewesen sein . Da seht ihr , was dabei herauskommt . Und nun heißt er Herr Manfred . Und wenn nicht ein Wunder geschieht , und ihr habt ja auch schon so was gesagt , so lesen wir auch noch mal auf dem Theaterzettel : Herr Leo . Wie fandet ihr denn den jungen Klessentin ? Und wie kam denn der Onkel mit ihm aus oder er mit dem Onkel ? Es muß doch eine rechte Verlegenheit gewesen sein . « » Nein , Mama « , sagte Sophie . » Und warum auch ? Man muß es nur immer richtig ansehen . Ich bin doch auch von Adel und eine Poggenpuhl , und ich male Teller und Tassen und gebe Klavier- und Singunterricht . Er spielt Theater . Es ist doch eigentlich dasselbe . « » Nicht so ganz , Sophie . Das Öffentliche . Da liegt es . « » Ja , was heißt öffentlich ? Wenn sie bei Bartensteins tanzen und ich spiele meine drei Tänze , weil es unfreundlich wäre , wenn ich nein sagen wollte , dann ist es auch öffentlich . Sowie wir aus unsrer Stube heraus sind , sind wir in der Öffentlichkeit und spielen unsre Rolle . « » Gut , gut , Sophie . Du sollst recht haben ; ich will es glauben . Aber der junge Klessentin . Was spielt er denn eigentlich ? Ich habe doch noch nie von ihm gelesen . « » Er hat immer nur ganz kleine Rollen und nannte auch ein paar . Aber , was einen trösten kann , er setzte gleich hinzu , das mache keinen rechten Unterschied , und die kleinen Rollen , auf die käm es mitunter auch an , geradesogut wie auf die großen . Und alles , was er sagte , klang so nett und so zufrieden und so voll guter Laune , daß Onkel Eberhard ganz eingenommen von ihm war und ihn beglückwünschte . « » Ja , das glaub ich . Der gute Onkel ist eine Seele von Mann und kann das Wichtigtun und das Auf-Stelzen-Gehen nicht leiden , und wenn einer sagt : Ich bin fürs Kleine , der hat gleich sein Herz gewonnen . Er mag ' s nicht , wenn die Menschen sich aufblasen und so tun , als ob sie ohne Atlastapeten nicht leben konnten . Er ist für seine Person beinahe bedürfnislos und mit allem zufrieden , und deshalb will ich ihn auch bitten , heute mittag mit uns fürliebzunehmen . Denn ich denke doch , daß er noch mit herankommt . Was können wir ihm denn wohl vorsetzen ? Du hast ja die Woche , Sophie ; was meinst du ? « » Nun , ich meine : Weißbiersuppe mit Sago , die hat ihm das vorige Mal so gut geschmeckt . Und dann haben wir noch eine kleine Schüssel Teltower Rüben und können von der Spickgans aufschneiden . « » Das wird nicht gehen « , sagte Therese . » Die Spickgans ist aus Adamsdorf , von der Tante . « » Tut nichts . Spickgänse kann man nicht unterscheiden . Und wenn er es merkt , ist es eigentlich eine kleine Aufmerksamkeit . Und als dritten Gang denk ich mir dann Sahnenbaisers von Konditor Eschke drüben . Und dann Butterbrot und Käse . « Die Mutter , die das Ganze nur als eine symbolische Handlung ansah und sehr wohl wußte , daß der Onkel vorher gefrühstückt haben würde , war mit diesem Menü zufrieden und verlangte nur noch , daß die Töchter , die noch nachträgliche Neujahrsvisiten in der Stadt zu machen hatten , um spätestens zwei Uhr wieder zu Hause wären , weil es sonst zu spät würde . Bis dahin wollte sie den Onkel schon festhalten . Und nachdem auf diese Weise alles geordnet war , räumte man den Kaffeetisch ab und begab sich in das Hinterzimmer , um da für die noch ausstehenden Besuche die nötige Toilette zu machen . Alle drei Schwestern verließen gleichzeitig die Wohnung , um vom Botanischen Garten aus die Pferdebahn zu benutzen , deren » Zonentarif « sie sehr genau kannten . Die alte Majorin , als alles ausgeflogen , ging nun auch ihrerseits an ihre » Restituierung « und war kaum damit fertig , als sie draußen auf dem Vorflur ein ziemlich lautes und gemütliches Sprechen hörte , das keinen Zweifel darüber ließ , daß der Schwagergeneral gekommen sein müsse . » Guten Morgen , Albertine . Verzeih , daß ich etwas früh komme , aber , wie ich sehe , doch nicht zu früh . Alles schon blink und blank , alles schon in full dress , wenn man dies von einer Dame sagen kann ; full dress ist nämlich eigentlich wohl männlich und heißt , glaub ich , soviel wie Frack oder Schniepel . Früher sagte man Schniepel . « » Ach , Eberhard , du meinst es gut und hast immer ein freundliches Wort und siehst es auch gleich , daß ich mir meine Staatshaube mit einem neuen Band aufgesetzt habe . Aber mit mir ist Spiel und Tanz vorbei . « » Nicht vorbei , Albertine . Immer noch eine propre Frau . Und du bist ja noch keine sechzig . Aber wenn auch . Was sind Jahre ? Jahre sind gar nichts . Sieh mich an . Eben kam ein Bataillon von eurem Eisenbahnregiment an mir vorbei - ich sage von eurem , denn ihr habt es ja hier in eurer Straße - , und ich kann dir sagen , wie ich bloß den ersten Paukenschlag hörte , da ging es mir wieder durch alle Glieder , und ich fühlte ordentlich , wie das alte Gebein wieder jung und elastisch wurde . Man hat immer das Spiel in der Hand und ist geradeso jung , wie man sein will . Aber du spinnst dich zu sehr ein , da wird man Antiquitäte , Ägyptisches Museum , man weiß nicht wie . Sieh zum Beispiel gestern . Warum warst du nicht mit dabei ? « » Lieber Eberhard , Theater - es ist nichts mehr für mich . « » Falsch , falsch . So denkt jeder . Aber ist man erst drin im Feuer , dann hat man auch das alte Vergnügen wieder . Ich sage dir , Albertine , wenn du diesen Quitzow , diesen Dietrich von Quitzow , gesehen hättest , Studie nach Bismarck , aber Bismarck Waisenknabe daneben . Augenbrauen wie ' ne Schuhbürste . Müssen das Leute gewesen sein . Und sein Bruder soll noch toller ausgesehen haben , weil er bloß ein Auge hatte . Polyphem . Hieß er nicht Polyphem ? « » Ich glaube , Eberhard . Wenigstens gibt es so einen . « » Und dann nach dem Theater . In der Kneipe . Nun , die Kinder werden dir davon erzählt haben und von diesem Herrn Manfred , diesem Klessentin . Ein reizender junger Kerl , schneidig , frisch , humoristisch angeflogen . Ach , Albertine , mitunter ist mir doch so , als ob alles Vorurteil wäre . Na , wir brauchen es nicht abzuschaffen ; aber wenn andre sich dranmachen , offen gestanden , ich kann nicht viel dagegen sagen . Es hat alles so seine zwei Seiten . Adel ist gut , Klessentin ist gut , aber Herr Manfred ist auch gut . Überhaupt , alles ist gut , und eigentlich ist ja doch jeder Schauspieler . « » Ach , ich nicht , lieber Eberhard . « » Nein , du nicht , Albertine . Dir ist es vergangen . Aber ich , ich bin einer . Sieh , ich spiele den Gemütlichen , und ich darf nicht mal sagen , daß sich solche Schauspielerei für einen General nicht paßte . Da gibt es noch ganz andre Nummern , die auch alle Komödie gespielt haben , Kaiser und Könige . Nero spielte und sang und ließ Rom anzünden . Jetzt ist es Panorama , fünfzig Pfennig Entree . Denke dir , so billig ist alles geworden . Und vor zehn Jahren , wie mir eben einfällt , waren hier sogar die Fackeln des Nero ausgestellt , ein großes Bild . Damals war ich noch in Dienst , und ich sehe die große Leinwand noch vor mir . Und du hast es vielleicht auch gesehen . « » Nein , Eberhard , ich habe so was nie gesehen . Ich mußte mir dergleichen immer versagen . Du weißt schon weshalb . « » Sprich nicht von versagen . Das Wort kann ich nicht leiden , man muß sich nichts versagen , und wenn man nicht will , braucht man auch nicht . Nun sieh , das war ein Bild , so groß wie die Segelleinwand von einem Spreekahn oder wohl eigentlich noch größer , und rechts an der Seite , ja , da war ja nun das , was die Gelehrten die Fackeln des Nero nennen , und ein paar brannten auch schon , und die andern wurden eben angesteckt . Und was glaubst du nun wohl , Albertine , was diese Fackeln eigentlich waren ? Christenmenschen waren es , Christenmenschen , in Pechlappen einbandagiert , und sahen aus wie Mumien oder wie große Wickelkinder , und dieser Nero , der Veranstalter von all dieser Gräßlichkeit , der lag ganz gemütlich auf einem goldnen Wagen , und zwei goldfarbne Löwen davor , und der dritte Löwe lag neben ihm , und er kraute ihn in seiner Mähne , als ob es ein Pudel wäre . Und nun sieh , dieser selbige Nero , der sich so was leisten konnte , der die ganze Welt , ich glaube bis hier in unsre Berliner Gegend , beherrschte , der sang und spielte auch , geradeso wie dieser Herr von Klessentin , und da frag ich mich denn : Ja , warum soll er nicht , dieser junge Mensch ? Wenn ein Kaiser spielen darf , warum soll Klessentin nicht spielen ? ein unbescholtener junger Mann , der wahrscheinlich niemals ' ne Fackel angesteckt hat , am wenigsten solche . « Die Majorin reichte dem Schwager die Hand und sagte : » Eberhard , du bist immer noch derselbe . Und Leo wird auch so . Dein Bruder Alfred war immer ernst , ein bißchen zu sehr , was wohl an den Verhältnissen liegen mochte ... « » Sprich nicht von Verhältnissen , Albertine . Verhältnisse , davon kann ich nicht hören ... « » Und es ist merkwürdig , daß die Kinder oft mehr den Charakter aus der Seitenlinie haben . Und ich will nur wünschen , daß sein Lebensgang , ich meine Leos , auch so wird wie der deine , dasselbe Glück ... « » Sprich nicht von Glück , Albertine . Mag ich auch nicht hören . Selbst ist der Mann . Aber nein , nein , ich will dies nicht gesagt haben ... Sprich nur von Glück ... Es ist ganz richtig ... Ich habe Glück gehabt . Erst im Dienst . Natürlich immer meine Schuldigkeit getan , aber doch schließlich kein Moltke ... Gott sei Dank übrigens , daß es davon so wenige gibt , sie fräßen sich sonst untereinander auf , und wenn es zum Klappen käme , hätten wir keinen ... Einer ist schon immer das beste , da gibt es keine Konkurrenz und keinen Neid . Aber nun lassen wir Klessentin und Nero und Moltke und versuchen wir ein ander Bild . Wo sind die Mädchen ? « » Ausgeflogen . Und ich habe es unternommen , sie bei dem gütigen Onkel zu entschuldigen . Es waren aufgeschobene Besuche , höchste Zeit . Aber du siehst sie noch . Ich rechne darauf , daß du bleibst und unser Gast bist , so gut wir ' s haben . « » Ah , ah , ah . Kann ich nicht leiden . So gut wir ' s haben . Was heißt das ? Ein Teller Suppe ... « » Sophie sprach von Weißbiersuppe mit Sago ... « » Vorzüglich . Und könnte meine Beschlüsse beinah umstoßen . Aber ich habe noch allerhand zu tun und zu besorgen . Eigentlich Unsinn ; eine Postkarte besorgt es alles viel besser . Aber meine Frau wünscht es . Und was eine Frau wünscht , ist Befehl , sonst ist der Krieg da , worin wir Militärs immer geschlagen werden ; je schneidiger , je größer die Niederlage . Also ich muß fort . Und so gern ich die Mädchen alle drei noch mal gesehen hätte , so paßt es mir auch wieder , daß sie nicht da sind . Ich will nämlich eine nach Adamsdorf mitnehmen , meine Frau hat den Wunsch ausgesprochen , und ist nur noch die Frage , natürlich deine Zustimmung vorausgesetzt , welche ? « » Und du meinst , die Frage beantwortet sich besser unter uns . « » Ja , Albertine . « » Nun , da denke ich mir Therese . Sie war schon vorletzten Sommer mit deiner Frau in Pyrmont und kennt alles und hat sich einigermaßen mit ihr eingelebt . « » Alles richtig . Und doch wäre vielleicht ein Wechsel angezeigt . Laß mich offen zu dir sprechen . Therese ist ein vortreffliches Mädchen und eine Dame . Aber sie hat von der Dame mehr , als meiner Frau lieb ist . Meine Frau , eine Bürgerliche wie du , ist von einfachen Lebensgewohnheiten und Anschauungen , was ich alles nur billigen kann . Und Therese - du wirst verzeihen , daß ich es sage - hat eine ziemlich ausgesprochene Neigung , sich auf das Poggenpuhlsche hin auszuspielen . Ich mag nichts dagegen sagen und nehme persönlich keinen Anstoß daran . Aber meine Frau findet es etwas übertrieben und hat auch seinerzeit Auseinandersetzungen mit ihr darüber gehabt . « » Ich versteh , Eberhard . Und deine Frau hat recht . Es geht mir hier ebenso mit ihr . Sie hat einen zuverlässigen Charakter und nimmt es ziemlich ernst mit ihren Anschauungen von Adel und Adelspflicht . Aber es ist sehr schwer , wenn man in Verhältnissen ... « » Nein , nein , nein ... « » ... Wenn man auf so bescheidenem Fuße lebt wie wir . Das gibt dann immer Meinungsverschiedenheiten und Unliebsamkeiten . Aber wenn Therese nicht , wer dann ? Von Manon würde ich mich nicht gern trennen . « » Sollst du auch nicht , Albertine . Manon ist Nesthäkchen und muß dir bleiben . Meine Frau hat sich , ich wiederhole , deine Zustimmung vorausgesetzt , für Sophie entschieden . Die hat ihr sehr gefallen , als sie sie hier sah , und ihre Briefe haben ihr gefallen , auch die , die sie an Therese schrieb . Alles so verständig . Und meine Frau hat eine Vorliebe für das Verständige , nur keine Flausen und Redensarten und aufgesteifte Sachen . Und Mogeleien sind ihr nun schon von Grund aus zuwider . « » Davon hat Sophie , Gott sei Dank , nichts . Ihr Leben ist immer Arbeit gewesen , und sie hält eigentlich alles zusammen , was sonst auseinanderfiele . « » Darf nicht . Darf nicht . Nichts darf auseinanderfallen . Also Sophie ! Meine Frau will nämlich allerlei Neues und will namentlich auch neue Wappenteller haben , was mich anfänglich , offen gestanden , aufs äußerste verwunderte . Sie hat mir aber Aufschluß darüber gegeben . Ich bin jetzt , sagte sie mir neulich , eine Poggenpuhl , und da paßt es nicht mehr , daß alles noch das Leysewitzsche Wappen hat ; ich glaube , die Leute reden darüber , und das muß man vermeiden . Sophie malt so gut ; sie soll uns das Poggenpuhlsche Wappen malen , dabei wird sie sich auch wohl fühlen und glücklich sein , ihre Gaben im Dienste der Familie verwenden zu können . Und dann ist sie so musikalisch . In der Dämmerstunde zuhören , wenn ein Schubertsches Lied gespielt wird , darauf freu ich mich , das wird unser stilles Haus beleben , und wir können Besuche dazu laden . « » Und wann denkst du , daß sie reisen soll ? « » Gleich heute mit mir . Sie muß um drei mit ihrem Koffer in meinem Hotel sein . Am besten allein . Abschiede verwirren , Küsse sind lächerlich . Um vier geht der Zug , und um elf sind wir in Adamsdorf . « Damit erhob er sich , und unter Grüßen an Therese und Manon nahm er Abschied . Zehntes Kapitel Sophie von Poggenpuhl an Frau von Poggenpuhl Adamsdorf , 6. Januar Liebe Mama ! Gestern , gleich nach elf , sind wir wohlbehalten hier eingetroffen . Ganz zuletzt , auf dem Wege von Hirschberg hierher , entzückte mich die Fahrt im offenen Wagen , trotzdem der Himmel bedeckt und das Gebirge , das zu sehen ich mich so gefreut , in seinen Linien unsichtbar war . Aber in den Dörfern herrschte doch noch Leben , und die Erdmannsdorfer Fabrik , in der auch die Nacht hindurch gearbeitet wird , leuchtete durch den Nebel , der zog . Es sah mittelalterlich-romantisch aus , als ob eine uralte Piastenfamilie darin wohnte . Hier in Adamsdorf - nur ganz in der Ferne schlug noch ein Hund an , und ein andrer antwortete - war schon alles still , und still war es auch auf dem Vorplatz vor dem Schloß . Ich ängstigte mich einen Augenblick ; aber wie fiel das alles von mir ab , als ich in den Salon trat und von der Tante aufs liebenswürdigste begrüßt wurde ! Eine herrliche Frau . Ich begreife Therese nicht , die sich nie so recht mit ihr stellen konnte . Vielleicht kommen auch für mich noch die Beschwerlichkeiten , aber ich glaube es kaum . Daß Dir , mein altes Mutterchen , die Lebenslose doch auch so glücklich gefallen wären ! Ich sprach von : Salon . Ja , es war ein Salon , in den wir eintraten , aber viel mehr noch ist es eine Halle . Der Vorbesitzer von Adamsdorf , das in alten Zeiten eine Benediktinerabtei war , hat viel von den alten Klostergebäuden mit in den Neubau herübergenommen , und diese Halle war vordem ein Refektorium ; - durch den Raum hin stehen noch drei gotische Pfeiler , und in dem Kamin glomm ein Feuer , dessen von Zeit zu Zeit aufflackernde Lichter an der gewölbten Decke hin spielten . Außer der Tante war nur noch eine Katze da , ein wunderschönes großes Tier , das spinnend um mich herum ging und mir dann auf den Schoß sprang . Ich erschrak ; aber die Tante beruhigte mich und sagte : das sei eine Liebeserklärung , womit Bob ( es wird also wohl ein Kater sein ) sonst sehr zurückhalte . Er sei mißtrauisch und eifersüchtig . Weil wir ausgefroren waren , bat der Onkel um einen Eierpunsch , den sie hier aus Ungarwein und Gelbei machen . Es schmeckte mir ganz vorzüglich . Und was noch wichtiger , ich habe hinterher herrlich geschlafen , und als ich zu guter Zeit aufstand und die Jalousien in die Höhe zog , da lag das Gebirge , ganz von Schnee überdeckt , in langer Linie vor mir . Wir wollen in den nächsten Tagen eine Partie nach der Heinrichsbaude machen und dann in einem Hörnerschlitten wieder zu Tale fahren . Es soll wunderschön sein , aber ich ängstige mich ein wenig . Ergeh es Dir gut . Gruß und Kuß Euch allen und ( wenn Ihr schreibt ) auch nach Thorn hin an die Brüder . In herzlicher Liebe Deine Sophie Schloß Adamsdorf , 16. Januar Liebe Mama ! Ich habe mich nun schon ganz hier eingelebt . Die Tante verbleibt in ihrer Güte dieselbe gegen mich ; vom Onkel es zu versichern ist nicht nötig