dies nicht weiter überraschen , da sie von alter Zeit her Freunde waren , zwischen Etienne und Friedeberg aber klaffte für gewöhnlich ein tiefer Abgrund , der sich ebensosehr in ihrer voneinander abweichenden Erscheinung wie in ihren verschiedenen Lebensgewohnheiten aussprach . Etienne , sehr elegant , versäumte nie , während der großen Ferien , mit Nachurlaub nach Paris zu gehen , während sich Friedeberg , angeblich um seiner Malstudien willen , auf die Woltersdorfer Schleuse ( die landschaftlich unerreicht dastände ) zurückzog . Natürlich war dies alles nur Vorgabe . Der wirkliche Grand war der , daß Friedeberg , bei ziemlich beschränkter Finanzlage , nach dem erreichbar Nächstliegenden griff und überhaupt Berlin nur verließ , um von seiner Frau - mit der er seit Jahren immer dicht vor der Scheidung stand - auf einige Wochen loszukommen . In einem sowohl die Handlungen wie die Worte seiner Mitglieder kritischer prüfenden Kreise hätte diese Finte notwendig verdrießen müssen , indessen Offenheit und Ehrlichkeit im Verkehr mit- und untereinander war keineswegs ein hervorstechender Zug der » sieben Waisen « , eher das Gegenteil . So versicherte beispielsweise jeder , » ohne den Abend eigentlich nicht leben zu können « , was in Wahrheit nicht ausschloß , daß immer nur die kamen , die nichts Besseres vorhatten . Theater und Skat gingen weit vor und sorgten dafür , daß Unvollständigkeit der Versammlung die Regel war und nicht mehr auffiel . Heute aber schien es sich schlimmer als gewöhnlich gestalten zu wollen . Die Schmidtsche Wanduhr , noch ein Erbstück vom Großvater her , schlug bereits halb , halb neun , und noch war niemand da außer Etienne , der , wie Marcell , zu den Intimen des Hauses zählend , kaum als Gast und Besuch gerechnet wurde . » Was sagst du , Etienne « , wandte sich jetzt Schmidt an diesen , » was sagst du zu dieser Saumseligkeit ? Wo bleibt Distelkamp ? Wenn auch auf den kein Verlaß mehr ist ( die Douglas waren immer treu ) , so geht der Abend aus den Fugen , und ich werde Pessimist und nehme für den Rest meiner Tage Schopenhauer und Eduard von Hartmann untern Arm . « Während er noch so sprach , ging draußen die Klingel , und einen Augenblick später trat Distelkamp ein . » Entschuldige , Schmidt , ich habe mich verspätet . Die Details erspar ich dir und unserem Freunde Etienne . Auseinandersetzungen , weshalb man zu spät kommt , selbst wenn sie wahr , sind nicht viel besser als Krankengeschichten . Also lassen wir ' s. Inzwischen bin ich überrascht , trotz meiner Verspätung immer noch der eigentlich erste zu sein . Denn Etienne gehört ja so gut wie zur Familie . Die Großen Kurfürstlichen aber ! Wo sind sie ? Nach Kuh und unserem Freunde Immanuel frag ich nicht erst , die sind bloß ihres Schwagers und Schwiegervaters Klientel . Rindfleisch selbst aber - wo steckt er ? « » Rindfleisch hat abgeschrieben ; er sei heut in der Griechischen . « » Ach , das ist Torheit . Was will er in der Griechischen ? Die sieben Waisen gehen vor . Er findet hier wirklich mehr . « » Ja , das sagst du so , Distelkamp . Aber es liegt doch wohl anders . Rindfleisch hat nämlich ein schlechtes Gewissen , ich könnte vielleicht sagen : mal wieder ein schlechtes Gewissen . « » Dann gehört er erst recht hierher ; hier kann er beichten . Aber um was handelt es sich denn eigentlich ? was ist es ? « » Er hat da mal wieder einen Schwupper gemacht , irgendwas verwechselt , ich glaube Phrynichos den Tragiker mit Phrynichos dem Lustspieldichter . War es nicht so , Etienne ? « ( dieser nickte ) , » und die Sekundaner haben nun mit lirum larum einen Vers auf ihn gemacht ... « » Und ? « » Und da gilt es denn , die Scharte , so gut es geht , wieder auszuwetzen , wozu die Griechische mit dem Lustre , das sie gibt , das immerhin beste Mittel ist . « Distelkamp , der sich mittlerweile seinen Meerschaum angezündet und in die Sofaecke gesetzt hatte , lächelte bei der ganzen Geschichte behaglich vor sich hin und sagte dann : » Alles Schnack . Glaubst du ' s ? Ich nicht . Und wenn es zuträfe , so bedeutet es nicht viel , eigentlich gar nichts . Solche Schnitzer kommen immer vor , passieren jedem . Ich will dir mal was erzählen , Schmidt , was , als ich noch jung war und in Quarta brandenburgische Geschichte vortragen mußte - was damals , sag ich , einen großen Eindruck auf mich machte . « » Nun , laß hören . Was war ' s ? « » Ja , was war ' s. Offen gestanden , meine Wissenschaft , zum wenigsten was unser gutes Kurbrandenburg anging , war nicht weit her , ist es auch jetzt noch nicht , und als ich so zu Hause saß und mich notdürftig vorbereitete , da las ich - denn wir waren gerade beim ersten König - allerhand Biographisches und darunter auch was vom alten General Barfus , der , wie die meisten Damaligen , das Pulver nicht erfunden hatte , sonst aber ein kreuzbraver Mann war . Und dieser Barfus präsidierte , während der Belagerung von Bonn , einem Kriegsgericht , drin über einen jungen Offizier abgeurteilt werden sollte . « » So , so . Nun , was war es denn ? « » Der Abzuurteilende hatte sich , das mindeste zu sagen , etwas unheldisch benommen , und alle waren für Schuldig und Totschießen . Nur der alte Barfus wollte nichts davon wissen und sagte : Drücken wir ein Auge zu , meine Herren . Ich habe dreißig Rencontres mitgemacht , und ich muß Ihnen sagen , ein Tag ist nicht wie der andere , und der Mensch ist ungleich und das Herz auch und der Mut erst recht . Ich habe mich manches Mal auch feige gefühlt . Solange es geht , muß man Milde walten lassen , denn jeder kann sie brauchen . « » Höre , Distelkamp « , sagte Schmidt , » das ist eine gute Geschichte , dafür dank ich dir , und so alt ich bin , die will ich mir doch hinter die Ohren schreiben . Denn weiß es Gott , ich habe mich auch schon blamiert , und wiewohl es die Jungens nicht bemerkt haben , wenigstens ist mir nichts aufgefallen , so hab ich es doch selber bemerkt und mich hinterher riesig geärgert und geschämt . Nicht wahr , Etienne , so was ist immer fatal ; oder kommt es im Französischen nicht vor , wenigstens dann nicht , wenn man alle Juli nach Paris reist und einen neuen Band Maupassant mit heimbringt ? Das ist ja wohl jetzt das Feinste ? Verzeih die kleine Malice . Rindfleisch ist überdies ein kreuzbraver Kerl , nomen et omen , und eigentlich der Beste , besser als Kuh und namentlich besser als unser Freund Immanuel Schultze . Der hat ' s hinter den Ohren und ist ein Schlieker . Er grient immer und gibt sich das Ansehen , als ob er dem Bilde zu Sais irgendwie und -wo unter den Schleier geguckt hätte , wovon er weitab ist . Denn er löst nicht mal das Rätsel von seiner eigenen Frau , an der manches verschleierter oder auch nicht verschleierter sein soll , als ihm , dem Ehesponsen , lieb sein kann . « » Schmidt , du hast heute mal wieder deinen medisanten Tag . Eben hab ich den armen Rindfleisch aus deinen Fängen gerettet , ja , du hast sogar Besserung versprochen , und schon stürzest du dich wieder auf den unglücklichen Schwiegersohn . Im übrigen , wenn ich an Immanuel etwas tadeln sollte , so läge es nach einer ganz anderen Seite hin . « » Und das wäre ? « » Daß er keine Autorität hat . Wenn er sie zu Hause nicht hat , nun , traurig genug . Indessen das geht uns nichts an . Aber daß er sie , nach allem , was ich höre , auch in der Klasse nicht hat , das ist schlimm . Sieh , Schmidt , das ist die Kränkung und der Schmerz meiner letzten Lebensjahre , daß ich den kategorischen Imperativ immer mehr hinschwinden sehe . Wenn ich da an den alten Weber denke ! Von dem heißt es , wenn er in die Klasse trat , so hörte man den Sand durch das Stundenglas fallen , und kein Primaner wußte mehr , daß es überhaupt möglich sei , zu flüstern oder gar vorzusagen . Und außer seinem eigenen Sprechen , ich meine Webers , war nichts hörbar als das Knistern , wenn die Horaz-Seiten umgeblättert wurden . Ja , Schmidt , das waren Zeiten , da verlohnte sich ' s , ein Lehrer und ein Direktor zu sein . Jetzt treten die Jungens in der Konditorei an einen heran und sagen : Wenn Sie gelesen haben , Herr Direktor , dann bitt ich ... « Schmidt lachte . » Ja , Distelkamp , so sind sie jetzt , das ist die neue Zeit , das ist wahr . Aber ich kann mich nicht darüber ägrieren . Wie waren denn , bei Lichte besehen , die großen Würdenträger mit ihrem Doppelkinn und ihren Pontacnasen ? Schlemmer waren es , die den Burgunder viel besser kannten als den Homer . Da wird immer von alten , einfachen Zeiten geredet ; dummes Zeug ! sie müssen ganz gehörig gepichelt haben , das sieht man noch an ihren Bildern in der Aula . Nu ja , Selbstbewußtsein und eine steifleinene Grandezza , das alles hatten sie , das soll ihnen zugestanden sein . Aber wie sah es sonst aus ? « » Besser als heute . « » Kann ich nicht finden , Distelkamp . Als ich noch unsere Schulbibliothek unter Aufsicht hatte , Gott sei Dank , daß ich nichts mehr damit zu tun habe , da hab ich öfter in die Schulprogramme hineingeguckt und in die Dissertationen und Aktusse , wie sie vordem im Schwang waren . Nun , ich weiß wohl , jede Zeit denkt , sie sei was Besonderes , und die , die kommen , mögen meinetwegen auch über uns lachen ; aber sieh , Distelkamp , vom gegenwärtigen Standpunkt unseres Wissens , oder sag ich auch bloß unseres Geschmacks aus , darf doch am Ende gesagt werden , es war etwas Furchtbares mit dieser Perückengelehrsamkeit , und die stupende Wichtigkeit , mit der sie sich gab , kann uns nur noch erheitern . Ich weiß nicht , unter wem es war , ich glaube unter Rodegast , da kam es in Mode - vielleicht weil er persönlich einen Garten vorm Rosentaler hatte - , die Stoffe für die öffentlichen Reden und ähnliches aus der Gartenkunde zu nehmen , und sieh , da hab ich Dissertationen gelesen über das Hortikulturliche des Paradieses , über die Beschaffenheit des Gartens zu Gethsemane und über die mutmaßlichen Anlagen im Garten des Joseph von Arimathia . Garten und immer wieder Garten . Nun , was sagst du dazu ? « » Ja , Schmidt , mit dir ist schlecht fechten . Du hast immer das Auge für das Komische gehabt . Das greifst du nun heraus , spießest es auf deine Nadel und zeigst es der Welt . Aber was daneben lag und viel wichtiger war , das lässest du liegen . Du hast schon sehr richtig hervorgehoben , daß man über unsere Lächerlichkeiten auch lachen wird . Und wer bürgt uns dafür , daß wir nicht jeden Tag in Untersuchungen eintreten , die noch viel toller sind als die hortikulturlichen Untersuchungen über das Paradies . Lieber Schmidt , das Entscheidende bleibt doch immer der Charakter , nicht der eitle , wohl aber der gute , ehrliche Glaube an uns selbst . Bona fide müssen wir vorgehen . Aber mit unserer ewigen Kritik , eventuell auch Selbstkritik , geraten wir in eine mala fides hinein und mißtrauen uns selbst und dem , was wir zu sagen haben . Und ohne Glauben an uns und unsere Sache keine rechte Lust und Freudigkeit und auch kein Segen , am wenigsten Autorität . Und das ist es , was ich beklage . Denn wie kein Heerwesen ohne Disziplin , so kein Schulwesen ohne Autorität . Es ist damit wie mit dem Glauben . Es ist nicht nötig , daß das Richtige geglaubt wird , aber daß überhaupt geglaubt wird , darauf kommt es an . In jedem Glauben stecken geheimnisvolle Kräfte und ebenso in der Autorität . « Schmidt lächelte . » Distelkamp , ich kann da nicht mit . Ich kann ' s in der Theorie gelten lassen , aber in der Praxis ist es bedeutungslos geworden . Gewiß kommt es auf das Ansehen vor den Schülern an . Wir gehen nur darin auseinander , aus welcher Wurzel das Ansehen kommen soll . Du willst alles auf den Charakter zurückführen und denkst , wenn du es auch nicht aussprichst : Und wenn Ihr Euch nur selbst vertraut , vertrauen Euch auch die anderen Seelen . Aber , teurer Freund , das ist just das , was ich bestreite . Mit dem bloßen Glauben an sich oder gar , wenn du den Ausdruck gestattest , mit der geschwollenen Wichtigtuerei , mit der Pomposität ist es heutzutage nicht mehr getan . An die Stelle dieser veralteten Macht ist die reelle Macht des wirklichen Wissens und Könnens getreten , und du brauchst nur Umschau zu halten , so wirst du jeden Tag sehen , daß Professor Hammerstein , der bei Spichern mit gestürmt und eine gewisse Premierlieutenantshaltung von daher beibehalten hat , daß Hammerstein , sag ich , seine Klasse nicht regiert , während unser Agathon Knurzel , der aussieht wie Mister Punch und einen Doppelpuckel , aber freilich auch einen Doppelgrips hat , die Klasse mit seinem kleinen Raubvogelgesicht in der Furcht des Herrn hält . Und nun besonders unsere Berliner Jungens , die gleich weghaben , wie schwer einer wiegt . Wenn einer von den Alten aus dem Grabe käme , mit Stolz und Hoheit angetan , und eine hortikulturelle Beschreibung des Paradieses forderte , wie würde der fahren mit all seiner Würde ? Drei Tage später wär er im Kladderadatsch , und die Jungens selber hätten das Gedicht gemacht . « » Und doch bleibt es dabei , Schmidt , mit den Traditionen der alten Schule steht und fällt die höhere Wissenschaft . « » Ich glaub es nicht . Aber wenn es wäre , wenn die höhere Weltanschauung , das heißt das , was wir so nennen , wenn das alles fallen müßte , nun , so laß es fallen . Schon Attinghausen , der doch selber alt war , sagte : Das Alte stürzt , es ändert sich die Zeit . Und wir stehen sehr stark vor solchem Umwandlungsprozeß , oder , richtiger , wir sind schon drin . Muß ich dich daran erinnern , es gab eine Zeit , wo das Kirchliche Sache der Kirchenleute war . Ist es noch so ? Nein . Hat die Welt verloren ? Nein . Es ist vorbei mit den alten Formen , und auch unsere Wissenschaftlichkeit wird davon keine Ausnahme machen . Sieh hier ... « , und er schleppte von einem kleinen Nebentisch ein großes Prachtwerk herbei , » ... sieh hier das . Heute mir zugeschickt , und ich werd es behalten , so teuer es ist . Heinrich Schliemanns Ausgrabungen zu Mykenä . Ja , Distelkamp , wie stehst du dazu ? « » Zweifelhaft genug . « » Kann ich mir denken . Weil du von den alten Anschauungen nicht los willst . Du kannst dir nicht vorstellen , daß jemand , der Tüten geklebt und Rosinen verkauft hat , den alten Priamus ausbuddelt , und kommt er nun gar ins Agamemnonsche hinein und sucht nach dem Schädelriß , aegisthschen Angedenkens , so gerätst du in helle Empörung . Aber ich kann mir nicht helfen , du hast unrecht . Freilich , man muß was leisten , hic Rhodus , hic salta ; aber wer springen kann , der springt , gleichviel ob er ' s aus der Georgia Augusta oder aus der Klippschule hat . Im übrigen will ich abbrechen ; am wenigsten hab ich Lust , dich mit Schliemann zu ärgern , der von Anfang an deine Renonce war . Die Bücher liegen hier bloß wegen Friedeberg , den ich der beigegebenen Zeichnungen halber fragen will . Ich begreife nicht , daß er nicht kommt oder , richtiger , nicht schon da ist . Denn daß er kommt , ist unzweifelhaft , er hätte sonst abgeschrieben , artiger Mann , der er ist . « » Ja , das ist er « , sagte Etienne , » das hat er noch aus dem Semitismus mit rübergenommen . « » Sehr wahr « , fuhr Schmidt fort , » aber wo er ' s herhat , ist am Ende gleichgültig . Ich bedauere mitunter , Urgermane , der ich bin , daß wir nicht auch irgendwelche Bezugsquelle für ein bißchen Schliff und Politesse haben ; es braucht ja nicht gerade dieselbe zu sein . Diese schreckliche Verwandtschaft zwischen Teutoburger Wald und Grobheit ist doch mitunter störend . Friedeberg ist ein Mann , der , wie Max Piccolomini - sonst nicht gerade sein Vorbild , auch nicht mal in der Liebe - , der Sitten Freundlichkeit allerzeit kultiviert hat , und es bleibt eigentlich nur zu beklagen , daß seine Schüler nicht immer das richtige Verständnis dafür haben . Mit anderen Worten , sie spielen ihm auf der Nase ... « » Das uralte Schicksal der Schreib- und Zeichenlehrer ... « » Freilich . Und am Ende muß es auch so gehen und geht auch . Aber lassen wir die heikle Frage . Laß mich lieber auf Mykenä zurückkommen und sage mir deine Meinung über die Goldmasken . Ich bin sicher , wir haben da ganz was Besonderes , so das recht Eigentlichste . Jeder beliebige kann doch nicht bei seiner Bestattung eine Goldmaske getragen haben , doch immer nur die Fürsten , also mit höchster Wahrscheinlichkeit Orests und Iphigeniens unmittelbare Vorfahren . Und wenn ich mir dann vorstelle , daß diese Goldmasken genau nach dem Gesicht geformt wurden , gerade wie wir jetzt eine Gips- oder Wachsmaske formen , so hüpft mir das Herz bei der doch mindestens zulässigen Idee , daß dies hier « - und er wies auf eine aufgeschlagene Bildseite - , » daß dies hier das Gesicht des Atreus ist oder seines Vaters oder seines Onkels ... « » Sagen wir seines Onkels . « » Ja , du spottest wieder , Distelkamp , trotzdem du mir doch selber den Spott verboten hast . Und das alles bloß , weil du der ganzen Sache mißtraust und nicht vergessen kannst , daß er , ich meine natürlich Schliemann , in seinen Schuljahren über Strelitz und Fürstenberg nicht rausgekommen ist . Aber lies nur , was Virchow von ihm sagt . Und Virchow wirst du doch gelten lassen . « In diesem Augenblicke hörte man draußen die Klingel gehen . » Ah , lupus in fabula . Das ist er . Ich wußte , daß er uns nicht im Stiche lassen würde ... « Und kaum daß Schmidt diese Worte gesprochen , trat Friedeberg auch schon herein , und ein reizender schwarzer Pudel , dessen rote Zunge , wahrscheinlich von angestrengtem Laufe , weit heraushing , sprang auf die beiden alten Herren zu und umschmeichelte abwechselnd Schmidt und Distelkamp . An Etienne , der ihm zu elegant war , wagte er sich nicht heran . » Aber alle Wetter , Friedeberg , wo kommen Sie so spät her ? « » Freilich , freilich , und sehr zu meinem Bedauern . Aber der Fips hier treibt es zu arg oder geht in seiner Liebe zu mir zu weit , wenn ein Zuweitgehen in der Liebe überhaupt möglich ist . Ich bildete mir ein , ihn eingeschlossen zu haben , und mache mich zu rechter Zeit auf den Weg . Gut . Und nun denken Sie , was geschieht ? Als ich hier ankomme , wer ist da , wer wartet auf mich ? Natürlich Fips . Ich bring ihn wieder zurück bis in meine Wohnung und übergeb ihn dem Portier , meinem guten Freunde - man muß in Berlin eigentlich sagen , meinem Gönner . Aber , aber , was ist das Resultat all meiner Anstrengungen und guten Worte ? Kaum bin ich wieder hier , so ist auch Fips wieder da . Was sollt ich am Ende machen ? Ich hab ihn wohl oder übel mit hereingebracht und bitt um Entschuldigung für ihn und für mich . « » Hat nichts auf sich « , sagte Schmidt , während er sich zugleich freundlich mit dem Hunde beschäftigte . » Reizendes Tier und so zutunlich und fidel . Sagen Sie , Friedeberg , wie schreibt er sich eigentlich ? f oder ph ? Phips mit ph ist englisch , also vornehmer . Im übrigen ist er , wie seine Rechtschreibung auch sein möge , für heute abend mit eingeladen und ein durchaus willkommener Gast , vorausgesetzt , daß er nichts dagegen hat , in der Küche , sozusagen am Trompetertisch , Platz zu nehmen . Für meine gute Schmolke bürge ich . Die hat eine Vorliebe für Pudel , und wenn sie nun gar von seiner Treue hört ... « » So wird sie « , warf Distelkamp ein , » ihm einen Extrazipfel schwerlich versagen . « » Gewiß nicht . Und darin stimme ich meiner guten Schmolke von Herzen bei . Denn die Treue , von der heutzutage jeder redt , wird in Wahrheit immer rarer , und Fips predigt in seiner Stadtgegend , soviel ich weiß , umsonst . « Diese von Schmidt anscheinend leicht und wie im Scherze hingesprochenen Worte richteten sich doch ziemlich ernsthaft an den sonst gerade von ihm protegierten Friedeberg , dessen stadtkundig unglückliche Ehe , neben anderem , auch mit einem entschiedenen Mangel an Treue , besonders während seiner Mal- und Landschaftsstudien auf der Woltersdorfer Schleuse , zusammenhing . Friedeberg fühlte den Stich auch sehr wohl heraus und wollte sich durch eine Verbindlichkeit gegen Schmidt aus der Affaire ziehen , kam aber nicht dazu , weil in eben diesem Augenblicke die Schmolke eintrat und , unter einer Verbeugung gegen die anderen Herren , ihrem Professor ins Ohr flüsterte , » daß angerichtet sei « . » Nun , lieben Freunde , dann bitt ich ... « Und Distelkamp an der Hand nehmend , schritt er , unter Passierung des Entrees , auf das Gesellschaftszimmer zu , drin die Abendtafel gedeckt war . Ein eigentliches Eßzimmer hatte die Wohnung nicht . Friedeberg und Etienne folgten . Siebentes Kapitel Das Zimmer war dasselbe , in welchem Corinna , am Tage zuvor , den Besuch der Kommerzienrätin empfangen hatte . Der mit Lichtern und Weinflaschen gut besetzte Tisch stand , zu vieren gedeckt , in der Mitte ; darüber hing eine Hängelampe . Schmidt setzte sich mit dem Rücken gegen den Fensterpfeiler , seinem Freunde Friedeberg gegenüber , der seinerseits , von seinem Platz aus , zugleich den Blick in den Spiegel hatte . Zwischen den blanken Messingleuchtern standen ein paar auf einem Bazar gewonnene Porzellanvasen , aus deren halb gezahnter , halb wellenförmiger Öffnung - dentatus et undulatus , sagte Schmidt - kleine Marktsträuße von Goldlack und Vergißmeinnicht hervorwuchsen . Quer vor den Weingläsern lagen lange Kümmelbrote , denen der Gastgeber , wie allem Kümmlichen , eine ganz besondere Fülle gesundheitlicher Gaben zuschrieb . Das eigentliche Gericht fehlte noch , und Schmidt , nachdem er sich von dem statutarisch festgesetzten Trarbacher bereits zweimal eingeschenkt , auch beide Knusperspitzen von seinem Kümmelbrötchen abgebrochen hatte , war ersichtlich auf dem Punkte , starke Spuren von Mißstimmung und Ungeduld zu zeigen , als sich endlich die zum Entree führende Tür auftat und die Schmolke , rot von Erregung und Herdfeuer , eintrat , eine mächtige Schüssel mit Oderkrebsen vor sich her tragend . » Gott sei Dank « , sagte Schmidt , » ich dachte schon , alles wäre den Krebsgang gegangen « , eine unvorsichtige Bemerkung , die die Kongestionen der Schmolke nur noch steigerte , das Maß ihrer guten Laune aber ebensosehr sinken ließ . Schmidt , seinen Fehler rasch erkennend , war kluger Feldherr genug , durch einige Verbindlichkeiten die Sache wieder auszugleichen . Freilich nur mit halbem Erfolg . Als man wieder allein war , unterließ es Schmidt nicht , sofort den verbindlichen Wirt zu machen . Natürlich auf seine Weise . » Sieh , Distelkamp , dieser hier ist für dich . Er hat eine große und eine kleine Schere , und das sind immer die besten . Es gibt Spiele der Natur , die mehr sind als bloßes Spiel und dem Weisen als Wegweiser dienen ; dahin gehören beispielsweise die Pontacapfelsinen und die Borsdorfer mit einer Pocke . Denn es steht fest , je pockenreicher , desto schöner ... Was wir hier vor uns haben , sind Oderbruchkrebse ; wenn ich recht berichtet bin , aus der Küstriner Gegend . Es scheint , daß durch die Vermählung von Oder und Warthe besonders gute Resultate vermittelt werden . Übrigens , Friedeberg , sind Sie nicht eigentlich da zu Haus ? Ein halber Neumärker oder Oderbrücher . « Friedeberg bestätigte . » Wußt es ; mein Gedächtnis täuscht mich selten . Und nun sagen Sie , Freund , ist dies , nach Ihren persönlichen Erfahrungen , mutmaßlich als streng lokale Produktion anzusehen , oder ist es mit den Oderbruchkrebsen wie mit den Werderschen Kirschen , deren Gewinnungsgebiet sich nächstens über die ganze Provinz Brandenburg erstrecken wird ? « » Ich glaube doch « , sagte Friedeberg , während er durch eine geschickte , durchaus den Virtuosen verratende Gabelwendung einen weiß und rosa schimmernden Krebsschwanz aus seiner Stachelschale hob , » ich glaube doch , daß hier ein Segeln unter zuständiger Flagge stattfindet und daß wir auf dieser Schüssel wirkliche Oderkrebse vor uns haben , echteste Ware , nicht bloß dem Namen nach , sondern auch de facto . « » De facto « , wiederholte der in Friedebergs Latinität eingeweihte Schmidt , unter behaglichem Schmunzeln . Friedeberg aber fuhr fort : » Es werden nämlich , um Küstrin herum , immer noch Massen gewonnen , trotzdem es nicht mehr das ist , was es war . Ich habe selbst noch Wunderdinge davon gesehen , aber freilich nichts in Vergleich zu dem , was die Leute von alten Zeiten her erzählten . Damals , vor hundert Jahren , oder vielleicht auch noch länger , gab es so viele Krebse , daß sie durchs ganze Bruch hin , wenn sich im Mai das Überschwemmungswasser wieder verlief , von den Bäumen geschüttelt wurden , zu vielen Hunderttausenden . « » Dabei kann einem ja ordentlich das Herz lachen « , sagte Etienne , der ein Feinschmecker war . » Ja , hier an diesem Tisch ; aber dort in der Gegend lachte man nicht darüber . Die Krebse waren wie eine Plage , natürlich ganz entwertet und bei der dienenden Bevölkerung , die damit geatzt werden sollte , so verhaßt und dem Magen der Leute so widerwärtig , daß es verboten war , dem Gesinde mehr als dreimal wöchentlich Krebse vorzusetzen . Ein Schock Krebse kostete einen Pfennig . « » Ein Glück , daß das die Schmolke nicht hört « , warf Schmidt ein , » sonst würd ihr ihre Laune zum zweiten Male verdorben . Als richtige Berlinerin ist sie nämlich für ewiges Sparen , und ich glaube nicht , daß sie die Tatsache ruhig verwinden würde , die Epoche von ein Pfennig pro Schock so total versäumt zu haben . « » Darüber darfst du nicht spotten , Schmidt « , sagte Distelkamp . » Das ist eine Tugend , die der modernen Welt , neben vielem anderen , immer mehr verlorengeht . « » Ja , da sollst du recht haben . Aber meine gute Schmolke hat doch auch in diesem Punkte les defauts de ses vertus . So heißt es ja wohl , Etienne ? « » Gewiß « , sagte dieser . » Von der George Sand . Und fast ließe sich sagen les défauts de ses vertus und comprendre c ' est pardonner - das sind so recht eigentlich die Sätze , wegen deren sie gelebt hat . « » Und dann vielleicht auch von wegen dem Alfred de Musset « , ergänzte Schmidt , der nicht gern eine Gelegenheit vorübergehen ließ , sich , aller Klassizität unbeschadet , auch ein modern-literarisches Ansehen zu geben . » Ja , wenn man will , auch von wegen dem Alfred de Musset . Aber das sind Dinge , daran die Literaturgeschichte glücklicherweise vorübergeht . « » Sage das nicht , Etienne , nicht glücklicherweise , sage leider . Die Geschichte geht fast immer an dem vorüber , was sie vor allem festhalten sollte . Daß der Alte Fritz am Ende seiner Tage dem damaligen Kammergerichtspräsidenten , Namen hab ich vergessen , den Krückstock an den Kopf warf und , was mir noch wichtiger ist , daß er durchaus bei seinen Hunden begraben sein wollte , weil er die Menschen , diese mechante Rasse , so gründlich verachtete - sieh , Freund , das ist mir mindestens ebensoviel wert wie Hohenfriedberg oder Leuthen . Und die berühmte Torgauer Ansprache , Rackers , wollt ihr denn ewig leben , geht mir eigentlich noch über Torgau selbst . « Distelkamp lächelte . » Das sind so Schmidtiana . Du warst immer fürs Anekdotische , fürs Genrehafte . Mir gilt in der Geschichte nur das Große , nicht