kam ihm so über die Lippen , ohne daß er recht wußte wie , es war ihm doch gar nicht darnach zumut , an eine andere zu denken , aber das traurige bleiche Gesicht des leichtfertigen Mädels stieg doch vor ihm auf , als er die Verse vor sich hin summte . » Glaub fast , die tät keinen Mann , der es ehrlich mit ihr meint , so beschimpfen , und sie ist doch ... « Der Leopold redete laut mit sich selbst und stolperte weiter . Je näher er der Blauen Gans kam , desto langsamer ging er . » Tust mir bitterlich weh ! « » Ja , ja , Weib ! Tust mir so bitterlich weh , wie mir noch kein Mensch getan hat . « Jetzt stand er vor dem Haustor , er seufzte schwer , preßte die Stirn an den eiskalten Steinpfeiler , dann zog er plötzlich so scharf an der Klingel , daß er es bis heraus auf die Straße läuten hörte . Die Lene ist , nachdem er davongelaufen war , noch eine Weile still sitzen geblieben , freilich mit gebeugtem Rücken und zusammengekrallten Fingern . Sie weinte nicht , sie sprach nichts , nur der Nacken tat ihr weh , und langsam , als ob sie sich überzeugen wollte , daß ihr der Kopf nicht von den Schultern falle , bewegte sie ihn nach rechts und links , dann erhob sie den Oberkörper , zog aber rasch das Genick ein und langte nach der schmerzenden Stelle . Ihr weißes Gesicht wurde blutrot , die graugrünen Augen liefen hastig durch die ganze Stube , sie nagte an der Unterlippe und fuhr mit dem Fuße , als ob sie etwas wegstoßen wollte , über die Diele . » Aus ist ' s « , sagte sie kurz . Jetzt aber begann ein seltsames Treiben ; sie probierte eines ihrer Kleider nach dem anderen und spähte aufmerksam , welches davon ihrem Leib die schönste Form geben konnte . Sie hatte nicht viel Auswahl , darum behielt sie ein schwarzes Kleid , das glatt anpaßte , sie erkannte auch , daß ihr weißes Gesicht und ihre roten Haare sich noch schärfer abhoben . Nun wand sie ein schwarzes Schleiertüchelchen um den Kopf , nahm ein warmes dunkles Tuch über die Schultern , und sie war fertig hergerichtet wie zu einem Abendspaziergang mit ihrem Manne . Sie holte ihren Handkorb und packte einen Kamm , ein Paar Schuhe und ihr Gebetbuch ein , dann füllte sie den übrigen leeren Raum mit Wäsche . Sorgfältig versperrte sie die Schubladen und den großen Kleiderkasten und legte alle Schlüssel mitten auf den Tisch , dann richtete sie das Nachtlämpchen zurecht , stellte die Milch für den Kleinen daneben , legte Kandiszucker und Zwieback dazu , und nun , da alles besorgt war , wollte sie gehen . - Als sie die Türklinke in der Hand hatte , blieb sie stehen und schaute durch die dämmrige Stube hinüber auf die Wiege , die zwischen den beiden Betten stand ; sie tauchte die Finger in den Weihwasserkessel , der neben der Türe hing , und ging zurück zu dem Kinde . - Etwas Ernstes , Feierliches umfloß die schlanke Gestalt , und ihr ausdrucksloses schönes Gesicht wurde traurig . Sie kniete vor der Wiege nieder und küßte leicht und sanft die roten Lippen des kleinen Leopold , und damit sie ihn nicht wecke , machte sie mit dem Daumen in der Luft das Kreuzzeichen über seine Stirne , seinen Mund und seine Brust . - Sie hockte lange dort und horchte , sie dachte , jetzt und jetzt müsse das Kind die Augen öffnen und - und was dann ? Erschreckt stand sie auf , fuhr mit zitternden Händen über das Gesicht , bekreuzte sich selbst und ging mit festen , sicheren Schritten aus der Stube . Die Lene versperrte die Küchentür , rüttelte an der Klinke , um zu prüfen , ob auch gut zugeschlossen sei , und eilte hinüber zu der Hanne . » Gelt , du schaust später hinüber zu meinem Buben , in einer Stund bin ich wieder da , ich muß allerhand abmachen heut « , sagte sie ruhig zu dem Mädchen . » Versteht sich , solang du willst , bleib ich drüben , ich kann gleich hinübergehen und drüben arbeiten « , meinte die Hanne . » Wie du willst . Behüt dich Gott . « Lässig wie immer ging die Lene durch den Hof ; sie warf noch einen scheuen Blick auf ihr verhängtes Stubenfenster und schlenkerte leicht mit dem Korbe hin und her , als ob er leer wäre . Die Hanne packte ihre Arbeit zusammen , nahm das alte Handwerkszeug , die Einspannmaschine , unter den Arm und ging hinüber in das Zimmer ihrer Jugendfreundin . Sie zog den Vorhang zurück , breitete feines Seidenpapier auf das Fensterbrett , legte die ungenähten Handschuhe zurecht und sah nach dem Kinde , ehe sie sich an ihre Arbeit setzte . Bald jedoch trieb der blanke Fingerhut an ihrer schlanken Hand die winzige Nadel durch die feingefeilten Zähne der zwei Messingplatten , welche den Handschuh eingeklemmt hielten . Gleichmäßig wie die alte Uhr , nur rascher , pochte der Fingerhut an die Platten , und nach jedem Stiche lag der Seidenfaden , der die Lederteile zusammennähte , wie eine Perle gleich und glatt über den glitzernden Zähnen der Maschine . Die Hanne war auch nach der Käthe die flinkste Näherin in der Blauen Gans , und sie hatte ihre Freude an der eigenen Arbeit . Wenn ein Handschuh fertig war , blies sie mit vollen Backen hinein , damit sie sah , ob sich kein Finger daran verdrehte , zog ihn über dem Knie glatt und richtete ihn so zurecht , daß der alte Herr Fuchs oft gesagt hatte : » Über meiner Käthe und der Walter Hanne ihre Handschuhe braucht man nur ein einziges Mal mit dem Zurichtholz zu fahren . « He ! Mit fünfundsiebzig Jahren hatte der alte Handschuhzurichter das noch gesagt , und es fiel ihr jetzt wieder ein , als sie einen fertigen blütenweißen Ballhandschuh auf das Seidenpapier legte . Bald sah sie nichts mehr , die Dunkelheit war so jäh hereingebrochen , daß die Hanne die Hände in den Schoß sinken ließ und in den grauen Nebel hinausträumte . Es war so friedlich , so heimlich da , von ihren Kindertagen ab zogen alle ihre Wünsche , ihre Hoffnungen , ihre Freuden und Leiden hinüber in die Stube der Frau Weis . An diesen Fenstern saß vor langen Jahren , als die Hanne noch ein kleines Mädel war , die Schwester des Leopold , die so schöne künstliche Blumen machte ; einen Tag , bevor sie starb , saß sie noch da ; und als der Leopold heimkam aus dem Kriege , saß er tagelang auf dem Fensterbrett , mutlos und traurig ; später richtete sich die Lene da ein mit seinem Kinde . Die Hanne seufzte heimlich , sie hatte ausgeträumt . Rasch ließ sie die Vorhänge nieder , zündete die grüne Studierlampe an und setzte sich mit ihrer Arbeit an den Tisch . » Ein Glück , daß der Bub so still bleibt « , sagte sie leise und ging zur Wiege . Der Kleine hatte sich glühendrote Backen erschlafen , Schweißperlen standen auf seiner Stirne , und der Atem ging so schnell , daß sich sein Brüstchen hob , und manchmal kam ein leises Pfeifen aus der Kehle . Hanne legte ihr Ohr an die keuchende Brust des Kindes und trocknete sein heißes Gesichtlein , dann setzte sie sich wieder an die Maschine , blickte aber immer besorgt hinüber nach der Wiege . Je später es wurde , desto mehr schlich die Zeit für sie hin . Draußen auf dem Hofe war es still geworden , das Geplauder der Nachbarn , die lärmenden Kinderstimmen waren mählich verklungen , hie und da rief einer der Männer im Vorbeigehen » Gute Nacht ! « , und bald regte sich gar nichts mehr , denn in der Blauen Gans gingen die Leute früh zu Bette wie die Hühner und krochen schier noch früher aus den Federn . Neun Uhr ! So lange war die Lene noch nie fortgeblieben , und sie selbst , die Hanne , sie war zu jeder Nachtstunde bis in den grauenden Morgen oft vor ihrem Holzrößlein mit den Messingplatten gesessen , doch über die Sperrstunde war sie ihr Lebtag nicht außer dem Hause . Sie kannte die Stimmen der Nacht genau , das seufzende Weinen des Windes , der zuweilen durch den kleinen Blechofen hereinwimmerte , den geheimnisvollen , duftschweren Ton der Sommernächte , der gleichsam von der durchhitzten Erde aufstieg und in die kühle Luft schwamm . - Es beirrte sie auch nichts in ihrer Arbeit ; das ächzende Knarren der hochgepackten Frachtwagen , die in langen Reihen der Stadt zukrochen , hatte sie oft in den Schlaf gewiegt , und wenn sie wach bleiben wollte , so horchte sie auf das dumpfe stoßweise Pfeifen , das aus einem langen dunklen Schlot kam , der eine eiserne Netzkappe auf dem Kopf hatte . Bei jedem Pfiff warf der Fabrikschlot Funken aus , und oft meinte sie , jetzt und jetzt müßten die Flammen emporschlagen , so feuerrot färbte sich der Rauch . Manchmal jammerte ein Nachbarkind , zuweilen erschreckten Streit und Gezänke das junge Mädchen , es endete aber zumeist mit Schluchzen und Weinen des Weibes , der Mann schnarchte oft schon , wenn die Frau noch unterdrückt weiterjammerte . - Dem alten Uhrwerk gab es einen Ruck , der Hammer hob aus und schlug die zehnte Stunde . Der Hausmeister trabte durch den Hof und löschte die Lampe aus , dann polterte er in der Einfahrt herum , verschimpfte die Katzen , die lärmende Zusammenkünfte in einem Hofwinkel hatten , dann warf er das Haustor zu , daß es wie ein Kanonenschuß krachte , drehte den großen Schlüssel knarrend um und trabte wieder zurück . Zehn Uhr vorbei und die Lene hinausgesperrt ! » Vielleicht ist sie ihrem Manne begegnet , und er hat sie ins Wirtshaus geführt oder gar ins Theater « , simulierte die Hanne , » aber daß sie nicht an das Kind denkt . « Sooft die Torglocke läutete , stand das Mädchen von ihrer Arbeit auf , doch die Ankömmlinge klopften an alle Fenster , nur nicht an das der Lene . Elf Uhr ! - Zwölf Uhr ! - Jetzt fehlte niemand mehr in der Blauen Gans außer dem Leopold und seinem Weibe . Der Fingerhut klopfte gleichmäßig an die Metallplatten , die Hanne arbeitete immer rascher , um ihre Unruhe zu verscheuchen , sie wollte nicht denken und träumen , dort lag ja das Kind im Fieber und fingerte mit den kleinen Händen in der Luft oder preßte die Fäustchen an die glühenden Wangen . Langsam und widerwillig sog es die Milch ein , die sie ihm gab , und wenn es auf eine Pulsschlaglänge die Lider hob , so waren die Augen glanzlos . Plötzlich wurde so scharf an der Glocke gezogen , daß sie noch eine Weile bimmelte , als der Hausmeister schon das Tor aufgeschlossen hatte und wieder polternd zufallen ließ . Unsichere , schnelle Schritte kamen näher und näher ; die Hanne rückte ihr Arbeitszeug beiseite und harrte , sie wußte , daß es der Leopold sei , aber allein - und die Lene ? Sie faltete die Hände und horchte . Jetzt stand er am Fenster und spähte hinein , sie fühlte beinahe seinen Blick . » Was ist mit der Lene geschehen ? Was wird er sagen , wenn er sein Weib jetzt nicht daheim findet ? « fragte sie lautlos . Der Leopold sah nur den Schatten der Frauengestalt , die nach vorne gebeugt wie eingeschlummert neben dem Tisch saß . » Sie hat also auf mich gewartet , zum ersten Mal , seit wir verheiratet sind , und gerad heut , nach dem Tag « , das packte ihn an , er frug sich , was er getan hatte zum Austragen der Schuld . » Tust mir bitterlich weh ... « Scham und Mitleid machten ihn mutlos , er preßte seine Zähne in die Hand , die nach seinem Weibe geschlagen hatte . Lange stand er da und wagte nicht zu klopfen . Der Schatten verschwamm zuletzt vor seinen Augen , obgleich das Weib drinnen unbeweglich saß . Er mühte sich ab , die rechten Worte zu finden , die er der Lene sagen könne , aber sein übervolles gepeinigtes Herz hämmerte , daß er es am Halse und in den Schläfen spürte . Und wenn ich auf die Knie fallen müßte , da auf der Schwelle , und sie bitten , daß sie mir verzeihen soll , wie ich ihr verzeih , ich tat es jetzt , ging ihm verworren durch den Kopf ; er klopfte leise an die Scheiben und schritt rasch zu der Türe ... Die Hanne ging hinaus , schob den Riegel zurück und trat dann weg , um ihm Raum zu lassen , damit er an ihr vorbei in die Stube konnte ; aber der Mann drehte hastig den Schlüssel um und langte in der Finsternis nach der Frauengestalt , zitternd ergriff er das Kleid , das er in seiner Nähe knistern hörte , klammerte sich daran und stotterte : » Ich ... ich hab einen brennenden Schädel ... der Schlag ... und der Wein ... und der Zorn , den ich so lang verschluckt hab ... und die Lieb zu dir . Weib ! Weib , ich bitte dich ... ich will alles vergessen ... so wär es ja ein elendes Leben ! « Die Hanne wollte sich losmachen , sie wollte reden , aber der Schreck und ein anderes beklemmend-erstarrendes Gefühl , das ihr die Kehle zuschnürte , ließ sie zu keinem Wort kommen . » Du hast mir heut so weh getan ... schau , vergessen ist der Schmerz ... verziehen . Ich hab ja auch gefehlt an dir ! ... Red , ich bitt dich , red ! « Ein unterdrücktes , bitterliches Weinen war die einzige Erwiderung . » Wein nicht « , stammelte der Mann ermutigt , » ich bitt dich « , er ließ das Kleid los , legte jählings seinen Arm um ihren Nacken , riß sie an seine Brust , und als ob ihm jemand einen Stoß in die Kniebeuge gegeben hätte , so brach er mit einem Male zusammen und lag vor ihr auf beiden Knien . Er reckte den Arm hinauf und erfaßte eine niederhängende Hand , fest drückte er sein heißes Gesicht an ihre Hüfte , und er fühlte , wie die Hand zitterte , wie die ganze Gestalt bebte und schwankte . Er hörte ihren Herzschlag , und es überkam ihn , daß jetzt die entscheidende Stunde da sei für alle Zeit . Wie ein Sturm flog die Anklage , der Schmerz , die heiße Liebessehnsucht von seinen Lippen zu ihr hinauf , da in der Finsternis , in der Erregtheit , in der Verzweiflung und Furcht vor der Zukunft sprach der Mann , wie er sonst nur in seinen Gedanken zu ihr redete . Sie sah ihn ja nicht , er brauchte sich nicht zu schämen , einmal , ein einziges Mal mußte er doch die Last von seinem Herzen werfen . Er dachte nicht daran , ob sie ihn verstehen könne , ob sie seine leidenschaftlichen Worte nicht ängstigten , er wußte kaum , daß er ihr Kleid , ihre Hüfte , ihre Hand küßte und wieder küßte , als aber Tropfen um Tropfen aus ihren Augen auf seine Stirn fiel und das stumme Weinen des Weibes in ein krampfhaftes Schluchzen überging , da richtete er sich an dem Leib der Fiebernden mühsam auf , küßte gewaltsam zwei bebende Lippen , die seinen Kuß nicht erwiderten , und zog die Gestalt in das erleuchtete Zimmer ... Die Hanne entwand sich seinem Arm und wankte mit einer abwehrenden Handbewegung an den Tisch , sie setzte sich vor ihr Arbeitszeug und verhüllte das Gesicht mit dem Tuche , das sie um den Nacken geschlungen trug . Zuerst rieb sich der Leopold die Augen , nachher sperrte er sie weit auf und glotzte die Hanne an , dann griff er nach der Lampe , schleuderte die Türe mit dem Ellenbogen zurück und leuchtete hinaus in die Küche ; als er sah , daß nur sie allein , die dort hinter ihm am Tische saß , da sei , stellte er die Lampe wieder hin und frug erstaunt : » Du hast mir die Tür aufgemacht ? « Die Hanne nickte , ohne aufzublicken . Jetzt wird er um sein Weib fragen , schwebte ihr undeutlich vor , was soll ich sagen ? Aus dem , was er gesprochen hatte vor ein paar Minuten , hatte sie herausgefunden , daß Schlimmes zwischen den Eheleuten vorgefallen war . Wo aber mag die Lene hingelaufen sein , und was wird er sagen - was wird er tun ? Das Mädchen wußte nicht , wie das erstaunte Gesicht des Leopold sich allmählich verwandelte , wie er an dem Schnurrbart zupfte und zweifelnd auf die dürftige Gestalt blickte , wie endlich ein ingrimmiger , häßlicher Zug sein Antlitz entstellte . Erst als er brutal auflachte , schrak sie zusammen , ließ die Hände niederfallen und wandte sich ihm zu . » Ist ein dummer Spaß gewesen « , und er zuckte geringschätzend die Achseln . » Was ? « » Na , daß sie dich da hinausgeschickt hat und kommod weiterschlaft « , er dehnte die Worte und sprach laut , als ob er jemand wachrufen wollte . » Lepold ! « » War dir vielleicht um das Bussel z ' tun , scheinheiliges Ding ? Komm , ich geb dir noch eins , mein Weib ist nicht eifersüchtig , das siehst du ! « Alles das war für die Lene geredet , er wähnte , daß sie dort in ihren Kissen verborgen trotzig hinhorchen täte auf jedes Wort und daß die Hanne nur da sei , um neuen Zank unmöglich zu machen . Jetzt regten sich Zorn und Scham wieder in ihm , das dumme Mädel da hatte seinen Jammer gehört , hatte ihn auf den Knien gesehen , und sein Weib hat geschlafen oder ihn neuerdings verspottet . Da krampfte sich schon wieder die Hand zusammen . Auseinander mit den Fingern ! Herrgott ! Was macht das Weib mit ihrer Unsinnigkeit aus mir ! » Hast du dein Weib nicht gesehen , Lepold ? « Das fuhr in seine peinvollen Gedanken , er setzte sich matt nieder und frug : » Was hast du gesagt ? « » Die Lene ist in der Abendzeit fortgegangen und ist - erschrick nicht , ich bitt dich - ist noch nicht heimgekommen « , sagte das Mädchen leise . » Nicht daheim ! Jetzt ? Mein Weib ? « stammelte der Leopold , er stieß die Hanne beiseite , rannte zu dem Bette seiner Frau , schüttelte die Kissen und Decken , wühlte alles durcheinander , er meinte , daß sie versteckt sein könnte . » Nichts da ... wo ... wo ist ... sie hin ? « gurgelte er , als ob er aus einem Wasser herausriefe , das ihm über den Kopf ging . » Jesus , Maria ! Schau nicht so drein , komm zu dir ! Es kann ihr ja etwas geschehen sein - in der Früh wird sie schon kommen « , tröstete entsetzt und zaghaft die Hanne . » Was geschehen ... freilich , das könnt möglich sein « , lallte er , » aber ... Hanne , es gibt auch Weiber , die ihren Männern davonlaufen . « » Davonlaufen ? « sagte die Hanne erschreckt . » Durchgehen ! ... Wo ist mein Bub ? « schrie der Mann jählings und tappte nach der Wiege . » Sei nur still , ich bitt dich , das Kind ist da , ich bin ja darum herübergekommen . « » Armes Ding du « , murmelte der Leopold , » du bist immer gut und ehrlich ... du hast den Hieb parieren müssen , den sie mir zurückgegeben hat ... Hanne , sag mir alles von ihr . « Er zog einen Stuhl herbei und stieß ihn derb zu Boden , der Kleine schrie im Schlafe auf und hustete gleich danach kurz und schrill , daß es wie ein heiseres Bellen klang . Die Hanne horchte ängstlich und wollte zu dem Kinde , doch der Mann setzte sich ihr gegenüber , hielt sie am Arme fest und sagte wie ein Stumpfsinniger : » Alles sag mir ... alles ! « Was sie zu erzählen wußte , erzählte sie ihm , es war wenig genug . Er ließ sich die letzten Worte seines Weibes immer wiederholen , er sagte selbst jede Silbe nach , aber er konnte nichts herausfinden , als daß sie mit einer Lüge ihn und das Kind verlassen hatte . » Lepold , sei doch ein wenig gefaßt « , bat die Hanne , » laß mich aus , ich muß zu dem Buben , der Husten ist so - dein Kind ist krank , hörst ? « » Auch das noch ... « Er nahm die Lampe und leuchtete dem Mädchen , das fürsorglich wie eine Mutter das Kind aufhob . » Da schau , Lepold , wie der Kleine fiebert . « Mit dem Stiele eines Löffels drückte sie die Zunge des Knaben nieder und schaute in sein Mündchen . » Ich mein « , sagte sie erregt und suchte die Tränen zu verschlucken , » ich mein , du sollst schnell einen Doktor holen , das wäre das beste . « » Warum ? « fragte der Mann gedankenlos , denn das Bild seines Weibes flimmerte dort auf dem Putztische , und er konnte an nichts mehr sonst denken als an sie . Wo , wo , wo ist sie ? ... Bei wem ? ... Bei wem ? Herrgott ! ... Er konnte nicht weiter fort mit seinen Gedanken , eiskalt rieselte und rann es ihm über den Rücken , er nahm das Bild und stierte es an , als ob er es sein Lebtag nicht gesehen hätte . » Bei wem ? « murmelte er , und als er sich reden hörte , da hub auch sein Gehirn wieder mühselig zu arbeiten an . » Vielleicht jetzt schon ein nichtsnutziges Weib « , summte es in seinem Kopfe . Das Bild glitt aus seiner Hand und fiel vor ihm nieder , er blickte auf den Fußboden , und als er hinter dem grünlichen Glas ihr Gesicht heraufschillern sah , trat er mit dem Absatz darauf , daß die Scherben knirschten . » Aber Lepold ! Hab doch Erbarmen mit deinem Kind , ich kann den Buben nicht auslassen , das ist die Bräune ! Hol den Doktor , das Kind könnte die Nacht ersticken . « Mit stumpfsinniger Neugierde bog sich der Mann nieder und schaute in das kleine Gesicht . Das Mündchen war halboffen , und es wehte den Leopold heiß an , als er mit seinem Finger die trockenen Lippen berührte ; die Augenlider hoben sich langsam , nur die halben Sterne waren zu sehen , der weiße Augapfel aber hatte den bläulichen Glanz verloren , und darum hatte der Kleine das Ansehen einer Leiche trotz der Fieberröte . » Schau nur , Lepold , schau ! « klagte die Hanne bittend und legte ihre Hand auf seinen Arm . Der Mann aber blickte über die Achsel auf die zitternde hagere Mädchenhand nieder . Das fremde Geschöpf da ängstigte sich um seinen Buben , dasselbe unbeachtete stille Mädchen hatte schon als Kind den ganzen Reichtum der Armen , die geraden Glieder , hinaufgetragen auf das Hausdach und sie zerbrochen und zerschellt heruntergebracht , und das um seinetwillen , um ihm eine Freude zu machen ... Und nun steht sie wieder da neben ihm und zittert für sein Kind und verteidigt die nichtsnutzige Mutter ... sein Weib . » Ein nichtsnutziges Weib « , murmelte er ingrimmig , und die Hanne schlang angstvoll die Finger ineinander und drückte ihre Wange an das heiße Gesicht des Kleinen . » Lepold , ich bitt dich ! - Oder da , bleib bei ihm , ich hol den Doktor ! « Sie legte ihm das Kind in den Arm und lief aus der Stube , ehe er etwas erwidern konnte . Die Lampe zuckte , flackerte und malte unruhige Schatten an die Wände ; eine große Fliege surrte immer um das Köpfchen des Kranken , und der Vater konnte sie nicht haschen , nicht verjagen , er blies nach ihr , doch sie ließ sich nicht vertreiben . Das Summen und Kreisen des Tieres erbitterte ihn , denn es machte seinen weinschweren Kopf wieder wirbliger , und das Kind lag wie ein Stück Blei in seinem Arm , der kleine Körper strömte eine fühlbare Hitze aus . Jetzt zuckte und knisterte die Lampe , sie mußte bald erlöschen , ein brenzlicher Geruch zog durch die Stube und verlegte ihm schier den Atem , langsam schleppte er sich auf und nieder und wiegte seinen Buben , der recht jammervoll stöhnte . Niemals war dem Leopold das altbekannte liebe Gemach so leer und fremd gewesen , selbst als seine Eltern tot waren und er allein da hauste , war es freundlicher ; aber heute ! ... Es sah aus , als ob sich die Decke gesenkt hätte , ja als ob sie sogar jetzt noch Zoll um Zoll herabrückte , und dabei war es zum Ersticken schwül , dumpf und beängstigend ... Das ersterbende Licht warf nur mehr einen fingerbreiten Streifen über den Tisch , das ganze Gemach lag in schwarzer Dunkelheit . Die Finsternis verwirrte den erregten Mann noch mehr , er wollte das Fenster öffnen , darum legte er den Knaben auf sein Bett ... Oh ! ... Das ist ja nicht das seine , er hatte sich nur so hingetastet in der Finsternis , das ist ihr Lager ... sie hatte die weichsten Kissen , und da , wo ihr schöner Kopf ruhte , da roch es immer so frisch von ihren Haaren , als ob man den zarten Flaumduft eines jungen Huhnes einatmen würde . Wie liebte er dieses rote , gesunde , duftende Haar ... und da , freilich , da lag ihr Nachthäubchen und geriet ihm zwischen die Finger , und er ließ sein glühendes Gesicht darauf fallen . Kam wirklich die Zimmerdecke langsam herunter , herabgedreht durch eine unsichtbare Kurbel , die aber scharf kreischte ? ... Schrie sein Kind so heiser und hustete so bellend ? ... Wahrhaftig ! Da hatte er mit einmal seinen zweiten Arm wieder ... Drüben in der großen Waschküche spielten die Musikanten den Walzer , den er mit seinem jungen Weibe soeben getanzt hatte ; Hochzeitsnacht ? ... Oho ! Das ist mehr Lärm , als er heute ertragen kann ... Noch ein Glas Wein ? » Laß den Spaß sein mit der Marie « , grollte der Leopold , und dann seufzte er : » Tust mir bitterlich weh ... « Jetzt raffte er sich auf und schüttelte suchend die Kissen durcheinander ; freilich , so ist es ... das ist ihr Bett und leer , nur sein Bub ist da bei ihm , sie ist fort , ist ein nichtsnutziges Weib ! Die Lampe knisterte , warf ein paar kleine Fünkchen ab , flammte auf und erlosch . Zwischen den beiden Betten am Boden lag der Leopold lang ausgestreckt , ohne Atem , wie ein Erstickter , und sein Söhnlein wimmerte , als es nimmer schreien konnte . Der Mann hörte nichts , seine letzte krampfhafte Bewegung war , mit ausgespreizten Fingern die Decke zu halten , denn er sah , wie sie tiefer und tiefer herabsank ... sah , daß sie nur mehr handbreit von seinem Kopf entfernt ist und ihm jetzt das Hirn zusammendrücken werde . » Einmal muß aber die Geschichte doch ein End nehmen , meinst nicht ? « zischelte die alte Frau Walter . Sie stand in der Küche des Leopold und schielte nach seiner Zimmertür . » Sobald er wieder hinaus kann , komm ich heim « , erwiderte die Hanne kleinlaut . Die Alte rang die Hände und schüttelte dann alle zehn Finger knapp vor den Augen ihrer Tochter . » Weißt du , daß es jetzt volle sechs Wochen sind ? - Tag und Nacht bist du da herumgehockt . Ich will nichts von der versäumten Arbeitszeit sagen , aber schau , wie du zugerichtet bist « , belferte halblaut die Frau . » Ah , und wie denn ? - Überleg sich doch die Frau Mutter alles . Das Kind war zum Auslöschen , der Leopold ein schlaghafter Mensch , und die Lene ... « » War eine gescheite Person , die auf und davon ist , wie sie ihr versoffener Mann zum erstenmal geprügelt hat . Wenn wir es alle so gemacht hätten , so wären unsere Männer auch anders worden . « » Eine gescheite Person ? « wiederholte das Mädchen erstaunt . » Ja . Und du ? Eine dumme Gans , die ihre Zeit versäumt , weil sie wildfremde Leute pflegen muß . « » Wildfremde Leut ? Der Weis Leopold und sein Bub ? « » Na , Nachbarn halt . Wer hat sich denn sonst im Haus so geschäftig gemacht außer dir ? « frug die Mutter boshaft und stemmte herausfordernd beide Arme in die Hüften . » Ist denn das ganze Haus verändert , sind alle Leute anders worden in sechs Wochen ? « sagte die Hanne kleinmütig . » Vor sechs Wochen war ja der Leopold für alle ein braver , ehrlicher Mensch und die