sich innerlich am nächsten , denn es fielen dann nicht bloß die Meinungsverschiedenheiten und Schraubereien fort , sondern sie fanden sich auch wieder zu früherer Liebe zurück und schrieben sich zärtliche Briefe . Das wußte keiner besser als der Schwager drüben in Arnewiek . Arne stellte denn auch heute wieder seine Betrachtungen über dies Thema an und gab ihnen in ein paar Scherzworten Ausdruck . Aber das war nicht wohlgetan ; sosehr es zutraf , was er sagte , sowenig lag es im Wunsche seiner Schwester , diese Dinge berührt zu sehen . Vielleicht war es denn auch dieser Gang der Unterhaltung , was den die leise Verstimmung seiner Frau beobachtenden Holk veranlaßte , die Dobschütz zu einem Spaziergang in den Park aufzufordern , » er habe noch dies und das mit ihr zu besprechen « . Als sie fort waren , sagte Christine zu ihrem Bruder , mit dem sie allein geblieben : » Du mußtest das nicht sagen , Alfred , nicht in seiner Gegenwart . Er hat , wie du weißt , ohnehin die Neigung , ernste Dinge leichtzunehmen , und wenn du ihm darin mit gutem Beispiel vorangehst , so weiß er sich noch was damit und gefällt sich darin , den Freigeist zu spielen . « Arne lächelte . » Du lächelst . Aber ganz mit Unrecht . Denn ich sage nicht , ein Freigeist zu sein . Ein Freigeist sein , das kann er nicht , dazu reichen seine Gaben nicht aus , auch nicht die seines Charakters . Und das ist eben das Schlimme . Mit einem Atheisten könnte ich leben , wenigstens halte ich es für möglich , ja , mehr , es könnte einen Reiz für mich haben , ernste Kämpfe mit ihm zu bestehen . Aber davon ist Helmuth weit ab . Ernste Kämpfe ! Das kennt er nicht . Mit allem , was du da sagtest , zu mir kannst du so sprechen , verwirrst du ihn bloß und bestärkst ihn nur in allem , was schwach und eitel an ihm ist . « Arne begnügte sich , etlichen Buchfinken , die während des Gesprächs bis unter die Halle gekommen waren , ein paar kleine Krumen hinzuwerfen , schwieg aber . » Warum schweigst du ? Bin ich dir wieder zu kirchlich ? Ich habe kein Wort von Kirche gesprochen . Oder bin ich dir wieder zu streng ? « Arne nickte . » Zu streng . Sonderbar . Du findest dich nicht mehr in mir zurecht , Alfred , und wenn das ein Vorwurf ist , und du meinst es so , so muß ich dir den Vorwurf zurückgeben . Ich finde mich nicht mehr in dir zurecht . Du weißt , wie mein Herz an dir hängt , wie ich , aus meiner Kindheit Tagen her , voller Dank gegen dich bin , und dies Dankesgefühl habe ich noch . Aber ich kann dir das Wort nicht ersparen , du bist ein anderer geworden in deinen Anschauungen und Prinzipien , nicht ich . An dem einen Tage bin ich dir zu sittenstreng , am anderen Tage zu starr in meinem Bekenntnis , am dritten Tage zu preußisch und am vierten zu wenig dänisch . Ich treff es in nichts mehr . Und doch , Alfred , all das , was ich bin , oder doch das meiste davon , bin ich durch dich . Du hast mir diese Richtung gegeben . Du warst schon dreißig , als ich bei der Eltern Tode zurückblieb , und nach deinen Anschauungen , nicht nach denen der Eltern , bin ich erzogen worden ; du hast die Herrnhuterpension für mich ausgesucht , du hast mich bei den Reckes und den Reuß ' und den frommen Familien eingeführt , und nun , wo ich das geworden bin , wozu du mich damals bestimmtest , nun ist es nicht recht . Und warum nicht ? Weil du mittlerweile die Fahne gewechselt hast . Ich will es respektieren , daß du , der du mit dreißig an der Grenze des äußersten Aristokratismus warst , jetzt , wo du beinah sechzig bist , die Welt mit einem Male durch liberalgeschliffene Gläser siehest ; aber darfst du mir Vorwürfe machen , wenn ich da blieb , wo du früher auch standest und wo du mich selber hingestellt ? « Arne nahm zärtlich der Schwester Hand . » Ach , Christine , stehe , wo du willst . Ich habe nicht den Mut mehr , Standpunkte zu verwerfen . Das ist eben das eine , was ich in meinen zweiten dreißig Jahren gelernt habe . Der Standpunkt macht es nicht , die Art macht es , wie man ihn vertritt . Und da muß ich dir sagen , du überspannst den Bogen , du tust des Guten zuviel . « » Kann man des Guten zuviel tun ? « » Gewiß kann man das . Jedes Zuviel ist vom Übel . Es hat mir , solang ich den Satz kenne , den größten Eindruck gemacht , daß die Alten nichts so schätzten wie das Maß der Dinge . « Holk und die Dobschütz kehrten in diesem Augenblicke von ihrem Spaziergange zurück , und von der andern Seite her kam Asta die Strandterrasse herauf und eilte sofort auf Arne zu , dessen Liebling sie war und an dem sie jederzeit den besten Zuhörer hatte . Der Mama gegenüber zeigte sie sich meist zurückhaltend ; aber wenn Onkel Alfred da war , mußte alles herunter , was ihr auf der Seele lag . » Ich habe heute früh schon an Pastor Petersens Arbeitstisch gesessen , und rechts lag die Bibel , und links stand der Kasten mit Altertümern , und war eigentlich kein Zollbreit Platz mehr da , um mir zu zeigen , was in den Pappschachteln alles lag . Meistens waren es Steine . Zuletzt aber , als er die Bibel zurückgeschoben hatte ... « » Da hattet ihr Platz « , lachte die Gräfin . » Mein alter , lieber Petersen , er schiebt immer die Bibel zurück und ist immer bei seinen Steinen und hat auch sonst eine Neigung , die Steine für Brot zu geben . « Arne wollte widersprechen , als er aber des eben gehabten Gesprächs gedachte , besann er sich rasch wieder und war froh , als Asta fortfuhr : » Und dann hab ich draußen auf dem Kirchhofe mit Elisabeth an dem Grab ihrer Mutter gestanden und habe bei der Gelegenheit gesehen , daß Elisabeth eigentlich Elisabeth Kruse heißt und daß bloß ihre Mutter eine Petersen war und daß wir sie eigentlich gar nicht Elisabeth Petersen nennen dürfen . Aber , so sagte sie mir , sie habe ihren Vater gar nicht mehr gekannt , und die Mutter , wenn man im Dorf von ihr gesprochen hätte , sei für die Leute nur immer des alten Petersen Tochter gewesen , und so heiße sie denn auch Elisabeth Petersen , und sei eigentlich recht gut so . Und dann « , fuhr Asta fort , » gingen wir den Kirchhofssteig weiter hinauf bis an die Kirche und kletterten auf einen schräg daliegenden Grabstein und wollten eben durch das Gitterfenster in unsere Gruft sehen , da fiel ein Stein hinein und schlug auf und war mir , als hätt ich wen erschlagen . Ach , ich kann gar nicht sagen , wie ich mich erschrocken habe . Da mag ich nicht hinein , und wenn ich sterbe , das müßt ihr mir alle versprechen , will ich den Himmel über meinem Grabe haben . « Der Gräfin Blick traf den Grafen , der sichtlich bewegt war und seiner Frau freundlich zunickte . » Soll anders werden , Christine . Habe schon mit Alfred gesprochen und auch eben mit der Dobschütz . Es wird eine offene gotische Halle werden , die den Begräbnisplatz umschließt , und was sonst noch werden soll , das wirst du selber angeben . « Arne , während Graf und Gräfin noch eine kleine Weile so weitersprachen , unterhielt sich mit Asta und leitete dann , als das Gespräch wieder ein allgemeines wurde , zu anderen Dingen über , was sich leicht machte , da Gärtner Ohlsen eben von Glücksburg zurückkam und die Nachricht brachte , der König komme morgen und die Gräfin Danner auch und er wolle vier Wochen bleiben und auf dem Braruper Moor ein Hünengrab ausnehmen . Und das Billet habe er bei Reeder Kirkegard gleich gelöst , und um zehn Uhr früh oder so herum werde das Dampfschiff an dem Steg unten anlegen . Es sei das beste Schiff auf der Linie : » König Christian « , Kapitän Brödstedt . Ehe Ohlsen noch seinen Rapport beendet , kam Axel mit dem Hauslehrer und holte die von ihm geschossenen Rebhühner aus der Jagdtasche hervor . » Mir lieb , Axel « , sagte Holk , » das gibt ein Frühstück für unterwegs . Du wirst doch noch ein richtiger Holkscher Jäger werden , und offen gestanden , das wäre mir das liebste . Das Lernen ist für andere . « Und dabei streifte Holks Blick , ohne recht zu wollen , den armen Strehlke , der sich , während sein Zögling die Rebhühner geschossen , damit begnügt hatte , ein Dutzend Krammetsvögel aus den Dohnen zu nehmen . Neuntes Kapitel Der » König Christian « hielt Wort : pünktlich um zehn Uhr kam er in Sicht , und zehn Minuten später legte er an der Landungsbrücke an . Der Graf stand schon da , die Koffer neben ihm , auf denen Axel und Asta Platz genommen hatten , jener mit seiner Jagdflinte über der Schulter . Und nun kam der Abschied von den Kindern , und gleich danach stieg Holk an Bord , unter Vorantritt zweier Bootsleute , die das Gepäck trugen . Einen Augenblick später , und Kapitän Brödstedt rief auch schon seine Befehle zur Weiterfahrt in den Maschinenraum hinein , der Steuermann aber ließ das Rad durch die Hand laufen , und unter ein paar schweren Schlägen ( es war noch ein Raddampfer ) löste sich das Schiff von der Landungsbrücke los und nahm seinen Kurs östlich in die offene See hinaus . Holk seinerseits war mittlerweile zu dem Kapitän herangetreten und sah jetzt , von der Kommandobrücke her , auf den Pier zurück , vor dem aus beide Kinder noch eifrig grüßten ; ja , Axel gab sogar einen Salutschuß aus seinem Gewehr . Oben aber , auf der letzten Terrassenstufe , standen die Gräfin und das Fräulein , bis sie , nach kurzem Verweilen an dieser Stelle , wieder unter die höher gelegene Säulenhalle zurücktraten , um von hier aus dem Schiffe bequemer folgen zu können . Zugleich sahen sie nach dem Pier hinunter , auf dem jetzt die Geschwister gemeinschaftlich herankamen , anscheinend in lebhaftem Gespräch . Erst am Strande trennten sie sich wieder , und während Axel auf Möwenjagd in die Dünen einbog , stieg Asta die Terrasse hinauf . Als sie oben war , schob sie eine Fußbank neben den Platz der Mama , nahm die Hand derselben und versuchte zu scherzen . » Es war Kapitän Brödstedt , der fuhr , ein schöner Mann , und soll auch , wie mir Philipp erzählt hat , eine bildschöne Frau haben , von der es heißt , er habe sie sich von dem Bornholmer Leuchtturm heruntergeholt . Es ist doch eigentlich schade , daß man , um bloßer Standesvorurteile willen , einen Mann wie Kapitän Brödstedt nicht heiraten kann . « » Aber , Asta , wie kommst du nur auf solche Dinge ? « » Ganz natürlich , Mama . Man hat doch auch so seine zwei Augen und hört allerlei und macht seine Vergleiche . Da nimm einmal den guten Seminardirektor , der eine Adlige zur Frau hatte ; nun ist er freilich Witwer . Ja , du wirst doch zugeben , Mama , daß Schwarzkoppen noch lange kein Brödstedt ist . Und Schwarzkoppen ginge noch , aber Herr Strehlke ... « Beide Damen lachten , und als die Mama schwieg , sagte das Fräulein : » Asta , du bist wie ein junges Füllen , und ich sehe zu meinem Schrecken , daß dir die Schulstunden fehlen . Und was du da nur sprichst , als ob gesellschaftlich ein Unterschied zwischen einem Manne wie Brödstedt und einem Manne wie Strehlke wäre . « » Gewiß ist ein Unterschied . Das heißt nicht für mich , für mich ganz gewiß nicht , das kann ich beteuern . Aber für andere ist ein Unterschied . Sieh dich doch nur um . Ich für mein Teil habe noch nie von einer Heirat zwischen einem Dampfschiffskapitän und einer Comtesse gehört ; aber soll ich dir an meinen zehn Fingern all die Hauslehrer und Kandidaten aufzählen , die hier herum ... « » Es ist schon das beste , Asta , wir verzichten auf alle Vergleiche . « » Mir recht « , lachte diese . » Aber eine Leuchtturmstochter sein und von einem Manne wie Kapitän Brödstedt von einem Leuchtturm heruntergeholt zu werden , das ist doch hübsch und eigentlich ein leibhaftiges Märchen . Und alles , was Märchen ist , ist meine Schwärmerei , meine Passion , und die Geschichte vom tapfern Zinnsoldaten ist mir viel , viel lieber als der ganze Siebenjährige Krieg ! « Und bei diesen Worten erhob sie sich wieder von ihrer Fußbank und ließ die beiden Damen allein , um sich nebenan an den Flügel zu setzen . Gleich danach hörte man denn auch eine Chopinsche Etüde , freilich nicht recht flüssig und mit vielen Fehlern . » Wie kam Asta nur zu solcher Bemerkung ? Ist es bloß Übermut oder was sonst ? Was führt sie in ihrem Gemüt so sonderbare Wege ? « » Nichts , was dich ängstigen könnte « , sagte die Dobschütz . » Wär es das , so würde sie zu schweigen wissen . Ich lebe mehr mit ihr als du und bürge dir für ihren guten Sinn . Asta hat einen lebhaften Geist und eine lebhafte Phantasie ... « » Was immer eine Gefahr ist ... « » Ja . Aber oft auch ein Segen . Eine lebhafte Phantasie schiebt auch Bilder vor das Häßliche und ist dann wie ein Schutz und Schirm . « Die Gräfin schwieg und blickte vor sich hin , und als sie nach einiger Zeit wieder auf das Meer hinaussah , sah sie von dem Dampfer nur noch den immer blasser werdenden Rauch , der wie ein Strich am Horizonte hinzog . Sie schien allerhand Gedanken nachzuhängen , und als die Dobschütz , von der Seite her , einen flüchtigen Blick auf die Freundin richtete , sah sie , daß eine Träne in deren Auge stand . » Was ist , Christine ? « sagte sie . » Nichts . « » Und doch bist du so bewegt ... « » Nichts « , wiederholte die Gräfin . » Oder wenigstens nichts Bestimmtes . Aber es quält mich eine unbestimmte Angst , und wenn ich nicht das Wahrsagen und Träumedeuten von Grund meiner Seele verabscheute , weil ich es für gottlos und auch für eine Quelle der Trübsal halte , so müßt ich dir von einem Traum erzählen , den ich diese letzte Nacht gehabt habe . Und war nicht einmal ein schrecklicher Traum , bloß ein trüber und schwermütiger . Ein Trauerzug war es , nur ich und du , und in der Ferne Holk . Und mit einem Male war es ein Hochzeitszug , in dem ich ging , und dann war es wieder ein Trauerzug . Ich kann das Bild nicht loswerden . Dabei das Sonderbare , solange der Traum dauerte , hab ich mich nicht geängstigt , und erst als ich wach wurde , kam die Angst . Und deshalb beunruhigte mich auch das , was Asta sagte . Noch gestern hätte mich ' s bloß erheitert , denn ich kenne das Kind und weiß , daß sie ganz so ist , wie du sagst ... Und dann , offen gestanden , auch diese Reise ängstigt mich . Sieh , jetzt ist die Rauchfahne verschwunden ... « » Aber , Christine , das wirst du doch von dir abtun ; das ist ja wie sich fürchten , daß man vom Stuhl fällt oder daß die Decke einstürzt . Es stürzen Decken ein und Häuser auch , und es scheitern auch Schiffe , die zwischen Glücksburg und Kopenhagen fahren , aber , Gott sei Dank , doch bloß alle hundert Jahr einmal ... « » Und einen trifft es dann , und wer will sagen , wer dieser eine ist . Aber das ist es nicht , Julie ... Ich denke nicht an ein Unglück unterwegs ... Es sind ganz andere Dinge , die mich ängstigen . Ich freute mich , wie du weißt , auf diese stillen Tage , die zugleich geschäftige Tage werden sollten , und seit heute früh freue ich mich nicht mehr darauf . « » Bist du wegen der Kinder anderen Sinnes geworden ? « » Nein . Es bleibt bei dem längst zwischen uns Besprochenen , und nur wegen Axel schwankt es noch mit dem Wohin . Aber auch das wird sich unschwer regeln . Nein , Julie , was mich in meinem Gemüte seit heute früh beschäftigt , ist einfach das : ich durfte Holk nicht reisen lassen oder doch nicht allein . Ich habe diese sonderbare Stellung immer mit Unbehagen und Mißtrauen angesehen , und wenn er auch diesmal wieder hinüber mußte , weil sein Nichterscheinen eine Beleidigung gewesen wäre , so mußte ich mit ihm gehen ... « Die Dobschütz , überrascht , mühte sich , ein Lächeln zu unterdrücken . » Eifersüchtig ? « Und während sie so fragte , nahm sie die Hand der Gräfin und fühlte , daß diese zitterte . » Du schweigst . Also getroffen , also wirklich eifersüchtig , sonst würdest du sprechen und mich auslachen . Man lernt doch nie aus , auch nicht in dem Herzen seiner besten Freundin . « Eine Pause trat ein , für beide peinlich , besonders für die Dobschütz , die das alles so ganz wider Wunsch und Willen heraufbeschworen hatte . Ja , Verlegenheit auf beiden Seiten , soviel war gewiß , und diese Verlegenheit wieder aus dem Wege zu räumen , das war nur möglich , wenn das Gespräch , wie es begonnen , mit allem Freimut fortgesetzt wurde . » Gönnst du mir noch ein Wort ? « Die Gräfin nickte . » Nun denn , Christine , ich war in vielen Häusern und habe manches gesehen , was ich lieber nicht gesehen hätte . Die Herrensitze lassen oft viel zu wünschen übrig . Aber wenn ich je umgekehrt ein zuverlässiges Haus gefunden habe , so ist es das euere . Du bist ein Engel , wie alle schönen Frauen , wenn sie nicht bloß schön , sondern auch gut sind , ein Fall , der freilich selten eintritt , und ich persönlich wenigstens habe nichts Besseres kennengelernt als dich . Aber gleich nach dir kommt dein Mann . Er ist in dem , um das sich ' s hier handelt , ein Muster , und wenn ich einem Fremden zeigen sollte , was ein deutsches Haus und deutsche Sitte sei , so nähm ich ihn beim Schopf und brächt ihn einfach hierher nach Holkenäs . « Der Gräfin Antlitz verklärte sich . » Ja , Christine , du bist alles in allem doch eine sehr bevorzugte Frau . Holk ist aufrichtig und zuverlässig , und wenn drüben in Kopenhagen auch jede dritte Frau die Frau Potiphar in Person wäre , du wärest seiner doch sicher . Und schließlich , Christine , wenn dir trotz alledem immer noch ein Zweifel käme ... « » Was dann ? « » Dann müßtest du den Zweifel nicht aufkommen lassen und dir ' s klug und liebevoll einreden , es sei anders . Ein schöner Glaube beglückt und bessert und stellt wieder her , und ein schlimmer Argwohn verdirbt alles . « » Ach , meine liebe Julie , das sagst du so hin , weil du , soviel du von unserem Haus und Leben kennst , doch nicht recht weißt ( und du sagtest eben selbst so was ) , wie ' s in meinem Herzen eigentlich aussieht . Du weißt alles und doch auch wieder nicht . Ich glaube , wie Ehen sind , das wissen immer nur die Eheleute selbst , und mitunter wissen ' s auch die nicht . Wer draußen steht , der sieht jeden Mißmut und hört jeden Streit ; denn , sonderbar zu sagen , von ihren Fehden und Streitigkeiten verbergen die Eheleute meistens nicht viel vor der Welt , ja , mitunter ist es fast , als sollten es andere hören und als würde das Heftigste gerade für andere gesprochen . Aber das gibt doch ein falsches Bild , denn eine Ehe , wenn nur noch etwas Liebe da ist , hat doch auch immer noch eine andere Seite . Sieh , Julie , wenn ich Holk in irgendeiner Sache sprechen will und such ihn in seinem Zimmer auf und sehe , daß er rechnet oder schreibt , so nehme ich ein Buch und setze mich ihm gegenüber und sage : Laß dich nicht stören , Holk , ich warte . Und dann , während ich lese oder auch nur so tue , seh ich oft über das Buch fort und freue mich über sein gutes , liebes Gesicht und möchte auf ihn zufliegen und ihm sagen : Bester Holk . Sieh , Julie , das kommt auch vor ; aber niemand sieht es und niemand hört es . « » Ach , Christine , daß ich das aus deinem Munde höre , das freut mich mehr , als ich dir sagen kann . Ich habe mich manchmal um euch und euer Glück geängstigt . Aber wenn es so ist ... « » Es ist so , Julie , ganz so , mitunter mir selbst zum Trotz . Aber gerade weil es so ist , deshalb hast du doch unrecht mit deinem Rate , daß man immer das Beste glauben und mitunter sogar die Augen schließen müsse . Das geht nicht so , wenn man wen liebt . Und dann , liebe Julie , hast du doch auch unrecht , oder wenigstens ein halbes , mit dem , was du über Holk sagst . Er ist gut und treu , der beste Mann von der Welt , das ist richtig , aber doch auch schwach und eitel , und Kopenhagen ist nicht der Ort , einen schwachen Charakter fest zu machen . Sieh , Julie , du machst seinen Advokaten und tust es mit aller Überzeugung , aber du sprichst doch auch von Möglichkeiten , und die gerade lasten mir jetzt auf der Seele ... « Die Dobschütz wollte weiter beruhigen , aber Philipp kam und übergab einen Brief , den ein Bote von Arnewiek her eben überbracht hatte . Die Gräfin nahm an , daß er von ihrem Bruder sei , als sie aber die Aufschrift überflog , sah sie , daß er von Schwarzkoppen kam . Und nun las sie : » Gnädigste Frau . Ich habe mich seit vorgestern eingehender mit der zwischen uns verhandelten Frage beschäftigt und bin die Reihe der Erziehungsinstitute durchgegangen , die für Axel in Betracht kommen können . Einige der besten sind zu streng , nicht bloß in der Disziplin , sondern wohl auch kirchlich , und so möchte ich denn annehmen , daß das Bunzlauer Pädagogium den zu stellenden Anforderungen am meisten entspricht . Ich kenne den Vorstand und würde mir die Erlaubnis , in dieser Angelegenheit ein paar einführende Worte an denselben schreiben zu dürfen , zur Ehre schätzen . Außerdem ist Gnadenfrei verhältnismäßig nah , so daß die Geschwister sich öfter sehen , auch die Sommerferienreise gemeinschaftlich machen können . Gnädigste Gräfin , in vorzüglicher Ergebenheit Ihr Schwarzkoppen « » Nun , Julie , das trifft sich gut . Ich verlasse mich in dieser Frage ganz auf unseren Freund drüben , und Holk hat mir ja freie Hand gegeben . Wie gut , daß wir nun etwas vorhaben . Heute noch schreiben wir auf , was jedes der Kinder braucht , es wird eine Welt von Sachen sein . Und dann kommt die Reise , und du mußt uns natürlich begleiten . Ich freue mich von ganzem Herzen , und du wirst es auch , mein geliebtes Gnadenfrei wiederzusehen . Und wenn ich dann daran denke , wie mein Bruder , ach , lang ist ' s her , mich von dort abholte und Holk mit ihm ... Fast war es wie der Leuchtturm , von dem Kapitän Brödstedt seine Bornholmerin herunterholte . Nun , ein Leuchtturm war es gewiß , für dich und mich , ein Licht fürs Leben und hoffentlich bis in den Tod . « Zehntes Kapitel Die Dampfschiffahrt ging gut , und es war noch nicht neun Uhr abends heran , als der » König Christian « zwischen Nyholm und Tolboden in den Kopenhagener Hafen einbog . Holk stand auf Deck und genoß eines herrlichen Anblickes ; über ihm funkelten die Sterne in fast schon winterlicher Klarheit , und mit ihnen zugleich spiegelten sich die Uferlichter in der schimmernden Wasserfläche . Schiffsvolk und Kommissionäre drängten sich heran , die Kutscher hoben ihre Peitschen und warteten eines zustimmenden Winkes , Holk aber , der es vorzog , die wenigen hundert Schritte bis zur Dronningens-Tvergade zu Fuß zu machen , lehnte alle Dienste ab und gab dem Schiffssteward nur Weisung , ihm sein Gepäck so bald wie möglich bis in die Wohnung der Witwe Hansen zu schicken . Dann ging er , nach einem freundlichen Abschiede vom Kapitän , das Bollwerk entlang , erst auf den Sankt-Annen-Platz und von hier aus in kurzer Biegung auf die Dronningens-Tvergade zu , wo gleich links das zweistöckige Haus der Witwe Hansen gelegen war . Als er hier , nach wenigen Minuten , von der anderen Seite der Straße her seiner Wohnung ansichtig wurde , sah er musternd hinüber und freute sich des sauberen und anheimelnden Eindrucks , den das Ganze machte . Der erste Stock , in dem sich seine zwei Zimmer befanden , war schon erleuchtet , und die Schiebefenster , um frische Luft einzulassen , waren ein wenig geöffnet . » Ich wette , es brennt auch ein Feuer im Kamin . Ein Ideal von einer Wirtin . « Unter diesen Betrachtungen schritt er über den Damm auf das Haus zu und tat mit dem Klopfer einen guten Schlag , nicht zu laut und nicht zu leise . Gleich danach wurde denn auch geöffnet , und Witwe Hansen in Person , eine noch hübsche Frau von beinah fünfzig , begrüßte den Grafen mit einer Art Herzlichkeit und sprach ihm ihre Freude aus , ihn noch in diesem Jahre wiederzusehen , während sie doch frühestens von Neujahr an darauf gerechnet habe . » Daß Baron Bille , der doch kein Kind mehr , auch gerade die Masern kriegen mußte ! Aber so ist es im Leben , dem einen sein Schad ist dem anderen sein Nutz . « Unter diesen Worten war die Wirtin in den Flur zurückgetreten , um , vorangehend , dem Grafen hinaufzuleuchten . Dieser folgte denn auch . Unten an der Treppe aber blieb er einen Augenblick stehen , was , nach dem Anblick , der sich ihm bot , kaum ausbleiben konnte . Die zweite Hälfte des nur schmalen Hausflures lag nach hinten zu wie in Nacht , ganz zuletzt aber , da , wo mutmaßlich eine zur Küche führende Tür aufstand , fiel ein Lichtschein in den dunklen Flur hinein , und in diesem Lichtscheine stand eine junge Frau , vielleicht , um zu sehen , noch wahrscheinlicher , um gesehen zu werden . Holk war betroffen und sagte : » Wohl Ihre Frau Tochter ? Ich habe schon davon gehört , und daß sie diesmal ihren Ehemann nicht begleitet hat . « Die Witwe Hansen bestätigte Holks Frage nur ganz kurz , mutmaßlich , weil sie durch eine längere Mitteilung ihrerseits die Wirkung des Bildes nicht abschwächen wollte . Oben in den Zimmern , die mit schweren Teppichen ausgelegt und mit Vasen und anderen chinesisch-japanischen Porzellansachen reich , aber nicht überladen geschmückt waren , zeigte sich alles so , wie ' s Holk vermutet hatte : die Lichter brannten , das Feuer im Kamin war da , und auf dem Sofatische standen Früchte , mehr wohl , um den anheimelnden Eindruck eines Stillebens zu steigern , als um gegessen zu werden . Neben der Fruchtschale lagen die Karten von Baron Pentz und Baron Erichsen , die beide vor einer Stunde bereits dagewesen waren und nach dem Grafen gefragt hatten . » Sie würden wiederkommen . « In diesem Augenblick hörte man unten auf dem Hausflur sprechen . » Es werden meine Sachen sein « , sagte Holk und erwartete , die junge Frau , deren Bild ihn noch beschäftigte , samt ein paar koffertragenden Schiffsleuten eintreten zu sehen . Aber die junge Frau kam nicht , auch nicht das Gepäck , wohl aber erschienen beide Freiherren , mit denen sich nun Holk begrüßte , mit Pentz herzlich und jovial , mit Erichsen artig und etwas zurückhaltend . Frau Hansen machte Miene , sich zurückzuziehen , und fragte nur noch , was der Herr Graf für den Abend befehle . Holk wollte auch darauf antworten , Pentz aber ließ es nicht dazu kommen und sagte : » Liebe Frau Hansen , Graf Holk hat für heute gar keine Wünsche mehr , ausgenommen den , uns zu Vincents zu begleiten . Sie müssen sich ' s gefallen lassen , daß wir ihn Ihnen gleich im ersten Moment wieder entführen , Ihnen und der Frau Tochter . Wobei mir einfällt , sind denn Nachrichten von