dann , aufs letzte hin angesehn , doch immer noch ein Rest von Liebe birgt . Und mir diese Teilnahme zu gewinnen , dazu bedarf ich eines Anwalts . Glauben Sie , daß mein Onkel geneigt sein könnte , dieser Anwalt zu sein ? Sie kennen ihn besser als ich . Er gilt für stolz bis zum Hochfahrenden , andrerseits hab ich ihn in Situationen gesehn , die die Kehrseite davon waren . Sie wissen , Baron , welche Situationen ich meine . Und nun sagen Sie mir , was hab ich von dem Onkel zu gewärtigen ? Sind Sie der Meinung , daß ich einer heftigen Szene voller Unliebsamkeiten und vielleicht voller Beleidigungen entgegengehe , so verzichte ich von vornherein auf den Versuch , ihn zu meinem Fürsprecher bei meinen Eltern machen zu wollen . « Der Baron sah vor sich hin und wirbelte an seinem grauen , etwas mausrigen Schnurrbart . Endlich , als er einsah , daß er wohl oder übel sprechen müsse , warf er sich in den Schaukelstuhl zurück und sagte , während er jetzt ebenso nach der Zimmerdecke hinauf- wie vorher zur Erde niederstarrte : » Lieber Haldern , wer rät , gerät leicht mit hinein . Und ich gerate nicht gern mit hinein ; in nichts . Aber Sie wollen meine Meinung , und so muß ich sie geben und meine Vorsicht opfern . Nun denn , es scheint mir unerläßlich , daß Sie mit Ihrem Onkel sprechen . « » Ich freue mich dieser Bestätigung meiner eignen Ansicht . « » Sie müssen mit ihm sprechen , sag ich , auf alle Fälle , trotzdem ich weiß , daß er ein absolut unberechenbarer Herr ist und sich aus lauter Widersprüchen zusammensetzt oder doch aus Eigenschaften , die danach aussehn . Er steckt , und insoweit liegt die Sache zunächst nicht allzu günstig für Sie , bis über die Ohren in Dünkel und Standesvorurteilen , und doch ist ebensogut möglich , daß er Sie küßt und umarmt und sich vorweg zu Gevatter lädt . Auf Ehr . « Waldemar lächelte vor sich hin , aber es war ein Lächeln , das mehr Zweifel als Zustimmung ausdrückte . » Ja , Waldemar . Sie lächeln . Und wenn ich Ihren Onkel nach seiner Alltags- und Durchschnittslaune beurteile , so kann ich nur sagen , Sie haben ein Recht zu lächeln . Aber , um es zu wiederholen , er ist auch einer völlig entgegengesetzten Auffassung fähig , und ich hab ihn im Klub und auch sonstwo Dinge sagen hören , daß mir das Blut in den Adern starrte . « » Und in Fragen wie diese ? « » Wie Sie sagen ; just in Fragen wie diese . War es vor oder nach dem Kriege , gleichviel , aber es sind noch keine zehn Jahre , daß sich der jüngste Schwilow mit der Duperré verlobte , Balletteuse comme il faut . Sie werden sich ihrer erinnern und damals von der Sache gehört haben . Nun , Waldemar , wenn ich sage , die Duperré hatte , was Ruf angeht , einen Knacks , so sagt das eigentlich gar nichts , denn sie war ein Knacks vom Wirbel bis zur Zeh - die Zeh selbst war natürlich ihr Bestes - , und alle Welt war außer sich , und der Klub ballotierte den armen Schwilow , den sie damals Schmilow und ich weiß nicht wie sonst noch nannten , heraus . Lauter schwarze Kugeln . Was aber tat Ihr Herr Onkel ? Er gab ihm mit Ostentation eine weiße Kugel . Und als ich ihn auf dem Heimwege nach dem Warum fragte , blieb er vor der Rampe von Prinz Georg stehn , unten wo die Bohlenbretter liegen oder wenigstens damals noch lagen , und perorierte so laut in die Behrenstraße hinein , daß die Schildwache bis an das Eisengitter der Rampe herantrat und hinuntersah , um zu sehn , was es denn eigentlich gäbe . Und was war es , das er sagte ? Das wäre der erste vernünftige Schritt , den das Haus Schwilow seit fünfhundert Jahren getan . Einer wäre beim Cremmer-Damm , in der sogenannten ersten Hohenzollernschlacht , für die neukreierte Nürnbergerei gefallen , was grad auch nicht das gescheiteste gewesen , seitdem aber schweige die Geschichte von ihnen , was ein wahres Glück sei , sie würde sonst nur von Imbéciles und im günstigsten Fall von allerlei Durchschnittsware zu berichten gehabt haben , von öden Mittelmäßigkeiten , die sich mit den umwohnenden Ihlows - die geradeso wie die Schwilows waren - in einem fort versippten und verschwägerten und sich unausgesetzt der Aufgabe hingaben , die sechzehn Ahnen , die sie schon zu Albrecht des Bären Zeiten hatten , auf zweiunddreißig , vierundsechzig und hundertachtundzwanzig zu bringen . Was ihnen denn auch , wie nicht erst versichert zu werden brauche , längst geglückt sei . Denn schon beim Regierungsantritt des Großen Kurfürsten hätten sie die Zahl voll gehabt . Und in derselben riesigen Proportion , wie die Ahnenreihe , sei auch die Stultitia gewachsen , die einzig historisch beglaubigte Ahnfrau des Geschlechts . Und nun passen Sie auf , Papageno ( so schloß er ) , wir erleben es freilich nicht mehr und können es nur von einem andern Stern aus - vielleicht von der Venus , was mir das liebste wäre - beobachten , aber das sag ich Ihnen , diese Balletteuse bringt die ganze Sippe wieder auf die Beine , der ganze Stammbaum , der gerade deshalb für uns und die Menschheit so dürr ist , weil er für sich selbst so wunderbar grünt und blüht , kriegt wieder ein andres Ansehn , und wo bis jetzt immer nur Landrat oder Deichhauptmann stand , stehen , von Anno 1900 an , junge Genies , Feldherrn und Staatsmänner , und irgendein Skriblifax schreibt ein dickes Buch und beweist durch Grabschriften und Taufscheine , daß die Duperré die Tochter oder Enkelin des Admirals Graf Duperré gewesen sei , desselben prächtigen alten Duperré , der 1830 Algier bombardierte , den Dey von Tunis gefangennahm und fast so vornehm war wie die Montmorencys oder die Lusignans . Glauben Sie mir , Baron , ich kenne Familien und Familiengeschichten , und mein Wort zum Pfande , wo das alte Blut nicht aufgefrischt wird , da kann sich die ganze Sippe begraben lassen . Und behufs Auffrischung gibt es nur zwei legitime Mittel : Illegitimitäten oder Mesalliancen . Und sittenstrenger Mann , der ich bin , bin ich natürlich für Mesalliancen . « Waldemar sah vor sich hin . Dann nahm er das Wort und sagte : » Wohl , ich könnte mir einen Trost und eine Hoffnung daraus nehmen und eine freundliche Aufnahme beim Onkel wenigstens als eine Möglichkeit gewärtigen . Aber muß ich Sie , lieber Baron , an den alten , unserm gesamten Adel so geläufig gewordenen Satz erinnern : Ja , Bauer , das ist was andres . Immer der andre , der andre . Was für die Schwilows gilt , gilt darum noch nicht für die Halderns . Dem andern , so denkt jeder einzelne , darf alles passieren , aber nicht ihm selbst . Es ist eine merkwürdige Erscheinung , mit welcher Gleichgültigkeit alte Familien sich gegenseitig beurteilen und welches Arsenal von Spott verschossen wird , die sich gleichdünkenden und mitbewerbenden Mächte zu ridikülisieren . Aber dieser Spott , ich muß es noch einmal sagen , ist immer nur für den andern da . Was kümmern meinen Oheim die Schwilows ? Je mehr Balletteusen , desto besser , denn mit jeder neuen Balletteuse hat er nicht bloß einen neuen Stoff für die Klubmedisance , sondern auch eine beständig erneute Veranlassung , sich mit immer wachsendem Stolze des ungeheuren Unterschiedes zwischen den verduperréten Schwilows und den oberpriesterhaft rein gebliebenen Sarastro-Haldern bewußt zu werden . Das zieht sich durch alle Adelsgeschichten , wiederholt sich bei jeder Familie : je freier in der Theorie , desto befangener in der Praxis , desto enger und ängstlicher in der Anwendung auf das eigne Ich . « » Es ist , wie Sie sagen , Waldemar , und ich mag mich nicht verbürgen , daß es mit Ihrem Onkel anders steht . Aber steh es mit ihm , wie ' s wolle , Sie müssen ihm unter allen Umständen das Wort gönnen . Es bleibt doch immer die Möglichkeit seiner Zustimmung , und versagt er sie , nun so war es am Ende bloß der Onkel , bloß eine halbe Respektsperson , der man , wenn es zu toll kommt , den Respekt auch kündigen kann . Und da liegt der Unterschied zwischen Onkel und Vater . Einem Vater gegenüber , und wenn er einem das Furchtbarste sagt , muß man sich ruhig verhalten und sich das Furchtbarste gefallen lassen , das verlangt so das vierte Gebot . Aber das vierte Gebot schneidet scharf ab und versteigt sich , soweit mir bekannt ist , nirgends zu dem Zusatzparagraphen : Du sollst Onkel und Tante ehren . Und das ist ein wahres Glück . Gott , Tante ! Ich hatte auch mal eine , eine merkwürdige Frau , die Gott weiß was von mir verlangte , nur nicht das eine , daß ich sie ehren sollte . Beinah das Gegenteil . Nein . Onkel und Tante sind hors de concours . Einem Onkel gegenüber kann man sich seiner Haut wehren , einem Onkel kann man antworten und widersprechen und steht schlimmstenfalls Mann gegen Mann , und wär es mit dem Pistol in der Hand . Also nur vorwärts , Waldemar , vorwärts . « Der junge Graf erhob sich , der Baron aber wollte von Aufbruch noch nichts wissen und drückte seinen Gast leise wieder in das Sofa zurück . » Ich bitte Sie , Waldemar , Sie werden doch nicht gehn , ohne meinen Lafitte gekostet zu haben . Ich weiß , Sie machen sich nichts draus , unter allen Umständen ist Ihnen die Stunde zu früh ; aber ich lasse Sie nicht los , und wenn Sie nicht trinken wollen , nun so nippen Sie wenigstens . Anstoßen müssen wir doch , um dem Geschäftlichen einen ungeschäftlichen und , wenn ' s sein kann , einen gemütlichen Abschluß zu geben . « Während er noch so sprach , war er an einen Wandschrank getreten , der in seinem untersten Fach zugleich sein Weinkeller war , und kam mit zwei Gläsern und einer Flasche zurück . An der Art , wie er den Kork zog , erkannte man den Frühstücker von Fach , und nun goß er ein und stieß an . » Hören Sie , wie das klingt . So harmonisch soll alles klingen . Ja , harmonisch , das ist das rechte Wort . Und nun Ihr Wohl , Waldemar . Ich halte Sie nicht mehr lange fest , aber doch fünf Minuten noch . Ich muß Ihnen nämlich eine Liebeserklärung machen , die Sie mir zugute halten wollen . Einem solchen vieux wie ich muß man was zugute halten . Sehen Sie , Sie haben ein so gutes Gesicht , ein bißchen schwermütig , aber das tut nichts , das gibt einen Charme mehr , und ich wollte mein Leben darauf verwetten , daß Sie keinem Menschen je was zuleide getan haben . Ich schloß Sie gleich in mein Herz , gleich den ersten Abend ... Und nun bring ich noch eine Gesundheit aus , aber ohne Namen . Wozu sollt ich ihn auch nennen ? Er steht ohnehin in Ihrem Herzen ... Und sehen Sie , Sie sind mir seitdem noch lieber geworden . Im ersten Augenblick bekam ich einen Schreck , ich kann es nicht leugnen , und als ich nun gar noch einen Rat geben sollte , ja , das war mir ein bißchen zuviel . Aber das Diplomatische , das Offizielle , das liegt nun hinter uns , und ich kann nun sprechen , wie mir der Schnabel gewachsen ist . Und da will ich Ihnen denn aufrichtig sagen , aber nur so ganz unter uns , Sie brauchen sich nicht auf mich zu berufen , ich freue mich immer , wenn einer die Courage hat , den ganzen Krimskrams zu durchbrechen . Es gilt auch von dieser Ebenbürtigkeitsregel , was von jeder Regel gilt , sie dauert so lange , bis der Ausnahmefall eintritt . Und Gott sei Dank , daß es Ausnahmefälle gibt . Es lebe der Ausnahmefall . Es lebe ... Noch ein halbes Glas , Waldemar . Und was ich Ihnen zum Abschiede noch sagen wollte , ja , sagen muß , der jüngste Schwilow , von dem ich Ihnen vorhin erzählte , hatte recht , und Ihr Onkel hatte zweimal recht , und die Gesellschaft beruhigte sich über die Duperré . Noch kein Vierteljahr , daß ich die jetzige Baronin Schwilow auf Tzschatschow , etwas schwer auszusprechen , im Französischen Theater traf , wo die Subra die Froufrou spielte . Sie sah reizend aus , ich meine die Schwilow - die Subra natürlich auch - , und als sie im Zwischenakt das Köpfchen warf und dabei die Brillanten im Ohrläppchen hin und her läuteten , da läutete sie zugleich die ganze vornehme Gesellschaft zusammen . Und wissen Sie , wer ihr am meisten den Hof machte ? Natürlich der Herr Onkel , der aussah , als ob er selber geneigt sei , das von ihm prognostizierte dicke Buch von der gräflichen Admiralstochter zu schreiben . Ja , ja , Waldemar , Erfolg und Mut . Oder beginnen wir mit dem Mut . Am Mute hängt der Erfolg . Und nun Gott befohlen . « Waldemar hatte sich inzwischen erhoben und seinen Hut genommen . Er dankte dem Baron und bat ihn , wenn ein ernsteres Zerwürfnis eintreten sollte , seinen Besuch wiederholen zu dürfen . Zwölftes Kapitel Waldemar , als er bei Baron Papageno vorsprach , hatte die Meinung des Barons in einer ihm wichtigen Angelegenheit hören , im übrigen aber in eben dieser Sache sich durchaus nicht beeilen wollen . Umgekehrt , ein seiner Natur entsprechendes Abwarten und Hinausschieben , und wenn auch nur auf ein paar Tage , war auch diesmal sein Plan gewesen , und erst der ermutigende Ton , in dem der Baron gesprochen hatte , hatte den Gedanken in ihm angeregt , den Besuch beim Onkel , in Ausnutzung der guten Stimmung , in der er sich befand , auf der Stelle machen zu wollen . So bog er denn vom Zietenplatz her in die Mauerstraße ein , sah , als er das Königsmarcksche Palais passierte , zu der zweiten Etage , hinter deren kleinen Fenstern er mit einem vor Jahr und Tag dort wohnenden Freunde manche glückliche Stunde verplaudert hatte , hinauf und stand , nach einer abermaligen Straßenbiegung , vor dem altmodischen , im übrigen aber gut und sauber gehaltenen Hause , dessen oberes Stockwerk der Onkel seit einer Reihe von Jahren innehatte . Portiersleute fehlten , statt ihrer aber war ein ganzes System von Gittertüren da , das , wenn man unten - oder , was dasselbe sagen wollte , vor einem mit allerhand unleserlichen Blechschilden reich ausgestatteten Parterre-Verhau - klingelte , mitunter wie durch einen rätselhaften Federdruck in seiner Gesamtheit aufsprang , mitunter aber auch nicht , in welch letzterem Falle die nun von Etage zu Etage nötig werdende Einzel-Klingelei gar kein Ende nahm und bei jedem neuen Gitter zu dem Erscheinen eulenartiger alter Köchinnen führte , deren Examinationsverfahren um so peinlicher und eindringlicher war , als nur ihr Auge die Fragen stellte . Waldemar war zu lang und zu gut mit dieser altberlinischen Haus- und Treppeneinrichtung bekannt , um für gewöhnlich Anstoß daran zu nehmen , heute jedoch hatte dieses Absperrungssystem eine gewisse Bedeutung für ihn , und jede neu zu passierende Gittertür erschien ihm wie eine Mahnung , » es lieber nicht versuchen zu wollen « . Der mitgebrachte gute Mut indes überwand alle Bedenklichkeiten und ließ ihn schließlich bei der dritten und letzten Gittertür ankommen , an der er von einem alten Muffel von Diener ( natürlich vom Lande ) , dessen Umwandlung ins Herrschaftliche sich nur sehr unvollkommen vollzogen hatte , mit einigermaßen überraschlicher Freundlichkeit empfangen wurde . Der Herr Graf seien zu Haus und würden sich sehr freuen . » Er sitzt über die Kupferstiche « ( so schloß er ) , » und wenn er da drüben her is , is er immer guter Laune . « Der Diener ging voran , um zu melden , und der Eindruck , den Waldemar gleich bei seinem Eintreten empfing , war der denkbar günstigste . Wenn schon immer eine gewisse , durch einen guten Geschmack in Einrichtung und Ausschmückung bedingte Behaglichkeit in dem Wohnzimmer des Onkels anzutreffen war , so war diese Behaglichkeit heute bis zur Gemütlichkeit gesteigert . Die Fenster standen auf , und von den » Linden « her klang die Musik eines auf Wache ziehenden Bataillons herüber . Aber das war nicht alles , einfallende Lichter blitzten an den Wänden hin und her , und auf einem großen und eleganten Ständer von Mahagoniholz , dessen Wände niedergeklappt waren , lag eine Kupferstichmappe , darin der alte Graf emsig und andächtig zu blättern schien . Er trug schottischkarierte Pantalons , Sammetrock und einen Fez mit Puschel , alles in allem ein ziemlich sonderbar zusammengestelltes Kostüm , das freilich vollkommen zu seiner Versicherung stimmte : dem Eklektizismus gehöre die Welt . » Ah , Waldemar . Soyez le bienvenu . Herzlich willkommen , mein Junge . Nimm einen Stuhl oder stelle dich persönlich hierher ... Im übrigen ganz nach deiner Bequemlichkeit . Du findest mich in einer gewissen Aufregung : eben hat mir Amsler diese Mappe voll italienischer Stiche geschickt , und ich schwelge in Reminiszenzen . Sieh ... « » Mantegna ... « » Ja , Waldemar , Mantegna . Du wirst das Original in der Brera gesehen haben . Süperbe . Wie das wohltut , eine verständnisvolle Seele zu finden . Alles redet von Kunst , aber niemand weiß etwas davon , und die wenigen , die die Wissenden sind , die fühlen wieder nichts oder wenigstens nicht genug . Ich möchte wissen , oder lieber nicht wissen , was der Baron zu diesem gekreuzigten und zugleich so wundersam verkürzten Christus sagen würde . Mantegna , für den ich beiläufig eine Spezialpassion habe - du hast doch hoffentlich seine Fresken im Gonzagaschen Palaste gesehn - , Mantegna , sag ich , hat den Leichnam Christi hier von der Fußsohle her gemalt , ein Wunderstück der Verkürzung , etwas Klassisches ; etwas Niedagewesenes , versteht sich , in seiner Art. Ich wette zehn gegen eins , der Baron würde mir versichern , Christus sähe hier aus wie eine Badepuppe . Und wenn er sich dazu aufschwänge , so wär es nicht das schlimmste . Denn das ist zuzugestehn , die ganze Gestalt hat etwas Verzwergtes , etwas Koboldartiges , und indem ich darüber spreche , kommt mir ein andrer Vergleich , der mit dem von der Badepuppe beinah zusammenfällt . Wahrhaftig , dieser Zwerg-Christus erinnert mich an das in Holz geschnitzte Christkind in Ara Celi , an die Bambino-Puppe . Findest du nicht auch ? « » In der Tat « , antwortete Waldemar , » es erinnert daran . Aber ich fürchte , lieber Onkel ... « » ... dich gestört zu haben . Nein , Waldemar . Ein Italianissimus wie du kann mich nie stören , wenn ich in italienischen Erinnerungen schwelge . Nichts davon . Aber diese Dinge stören dich . Wenigstens heute . Du bist zerstreut , du hast etwas auf dem Herzen . Und es kann nichts Kleines sein , denn ich seh in deinem Gesichte so was wie Fieberröte , die mir nicht recht gefällt . Laß dir sagen , Waldemar , was du freilich auch ohne mich weißt , daß dein Leben an einem seidnen Faden hängt . Also solide ! Debauchiere , wer kann und mag , aber jeder nach seinen Kräften , und durchschwärmte Nächte sind nicht für jedermann und sicherlich nicht für dich . Übrigens nichts für ungut . Sitte hin , Sitte her , ich bin kein Sittenrichter und jedenfalls der letzte , dich für den Jünglingsverein anwerben zu wollen ; meinen Beitrag zahl ich . Aber Gesundheit , Waldemar , Gesundheit ; du bist für immer ins Schuldbuch der Tugend eingeschrieben , oder um mich deutlicher und doch zugleich kaum minder poetisch auszudrücken , du mußt leben wie eine eingemauerte Nonne ; den andern trau ich nicht recht . Und nun sage mir , wenn sich ' s sagen läßt , woher die roten Flecke ? « Waldemar lachte . » Von einem zu frühen Frühstück , lieber Onkel . Ich war beim Baron , und als ich gehen wollte , hielt er mich mit einem Glase Lafitte fest . « Jetzt war das Lachen auf des alten Grafen Seite . » Der gute Baron . Er nennt es Lafitte , Gott verzeih es ihm , und bildet sich noch ein , eine Weinzunge zu haben . Und warum ? Weil er von der Voraussetzung ausgeht , ein beständiger Frühstücker müsse sich auch zum Frühstücksverständigen ausbilden . Ein Satz , der grundfalsch ist und an die Doktoren erinnert , die mit Stolz von ihrer fünfzigjährigen Erfahrung sprechen , nachdem ihnen jeder einzelne wenn irgend möglich gestorben ist . Glaube mir , Waldemar , wer beständig zwischen Hiller und Dressel hin und her pendelt , kann seine Zunge verfeinern , aber auch nicht . Und das letztre bildet die Regel . Übrigens , um elf beim Baron ; was bedeutet das ? Da muß was vorliegen . Und nun heraus damit ! « » Ich war da , mir seinen Rat zu holen . « » Bei dem Baron ? Rat ? Nun , da steh ich doch noch lieber zu seinem Lafitte . Der ist schlimmstenfalls mit Pepsinpastillen zu bekämpfen , aber von seinem Rat ist kein Erholen . Waldemar , ich dächte doch ... Rat ! Nun , ich bin auch nicht von den Sieben Weisen Griechenlands , aber neben dem Baron ... Oder vielleicht war der gute Papageno nur Vorstufe . Laß hören . Ist es eine Sache , von der ich erfahren darf , an der ich möglicherweise mit raten und taten kann ? « » Ja , Onkel . Und zu dem Zwecke bin ich hier . Es ist , wie du sagst , der Baron war nur Vorstufe . « » Nun denn ? « » Also kurz , ich habe vor , mich zu verheiraten . « Der alte Graf schlug mit der flachen Hand auf den Tisch . » Du erschrickst ... « » Ich erschrecke nicht . Das ist nicht das rechte Wort , und wenn ich eben mit der Hand auf den Tisch schlug , so war es nur ein lebhaftes oder vielleicht auch zu lebhaftes Zeichen meiner Teilnahme . Nervosität , nichts weiter . Du bist überhaupt ein Gegenstand meiner Teilnahme , Waldemar , denn ich bin dir ungeheuer gut , und wenn ich das Wort nicht haßte , weil soviel Mißbrauch damit getrieben wird , so spräch ich dir rundheraus von meiner Liebe . Wahrhaftig , Junge , du bist der Beste von allen lebenden Halderns - vielleicht können wir auch die Toten mit einrechnen - , und ich weiß nicht , was ich alles für dich tun könnte . Daß du mich beerbst , versteht sich von selbst ; ich wünsche dir jedes erdenkliche Glück . Aber eines , wenn es eins ist , wünsch ich dir nicht . Ein Mann wie du heiratet nicht . Das bist du drei Parten schuldig : dir , deiner Nachkommenschaft - die bei kränklichen Leuten wie du nie ausbleibt - und drittens der Dame , die du gewählt . « » Es ist keine Dame . « Der alte Graf verfärbte sich . Unter einem halben Dutzend Möglichkeiten , die durch sein Hirn schossen , war auch eine ... Nein , nein ... Und er faßte sich wieder und sagte mit wiedergewonnener Ruhe : » Keine Dame . Was dann ? Wer ? « » Stine . « Der alte Graf sprang auf , warf seinen Stuhl um einen Schritt zurück und sagte : » Stine ! Bist du toll , Junge ? « » Nein . Ich bin bei Sinnen . Und ich frage dich , ob du mich hören willst ? « Der Graf sagte nicht ja und nicht nein , setzte sich aber wieder und sah Waldemar fragend an . » Ich nehme an « , fuhr dieser fort , » daß du mich hören willst . Und wenn du meinen ersten Satz gehört haben wirst , so wirst du ruhiger werden . Ich bin in den Jahren und in der Lage , selbständig handeln zu dürfen , und ich werde selbständig handeln . An dem allen ist nichts zu ändern ; Krankheit macht eigensinnig , und die Halderns sind es von Natur . Ich komme nicht , um eine Familienerlaubnis nachzusuchen , die mir , wenn das Gesetz eine Verweigerung zuließe , verweigert werden würde . Da dies nicht der Fall ist , so hat anfragen und Antwort einholen keinen Sinn . Und so denn noch einmal , meine Entschlüsse sind gefaßt . Du sollst nicht den Anwalt für mich machen , am wenigsten für das , was ich vorhabe : mit solchen Dingen komm ich dir nicht , und wenn ich nichtsdestoweniger dein gutes Wort erbitte , so geschieht es , weil alles Gehässige meiner Natur widerstreitet . Haß ist mir häßlich . Ich erbitte dein gutes Wort , weil ich versöhnungsbedürftig bin und in Frieden aus dieser Alten Welt scheiden möchte . « » Was heißt das ? Was hast du vor ? Waldemar , ich bitte dich , du wirst uns doch nicht eine dieser modernen Selbstmordskomödien aufführen und dich mit deiner Stine nach erfolgter Kopulation , das Wort bleibt mir in der Kehle stecken , auf eine Bahnschiene werfen oder im Hans-und-Grete-Stil in einen Dorftümpel stürzen wollen ? Ich bitte dich , Waldemar , verschon uns wenigstens mit einem Debüt im Polizeibericht . « » Es ist nicht das . Ich habe nur einfach vor , mit der Alten Welt Schicht zu machen und drüben ein anderes Leben anzufangen . « » Und als Hinterwäldler deine Tage zu beschließen . Umgang mit Chingachgook , alias le gros serpent , und Vermählung deiner ältesten Tochter Komtesse Haldern mit irgendeinem Unkas oder einem Großgroßneffen von Lederstrumpf . Was meinst du dazu ? Und wenn nicht Hinterwäldler , so doch Cowboy , und wenn nicht Cowboy , so vielleicht Kellner auf einem Mississippidampfer . Ich gratuliere . Waldemar , ich begreife dich nicht . Ist denn keine Spur von Haldernschem Blut in dir ? Ist es denn so leicht , aus einer Welt bestimmter und berechtigter Anschauungen zu scheiden und bei Adam und Eva wieder anzufangen ? « » Da triffst du ' s , Onkel . Ja , bei Adam und Eva wieder anfangen , das will ich , da liegt es . Was dir ein Schrecken ist , ist mir eine Lust . Ich habe mir sagen lassen , alles regle sich nach einem Gesetz des Gegensatzes , das zugleich ein Gesetz des Ausgleichs ist , eine neue Theorie von diesem oder jenem , die Vorhand ist , glaub ich , streitig . Aber gleichviel , von wem sie herrührt , es hat damit nach meiner eigenen Erfahrung und ebenso nach meinem bißchen Wissen seine vollkommne Richtigkeit . Der Alte Fritz haßte das Alte Testament , weil er in seiner Jugend erbarmungslos damit gequält worden war , und der dicke König liebte die Frauen und überschätzte sie , weil sie fünfzig Jahre lang vom preußischen Hofe verbannt gewesen waren . Alles , was unten ist , kommt mal wieder obenauf , und was wir Leben und Geschichte nennen , läuft wie ein Rad ; la grande roue de l ' histoire sagen die Franzosen . Und nun laß mich die Nutzanwendung machen . Die Halderns haben lange genug an der Feudalpyramide mit bauen helfen , um endlich den Gegensatz oder den Ausgleich , oder wie du ' s sonst nennen willst , erwarten zu dürfen . Und da kommt denn nun Waldemar von Haldern und bezeigt eine Neigung , wieder bei Adam und Eva anzufangen . « Der Alte war nicht unempfindlich gegen solche Sätze , die , wenn sich ' s nicht um Verwirklichung an einem Familienmitgliede gehandelt hätte , sehr wahrscheinlich seinen Beifall gehabt haben würden . Ein Lächeln lief über sein Gesicht , das ausdrücken mochte : » Sieh , er führt seine Sache gut « , ja , vielleicht entsann er sich sogar , in Übermut und Weinlaune mehr als einmal dasselbe proklamiert zu haben . Und so war es denn in einem viel ruhigeren Tone , daß er antwortete : » Waldemar , laß uns vernünftig reden . Ich bin nicht so verrottet , wie du glaubst . Ich kann dem allen folgen , und ich habe von der göttlichen Weltordnung nicht die Vorstellung , daß sie sich mit dem Staatskalender und der Rangliste vollkommen deckt . Ja , ich will dir noch mehr sagen : ich habe Stunden , in denen ich ziemlich fest davon überzeugt bin , daß sie sich nicht damit deckt . Und es werden , und vielleicht in nicht allzu ferner Zukunft , die Regulierungszeiten kommen , von denen du eben sprachst , und vielleicht auch wieder die Adam-und-Eva-Zeiten . Und sie mögen auch kommen , warum nicht ? Ich bin vor Adam nie erschrocken und vor Eva erst recht nicht . Aber sind gerade wir dazu da , dem weltgeschichtlichen Umschwungsrade , das du da vorhin zitiertest , sind , sag ich , gerade wir dazu da , diesem grande roue de l ' histoire solchen energischen Vorwärts- oder meinetwegen auch Zurückruck zu geben ? Überlasse das andern