. » Ja , Lehnert , so wird es kommen , und wir werden wieder gute Nachbarschaft halten , und alles wird gegenseitig sein , und ich werde mir bei der guten Frau Opitz wieder ein Mangelholz oder ein Kuchenblech borgen können , und Christine wird nicht mehr nötig haben , immer so zu tun , als ob sie sich aus uns nichts mache , nein , sie wird jede Stunde kommen können , und dann wird es auch noch was werden mit euch zwei beiden , und wir werden dann eine Hochzeit haben wie die gestern in Brückenberg . « » Ach , Mutter , rede doch nicht immer von der Christine ! « » Warum nicht , Lehnert ? Es ist ein gutes Kind , das was auf sich hält und was gespart hat . Und wenn ' s dann Hochzeit gibt ... « » Ja , wenn , wenn ; die gibt es aber nicht . Christine ist eine Magd , und eine Magd heirate ich nicht , auch wenn sie drei Sparkassenbücher und eine ganze Linnentruhe hat . Ich versteh meine Sach und will in die Stadt gehen und eine Städtische heiraten , die Manieren hat . Und am liebsten will ich in die Welt gehen und gar nicht heiraten ; es brennt mir hier unter den Füßen , und wenn es nicht deinetwegen wäre , Mutter , so ging ' ich lieber heut als morgen . Übers Meer will ich . Es ist mir alles so klein und eng hier , ein Polizeistaat , ein Land mit ein paar Herren und Grafen , so wie unserer da , und sonst mit lauter Knechten und Bedienten . Aber davon verstehst du nichts , und ist dir auch gleich . Mir aber ist es nicht gleich . Ich mag nicht , daß , wenn ein Schuß fällt , gleich sieben Förster da sind , die ' s mit ihren vierzehn Ohren hören und sich die Köpfe zerbrechen , wer da mal wieder den Staat betrügt und ein schwer Verbrechen auf seine Seele lädt . Und vielleicht war es gar nichts , bloß eine Milchsuppe von Berliner , ein Gymnasiast , der oben bei Wang ein paar Zündhütchen verknallt . Eine jämmerliche Welt hier ; immer muß man scherwenzeln , und wenn man nach vorn hin dienert , stößt man nach hinten hin einen um . Eng und klein , sag ich , und ich möchte , wenn Siebenhaar auch dagegen ist - der Alte weiß nichts von solchen Dingen - , für mein Leben gern nach Amerika , wo ' s anders aussieht und wo , wenn ich mein Gewehr abschieße , niemand es hört als Wald und Berg und auf zehn Meilen in der Runde kein menschlich Ohr ist . « » Das hast du wieder aus dem Buch , Lehnert . Wenn du doch das Lesen lassen wolltest . Siebenhaar hat es gut gemeint , als er dich auf die Schule geschickt . Aber mitunter denk ich , es wäre besser gewesen ... « » Ich wüßte gar nichts und wüßt auch nicht , daß es eine neue Welt gibt , die besser ist als die alte . Ja , Mutter , mag sein ; aber das ist nun zu spät . Und ich danke Gott , daß ich ' s weiß und daß es einen Platz gibt , wo man hin kann , wenn einem der Boden hier zu heiß wird und das Leben zu miserabel vorkommt . Und nun bin ich auch noch auf den Opitz eingeschworen und soll Friede halten . Ach , es gefällt mir nicht und tut mir schon wieder leid , daß ich ' s dir und dem Alten versprochen und mein Wort gegeben habe . Und dem Alten sogar doppelt . Ach , dieser Opitz ! Als ich mich jeden Tag noch über ihn wüten konnte , das war doch was , wenn ' s auch bloß Wut und Haß war , aber nun hab ich gar nichts und werde mir jede Stunde sagen müssen , daß ich ein Lump und ein Feigling geworden bin und daß der Kerl mich untergekriegt hat . Ach , Mutter , es wird nichts . Siebenhaar hat es gut gemeint , aber aus Hund und Katze kann man kein Paar machen ; eine Weile mag es gehen , aber mit einem Male hebt die Katze die Pfote wieder , und der Hund packt zu . Hoffentlich bin ich der , der zupackt . « So redete Lehnert eine gute Weile , bis er zuletzt aufsprang und im Zimmer auf und ab schritt . Aber auch im Aufundabschreiten sprach er noch weiter , allerhand Unverständliches zwischen den Zähnen murmelnd , und mitunter war es , als ob er mitten in einem Streite stünde . Plötzlich blieb er stehen , erst vor der am Ofen hängenden Zither , über deren Saiten er - er war fast ein Virtuos auf diesem Instrument - mechanisch mit dem Zeigefinger hin und her fuhr , dann vor einem alten vergilbten Kalender , der , hart an der Tür , an demselben Riegel wie seine Flinte hing . Eben diese Flinte nahm er jetzt ab und stellte sie beiseit und riß aus dem Kalender ein paar Blätter heraus , hartes , steifes Papier , draus er seine Patronenhülsen zu machen pflegte . » Was hast du vor , Lehnert ? Du willst doch nicht in den Wald , am hellen lichten Tag ? « Es war , als ob die Worte der Alten ihn wieder zu sich brächten . Er lachte und warf die Blätter , deren eines er schon zu drehen begonnen hatte , rasch ins Feuer und hing die Flinte wieder an den Haken , von dem er sie genommen hatte . Das Ganze war wie ein Anfall gewesen . Rasch , wie es gekommen , ging es wieder , und er kehrte zu seinem Arbeitsschuppen zurück . Eine Woche verging , während der seine Stimmung beständig wechselte , was bei den Erlebnissen der letzten Zeit und mehr noch bei seinem von Natur beweglichen Gemüt nicht wohl wundernehmen konnte . Denn so gewiß er einen Hang nach dem Abenteuerlichen hatte , so gewiß überkam ihn auch , inmitten dieses Hanges , eine plötzliche Sehnsucht danach , die Hände in den Schoß zu legen und alles ruhig über sich ergehen zu lassen . Er war dann mit einem Male von der Vergeblichkeit alles Ankämpfens überzeugt und verlor in diesem ihn überkommenden Gefühl seiner Ohnmacht auch die Lust zum Kampf . » Ja , die Alte hat eigentlich ganz recht . Was ist all die Jahre bei meiner Auflehnung herausgekommen ? Nur Ärger und böses Blut . Und so geht es dann weiter , immer Zug um Zug , bis man sich das Messer in die Brust stößt . Ach , es ist besser , ich tue , was ich versprochen hab , und grüß ihn , anstatt ihn anzustarren und ein spöttisch Gesicht zu machen . Er ist der Stärkere , weil er im Dienst ist und die Gerichte neben und hinter sich hat . Und wer mit dem Stärkeren anbindet , solang er noch eine Wahl hat , der ist ein Narr . Wahrhaftig , was hab ich davon gehabt ? Nichts , als daß ich zwei Monate hinter Schloß und Riegel war und daß nun in meinen Akten steht : Bestraft . Und wer kann immer gleich erzählen , wie ' s kam und daß es eigentlich nichts war ; bestraft ist bestraft , und wenn man gefragt wird , wie ' s denn eigentlich mit einem stehe , so wird man rot und steht da , als ob man ein Galgenvogel wär oder einer , der den Leuten die Uhr aus der Tasche zieht . « In dieser Richtung gingen tagelang Lehnerts Betrachtungen , und mehr , er tat auch danach , und wenn er in der letzten Woche , bloß um einer Begegnung auszuweichen , den großen Umweg am Waldsaume hin gemacht hatte , so zwang er sich jetzt , die Begegnung geradezu zu suchen , nur um durch artigen Gruß oder auch wohl durch ein » Guten Morgen , Herr Förster « seinen Respekt zu bezeugen . Und Opitz freute sich dieser Wandlung und gefiel sich seinerseits darin , den Gnädigen zu spielen . Er trat jetzt öfter , wenn Lehnert vorüberging , mit einer Art wohlwollenden Behagens , an den Staketenzaun heran und verstieg sich nicht bloß zu Fragen und Scherzworten , sondern einmal sogar bis zur Inanspruchnahme kleiner Gefälligkeiten . » Ihr geht ja nach Arnsdorf , Lehnert . Bitte , nehmt das mit an den Grafen , und wenn Ihr bei Pohl vorbeikommt , so bringt mir eine Kruke Himbeersaft mit herauf . Oder lieber eine Flasche , wenn er ' s in Flaschen hat . Ich kann heut die Christine nicht schicken . « An solchen Annäherungen war eine Zeitlang kein Mangel , und Frau Menz berechnete sich schon , was , im Herbst , beim Gänseschlachten , auf das sie sich ganz vorzüglich verstand ( sie sang dann immer , wenn sie die Gans zwischen die Knie nahm und mit dem Messer zu bohren anfing , allerlei Wiegenlieder ) , an Federn und Fett für sie abfallen würde . » Ja , Lehnert , du siehst es nun . Ist es nicht besser so ? Haben wir nicht gute Tage ? Sage selbst ! « Aber diese guten Tage sollten nicht Dauer haben . Im Gegenteil , sie gingen so rasch , wie sie gekommen waren , und wie gewöhnlich war es ein bloßes Geklätsch , was den ersten Anstoß zu diesem Wiederhinschwinden gab . Christine , wohl wissend , welche Pläne Frau Menz mit ihr hatte , war jetzt oft drüben bei der Alten , öfter vielleicht , als gut war , und jedenfalls öfter , als sie sollte . Zu verdenken war es ihr freilich nicht , denn die Försterei , wenn Opitz im Wald war , war ein schweigsames , ja beinah ein melancholisches Haus , in dem wenig gesprochen wurde . Plaudern aber und sich aussprechen war Christinens größte Lust , und dazu gab es für sie keine bessere Gelegenheit als bei den Menzes drüben . Alles nahm ihr die Alte wie vom Munde weg , und wenn drüben bei Opitzens eine Maus gefangen oder ein Fliegenstock umgefallen war , so war es ein mitteilenswertes Ereignis , an das sich sofort allerlei Hoffnungen und Befürchtungen knüpften . Und zu solcher Plauderstunde war man eben wieder beisammen und genoß sie doppelt , weil Christine nicht mit leeren Händen , sondern mit einem Teller voll prächtiger Glaskirschen herübergekommen war , deren Heranreifen die alte Menz schon seit anderthalb Wochen mit Aufmerksamkeit verfolgt hatte . » Die schickt Euch die Frau Försterin « , sagte Christine . » Gott , Gott , die Frau Försterin ! Eine seelensgute Frau , das muß wahr sein , und alle wie frisch vom Baum und keine angestoßen . Aber er auch , er is auch gut ; ein bißchen bullrig und kollert gleich , aber wer es bloß versteht , der hat es gut mit ihm . Und wie soll er ' s denn auch anders machen ? Er muß doch auch welche anzeigen . Lehnert sagt es auch . Und sie sind ja jetzt ein Herz und eine Seele . « » Ja « , sagte Christine . » Das sind sie . Das heißt , solang es dauert . « » Wird schon dauern , Kind , wird schon . Warum soll es nicht dauern ? Sie haben sich nun beide die Hörner abgestoßen und sehen , daß Frieden besser ist als Krieg . Lehnert grüßt ihn und gafft ihm nicht mehr ins Gesicht . Guten Morgen , Herr Förster , sagt er . Und dann stehen sie beid ' an dem Staketenzaun und haben ihren Schnack . Und neulich hat ihm Opitz einen Zettel an den Grafen mitgegeben und eine Bestellung für unten bei Pohl , und Lehnert hat ihm alles besorgt und ihm den Himbeersaft auch richtig mit raufgebracht . Eine ganze Flasche voll . Es war justament der Tag , als der neue Oberförster kam und ihr drüben den Semmelpudding hattet . Aber was sag ich nur , du mußt es ja besser wissen als ich ... « » Freilich weiß ich es . Aber ich weiß auch , was Opitz sagte . « » Was war es , was er sagte ? « » Nu , sagte er , als er vom Flur in die Küche kam und den Saft vor uns hinstellte , da habt ihr den Saft , das süße Zeug , das der Lehnert mit raufgebracht hat . Und diesmal mag es drum sein . Aber das nächste Mal , Bärbel , das nächste Mal paß besser auf . Der große Herr drüben ist auf eine Weile zahm geworden und frißt vorläufig aus der Hand . Aber wer weiß , ob es vorhält ... Ja , Frau Menz , das war es , was Opitz sagte . Und als meine gute Frau darauf antwortete und ihm zureden wollte , weil Lehnert ja jetzt grüße , da ließ er sie gar nicht zu Worte kommen und bullerte gleich los : Das verstehst du nicht , Bärbel . Was heißt Gruß ? Er grüßt ; aber es ist auch danach . Er hat noch dieselben Mucken wie sonst ; ich seh ' s ihm jedesmal an , wenn er so verlegen dasteht und nicht weiß , was er sagen soll . Und ein Glück ist es , daß er wenigstens eine Weile klein beigegeben ! Davon erholt er sich nicht wieder . Wer mal zu Kreuze gekrochen ist , der bringt die Courage nicht mehr fertig . Das ist nu mal so . « So ging das von Frau Menz und Christine geführte Gespräch , das noch eine Weile weitergesponnen wurde , weil sie sich allein glaubten . Aber sie waren nicht allein . Dicht hinter ihnen stand Lehnert in der offenen Tür und hatte jedes Wort mit angehört . Er zog sich , eh sie seiner gewahr wurden , still wieder zurück und ging auf seinen Arbeitsschuppen und in diesem auf die Stelle zu , wo die Hobelspäne hoch aufgeschichtet lagen . Da warf er sich hin und schlug sich vor die Stirn und schwur und zitterte . Denn er war seiner Sinne kaum noch mächtig . Zuletzt verfiel er in ein krampfhaftes Weinen , aber auch die Tränen gaben ihm keine Erleichterung . Er hatte sich klein und verächtlich gemacht und alles umsonst . Alles lag wieder wie vordem , und vor seiner Seele stand es , wie ' s kommen würde . Neuntes Kapitel Am andern Tage hatte sich Lehnert von dem , was er gehört , insoweit erholt , daß er die Kraft aufbrachte , sich ' s ruhiger zurechtzulegen . » Er traut mir nicht . Soll ich ihm böse darüber sein ? Trau ich ihm ? Was dem einen recht ist , ist dem andern billig . Es ist gut , daß ich nun weiß , wie ' s mit ihm steht und was ich von ihm zu gewärtigen habe . Wenn ich ihm so weiter geglaubt hätte , so wär ich vielleicht unvorsichtig geworden , und das tut nie gut , am wenigsten einem Opitz gegenüber ... Ich will nicht wieder anfangen , nein , er soll anfangen . Dann bin ich ohne Schuld . « So sprach er noch weiter vor sich hin , ohne jede leiseste Vorahnung , daß derselbe Tag noch den alten Streit wieder anfachen sollte . Nur schärfer und bitterer als je zuvor . Es war ein heißer Tag , und die Steine , die durch die Lomnitz hin zerstreut lagen und bei niedrigem Wasserstand einen Übergang von einem Ufer zum andern bildeten , blitzten in der Sonne ; drüben das Heidekraut auf der Opitzschen Seite schimmerte rot , und von dem Lupinenfeld , das sich , freilich als schmaler Strich nur , durch das Heidekraut hinzog , zog ein süßer Duft nach dem Inselchen herüber . Der Himmel stand in einem wolkenlosen Blau . Lehnert , der sich , der großen Hitze halber , von dem Vorplatz am Schuppen unter den Schuppen selbst zurückgezogen hatte , sah einen Augenblick von seiner Arbeit auf und wurde dabei mehrere Taubenschwärme gewahr , deren einer eben über die Tannen am Waldsaum hinschwebte . Plötzlich aber , während er noch so hinaufsah , vernahm er , durch die Mittagsstille hin , einen Hundeblaff und gleich danach einen durchdringenden Hahnenschrei , der , weitab davon , sicher und siegesfroh wie sonst wohl die Seinen zuhauf zu rufen , umgekehrt etwas von einem Angst- und Todesschrei hatte . Lehnert ahnte , was es war , sprang auf die Deichsel und Vorderachse des gerade vor ihm stehenden Arbeitswagens und sah von dieser Hochstellung aus , was drüben passierte . Diana hatte den Hahn an seinem Silberkragen gepackt und schüttelte ihn . Und nun ließ der Hund wieder ab , und die plötzliche Lautlosigkeit verriet nur zu deutlich , daß das schöne Tier , das er gepackt und geschüttelt , tot war . Das gab Lehnert einen Stich ins Herz , denn neben dem prächtigen gelben Rosenstrauch an Haus und Dach war der Silberhahn so ziemlich das einzige , woran er hing ; alles andere war in Rückgang und Verfall . Er ballte die Faust und drohte nach drüben hin , aber er bezwang sich wieder und richtete seinen Zorn und Unmut , einen Augenblick wenigstens , statt gegen Opitz gegen die eigene Mutter . » Die ist schuld ; es mußte so kommen . Hab ich doch den da drüben wohl ein dutzendmal sagen hören : Liebe Frau Menz , wenn Sie nicht nach dem Rechten sehen und das Hühnervolk immer über den Steg und die Steine bis in meinen Vorgarten lassen , ich stehe für nichts ; Diana packt mal zu . Nun hat Diana zugepackt , und wir sind unseren Hahn los und müssen noch still sein und vielleicht auch noch gute Worte geben wegen der Aurikeln und Levkojen oder was das arme schöne Tier sonst noch zerpflückt und zertreten hat ... Aber so ist die Alte , sie will die paar Futterkörner sparen , und selbst ihre Hühner sollen drüben zu Gaste gehen . Es ist ein Elend , und bloß neugierig bin ich , was er nun machen und ob er sich entschuldigen und so was von Bedauern sagen wird . « Und sieh , Lehnert war kaum wieder bei seiner Arbeit , so kam auch schon Christine zur Frau Menz in die Küche und bestellte von Förster Opitz : Es tät ihm leid , daß seine Diana den Hahn gewürgt hätte . Mehr könn er aber nicht sagen . Er habe der Frau Menz im voraus gesagt , daß es so kommen würde . Sein eigener Schade sei noch größer , und wenn er zusammenrechne , was die Menzschen Hühner ihm alles ruiniert hätten , so käme mehr heraus als der Hahn . » Und will er denn den Hahn behalten ? « wimmerte die Alte . » Nein « , sagte Christine , » den Hahn sollt ich Euch bringen . Aber Frau Opitz sagte , der würd Euch doch nicht schmecken . Und hinterher hat sie mir heimlich gesagt , ich sollt Euch fragen , was Ihr dafür haben wolltet , und sie wollt es alles bezahlen und noch ein Reugeld dazu . « Lehnert , als seine Mutter und Christine so sprachen , war von seinem Arbeitsschuppen herbeigekommen . » Ich will den Hahn « , sagte er , » und nicht das Geld . Aber gegessen wird er nicht , Mutter . Ich begrab ihn und mach ihm einen Stein . Das schöne Tier ! Meine einzige Freude ! Nun ist er hin . Diese Diana , diese Bestie ! Mir will sie auch immer nach den Beinen . Aber sie soll sich vorsehn , und ihr Herr auch . « Und er ging wieder an seine Arbeit , während Christine bei der Alten blieb und ihr ohne weiteres das Geld gab , das die gute Frau Opitz für den erwürgten Hahn bewilligt hatte . Lehnert verwand es schneller , als er selber gedacht haben mochte . Hätt er klarer in seinem Herzen lesen können , so würd er gefunden haben , daß er eigentlich froh war , seines Gegners Schuldsumme wachsen zu sehen . Je mehr und je rascher , desto rascher mußt auch die Abrechnung kommen , das war das Gefühl , das ihn mehr und mehr zu beherrschen begann . Bei Tisch sprach er nicht , und als er den Krug Bier , den ihm die Mutter aus dem Kretscham geholt , geleert hatte , ging er auf seine Kammer hinauf und schlief . Als er wieder wach war , war er zunächst willens , doppelt fleißig zu sein und bei der Arbeit alles zu vergessen - nicht für immer , dafür war gesorgt , aber doch auf ein paar Stunden . Am Abend wollt er dann in den Querseiffner Kretscham gehn , wo heute Tanz war . » Ich sitze jetzt zuviel an der Schnitzelbank und lebe ... nun , wie leb ich ? Ja , wie wenn ich nur noch Botenfrau wär , Botenfrau für Opitz . Ich will es mir heute raustanzen aus dem Geblüt . « Und damit ging er von seiner Kammer in die Küche , nahm da den Bunzlauer Topf , drin ihm die Alte den Nachmittagskaffee warm zu stellen pflegte , vom Herd und ging wieder auf seinen Schuppen zu . Die Hühner lagen hier in ihren Erdlöchern und sahen ihn wie fragend an . » Ihr wollt mich wohl gar noch verantwortlich machen ? Dummes Volk ! Ich sag euch , er wäre nicht rübergegangen , er hielt auf sich und hätte sich seine paar Körner auch hier gesucht . Ihr seid schuld , ihr habt ihn verleitet , und er ist euch bloß gefolgt , um euch nicht im Stich zu lassen . Nun ist er weg , und ihr habt das Nachsehen . Solchen schönen Herrn kriegt ihr nicht wieder , verdient ihr auch gar nicht . « Er unterhielt sich noch so weiter und freute sich , daß er seine gute Laune wiederhatte . So vergingen etliche Stunden , und die Sonne machte schon Miene , hinter der mit Tannen besetzten Höhe zu verschwinden . Lehnert aber , der all die Zeit über mit besonderem Fleiße gearbeitet hatte , hatte seines in die Hobelspäne gestellten Kaffees ganz vergessen und wollt eben aufstehen , um das Versäumte nachzuholen , als die Mutter in großer Hast und Aufregung vom Haus her auf ihn zukam und in den Arbeitsschuppen hineinrief : » Ein Has , Lehnert , ein Has ! « » Wo , Mutter ? « » In unserm Korn . « Und ehe zwischen beiden noch weiter ein Wort gewechselt werden konnte , sprang Lehnert auch schon von seiner Arbeit auf , lief auf das Haus zu , riß die Flinte vom Riegel und stürzte durch die Hintertür , über den Hof fort , auf den zu Feld und Wald hinüberführenden Brückensteg zu . Bevor er diesen aber erreichen konnte , wurd es dem Hasen drüben nicht recht geheuer , der denn auch in kurzen Sätzen , und zwar immer an dem Kornfeldstreifen entlang , auf den Wald zu retirierte . Freilich nur langsam und mit Pausen . » Sieh , er sputet sich nicht mal , er hat nicht mal Eile « , sagte Lehnert vor sich hin und legte den Kolben an die Schulter und zielte . Da wurde der drüben mit einemmal flinker und eilte sich , den kaum zehn Schritt breiten Abhang , der zwischen Acker und Wald die Grenze zog , hinaufzukommen , aber eh er noch bis an das Unterholz heran war , fiel der Schuß . Am Saume hin zog der Pulverrauch und wollte sich nicht gleich vertun ; Lehnert indes , der wohl wußte , daß er keinen Fehlschuß getan hatte , ging langsam auf die Stelle zu , nahm den Hasen vom Boden und kehrte dann über Steg und Hof in sein Häuschen zurück . » Da , Mutter . Der soll uns schmecken . Opitz kann sich den Hahn braten lassen . « Erst als Lehnert diesen Namen nannte , kam der Alten die nur zu berechtigte Sorge wieder , was Opitz zu dem allem wohl sagen würde , Lehnert selbst aber war guter Dinge , sprach in einem fort von Haus- und Feldrecht und suchte der Alten ihre Befürchtungen auszureden . Ob es ihm Ernst damit war und ob er wirklich an sein » Haus- und Feldrecht « glaubte , war schwer zu sagen und blieb auch da noch im ungewissen , als eine halbe Stunde später Opitz in Person von seiner Försterei herüberkam und den Hasen forderte . Lehnert spielte den Unbefangenen , ja zunächst sogar den Verbindlichen und bat Opitz , Platz nehmen zu wollen , und erst als dieser , unter Ablehnung der Artigkeit , die Forderung wiederholte , stellte sich Lehnert mit dem Rücken an den Ofen und sagte : » Was man nicht hat , kann man nicht geben . « Um Opitz ' Züge , der nur zu gut wußte , daß er jetzt seinen alten Gegner in Händen habe , flog ein spöttelndes Lächeln , und es trieb ihn mächtig , diesem seinem Gefühle von Überlegenheit auch sofort einen Ausdruck zu geben . Er bezwang sich aber und sagte : » Lehnert , Ihr nehmt den Streit wieder auf und tätet doch klüger und besser , es nicht zu tun . Ich warn Euch . Ich mein es gut mit Euch . « » Ich habe den Hasen nicht . « » Ihr habt von dem Brückensteg aus gezielt und geschossen . « » Ich habe von dem Brückensteg aus geschossen , aber nicht gezielt . Der Hase saß in unserm Feld ; er ist jetzt öfters bei uns zu Gast , und nachts wird er wohl mit Familie kommen . Ich brauche keinen Hasen in meinem Felde zu leiden , und ich hab ihn verjagen wollen . « » Ein Has ist ein Has , und Ihr braucht bloß in die Hand zu klatschen ... « » Aber ein Schuß hilft mehr . « » Namentlich , wenn er getroffen hat . « Lehnert schwieg und sah an Opitz vorbei , der seinerseits eine kleine Weile vergehen ließ , fast als ob er Lehnert eine Frist zur Überlegung gönnen wollte . Als aber jedes Entgegenkommen ausblieb , nahm er zuletzt das Wort wieder und sagte : » Lehnert , Ihr bringt Euch in Ungelegenheiten . Ihr habt einen Haß gegen mich , und das verdirbt Euch Euren guten Verstand . Ihr streitet mir den Hasen ab , Ihr , der Ihr immer von Eurer Wahrheitsliebe sprecht , und wäre mir doch ein leichtes , den Hasen in Eurem Hause zu finden . Und wenn ich ihn nicht fände , so doch Diana ... Kusch dich ... Ihr habt den Hasen verjagen wollen . Nun , meinetwegen ; das ist Euer gutes Recht . Und wenn Ihr ' s Euch einen Schuß Pulver kosten lassen wollt , nun , so mag auch das hingehen , obwohlen es auffällig ist und eigentlich nicht in der Ordnung . Es ist nicht Brauch hierzuland , einen Hasen durch einen Flintenschuß zu verjagen . Und der Letztberechtigte dazu seid Ihr , der Ihr schon manches auf dem Kerbholz habt . Ich sah von meiner Giebelstube her , daß Ihr im Anschlag lagt , und ich sah auch , wie der Hase zusammenbrach . Und zum Überfluß hab ich mir die Stelle drüben , eh ich in Euer Haus kam , mit allem Vorbedacht angesehen und habe den Schweiß an dem hohen Farnkraut gefunden , das drüben steht . « Die Bedrängnis , in der sich Lehnert befand , wuchs immer mehr , und ein begreifliches Verlangen überkam ihn , aus dieser seiner Lage heraus zu sein . Er war aber schon zu tief drin , und was die Hauptsache war , er konnte sich nicht entschließen zuzugeben , eine Lüge gesprochen zu haben . So pfiff er denn leise vor sich hin , als ob er andeuten wolle , daß der Worte genug gewechselt seien . Opitz seinerseits aber war nicht willens , seinen Triumph abzukürzen , und fuhr , während er eine gewisse Gütigkeitsrolle weiterspielte , ruhigen Tones fort : » Ich sehe , Lehnert , daß Ihr ungeduldig werdet , und will Eure kostbare Zeit nicht über Gebühr in Anspruch nehmen . Und so hört denn meinen letzten Vorschlag ! Ich will den Hasen nicht , und meine Frau , die ' s , wie Ihr wißt , gut mit Euch meint , mag Euch auch noch den Speck dazu schicken . Und ich , Lehnert , ich will ' s bei dem Grafen verantworten , und wenn er sich wundern sollte , so will ich , aus Rücksicht für Euch , von einem Schreckschuß sprechen , der zufällig getroffen habe . Der Graf ist ein gnädiger und nachsichtiger Herr , und wenn er das mit dem Schreckschuß auch nicht glauben wird , so wird er doch so tun , als glaub er ' s. Aber das verlang ich von Euch , daß Ihr Euch vor mir zu dem bekennt , was Ihr getan habt , und daß Ihr Euch entschuldigt . Hab ich Euch doch mein Bedauern über den Hahn ausgesprochen . Und war nicht dazu gebunden . Aber Ihr , Ihr seid ' s. Und nun heraus mit der Sprache . Beichten ist immer das beste , da wird die Seele wieder frei , nicht wahr ? Und man kann jedem wieder ins Auge sehn . «