« Er schellte , und es dauerte unglaublich lang , bis endlich ein Lakai eintrat und meldete , der Herr Professor sei angelangt , und Lisette habe ihn zur Frau Gräfin geführt . Eine Stunde verfloß , in der die Zeit bleierne Wellen rollte und Wilhelm die nutzlosen Versuche , Hermanns Gedanken abzulenken , aufgab . Plötzlich blieb dieser stehen und lauschte . Er hatte die hastenden Schritte , die sich nahten , erkannt , es waren die Wilhelminens . Sie riß die Tür auf . Das Nebenzimmer war hell erleuchtet , und wie von strahlendem Goldgrund hob ihre Gestalt auf der Schwelle sich ab . » Hermann ? « rief sie fragend in das Dunkel hinein . » Komm , Hermann , komm - du hast einen Sohn ! « » Und Maria ... « » Wohl , Gott sei Dank . « Er stürzte auf sie zu und hob die schwere Frau in seinen Armen in die Höhe und jauchzte laut . » Was heißt denn das ? « sagte sie . » Nimm dich zusammen . Sie ist noch matt . Wenn du dich nicht zusammennimmst , darfst du nicht zu ihr . « » Oh - ich nehme mich ... « er machte einen ungeheuren Aufwand an Selbstüberwindung , warf sich in die Brust , umschlang seine Base und zog sie mit sich fort . » Wilhelm , telegraphiere du an meine Mutter , an meinen Schwiegervater « , rief er noch atemlos zurück und durchmaß den ganzen Weg auf den Fußspitzen , betrat Marias verhängtes Zimmer unhörbar wie ein Sylphe und hätte am liebsten Wolkenform angenommen , um ihr zu nahen . Sie lag ganz still , war blaß - blaß bis an die Lippen und sah unendlich müde aus . Aber sie lächelte ihn an , glücklich , sanft und milde . Das Herz wollte ihm übergehen vor Rührung - doch sie haßte es , bedauert zu werden ; er durfte nichts sagen , er küßte nur leise ihre Hände und blickte dabei mit einer gewissen Verlegenheit nach einem weißen Bündel aus Stoffen , Spitzen , Stickereien , Bändern , das neben sie hingelegt wurde . » Ich gratuliere Ihnen zu einem Prachtbuben « , sprach der Professor , aus dem Nebenzimmer tretend . » Wo ? « stotterte Hermann , und Wilhelmine brach aus : » Jesus Maria , da doch ! « Da - ganz richtig . Unter den Stickereien und Spitzen guckte etwas hervor . Ein kleines braunrotes Gesicht , mit faltenbedeckter Stirn , mit lichtscheuen , fest zugedrückten Äuglein , einer Nase , die mit unzähligen kleinen gelben Pünktchen bedeckt war , und einem winzigen Mund . Es waren auch Pfötchen zu sehen , die unverhältnismäßig lange Finger hatten und die zartesten schmalsten Nägel . Das also war der » Prachtbub « , das war der » Sohn « . Hermann wunderte sich und küßte auch ihm die Hände . Maria erholte sich langsam , und Doktor Weise , der nach der Abreise des Professors Ordinarius geworden , wurde nicht müde , die größte Schonung zu empfehlen . » Besonders der Nerven . Nur keine Aufregung , Herr Graf , Fräulein Lisette , Fräulein Klara , nur keine Aufregung ! « - Er freute sich , daß die Taufe nicht vor dem vierzehnten Tage stattfinden konnte , weil es dem Grafen Wolfsberg , der durchaus selbst als Pate seines Enkels fungieren wollte , unmöglich war , früher einzutreffen . Der Graf schrieb oder telegraphierte täglich , und es schien Hermann , als ob diese Botschaften ihres Vaters Maria peinlich berührten . Zuletzt wagte er nicht mehr , sie ihr mitzuteilen . Nun aber fragte sie allabendlich : » Kommt der Vater ? « und als endlich die Antwort lautete : » Morgen « , da flammte eine fiebernde Röte auf ihren Wangen auf . Sie schloß die Augen , in kurzen , raschen Schlägen klopfte ihr Herz , eine unnennbare Bangigkeit überkam sie . » Was ist dir ? « fragte Hermann . » Maria , was bekümmert dich ? Es ist etwas , das dich bekümmert und das du mir verschweigst . « Sie seufzte tief auf . » Laß es « - bat sie , » wir wollen nie davon sprechen . Geh jetzt , es ist spät . Ich muß Ruhe haben und Kräfte sammeln für morgen . « » Natürlich « , erwiderte er und befand sich schon auf den Fußspitzen und schlug sein beliebtes Sylphentempo an . Maria winkte ihn zurück : » Eines möchte ich dich bitten - bringe es dem Vater vor . Das Kind soll Hermann heißen , Hermann Wolfgang ... Verstehst du mich ? Und dir , Lieber , möge es nachgeraten . « Er ging beseligt , er machte sich selbst zum Hüter der Ruhe , nach der sie verlangte . Mehr als Stille ringsumher vermochte er jedoch nicht herzustellen . Eine so tiefe Stille , daß Maria das Atemholen des Kindleins hören konnte , dessen Wiege dicht an ihrem Bette stand . - Es war unerhört brav , schrie gerade soviel , als sich ' s für einen zwei Wochen alten Jüngling gehört , sog seine Nahrung aus der mütterlichen Brust und schlief und lächelte oft im Schlafe . Und der Anblick seines Friedens war die einzig wirksame Labung , die Marias Seele empfangen konnte in dieser letzten Nacht vor dem Wiedersehen mit ihrem Vater . Ein Wiedersehen und keines - es sollte ja ein anderer Mensch vor sie treten , nicht der , den sie geliebt und angebetet , einer , der gelogen , betrogen und getötet - einer , den sie gerichtet hatte . Am nächsten Morgen war er da , völlig unermüdet , trotz der langen Reise . Den Wagen , der ihn auf der Station erwartete , hatte er seinem Kammerdiener überlassen und kam zu Fuß an . Ein tüchtiger Marsch in der tauigen Frühe war ihm Bedürfnis gewesen nach zweien im Waggon verbrachten Nächten . Sein Schwiegersohn lief ihm entgegen , die beiden Männer schüttelten einander die Hände . Wolfsberg fragte zuerst nach Maria und dann unverzüglich nach Waschwasser und ließ sich in die für ihn bereiteten Zimmer führen . Eine halbe Stunde später stand er vor seiner Tochter , mit unnachahmlich kunstvoller Nachlässigkeit gekleidet , duftend von Reinlichkeit und Eau de Toilette , einen freudig gerührten Ausdruck in seinem energischen Gesichte . Er klopfte Maria auf die Wange und sagte , halb zu Hermann , halb zu ihr : » Mager ist sie geworden . « Sie hätte aufschreien mögen : Ich weiß , was du getan hast , und werde es dir nie verzeihen ! - aber sein Anblick , seine Stimme , sein flüchtiger Kuß auf ihre Stirn übten ihre alte Macht . Sie beugte sich ihr fast ohne Widerstreben . - Er ist ja doch mein Vater , dachte sie . Der Graf schenkte seinem Enkel die gebührende Aufmerksamkeit , setzte sich an das Bett Marias und begann mit ihr zu sprechen , mehr von sich als von ihr , offenherzig , vertrauensvoll , recht wie zu einem ebenbürtigen Geiste , dessen Verkehr er lange und schwer entbehrt . Ihre Kälte und Beklommenheit waren ihm sofort aufgefallen . Er schrieb sie ohne weiteres der richtigen Ursache zu : Maria hatte etwas , das ihn in ihren Augen herabsetzte , erfahren . Durch wen ? - Um gegen Hermann auch nur den Schatten eines Verdachtes zu hegen , war Wolfsberg zu sehr Menschenkenner . Was liegt auch daran , dachte er , durch wen deine Illusionen über mich zerstört wurden , du armes Kind , sie sind fort . Du mußt lernen , mich zu nehmen , wie ich bin , und einsehen , daß du dennoch stolz auf deinen Vater bleiben kannst . - Da entfaltete er seine ganze zielbewußte Liebenswürdigkeit , stellte sich in das hellste Licht - indem er einen Irrtum , irgendein begangenes Unrecht eingestand . Mit der Miene eines Emporblickenden ließ er sich zu ihr herab , die er weit übersah . Galt es doch , einen erschütterten Einfluß wiederzugewinnen , eine schwankende Neigung wieder zu befestigen : zu erobern , mit einem Wort ... Wie ihm die Aufgabe gelang ! - Wie seine Tochter , als er nach kurzem Aufenthalte Schloß Dornach verließ , ihn liebte , mehr als je ! Der Starke war hilflos seinen Leidenschaften gegenüber , gab das nicht Grund , ihn zu bemitleiden ? Und wer hatte seine Kämpfe gesehen ? Mit so feinem Sinn für alles Edle begabt , was mußte er leiden unter dem Bewußtsein seiner Fehlbarkeit ! Er gehört ja nicht zu denen , die sich feig über ihre Mängel hinwegtäuschen . Dieser Selbsterkenntnis , sagte sie sich , war wohl auch seine harte Zurückweisung Tessins entsprungen . Vielleicht fand er - in einer Hinsicht wenigstens - zwischen dem und sich Ähnlichkeit ... Er wollte seine Tochter vor den schmerzvollen Enttäuschungen bewahren , die er ihrer Mutter bereitet hatte . Nach wie vor weihte Maria der Toten die frömmste und getreueste Erinnerung , doch war sie in ihren Augen nicht mehr das Opfer eines Verbrechens , sondern die Märtyrerin eines unabwendbaren Schicksals , eine leidverklärte Heilige , vor deren Bild sie in Andacht versank . Allmählich kehrte ihre Heiterkeit zurück und wuchs mit dem Gefühle zunehmender Kraft und wiedererlangter Gesundheit . Sie hatte es durchgesetzt , sie nährte ihr Kind selbst , obwohl das jetzt » niemand « mehr tut und selbst die Ärzte ihr davon abgeraten . Aber sie wußte wohl , was sie sich zutrauen durfte . Ihr Vetter Wilhelm trug eine Bewunderung für sie zur Schau , die sich in den ausbündigsten Aufmerksamkeiten äußerte . Den ganzen Winter hindurch kam er allabendlich , bei jedem Wetter , herübergeritten , machte halt im Schloßhofe , fragte : » Wie geht ' s ? « und kehrte nach erhaltener Antwort heim auf seiner kugelrunden Falbin . - Sobald die Wege wieder fahrbar geworden , kamen die Familiendiners am Dienstag von neuem in Aufnahme . Nach dem ersten hatte Wilhelm seinen Vetter in eine Fensterecke gedrückt und ihm geheimnisvoll zugeflüstert : » Deine Frau war bisher immer wunderbar - gemütlich aber ist sie erst jetzt geworden . Das macht das Kind , ja , mein Lieber ... Man sagt : des Herzens Schrein - ganz falsch , es sind Schreine . Da und dort steht einer offen von Jugend auf . Die anderen öffnen sich nach und nach - ich spreche nur von guten Menschen natürlich - und den Schlüssel zum wichtigsten bringt manchmal ein Kindlein mit , in seiner kleinen Hand . « In der Tat schien Maria ein ungetrübtes Glück in ihrer Ehe gefunden zu haben . Und war sie nicht auch beneidenswert vor Tausenden ? Vergöttert und angebetet von einem Manne , den sie innig wertschätzte , Mutter eines blühenden Kindes , schön , ohne eitel , und hochbegabt , ohne ehrgeizig zu sein , reich genug mit Glücksgütern gesegnet , um dem regsten Wohltätigkeitssinne Genüge tun zu können , gehörte sie zu den Auserwählten des Schicksals . Sie selbst empfand es als eine Pflicht , sich zu ihnen zu zählen . Früher , als Hermann es gestatten wollte , hatte sie sich wieder in den Hütten der Armen eingefunden , aber mahnen und drängen mußte er , bevor sie den Entschluß faßte , die Schwelle Wolfis nach langer Zeit von neuem zu überschreiten . Er war , kaum erholt von einem abermaligen heftigen Anfall seines Leidens , dennoch aufgestanden , um sie zu empfangen , und kam ihr einige Schritte entgegen . Ein greisenhafter Zug bildete sich um seinen Mund , als er sie anlächelte . » Endlich , Frau Gräfin « , sprach er mit schwacher und heiserer Stimme , » endlich - Sie sehen , es geht besser . Ihr großer Arzt gibt mir nur noch beiläufig fünfhundert Tage zu leben , aber ich beabsichtige , Ihnen länger zur Last zu fallen , als der Gelehrte sich ' s träumen läßt , ich ... « Hermann unterbrach ihn mit der Aufforderung , jetzt das Bekenntnis zu tun , das er auf dem Herzen habe . » Aber verderben Sie mir die Freude nicht , Frau Gräfin « , sprach Wolfi . » Welche Freude ? « » Die , zuzuhören , wenn Sie Klavier spielen ... Staunen Sie nur ! Der elende Kerl , der Wolfi , hat Sinn für Musik - besonders für diejenige , die Sie treiben . « Er klopfte mit der flachen Hand auf seine Brust . » Balsam , Frau Gräfin . - Ich habe mich auf allerlei Umwegen in die Nähe des Schlosses geschleppt , bis zum Gartenhaus hinter den Fliederbüschen , und gelauscht ... Ja , das war Musik ! Dabei läuft es einem kalt über den Buckel , und das ist das Rechte . Ich hatte Ihnen soviel Leidenschaft gar nicht zugetraut . - Sie haben es da « , er griff ans Herz , » und in den Fingern , und ich hätt es auch gehabt , wäre gewiß ein Künstler worden ... Aber hat ' s denn sein dürfen ? ... Was , Künstler - Lump ! Eine Satzung des großen Grafen : Aus dem Künstler wird nichts , wenn nicht der Lump in ihm die Begeisterung dazu gibt ... Also ich bitte um freien Eintritt in das Gartenhaus , bitte auch , den Hunden und den Leuten aufzutragen , mich dort unbehelligt zu lassen , wenn ich komme , was nicht gar zu oft geschehen wird . Aber ich darf ? - ich darf ? « wiederholte er ungeduldig . Maria zögerte : » Ein versteckt lauschendes Publikum ist nicht angenehm . « » Flausen ! was wissen Sie , wenn Sie spielen , von einem Publikum . « Hermann legte seine Fürsprache ein , und der Wunsch Wolfis wurde gewährt . Von diesem Tag an verlängerte Maria ihre Besuche bei dem Kranken . » Ein Mensch , der sich noch Empfänglichkeit für das Schöne erhalten hat , kann nicht ganz schlecht sein « , meinte sie und betrachtete es als ihre Aufgabe , diese Seele , die schon so bald vor den ewigen Richter gerufen werden sollte , zu retten . Sie hielt den Zynismus , mit dem er ihre Vorstellungen aufnahm , für eine scheußliche Maske , und die Einwendungen , die er ihr machte , für erbärmliche Prahlereien . Eines Nachmittags fand sie ihn in großer Aufregung . Er war mit dem Lesen eines Briefes beschäftigt und empfing sie mit den Worten : » Habe ich noble Korrespondenten , he ? Sehen Sie doch die Unterschrift . « Sie las mit peinlicher Verwunderung » Felix Tessin « . Wolfi steckte den Brief ein . » Ja « , sprach er nachlässig , » der antwortet einem doch , erinnert sich doch der einstigen Jugendfreundschaft . - Sie lächeln ungläubig ? Sie können den Gassenkehrer nicht vergessen , der hat Ihnen einen unauslöschlichen Eindruck gemacht . Aber dieser Episode meines bewegten Lebens gingen andere voran ... Ei , ei - nun , was ist denn los ? « Er stockte . Maria hatte eine Art , den Kopf zu heben und Leute , die etwas taten oder sagten , das ihr mißfiel , dabei anzusehen , die den Kecksten in Verwirrung brachte . Wolfi erfuhr es jetzt . » Ohne Sorge ! Wozu diesen Aufwand an Würde ? « spöttelte er , » ich denke nicht daran , mich in Details einzulassen , ich sage nur : Wir waren befreundet . Felix und ich studierten in Heidelberg zusammen - fragt mich nur nicht was - , wurden zusammen relegiert . Tessin kümmerte sich nicht um die Anzahl der Ahnen , die einer hatte , sondern um die der Frauenherzen , die er bezwang , und um die Klinge , die er führte . Die meine hat er schätzen gelernt bei jenem Überfall , den ein beleidigter Ehemann gegen ihn in Szene gesetzt hat ... Ja , wir waren Freunde ! « » Und einer des anderen wert « , sprach Maria und wandte sich , um ihr Erröten zu verbergen . Wie hatte sie diese Worte sprechen können ? War ihre Erbitterung gegen Tessin nicht längst überwunden ? Sie stand auf und verließ das Zimmer . Lisette , von der sie sich hatte begleiten lassen , überhäufte Wolfi mit Vorwürfen , ehe sie der Gebieterin folgte . Er aber blickte aus dem Fenster der hohen Gestalt nach , die langsam hinter den Bäumen des Parkes entschwand , und murmelte zwischen den Zähnen : » O Majestät , meinen letzten Lebensfunken für einen Flecken auf deinem Hermelin ! « 9 Noch ein Herbst auf dem Lande , noch einmal die Weihnachtszeit in Dornach , die Gräfin Agathe bei ihren Kindern zubrachte , im Anblick ihres Enkels schwelgend . Nach dem Neuen Jahre trennte man sich . Hermann und Maria fuhren zum Winteraufenthalte nach Wien , Gräfin Agathe kehrte in ihre Einöde zurück , nicht ohne die jungen Leute gemahnt zu haben , daß es auch gegen die Gesellschaft Pflichten zu erfüllen gibt . Während des langen Witwenstandes der Gräfin war kein Fest gefeiert worden im alten Dornachischen Palast , den ein prachtliebender Ahnherr der Gastfreiheit seiner Nachkommen erbaut . Allabendlich nur hatte sich das schwere Tor vor der soliden Equipage einer Familienmutter oder der ehrwürdigen Stiftskarosse geöffnet und Glock zehn hinter ihr wieder geschlossen unter den tiefen Bücklingen des gähnenden Portiers , der nach und nach zu der Überzeugung gelangt war , der Zweck des Lebens sei auszuruhen . Das sollte nun anders werden , viel gründlicher anders , als die Gebieter des Hauses beabsichtigt hatten . Ihr Vorsatz , sich frei zu erhalten von dem Zwange , alles mitzumachen , erwies sich als unausführbar ; in kurzer Zeit waren sie von dem Wirbel erfaßt . Die Welt sprach zu ihnen wie zu allen ihren Kindern : Gib dich mir ganz , eine Halbheit kann ich nicht brauchen . Und Maria wenigstens tat der Welt den Willen , und diese bereitete ihr dafür Triumphe von berauschender und von denen , die sie als junges Mädchen gefeiert hatte , ganz verschiedener Art. Wenn sie früher die Summe dessen zog , was sie sollte , was von ihr verlangt wurde , so lautete das Resultat : gefallen . Jetzt hingegen schienen alle Menschen nur einen Wunsch , nur einen Ehrgeiz zu haben , den : ihr zu gefallen . Ein Lächeln , ein freundliches Wort von ihr beglückte , die geringste Bevorzugung des einen machte hundert Neider . Der erste Ball bei Dornach hatte ungeteiltes Lob geerntet , ein zweiter Enthusiasmus erregt . Nun sollte ein dritter am vorletzten Faschingstag stattfinden . Zu dem eine Einladung zu erhalten , bemühte sich jemand , der bisher die Nähe Marias sorgfältig gemieden hatte : Felix Tessin . Sie war ihm anfangs dankbar gewesen für seine Zurückhaltung ; doch sagte sie sich endlich , daß in dieser etwas viel Auffälligeres liege als in den banalen Huldigungen , die ihr von jung und alt dargebracht wurden . Mit welchem Rechte machte er eine Ausnahme ? War zwischen ihnen das geringste vorgefallen , das ihm erlaubte , sich anders als alle anderen gegen sie zu benehmen ? Fast freute sie sich , als sie eines Tages seine Karte fand und ihm eine Einladung zum Ball senden konnte . Es war Zeit , daß er seine Sonderstellung aufgab . Erst unlängst hatte Hermann gesagt : » Tessin hat seine Niederlage noch nicht verschmerzt , er grollt « , und als Maria ihn staunend und bestürzt angeblickt , ganz ruhig hinzugefügt : » Vor einem braven Manne , den du mir vorgezogen hättest , wäre ich zurückgetreten , vor Tessin nicht . Ich hätte ihn eher niedergeschossen als zugegeben , daß er dich heimführt . « Maria zwang sich mühsam eine gleichgültige Miene ab : » Wie - du hast etwas entdeckt von dem mißlungenen Versuch des Grafen Tessin , sich auf die einfachste Weise den Einfluß meines Vaters zu sichern ? - Allen Respekt ! Außer dir ist dieser kleine diplomatische Fehlgriff niemandem aufgefallen . « » So war auch ich einmal scharfsichtig « , hatte Hermanns Antwort gelautet . » Die Liebe tut Wunder . « An dieses Gespräch erinnerte sich Maria oft , als die Stunde immer näher kam , in der sie Tessin als Gast in ihrem Hause sehen sollte . Und welche Vorsätze faßte sie nicht ! Mit welcher Unbefangenheit wollte sie ihm entgegentreten und sogleich den kühl freundlichen Ton anstimmen , der von nun an zwischen ihnen herrschen sollte . Der Faschingmontag kam heran . Es war neun Uhr ; Maria hatte ihre Toilette beendet und sich noch in das Kinderzimmer begeben , um dem Kleinen gute Nacht zu sagen . Er erwachte , als sie sich über ihn beugte , stieß ein freudiges Lachen aus und griff mit beiden Händen nach dem glitzernden Diadem auf ihrem Haupte . Sie wehrte ihm , küßte ihn , schläferte ihn wieder ein und flüsterte ihm zu : » Du bist doch mein Höchstes und Liebstes . « Dann begab sie sich hinüber nach den taghell erleuchteten , blumendurchdufteten Festräumen ... Alles noch leer und still . Nur im Wintergarten , in dem soupiert werden sollte , der Obergärtner aus Dornach und seine Leute mit dem Ordnen einer Palmengruppe beschäftigt . Und in der Galerie der Haushofmeister , der mit so feierlichem Ernste , als ob er einem Ministerrate präsidierte , den schwarzbefrackten Kammerdienern und den goldbetreßten , perückengeschmückten Lakaien seine Befehle erteilte . Im kühlen Ballsaale ging Hermann mit dem Direktor der Kapelle , einem berühmten und liebenswürdigen Künstler , in lebhaftem Gespräch auf und ab . Als Maria sich näherte , blieben beide stehen , und der Musiker rief unwillkürlich aus : » Wie schön Sie sind , Frau Gräfin ! « » Nicht wahr ? « erwiderte sie , seine Bewunderung ebenso unbefangen hinnehmend , wie er sie geäußert hatte : » Diese Spitzen - eine geklöppelte Symphonie ; das Diadem , ein Meisterstück unseres Köchert , prächtig und doch leicht , ich spüre es kaum - lauter Geschenke meines Mannes ... « Und seine geringsten , dachte sie . Hatte er sich ihr nicht selbst völlig zu eigen gegeben ? Sein erster und letzter Gedanke gehörte ihr , und was ihr Leben schmückte und schön und reich machte , vom Größten bis zum Kleinsten , war das Werk dieses Mannes , der im Besitz ihres Selbst noch sehnsüchtig nach ihrer Liebe rang . Von unendlicher Dankbarkeit ergriffen , freute sie sich , so schön zu sein , freute sich , daß ihn heute viele glücklich preisen würden . Strahlenden Auges blickte sie in den Spiegel ... Sie konnte zufrieden sein mit sich . Nie hatte ein Kleid ihr besser gestanden als dieses farbig-farblose , eine Mischung von Grau und Lila , für die die Sprache keine Bezeichnung hat . Das kostbare , goldgestickte Spitzengewebe , das eben von ihr gerühmt worden , umgab die herrlich geformte Büste , bildete eine schmale Spange zwischen der Schulter und dem Oberarm und wallte , kunstvoll gerafft , vom Gürtel nieder bis zu der langen , mit schwerem Goldbrokat gefütterten Schleppe . Die edle , in zarter Fülle prangende Gestalt war wie von einer goldenen Wolke umschimmert , und eine Wonne für das Auge die gelassene und stolze Anmut ihrer Bewegungen . Allmählich füllten sich die Säle . Übermütig oder abgespannt , mit vergnügten , erwartungsvollen oder mit gelangweilten Mienen wogten die Ankommenden herein . Die paar hundert Menschen , welche die sogenannte große Welt ausmachen , trafen einmal wieder an einem und demselben Orte zusammen - Blüte des Adels , Häupter und Angehörige uralter Geschlechter , die ihr Blut rein erhalten hatten von jeder Vermischung mit dem nicht Ebenbürtiger . Da stehen sie , eine große Gruppe bildend , die in ihrer Art einzigen , die berühmten Wiener Komtessen . Die Reden einiger sind so frei und so derb , daß es nicht leicht ist , die Harmlosigkeit zu ermessen , mit welcher sie geführt werden . » Slang « und nichts weiter , das fliegt sie so an . Die spricht ' s ihrem Vater und jene ihrem Bruder und eine der anderen nach . In Wahrheit aber sind sie sorgfältig betreut worden , von ihrem ersten Atemzuge an behütet vor dem Anblick des Häßlichen und Schlechten , aufgewachsen in Unkenntnis des Elends und der Schuld . Und jetzt führt man sie ein in das Leben , zu welchem das vergangene nur eine Vorbereitung war ; sie nähern sich seiner Schwelle , als wäre sie diejenige der Himmelspforte , und klopfen herzhaft an . Und die jungen Herren - sämtlich studierte Leute , wenn auch nicht immer viel mehr , als nötig ist , um die Offiziersprüfung zu machen . So mancher von ihnen hat auf der Schulbank neben dem Sohn des Schneiders oder des Branntweinbrenners gesessen und manche sauer erworbene gute Klasse dem Ehrgeiz zu verdanken gehabt , sich nicht regelmäßig von einem Plebejer überflügeln zu lassen . Ob sie jedoch gedenken , das Erlernte baldmöglichst wieder zu vergessen und nur noch ihrem Vergnügen zu leben , oder ob sie sich fühlen als angehende Marschälle , Botschafter , Minister : dieselbe Zuversicht , daß es die Welt nur gut mit ihnen meinen könne , beseelt alle , und sie treten hinein wie junge Könige in ihr Reich . » Schau , wie sie grüßen « , sagte Hermann zu seinem Schwiegervater . » Da hat sich eben ein blühender Schwarm frischgebackener Leutnants und Attachés durch die Menge gedrängt , um der Hausfrau seine Reverenz zu machen . Sie stehen unbeweglich , nur die Arme werden noch etwas mehr geründet , die Schultern noch ein wenig höher emporgehoben als gewöhnlich . Ein leichter Ruck , der Kopf neigt sich - beileibe nicht zu tief ! - eine Viertelsekunde lang - der Gruß ist abgefertigt . « » Modern « , sprach Wolfsberg . » Die Bursche sind alle nach demselben Rezept eingetunkt und steif glaciert in Eleganz . « » Und soviel Gutes , das sich hinter den Faxen verbirgt , soviel Bravheit , Tüchtigkeit , Mut und - wie oft - Talent ! « » Wenn sie nur damit etwas anzufangen wüßten ... Guten Abend , Fürstin « , unterbrach er sich , das freundliche Kopfnicken einer wohlerhaltenen stattlichen Dame mit tiefer Verbeugung erwidernd . » Ich suche einen Platz auf der Estrade zwischen ein paar Nachbarinnen , die nicht gar zu arg besessen sind vom mütterlichen Ballwahnsinn . Einen Mauerfliegenplatz , mein lieber Graf « , sagte sie lachend und in bester Laune , obwohl sie wußte : Beim ersten Geigenstrich wird es sie erfassen mit fast unbezwinglicher Lust , sich noch einmal - ein allerletztes Mal - im Reigen zu schwingen ... Ach ! wenn sie sich nicht schämte vor ihrer siebzehnjährigen Tochter ... Die Ankunft des Hofes wurde gemeldet ; Hermann eilte den hohen Gästen auf die Treppe entgegen , und bald darauf eröffnete Maria den Ball am Arme eines jungen Erzherzogs . Während der ersten Tänze , umringt und umdrängt , in Anspruch genommen von ihren Hausfrauenpflichten , hatte sie ihn noch nicht gesehen , an den sie seit dem Beginn des Festes fortwährend dachte . Plötzlich meinte sie seine Anwesenheit zu fühlen . - Er ist da , sagte sie sich und erblickte ihn . Eine entsetzliche Verwirrung bemächtigte sich ihrer . Seine dämonische Schönheit fiel ihr wie etwas Neues auf . Er stand neben dem Fauteuil Gräfin Dolphs , in eifrigem Gespräch mit ihr . Eifrig ihrerseits , sie war lebhaft angeregt , ein leichtes Rot färbte ihre welken Wangen , ein heiter satirisches Lächeln umspielte ihre Lippen , ihre scharfen Züge waren von dem Ausdruck der Zufriedenheit erhellt , die sie nur im Verkehr mit wirklich gescheiten Männern empfand . Tessin sprach wenig , aber jeder der kurzen Sätze , die er vorbrachte , schien eine Welt von Gedanken in dem verständnisvollen Geiste der Gräfin zu wecken . Er brach das Gespräch ab , als sein suchender Blick dem Marias begegnete , und kam auf sie zugeschritten . Sie wechselten einige Redensarten , er bat um die nächste Polka . » Ich gebe Ihnen die dritte - mit meiner Kusine Wolfsberg ; sie hat , wie mir eben anvertraut wurde , keinen Tänzer « , antwortete Maria . Tessin verneigte sich und ging , um die Komtesse zu engagieren , eine der Unbegabtesten ihres Geschlechts , für die jeder Ball eine Übung im Sitzen war . Der Kotillon , den Tessin mitmachte , bot ihm endlich die ersehnte , glücklich wahrgenommene Gelegenheit zu einer Entschädigung . Scheinbar zufällig führte ihn eine Wahltour mit Maria zusammen . Mit leidenschaftlicher Hast umschlang er sie . » Einmal wieder ! « sagte er so laut , daß sie erschrak , und schon flogen sie dahin , und ihr Atem mischte sich mit dem seinen , und sein Mund streifte ihre Haare , und er drückte sie an sich und sprach : » Ich habe Sie gemieden , Gräfin - aus Sorge für meine Seelenruhe « , und sie erwiderte mit einer Stimme , die ihr selbst fremd klang und herb und unsicher war ... Nein , nein , so hatte sie ihm nicht begegnen wollen : » Und was sichert sie Ihnen jetzt ? « » Nichts , aber ich will sie zu gewinnen - das heißt zu befestigen suchen - fern von Ihnen . « Sie lachte : » An welchem Ende der Welt ? « Statt zu antworten , flüsterte er ihr zu , rasch und überstürzt : » Es wäre schön gewesen , auch jetzt noch zu schweigen , wie ich geschwiegen habe , als man mich bei Ihnen verleumdete - leugnen Sie doch nicht « , kam er dem Einwande zuvor , den sie erheben