Worte wurden nicht mehr abgewogen , nicht mehr peinlich bedacht , gewählt , gesetzt . Adam verhielt sich allerdings im Ganzen ziemlich schweigsam . Herr Quöck sprudelte verschiedene pikant gewürzte Anekdoten heraus und mußte oft so herzlich über seinen eigenen Ulk lachen , daß ihm die Brille überschweißt wurde . Dann kramte er sein großes , gelbseidenes Taschentuch heraus und putzte mit zwinkernden Weinaugen über die Gläser hinweg . Die Hände waren roth , etwas aufgeschwollen , und ganz sicher gehorchten sie auch nicht mehr . Herr Oettinger erzählte allerhand italienische Reiseabenteuer . Die Ueberzeugung von seiner Unwiderstehlichkeit , die er heute Abend aus dem Benehmen Lydias ihm gegenüber folgern zu müssen geglaubt , verleitete ihn , seine an sich recht harmlosen Geschichten mit kühneren erotischen Pointen auszuschmücken . Der Herr Referendar bekundete in seiner Weinlaune eine ganz respectable Phantasie . Man spielte sehr unregelmäßig ... und man erlaubte sich schon allerlei kleine Freiheiten . Man guckte sich gegenseitig in die Karten und ignorirte kühn die Unantastbarkeit des Scats . Dabei wurde dem Weine wacker zugesprochen . Und die Stunden schienen etwas Besonderes darin zu suchen , sich überschnell aus dem Staube zu machen . Mit der Zeit wurde Adam matt , abgespannt . Er unterdrückte nur mühsam das Gähnen , und Wein und Cigarren verloren immermehr ihre Reize für ihn . Er trank öfter , nippte aber immer nur kleine Schlucke und kaute mechanisch den Nicotinsaft aus seiner Cigarre heraus . Ab und zu warf er ein gleichgültiges Wort in das Gespräch , welches Oettinger jetzt fast allein führte . Denn auch Herr Quöck kämpfte mit der überhandnehmenden Müdigkeit . Nach drei Uhr trennte man sich . Der Herr Referendar wankte und schwankte ein Wenig . Adam nahm sich des armen Kerls an und schob seinen Arm unter den Oettingers . Die Straßen lagen in tiefer Stille . Ab und zu begegnete den einsamen Nachtwandrern ein langsam heranspazierender Wächter . Manch ' einer dieser edlen Herren blieb breitspurig auf dem Trottoir stehen und beäugelte kritisch die vorüberstapfenden Spätlinge . Der Herr Referendar konnte einige herzhafte Redensarten über diese » zu-dringliche , ganz ver-fluchte O-cu-cular-Inspection « nicht unterdrücken . Er sprach überhaupt etwas laut , der ehrenwerthe Cylinderenthusiast . Die » Angströhre « saß ihm allerdings schief und verrätherisch nach hinten geschoben auf dem jugendlichen Haupte , das der erste , zarte Flaum einer discreten ... Platte zierte , wie Adam heute Abend mit dem banalen Genugthuungsgefühl eines berechtigten Sarkasmus wahrgenommen . » Feudales Weib , diese Lydia , nicht , Doctor - ? « phantasirte Herr Oettinger , » Göttergestalt - fescher Corpus - und dieser Busen - möchte wohl ' mal - nur ' mal küssen diese L ... l ... ippen - - Ah ! ... ah ! .... ent-zückend ! ... Uebrigens , Doctor - - sind doch ' n famoser Kerl - - gehen so ein-ein-trächtig Arm in Arm - wollen uns nur wieder ver-vertragen - ha ... ha ... Wollen nächstens ' mal Sect kneipen zusammen - ja - ? gloriose Idee - - bringen kleine Hedwig mit - na ? ... na ? ... Verhältniß anbändeln - - auch nicht übel - - auf Ehre ! werde das reizende Scheusal gelegentlich ' mal pou-pou-ssiren - - - « Adam ließ die Rede Oettingers Monolog bleiben . Er begnügte sich , die kargen Ueberreste seiner geistigen Wachbarkeitskräfte vor Allem zur Steuer ihrer nicht mehr ganz seetüchtigen Leibesfahrzeuge zu verwenden . Er hatte seine liebe Noth , den Herrn Referendar von allzu intimen Berührungen mit verschiedenen Häuserwänden zurückzuhalten . Plötzlich fühlte Adam das brennende Bedürfniß , allein zu sein . Ein Gedanke war in ihm aufgezischt , ein Wunsch war in ihm emporgesprungen , dessen Erfüllung der merkwürdigen , halb träumerisch-müden , halb bewegt-reizsuchenden Stimmung , die ihn gekapert hatte , entsprach . Er wollte noch einmal durch die Straße gehen , in welcher Hedwig wohnte , wollte noch einmal vor ihrem Hause stehen , noch einmal zu ihrem Fenster hinaufschauen . Vielleicht ... vielleicht gab es hinter den Gardinen , hinter den Vorhängen noch ein spätes , heimliches Leben , das ihm zarte Zeichen , eine geheimnißvolle , süße Kunde brächte . Doch er mußte allein sein . Und ganz Egoist , suchte er dem schwer athmenden , prustenden , oft ausspuckenden Oettinger begreiflich zu machen , daß es das Beste wäre , wenn er nun allein nach Hause wanderte . Der Herr Referendar war schon viel zu acut über sich hinausgekommen , um eines kräftigeren Widerstandes noch fähig zu sein . An der nächsten Ecke machte sich Adam von ihm los und überließ ihn seinem Schicksal . Man verabschiedete sich sehr kurz und abgerissen . Adam trottete eine Weile hin , ganz im Zwange seiner hüpfenden Gedankenschemen . Da merkte er , daß er sich in der Richtung geirrt . Er mußte umkehren . Und am Besten wäre es , wenn er die Straße , in die vor einer kleinen Weile Oettinger hineingeschwankt , kreuzte . Wahrhaftig ! Da drüben auf der andern Seite - da stapfte sein wackerer Zechgesell immer noch redlich fürbaß . Adam konnte sich nicht enthalten , mit verstellter , dumpf gurgelnder Stimme ein diabolisch-mysteriöses » Oettinger ! « über den Straßendamm hinüberzuknurren . Der geheimnißvoll Angerufene wandte sich jäh um und blieb stehen . Adam setzte seinen Weg mit großen Schritten fort und kicherte leise in sich hinein . So ! ... Nun war der Herr Referendar in den Schatten der Nacht hinter ihm verschwunden . Adam schluckte mit Behagen den kühlen Wind ein und setzte seine Füße emphatisch auf die Asphaltflächen . Grell , in scharf abgekantetem Rhythmus , hallte sein Gang wider . Einförmig und unförmlich lagen die Häusermassen da . Selten klebte sich in der Gegend der oberen Stockwerke ein magerer Lichtschein an die Riesentafeln . Die Gasflammen hüpften nervös in ihren Glaskäfigen hin und her . Es hatte geregnet . Ueber das Pflaster hin lagen hier und dort dunkelgelbe Reflexe gestreut . Oefter leuchtete verschwommen-schmutzig ein Stück einer angebrochen-verkümmerten Iris auf . Adam traf auf eine Brücke . Er lehnte sich eine kleine Frist hindurch über das Geländer und sah auf das träge , gleichgültig hinschleichende Wasser hinab . Ein nörgelnder , zupfender Wind pustete jetzt über die Fluth hinweg . Und es nahm sich aus , als wäre der Spiegel mit einer Legion von kleinen , braungrünen Schildkrötenrücken gepolstert . Nun stand Adam vor dem Hause , da Hedwig mit ihrem Vater wohnte . Aber oben war Alles dunkel . Allenthalben tiefe , nur von den verhaltenen Athemzügen des feuchten Nachtwindes monoton durchsummte , zaghaft durchmunkelte Stille . Und der einsame Wandrer setzte sein Wandern fort , das ihn endlich nach seiner Klause führen sollte . Verworrener Gedanken , einer dunklen Sehnsucht war seine Seele voll . - VI. » Ah , lieber Doktor ! Das ist ja famos von Ihnen , daß Sie sich wieder ' mal sehen lassen ! Nun - wie gehts Ihnen ? Viel gearbeitet ? Aber Sie schauen immer noch sehr angegriffen aus . Wie wäre es heute mit der Revanchepartie ? Hätte Lust - Sie auch - ja ... ? « Herr von Bodenburg hatte den » Figaro « aus der Hand gelegt und stocherte mit dem Löffel auf ein Stück Zucker los , das er soeben in seinen Kaffee geworfen . Er sah erwartungsvoll zu Adam Mensch auf . » Verdammt windig heute . Bei einem Haar wäre mir mein Hut in irgend ' n Weltmeer oder in ' ne Pfütze geflogen ... Macht der Krakehler von Frühlingswind Aufhebens ! ... Impertinenter Stachelbursche ! ... « Herr von Bodenburg lächelte . Adam warf sein Cigarrenetui auf den Tisch und rückte sich einen Stuhl zurecht . » Viel Zeit habe ich gerade nicht - wollte auch ein paar Zeitungen durchfliegen - bringt der Figaro etwas Interessantes ? Ach ! die leidige Gewohnheit ! Man büßt wahrhaftig nichts ein , wenn man das Zeug ' mal ' n paar Wochen nicht ansieht . Alles Einbildung und Gewohnheit ! So schleppt man eben die Tage hin . Man läßt sich immer wieder von seinen tristen Bedürfnissen überrumpeln . Es ist geradezu tragisch , daß der Mensch so im Zwange des Trägheitsgesetzes steht . Ja ! Wenn dieses retardirende Moment nicht wäre - die Menschheit - Sie wissen , wen ich meine - müßte entschieden ein kleines Stück weiter sein . Daß es zum Beispiel noch sogenannte Fürsten giebt ! Unsereiner faßt sich an die Stirn - müssen denn einzelne Individuen so unheimlich weit voraus sein ? Diese Differenz ! Oder nehmen Sie die Pyramide von Cheops . Sie kennen doch die Saga von Cheops ' Töchterlein ? Nicht ? Werde sie Ihnen gelegentlich ' mal erzählen . Pikant ! sage ich Ihnen . Also dieser krystallisirte Despotismus - - so und so viel Tausende von Jahren alt - und heute ? Denken Sie an Rußland . Ja ! ja ! der Hunger und die Peitsche . Man möchte sich vor tragikomischem Weltvergnügen manchmal in einen Böcklin ' schen Meergreis verwandeln - « » Die Gallensteinablösung war nicht übel , Herr Doctor - aber ich möchte doch vorschlagen , daß wir - pardon ! - nun - wenn auch gerade nichts Vernünftigeres , so doch ... na ! so doch etwas Amu-santeres vornähmen - also wie wäre es mit der Revanche ? Wollen Sie ? Kommen Sie ! Ja ? « » Meinetwegen denn , Herr Referendar , warum auch nicht ? Wenn Sie durchaus wollen ! ... Aber - - jetzt ist es dreizehn Minuten nach Drei - ich möchte so gegen Vier wieder auf meiner Bude sein ! Möglich , daß ich Besuch kriege - wenn nicht - ich muß mal wieder ein paar Stunden concentrirt arbeiten ... In den letzten Tagen viel freiwillig und unfreiwillig gebummelt ... « » Kellner ! Das Schachbrett ... « » Jawohl ! « » Was trinken Sie , Herr Doctor ? « » Was ? Ja - - ach ! Kaffee ? - Nee ! Bringen Sie mir ' n Absynth ! « » Sehr wohl ! « Die beiden Herren vertieften sich in ihr Spiel . Es wurde nicht viel gesprochen . Adam spielte auch heute mit sehr getheilter Stimmung . Er wußte die Schwächen des Gegners nicht zu gebrauchen , er übersah seine eigenen Vortheile . Mit großem Behagen dagegen schlürfte er seinen kupfergrünen Absynth . » Kennen sie einen Referendar Oettinger , Herr von Bodenburg ? « » Oettinger ? Oettinger ? Ja wohl ! Sehr patentes Individuum - nicht ? Elegant - Cavalier - Lieutenantsscheitel - langweilige Visage - ja ! ja ! - bin ihm gelegentlich ' mal vorgestellt - scheint mir nicht besonders viel los zu sein mit dem Herrn . Kann mich allerdings auch irren . Was ist mit ihm ? Haben Sie ' n Rencontre mit ihm gehabt ? Kartell schleifen ? Ich stehe Ihnen zur Verfügung , Herr Doctor ! « » Sehr liebenswürdig , Herr Referendar ! « Adam lächelte discret . Dabei goß er seinem Absynth einen neuen Wurf Wasser zu . Das Getränk schaute jetzt asbestgrün aus . » Bis zur Forderung direct kam es nicht . Ah pah ! Komödianterei ! Wäre noch besser ! Wir begegneten uns nur neulich in einer Abendgesellschaft - waren beide zum Souper geladen . Ich war wieder einmal nolens volens etwas bissig - Gott ! die Affäre verlief sehr drollig . Auf dem Nachhausewege erklärte mich der Biedermann für einen famosen Menschen - sprach den Wunsch aus , demnächst ' mal Sekt mit mir zu kneipen - der Knabe war allerdings schon stark angebohrt . Er schwankte sehr hingebend und gab eine merkwürdige Vorliebe für Häuserwände und Laternenpfähle zum Besten ... « » So ! ... « » Ich dachte , Sie kennten den Herrn zufällig näher . Es wäre ja möglich gewesen . Der gute Mann entwickelte bei Tisch seltsam praehistorische Ideen ... ich war zuerst ganz verblüfft . Und sein Standpunkt zur Religion - - es ist eine Schmach , daß dieses Gesindel , das geistig noch auf der primitivsten Entwicklungsstufe steht - daß diese ordinäre Sippschaft - diese Larven und Marionetten , diese Hohlhänse überhaupt Gelegenheit haben , öffentlich Proben ihrer approbirten Bornirtheit abzugeben ! Und eines Tages gehört dieser Lumpenbagage womöglich noch höchst persönlich den sogenannten leitenden Kreisen an ! Ich verstehe den schreienden Unsinn - diese sociale Barbarei nicht ! « » Ereifern Sie sich nicht so furchtbar , Doctor ! Lassen Sie doch die guten Leute ! Lieber Himmel ! Ich habe auch noch ' n ganzes Rudel derartiger vieilleries auf Lager ... Das spart man sich so zusammen mit den Jahren ... Und wenn Sie ehrlich gegen sich sein wollen - : Sie haben nicht minder Ihre Zöpfe und Vorurtheile ! ... Uebrigens gardez ! « » Gott sei ' s geklagt - ja ! ich weiß - ja doch ! - meinetwegen ! - also gardez ! haben Sie mir - aber was zu stark ist , ist zu stark ! Man darf schlechterdings nicht zu sehr in Schimmel und Grünspan verliebt sein ... « Da öffnete sich die Thür , und Fräulein Irmer trat in ' s Café . Der Zeitungskellner lief nach dem Schränkchen in der hinteren Ecke des Lokals , in welchem die ausgespannten Nummern vom Tage vorher aufbewahrt wurden . Nun überreichte er der Dame das Blatt . Adam hatte Hedwig scharf fixirt . Als sie sich umwandte , hinauszugehen , nachdem sie diesmal mit einem kurzen , leise hingeworfenen Dankeswort die Zeitung in Empfang genommen , streifte sie Adam mit einem jähen , vorüberschießenden Blicke . Sie schrak ein Wenig zurück . Adam lächelte befriedigt . Hedwig hatte die Thür zugeschlagen . Der Herr Doctor sprang auf , zog hastig seine Börse und warf das Geld für den Absynth auf den Tisch . » Nanu ! ? « » Verzeihen Sie , Herr Referendar ! Dispensiren Sie mich , bitte , heute - ja ? Diese Dame - Kellner ! - ich traf sie neulich Abend dito bei dem bewußten Souper - wo bleibt nur der Mensch ? - Kellner ! - sie spielt in die Geschichte hinein , die ich Ihnen vorhin - - - « » Danke sehr , Herr Doctor ! « Fritz strich das Geld ein und schickte sich an , beim Anlegen des Ueberziehers behülflich zu sein . » - Die ich Ihnen vorhin von Herrn Oettinger erzählte - muß sehen , daß ich das Weib abfange - lauter kleine Historien - ich bitte noch einmal um Verzeihung - vielleicht morgen , wenn Sie - um dieselbe Zeit - ja ? - aber ich muß mich beeilen - auf Wiedersehen , Herr Referendar - « Adam stürmte hinaus . » Das ist verdächtig , Herr Doctor - « rief Bodenburg indignirt-belustigt dem Flüchtling nach . » Na ! bringen Sie mir auch noch ' ne Karaffe Absynth - « wandte er sich sodann an den Kellner , der noch immer in der Nähe des Tisches stand und sich jedenfalls alle Mühe gab , die Situation zu begreifen . Er hatte ein blödsinnig-schläuliches Gesicht aufgesteckt . » Noch ein Absynth - ? Sehr wohl ! « - - Adam hatte sich in die unmittelbare Nähe Fräulein Irmers zu machen gewußt . Er war erregt , sein Gang nicht ganz sicher , mechanisch sprach er immer wieder allerlei Phrasen in sich hinein , mit denen er Hedwig , auf den Leib rücken wollte . Als er bemerkte , daß die Dame durch verschiedene , an sich kaum auffällige , aber doch unwillkürlich für Adam deutlich wahrnehmbare Zeichen der Unruhe auf seine Gegenwart reagirte , wurde er ruhiger , ärgerte er sich über die kindische Unsicherheit , erinnerte er sich der Stunden , wo er sich in seiner Gleichgültigkeit so stark , so ruhig und unverwirrbar gefühlt hatte ... und freute sich über den Strom von psychischer Elektricität , der zu dieser Frist von ihm zu Hedwig ... und von ihr zu ihm zurück fluthete . Nun bog Fräulein Irmer in eine Nebenstraße ein , die viel Vornehmes , Stilles , Reservirtes , Selbstgenügsames besaß . In den kleinen Gärten vor den Häusern , die zumeist Villenanstrich hatten , sah es peinlich sauber , regelmäßig , sehr leer aus . Man hatte das Gefühl , als müßten es die Bewohner dieser Straße unter ihrer Würde halten , der Außenwelt die geringste Aufmerksamkeit zu schenken . Man war einander fremd und nahm mit sich allein fürlieb . Es mochte in Wirklichkeit kaum so sein . Aber diese menschenlosen Fenster mit den eleganten , kalten Vorhängen ; diese großen , schweren , massiven , mit stolzer Selbstverständlichkeit geschlossenen Thüren ; diese aufdringlichen und doch zugleich unsäglich discreten Namenschilder ; die natürliche Leblosigkeit der Vor- und Zwischengärten : das Alles gab der Situation den Ausdruck innerer Leere und Theilnahmslosigkeit . Adam war an die linke Seite Hedwigs getreten . Fräulein Irmer vollzog unwillkürlich einen kleinen Schritt nach rechts und sah ihren Verfolger finster , zurückweisend an . Die über der Nasenwurzel zusammengewachsenen Brauen waren dicht an die Augenlider herangezogen . » Verzeihung , mein gnädiges Fräulein , daß ich so kühn bin , mich zum zweiten Male auf offener Straße Ihnen zu nähern . Nehmen Sie , bitte , heute meine Begleitung an . Ich möchte Sie - ich fühle das Bedürfniß - Sie erinnern sich der kleinen ... der kleinen Scene , die sich neulich Abend zwischen uns abspielte - - vergeben Sie mir meine eigentlich unverzeihliche Dreistigkeit - ja ? ... « Die ersten Worte dieser Ansprache an das Opfer seiner neulich bei Herrn Traugott Quöck improvisirten Liebeserklärung waren Adam sehr glatt und sicher abgeflossen . Dann hatte sich die Stimme doch ein Wenig eingeklemmt , war ein Wenig leiser , stockender geworden , war gleichsam gestolpert und hatte erst am Schluß wieder mühelose Beweglichkeit und die intime Färbung der Aufrichtigkeit gewonnen . Hedwig schwieg . Die beiden gingen eine kleine Weile schweigend neben einander . Oefter sah Adam Hedwig von der Seite an , fragend , bittend , doch zugleich auch merkwürdig amüsirt - und dadurch ganz tüchtig ironisch gestimmt . » Fräulein Hedwig - haben Sie kein Wort für mich - ? « » Mein Herr - ! « » Hedwig - ! « Das klang bestimmt , dringend , entrüstet , aber auch flehend , ein ehrliches Betrübtsein verrathend . » Ich verstehe Sie nicht - « Adam fuhr auf . Er stampfte mit dem rechten Fuße indignirt auf den Boden und gab sich sehr ungesammelt . Mit nervöser Hast knöpfte er an seinen Handschuhen herum . » Sie wollen mich nicht verstehen , mein Fräulein ! Heiliger Nepomuk ! Giebt es denn heute auf Gottes Erdboden keinen Menschen mehr , dem man zwanglos , dem man unmittelbar begegnen darf - dem man so gegenübertreten kann , wie es Einem gerade ums Herz ist - wie man gerade Stimmung hat ? - Ist denn heute das kleinste Bißchen Unmittelbarkeit verpönt ? Soll man Nichts - gar Nichts improvisiren dürfen ? - Soll man immer wieder erst die chinesische Mauer der dummen , urdummen conventionellen Redensarten zwischen sich und seinen Nächsten schieben - soll man auf Niemanden mehr stracks losgehen ? Fräulein Hedwig - « » Mein Name ist Irmer - « Adam lachte aufgeräumt . » Bon ! Irmer ! Sehr liebenswürdig , mein gnädiges ... Fräulein ... Irmer ... « » Mein Herr ! « » Lassen Sie doch endlich einmal einen anderen Ton zwischen uns aufkommen ! « bat Adam , einen neckisch-vorwurfsvollen Accent in der Stimme . » Aufrichtig , ich ertrage das nicht länger ! Sie kennen mich noch nicht . Sie wissen noch nicht , daß ich ein sonderbares Gemisch von ... von Naivetät und ... und Raffinement bin . Vielleicht coquettire ich auch schon zu sehr mit dem Bewußtsein , daß ich coquettire - vielleicht bin ich in natura ... meerschendeehls - pardon ! - also sehr oft viel ehrlicher und wahrer , als ich mir einbilde . Ich interessire mich nun einmal für Sie . Sehr sogar ! Sehr ! Vielleicht bin ich auch schon ehrlich verliebt in Sie - weiß der Teufel ! - liebe Sie womöglich schon hagebüchen leidenschaftlich - - aber , Hedwig - ein Geständniß - verzeihen Sie ! - aber ich kann nicht anders - ich muß es Ihnen doch zum Besten geben - also : ich bin so grenzenlos egoistisch , daß ich vollständig zufrieden bin , wenn ich durch ein tieferes Interesse , durch eine heftigere Neigung für ein weibliches Wesen , vielleicht sogar durch eine stürmische Leidenschaft , an mir selbst eine Steigerung meines Ichs erfahre - auf Erwiderung meiner Gefühle rechne ich eigentlich gar nicht - ich bedarf ihrer gar nicht - - ich will nur Gelegenheit und Möglichkeit haben , mich auch nach dieser Richtung hin auszuströmen , so wie ich mich auch in jeder anderen Beziehung , als fanatisch auf Unabhängigkeit und Selbständigkeit Versessener , vollkommen zwanglos , ungehemmt , rücksichtslos ausleben will ... Verstehen Sie mich , Fräulein Hedwig - ? « » Ich denke ! Aber was soll das mir - ? Warum sagen Sie das mir - ? Darin verstehe ich Sie allerdings nicht - « » Warum ich Ihnen das sage , Hedwig ? Nun , ich denke : das ist doch einfach genug . Ich gestand Ihnen schon : Sie interessiren mich . Aber Sie sprechen nicht allein zu meinem Blute ... nicht allein - offen heraus : zu meiner ... meiner Sinnlichkeit . Ich bin , wie gesagt , ganz offen , Fräulein Irmer . Ich weiß absolut nicht , warum man das nicht sein dürfte . Wenn zwei Menschen , die sich bis dato fremd waren , zusammentreffen , so sollten sie immer sogleich Wesensfragen stellen . Und um so eher , wenn sie merken , daß sie nicht ganz alltägliche Waare sind . Ich liebe die Ueberraschungen über Alles . Und da ich Sie leider nicht damit überraschen kann , daß ich Ihnen irgend ein außergewöhnliches Geschenk machte , Ihnen z.B. einen ausgestopften Hummer verehrte , oder etwas Aehnliches , so lassen Sie mich Sie doch damit überraschen , daß ich Ihnen allerlei curiose Geständnisse mache , welche das Fundament meiner Persönlichkeit angehen ... daß ich Ihnen allerlei Intimes aus meinem Seelenleben erzähle ... Ich muß allerdings bemerken , daß ich jenem Motive der Wesensfragen gegenüber zumeist leider auch nur Theoretiker bin - in Wirklichkeit bin ich schon viel zu gleichgültig und zu verschlossen und zu selbstgenügsam , um sotane Wesensfragen noch zu stellen ... Manchmal fahre ich wohl den Ersten Besten unverhofft damit an und verblüffe ihn . Mein Gott ! Warum soll man zuweilen seinem Nächsten nicht ein Fläschchen Salmiakgeist unter die Nase halten ? Aber Ihnen gegenüber , Fräulein Hedwig , hatte und habe ich jetzt noch das Gefühl , daß ich Ihnen mit Fug und Recht sogleich in der ersten Zeit unserer - Sie gestatten mir den Ausdruck ! - also unserer Bekanntschaft Dies und Das erzählen darf , was Wesenhaftes meiner Natur ausmacht . Ich sagte Ihnen schon : ich bin ein monströser Egoist . Aber ich glaube beinahe , daß ich doch so intensiv für Sie aufflammen könnte - vielleicht schon aufgeflammt bin - daß ich mich selber vergäße und mir in Folge dessen mit Grazie und Würde einbildete , daß ich mich ganz von Ihnen hätte auffress - pardon ! das fährt Einem immer so ' raus ! - Na ja ! Und so weiter - Sie wissen schon .... Dabei - hm ! also dabei würde es mir , vermuthe ich wenigstens , schließe ich wenigstens aus erlebten , praktisch erfahr ' nen Analogie ' n , immer noch sehr gleichgültig sein , ob Sie mein Feuer , meine Leidenschaft erwiderten , oder nicht . Ich glaube in Ihnen einen in manchen Punkten wesensverwandten Menschen gefunden zu haben . Lassen Sie uns ein Stück unseres Weges zusammengehen ! Behalten wir uns wenigstens im Auge ! Lassen Sie uns natürlich mit einander verkehren - sprechen und denken und fühlen wir nach Kräften unmittelbar ! Mein Gott ! Ich weiß gar nicht , was uns daran hindern sollte , wenn wir erkannt haben , daß diese köstliche Zwanglosigkeit und Natürlichkeit allein unserer würdig ist , weil sie uns congenial ... weil sie uns in jeder Beziehung entspricht ... « Hedwig schwieg zu dieser prachtvollen Auseinandersetzung . Sie verstand sie , wenigstens im Großen und Ganzen , und mußte Manchem darin zustimmen . Sie constatirte auch mit einer gewissen inneren Befriedigung eine starke Geistesverwandtschaft zwischen diesem kühnen Herrn Doctor und sich . Und doch sträubte sie sich , laut zu äußern , wie sympathisch sie sich ganz unten auf dem Boden ihres Ichs berührt fühlte . Vielleicht war sie durch die Einsamkeit , in der sie mit ihrem Vater jahrelang gelebt , innerlich auch schon zu versteift und verhärtet , um für Dialektik noch die gehörige Geschmeidigkeit des Geistes zu besitzen . So fügte Adam nach einer Weile , während welcher sie schweigend neben einander hergeschritten waren , hinzu : » - Darauf kommt es ja auch gar nicht an , was man ist , sondern darauf : wie man das ist , was man ist ... « » Wollten Sie nicht einmal meinen Vater besuchen , Herr Doctor ? « Die Frage klang liebenswürdig , einladend . Unwillkürlich münzte sie Adam zur zustimmenden , Verständniß und verwandte Anschauung verrathenden Antwort auf seine Auseinandersetzung um . Er freute sich darüber , aber , merkwürdig und erklärlich zugleich , veranlagte ihn diese Frage zu einer gespreizt-höflichen Erwiderung : » Gewiß , mein gnädiges Fräulein ! Ich werde mir mit Ihrer Erlaubniß demnächst die Ehre geben - « Hedwig sah ihren Begleiter wegwerfend von der Seite an . Adam fing den Blick auf und erklärte ihn sich . Er lächelte . » Hedwig ! « » Herr Doctor - ? « » Geben Sie mir den Arm - ja - ? « » Ich danke ! Ich gehe so freier - « » Gefühl ... Verständniß für Freiheit - das Bedürfniß derselben sind gewiß große , schöne , bedeutende Dinge ... Aber man darf eine Passion nicht in äußerliche , kleinliche Pedanterie ' n und Willkürlichkeiten zersplittern - « » Ich bin übrigens sogleich zu Hause - « » Hedwig ! Wollen wir uns denn immer so fremd bleiben ? . Ich habe Geduld , unter Umständen viel Geduld - aber ich bemerkte Ihnen schon- : ich muß zeitweilig sehr despotisch sein - « » Ich bitte , Herr Doctor - « » Sind Sie mir noch böse von neulich ? - Ich handle immer nur aus dem Rahmen meiner Stimmung heraus - « » Darüber brauche ich wohl nicht zu reden . - Aber hier sind wir ... Adieu ! « » Sie malträtiren mich geradezu , mein Fräulein ! Aber wie Sie ... wie Sie wollen ... Also adieu ! Empfehlen Sie mich , bitte , Ihrem Herrn Vater ! . Ich habe die Ehre ... « Adam lüftete den Hut und verneigte sich sehr ceremoniell . Dann blieb er noch einen Augenblick vor der geöffneten Thür stehen . Auch Hedwig war stehen geblieben . Beide sahen sich fest in die Augen . Um Adams Lippen kräuselte es sich wie ein verhaltenes Lächeln der Befriedigung . Als Hedwig Irmer die Treppen zu ihrer Wohnung hinaufschritt , war es ihr plötzlich zu Sinn , als verstünde sie diesen Adam Mensch besser , als er sich selbst verstünde . Und doch war ihre Welt eine so ganz andere , denn seine Welt . - Adam ging langsam nach Hause . Es war zwischen fünf und sechs Uhr . Die eben aufkeimende Abenddämmerung des jungen Frühlingstages ließ ihre ersten , leisen , so wundervoll discreten , so entzückend verschämten Schatten spielen . - VII. Adam Mensch waren einige Tage in ziemlich blödem Einerlei hingegangen . Er hatte die physiologischen Nachwirkungen jener durchgenossenen Wein- und Spielnacht über sich ergehen lassen müssen . Eine unleidliche Gemüthsdepression war jetzt über ihn gekommen . Eine peinliche Schwere hatte sich seiner bemächtigt , die wie ein unaufrührbarer Bodensatz auf dem Grunde seiner Seele lag . Eine Fülle von Gedanken und Gefühlen stieg in ihm empor , aber jede Einheitlichkeit fehlte und jede Neigung , die Anläufe und Fragmente zu packen , zu vertiefen , zu erschöpfen , zu vollenden . Unheimlich scharf schaute er zeitweilig in Welt und Leben hinein , und die Nachtseiten des Daseins erschlossen sich ihm in zermalmender Klarheit . Er fühlte , wie ungeheuer weit er davon entfernt war , ein Kind der Stunde sein zu können , ein von der mechanisch-regelmäßigen Erfüllung einfacher Pflichten befriedigter Mensch . Er sehnte sich nach einer neuen Umgebung , nach neuen Verhältnissen , die ihn ganz herausforderten , die im Stande wären , ihn ganz hinzureißen . Er sehnte sich nach einem großen Schicksal , nach vollen , starken , runden Gefühlen , nach einer gewaltigen Freude , einem erschütternden , entscheidenden Schmerze . Alles in ihm war weit und verworren , Nichts eng , klar umrissen . Und doch bebte er instinctiv vor einem großen Erlebniß zurück . Er wußte nicht , in welcher Gestalt er es sich vorstellen , erwarten sollte . Aber er wußte auch zugleich , daß er bei dieser nervösen Ueberreizung , bei dieser pathologischen Abhängigkeit von seinem Organismus einem bedeutenden Schicksale kaum gewachsen sein würde . Rathlos stand er vor sich , hülflos tastete er an sich herum , und schneidend äußerte sich ihm die marternde Hoffnungslosigkeit seiner Generation . Seiner Generation - ? Adam sagte sich sehr klar , daß es unter seinen Altersgenossen verhältnißmäßig nur Wenige gab , die seiner Art verwandt waren . Aber diese Wenigen bedeuteten die ursprünglich geistig Bevorzugten . Ihre Kräfte fanden nur keine Sphäre , in der sie sich zwanglos bethätigen konnten . Das Sichabfinden , Sichanpassen ,