ich muß für immer verzichten . « » Ja , « seufzte Fanny , » wir sind darüber alt geworden . « » Nicht Sie , nicht Sie ! Sie sehen aus , als zählten Sie fünfundzwanzig Jahre . « » Sie wissen doch , Lanzenau , wenn man einer Frau von dreißig und darüber sagt , sie sähe aus wie fünfundzwanzig , so involvirt das Kompliment das Geständnis , daß ihre dreißig Jahre ein Verbrechen sind . « » Fanny , « sagte er ungeduldig , » Sie wissen , diese Spitzfindigkeit ist mir gegenüber nicht am Platz . « » Sie sagen mir im Tone des Vorwurfs , « knüpfte sie mit plötzlichem Ernst an seine Eingangsworte an , » daß mein Wesen Ihnen immer neue Hoffnung gegeben . Wie , sollte es immer die bittere Folge eines abgewiesenen Antrags sein , daß man einen lieben , unentbehrlichen Freund aus seinem Leben verliert ? Könnten Sie mich je , könnte ich je Sie entbehren , so wie unser Dasein sich nun einmal gestaltet hat ? Lieber Lanzenau , als Sie das erstemal um mich warben , war Ihre Aussicht die größte ; ich schwankte . Und heute ist sie die geringste , denn heute wird mein Nein ! ein ganz bestimmtes sein . Ich hätte es Ihnen schon vor meiner Abreise geben können , aber Sie selbst baten um Antwort erst nach der Rückkehr . Glaubten Sie wirklich , ich hätte der fünftägigen Ueberlegung bedurft ? « » Darf ich Sie bitten , mir klar zu machen , wie unsere gegenseitige Unentbehrlichkeit mit Ihrer Abneigung , mich zu heiraten , in Einklang zu bringen ist ? « fragte der Baron mit einer traurigen , mutlosen Stimme . » Da es doch eine Zeit gab , wo keinerlei Abneigung bestand ? « setzte Fanny leise hinzu . » Ja , so hätten Sie vollenden dürfen ; daß Sie den Gedanken , die peinliche Mahnung verschwiegen , ritterlich und großmütig wie immer , das legt mir die Pflicht auf , selbst daran zu rühren . « Er machte eine abwehrende Handbewegung . » Nein , « sagte sie hastig , » einmal , einmal muß alles vom Herzen herunter . « Ihre Augen bohrten sich in das nächtige Dunkel des Parkes , und sie sprach , in Unbeweglichkeit verharrend , langsam und leise in die Nacht hinein , als säße kein Zuhörer ihr nahe gegenüber , der mit scharfen , klugen Augen ihr jedes Wort von den Lippen las . » Ich weiß es noch wie heute , als Sie zuerst dies Haus betraten . Es war nach dem Tode Ihres Vaters , der Ihnen Driesa in höchster Unordnung hinterlassen . Sie waren aus einem glänzenden , arbeitslosen Kavalierleben hieher geeilt , um Ihr Erbe zu ordnen . Es fand sich , daß der einzige Weg dazu der Verkauf des Familiengutes war . Mein Mann wollte es erwerben , aber Ihr Wunsch , das geringe Vermögen , welches Ihnen blieb , als Hypothek auf Driesa sicher zu stellen , scheiterte an dem Eigensinn meines Mannes , der in diesem Ihrem Wunsch die geheime Hoffnung Ihrerseits fand , eines Tages wieder Besitzer werden zu können . Ich verstand , daß Sie sich bloß fürchteten , Ihr Restchen Eigentum in wenig Jahren zu vergeuden und daß Sie den eigenen Grandseigneurangewohnheiten einen gewaltsamen Zügel anlegen wollten ; denn eine unkündbare Hypothek sicherte Ihnen zeitlebens einen kleinen Zins , genügend für ein bescheidenes Junggesellenleben , aber sie verbot Ihnen jede Verschwendung . « » Und dies Ihr Verstehen führte uns zuerst zusammen . Ich sehe die junge Priesterin der Vernunft noch vor mir , wie sie mir mit leuchtenden Augen und beredten Lippen meinen Vorsatz lobte , wie sie mir versprach , bei dem Gatten für mich zu wirken , « setzte Lanzenau warm hinzu . » Ja , ich ereiferte mich für Sie und Ihre Sache . In meinen inhaltslosen Tagen war es der erste Gegenstand , für den ich wirken konnte . Sie gaben mir zu thun , und Sie , aus dem rauschenden Leben in diese unerträgliche Stille versetzt , Sie fühlten es als Ihr Herrenrecht , der jungen , ungestümen Frau - die Cour zu machen . Wir kokettirten mit einander , ohne das allergeringste für einander zu fühlen , - nur so faute de mieux . « » O Fanny , wie hart ! « » Ja , « sagte sie herbe , » wir wollen ganz wahr sein . Gott sei Dank , daß wir es können , und daß , wenn wir uns die Masken vom Gesicht nehmen , nur menschliche Irrtümer , menschliche Flecken zu sehen sind , keine teuflischen Häßlichkeiten . Wir redeten uns ein , in einander verliebt zu sein , und das kam so : Ich war ein Kind , als ich Förster heiratete , ein unfertiges Kind , das Herz voll überspannter Gefühle , den Kopf voll übertriebener Ideen . Ich wollte lieben und geliebt sein wie eine Julia , ich wollte arbeiten und schaffen als die gleichberechtigte Genossin meines Mannes . Für den ernsten , älteren , vielbeschäftigten Förster sollte ich aber nur das liebenswürdige Aufheiterungsmittel der Erholungsstunden sein . Das war mir zu wenig . Ich war überzeugt , eine Frau werde entmündigt , wenn man sie nicht als Wirkerin und Richterin in den großen Fragen der Zeit heranzöge . Den Wust von ungeordneten Gedanken , der hinter meiner achtzehnjährigen Stirn umherwühlte , nahm ich für das Zeugnis bedeutender Anlagen , die zu erkennen Förster nicht im stande sei . Manch wirklich vernünftiger Wunsch erschien ihm thöricht , weil die Form , in welcher ich ihn vortrug , zu anspruchsvoll war . Vielleicht daß ihm in der That die Fähigkeit oder die Geduld abging , mich zu erziehen , zu verstehen - kurz , ich war bald ein Musterexemplar von jener Gattung , die man unverstandene Frauen nennt , also ein unnützliches , unausstehliches Geschöpf . Für solche Frauen sollte im Strafgesetzbuch ein besonderer Paragraph stehen . Denn sehen Sie , bin ich , die ich hier sitze - eine ziemlich vernünftige Frau , die in mannigfachen Pflichten heiter ist und das Unvollkommene , das jegliches Dasein schließlich hat , gleichmütig erträgt - bin ich nicht dieselbe Fanny , die auch damals hätte schon Freude am Leben haben können und auch anderen hätte zu machen vermögen ? Das bißchen Vernunft , das heute zu Wort gekommen ist , saß doch schon immer in mir , weshalb hatte ich es damals nicht ausgegraben ? « » Liebste Fanny , « sprach Lanzenau , » der Wahn , nicht verstanden zu sein , ist bei den jungen Frauen ein Durchgangsstadium , wie bei den Kindern das Ausfallen der Milchzähne . Zum Durchbeißen der härteren Lebenskost wächst dann ein neues Gebiß . « » Mag sein . Nur hat der arme Förster gewiß viel zu leiden gehabt . Mißverstehen Sie mich nicht , ich verliere mich nicht in falsche Reue , denn mit ehrlichem Herzen habe ich auch damals ihn glücklich machen wollen ; daß ich in den Wegen dazu irrte , ist Jugendschuld gewesen . Mangel an Erkenntnis entlastet vor jedem Richter . Aber dann kamen Sie . Die unverstandene Frau bekam ihr naturnotwendiges Attribut : den Tröster . Es mag eine Komödie zum Lachen gewesen sein mit uns beiden , Lanzenau . Sie langweilten sich in Driesa zum Sterben ; der kleinen , temperamentvollen Nachbarin einen Roman zu schaffen , erschien eine standesgemäße Abwechslung . Ich bespiegelte mein Selbst wohlgefällig in den kleinen , tugendhaft bestandenen Versuchungen und redete mir in schlaflosen Nächten ein , daß Sie der Mann seien , der mich verstehe . Förster , der kluge , wachsame , mag , wie ich jetzt zurückdenkend die Situation sehe , uns ausgelacht haben in seiner schönen Sicherheit , daß er immer der Herr bleibe . Genug - Förster starb plötzlich , als unsere - Flirtation einem Gipfelpunkt zutrieb . Ich erwachte und begriff , was ich verloren . In ernster Einsamkeit begann ich an mir zu arbeiten . Ach , warum warten so viele Frauen und Männer erst auf Katastrophen , um ihre Selbsterziehung zu beginnen ! Es gäbe mehr glückliche Ehen , wenn das anders wäre , und auch Förster und ich hätten glücklicher sein können . Ein Jahr nach Försters Tod boten Sie mir Ihre Hand . Sie waren in meiner Nähe geblieben , aber die Erschütterung , welche auch Sie über Försters Tod empfanden , hatte Sie den Ton der Ehrfurcht und Bescheidenheit mir gegenüber gelehrt . Ich lehnte Ihren Antrag voll innerer Zweifel ab . Warum ? « » Nun - warum ? « fragte Lanzenau gespannt . » Weil ich mir damals nicht klar war , ob mein Spiel mit Ihnen zu Försters Lebzeiten mich von Ihnen trennte oder mich zu Ihnen zwang . Deshalb sagte ich damals : Noch nicht ! Heute aber weiß ich längst , daß mich das weder an Sie bindet noch von Ihnen trennt . Solche Gefühle für Wechsel anzusehen , die man in der Zukunft einlösen muß , hieße mit Bewußtsein den Irrtum als Lebensbestimmer anerkennen und die reife Einsicht unter die Jugendthorheit stellen . « » Und weshalb wurde mein zweiter , mein dritter Antrag abgelehnt ? « fragte er . Fanny stand auf . Sie ging im spielenden Licht der Kerze hin und her , die Bewegung ihrer Gestalt versetzte die Flamme hinter dem Glascylinder ins Schwanken . Auch Lanzenau stand auf . Plötzlich blieb Fanny vor ihm stehen , faßte mit ihren beiden Händen an seine herabhängenden Arme und sah ihn an , daß er über den veränderten , leidenschaftlichen Ausdruck in ihrem Gesicht fast erschrak . » Wie wir so neben einander herlebten , uns unwillkürlich , fast unmerklich , zusammen zurechtfindend in den tausend Lasten und Pflichten , die Försters Tod auf mich warf und an denen Sie teilnahmen , als gehöre sich das so , da fand es sich nach und nach , daß wir an einander Eigenschaften entdeckten , die wir mit ruhigem Herzen achten konnten . Lanzenau , wie waren wir reich : anstatt ein Spiel des Leichtsinns mit einem Fall in die Tiefe und dem nachfolgenden Ekel zu beenden , blieb uns das schönere Los , uns als Menschen zu erkennen , die gemeinsam das Höchste zu leisten vermögen , was Menschenwille überall leisten kann . Wir arbeiteten zusammen in langen , segens- und mühevollen Jahren und sahen um uns in dem Kreise , so weit unsere Pflichten und unsere Kräfte reichen , Wohlstand , Frieden und Glück erblühen . Und , Gott sei Dank , Anforderung und Leistungsvermögen standen immer im Einklang . Wenn wir abberufen werden , dürfen wir uns zufrieden zur ewigen Ruhe begeben : jung waren wir Thoren , aber als wir zu Verstand gekommen waren , suchten wir die höchste Sittlichkeit in der Arbeit . « In ihren Augen standen Thränen . Sie ließ ihn los . » Aber , Fanny , « rief er erschüttert , » teure Fanny , dies alles darf ein Grund mehr sein , mir Ihre liebe Hand zu geben . Aus der Achtung ist die Liebe erwachsen , sie hat das schönste Fundament . Und in den gemeinsamen Aufgaben ruht die Garantie zukünftigen Glücks . « » Nein , « rief sie leidenschaftlich , » nein , mein Freund ! Nichts in mir zwingt mich , diese schöne Genossenschaft der Arbeit in eine andere Genossenschaft umzuwandeln . In all diesen Jahren hat mich nie ein leidenschaftlicher Wunsch zu Ihnen gezogen . Sie werden mir sagen : was die Vernunft anbietet , kann die Vernunft ruhig annehmen , von Leidenschaft soll ja überhaupt keine Rede sein . Aber das ist es : in dem gesunden , schönen Leben , das wir uns gestaltet , ist meine Seele immer freier und jünger , immer glücksfähiger und glücksdurstiger geworden , und nicht immer , mein Freund , habe ich mir unaufhörlich neue Pflichten gesucht , um mein Arbeitspfund zu verwalten ... nein , ich habe mich auch oft - betäuben wollen . Sehen Sie , « setzte sie mit schmerzlichem Lächeln hinzu , » die Unvollkommenheit , die Ungestilltheit ist noch in mir wie damals ; aber ich weiß , daß das gemeinmenschliches Los ist , ich erkenne , daß man sich keine Zeit geben darf , darüber zu klagen , und nur in Stunden wie diese zwischen uns darf man daran rühren . « Sie stand am Geländer der Terrasse und preßte die geballten Hände an ihre Augen . Lanzenau trat zu ihr , nahm ihr sanft die Hände vom Gesicht und legte den Arm um ihre Schulter . » Und ich , « sagte er , sich zärtlich zu ihr beugend , » ich kann durch meine Liebe nicht das nützliche , zufriedene Leben zu einem glückseligen verschönern ? Ich , Fanny , habe mehr und mehr mit leidenschaftlichen Wünschen an Sie gedacht , es ist nicht die Vernunft , die um Sie wirbt , sondern die Liebe . « Sie sah mit nassen Augen zu ihm empor . Ein unbeschreiblicher Ausdruck von Schelmerei , Rührung und Zärtlichkeit vergoldete ihr Gesicht . » Es ist eine Lächerlichkeit , Lanzenau , « sagte sie errötend , » aber ich ... ich ... meine zuweilen ... Sie wären zu alt für mich . Ich sehe das Alter bei Ihnen , Sie sehen es vielleicht auch bei mir . Das thut die Liebe nicht . Sehen Sie ... Ihre Schläfenlocken geniren mich . Eine andere Generation , eine , die vor mir war , redet daraus . Ich bin eine Närrin . « Sie mußten beide aus der Rührung lachen . Und dabei wallte in seinem Herzen die Hoffnung nur stärker auf . Sie wies ihn ab - ja , aber aus ihren Geständnissen nahm er ihr unbegrenztes Vertrauen und zugleich die Gewißheit , daß keine andere Liebe ihr Herz beherrschte . » Die Schläfenlocken können fallen , « sagte er heiter . » O nein ! « rief sie wie erschreckt . Und dann ernst : » Ich glaube , Sie verwechseln Ihre Gewohnheit mit Ihrer Neigung . Jeder Tag sieht uns vom Morgen bis zum Abend zusammen , wir sind eine Familie . Sie haben vergessen , ob und wie man ohne mich noch lebt und leben kann . Vielleicht haben Ihre Wünsche sich auf mich gerichtet , weil meine stete Gegenwart Sie hinderte , andere Frauen zu bemerken . « » So senden Sie mich fort , und ich will vom Ende der Welt zurückkommen mit dem Bekenntnis : Fanny , ich liebe Dich ! « » Nicht so weit sollen Sie , sondern bloß nach Driesa , « sagte Fanny , ihr altes Gleichgewicht wiederfindend . Schnell von seiner Bereitwilligkeit , die Welt zu umschiffen , ernüchtert , fragte Lanzenau finster : » Es ist Ihr Ernst ? Und was soll in Mittelbach geschehen ? « » Erstens sind Sie eingeladen , jeden Tag zum Speisen hieher zu kommen , was ja für Sie kaum einen Unterschied macht , da Sie jetzt jeden Vormittag nach Driesa reiten ; zweitens nehme ich einen Administrator für Mittelbach , « erklärte Fanny und zog wieder die Depesche aus der Tasche . » Da , « sagte sie , » so heißt er . « » Joachim von Herebrecht , « fragte er , » der junge Schwager Adriennens ? Und das war so eilig , daß es per Draht abgemacht werden mußte ? « Sie hörte wohl die Bitterkeit in seiner Stimme , antwortete aber ruhig : » Es galt , dem jungen Mann , der stellenlos und auf eigenen Erwerb angewiesen ist , einen Wirkungskreis zu schaffen , der ihm , wenn er von hier weiter strebt , als Empfehlung dienen kann . Seiner Jugend wird man , so lange seine Fähigkeiten kein Versuchsfeld hatten , kaum einen verantwortlichen Posten anvertrauen . Hat er sich auf Mittelbach bewährt , wird leicht ein weiterer Weg gefunden . So habe ich erwogen , und wenn ich finde , daß das , was ich will , gut ist , scheint mir immer die rascheste Entscheidung die beste . « Lanzenau küßte Fanny die Hand . » Daran erkenne ich wieder meine Fanny . Mit raschem , klarem Handeln greift sie wieder in eine Existenz und öffnet dieser sichere Bahnen . Nun denn , wenn auch diesmal ich darunter zu leiden habe , kann ich Ihre Bestimmungen nur billigen und werde morgen früh meine Schlafstätte aus dem Mittelbacher Pastorenhause nach dem Driesaer Schloß verlegen . Ich thue das in der Hoffnung , daß unser kargeres Beisammensein auch Ihnen , Fanny , den Gedanken wecken und festigen soll , daß eine Trennung zwischen uns eine Unmöglichkeit ist , daß eine Heirat zwischen uns nur eine logische Entwicklung der Thatsachen bedeutet . « Fanny schüttelte lächelnd den Kopf , wie man bei der Thorheit eines Kindes thut , die man mißbilligt , aber doch nicht strafbar findet . » Sie begannen das Gespräch , indem Sie mir sozusagen ein Ultimatum stellten : heute oder nie mehr ! Und Sie endigen es mit dem Bekenntnis neuer Hoffnung . « » Ich kann nicht anders , « sprach Lanzenau , » ich fühle , daß die Hoffnung aufgeben , einfach das Leben oder doch die bisherige Daseinsform aufgeben heißt , und das bedeutet für Menschen in einem gewissen Alter einen tödlichen Schlag . Eine Erschütterung des Gemüts kann einen Zwanzigjährigen reifer und kraftvoller machen - uns würde sie in Greise wandeln . Gute Nacht , Fanny , ich gehe heiter , denn mein Glaube , daß Sie mein sind , steht fest wie die Sonne am Himmel ! « Fanny schüttelte ihm die Hand . Er nahm seinen Hut , der auf dem Tische neben dem Windlicht lag , und ging die Stufen hinab in den Park , wo er nach wenigen Schritten in der Dunkelheit verschwand ; dennoch blieb Fanny stehen , als sähe sie ihm nach . Vor ihrem geistigen Auge schritt er dahin in seinem engen Wams , mit seinem spitzen Schnurrbart , dem Monocle im linken Auge und dem hohen Hut auf dem Kopfe . Sie sah seinen vorsichtigen , etwas steifbeinigen Gang , die zierliche Art , wie er zwei Finger der Linken zwischen die Knöpfe und die ganze Rechte außer dem Daumen in die Seitentasche des Jaquets steckte , - eine Gestalt , die auf dem Boulevard einer Weltstadt charakteristisch gewesen wäre , die aber in der Ländlichkeit von Mittelbach allezeit ein klein wenig an den alternden Bonvivant der Bühne erinnerte . Dabei verhütete ein gewisses aristokratisches Etwas jeden Eindruck von Lächerlichkeit . Fanny sah das alles ganz lebhaft vor sich und dachte zugleich mit dankerfülltem Herzen daran , wie hundertfach sie diesem Mann verpflichtet war , wie sie ihn verehrte , liebte - ja liebte , etwa wie einen Vater oder älteren Bruder . Aber das war ja wieder lächerlich von ihr . Sie nahm das Licht , ging hinein , schloß hinter sich zu und schritt geradewegs auf den Spiegel los , der an der einen Schmalwand des Saales zwischen zwei Sofas stand . Hier sah sie sich fest ins Gesicht . » Fanny , du bist selbst eine alte Frau ! « sagte sie laut . Dann ging sie , ein lustig Lied auf den Lippen , dessen Töne sie zum Summen dämpfte , mit heiterer Stirn in ihr Schlafgemach , um wie immer traumlos und fest zu schlafen . Fünftes Kapitel » Was , der Zug hält nicht an der Station ? « fragte Joachim von Herebrecht am Billetschalter eines Berliner Bahnhofes . » Nein , nur die Lokalzüge . « » Und wann geht der nächste ? « » Morgen früh um sechs Uhr , « sagte der Beamte und wandte sich von dem erledigten Fall seinen anderen Obliegenheiten zu . Joachim stand eine Weile unbeweglich und störend im Menschengewühl des Bahnhoftumultes , wie jemand , der für den Augenblick ganz verdummt ist . » Den Teufel auch , « dachte er verdutzt , » da trete ich mit einer Unpünktlichkeit in den neuen Wirkungskreis . So was macht immer einen schlechten Eindruck . Aber die Frauenzimmer hätten doch auch in den Briefen , die der Depesche folgten , ein Wort davon einfließen lassen können , daß man nur mit dem edlen Beförderungsmittel der Bummelzüge in die Försterschen Gefilde gelangen kann . Na , wo Frauen regieren , kann man am Ende solche Vergeßlichkeit nicht befremdlich finden und kann auch wohl darauf rechnen , daß Unpünktlichkeit nicht als Untugend angesehen wird . « Damit beruhigte er sich , suchte ein Hotel in unmittelbarer Bahnhofsnähe auf und ließ sein Gepäck gleich an der Eisenbahn . Der andere Morgen sah ihn sehr übellaunig im Coupé des ersten Zuges , der mit viel Geräusch und wenig Eile durch den märkischen Sand fuhr . Joachim , von Berufswegen zum steten Frühaufstehen gezwungen , haßte dasselbe doch gründlich und liebte an den Tagen , wo der Zwang wegfiel , ein verlängertes Verweilen im Bett , bis zur Mittagsstunde womöglich . Und natürlich würde nun kein Wagen an der Station sein und er konnte das Vergnügen genießen , ein paar Stunden durch den sonnigen Morgen zu Fuß zu laufen . Diese Befürchtung bestätigte sich , denn der Inspektor teilte an der Station dem jungen Herrn mit , daß gestern zum letzten Zug - zum letzten Bummelzug , schaltete Joachim ein - der Wagen hier gewesen sei und daß die fremde Dame , die neuerdings auf Mittelbach wohne und Frau Försters Schwägerin sein solle , darin gesessen habe . » Frau von Herebrecht ? « fragte Joachim unglücklich . » Auch das noch ! « » Ich weiß nicht , wie die Dame heißt ; sie ist jung , sehr schlank und trug ein weißes Kleid und einen großen weißen Hut . « » Natürlich - Adrienne ! « Joachim sagte , daß man sein Gepäck holen werde , und machte sich auf den Weg . Es mochte gegen zehn Uhr sein , und der Junimorgen lag mit blendendem Sonnenschein über den Feldern . Die lang aufgeschossenen Pappeln warfen weitläufige Gitterschatten über die Chaussee , deren Fahrdamm wie von silbergrauem Staubpulver überschüttet war . Von rechts und links drängte sich das wogende Getreide an die Straße , ein erfrischender Wind fuhr über die bläulich aufschimmernden Aehren des Sommerkorns . Joachim nahm den Hut ab , daß der Wind ihm die Stirn kühle , und spannte einen blauleinenen Sonnenschirm , den er bisher als Stock benützte , über sich auf . Das Wandern durch die reichtragenden Felder ward ihm schnell zum Vergnügen , er pfiff den Fledermauswalzer vor sich hin und dachte nach , in einem abwechslungsreichen Durcheinander bald über die Verlobung der » kleinen Elly « , bald über die Qualitäten des Mittelbacher Bodens , bald über die Operette , die er vorgestern in Berlin gesehen hatte , und über die Menschen , die er in Mittelbach finden würde . Viel Sorgen machte er sich um das alles nicht . Sein aschblondes Haar , leicht über der Stirn gelockt und ziemlich kurz gehalten , krönte ein junges , offenes , frohes Männergesicht . Die blauen Augen schauten hell um sich , die fein gebogene Nase - die Herebrechtsche Familiennase - stand über frischen , feinen Lippen , die ein blondes Schnurrbärtchen zierte . Die Linie des Wangenprofils , die Form des festen Kinns , die Art , wie der Kopf getragen wurde , gaben dem jungen Antlitz den Ausdruck von Stolz und Adel . Dazu die sehr geschmeidige , mittelgroße Figur - man mußte gestehen , Joachim konnte mit dem Gepräge zufrieden sein , das die Natur ihm gegeben . Er näherte sich , rüstig ausschreitend , dem Wald , an dessen Saum ein Landweg zwischen Knicken sich hinzog . Joachim sah da etwas , das seine Aufmerksamkeit fesselte , und der Walzer auf seinen Lippen - er hatte inzwischen eine Repertoireveränderung vorgenommen und war eben bei dem unsterblichen Coakeswalzer - endete mit einem charakteristischen Pfiff . Der Pfiff hieß in die Sprache übersetzt : » Paß auf , mein Junge ! « Nach dieser Selbstmahnung bestieg er den Meilenstein neben der nächsten Pappel und sah dann auch genauer , daß es eine reitende Frau sein mußte , die zwischen den Knicken entlang kam . Die sich hebende und senkende Bewegung eines Kopfes mit schleierumwundenem Cylinderhut , konnte nur davon kommen , daß die dazu gehörige Person auf einem Pferde saß und Trab ritt . Und jetzt ein helles Aufwiehern des Rosses . Joachim , der auf alles Weibliche eine ungemeine Neugier besaß , eilte vorwärts , um womöglich da , wo Chaussee und Landweg sich schnitten , mit der Reiterin zusammenzutreffen . Das wäre nun selbst seinem schnellsten Gang nicht möglich gewesen , aber die Reiterin sah , als sie die Chaussee überschreiten wollte , den Herrn mit dem Sonnenschirm daherkommen . Sie hielt ihr Pferd an und schaute dem Kommenden entgegen ; eine so kultivirte Männererscheinung in elegantem grauem Straßenanzug , mit einem Schirm über der Schulter , mochte wohl zu auffällig um diese Zeit , auf dieser Straße , und vor allen Dingen als Fußwanderer , sein . » Aha , « dachte Joachim , » das ist natürlich Fanny Förster . Donnerwetter ! Ich dachte sie mir überhaupt älter . « » Herr von Herebrecht ? « rief Fanny ihm schon fragend entgegen . Sie hätte sein Gesicht überall wiedererkannt , nach dem Bilde , das Adrienne von ihm hatte . » Zu dienen , meine Gnädigste . Und daß ich gleich mit einer Bitte um Entschuldigung beginnen muß , ist nicht sehr angenehm . Indes hatte ich keine Ahnung von der Eisenbahnverbindung , « sagte Joachim . » Das dachten wir uns , es ist unsere Schuld . Daß Sie aber nun zu Fuß daher marschiren , ist wieder Ihre Schuld , denn eine Depesche hätte den Wagen an die Station gerufen , « sprach Fanny , ihn mit herzlicher Freundlichkeit so unverhohlen betrachtend , als wäre ihr ein lieber Verwandter nach langer Trennung wiedergekehrt . » Gegen die Depeschenbeförderung über Land habe ich ein in üblen Erfahrungen wurzelndes Mißtrauen , « antwortete er . Sie standen im kühlen Schatten des Waldsaumes , und die Sonnenstrahlen hatten hier noch nicht den Tau aus der Rasennarbe weglecken können . Es rauschte durch die Kronen wie Meeresbrandung ; der wohlige Gegensatz zur langen , heißen Wanderung war so groß , daß Joachim tief befriedigt aufseufzte . » Geht es immer durch den Wald ? « » Bis beinahe zum Dorfe . Sie können nicht fehl gehen , die Chaussee schneidet schnurgerade durch den Wald , und dann sehen Sie Mittelbach . Adrienne werden Sie im Park mit ihrem Kleinen finden , vor einer Stunde habe ich sie da verlassen . Ich würde Sie begleiten , allein erstens ist es ein ungemütliches Zusammengehen - einer zu Fuß , der andere zu Pferd ; sodann muß ich zu den Wiesen hin ; die Leute fangen heute beim Heuen an . Die Wiesen liegen da hinaus « - sie zeigte mit der Reitgerte rechts am Wald entlang - » und bilden eine Art Scheide zwischen Driesa und Mittelbach ; das Flüßchen in der Mitte , das zur Elbe geht , bildet die Grenze . Das zeige ich Ihnen alles morgen . Für heute widmen Sie sich nur ganz Ihrer Schwägerin . Adrienne kann Ihnen inzwischen Ihre Zimmer anweisen . Also - auf Wiedersehen ! « Sie neigte sich und reichte ihm die mit einem Stulphandschuh bekleidete Rechte , mit der Linken so lange Zügel und Gerte zusammenfassend . Joachim empfing den freundschaftlichen Händedruck , klopfte noch dem Pferd den Hals , sagte : » Ein schönes Tier ! « und verneigte sich , Abschied nehmend . Fanny nickte noch einmal . Er sah ihr eine Weile nach . » Wie elastisch und stolz zugleich sie sich hält . Famos ! Sehr formell und schwierig scheint sie nicht . Merkwürdig , mir ist es , als kenne ich sie schon lange . Und wie schön ihr Auge und ihr Lächeln ist ! « So dachte Joachim mit einer Art von objektiver Bewunderung , als stände er etwa einem schönen Bilde gegenüber , das er anstaunte , aber das ihn weiter nichts anging . Noch froher schritt er fürbaß . Fannys Emanzipation war wenigstens nicht in unweibliche Manieren gekleidet . Joachim hatte merkwürdigerweise die vorgefaßte Meinung , daß Fanny eine selbstherrliche , emanzipationseifrige Person sei . Mochte das , was er so beiläufig dann und wann von ihrem selbständigen Wirken , von ihrem zielsichern Wesen gehört , ihm unmerklich diese Ansicht beigebracht haben - genug , er hatte das Vorurteil und war mit dem Vorsatz gekommen , sich nicht in den Bereich ihrer Weltverbesserungsideen ziehen zu lassen und überall ihr gegenüber seine Selbständigkeit zu bewahren . Es schien aber doch so , dem Gesamteindruck des ersten Augenblicks nach , daß sich werde mit ihr leben lassen . Da war das Dorf , die Kirche , die Pfarre . Er brauchte niemand um den Weg zu fragen , die Ulmenallee wies diesen von selbst . Doch besann er sich , daß seines Bruders Frau mit seinem kleinen Neffen und Patchen im Park sein sollte . Kecklich bog er gleich seitwärts um das Haus , mochte der Hofhund , der vorn an der Kette lag , gleich in wütendem Gebell die Frechheit des Fremden bekläffen . Ah , hinten sah das vornehmer aus als vorn , wo der altmodische Beischlag , die düsteren Linden , das hohe Ziegeldach des Hauses und rechts und links am Hofe die langgestreckten Scheunen dem Ganzen einen ernsten , unschönen Charakter gaben . Hinten aber öffnete sich der prächtige Park , lud die mit gärtnerischem Schmuck umzierte Terrasse ein . Joachim folgte aufs Geratewohl einem Wege , der sich durch Gebüsch zur Parktiefe