doch nein , sagen Sie , was meinten Sie denn damit , was Sie sagten , als Sie von draußen hereinkamen ? « » Was denn ? Ich hab nur gefragt : War Rother schon hier ? « » Sie haben meinen Namen genannt ? « » Ja wohl . « » So so ! « machte er enttäuscht . » Dann ist ' s ' was Anderes . Eigentlich hab ich nur daraufhin Ihnen das geschrieben , was ich schrieb . Dann freilich fällt das fort . « » Was fällt fort ? « » Nun , wenn das wahr war , « Rother unterdrückte jede weitere Anspielung , » so wäre es nicht recht von Ihnen gewesen , mit dem Eberhart zusammen zu kommen . Und das thaten Sie doch ? « » Ja , « sagte sie verlegen , mit ernstem Ausdruck . » So haben Sie für den eine Neigung ? « » Nicht die Spur ! « erwiderte sie halblachend . » Ich hab mir nur gedacht , er wäre unter all den Andern noch mir der Anständigste . Und darum schrieb ich an ihn . « » Gut , ich kann verstehn , daß Sie ihn einmal sahen . Siehe das zweitemal , nachdem Sie meinen Brief erhielten , nun , das war gemein . « » Ja , ich hatte doch eigentlich keine Verpflichtung . « Er lag vor sich nieder . » Gewiß nicht . Aber nach meinem Briefe mußten Sie wissen , wie es mit mir steht . Und daraufhin .. Zudem , warum sind Sie damals nicht nach Treptow hinausgekommen ? « » Ich fürchtete mich . Anfangs wollt ich durchaus gehn ; aber dann dacht ich immer wieder , Sie spielten mit Bammer unter einer Decke zusammen . « » Ich ! Wie konnten Sie so was denken ! « » Ja , ich glaubt ' es eben . « » Na , das war hübsch , wie ich da draußen umhergestiefelt bin , « lachte er . Sie lachte melodisch mit . Dann sagte sie aber ernst : » Wie konnten Sie mir nur solch einen ordinären Brief schreiben ! « » Nu , war denn der so schlimm ? « » Ach so abscheulich ! « Sie schlug die Hände über dem Kopf zusammen und schauderte ordentlich . » So , wo ist er denn ? « » O ich habe ihn gleich verbrannt . « Eine kurze Pause trat ein . » Ueberhaupt , « sagte sie plötzlich , » auch Ihr letzter Brief .. daß Einer so was von mir denken kann , daß ich nach Männern angle und aufs Geheirathetwerden spekulire ! Ich bin gar nicht heirathslustig , nein durchaus nicht . Noch vor ein paar Wochen war ein Agent bei mir , der nur das anbot . Ich sollt einen Kammerdiener heirathen mit 50,000 Thaler . Der hatte mein Bild gesehn und so ... Aber ich hab ' s gleich abgeschlagen . Was soll ich denn mit so ' nem Alten ! « Ein eifersüchtiger Groll ergriff Rother schon bei diesem Gedanken . Also gab es wirklich solche ! » Wollen Sie mein letztes Bild sehen ? « fragte sie und machte ihr Album auf . - Sie stand da , einen Champagnerkelch in der Hand , einen Herrn neben sich , einen andern vor ihr am Boden knieend . Sie sah zwar verlockend üppig und pikant aus mit dem sinnlichen Ausdruck ihrer Züge , aber so gemein , daß Rother erschrak . » Puh ! « sagte er » das reine bayrische Biermensch ! In die hätt ich mich nie verliebt . « Und in der That war zwischen diesem Bild und dem ernsten melancholischen Mädchen , das vor ihm stand , kaum eine Aehnlichkeit zu entdecken . » Ja , das Bild darf nicht gezeigt werden . Die Herrn - es sind ein paar Lieutenants - haben ihr Wort darauf geben müssen ; eher that ich ' s nicht . Bammer zwang mich dazu . « » So . Auch die andern Bilder da im Costüm sind nicht ähnlich . Sieh , der österreichische Offizier da .. wer ist das ? « Sie schwieg und lächelte verlegen . » Aha , ist das der große Unbekannte , der erste Amoroso ? « Nach einer Pause stieß sie hastig , aber mit augenscheinlicher Gleichgültigkeit hervor : » Ja , den hab ich einst sehr gern gehabt . « » Herr Gott , dies stupide Gesicht ! « brummte er in sich und kopfschüttelnd . » Halt , wer ist dies Dämchen da gegenüber ? « Sie antwortete nicht . » Ein interessanter Kopf . « » Aber das bin ich ja ! « » Sie ? « Er maß sie befremdet - keine Spur von Aehnlichkeit zwischen diesen leidenden schmachtenden Zügen und dem üppig blühenden Weibe vor ihm . » Da waren Sie wohl noch sehr jung . « » I bewahre , die Photographie ist aufgenommen , grad als ich nach Berlin kam . Ich sah sehr angegriffen aus . « » So , weshalb ? « Sie gab keine Antwort . - Er ergriff Hut und Stock . » Ich muß fort zu einer Verabredung . Also gut , adieu . Wenn der Eberhart Sie besucht ... « » Mich ? Hier ? Niemals . Ich hab es ihm untersagt . Und jetzt schreib ' ich ihm , daß er für mich eintreten soll gegen Bammer - nun , wir werden ja das Weitere sehn . « » Schon gut . Ich sehe , daß ich bei dem Allen nur eine lächerliche Rolle spiele . Ich hätte Ihnen nicht meinen Antrag gemacht , wenn nicht Wursteler mir gesagt hätte .. doch , wenn ' s auch nicht wahr ist : was ich schrieb , bleibt bestehen . Aber ebenso , was Sie von dem Jahr warten gesagt haben . - Geben Sie mir Feuer ! « Er hatte kurz , befehlend gesprochen . Sie eilte unterwürfig heran und brachte es ihm , wie eine zärtliche Sklavin . » Also wann wollen wir uns wieder sprechen ? « » Ich werde Ihnen schreiben , weil jetzt natürlich in der ersten Zeit ich möglichst vermeiden muß , mit Jemand zusammenzukommen . Aber mit Ihnen darf ich natürlich jetzt eine Ausnahme machen . « » Mündliche Abmachung ist besser . « » Nein , es , macht mir Vergnügen , Ihnen zu schreiben . Sie haben ja so viel geschrieben ; da kann ich doch auch schreiben , « sagte sie freundlich . » Schön . Also adieu . « Er wandte sich elegant auf den Hacken um , nachdem er sich kalt verbeugt . » Aber so geben Sie mir doch die Hand ! « klagte sie vorwurfsvoll . Er gab ihr nur die Fingerspitzen . Sie gab ihm bis zum Treppenabsatz das Geleit und sah ihm nach . - - Mehrere Tage verstrichen , welche Rother in dem denkbar krankhaftesten Zustand verbrachte . Er konnte kaum einen klaren Gedanken fassen oder vielmehr , all seine Gedanken drehten sich unablässig um den Punkt des einen großen Dilemmas : Wird sie über mein Bild in Wuth gerathen und mich compromittiren ? Würden wir Beide wirklich es durchsetzen , als Paar der Welt zu trotzen ? Ich habe ihr gewissermaßen falsche Vorspiegelungen gemacht oder besser , die falschen Vorstellungen , die sie und alle Andern nähren , nicht zerstört . Sie hält mich für vermögend genug , um ihr ein comfortables Heim zu bieten . Glaubt doch auch die Welt , daß der Ruhm eines Künstlers seinen Einkünften entspreche , während grade hier meist das Verdienst und der Verdienst nicht im Einklange stehen . Rother erbte allerdings einst von einem alten Erbonkel etwas Vermögen , aber das stand noch in weiter Zukunft . Den Rest jenes Abends , als er von ihr zurückkehrte , hatte er in großem Collegenkreis verbracht , wobei er am Abend in einem Café verschiedene langerwartete Zeichnungen von sich in illustrirten Blättern , mit großen Lobeserhebungen verbrämt , vorfand . Das wäre ihm früher wichtig und werthvoll gewesen , jetzt ließ es ihn völlig kalt . Die Sachen gewannen für ihn höchstens Werth , wenn sie ihr Auge darauf warf , sodaß er bei ihr an Ansehen wuchs . Wären sie nur etwas früher erschienen - aber jetzt waren Zeichnungen und Ruhmposaunen für ihn ohne alle Bedeutung . Als er an jenem Abend heimkehrte , fand er abschlägigen Bescheid betreffs einer akademischen Lehrstelle , um die er sich beworben . Das allein hätte ihn aufgeheitert : Er bedurfte eines festen Postens und Einkommens , um ihretwillen . Seine Kunst mochte darunter leiden , ja zum Teufel gehn , er selbst diese Bürde als schwere Mühsal auf den freien Künstlernacken laden - wenn sie nur glücklich , nur gerettet wurde ! Er wollte gern entbehren , wenn er ihr nur seidene Kleider stiften konnte . Ein Kuß von ihr schien mit hundert Dornenstichen nicht zu hoch bezahlt . Nach ein paar Tagen erhielt er folgendes Billett : » Herr Rother ! Es thut mir leid daß ich Ihrem Wunsche uns irgendwo zu sprechen nicht nachkommen kann aus dem Grunde Sie würden sich nur selbst compromitiren . Denn Herr Bammer hat eine neue Gemeinheit gegen mich ins Werk gesetzt . Diesen Morgen kam ein - - Kriminalbeamter ! und fragte nach mir . Er zeigte mir einen anonymen Brief worin stand die Polizei möchte ein wachsames Auge auf mich haben ich wäre bis 1. Juli in dem Café in Stellung gewesen , wäre ohne Grund fort und es sei zweifelhaft wovon ich lebe - - - - es sind einige Sachen in den Brief , die nur Bammer allein wissen kann , und ich kann schwören , daß es die Schrift seines Buchhalters war . Ich hatte per Zufall ein Stückchen Papier mit der Schrift des letztgenannten . Wir verglichen die Schrift und der Beamte war nun auch meiner Meinung : ich wußte wohl , daß es rachsüchtige Leute giebt , aber daß solche existiren , die nicht ruhen bis sie ihr Opfer vollends zu Grunde gerichtet haben , das glaubte ich nie und dies kann ja wohl noch geschehen . Was liegt mir an meinem Leben . Nahe daran war ich schon einmal . Heute bereue ich es daß ich so feig war . Nun zur Sache : geweint hatte ich heute nicht , denn ich habe es allzu oft in letzter Zeit gethan , aber der Beamte mag wohl ohne Thränen mein tiefes Leid erkannt haben und hatte Mitleid mit mir . Er tröstete mich und meinte die Sache bleibt ganz still , ein Ehrenmann kann frei auftreten und braucht keine anonymen Briefe zu schreiben und übrigens traut er meinem ehrlichen Gesicht . Ich hatte ihm dann auch noch den deutlichsten Beweis wovon ich es gezeigt ( es schmerzt mich zu sagen ) , einige Versatzungen . Nun Herr Rother wissen Sie mein neuestes Erlebniß - und nun bitte ich Sie dringend überlassen Sie mich gegenwärtig meinem Schicksal . Wenn es Gottes Wille ist , werden wir uns wohl wiedersehen , vermuthlich in besserer Zeit . Kränken Sie sich meinetwegen nicht , ich habe viel zu ertragen gelernt . Nun seien sie einstweilen bestens gegrüßt von Kathi K. « Rother schrieb ihr auf diesen rührenden Klageruf unverzüglich , daß dies ja allen alleinstehenden Mädchen in Berlin passire , da die Polizei in dieser Beziehung unumschränkte Befugnisse hat . Sprechen müsse er sie in jedem Fall . Sie möchten sich also zufällig auf der Stadtbahn sprechen , im Coupé selbst , um jede Möglichkeit des Aufsehens zu vermeiden . In einem Nachsatz theilte er ihr mit , daß der Zahlkellner wieder allen Gästen erzählt habe , die » Schöne Kathi « mache mit dem reichen Mühlenfabrikanten Eberhart ihre Hochzeitreise . Neulich sei sie großspurig in einer Droschke I. Classe vorübergefahren . Was bedeute das ? Nun » besser betrogen werden als betrügen ! « Sofort erhielt er folgende Epistel : » Ihr Schreiben erhalten . Zürnen Sie mir nicht . Ich kann und will in meiner jetzigen Lage Niemand sehen . Klatsch ist genug schon . Ich will nicht noch mehr haben und übrigens habe ich mich jetzt an den betreffenden Herrn gewendet . Der wird mir schon Ruhe verschaffen . Möglicherweise wird auch Bammers Mund gestopft . Was das ausfahren betrifft , kann am besten meine Wirthin Auskunft geben . Denn ich gehe höchst selten ohne sie fort . Betreffs Stellung habe ich mich auch schon bemüht genug , jede Stunde ist mir die liebere , wo ich wieder zu thun habe , nun bitte ich Sie nochmals , sorgen Sie nicht um mich und vor allen Dingen lassen Sie sich nicht wieder in einen Klatsch verwickeln und glauben Sie an mir , ich werde Sie nie hintergehen . Auch suchen Sie kein Wiedersehen . Ueberlassen wir dies der Zeit . Mit freundlichem Gruß Kathi Kreutzner . « Er beruhigte sich damit . Freilich konnte er sich bei psychologischer Beobachtung sagen , daß diese Zeilen zwar die entschlossene Festigkeit des tapferen Mädchens athmeten , aber die innige Gesinnung der früheren Briefe etwas erkaltet zeigten . Doch nahm er dies Alles gelassen hin und tröstete sich mit der Zukunft . Nachdem er aufs heftigste gearbeitet fühlte er eines Tages das Bedürfniß , wieder in dem Café Bammer aufzutauchen . Bammer selbst pflanzte sich mit übertriebener Liebenswürdigkeit alsbald neben ihn hin , und während der Künstler , scheinbar nur oberflächlich hinbotend , ein Frühstück hinterschlang , begann Bammer sich nach allen Dimensionen über die Verlogenheit Kathis zu unterrichten . Sie habe seinem Buchhalter einen so ungemeinen Brief geschrieben , daß der alte Mann sich schämte , ihm zu zeigen , so schmutzig sei der Inhalt gewesen . » So was Unweibliches ! « Bammer schüttelte mit großer Entrüstung das Haupt . Dann lenkte er auf das andere Gespräch zurück . Sie konnte sich nicht weißbrennen . In der Gegend war kein Bahnhof und was habe sie in so früher Morgenstunde dort zu suchen gehabt ! Rother meinte trocken , er glaube nicht daran . Aber der andere begann mit solcher Emphase weiter zu stochern , als wenn die Gefühle eines auf den Rost Gelegten rauskämen . Wäre es möglich , daß er dennoch betrogen ! Wie dieser nagende Zweifel ihn aus allen Himmeln stürzte ! Er hatte sich stolz gefühlt , so lieben zu können . Das war der einzige Stolz , der ihm nicht eitel und nichtig erschien . Und dies Geheimniß seiner Seele sollte Niemand kennen . Nur sie Beide sollten von sich wissen , eng verbunden bleibend , heimlich versteckt vor der Welt . Und so hatte er sie dereinst zu sich emporheben wollen . Was das schwache Herz geschworen , sollte halten der starke Geist . Ihre Seele , die unverstandene , sollte die seinige verstehen lernen , bis beide Seelen nur ein einziges gemeinsames Geheimniß der Liebe bargen . Und nun , all seine hochherzigen Absichten heroischer Selbstverleugnung vergeudet - an eine Schuldige , die ein falsches Spiel mit seinem Vertrauen trieb ? Er beschloß der Sache sofort auf den Grund zu gehn . Wirklich machte er sich sofort auf den Weg ; traf er auch wahrscheinlich sie selber nicht bei so früher Tageszeit - es war drei Uhr - , so fand er doch sicher die Wirthin . Er grübelte sich immer mehr in heftige Erregung hinein . Mit zorngerötheten Wangen und hastigen Schritten stürzte er den langen Bretterzaun entlang , der von der Stadtbahnstation zur Gerichtsstraße hinführt . Bald hatte er das breite , hohe Haus gefunden und klomm die steile Treppe hinan , auf welcher einige winselnde schmutzige Kinder sich balgten . Wird er sie zu Hause finden ! Wirklich , der Zufall schien ihm günstig . Höflich bat ihn die Wirthin einzutreten . » Aber ich weiß nicht , ob sie abkommen kann . Sie hilft mir beim Waschen und ist nicht angezogen . « » Sagen Sie ihr , ich hätte ihr etwas Wichtiges zu sagen . « » Nun gut , ich werde sie rufen . « Er verbeugte sich stumm und nahm am Fenster Platz , nachdem er mit einem kurzen Blick auf den Spiegel constatirt , wie blaß er aussah . Nach einiger Zeit trat sie ein mit heiterem Ausdruck und fröhlichem Lächeln . Sie hatte sich offenbar rasch umgezogen , trug ein elegantes Kleid , blau mit Rosablumen gemustert . » Guten Tag ! « sagte sie freundlich , indem sie heftig erröthete . » Guten Tag , « erwiderte er trocken . Sie schrak auf und sah ihn an . » Ja , « fuhr er unsicher fort , » es ist mir peinlich genug gewesen , hierherzukommen . Aber es muß sein . Ich wollte Sie bitten , mir zurückzugeben , was Sie schriftlich von mir haben . « Sie blickte ihn einen Augenblick sprachlos an . Dann sprach sie los : » Ah , daher bläst der Wind ! So war ' s gesagt . O ja , gut , hier , sofort , nehmen ' s Alles . « Sie kniete zu ihrem Koffer hin , riß ihn auf , kramte darin herum und häufte einen Brief auf den anderen . Ihre Stimme gewann dabei einen eigenartigen Reiz in der unwollenden Ironie des schmelzenden Tonfalles ; der Zorn gab ihr eine verschönernde Würde des Ausdrucks . Rother stutzte und schwankte in einer gewissen Begeisterung . » Mein Gott . « rief er , » wenn man Sie hört ! Was soll ich glauben ! Der Buchhalter hat Sie doch daheim gesternmorgens gesehn .. und am Görlitzer Bahnhof haben doch gar nichts zu suchen . « » Ich habe doch meine Wirthin begleitet . « » Ach , wer das glaubt ! « » So ? Natürlich ! « Sie riß die Thür auf : » Frau Lämmers ! « » Nun ? « machte diese , die in einer durch den Flur getrennten gegenüberliegenden Stube bei der Nähmaschine saß . » Ach , kommen ' s doch mal einen Augenblick herein ! « Die Wirthin erhob sich und erschien wirklich . Eine längliche , magere Person mit einem ziemlich unschönen bebrillten Gesicht , dessen Ausdruck aber sofort Vertrauen einflößte . Ihre Haltung entbehrte nicht einer gewissen gesetzten Würde . - » Bitte , Frau Lämmers , sagen ' s doch dem Herrn , ob ich nicht mit Ihnen an jenem Morgen ausging . « Die Wirthin nickte ernsthaft und bestätigte es mit kurzen klaren Worten . Daß ihre Aussage ehrlich war , las man auf ihrem Gesicht . » Wir danken Ihnen . « Rother verbeugte sich höflich , worauf die Frau sich sogleich wieder diskret zurückzog . - » Aber aus dem Haus Eberharts hat man Sie doch so in der Frühe herauskommen sehn ? « » Aber ich bitte , Sie , das war doch natürlich . Ich komme gerade vorbei an der Wohnung von dem und habe so viel von seinem Anwesen gehört . Da dacht ich : Ich will doch mal einen Blick hineinwerfen . Das Hofthor stand offen - - ich bin auch gleich wieder zurückgekommen . « All das klang allerdings wahrhaft . Sie ging hastig auf und ab und rief wie verzweifelt : » Nein nein , wie sind die Menschen doch schlecht ! Sie wollen mich partout ins Unglück bringen , ob ich schuldig bin oder nicht . Sehen Sie nur diese Gemeinheit ! « Sie riß eine Cassette auf und zeigte ihm mehrere anonyme Briefe , worin ihr zu ihrer bevorstehenden Niederkunft Glück gewünscht würde . Das sei also die berühmte Tugend der Kathi ! » Aber der Schlimmste von Allen waren doch Sie ! « fuhr Sie mit echt weiblicher Taktik fort , indem sie aus der Defensivstellung eiligst in die Offensive überging . » Herrgott , die Gemeinheit ! Und das von Ihnen ! O das that weh ! Als ich Ihren Brief bekam , den abscheulichen ; da glaubte ich , ich müßte vor Scham sterben . Meine Wirthin kann Ihnen sagen , ich habe den ganzen Tag in einem fort mich in Thränen gewälzt . « ( Kathi liebte solche rhetorisch schmückenden Redeblumen . ) » Als ich Sie da auf der Treppe sah , war mir , als müßt ' ich auf der Stelle sterben . Meine Füße trugen mich kaum hinauf und oben fiel ich ohnmächtig aufs Sopha . O , o ! « » Wo ist denn der garstige Brief ? « fragte Rother verlegen . » Das fragen ' s noch ! Sofort verbrannt . - Ach , was ich gelitten habe ! Ja , das vergeß ich nie ! « » Sei ' n Sie doch nicht grausam , « flüsterte er mit grobem Vorwurf . » Wie wir jetzt mit einander stehn und was ich nachher gethan habe .. « » Ja , das war sehr schön von Ihnen , « sagte sie eifrig , schüttelte aber mit echtweiblicher Halsstarrigkeit den Kopf . » Sehn sie , vergessen kann ich das nicht . « » Nun , das werden Sie doch wohl müssen , « sagte er in halb humoristischem Ton . » Als meine Frau .. « Beide schwiegen . Sie setzte sich ihm gegenüber und pöselte an einer Standuhr herum . » Ja , « schmollte sie halblaut , » gewiß , das war sehr brav und edel und schön , und ich werd Ihnen das auch nie vergessen . Aber .. aber das fühl ich : Aus der Sache zwischen uns wird doch nichts . « » Warum nicht ? « » I weiß nicht . Man hat so ein Vorgefühl . « » Närrchen ! « sagte er freundlich und strich ihr über die Stirnlocken . Sie lachte wie ein Kind , sprang auf , zupfte ihn am Ohr und tanzte auf einmal in der Stube mit ihm herum . Dann warf Sie sich wieder auf den Stuhl und kicherte ausgelassen . Als er sich nach dem Stand ihrer Kasse dringend erkundigte , versicherte sie mit Nachdruck , daß der Erlös aus dem Leihamt völlig für sie genüge und daß sie unter keinen Umständen Geld annähme . Uebrigens habe sie wahrscheinlich eine Stellung ; ein Herr aus Hamburg sei dagewesen , der sie als Buffetdame in einem großartigen Café engagiren wolle . » So , also weggehn von hier ? « fuhr er auf . » Ja , « sagte sie ernst . » So schwer mir ' s wird , scheint mir das doch ganz gut .. auch für uns Beide , « setzte sie nach einer Pause hinzu . » Wieso ? « » Nun , durch die Trennung merkt man erst , ob es wirklich .. ob es das Richtige ist . « Sie sah ihn fest an . » Ich verstehe . Du hast recht . « Er ging gedankenvoll ein paar mal auf und ab und griff dann plötzlich zu Hut und Stock . » Schon ? « fragte sie , halb neckisch , halb mit aufrichtigem Bedauern . » Nun und die Briefe ? Die behalt ich , gelt ? « » Hm . « Er hatte die Briefe schon vorher vor sich abgetheilt und steckte einen Theil davon ein . » Das kann hierbleiben . Aber da fehlen ja einige , z.B. der letzte da .. « » Die letzten hab ich alle verbrannt , « sagte sie rasch . » Aber laß mir den einen aus München - mit dem Liedel dabei . Der war zu süß . Ja , Herr Rother , Ihr Schreiben versteh ich immer besser als Ihre Worte . Da ist auch nicht einer Ihrer Briefe , den ich nicht mindestens zehnmal gelesen hätte - ach , das reicht nicht . « » Hm , « machte er mit sanftem Lächeln . » Und dann willst Du mir noch ableugnen , Kathi , daß Du für mich ein leidlich tiefes Interesse hast ? « Sie erröthete , verzog schmollend den Mund , blitzte ihn fast zärtlich mit ihren großen Augen an und stülpte ihm plötzlich den Hut auf : » Nu aber raus ! « - In diesem Augenblick steckte die Wirthin den Kopf durch die Thür und rief : » Fräulein , wir müssen aber jetzt an die Arbeit ! « Er empfahl sich den Damen cordial und ging von dannen , froher als er gekommen . Es war verabredet worden , daß er Beide einmal in der Woche ins Theater führen solle . Kathi sträubte sich zwar bei den obwaltenden Zuständen dagegen , überhaupt auszugehn - in ein bekanntes Garten-Etablissement am Weddingplatz , wo sie sich die beiden Male mit Eberhart eine Stunde getroffen , wollte sie begreiflicherweise nicht mehr gehn und kein andres anständiges Restaurant war in der Nähe . Doch mit Rother sollte natürlich eine Ausnahme gemacht werden . Als der Liebeskranke , der sich , wie ein Verdächtiger zum Ort der That , zum Café Bammer immer wieder hingezogen fühlte , daselbst eines Nachmittags vorsprach , empfing ihn wieder eine neue Mordsgeschichte . Der Hamburger Wirth war dort aufgetaucht , hatte sich viel nach Kathi erkundigt und wurde in den lächerlichsten Farben geschildert . Auch schimpften einige frühere Anbeter Kathi ' s - darunter ein studentischer Jüngling von achtzehn Jahren der eines » Baron « -Titels genoß - gewaltig auf die verschlagene Jungfrau und malten ihre Falschheit in gräulichen Farben . Rother sagte kein Wort . Am andern Tage lud er verabredetermaßen die » Damen « zu einer Première am Bellealliance-Theater ein , erhielt aber die umgehende Antwort : » Ihr Schreiben erhalten , doch leider kann ich Ihre freundliche Einladung für Freitag nicht annehmen , weil ich mit meinem zukünftigen Prinzipal , welcher Sonnabend abreist , noch was zu besprechen habe und behufs dessen Obiger Frau Lämmers und mich eingeladen hat zu einem Abschiedsschoppen . Es grüßt bestens Kathi K. « Dagegen war nun nichts zu sagen . Dennoch fühlte sich Rother bewogen , gleich am Sonnabend Abend das Nähere über den neuaufgetauchten Herrn - » Kohlrausch « war sein werther Name - zu erfahren . » Wer ist da ? « fragte eine sanfte melodische Stimme mit süß girrendem Tone , - als ob sie etwas Liebes erwarte . » Ich ! « erwiderte er mit tiefer Stimme . - Er hörte einen unverständlichen Laut , dann öffnete sie und lud ihn ernsthaft ein , zu ihr hineinzutreten . Die Wirthin sei ausgegangen . Sie trug einen geblümten bunten Schlafrock . » Ich dachte , Sie wären schon auf und davon ? « sagte er kalten Tones . » O nein , erst am fünfzehnten nächsten Monats . « » Und was treiben sie hier ? « » Ich lebe in Verzweiflung , « erwiderte sie achselzuckend . » Brauchen Sie Geld ? « » Nein , ich danke . « - Sie setzte sich ans Fenster , eine Näharbeit in Händen . Er schritt in der Stube auf und ab , sich ab und zu neben ihr stellend . Sie plauderten wohl eine Stunde lang von allen möglichen Dingen , wobei er ihr viel von seinem Künstlerruhm vorprahlte . Sie hörte aufmerksam und schweigend zu , kluge Bemerkungen dazwischenflechtend . - Nach einer kurzen Pause der Unterhaltung bemerkte er , sie beobachtend , daß ihr Ausdruck umwölkt und finster schien . Er deutete darauf hin . » Ach , ich habe mich wieder furchtbar ärgern müssen , « gab sie zur Antwort . » Da war so ' n Kerl - Einer von denen die immer um mich herumgekrochen sind , - der von meiner Wohnung erfahren von dem Zahlkellner bei Hause . Kommt der Mensch heut hier herauf und schwindelt meiner Wirthin vor , er sei Agent und wolle mir eine fette Stelle verschaffen . Kaum ist er bei mir , holt er ein Etui mit einem goldenen Armband hervor und will mir das umlegen . Quatscht von seiner Liebe und will mich gleich um die Mitte nehmen . Na , dem hab ' ich heimgeleuchtet ! « Sie lachte bitter in der Erinnerung . » Was ist denn der ? « fragte Rother stirnrunzelnd . » Ach natürlich so Einer , der nichts zu thun hat , der von seinem Gelde lebt ! - Ja , ebenso wie der Andre - « Sie brach ab . » Welcher Andre ? « » Ich weiß nicht , ob ich Ihnen das sagen soll . Nun , doch ! Da ist so ' n ekelhafter reicher Jude , einer von der Maklerbörse - der verfolgt mich schon lange mit seinen Anträgen . Saß immer im Café am Buffet . Endlich hat er herausgebracht , wo ich stecke , und nun bestürmt er mich jeden Tag mit Briefen . Gestern hat er da geschrieben .. « Sie zögerte , holte dann ein parfümduftendes Billet hervor und verlas eine reizende Schlangenlockung zum Apfel der Erkenntniß , worin ihr goldene Berge versprochen , wenn sie sich von Herrn Mayer aushalten lasse . Die eleganteste Wohnung stehe schon bereit zu ihrer Verfügung . » Ich will jeden Ihrer Wünsche erfüllen , denn ich bin ein reicher Mann ! « schloß das interessante Schriftstück . » Geniren Sie sich nicht , liebes Kind , und kommen Sie in die Arme Ihres Sie brünstig liebenden Mayer . « Kathi schwankte zwischen Lachen und Wuth , indem sie ausdrucksvoll die schwungvolle Werbung vortrug ; die Flügel ihrer klassisch geschnittenen Nase bebten nervös . » Nun und was hast Du ihm geantwortet ? « » O , ich sage Dir .. na , den Brief wird er nicht hinter den Spiegel stecken . « Es war so dunkel geworden , daß sie mittlerweile die Lampe anzünden mußte . » Ich hab ' Durst , « sagte sie » der Hunger vergeht mir vor Ärger . Ich laß mir von