leuchtenden Auges , denn er gedachte der Freude , die die Mutter bei ihrem Anblick empfinden würde . Aber sie dankte . » Dein Vater ist nicht gut zu sprechen auf uns , hat Mama gesagt , und darum dürft ihr auch nicht nach Helenental zum Besuche kommen . Dein Vater würde mich vielleicht vom Hofe weisen . « Er erwiderte hochrot : » Das würde der Vater wohl nicht « - und er schämte sich sehr . Sie warf einen Blick nach dem Heidehof hinüber , der kaum dreihundert Schritt abseits vom Wege gelegen war . Der rote Zaun leuchtete im Sonnenglanze , und selbst die grauen , verfallenen Scheunen schauten freundlicher darein als sonst . » Es ist ganz hübsch bei euch , « sagte sie , die linke Hand wie einen Schirm über die Augen legend . » O ja , « erwiderte er , das Herz von Stolz geschwellt , » und an dem einen Scheunentor ist eine Eule angenagelt . - - - Aber es soll noch viel , viel hübscher bei uns werden , « fügte er nach einer kleinen Weile ernsthaft hinzu . » Laß mich nur erst ans Regiment kommen . « Und dann begann er ihr seine Zukunftspläne auseinanderzusetzen . Sie hörte ihm aufmerksam zu , aber als er geendet hatte , sagte sie noch einmal : » Ich bin müde - muß mich ausruhen . « Und sie machte Miene , sich auf dem Grabenrande niederzusetzen . » Nicht hier in der Sonnenhitze , « warnte er , » komm , wir suchen uns den ersten , besten Wacholderstrauch . « Sie reichte ihm die Hand und ließ sich müde von ihm über den Heiderasen ziehen , der von Maulwurfshügeln geschwellt war wie ein wellenschlagender See , und der gegen den Waldesrand hin vereinzelte Wacholderbüsche trug , die wie eine Schar schwarzer Gnomen von der ebenen Fläche emporragten . Unter dem ersten dieser Gebüsche hockte sie nieder , so daß dessen Schatten ihre zarte , schmale Gestalt fast ganz umhüllte . » Hier ist gerade noch Platz für deinen Kopf , « sagte sie , auf einen Maulwurfshügel weisend , der sich noch im Bereiche des Schattens befand . Er streckte sich der Länge nach auf dem Rasen hin , den Kopf auf dem Maulwurfshügel gebettet , die Stirn vom Saume ihres Kleides bedeckt . Sie lehnte sich müde in das Dickicht des Busches zurück , um in dessen Geästel eine Stütze zu finden . » Die Nadeln stechen gar nicht , « sagte sie dann , » sie meinen ' s gut mit uns ; ich glaube , wir könnten auch durch Dornröschens Hecke gehen . « » Du - nicht ich , « erwiderte er , die Augen im Liegen zu ihr aufschlagend , » mich hat noch jeder Dorn gestochen - ich bin kein Märchenprinz , nicht einmal ein lumpiger Hans-im-Glücke bin ich . « » Wird alles noch kommen , « tröstete sie ; » du mußt nicht immer so traurige Gedanken haben . « Er wollte ihr etwas erwidern , aber die richtigen Worte fehlten ihm , und wie er nachsinnend emporschaute , flog droben am blauen Himmel eine Schwalbe vorüber . Da stieß er unwillkürlich einen Pfiff aus , als ob er sie heranlocken wollte , und als sie nicht kam , pfiff er noch einmal und zum zweiten- und zum drittenmal . Elsbeth lachte , er aber pfiff weiter - erst ohne zu wissen , wie ? und ohne nachzudenken , warum ? aber als ein Ton nach dem andern seinen Lippen entquoll , ward ihm zu Sinn , als sei er plötzlich sehr beredsam geworden , und als ob er auf diese Weise alles sagen könnte , was ihm das Herz bedrückte und wozu er in Worten nimmer den Mut gefunden haben würde ... All das , was ihn traurig machte und um was er sich sorgte , kam zum Vorschein . Er schloß die Augen und hörte gleichsam zu , wie die Töne für ihn sprachen . Er glaubte , der liebe Gott im Himmel hätte statt seiner das Wort genommen und erzählte alles , was ihn anging , sogar das , worüber er selbst nie klar geworden war . Als er die Augen aufschlug , wußte er nicht , wie lange er so dagelegen und gepfiffen hatte , aber er sah , daß Elsbeth weinte . » Warum weinst du ? « fragte er . Sie gab ihm keine Antwort , wischte sich mit dem Taschentuch die Augen und erhob sich . Schweigend schritten sie eine Weile miteinander hin . - Als sie den Wald erreichten , der dicht und dunkel vor ihnen lag , blieb sie stehen und fragte : » Wer hat dich das gelehrt ? « » Keiner , « sagte er , » das ist mir so von selber gekommen . « » Kannst du auch Flöte spielen ? « fragte sie weiter . Nein , er konnte es nicht , er hatte es auch nie gehört , er wußte nur , daß es des alten Fritzen Lieblingsvergnügen gewesen war . » Das mußt du lernen ! « sagte sie . Er meinte , es würde ihm wohl zu schwer sein . » Du solltest es doch versuchen , « riet sie , » du mußt ein Künstler werden - ein großer Künstler . « Er erschrak , als sie das sagte . Er getraute sich kaum , ihren Gedanken weiter zu denken . Als sie den jenseitigen Waldrand erreicht hatten , trennten sie sich . - Sie schritt weiter dem » weißen Hause « zu - und er kehrte um . Wie er den Wacholderbusch wiedersah , unter dem sie beide gesessen hatten , kam ihm alles wie ein Traum vor , und so blieb es auch fortan . - - - Zwei , drei Tage vergingen , ehe er der Mutter etwas von seinem Abenteuer zu sagen wagte , aber dann hielt er es nicht länger aus und gestand ihr alles . Die Mutter sah ihn lange an und ging hinaus , aber von jetzt ab lauschte sie heimlich , ob sie nicht einen Ton von seinem Pfeifen erhaschen könnte . Die beiden Kinder gingen noch oftmals mitsammen heim , aber eine solche Stunde , wie die unter dem Wacholderbusch , kam ihnen nie mehr wieder . Wenn sie an ihm vorüberschritten , sahen sie einander an und lächelten , aber keines wagte den Vorschlag zu machen , noch einmal unter ihm niederzusitzen . Auch des Flötenspiels geschah nicht mehr Erwähnung zwischen ihnen , Paul jedoch dachte heimlich oft genug daran . Es erschien ihm wie etwas Himmlisches , Unerhörtes , gleich der Wissenschaft , die die Logarithmentafeln lehrten . Ja , wenn er klug und begabt gewesen wäre wie die beiden Brüder ! - aber er war ja nur ein dummer , einfältiger Junge , der froh sein konnte , wenn man ihn für die andern sorgen ließ . Gar oft fragte er sich , wie wohl solch ein Flötenspiel klingen möchte und wie diejenigen beschaffen wären , die es verstanden . Er hatte eine sehr große Meinung von ihnen und glaubte , daß sie stets so hohe und heilige Gedanken hegen mußten , wie sie ihm selber nur in sehr wenigen Momenten aufstiegen , wenn er sich recht in sein Pfeifen vertiefte . Und dann kam der Tag , an dem er einen Flötenspieler von Angesicht zu Angesicht erschauen sollte . Es war an einem trüben , stürmischen Nachmittag im Monat November . Es fing schon an , dunkel zu werden , als er die Schule verließ und langsam die Dorfstraße entlang wanderte , um heimzukehren . Da drangen aus einer Branntweinschenke , in der das Gesindel der Gegend zu verkehren pflegte , gar seltsame Töne an sein Ohr . Er hatte sie nie gehört , aber er wußte sofort : das muß ein Flötenspieler sein . Horchend blieb er vor der Tür der Schenke stehen . Sein Herz klopfte ganz laut , seine Glieder zitterten . Die Töne waren ähnlich wie sein Pfeifen , aber weit voller und weicher . » So müssen die Engel an Gottes Thron musizieren , « dachte er sich . Nur eines war ihm unerklärlich , wie dieses Flötenspiel , das so klagend und sehnsüchtig klang , an einen so verrufenen Ort geraten konnte . Das Schreien und Johlen und Gläserklirren , das zwischendurch erscholl , tat seiner Seele weh , ein plötzlicher Grimm packte ihn ; wenn er groß und stark gewesen wäre , er würde hineingesprungen sein und würde die Lärmenden und Trunkenen samt und sonders auf die Straße hinausgeworfen haben , damit die heiligen Töne nicht entweiht würden . In diesem Augenblick wurde die Tür aufgerissen , ein trunkener Arbeiter taumelte an ihm vorüber - übelriechender Qualm drang ihm entgegen ... Lauter noch wurde das Lärmen ... Kaum war das Flötenspiel imstande , es zu übertönen . Da faßte er sich ein Herz , und ehe noch die Tür geschlossen wurde , drängte er sich durch den schmalen Spalt in das Innere der Schenke ... Hinter ein leeres Branntweinfaß gedrückt , stand er da ... Niemand achtete auf ihn . In den ersten Augenblicken unterschied er nichts ... Dunst und Lärm hatten seine Sinne ganz benommen , und die Töne der Flöte wurden schrill und mißtönig , so daß sie seinem Ohre wehtaten . Inmitten der Schreienden und Stampfenden saß auf einem umgestülpten Fasse ein zerlumpter Kerl mit einem aufgequollenen , finnigen Gesicht , einer Schnapsnase und schwarzen , fettigen Haaren - eine Gestalt , deren Anblick Paul einen Schauder über den Leib jagte ... Der war es , welcher die Flöte blies . Wie versteinert vor Entsetzen starrte er ihn an . Ihm war zumute , als sänke der Himmel ein , als ginge die Welt zugrunde . - Nun setzte der Spieler seine Flöte ab , stieß mit rauher , heiserer Stimme ein paar schmutzige Worte hervor , goß gierig den Branntwein hinunter , der ihm von den Umstehenden gereicht wurde , und begann , mit den Füßen den Takt schlagend , einen Gassenhauer zu spielen , den die Zuhörer mit Brüllen begleiteten . Da floh Paul zur Schenke hinaus und lief und lief , daß ihm Hören und Sehen verging , als hätte er Angst , zur Besinnung zu kommen . - Als er allein auf der Heide war , über welche die Stürme dahinsausten , und von deren Rande ein schwefelgelber Streifen abendlichen Lichtes ihm entgegenleuchtete , da hielt er inne , schlug die Hände vors Gesicht und weinte bitterlich . - - In dem Winter , der nun folgte , stellte Paul sein Pfeifen gänzlich ein , und noch mehr war ihm das Flötenspiel verleidet . Wenn er daran dachte , stand das Bild jenes Verworfenen vor seinen Augen , der ihm seine Sehnsucht entheiligt hatte . Elsbeth sah er fortan nicht mehr . Mit Beginn der kalten Jahreszeit war die Religionsstunde aus der Kirche in das Pfarrhaus verlegt worden , und da sich in ihm kein Raum vorfand , der sämtliche Konfirmanden hätte fassen können , so wurden Knaben und Mädchen gesondert unterrichtet . Bisweilen zwar sah er Elsbeths Wagen an sich vorüberfahren , aber sie selbst war so sehr in Pelze und Tücher vermummt , daß von ihrem Gesicht nichts zu erkennen war . Er wußte nicht einmal , ob sie ihn bemerkt hatte . Zu derselben Zeit hatte er vielen Ärger mit den Brüdern Erdmann , die ihn bis aufs Blut zu quälen wußten . Er war vollständig wehrlos ihnen gegenüber , denn jeder einzelne hatte doppelt soviel Kraft als er ; auch griffen sie ihn immer zu zweien an , und während der eine ihn festhielt , zwackte ihn der andere . Nicht , daß die beiden von Grund aus boshafte Geschöpfe gewesen wären , im Gegenteil , gegen die anderen wußten sie Wohlwollen und Großmut zu üben , aber gerade seine stille , in sich versunkene Natur war ihnen in tiefster Seele verhaßt . Sie schalten ihn einen Mucker , einen Kopfhänger , und wenn sie ihn geprügelt hatten , sagten sie : » So , nun zeig uns an , das würde prächtig zu dir passen . « Sein Groll gegen die Widersacher schwoll höher und höher . Oft machte er sich Vorwürfe , daß er sich feige und ehrlos betrage , und beschuldigte sich niedriger , knechtischer Gesinnung . Eines Tages , als er auf dem beschneiten Hofe hin und her lief , redete er sich so sehr in Zorn hinein , daß er beschloß , sich jener bösen Brüder zu entledigen , und wenn es sein eigen Leben kostete . - Er lief in den Stall , wo der Schleifstein stand , taute das in der Bütte gefrorene Wasser auf und schärfte sein Taschenmesser , bis es einen Streifen dünnsten Seidenpapiers durchschnitt . Als er aber am nächsten Montag aufs neue durchgeprügelt wurde , fand er nicht den Mut , es aus der Tasche zu ziehen , und mußte sich aufs neue ob seiner Feigheit Vorwürfe machen . Er verschob es auf das nächste Mal - aber dabei blieb es . Auch von dem Vater hatte er vieles zu erdulden . Der trug sich neuerdings wieder mit großen Plänen , und wenn er das tat , fühlte er sich stets sehr erhaben und war auf Paul , den er um seines kleinlichen Sinnes willen verachtete , besonders schlecht zu sprechen . » Warum ist auf den Jungen nicht der leiseste Funken meines Genies übergegangen ? « sagte er . » Wie schön könnte ich ihn dann zum Handlanger für meine Pläne erziehen ! Aber er ist zu stupide - Hopfen und Malz sind an ihm verloren . « Er hatte jetzt die Absicht , zur Ausbeutung seines Moores eine Aktiengesellschaft zu gründen , große Kapitalien aufzubringen und sich selbst zum Direktor mit soundsoviel tausend Talern Gehalt ernennen zu lassen . Er fuhr allwöchentlich zwei- bis dreimal zur Stadt und war oft am zweiten Tage noch nicht zu Hause . » Es hält schwer , « sagte er dann , wenn er seinen Rausch ausgeschlafen hatte , » aber ich werde die Filze schon ' rankriegen . Auch der Douglas , der Protz , muß mir bluten . Wenn ich nur wüßte , wie ich ihn mir einmal greifen könnt ' ? Helenental betrete ich nie wieder , schon um nicht zu sehen , wie der Kerl es hat verwahrlosen lassen - denn das hat er jedenfalls - und in der Stadt bekomme ich ihn nie zu sehen . Aber bluten - bluten muß er . Wenn er nicht einen Scheffel Aktien zeichnet , soll ihn der Teufel holen . « Frau Elsbeth hörte das alles traurig an , ohne ein Wort zu sagen , Paul aber pflegte hinterher heimlich den Schlüssel des Schuppens vom Brette zu nehmen , um mit der » schwarzen Suse « stumme Zwiesprach zu halten . Er hatte nun einmal den Glauben , daß von ihr die Rettung käme . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Als die Osterfeiertage vorüber waren , wurde der Religionsunterricht aufs neue in die Kirche verlegt . Knaben und Mädchen kamen nach halbjähriger Trennung wieder zusammen . Elsbeth hatte sich während des Winters sehr verändert . Sie sah nun beinahe aus wie eine erwachsene Dame . Sie trug ein halblanges Kleid und hatte das Haar über der Stirn in Löckchen aufgelöst . Paul grüßte sie sehr beklommen ; ihm war zumute , als paßte er nicht mehr zu ihr - aber sie stand von ihrem Sitze auf , ging ihm drei Schritte entgegen und drückte ihm vor aller Augen herzlich die Hand . In der darauffolgenden Stunde wurde unter den Knaben ein Blatt herumgereicht , das viel Heiterkeit erregte . Es trug die von allerhand Schnörkeln umgebenen Worte : » Als Verlobte empfehlen sich : Paul Meyhöfer , Elsbeth Douglas . « Die Schrift war die des jüngeren Erdmann . Pauls Hand suchte nach seinem Messer ; für einen Moment war ihm zumute , als könnte er es hier mitten in der Kirche gegen seinen Nachbarn zücken ; er zerrte ihm das Blatt aus der Hand und riß es in Fetzen . Elsbeth sah verwundert zu ihm herüber , und der Pfarrer rief ihn zur Ruhe . Nun erschrak er über seine eigene Kühnheit . Die Erdmänner mußten ihm wohl angemerkt haben , daß er in diesem Punkt nicht mit sich scherzen lasse , und machten keinen ferneren Versuch , ihn mit Elsbeth aufzuziehen ... Am letzten Sonntag vor Pfingsten war die Einsegnung . Paul hatte die Nacht über nicht schlafen können , vor Sonnenaufgang stand er leise auf , zog die neuen schwarzen Tuchkleider an , die die gute Tante ihm zu diesem Feste geschenkt hatte , und machte einen Rundgang über den stillen Hof und die tauigen Felder , bis zu dem Moore hin , das mit seinem Blumengewande gar feiertäglich vor ihm lag . Im Angesicht der aufgehenden Sonne faltete er seine Hände und sprach ein inbrünstiges Gebet . Mit diesem Tage wollte er ein neues , besseres Leben beginnen , alle Unbill vergeben und seine Feinde lieben , wie es Jesus Christus befohlen ... Da fiel ihm das Messer ein , das er einst für die Erdmänner geschliffen , er riß es aus der Tasche und schleuderte es mitten in das Moor hinein , wo es mit einem gurgelnden Laute im Brachwasser versank . - Heiße Tränen stürzten aus seinen Augen . Schlecht und verworfen erschien er sich und gänzlich unwürdig , vor Gottes Altar zu treten ... Kaum wagte er auf den Hof zurückzukehren , erst als die Zwillinge in ihren nagelneuen Mullkleidchen jubelnd auf ihn zustürzten , ward ihm freier und leichter ... Er umarmte die Schwestern und gelobte sich im stillen , ihnen ein treuer Helfer und Freund zu werden . Dann kam die Mutter , mit einem verschossenen Seidenkleide angetan , küßte ihn auf Stirn und Wangen und hielt sein Gesicht lange zwischen ihren beiden Händen , indem sie ihm unverwandt in die Augen schaute . - Sie wollte etwas sagen , aber sie brachte nichts weiter zum Vorschein als : » Mein Junge , mein lieber Junge . « Selbst der Vater war heute in rosigster Laune . Er faßte seine beiden Hände und hielt ihm eine lange Rede , wie er lernen müsse , auf das Große im Menschenleben seinen Blick zu heften und ihm , dem Vater , nachzueifern , der zwar stets vom Unglück verfolgt und von der Schlechtigkeit der Menschen ausgeplündert worden sei , der sich aber nie habe entmutigen lassen , zu den Sternen emporzustreben , selbst aus diesem elenden Loche heraus , in dem ein feindliches Schicksal ihn habe versinken lassen . Und er runzelte seine Brauen und wühlte sich in seinen Haaren , Zoll um Zoll Erhabenheit und Geistesgröße . Paul küßte seine beiden Hände und versprach alles . Um acht Uhr sah er auf dem Fahrweg , der über die Heide führte , eine Karosse vorbeirollen , deren silberner Zierat im Morgensonnenstrahle glitzerte . Lange blickte er dem Wagen nach . Ihm war alles wie ein Traum ... Er fühlte sich so unendlich wohl , daß ihm ganz beklommen wurde vor lauter Glück . » Womit hab ' ich das verdient ? « fragte er sich , und darauf fing er an nachzugrübeln , wie wohl der erste Kummer beschaffen sein werde , der ihn dieser Seligkeit entreißen würde . - Als die Zwillinge ihm ankündigten , daß der Wagen zur Kirchenfahrt bereitstände , fühlte er sich traurig und gedrückt . In dem Pfarrgarten , in dem Jasmin und Flieder blühten und auf dessen Rasen die Sonnenstrahlen glitzerten , standen zwei Menschenhäuflein , ein schwarzes und ein weißes , gesondert voneinander . Das erste waren die Knaben , das zweite die Mädchen . Elsbeth in ihrem schneeigen Mullkleidchen , mit einem Spitzentüchlein über dem Busen , sah weiß und duftig aus wie eine Schlehdornblüte . Ihre Wangen waren sehr blaß , sie hielt die Augen fortwährend gesenkt und spielte bald mit dem Gesangbuch , bald mit dem Fliederbüschel , welches beides sie in der Hand hielt . Paul schaute lange zu ihr hinüber , aber sie sah ihn nicht . Sie mochte sich wohl in ihrer Andacht durch keinen weltlichen Gedanken stören lassen . Und dann kam der Pfarrer . Die Glocken läuteten - und die Orgel rauschte - und langsam schritt der Zug , paarweise geordnet , nach dem Altar . Paul ging dicht hinter den beiden Erdmännern , die in ihren schwarzen langen Tuchröcken gar ernst und ehrbar dreinschauten . Plötzlich kam das Bewußtsein seiner Schuld mit erneuter Gewalt über ihn . Er beugte sich ein wenig vor , stieß sie leise in den Nacken und flüsterte mit nassen Augen : » Vergebt mir ! Ich habe euch viel Übles getan ! « Sie bohrten sich gegenseitig die Ellbogen in die Hüften und schmunzelten spitzbübisch . Einer drehte sich mit halber Wendung um und flüsterte mit einem Leidensgesichte , das ganz erfüllt war von verkannter und gekränkter Unschuld : » Mein Sohn , wir vergeben dir . « Paul fühlte wohl , daß sie sich über ihn lustig machten , aber sein Herz war so voll von Andacht und Liebe , daß ihm kein Hohn der Welt etwas anhaben konnte . Zu beiden Seiten des Altars ordneten sich die Kinderscharen . Paul warf einen schüchternen Blick in das Kirchenschiff hinunter , das gedrängt voll von Menschen war , aber er vermochte niemanden zu erkennen . Die Stunde der Predigt verging . Er starrte vor sich nieder . Alles war ihm wie ein Traum . Eine Weile später fühlte er seine Knie auf einem weichen Polster ruhen und die Hand des Pfarrers auf seinem Haupte ... Was er zu ihm sprach , vernahm er nicht . Er sah Elsbeth drüben still in ihr Taschentuch weinen und dachte : » Weine nur , weine nur , wirst bald wieder lachen . « Und dann fragte er sich , warum die Menschen wohl alle so viel lachten , während es doch im ganzen so wenig Lächerliches auf Erden gäbe . Die Orgel stimmte das Lied : » Lobe den Herrn , den mächtigen König der Ehren « an - hellauf jauchzte der Chor der Gemeinde - da wanderte sein Blick zur Sonne empor , die in regenbogenfarbenen Lichtern durch die bemalten Kirchenfenster brach . Und wie er in das Farbenspiel hineinstarrte , erschrak er plötzlich . Gerade jenseits des Kreuzes , das den Altar krönte , stand in ungeheurer Größe eine düstere , in Grau gekleidete Frau und blickte aus großen , hohlen Augen auf ihn nieder ... Die Büßerin Magdalena war ' s. Er fühlte , wie es ihn kalt durchschauerte . » Frau Sorge , « murmelte er und beugte das Haupt , als wollte er in Demut empfangen , was sie ihm fürs Leben bescherte . Und als er das Auge wieder erhob , strahlte die Sonne noch herrlicher denn zuvor . Glührot und smaragden gleißten und glimmten die Flammen und woben eine Strahlenglorie um das Haupt der grauen Frau . Die aber stand traurig inmitten der farbenfrohen Pracht und starrte aus großen , hohlen Augen auf ihn nieder . - - - Da setzte mit einem rauschenden Akkorde die Orgel zum Nachspiel ein ... ein freudiges Beben ging durch die Gemeinde ... die Schar der Kinder eilte , sich in die Arme der Ihren zu werfen , - - und aus Elsbeths tränennassen Augen traf ihn ein freundlich grüßender Blick . 8 Paul trat nun in die Wirtschaft . Den Schwur , den er am Morgen seines Einsegnungstages getan hatte , hielt er getreulich . - Er arbeitete wie der letzte seiner Knechte , und wenn die Mutter ihn bat , sich zu schonen , dann küßte er ihr die Hand und sagte : » Du weißt , wir haben viel gutzumachen . « Abends , wenn das Gesinde zur Ruhe gegangen war und die Zwillinge sich in Schlaf getollt hatten , dann saßen Mutter und Sohn oft stundenlang beisammen und planten und rechneten , aber war ein Entschluß in ihnen zur Reife gekommen und lächelte ein Schimmer von Hoffnung aus ihren Augen , dann geschah es oft , daß sie plötzlich zusammenschraken und mit einem Seufzer die Köpfe hängen ließen - aber keiner sprach es aus , was ihm das Herz belastete ... Zu dieser Zeit fing Frau Elsbeth stark zu altern an . Lange , schmale Furchen zogen sich über ihre Wangen , das Kinn trat stark hervor , und das Haar erhielt einen Silberschimmer . Nur aus den dunklen Tiefen ihrer vergrämten Augen konnte man noch herauslesen , wie schön sie einst gewesen war . » Ja , siehst du , jetzt bin ich eine alte Frau , « sagte sie eines Morgens zu ihrem Sohne , als sie sich vor dem Spiegel die Haare kämmte , » und das Glück ist noch immer nicht gekommen . « » Sei still , Mutter , wofür hin ich denn da ? « erwiderte er , obwohl ihm gar nicht so hoffnungsfreudig zumute war . Da lächelte sie traurig , streichelte ihm Wangen und Stirn und sagte : » Ja , du siehst mir ganz so aus , als hättest du das Glück an den Flügeln gefangen ; ... aber ich will nicht so reden , « fuhr sie fort , » was fing ' ich wohl an , wenn ich dich nicht hätte ? « - - - Solch ein Augenblick überströmender Liebe mußte für lange vorhalten , denn oft vergingen Monate , ohne daß Mutter und Sohn vor lauter Beklommenheit der Herzen sich etwas Zärtliches zu sagen wagten . - Die Zwillinge wuchsen derweilen zu zwei tollen , pausbäckigen Wildlingen heran , denen kein Baum zu hoch , kein Graben zu tief war . Das krause Braunhaar hing ihnen in tausend widerspenstigen Ringeln über die Schläfen herab , und darunter hervor guckten zwei Augenpaare , so voll von Schelmerei , so blitzend in Scheu und Keckheit zugleich , als lachten verirrte Sonnenstrahlen aus tiefer Waldesnacht heraus . Das Gelächter der beiden hallte frühmorgens und spätabends durch das einsame Heidehaus , und um so drückender war die Stille darin , wenn sie in der Schule weilten oder sich draußen auf dem weiten Plane umhertrieben . Den Zwillingen war alles egal . Ob Sonnenschein , ob Sturm im Hause , sie hatten den Kopf stets voller Streiche , und wenn das Toben des Vaters einmal so arg wurde , daß sie es für geraten hielten , sich hinter dem Ofen zu verkriechen , so entschädigten sie sich dort , indem sie sich heimlich in die Beine kniffen . Für Paul hegten sie eine grenzenlose Liebe , was sie jedoch nicht abhielt , die besten Bissen von seinem Teller , die weißesten Papierschnitzel aus seiner Mappe und die schönsten Knöpfe von seinen Hosen einfach als ihr Eigentum zu reklamieren , denn sie stahlen wie die Elstern . Er hatte große Sorge um sie , denn er fürchtete , sie würden immer mehr verwildern , insbesondere , da die Mutter immer müder und mutloser wurde und die Dinge gehen ließ , wie sie gingen . Aber er fing seine Erziehungsversuche am unrechten Ende an . Seine Mahnungen fruchteten nichts , und einmal , als er mitten in einer schönen Strafpredigt war , geschah es , daß die eine plötzlich auf seinen Schoß sprang , ihn an der Nase ergriff und der Schwester zurief : » Du - er kriegt ' nen Bart. « Drauf kletterte diese ihr nach , und beiden wollten um die Wette an seinen Lippen zupfen . - Als er nun aber ernstlich böse wurde , fingen sie an zu bocken und meinten : » Pfui - wir reden nicht mehr mit dir . « Elsbeth hatte er seit seinem Einsegnungstage nicht wieder gesehen , wiewohl inzwischen ein ganzes Jahr vergangen war . Es hieß , sie sei nach der Stadt geschickt worden , um dort » gesellschaftliche Bildung « zu lernen . - Dies Wort hatte ihm einen Stich durchs Herz gegeben , er wußte kaum , was es bedeutete , aber er fühlte dunkel , daß sie sich nun weiter und weiter von ihm entfernte . Da geschah es eines Tages um die Osterzeit , daß er ein Stück Ackerland bearbeiten ging , das , versprengt von dem anderen Besitztum fernab am Waldesrande lag . - Er selbst säte , und ein Knecht mit zwei Pferden ging nacheggend hintendrein . Er hatte ein großes weißes Sälaken um die Schultern geschlungen und beobachtete mit stillem Vergnügen , wie die Samenkörner im Sinken gleich einem goldenen Springquell niederfunkelten . Da war es ihm , als sähe er zwischen den dunklen Stämmen des Waldes etwas Hellschimmerndes auf- und niederschaukeln - wie eine Wiege , die in der Luft schwebte . Doch nahm er sich kaum Zeit , darauf zu achten , denn das Säen ist eine Arbeit , die Aufmerken verlangt . So kam die Frühstückspause heran . Der Knecht setzte sich auf den Kornsack , er selbst aber , da ihm heiß geworden war , ging nach dem Walde , um Schatten zu haben . Er warf einen flüchtigen Blick nach der schwebenden Wiege und dachte : » Das muß wohl eine Hängematte sein , « aber um den , der darinnen lag , kümmerte er sich nicht . Da war es ihm plötzlich , als hörte er seinen Namen rufen . » Paul , Paul ! « Es klang ganz lieb und vertraut und mit einer hellen , weichen Stimme , die ihm wohlbekannt schien . Erschrocken schaute er auf . » Paul , komm doch her ! « rief die Stimme noch einmal . Es