ja davon erzählt . « » Ach , das ist es . Der . Nun , er wird wohl so schlimm nicht gewesen sein . « » Wer weiß . Zuletzt ist einer wie der andere . « » Meinst du ? « » Nein . « Und dabei schüttelte sie den Kopf , und in ihrem Auge lag etwas von Weichheit und Rührung . Aber sie wollte diese Stimmung nicht aufkommen lassen und sagte deshalb rasch : » Singen wir , Frau Dörr . Singen wir . Aber was ? « » Morgenrot ... « » Nein , das nicht ... Morgen in das kühle Grab , das ist mir zu traurig . Nein , singen wir Übers Jahr , übers Jahr oder noch lieber Denkst du daran . « » Ja , das is recht , das is schön : das is mein Leib-und Magenlied . « Und mit gut eingeübter Stimme sangen alle drei das Lieblingslied der Frau Dörr , und man war schon bis in die Nähe der Gärtnerei gekommen , als es noch immer über das Feld hinklang » Ich denke dran ... ich danke dir mein Leben « und dann von der andren Wegseite her , wo die lange Reihe der Schuppen und Remisen stand , im Echo widerhallte . Die Dörr war überglücklich . Aber Lene und Botho waren ernst geworden . Zehntes Kapitel Es dunkelte schon , als man wieder vor der Wohnung der Frau Nimptsch war , und Botho , der seine Heiterkeit und gute Laune rasch zurückgewonnen hatte , wollte nur einen Augenblick noch mit hineinsehn und sich gleich danach verabschieden . Als ihn Lene jedoch an allerlei Versprechungen und Frau Dörr mit Betonung und Augenspiel an das noch ausstehende Vielliebchen erinnerte , gab er nach und entschloß sich , den Abend über zu bleiben . » Das is recht « , sagte die Dörr . » Und ich bleibe nun auch . Das heißt , wenn ich bleiben darf und bei dem Vielliebchen nicht störe . Denn man kann doch nie wissen . Und ich will bloß noch den Hut nach Hause bringen und den Umhang . Und denn komm ich wieder . « » Gewiß müssen Sie wiederkommen « , sagte Botho , während er ihr die Hand gab . » So jung kommen wir nicht wieder zusammen . « » Nein , nein « , lachte die Dörr , » so jung kommen wir nich wieder zusammen . Un is auch eigentlich ganz unmöglich , un wenn wir auch morgen schon wieder zusammenkämen . Denn ein Tag is doch immer ein Tag und macht auch schon was aus . Und deshalb is es ganz richtig , daß wir so jung nich wieder zusammenkommen . Und muß sich jeder gefallen lassen . « In dieser Tonart ging es noch eine Weile weiter , und die von niemandem bestrittene Tatsache des täglichen Älterwerdens gefiel ihr so , daß sie dieselbe noch einige Male wiederholte . Dann erst ging sie . Lene begleitete sie bis auf den Flur , Botho seinerseits aber setzte sich neben Frau Nimptsch und fragte , während er ihr das von der Schulter gefallene Umschlagetuch wieder umhing , » ob sie noch böse sei , daß er ihr die Lene wieder auf ein paar Stunden entführt habe . Aber es sei so hübsch gewesen , und oben auf dem Pedenhaufen , wo sie sich ausgeruht und geplaudert hätten , hätten sie der Zeit ganz vergessen . « » Ja , die Glücklichen vergessen die Zeit « , sagte die Alte . » Und die Jugend is glücklich , un is auch gut so un soll so sein . Aber wenn man alt wird , lieber Herr Baron , da werden einen die Stunden lang un man wünscht sich die Tage fort un das Leben auch . « » Ach , das sagen Sie so , Mutterchen . Alt oder jung , eigentlich lebt doch jeder gern . Nicht wahr , Lene , wir leben gern ? « Lene war eben wieder vom Flur her in die Stube getreten und lief wie getroffen von dem Wort auf ihn zu und umhalste und küßte ihn und war überhaupt von einer Leidenschaftlichkeit , die ihr sonst ganz fremd war . » Lene , was hast du nur ? « Aber sie hatte sich schon wieder gesammelt und wehrte mit rascher Handbewegung seine Teilnahme ab , wie wenn sie sagen wollte : » Frage nicht . « Und nun ging sie , während Botho mit Frau Nimptsch weitersprach , auf das Küchenschapp zu , kramte drin umher und kam gleich danach und völlig heitern Gesichts mit einem kleinen , in blaues Zuckerpapier genähten Buche zurück , das ganz das Aussehen hatte wie die , drin Hausfrauen ihre täglichen Ausgaben aufschreiben . Dazu diente das Büchelchen denn auch wirklich und zugleich zu Fragen , mit denen sich Lene , sei ' s aus Neugier oder gelegentlich auch aus tieferem Interesse , beschäftigte . Sie schlug es jetzt auf und wies auf die letzte Seite , drauf Bothos Blick sofort der dick unterstrichenen Überschrift begegnete : » Was zu wissen not tut . « » Alle Tausend , Lene , das klingt ja wie Traktätchen oder Lustspieltitel . « » Ist auch so was . Lies nur weiter . « Und nun las er : » Wer waren die beiden Damen auf dem Korso ? Ist es die ältere oder ist es die junge ? Wer ist Pitt ? Wer ist Serge ? Wer ist Gaston ? « Botho lachte . » Wenn ich dir das alles beantworten soll , Lene so bleib ich bis morgen früh . « Ein Glück , daß Frau Dörr bei dieser Antwort fehlte , sonst hätt es eine neue Verlegenheit gegeben . Aber die sonst so flinke Freundin , flink wenigstens , wenn es sich um den Baron handelte , war noch nicht wieder zurück , und so sagte denn Lene : » Gut , so will ich mich handeln lassen . Und meinetwegen denn von den zwei Damen ein andermal ! Aber was bedeuten die fremden Namen ? Ich habe schon neulich danach gefragt , als du die Tüte brachtest . Aber was du da sagtest , war keine rechte Antwort , nur so halb . Ist es ein Geheimnis ? « » Nein . « » Nun denn sage . « » Gern , Lene . Diese Namen sind bloß Necknamen . « » Ich weiß . Das sagtest du schon . « » ... Also Namen , die wir uns aus Bequemlichkeit beigelegt haben , mit und ohne Beziehung , je nachdem . « » Und was heißt Pitt ? « » Pitt war ein englischer Staatsmann . « » Und ist dein Freund auch einer ? « » Um Gottes willen ... « » Und Serge ? « » Das ist ein russischer Vorname , den ein Heiliger und viele russische Großfürsten führen . « » Die aber nicht Heilige zu sein brauchen , nicht wahr ... ? Und Gaston ? « » Ist ein französischer Name . « » Ja , dessen entsinn ich mich . Ich habe mal als ein ganz junges Ding , und ich war noch nicht eingesegnet , ein Stück gesehn : Der Mann mit der eisernen Maske . Und der mit der Maske , der hieß Gaston . Und ich weinte jämmerlich . « » Und lachst jetzt , wenn ich dir sage : Gaston bin ich . « » Nein , ich lache nicht . Du hast auch eine Maske . « Botho wollte scherz- und ernsthaft das Gegenteil versichern , aber Frau Dörr , die gerade wieder eintrat , schnitt das Gespräch ab , indem sie sich entschuldigte , daß sie so lange habe warten lassen . Aber eine Bestellung sei gekommen , und sie habe rasch noch einen Begräbniskranz flechten müssen . » Einen großen oder einen kleinen ? « fragte die Nimptsch , die gern von Begräbnissen sprach und eine Passion hatte , sich von allem dazu Gehörigen erzählen zu lassen . » Nu « , sagte die Dörr , » es war ein mittelscher ; kleine Leute . Efeu mit Azalie . « » Jott « , fuhr die Nimptsch fort , » alles is jetzt für Efeu und Azalie , bloß ich nich . Efeu is ganz gut , wenn er aufs Grab kommt und alles so grün und dicht einspinnt , daß das Grab seine Ruhe hat und der drunter liegt auch . Aber Efeu in ' n Kranz , das is nich richtig . Zu meiner Zeit , da nahmen wir Immortellen , gelbe oder halbgelbe , und wenn es ganz was Feines sein sollte , denn nahmen wir rote oder weiße und machten Kränze draus oder auch bloß einen und hingen ihn ans Kreuz , und da hing er denn den ganzen Winter , und wenn der Frühling kam , da hing er noch . Un manche hingen noch länger . Aber so mit Efeu oder Azalie , das is nichts . Un warum nich ? Darum nicht , weil es nich lange dauert . Un ich denke mir immer , je länger der Kranz oben hängt , desto länger denkt der Mensch auch an seinen Toten unten . Un mitunter auch ' ne Witwe , wenn sie nich zu jung is . Un das is es , warum ich für Immortelle bin , gelbe oder rote oder auch weiße , un kann ja jeder einen andern Kranz zuhängen , wenn er will . Das is denn so für den Schein . Aber der immortellige , das is der richtige . « » Mutter « , sagte Lene , » du sprichst wieder soviel von Grab und Kranz . « » Ja , Kind , jeder spricht , woran er denkt . Un denkt einer an Hochzeit , denn redt er von Hochzeit , un denkt einer an Begräbnis , denn redt er von Grab . Un ich habe nich mal angefangen , von Grab un Kranz zu reden , Frau Dörr hat angefangen , was auch ganz recht war . Un ich spreche bloß immer davon , weil ich immer ' ne Angst habe un immer denke : ja , wer wird dir mal einen bringen ? « » Ach Mutter ... « » Ja , Lene , du bist gut , du bist ein gutes Kind . Aber der Mensch denkt un Gott lenkt , un heute rot un morgen tot . Un du kannst sterben so gut wie ich , jeden Tag , den Gott werden läßt , wenn ich es auch nich glaube . Un Frau Dörr kann auch sterben oder wohnt denn , wenn ich sterbe , vielleicht woanders , oder ich wohne woanders un bin vielleicht eben erst eingezogen . Ach , meine liebe Lene , man hat nichts sicher , gar nichts , auch nich mal einen Kranz aufs Grab . « » Doch , doch , Mutter Nimptsch « , sagte Botho , » den haben Sie sicher . « » Na , na , Herr Baron , wenn es man wahr is . « » Und wenn ich in Petersburg bin oder in Paris und ich höre , daß meine alte Frau Nimptsch gestorben ist , dann schick ich einen Kranz , und wenn ich in Berlin bin oder in der Nähe , dann bring ich ihn selber . « Der Alten Gesicht verklärte sich ordentlich vor Freude . » Na , das is ein Wort , Herr Baron . Un da hab ich doch nu meinen Kranz aufs Grab und is mir lieb , daß ich ihn habe . Denn ich kann die kahlen Gräber nich leiden , die so aussehn wie ' n Waisenhauskirchhof oder für die Gefangenen oder noch schlimmer . Aber nu mach einen Tee , Lene , das Wasser kocht un bullert schon , un Erdbeeren und Milch sind auch da . Un auch saure . Jott , den armen Herrn Baron muß ja schon ganz jämlich sein . Immer ankucken macht hungrig , soviel weiß ich auch noch . Ja , Frau Dörr , man hat ja doch auch mal seine Jugend gehabt , un wenn es auch lange her is . Aber die Menschen waren damals so wie heut . « Frau Nimptsch , die heut ihren Redetag hatte , philosophierte noch eine Weile weiter , während Lene das Abendbrot auftrug und Botho seine Neckereien mit der guten Frau Dörr fortsetzte . Das sei gut , daß sie den Staatshut zu rechter Zeit zu Bette gebracht habe , der sei für Kroll oder fürs Theater , aber nicht für den Wilmersdorfer Pedenhaufen . Wo sie den Hut denn eigentlich herhabe ? Solchen Hut habe keine Prinzessin . Und er habe so was Kleidsames überhaupt noch gar nicht gesehn ; er wolle nicht von sich selber reden , aber ein Prinz hätte sich drin vergaffen können . Die gute Frau hörte wohl heraus , daß er sich einen Spaß mache . Trotzdem sagte sie : » Ja , wenn Dörr mal anfängt , denn is er so forsch und fein , daß ich mitunter gar nicht weiß , wo er ' s herhat . Alltags is nich viel mit ihm , aber mit eins is er wie vertauscht un gar nich mehr derselbe , un ich sage denn immer : es is am Ende doch was mit ihm , un er kann es man bloß nich so zeigen . « So plauderte man beim Tee , bis zehn Uhr heran war . Dann brach Botho auf , und Lene und Frau Dörr begleiteten ihn durch den Vorgarten bis an die Gartentür . Als sie hier standen , erinnerte die Dörr daran , daß man das Vielliebchen noch immer vergessen habe . Botho schien aber die Mahnung überhören zu wollen und betonte nur nochmals , wie hübsch der Nachmittag gewesen sei . » Wir müssen öfter so gehn , Lene , und wenn ich wiederkomme , dann überlegen wir , wohin . Oh , ich werde schon etwas finden , etwas Hübsches und Stilles , und recht weit und nicht so bloß über Feld . « » Und dann nehmen wir Frau Dörr wieder mit « , sagte Lene , » oder bitten sie darum . Nicht wahr , Botho ? « » Gewiß , Lene . Frau Dörr muß immer dabeisein . Ohne Frau Dörr geht es nicht . « » Ach , Herr Baron , das kann ich ja gar nich annehmen , das kann ich ja gar nich verlangen . « » Doch , liebe Frau Dörr « , lachte Botho . » Sie können alles verlangen . Eine Frau wie Sie . « Und damit trennte man sich . Elftes Kapitel Die Landpartie , die man nach dem Wilmersdorfer Spaziergange verabredet oder wenigstens geplant hatte , war nun auf einige Wochen hin das Lieblingsgespräch , und immer , wenn Botho kam , überlegte man , wohin ? Alle möglichen Plätze wurden erwogen : Erkner und Kranichberge , Schwilow und Baumgartenbrück , aber alle waren immer noch zu besucht , und so kam es , daß Botho schließlich » Hankels Ablage « nannte , von dessen Schönheit und Einsamkeit er wahre Wunderdinge gehört habe , Lene war einverstanden . Ihr lag nur daran , mal hinauszukommen und in Gottes freier Natur , möglichst fern von dem großstädtischen Getreibe , mit dem geliebten Manne zusammen zu sein . Wo , war gleichgiltig . Der nächste Freitag wurde zu der Partie bestimmt . » Abgemacht . « Und nun fuhren sie mit dem Görlitzer Nachmittagszuge nach Hankels Ablage hinaus , wo sie Nachtquartier nehmen und den andern Tag in aller Stille zubringen wollten . Der Zug hatte nur wenige Wagen , aber auch diese waren schwach besetzt , und so kam es , daß sich Botho und Lene allein befanden . In dem Kupee nebenan wurde lebhaft gesprochen , zugleich deutlich genug , um herauszuhören , daß es Weiterreisende waren , keine Mitpassagiere für Hankels Ablage . Lene war glücklich , reichte Botho die Hand und sah schweigend in die Wald- und Heidelandschaft hinaus . Endlich sagte sie : » Was wird aber Frau Dörr sagen , daß wir sie zu Hause gelassen ? « » Sie darf es gar nicht erfahren . « » Mutter wird es ihr ausplaudern . « » Ja , dann steht es schlimm , und doch ließ sich ' s nicht anders tun . Sieh , auf der Wiese neulich , da ging es , da waren wir mutterwindallein . Aber wenn wir in Hankels Ablage auch noch soviel Einsamkeit finden , so finden wir doch immer noch einen Wirt und eine Wirtin und vielleicht sogar einen Berliner Kellner . Und solch Kellner , der immer so still vor sich hin lacht oder wenigstens in sich hinein , den kann ich nicht aushalten , der verdirbt mir die Freude . Frau Dörr , wenn sie neben deiner Mutter sitzt oder den alten Dörr erzieht , ist unbezahlbar , aber nicht unter Menschen . Unter Menschen ist sie bloß komische Figur und eine Verlegenheit . « Gegen fünf hielt der Zug an einem Waldrande ... Wirklich , niemand außer Botho und Lene stieg aus , und beide schlenderten jetzt behaglich und unter häufigem Verweilen auf ein Gasthaus zu , das , in etwa zehn Minuten Entfernung von dem kleinen Stationsgebäude , hart an der Spree seinen Platz hatte . Dies » Etablissement « , wie sich ' s auf einem schiefstehenden Wegweiser nannte , war ursprünglich ein bloßes Fischerhaus gewesen , das sich erst sehr allmählich und mehr durch An- als Umbau in ein Gasthaus verwandelt hatte , der Blick über den Strom aber hielt für alles , was sonst vielleicht fehlen mochte , schadlos und ließ das glänzende Renommee , dessen sich diese Stelle bei allen Eingeweihten erfreute , keinen Augenblick als übertrieben erscheinen . Auch Lene fühlte sich sofort angeheimelt und nahm in einer verandaartig vorgebauten Holzhalle Platz , deren eine Hälfte von dem Gezweig einer alten , zwischen Haus und Ufer stehenden Ulme verdeckt wurde . » Hier bleiben wir « , sagte sie . » Sieh doch nur die Kähne , zwei , drei ... und dort weiter hinauf kommt eine ganze Flotte . Ja , das war ein glücklicher Gedanke , der uns hierher führte . Sieh doch nur , wie sie drüben auf dem Kahne hin und her laufen und sich gegen die Ruder stemmen . Und dabei alles so still . Oh , mein einziger Botho , wie schön das ist und wie gut ich dir bin . « Botho freute sich , Lene so glücklich zu sehen . Etwas Entschlossenes und beinah Herbes , das sonst in ihrem Charakter lag , war wie von ihr genommen und einer ihr sonst fremden Gefühlsweichheit gewichen , und dieser Wechsel schien ihr selber unendlich wohlzutun . Nach einer Weile kam der sein » Etablissement « schon von Vater und Großvater her innehabende Wirt , um nach den Befehlen der Herrschaften zu fragen , vor allem auch , » ob sie zu Nacht bleiben würden « , und bat , als diese Frage bejaht worden war , über ihr Zimmer Beschluß fassen zu wollen . Es ständen ihnen mehrere zur Verfügung , unter denen die Giebelstube wohl die beste sein würde . Sie sei zwar niedrig , aber sonst groß und geräumig und hätte den Blick über die Spree bis an die Müggelberge . Der Wirt ging nun , als sein Vorschlag angenommen war , um die nötigen Vorbereitungen zu treffen , und Botho und Lene waren nicht nur wieder allein miteinander , sondern genossen auch das Glück dieses Alleinseins in vollen Zügen . Auf einem der herabhängenden Ulmenzweige wiegte sich ein in einem niedrigen Nachbargebüsche nistender Fink , Schwalben fuhren hin und her , und zuletzt kam eine schwarze Henne mit einem langen Gefolge von Entenküken an der Veranda vorüber und stolzierte gravitätisch auf einen weit in den Fluß hineingebauten Wassersteg zu . Mitten auf diesem Steg aber blieb die Henne stehn , während sich die Küken ins Wasser stürzten und fortschwammen . Lene sah eifrig dem allen zu . » Sieh nur , Botho , wie der Strom durch die Pfähle schießt . « Aber eigentlich war es weder der Steg noch die durchschießende Flut , was sie fesselte , sondern die zwei Boote , die vorn angekettet lagen . Sie liebäugelte damit und erging sich in kleinen Fragen und Anspielungen , und erst als Botho taub blieb und durchaus nichts davon verstehen wollte , rückte sie klarer mit der Sprache heraus und sagte rundweg , daß sie gern Wasser fahren möchte . » Weiber sind doch unverbesserlich . Unverbesserlich in ihrem Leichtsinn . Denk an den zweiten Ostertag . Um ein Haar ... « » ... wär ich ertrunken . Gewiß . Aber das war nur das eine . Nebenher lief die Bekanntschaft mit einem stattlichen Herrn , dessen du dich vielleicht entsinnst . Er hieß Botho ... Du wirst doch , denk ich , den zweiten Ostertag nicht als einen Unglückstag ansehen wollen ? Da bin ich artiger und galanter . « » Nun , nun ... Aber kannst du denn auch rudern , Lene ? « » Freilich kann ich . Und kann auch sogar steuern und ein Segel stellen . Weil ich beinah ertrunken wäre , denkst du gering von mir und meiner Kunst . Aber der Junge war schuld , und ertrinken kann am Ende jeder . « Und dabei ging sie von der Veranda her den Steg entlang auf die zwei Boote zu , deren Segel eingerefft waren , während ihre Wimpel , mit eingesticktem Namen , oben an der Mastspitze flatterten . » Welches nehmen wir « , sagte Botho , » die Forelle oder die Hoffnung ? « » Natürlich die Forelle . Was sollen wir mit der Hoffnung ? « Botho hörte wohl heraus , daß dies von Lene mit Absicht und um zu sticheln gesagt wurde , denn so fein sie fühlte , so verleugnete sie doch nie das an kleinen Spitzen Gefallen findende Berliner Kind . Er verzieh ihr aber dies Spitzige , schwieg und war ihr beim Einsteigen behilflich . Dann sprang er nach . Als er gleich darauf das Boot losketteln wollte , kam der Wirt und brachte Jackett und Plaid , weil es bei Sonnenuntergang kalt würde . Beide dankten , und in Kürze waren sie mitten auf dem Strom , der hier , durch Inseln und Landzungen eingeengt , keine dreihundert Schritte breit sein mochte . Lene tat nur dann und wann einen Schlag mit dem Ruder , aber auch diese wenigen Schläge reichten schon aus , sie nach einer kleinen Weile bis an eine hoch in Gras stehende , zugleich als Schiffswerft dienende Wiese zu führen , auf der , in einiger Entfernung von ihnen , ein Spreekahn gebaut und alte , leckgewordene Kähne kalfatert und geteert wurden . » Dahin müssen wir « , jubelte Lene , während sie Botho mit sich fortzog . Aber ehe beide bis an die Schiffsbaustelle heran waren , hörte das Hämmern der Zimmermannsaxt auf , und das beginnende Läuten der Glocke verkündete , daß Feierabend sei . So bogen sie denn hundert Schritt von der Werft in einen Pfad ein , der , schräg über die Wiese hin , auf einen Kiefernwald zuführte . Die roten Stämme desselben glühten prächtig im Widerschein der schon tief stehenden Sonne , während über den Kronen ein bläulicher Nebel lag . » Ich möchte dir einen recht schönen Strauß pflücken « , sagte Botho , während er Lene bei der Hand nahm . » Aber sieh nur , die reine Wiese , nichts als Gras und keine Blume . Nicht eine . « » Doch . Die Hülle und Fülle . Du siehst nur keine , weil du zu anspruchsvoll bist . « » Und wenn ich es wäre , so wär ich es bloß für dich . « » Oh , keine Ausflüchte . Du wirst sehen , ich finde welche . « Und sich niederbückend , suchte sie nach rechts und links hin und sagte : » Sieh nur , hier ... und da ... und hier wieder . Es stehen hier mehr als in Dörrs Garten ; man muß nur ein Auge dafür haben . « Und so pflückte sie behend und emsig , zugleich allerlei Unkraut und Grashalme mit ausreißend , bis sie , nach ganz kurzer Zeit , eine Menge Brauchbares und Unbrauchbares in Händen hatte . Währenddem waren sie bis an eine seit Jahr und Tag leerstehende Fischerhütte gekommen , vor der , auf einem mit Kienäpfeln überstreuten Sandstreifen ( denn der Wald stieg unmittelbar dahinter an ) , ein umgestülpter Kahn lag . » Der kommt uns zupaß « , sagte Botho , » hier wollen wir uns setzen . Du mußt ja müde sein . Und nun laß sehen , was du gepflückt hast . Ich glaube , du weißt es selber nicht , und ich werde mich auf den Botaniker hin ausspielen müssen . Gib her . Das ist Ranunkel , und das ist Mäuseohr , und manche nennen es auch falsches Vergißmeinnicht . Hörst du , falsches . Und hier das mit dem gezackten Blatt , das ist Taraxacum , unsere gute alte Butterblume , woraus die Franzosen Salat machen . Nun meinetwegen . Aber Salat und Bouquet ist ein Unterschied . « » Gib nur wieder her « , lachte Lene . » Du hast kein Auge für diese Dinge , weil du keine Liebe dafür hast , und Auge und Liebe gehören immer zusammen . Erst hast du der Wiese die Blumen abgesprochen , und jetzt , wo sie da sind , willst du sie nicht als richtige Blumen gelten lassen . Es sind aber Blumen und noch dazu sehr gute . Was gilt die Wette , daß ich dir etwas Hübsches zusammenstelle . « » Nun da bin ich doch neugierig , was du wählen wirst . « » Nur solche , denen du selber zustimmst . Und nun laß uns anfangen . Hier ist Vergißmeinnicht , aber kein Mäuseohr-Vergißmeinnicht , will sagen kein falsches , sondern ein echtes . Zugestanden ? « » Ja . « » Und das hier ist Ehrenpreis , eine feine kleine Blume . Die wirst du doch auch wohl gelten lassen ? Da frag ich gar nicht erst . Und diese große rotbraune , das ist Teufelsabbiß und eigens für dich gewachsen . Ja , lache nur . Und das hier « , und sie bückte sich nach ein paar gelben Blumenköpfchen , die gerade vor ihr auf der Sandstelle blühten , » das sind Immortellen . « » Immortellen « , sagte Botho . » Die sind ja die Passion der alten Frau Nimptsch . Natürlich , die nehmen wir , die dürfen nicht fehlen . Und nun binde nur das Sträußchen zusammen . « » Gut . Aber womit ? Wir wollen es lassen , bis wir eine Binse finden . « » Nein , so lange will ich nicht warten . Und ein Binsenhalm ist mir auch nicht gut genug , ist zu dick und zu grob . Ich will was Feines . Weißt du , Lene , du hast so schönes langes Haar ; reiß eins aus und flicht den Strauß damit zusammen . « » Nein « , sagte sie bestimmt . » Nein ? warum nicht ? warum nein ? « » Weil das Sprüchwort sagt : Haar bindet . Und wenn ich es um den Strauß binde , so bist du mitgebunden . « » Ach , das ist Aberglauben . Das sagt Frau Dörr . « » Nein , die alte Frau sagt es . Und was die mir von Jugend auf gesagt hat , auch wenn es wie Aberglauben aussah , das war immer richtig . « » Nun meinetwegen . Ich streite nicht . Aber ich will kein ander Band um den Strauß als ein Haar von dir . Und du wirst doch nicht so eigensinnig sein und mir ' s abschlagen . « Sie sah ihn an , zog ein Haar aus ihrem Scheitel und wand es um den Strauß . Dann sagte sie : » Du hast es gewollt . Hier , nimm es . Nun bist du gebunden . « Er versuchte zu lachen , aber der Ernst , mit dem sie das Gespräch geführt und die letzten Worte gesprochen hatte , war doch nicht ohne Eindruck auf ihn geblieben . » Es wird kühl « , sagte er nach einer Weile . » Der Wirt hatte recht , dir Jackett und Plaid nachzubringen . Komm , laß uns aufbrechen . « Und so gingen sie wieder auf die Stelle zu , wo das Boot lag , und eilten sich , über den Fluß zu kommen . Jetzt erst , im Rückfahren , sahen sie , wie malerisch das Gasthaus dalag , dem sie mit jedem Ruderschlage näher kamen . Eine hohe groteske Mütze , so saß das Schilfdach auf dem niedrigen Fachwerkbau , dessen vier kleine Frontfenster sich eben zu erhellen begannen . Und im selben Augenblicke wurden auch ein paar Windlichter in die Veranda getragen , und durch das Gezweige der alten Ulme , das im Dunkel einem phantastischen Gitterwerke glich , blitzten allerlei Lichtstreifen über den Strom hin . Keiner sprach . Jeder aber hing seinem Glück und der Frage nach , wie lange das Glück noch dauern werde . Zwölftes Kapitel Es dunkelte schon , als sie landeten . » Laß uns diesen Tisch nehmen « , sagte Botho , während sie wieder unter die Veranda traten : » Hier trifft dich kein Wind , und ich bestelle dir einen Grog oder Glühwein , nicht wahr ? Ich sehe ja , du hast es kalt .