der Seite ein schmales Pförtchen , zu dem einige Stufen hinunterführen . Ratlos stehe er lange davor , pocht , rüttelt an der Klinke , aber die bleibt unbeweglich und sein Pochen ungehört . Eine Schar kleiner Jungen kommt daher ; einer von ihnen springt die Treppe zur Klosterpforte hinab , hängt sich an den Glockenstrang , läßt ihn plötzlich zurückschnellen und läuft davon . Ein Geläute , das gar nicht enden wollte , drang aus dem Innern des Hauses ; das Pförtchen öffnete sich , Pavel trat ein und stand weder vor einer geschlossenen Tür ; doch hatte diese ein Glasfenster und gewährte den Einblick in eine Halle , deren ziemlich niedriges Gewölbe von freistehenden Säulen getragen wurde und deren Wände mit Feuchtigkeitsflecken bedeckt waren . Eine Nonne erschien , musterte den Besucher und fragte mit strenger Miene : » Warum schellst du so stark ? Was willst du ? « » Meine Milada « , stammelte Pavel . Es überkam ihn plötzlich , daß er sich unter einem Dache mit seiner Schwester befand , und unleidlich wurde seine Ungeduld . » Wo ist sie ? « rief er . » Wen meinst du ? « fragte die Klosterfrau . » Es gibt hier keine Milada , du bist wohl fehlgegangen . « Schon wollte sie ihn abweisen , da erinnerte er sich des Talismans , den er bei sich trug , und überreichte den Brief . Die Nonne betrachtete eine Weile die Aufschrift : » Ja so « , sagte sie . » Liebes Kind , deine Schwester heißt bei uns Maria . Du kannst sie jetzt nicht sehen , sie ist in der Kirche . « Pavel erklärte , er wolle auch in die Kirche , und dabei nahm sein Gesicht einen so entschlossenen und bösen Ausdruck an , daß der Pförtnerin angst wurde . Sie bemühte sich , ihm begreiflich zu machen , daß er warten müsse , bis die Messe aus sein werde , führte ihn zu dem Ende in ein an die Halle anstoßendes Zimmer , ließ ihn dort allein und verschloß hinter ihm die Tür . Da war er ein Gefangener . Der düstere Raum , in dem er sich befand , hatte keinen zweiten Eingang , dafür aber drei mit schweren bauchigen Gittern versehene Fenster . Sie öffneten sich auf einen mit Obstbäumen bepflanzten Rasenplatz , in dessen Mitte , altersgrau und verwittert , eine Muttergottesstatue stand , ein buntes Kränzlein auf dem Haupte , und Pavel dachte gleich , niemand anders als Milada habe das geflochten ... Wenn sie doch käme , bald käme , wenn doch die Messe schon vorüber wäre ! ... Glockenklang erhob sich , es wurde zum Sanktus geläutet ; nun folgte die Wandlung , Pavel sank auf die Knie und betete inbrünstig : Lieber Gott , schick mir meine Schwester ! Er sehnte sich , er hoffte , er wartete- die Glocken hatten längst zum letzten Segen geläutet , die Kleine erschien immer noch nicht . Und still war ' s ringsum wie in einer leeren Kirche . Kein Mensch im Garten zu erblicken , in der Halle kein Laut , kein Schritt zu hören . Pavel warf sich gegen die Tür und polterte mit Händen und Füßen , solange er konnte . Umsonst , niemand kam , ihn zu erlösen . - Erschöpft und verzweifelt sank er auf den Boden , zu Füßen eines großen Tisches , der nebst einigen an die Wände gerückten Stühlen die ganze Einrichtung der Stube bildete . Sie kommt nicht , sie kommt nicht , und mich hat man eingesperrt und vergessen - das sagte er sich , anfangs mit zorniger Empörung über etwas Abscheuliches und Unerhörtes , zuletzt mit stumpfer Ergebung in das Unabänderliche . Sein Kopf wurde immer schwerer , seine Augen fielen zu , er schlief ein . So fest , so tief schlief er , daß ihn das Geräusch der plötzlich aufgerissenen Tür nicht weckte , daß er erst zum Bewußtsein kam , als ein Paar kleine Arme ihn umklammerten , eine liebe , geliebte Stimme jauchzte : » Pavel , Pavel , bist du endlich da ? « Er riß die Augen auf , sprang empor - schaute , wurde feuerrot , hätte auch gern etwas gesagt und konnte nicht - brannte danach , sie an sein Herz zu ziehen , und wagte es nicht . - Ach , schön , schön hatte er sich seine Schwester vorgestellt , aber so schön , wie sie ihm in Wirklichkeit erschien , doch nie und nimmermehr ! - Sie trug ein dunkelblaues Kleid , das im Schnitt ein wenig an einen priesterlichen Talar mahnte , und auf der Brust ein silbernes Kreuz . Ihre blonden Haare waren in einen Zopf geflochten , der ihr über den Rücken hing bis zum Gürtel ; an der Stirn , den Schläfen , im Nacken aber kräuselten sich , der glättenden Hand eigensinnig entschlüpft , kleine , feine goldige Löckchen und umgaben den Kopf wie ein Heiligenschein . Immer scheuer wurde die Bewunderung , mit der Pavel das Kind betrachtete , plötzlich trübten sich seine Augen , er hob den Arm empor und preßte ihn an sein Gesicht . Diesem seltsamen Empfang gegenüber blieb die Kleine eine Weile ratlos , umfing ihren Bruder aber bald von neuem , und unter ihren Liebkosungen wich der entfremdende Bann , der ihn bei ihrem Anblick ergriffen hatte . Er setzte sich , nahm sie auf seinen Schoß , küßte und herzte sie und ließ sich von ihr erzählen , wollte auf das genaueste wissen , wie sie lebte , was sie tat , was sie lernte , vor allem jedoch - was sie zu essen bekam . Er staunte , wie geringen Wert sie auf diese so wichtige Sache legte , wie ihr um nichts so sehr zu tun war als darum , das bravste Kind im ganzen Kloster zu sein , und um die Anerkennung dieser Tatsache . » Es ist schwer , die Bravste zu sein , weil so viele gute Kinder da sind ; aber ich bin ' s doch ! « sagte sie , richtete sich freudig auf und rief mehr im Ton der Überzeugung als der Frage : » Du bist es auch ? « » Ich ? « entgegnete er , voll ehrlicher Verwunderung - - » wie soll denn ich brav sein ? « Ohne die verschränkten Finger von seinem Nacken zu lösen , streckte sie die Arme aus , bog sich zurück , sah ihm in die Augen und sprach : » Wie du brav sein sollst ? - So halt - wie man halt brav ist ; man tut nichts Unrechtes ... Du wirst doch nichts Unrechtes tun ? « Er schüttelte den Kopf , suchte sich von ihr loszumachen , besonders aber ihren Blick zu vermeiden : » Warum soll ich nichts Unrechtes tun ? « murmelte er - » es geht nicht anders . « » Und welches Unrecht tust du zum Beispiel ? « » Zum Beispiel ? ... Ich nehme den Leuten Sachen weg ... « » Was für Sachen ? « » Wie du fragst ? - Was soll ich denn nehmen ? was ich immer genommen habe , Obst - oder Rüben oder Holz ... « Mit steigender Angst , aber noch zweifelnd , schrie die Kleine auf : » Dann bist du ja ein Dieb ! « » Ich bin auch einer . « » Das ist nicht wahr ! sag , daß es nicht wahr ist , daß du nicht schlecht bist ! um Gottes willen , sag es ... « Sie drohte , schmeichelte und geriet in Bestürzung , als er die Entschuldigung vorbrachte : » Wie soll ich nicht schlecht sein ? Die Eltern sind ja auch schlecht gewesen . « » Just deswegen ! « rief sie , » begreifst du ' s nicht ? - Just deswegen bin ich die Bravste im ganzen Kloster und mußt du der Bravste sein im ganzen Dorf ... damit der liebe Gott den Eltern verzeiht , damit ihre Seelen erlöst werden ... Denk an die Seele des Vaters , wo die jetzt ist ... « Eine fliegende Blässe überzog wie ein Hauch ihre rosigen Wangen . » Wir müssen immer beten « , fuhr sie fort , » beten , beten und gute Werke tun und uns bei jedem guten Werke sagen : Für die arme Seele , die im Fegefeuer brennt . « Mit tiefster Durchdrungenheit stimmte Pavel bei : » Ja , die brennt gewiß . « » O Gott im Himmel ! ... und weißt du , was ich glaube ? « flüsterte die Kleine - » wenn wir schlimm sind , da brennt sie noch ärger , weil der liebe Gott sich denkt , das kommt von dem bösen Beispiel , welches diese Kinder bekommen haben von ... « Sie hielt inne , schluckte einigemal nacheinander , ihre Augen öffneten sich weit und starrten den Bruder voll leidenschaftlichen Schmerzes an . Plötzlich faßte sie seinen Kopf mit beiden Händen , drückte ihr Gesicht an das seine und fragte : » Warum stiehlst du ? « » Ach was « , erwiderte er , » laß mich . « Sie umklammerte ihn fester und rief wieder ihr beschwörendes : » Sag ! sag ! « und da er durchaus nicht Rede stehen wollte , begann sie zu raten : » Stiehlst du vielleicht aus Hunger ... Bist du vielleicht manchmal hungrig ? « Er lächelte gelassen : » Ich bin immer hungrig . « » Immer ! « » Ich denk aber nicht immer dran « , suchte er sie zu beruhigen , als sie in Jammer ausbrach über diese Antwort ; doch hörte die Kleine ihn nicht an , sondern rannte , unter heftigen Vorwürfen gegen sich selbst , aus dem Zimmer . Bald erschien sie wieder , gefolgt von einer Laienschwester , die einen reichlich mit Brot und Fleisch besetzten Teller trug . Der wurde auf den Tisch gestellt und Pavel eingeladen , sich ' s schmecken zu lassen . Er machte der Aufforderung Ehre , aß hastig , war aber erstaunlich bald satt . » Ist das dein ganzer Appetit ? « fragte die Klosterdienerin und sah ihn mit jungen hellen Augen freundlich an . » Bist nicht gewohnt ans Essen , hast gleich genug , ich kenn das schon . Woher kommt er denn , wer ist er ? « wandte sie sich an Milada . » Von zu Hause « , antwortete diese , » er ist mein Bruder . « » Nun ja , in Christus , jeder Arme ist unser Bruder in Christus . « » So mein ich ' s nicht , er ist mein wirklicher Bruder ! « beteuerte Milada und wurde böse , als die Schwester sie ermahnte , sich erstens nicht zu ärgern und zweitens nicht einmal im Scherz eine Unwahrheit zu sagen . » Aber ich sag ja keine Unwahrheit , Schwester Philippine ! Fragen Sie die ehrwürdige Mutter , fragen Sie das Fräulein Pförtnerin ! ... « eiferte das Kind . Die Klosterdienerin aber erwiderte gutmütig verweisend : » Seien Sie ruhig , Fräulein Maria , seien Sie nicht schlimm , Sie waren schon so lange nicht mehr schlimm . Nur nicht wieder in den alten Fehler verfallen , sonst müßt ich ' s melden ; Sie wissen recht gut , daß ich ' s melden müßt . « Damit nahm sie rasch den Teller vom Tisch , nickte den Kindern einen munteren Abschiedsgruß zu und ging . » Sie will nicht glauben , daß ich dein Bruder bin « , sprach Pavel nach einer Weile . Milada legte wieder ihre Wange an die seine und flüsterte ihm ins Ohr : » Vielleicht glaubt sie ' s doch . « » Glaubt ' s doch ? ... Warum tut sie dann so ? ... Und warum hast du ihr ' s nicht besser gesagt ? Warum warst du gleich still ? ... Ich bin still , wenn ich recht hab , weil ' s mich freut , wenn die Leut so dumm sind , und ich mir dann so gut denken kann : Ihr Esel ! - Aber du brauchst das nicht . « » Ja ich ! ich bin auch still , nicht aus Trotz und Hochmut wie du - aus Demut und Selbstüberwindung . « Sie warf sich in die Brust , und ihr Gesichtchen leuchtete vor Stolz : » Damit die Engel im Himmel ihre Freude an mir haben . « Nachdem sie sich an der Bewunderung geweidet , mit der er sie ansah , fuhr sie fort : » Pavel , ich darf unserer Mutter nicht schreiben , aber du schreibe ihr ; schreibe ihr , daß ich immerfort für sie bete und nichts anderes werden will als eine Heilige ... Ja ! ... und daß ich auch für sie sorge , schreibe ihr , und mir alle Tage etwas abbreche für sie und alle Tage wenigstens ein gutes Werk tue für sie ... Und du , Pavel « , unterbrach sie sich , faßte ihn an beiden Schultern und fragte : » Was tust du für unsere Mutter ? « » Ich ? « lautete seine Antwort , » - ich tu halt nichts . « » Ach geh ! du wirst schon etwas tun ... « » Was soll ich tun ? - ich weiß nicht was . « » So sag ich dir ' s ! - Du sollst dran denken , was die Mutter anfangen wird , wenn sie heimkehrt : Wohin soll sie gehen , wo soll sie wohnen , die arme Mutter ? « Und nun kam Milada mit einem ganz fertigen Plan , der darin bestand , daß Pavel einen Grund kaufen und für die Mutter ein Haus bauen müsse . Er ärgerte sich : » Wie soll denn ich ein Haus bauen ? Ich hab ja kein Geld . « » Aber ich habe ! « rief das Kind . » Wart , ich bring dir ' s ... bleib ruhig sitzen und wart . « Eilends flog sie davon ; lange jedoch dauerte es , eh sie wiederkam . Die Pförtnerin folgte ihr und hielt einen Gegenstand , den Milada in der Hand trug , scharf im Auge : » Halt « , sprach die Klosterfrau , » was wollen Sie damit tun ? « » Ich schenk es meinem Bruder , ich hab Erlaubnis von der ehrwürdigen Mutter . « Die Pförtnerin betrachtete das Kind mißbilligend , fragte gedehnt : » Wirklich ? « und zog sich langsam mit leise gleitenden Schritten zurück . Milada schwang triumphierend einen gestrickten Beutel , durch dessen weite Maschen es hell und silbern blinkte . Er enthielt ihre Ersparnisse , das von der Frau Baronin erhaltene und gewissenhaft zurückgelegte Wochengeld , im ganzen vierunddreißig Gulden . Daß man damit noch keinen Grund kauft und noch kein Haus baut , leuchtete sogar dem geschäftsunkundigen Pavel ein ; aber es war doch ein Anfang , es war doch ein Eigentum , an das sich die Hoffnung , es zu vergrößern , knüpfen ließ . Die Kinder berieten , wie das geschehen solle , und Milada kam bald darauf , daß ihr Bruder fleißig arbeiten und etwas verdienen müsse . Pavel aber meinte : » Wie soll denn ich etwas verdienen ? Solang ich beim Hirten bin , kann ich nichts verdienen ... Ja ! « rief er - » ja wenn ... « Ein Gedanke war in ihm aufgetaucht , und dieses ungewöhnliche Ereignis versetzte ihn in fieberhafte Erregung - » wenn ich hierbleiben dürft , sie haben ja eine Wirtschaft , die Klosterfrauen ... wenn sie mir etwas zu tun geben möchten in der Wirtschaft ... « » In der Wirtschaft ? « fragte Milada und machte große Augen . » Wenn sie mir einen Dienst gehen möchten « , fuhr er fort , » bei den Ochsen , bei den Pferden , bei den Kühen oder so etwas , daß ich hierbleiben könnt , daß ich nur nicht ins Dorf zurück müßt . « Er faßte ihre Hände und beschwor sie , seine Fürsprecherin bei den Klosterfrauen zu sein . Nachdem seine träge Phantasie einmal begonnen hatte , ihre Schwingen zu entfalten , flog sie beharrlich fort und trug ihn immer höher empor . Ein so ausgezeichneter Knecht wollte er werden , daß die Beförderung zum Aufseher und dann zum Meier nicht lange auf sich warten lassen könnte . Von dem Geld , das er verdiente , wollte er daheim im Dorf ein Haus für die Mutter bauen . Die sollte nur dort wohnen , er blieb in der Nähe seiner Schwester , und wie er sie heute sah und sprach , so würde er sie dann sehr oft sehen und sprechen , und wenn das sein könnte , dann wäre er glücklich , wäre brav , aus wäre es mit der Schlechtigkeit , mit der Dieberei , aus mit der - Pavel ballte die Faust gegen ein unsichtbares Wesen : mit der Vinska , wollte er sagen , doch überkam es ihn , als dürfe er den Namen in Gegenwart seiner Schwester nicht aussprechen . Das Kind schmiegte sich an ihn , machte keine Einwendung , hörte seiner Erzählung wie der des schönsten Märchens zu und setzte manchmal noch ein Licht auf in dem freundlichen Bilde , das er entwarf . » Ja , du wirst der Meier sein und ich die Heilige ! « hatte die Kleine eben freudig ausgerufen ... da ertönte laut und lange fortgesetzt , aus der Ferne erst , dann näher und näher der Schall einer Glocke . Milada seufzte tief auf . » Das Zeichen « , sagte sie . » Was für ein Zeichen ? « » Daß du fortgehen mußt . « » Ich geh aber nicht ! Du hast ja selbst gesagt , daß ich hierbleiben kann « , rief Pavel , und die Kleine erwiderte bestürzt : » Was fällt dir ein ? Ich darf so etwas nicht sagen . « Nun begann es dicht vor der Tür zu schellen , sie wurde geöffnet , die Pförtnerin ließ sich blicken , sprach nicht , setzte aber die Glocke , die sie in der Hand hielt , immer heftiger in Bewegung . Zugleich erschien eiligen Schrittes Schwester Philippine und rief Pavel zu : » Die Sprechstunde ist aus , höchste Zeit , empfiehl dich , vorwärts , vorwärts ! « Er gab keine Antwort und gehorchte auch nicht . Die Klosterdienerin wiederholte ihre Mahnung ; Pavel aber , den Kopf gesenkt , mit den Fingern einer Hand die der andern pressend und zerrend , blieb auf seinem Sessel sitzen . Die Pförtnerin rief eine zweite Laienschwester herbei , gab auch ihr Befehl , den zudringlichen Burschen fortzuschaffen , und winkte Milada , das Zimmer zu verlassen . Die Kleine zögerte . Da kam die Nonne auf sie zu und ergriff sie beim Arme : » Sie gehen hinauf in die Klasse « , sprach sie , mit äußerstem Bemühen , das Beben ihrer Stimme zu verbergen und den schüchternen Widerstand des Kindes mit Sanftmut zu besiegen . Doch funkelte Unwillen aus ihren dunklen Augen , und die leisen Worte , die sie dem Klosterzögling zuflüsterte , schienen , nach dem Eindruck , den sie hervorbrachten , zu schließen , nicht eben gütige zu sein . Die Kleine lauschte ihnen mit gespannter , angstvoller Aufmerksamkeit , rief plötzlich : » Leb wohl , Pavel ! leb wohl ! « und eilte hinweg . Da sprang er auf , stieß die Laienschwestern , die ihn festhalten wollten , zur Seite und stürmte Milada in die Halle nach . » Bleib ! « schrie er- » hast du vergessen , was wir tun wollen , was geschehen muß ? Bleib da und sag ' s den Klosterfrauen ! « Er wurde immer ungebärdiger und bedrohte die Dienerinnen , die sich anschickten , ihn mit Gewalt fortzuschaffen . Die friedliche Klosterhalle stand in Gefahr , der Schauplatz eines kleinen Handgemenges zu werden , als die aus dem Garten hereinführende Tür geöffnet wurde und einem langen Zuge von Nonnen Einlaß gewährte , an dessen Spitze die Oberin zwischen den zwei nächsten Würdenträgerinnen schritt . Ein mildes Lächeln auf dem schönen Gesichte , die großen klaren Augen mit dem Ausdruck leisen Staunens auf die erregte Pförtnerin gerichtet , kam sie bis zum Eingange des Sprechzimmers und blieb vor demselben stehen . Die Pförtnerin war plötzlich wie versteinert , die Laienschwestern knixten bis zur Hälfte ihrer natürlichen Größe zusammen , Milada neigte sich in tiefer Verbeugung , lehnte das Köpfchen auf die Schulter , errötete und erbleichte . » Was gibt es denn ? was geschieht hier ? « fragte die Oberin , und so wohl dem Auge der Anblick ihrer edlen Züge , so wohl tat dem Ohr der reine Metallklang ihrer Stimme : » Warum ist unsere kleine Maria noch nicht in die Klasse zurückgekehrt ? « Die Pförtnerin gab eine etwas verworrene Erklärung dessen , was sich eben zugetragen ; sie schonte dabei Pavels nicht , und die hohe Vorgesetzte hörte ihr zu , mit nicht mehr Ungeduld , als ein Engel hätte verraten dürfen , und ließ mit der Teilnahme eines solchen ihren Blick auf dem verklagten Übeltäter ruhen . » Mit den Klosterfrauen willst du sprechen ? « sagte sie zu ihm ; » so sprich , mein Kind , da sind die Klosterfrauen . « Pavel erbebte vor Entzücken und Hoffnungsfreudigkeit bei diesen gütigen Worten ; aber zu tun , wie sie ihn geheißen , vermochte er nicht . Zagend blinzelte er zu der Ehrwürdigen empor , die vor ihm stand , so licht und hehr in ihren dunklen Gewändern . Ihm war , als hätte er in das Antlitz der Heiligen Jungfrau geschaut ... und als sein Blick im Niedergleiten ihre Hände streifte , da meinte er zwischen den schlanken , über dem Gürtel gefalteten Fingern den Schlüssel zum Himmel blinken zu sehen ... Wie gepackt und niedergeworfen von einer gewaltigen Faust lag er mit einemmal auf seinen Knien , und seine Lippen murmelten leise und inbrünstig : » Erlösen ! Erlösen ! « Im nächsten Augenblick kniete seine Schwester neben ihm und begann auch zu rufen , nur lauter , nur kühner als er : » Erlösen ! ... Erlösen ! ... Ehrwürdige Mutter , erlösen Sie ihn ! « Die Angeflehte machte eine Bewegung der Abwehr . Sie reichte Milada beide Hände , zog sie in die Höhe und sprach : » Ich weiß nicht , was ihr wollt , und so bittet man nicht . Auch du , Bursche , steh auf und sage vernünftig , was du zu sagen hast . « Pavel erhob sich sogleich ; seine Wangen glühten braunrot , Schweißtropfen perlten an den Wurzeln seiner Haare ; er wollte sprechen , brachte aber nur ein heiseres und undeutliches Gemurmel hervor . » Sprich du für ihn , was will er ? « wandte die Oberin sich an Milada . » Er möchte so gern hierbleiben « , erwiderte das Kind bewegt und kleinlaut ; » er möchte ein Knecht sein bei den Kühen oder bei den Pferden . « Die Ehrwürdige lächelte , und ihr Gefolge , die großen und die kleinen Nonnen , die breiten und die schmalen , die freundlichen und die strengen lächelten gleichfalls . » Wie kommt er auf den Gedanken ? hat ihn jemand hergewiesen ? ... Fräulein Ökonomin , ist eine Stelle frei in der Wirtschaft ? « » Keine « , antwortete die Angeredete . Pavel bildete sich ein , zwischen den beiden Frauen sei es hin- und hergeflogen wie ein Blick stillen Einverständnisses , als die Oberin von neuem gefragt : » Vielleicht denke aber der Meier daran , einen der Knechte zu entlassen ? Der Bursche kann früher davon gehört haben als wir ; wäre das nicht möglich ? « » Nein . Ich weiß ganz bestimmt , daß der Meier nicht daran denkt , einen Knecht zu entlassen . « » So - so « , versetzte die Oberin ; » nun denn , mein Kind , da ist nichts zu tun , da waren diejenigen , die dich zu uns geschickt haben , falsch berichtet . Geh denn heim , mein Kind , geh mit Gott , und du , kleine Maria , in die Klasse ! - in die Klasse ! « Sie wollte sich abwenden und ihren Weg weiterverfolgen . Pavel warf sich ihr entgegen ; ehrfurchtsvolle Scheu hatte bisher seine Zunge gebunden , die Angst der Verzweiflung löste sie . » Um Gottes willen , gütige , gebenedeite Klosterfrau « , rief er und faßte die Oberin am Kleide , » um Gottes willen , behalten Sie mich ! Schicken Sie mich nicht ins Dorf zurück ... Meine Milada sagt , daß ich brav werden soll , im Dorf kann ich nicht brav werden ... Hier will ich ' s sein , behalten Sie mich hier ... Im Dorfe bin ich ein Dieb und muß ein Dieb sein ... « » Kind , Kind , was sprichst du ? « entgegnete die Ehrwürdige ; » niemand muß ein Dieb sein , jeder Mensch kann sich sein Brot redlich verdienen . « » Ich nicht ! « schrie Pavel und wehrte sich mit allen Kräften gegen zwei Nonnen , die vorgetreten waren und das Gewand der Oberin aus seinen Händen zu lösen suchten , » ich nicht ! ... Was ich verdiene , nimmt der Virgil und versauft ' s , und ich muß auch seine ganze Arbeit tun und bekomme nichts ... Die Gemeinde sollte mir Kleider geben und gibt mir nichts ... und wenn die Virgilova hingeht und sagt : Der Bub hat kein Hemd , der Bub hat keine Jacke , sagen sie : Und wir haben kein Geld ... aber wenn sie auf die Jagd gehen wollen und ins Wirtshaus , dann haben sie immer Geld genug ... « Ungläubig schüttelte die Oberin den Kopf und machte Einwände , die Pavel widerlegte . Der wortkarge Junge sprach sich in eine wahre , derb zutreffende Beredsamkeit hinein . Was er vorbrachte , war nicht die Frucht langen Nachdenkens ; die Erkenntnis seines ganzen Elends kam ihm zugleich mit derjenigen , daß es eine Rettung gehen könne aus diesem Elend , und jede neue Anklage gegen seine schlechte Adoptivmutter , die Gemeinde , und jeden neuen Ausbruch der Entrüstung und des Jammers schloß er mit dem leidenschaftlichen Beschwören : » Behalten Sie mich ! Schicken Sie mich nicht ins Dorf zurück ! « Allein - ob seine Augen sich angst- oder hoffnungsvoll auf die hohe Frau richteten , welcher er die Macht zuschrieb , sein trostloses Schicksal in ein glückliches zu verwandeln , immer begegneten sie demselben Ausdruck sanfter Unerbittlichkeit . Und wie sie vor sich hinblickte , unendlich fromm , unendlich teilnahmslos , so tat ihr ganzes Gefolge , und der schwer begreifende Pavel begriff endlich , daß er umsonst gebeten hatte . » Geh , mein Kind « , sprach die Oberin , » geh mit Gott und bedenke , wo immer du wandelst , wandelst du unter seinen Augen und unter seinem Schutz . Und wenn er mit uns ist , was vermögen die Menschen wider uns ? Was vermag ihr böses Beispiel und was die Versuchung , in welche ihr böses Beispiel uns führt ? Geh getrost , mein Kind , und der Herr geleite dich . « Sie gab der Pförtnerin einen Wink ; diese eilte , die Tür der Halle zu öffnen . Stumm , ohne Gruß schritt Pavel dem Ausgang entgegen . Da ertönte plötzlich ein durchdringender Schrei . Milada , die bisher regungslos dagestanden , ohne den Blick , ohne das ein wenig heuchlerisch zur Seite geneigte Köpfchen auch nur einmal zu erheben , rannte ihrem Bruder nach : » Warte , ich geh mit dir ! « rief sie , hing sich an seinen Hals , küßte ihn und schluchzte : » Armer Pavel ! Armer Pavel ! « Ganz außer sich schlug sie mit den kleinen Fäusten nach den Nonnen , die an sie herantraten und sie in sanft beschwichtigender Weise zur Ruhe ermahnten . Sie keuchte , sie wimmerte : » Lassen Sie mich ! Ich will mit ihm gehen , weil er arm ist , weil er ein Dieb ist ... Sehen Sie ! sehen Sie ! er hat Lumpen , er hat nichts zu essen , ich will auch Lumpen haben , ich will auch nichts zu essen haben , ich will nicht eine Heilige sein und in den Himmel kommen , wenn er in die Hölle kommt ! « Sie schrie , als ob sie sich mit Gewalt die Brust zersprengen wollte , und er , kämpfend zwischen seiner Bestürzung über die Heftigkeit und seiner Freude über diese unerwartete Äußerung ihrer Liebe , starrte sie an , beschämt , beglückt - und völlig ratlos und rührte sich nicht , als die Klosterfrauen einen dichten Kreis um ihn und Milada schlossen , die Arme der Kleinen von seinem Nacken lösten und sie , festgehalten an Händen und Füßen , emporhoben . Es geschah mit größter Schonung , ohne das geringste Zeichen von Ungeduld ; ein tiefes Leid , ein inniges Bedauern war alles , was sich in den Mienen der frommen Frauen aussprach , als ihr Zögling auch jetzt noch seinen Widerstand fortsetzte . » Pavel ! « kreischte das Kind , » Pavel , reiß mich los ! ... Gehen wir fort , weit weg ... gehen wir zusammen in die Arbeit , in den Ziegelschlag wie früher , wie damals , wo wir klein waren ... ich will achtgeben auf dich , daß du kein Dieb mehr bist ... Reiß mich los ! ...