invalide Offizier , der invalide Mensch ist etwas Schreckliches . « » Top ! Ich werde mein Möglichstes thun . « » Ach , das haben Sie schon oft gesagt ... Und dann ... Und wegen dem Ludwig sollten Sie sich doch endlich an den König wenden , damit er wieder ins Vaterland zurück darf . Der arme Mensch verkommt in der Fremde ... In diesem rohen Amerika ... « » Brigitta ! ! Heute kein Wort mehr von diesem Unglücksmenschen , diesem Deserteur ... Und an den König ! Bist Du verrückt ? Wie kann ich an den hohen Einsiedler kommen ? Der sitzt auf seiner Alpenburg wie ein olympischer Gott , den keinerlei irdisches Leid rührt ; denn er hat genug mit sich selbst zu thun . Die Götter müssen sich auch um ihre Existenz wehren - das ist der tragische Spaß der Weltgeschichte . Sehe jeder , wie er ' s treibe , und wer steht , daß er nicht falle ! « » Wenn wir ihm nicht helfen ... « Die Alte schwieg , fast erschreckt , als sie seine strenge Miene sah und seine Stimme rauh und heiser klang . Aber nach einigen Sekunden lächelte Drillinger wieder , und seinen Schnurrbart streichend : » Dir zu Liebe will ich mir sogar einmal das Unerhörteste überlegen . Der Minister haßt mich zwar , ich weiß nicht warum , ich hab ' dem guten Mann nie etwas gethan . Ist heute übrigens auch gar nicht nötig , daß man etwas positiv Unrechtes thue , um nach oben in Mißkredit zu kommen . Es genügt schon , wenn man nicht in das allgemeine Horn tutet ; man verlangt noch Uniformität der Gesinnung und des Gehabens , selbst wenn man die Uniform ausgezogen hat . Man haßt die eigenartigen Köpfe - und behandelt sie verächtlich . Meinetwegen . Vielleicht entdecke ich doch einen Mittelsmann . Erlaubt Dein Befinden , daß ich mich jetzt zurückziehe ? « Die Alte nickte und reichte ihm die Hand . » Danke . « » Auf Wiedersehen zu Mittag . Laß inzwischen mein Täubchen für Dich braten und laß Dir ' s recht gut schmecken . Mir ist der Hunger vergangen . Im Notfall esse ich unterwegs einen Bissen . Hörst Du , wie frisch und fröhlich die Isar rauscht ? Auf Wiedersehen ! Ich bin bald wieder zurück , spätestens gegen Eins . Ich habe einige notwendige Gänge . « Schmerzversunken , rührte sich die alte Brigitta lange nicht von der Stelle . Das Sonnenlicht fiel wärmend auf ihren greisen , müden Leib . » Nein , nicht länger so hinbrüten , « dachte sie , als sie von draußen plötzlich die Stimme ihres Herrn vernahm , wie er , was allerdings selten genug geschah , das Dienstmädchen ausschalt . » Ich muß an die Wirtschaft . Wie der Psalmist sagt : Unser Leben währt siebzig Jahre und wenn es hoch kommt , sind es achtzig Jahre , und wenn es köstlich gewesen , ist es Mühe und Arbeit gewesen . Ja , eitel Mühe und Arbeit und Sorge ohn ' Unterlaß . « Als es aber draußen im Gang wieder stille geworden war und nichts als das eintönige Rauschen der Isar mit der lauen Frühlingsluft in die Stube drang , da rückte sich Brigitta das Kissen zurecht und wollte sich noch kurze Rast gönnen nach den bösen Stunden . Sie legte den Kopf auf die Lehne zurück und erhob ihre Augen nach oben . » Ja , Herr Gott , wenn es Zeit ist , dann laß Deine Dienerin in Frieden fahren - sie vermag wenig mehr zu richten in dieser Welt . « Dann schweiften ihre Augen an den Wänden . Dort hingen auf den dunkel gemusterten olivengrünen Tapeten eine Reihe von alten Kupferstichen in schwarzen Holzrahmen , Städtebilder , zur Erinnerung an liebe Orte , die einst im Leben der Drillingerschen Familie eine Rolle gespielt . Aus freundlicher Aufmerksamkeit für Brigitta hatte ihr Herr auch einige schweizer Landschaften dazwischen gehängt , auch eine Abbildung der Stadt Basel , wo Brigitta bei entfernten Verwandten einen Teil ihrer Jugend verlebt und den guten Grund zu ihrer Erziehung und ihrer fast protestantisch strengen Lebensauffassung gelegt . Auf einer Schweizerreise war es auch gewesen , wo sich ihre ersten Beziehungen zur Drillingerschen Familie anknüpften . Herr Dr. Karl v. Drillinger , Professor in München , hatte eine Schulfreundin Brigittas kennen und lieben gelernt und später zu seinem ehelichen Weibe genommen . Die erste Wiederbegegnung Brigittas mit der Baronin v. Drillinger hatte erst stattgefunden , als Ludwig und Max bereits halbwüchsige Buben waren und ihr nachgeborenes Schwesterchen Amalie , dem ein früh entwickeltes Lungenleiden schon im achtzehnten Jahre den Tod brachte , die Aufnahme einer Erzieherin wünschenswert machte . So war Brigitta als Gouvernante und Stütze ihrer gleichfalls kränkelnden und den Beschwernissen des Ehelebens nicht gewachsenen Freundin Helene in das Drillingsche Haus gekommen . Wie lange war das alles her ! Und doch dieser Schattentanz der Erinnerung , als wäre es gestern erst geschehen ! Und auch von dem alten Familienhause in der Vorstadt ist kein Stein mehr auf dem andern ... Freilich , wie dankbar war damals Brigitta der Fügung , die sie in dieser Familie ein sicheres Asyl und eine festumgrenzte Lebensarbeit finden ließ ! Und so fest schlug ihr Dasein hier Wurzeln und so gesegnet war ihr Wirken , daß nach Helenens Tod Herr Dr. Karl v. Drillinger der seitherigen treuen Stütze der Hausfrau die Hand zum ehelichen Bunde bot . Aber nach tiefer Gewissenserforschung mußte sie ablehnend antworten : es genüge ihr Rang und Pflicht der Wirtschafterin - - Im Grunde ihrer Seele war ' s freilich kein allzu schwerer Verzicht . Ihrer still ehrlichen Natur widerstrebte es , anders als in geräuschloser , nach außen unbeachteter und der gesellschaftlichen Kritik und Bosheit entrückter Weise diesem Hause zu dienen , nachdem über ihre eigene Familie Heimsuchung über Heimsuchung gekommen war . Drillingers Haus war ihr jetzt ein Refugium geworden - und es wäre ihr als eine Entweihung erschienen , hätte sie ' s in ein weiches Nest der Liebe verwandelt . Als später der Sturm des Lebens ihre viel jüngere Schwester Afra erfaßt und in die Irrnis der Sünde gewirbelt , wo sie verschollen seit einem sensationellen Skandalprozeß - und als gar die andere Schwester , die arme Magdalena , infolge eines geheimnisvollen , bis heute nicht entschleierten Verbrechens , welches ein namenloser Wüstling an ihr begangen , das Licht der Vernunft verlor : da segnete Brigitta ihren einstigen Entschluß des jungfräulichen Alleinbleibens in hingebender Arbeit für das Wohl anderer und dankte Gott , daß sie den bittersüßen Kelch begehrlicher Mannesliebe nicht getrunken . Das Haus Drillingers , im Garten , draußen in der einsamen Isargegend , war ihr damals wie ein wohlverwahrter Taubenschlag : da konnten keine Geier herein ... Überkam es aber später ihr Herz doch manchmal wie ein Bedauern , dem Werben des Witwers , der wenige Jahre hernach ganz eigentümlich rasch und plötzlich aus dem Leben geschieden , sich so schroff verschlossen zu haben , so brauchte sie sich nur einen gewissen unbeschreiblichen , wie Höllenglut sengenden und verzehrenden Blick ins Gedächtnis zurückzurufen , mit dem Herr v. Drillinger sie einmal in der Dämmerstunde am Krankenbette seiner Frau angesehen . Nein , nein , nein ! An seinem Liebesbegehr haftete zu viel sündhafte Lust und mörderisch Dämonisches ... O , jener verräterische Blick , der wie eine feurige Schlange ihren jungfräulichen Leib umzüngelte , während sein Weib nebenan mit den Schrecken des Todes rang ! Wie viel rätselhaft Unheimliches barg doch auch diese Mannesbrust ... Von ihrer unglücklichen Schwester bekam sie einmal , als die Fittiche der Schwermut und des Wahnsinns sich schon dicht über die Seele gelegt hatten und auch der Baron längst zu seiner Gattin ins Totenreich hinabgesunken war , die düstern Worte zugeraunt : » Trau ' nicht , Brigitta ! Keine , die in seiner Gewalt gewesen , hat je wieder gelacht ; sie meidet die Menschen und wird gemieden ; von ihrem Leben weiß sie nichts mehr und ein ewiger Schmerz zerfrißt ihr Erinnern . « Ohne Vorwurf durfte die Greisin auf ihre Vergangenheit zurückblicken in lückenlosem Denken ; sie hatte wie durch höhere Gnade ihr Einziges und Höchstes , das Glück und den Ruhm ihrer Reinheit , durch alle Anfechtungen des wechselreichen , heimtückischen Lebens bewahrt . Ja , das Leben ist voller Heimtücke , die Welt voll verderblicher Hintergründe .... Als das Drillingersche Haus seines Hauptes beraubt war , führte Brigitta ganz allein mit einem alten Diener die Wirtschaft . Ludwig v. Drillinger hatte nach Vollendung seiner Studien zunächst ein Lehramt an der polytechnischen Hochschule in München übernommen . Zwar ein herzensguter Mensch , war doch ein schweres Auskommen mit ihm , seiner radikalen Gesinnungen und seines jähen Charakters wegen . Er hatte den Lehrstand plötzlich satt , als er mit einem Vorgesetzten in wichtigen Fragen in Zwiespalt geraten war - und lief dem Wehrstande davon , als er eine Disziplinar-Untersuchung gegen sich im Werke sah . Waren das schreckliche Tage voller Aufregung ! Max hatte als Artillerie-Offizier den großen Feldzug zwar mit Glück überstanden , allein seine frühe Außerdienstsetzung hatte ihn verbittert und in allerlei soziale Fährnisse gebracht . Die Ruhe war dahin ... Jetzt weilte ihr Blick auf dem Bilde der Stadt Basel . Dort rauschte der grüne Rhein wie hier die grüne Isar . Da war sie einst mit Helene durch die alten Gassen gewandert . Plötzlich standen sie vor dem prächtigen Portal des altersgrauen Münsters . Sinnend verfolgten sie die Einzelheiten in dem reichen Bildhauerschmuck . Eine beinahe unscheinbare Figur in dem reichen Schnörkelwerk , die sie lange unbeachtet gelassen , hatte schließlich ihre Aufmerksamkeit aufs stärkste gefesselt . Sieh nur , wie merkwürdig , - Brigitta stieß dabei die Freundin an - diese Gestalt : ein üppiges Weib mit schwellendem Busen , stolzem Nacken und schön gebildetem Haupte , aber der Rücken - o wie häßlich ! - mit Schlangen , Nattern und Kröten behangen , mit Beulen und Geschwüren bedeckt . Eine Allegorie , bemerkte Helene . Gewiß , aber was bedeutet sie ? Und Helene nach einigem Besinnen : Ich hab ' davon gelesen - das ist Frau Welt , die mit all ' ihrem Schönheitszauber ihre Häßlichkeit und Krankheit doch nicht zu verbergen vermag . Ein garstig Bild , das gewiß kein Glücklicher erfunden . Uns soll ' s nicht schrecken ... Die kluge , mutige Helene ! Ja , Frau Welt , ein garstig Bild .... Helene sieht und hört schon lange nichts mehr davon ... Langsam erhob sich die greise Träumerin und prüfte vorsichtig ihre Beine , ob sie nach dem langen Sitzen nicht noch schwächer geworden - und bedächtig setzte sie einen Fuß vor den andern und schlich zur Stube hinaus . » Der gnädige Herr ist soeben ausgegangen , « meldete das Mädchen in der Küche , mit blutbefleckten Fingern eine Taube rupfend . » O , der war bös heute , der hat mich ausgezankt ! Ich hätte die arme Taube geschunden , sagte er . Es ist doch nicht meine Schuld , wenn das dumme Vieh mit zwei Stichen durch den Kopf noch nicht hin werden will ? Sie flatterte noch , da hab ' ich ihr den Kragen umgedreht .... « Brigitta winkte der Schwätzerin ab . Wie sehr war ihr heute die blecherne , gemeine Stimme zuwider ! Aber das Klapperwerk Resl ' s ließ sich nicht so leicht stille stellen . » Der gnädige Herr hat vorhin auch noch eine Depesche erhalten . Vielleicht war die nicht nach seinem Geschmack . Überhaupt .... « » Was überhaupt ? « » Überhaupt , ich mein ' nur so , man weiß oft gar nicht , wie man mit den vornehmen Herren daran ist . Die sind so wetterwendisch . Besonders aber der Herr Baron .... « Jetzt unterbrach sie sich , warf die gerupfte Taube auf den Tisch , öffnete mit scharfem Schnitt den Bauch und griff mit den blutigen Fingern hinein , das Eingeweide herauszureißen . Dabei schwatzte sie fort : » Man weiß niemals , was der im Kopf hat . Da geht alles durcheinander . Einmal ist er so freundlich , daß man sich ordentlich scheniert , dann wieder .... « Sie hielt das zerschlitzte Tier unter den Wasserhahn , um es auszuspülen . » Dann wieder sieht er einen so zornig und mit so funkelnden Augen an , daß man sich vor ihm fürchtet . « » Du hast ja die Taube nicht flammiert ! « » Jesses , ja , das hätt ' ich jetzt schier vergessen . G ' schwind abtrocknen und über die Spiritusflamme damit ! So , jetzt sehen Sie , Fräulein , wie das fein wird ; kein Härchen mehr dran . Ein wunderschönes Tier , so zart . Aber ich hab ' auch zwanzig Pfennig mehr dafür zahlen müssen , sonst hätt ' ich ' s nicht kriegt . Die guten Sachen werden jeden Tag teurer , je mehr davon auf den Markt kommt . Gleich zwanzig Pfennig teurer - woher kommt denn das ? « » Vielleicht von der Ehrlichkeit der Dienstboten , Schwätzerin . « » Ja , die Dienstboten müssen ' s immer büßen . Denen schiebt man alles in die Schuhe . Wie vorhin . Der gnädige Herr bekommt eine schlechte Depesche und die Köchin bekommt dafür ein böses Gesicht . « » Schweig ' ! « Brigitta hatte sich auf einen Stuhl niedergelassen . Sie fühlte sich zu unkräftig , selbst mit Hand anzulegen , so wollte sie wenigstens die Hantierung der Köchin überwachen . Die Wärme that ihr wohl , die dem knisternden Herdfeuer entströmte und die Küchenluft mit dem lieblichen Duft harzreichen Tannenholzes durchzog . Aber das Wetter hatte sich wieder verdüstert und drückte den Rauch durch den Schlot zurück . Brigitta rieb sich die Augen , hüstelte und jammerte still vor sich hin . Jetzt jagte Resl die Flammen mit dem Blasebalg auf , daß die Funken stoben und der Rauch in grauen Wolken aufflog . » Mach ' s ordentlich , Du weißt schon , « stieß die alte Wirtschafterin keuchend heraus und verließ mühsamen Schritts die Küche . » Weiß schon , - ist kein Kunststück , « machte Resl mit höhnischer Fratze und salutierte hinter dem Rücken der Abgehenden mit dem Blasebalg . » Rechtsum oder linksum , gleichviel , die alte Hex ' treibt ' s nimmer lang - und dann werden wir mit dem schönen Herrn Baron wirtschaften , daß es eine Art hat . Ist zum lachen - ich fürcht ' mich nicht vor seinen Mucken . Ich kenn ' die Sorte schon . Hätscheln und tätscheln hilft immer , und das kann unser eins auch . « Sie zog einen kleinen Handspiegel mit halbem Glas aus der Geschirrschrank-Schublade und betrachtete sich wohlgefällig , zog die Lippen rund und kraus , schob die Zunge vor und zurück - und warf dann den Spiegel wieder an seinen Ort . » Und der schöne Herr Baron mag ' s gewiß recht gern , das Hätscheln und Tätscheln ; da wird ' s ihm wohl von einer Jungen noch lieber sein , als von einer Alten . « Sie brach in ein freches Lachen aus . » Hätt ' ich nur die Alte vom Hals , diese Aufpasserin und G ' schaftelhuberin , die Filzerin , die eine Laus um den Balg schindet und immer verhungern will . Jesses , der möcht ' ich doch gleich in die Suppe spucken . Eine solche Hungerleiderin ! « Mit raschem Griff faßte sie einen Wurststrang , schnitt ein Stück ab und ließ es in einer Schachtel , die ihre gestohlenen Vorräte barg , verschwinden . » Für den Hans ! Das heißt , so lang ' ich ihn noch mag - und noch nicht zur Baronin avangsiert bin . Ich wollt ' s erraten , was ihm in der Depesche so ins Geweih gestiegen ist . Ein Tächtelmächtel , ein verunglücktes Liebesabenteuer . Da geht ' s immer gleich per Telegraph , da pressiert ' s ! Bei mir könnt ' er ' s so gut haben . « Indem sie mit dem Finger von dem Apfel-Kompot naschte , das sie auf einer Schale zurichtete : » Sehr fein ist ' s. Das hat der Franzl immer so gern mögen , wenn er von Tölz heruntergekommen ist . Jetzt geht die Flößerei auf der Isar bald wieder an ; dann kommt er gewiß wieder mit seinen langen Wasserstiefeln und läßt mir keine Ruh .... O die Mannsbilder - und lauter Schleckermäuler sind ' s. Jesses , jetzt ist mir vor lauter Gedanken gar die Soss ' ( Sauce ) anbrennt .... « 4. Eins der Kontore des Bankiers Weiler lag in einer schmutzigen Seitenstraße des Viktualienmarktes , die erst kürzlich auf den Namen des berühmten patriotischen Schnapsfabrikanten Schienenschneider umgetauft worden war , - im sogenannten Isarwinkel . » Die fleißige Umtaufe der Straßen , Gassen und Plätze der bayrischen Residenz ist vermutlich deshalb eine der liebsten Beschäftigungen der Stadtväter von Isar-Athen , weil man dabei so viel patriotischen Geist und Geschichtssinn entwickeln kann , « hatte der Bankier bei dem letzten Besuche des Barons auf dessen kritische Bemerkung erwidert . Augenblicklich war dieser jedoch nicht in der Stimmung , die Stadtväter oder andere nützliche Mitgeschöpfe zu kritisieren .... » Was nur die Depesche des Bankiers bedeuten mag ? Sollte dieser Tag lauter Unangenehmes bringen ? « Herr Weiler befand sich gerade auf der Börse . Sein Buchhalter war an den Fernsprechapparat getreten , dem Chef den Besuch des Herrn Barons zu melden . » In spätestens zehn Minuten stehe zur Verfügung , « telephonierte prompt der Börsenmann zurück . Max von Drillinger war in die Hinterstube getreten . » Wünscht der Herr Baron inzwischen vielleicht die Neuesten Nachrichten oder die Frankfurter Zeitung zu lesen ? « fragte der Kommis mit fadem Lächeln , indem er einige Zeitungsblätter auf den Tisch legte . Ohne eine Antwort von dem alten Bekannten des Chefs zu erwarten , schlich er katzbuckelnd wieder an seinen Platz zurück . Drillinger ließ die Blätter unbeachtet . Er fand es zwar nichts weniger als behaglich in dem dunklen , dumpfen Raum mit dem abgetretenen grünen Teppich auf dem schiefen Boden , den Eisenbahnkarten , Stadtplänen , Verlosungskalendern und Kurszetteln an den Wänden - allein das Geräusch und Gedränge der Straße war ihm noch widerwärtiger . Also wollte er lieber hier warten . So warf er sich denn in das klebrige schwarze Ledersofa und ließ seinen Blick bald durch das vergitterte einzige Fenster schweifen , welches auf das alte , winkelige Hebammengäßchen hinauswies , bald durch die halboffene Thür in das eigentliche Kontor , welches gerade knappen Raum bot für den Geldschrank , zwei Schreibpulte und den langen schmalen Zahltisch mit dem Schalter für die Kundschaft . Die beiden Kontoristen saßen stumm über ihre Bücher gebeugt ; automatenhaft trugen sie ihre Ziffern und Vermerke ein . Man hörte ein krabbeliges Stahlfederngeräusch - und dann entstand wieder eine kleine Pause , welche der jüngere Kontorautomat durch eine knarzende Bewegung auf seinem Schreibbock ausfüllte . Drillinger mußte der Zeit gedenken , wo er sich mit dem jahrelangen Versuch abquälte , sich in der Buchhalterei der Malzfabrik zu Pasing zu einem ähnlichen Kontorautomaten umzubilden . Der steinalte und steinreiche Protz Kesselberger , ein Freund seines Vaters und stärkster Aktionär der Gesellschaft , hatte ihm die Stelle vermittelt und goldene Berge versprochen . Er wollte ihn protegieren , von Stufe zu Stufe höher bringen - bis an die Spitze des Unternehmens ! » Die Industrie , das ist das gelobte Land , « pflegte er zu sagen ; » Intelligenz und vornehmer Name müssen sich mit dem Großkapital alliieren ! « Freilich dachte dabei der alte Gauner zunächst an eine Allianz seiner erschrecklich häßlichen , aber mannstollen Tochter mit dem schmucken , trotz seiner Invalidität strammen Offizier . Max v. Drillinger dachte aber an die Summen , die er der Erhaltung des wenigstens scheinguten Namens seines Bruders Ludwig geopfert , der damals schon durch seine Exzesse und seine ersten sozialdemokratischen Maulaufreißereien die Drillingersche Familie arg bloßgestellt hatte . Was hatte ihm dieser Thunichtgut nicht für Verlegenheiten bereitet , die er niemand anvertrauen mochte , in ihrem ganzen Umfang nicht einmal der treuen Brigitta ! So griff er nach der Hand des berechnenden Protzen Kesselberger und rollte Tag für Tag mit der Eisenbahn nach Pasing hinaus auf das Fabrikbüreau . Da machte das Schicksal einen Strich durch die Rechnung des Besitzers der erschrecklich häßlichen , mannstollen Tochter : Kunigunde brannte mit dem Kutscher durch - und Max v. Drillinger blieb ohne fernere Protektion auf seinem inferioren Posten sitzen , ohne zunächst eine Ahnung zu haben , was ihm eigentlich die Gunst des Alten so schnell verscherzt haben könnte ... Das war nun eine von den regelmäßigen Beschäftigungen , wie sie der guten Brigitta als Ideal für einen Hauptmann a.D. vorschwebten - das war der regelmäßige Erwerb , welcher die Fettaugen auf die magere Pensionssuppe liefern sollte ! Ein bitteres Lächeln huschte über die Züge Drillingers , als er sich jetzt wieder als Kontorknecht in Pasing sitzen sah unter einem Dutzend älterer und jüngerer Geschäftsbeflissener , die von der Pike auf im Handel gedient hatten und bei denen die Anpassung an den Schreibbock-Beruf normal verlaufen war . Die alte Geschichte von dem edlen Renner voll Feuer und Laune und dem eingewöhnten Ackergaul , der geduldig Furche um Furche zieht ! Jeder ist vortrefflich in seiner Weise , aber der eine kann nicht die Aufgabe des andern erfüllen . Und dann : was soll überhaupt ein Leben , das nichts abwirft , als im ewigen Einerlei maschinenmäßiger Arbeit , in Treue und Aufopferung die Möglichkeit etwas besseren Lebensunterhalts ? Wirft denn die bravste Taglöhnerei im Dienste der Millionenhamster jemals so viel ab , daß der Tagelöhner einen nennenswerten Zuwachs an persönlicher Stärke , an Freiheit und Schönheit des Lebens herausschlägt ? Und dafür soll man zum systematischen Märtyrer der Phantasie seiner Lebensführung werden und vom freien Mann hinabsinken , zum Heerdentier ? Dann der andere Versuch : er hatte mit dem Baron Almen eine elegante Monatsschrift herausgegeben , » Die Kunst in der Mode « und für das Beiblatt » Das Boudoir « pikante Plaudereien über das Theater unter einem Pseudonym geschrieben . Die Probenummer erregte Aufsehen . Das versprach eine im edelsten Sinne regelmäßige und nutzbringende Beschäftigung zu werden . Allein nach der vierten Nummer krachte das Geschäft des Verlegers zusammen . Es stellte sich heraus , daß das ganze Betriebskapital des unternehmungslustigen Buchhändlers in einem leeren Kassabuch , tausend Briefbogen mit dem Titel der Zeitschrift und der Verlagsfirma und einem Bündel unbezahlter Rechnungen für Plakate , Reklamen u.s.w. bestand . München war offenbar für ein solches Unternehmen noch nicht reif ... Ein Glück , daß sein Pseudonym gewahrt geblieben ! Mit einem solchen Schwindler gehen ? Lieber den Rest Leben freiwillig auf einmal hinwerfen , als seine bessere Fristung mit dem Opfer persönlicher Würde und unbescholtener Unabhängigkeit zu erkaufen - oder sich als ein Überflüssiger im Wettbewerb der Kräfte zu fühlen ! Das wäre freilich wieder eine jener Gewaltsamkeiten , die wie ein häßlich aufgellender Mißton die Harmonie der Entwickelung zerreißt ..... Und doch , und doch .... Wo sind die alten Menschheitsideale ? Wo ist die alte reine Lebens- und Wirkensfreude ? Was soll der Machtlose in einer Welt , wo alles nur Hast und Drang nach Macht und Genuß ? .... Wohl : der ideallose amerikanische Mensch als das Produkt virtuoser Anpassung an die entgegengesetztesten und geistig ödesten Lebens- und Arbeitsverhältnisse wird auch im alten Europa der Mensch der Zukunft sein ; heute kann man schon in gewissem Sinne den Juden als den Vertreter des Amerikanismus bei uns bezeichnen . Verjudung heißt eigentlich Amerikanisierung .... Drillinger ließ die Gedankenreihe fallen . Eine zufällige Bewegung führte ihm den Duft des parfümirten Briefes in der Brusttasche zur Nase . Das war wohl schon der fünfzigste Brief . Fünfzig Variationen über das nämliche Thema . Fünf Buchstaben . Ein Zungenschlag , ein Hauch . Teufelsweib ! Wäre sie weniger erfinderisch in Variationen gewesen , die Monotonie des Grundmotivs hätte dem Geleier längst allen Reiz genommen . Am besten , man verstopfte sich die Ohren , wie der weise Odysseus , der vielgewanderte , vor dem Singsang der Sirenen .... Vorerst soll wenigstens der Brief unterbrochen bleiben .... Gewiß , jetzt muß ein Ende gemacht werden . Der Ernst der Lebenswende fordert ' s. Brigitta hat Recht . Das soll das letzte Stelldichein sein . Morgen oder übermorgen - das Wiedersehen eilt ja nicht - erfolgt feierliche Lossagung . Sie wird vernünftig sein ; eigentlich sind diese Weiber alle kalt wie une fille de marbre .... Schließlich käme die Geschichte auf und es gäbe noch einen abscheulichen Skandal .... Und die Andere ? .... Ja , diese Andere würde der guten Brigitta ebensowenig in den Kram passen . Überhaupt diese Heirats-Marotte . Als ob sich so etwas übers Knie brechen ließe . Und in den jetzigen schweren Zeitläuften , bei der täglich sich steigernden Kostspieligkeit der Lebensführung einen Hausstand gründen auf der Grundlage einer schmalen Pension und einer problematischen Neigung - wäre das nicht Wahnsinn ? Und die Hingabe der Freiheit um das Linsengericht einer Mitgift ? .... Gut , daß Brigitta nichts von der Andern weiß .... Drillinger machte einen nervösen Ruck - und siehe da , er war an dem lackierten Ledersofa angeklebt , wie der übertölpelte Vogel an der Leimrute . Er fuhr mit der Hand an den Sitzteil .... Mit leisem Knistern löste sich die Hose von der Unterlage .... Wäre er gewaltsam rasch in die Höhe gesprungen , würde das morsche Cheviotzeug hängen geblieben sein - und er hätte eine weiße Fahne unter dem Rock heimtragen können . Darum niemals Gewaltsamkeiten ! Lachend erhob er sich , um vorsichtig sein Taschentuch auf den Sitz zu breiten . An dem vergitterten Fenster gegen die Winkelgasse hasteten die Menschen vorüber , die Köpfe eingezogen , die Rockkrägen aufgeschlagen . Schneegestöber ! Münchener Frühlingswetter - das bekannte meteorologische Potpourri ! Das Fenster lag so hoch , daß man nur die Köpfe sah . Komisches Bild : eine Prozession abgeschnittener Köpfe , die sich da draußen eilig vorbeibewegten im wirbelnden weißen Flockentanz .... Er griff nach den » Neuesten Nachrichten « und blätterte gähnend im umfangreichen Inseratenteil . » Ein Student in den höheren Semestern .... edelmütige , unabhängige Dame .... Vorschuß ewige Dankbarkeit .... spätere Verehelichung nicht ausgeschlossen . « » Ein gut erhaltener Brautkranz , fast neu .... ein Schlafdivan .... ein Papagei .... ein Epheustock preiswürdig zu verkaufen . « » Armes Mädchen .... Notlage .... Rückzahlung nach Übereinkunft . « » Zwei fesche Wienerinnen .... fremd in hiesiger Stadt .... älteren Herrn .... « » Adoptiveltern .... uneheliches Kind ( Mädchen von zwei Jahren ) .... « » Damen in stiller Zurückgezogenheit .... Hebamme .... « » Versetzt .... ausgelöst .... « » Amusement . Feine Dame sucht Herrn zum Vierhändigspielen oder Begleiten auf der Violine . Exped . 169015 . « Drillinger notierte die Ziffer auf seine Manschette . In der Konfusion der Frühe und der Eile des Ausgehens hatte er sein Notizbuch mit dem modischen schwarzen Krokodill-Ledereinband vergessen . » Herren aus besseren Ständen .... Konnexionen in bemittelten Familien .... Agenten .... Heiratsbüreau .... « » Eine Zither .... Trauerkleid .... Maskenanzug .... Kanapee .... billig zu verkaufen . Auenstraße .... « » Komiker gesucht .... « » Reichgefaßte Brillantohrringe .... unter der Hand zu verkaufen . « » Pensionierter Offizier .... Adel .... wirtschaftliche Befähigung .... Vertrauensposten . « » Kleines Darlehen .... alleinstehende junge Dame .... Rückzahlung nach Übereinkunft . « » Hübsches junges weibliches Modell .... « » Schön möbliertes Zimmer bei einer alleinstehenden Dame .... « » Fräulein .... Zimmer mit ungeniertem eigenem Eingang .... « » Zwei distinguirte Herren .... Ausländer .... unabhängige feingebildete Dame .... .... Konversation .... « » Welche gutsituierte ältere Dame wäre gesonnen .... akademisch wie praktisch gebildeten Architekten .... Fortkommen .... « » Junge Witwe .... Abendstunden frei .... Vorleserin .... älteren Herrn .... « Drillinger wollte eben das Blatt beiseite werfen , mit einer Miene , die auszudrücken schien : Himmel , wie langweilig , Tag für Tag die nämlichen zweifelhaften Scherze , inszeniert von der Not , der Genußsucht , der Verworfenheit ! - als sein Blick zufällig auf den feuilletonistischen Teil des Blattes fiel . An Stelle des gewöhnlichen Nachdruck-Sammelsuriums , stand heute ein großer Originalartikel : » Zola ' s neuester Roman . « Nachdem Drillinger einige Abschnitte , worin das deutsche Leben im Vergleich mit dem französischen über den grünen Klee gelobt und Zola wie der letzte Schmierant der schlechtesten Motive bezichtigt war , ärgerlich überflogen hatte , konnte er doch ein Lächeln nicht unterdrücken : » Ja , ja , die Deutschen sind erhaben über die Schmutzereien der Franzosen ; so etwas kommt bei uns gar nicht vor , wir sind die reinsten , ungetrübtesten Tugendspiegel in Lebensgröße , und darum ist auch unsere Litteratur so unschuldig und so schön ; jedermann hat bei uns sein gutes Auskommen , bleibt im Lande und nährt sich redlich ; die Hohen geben den Niedrigen , die Großen den Kleinen unausgesetzt die wunderbarsten Beispiele von Vornehmheit des Charakters , Adeligkeit der Gesinnung ; unsere öffentlichen Einrichtungen sind einfach musterhaft , unser Gesellschafts- und Familienleben voller Geist , Anmut und Heiligkeit ; wir haben keine öffentlichen Verleumder und Ehrabschneider , keine Preßbanditen , Prostituirte , gewerbsmäßigen Intriganten und Streber - bei uns ist alles eitel Gold was glänzt , und wenn unsere naturalistischen Dichter auch einmal die häßliche Wahrheit künstlerisch gestalten wollen , so müssen sie die Stoffe aus den Fingern saugen oder vom Auslande beziehen ! Ja , ja , die Franzosen , und der ihrer würdige Zola , das sind verkommene Subjekte ; an der deutschen Heiligkeit im Leben und