weiß aufschimmernd zu sehen . Salander rief die Kinder herbei und zeigte ihnen das Land . » Ich habe gelesen , daß in den letzten Jahren in der Schule eine Art Heimatkunde eingeführt worden sei ; wie steht es damit ? Was liegt dorthin für ein Landesteil ? « Sie wußten noch nichts ; nur das ältere Mädchen nannte das nächste , worin sie wohnten , den Bezirk Münsterburg , und wußte auch , daß es zwölf solcher Bezirke gebe . » Gut ! diese nannte man früher Oberämter , noch früher Vogteien , ehmals Herrschaften und Grafschaften « ; eine solche umriß er , mit dem Zeigefinger einen bedeutenden Teil des Horizontes entlangfahrend . Die geschichtlichen Erinnerungen wachten auf und schlossen sich aneinander , bis die Gegenwart daraus hervorging , und alles schien ihm das sichtbare Land noch mehr zu verklären . » Die Neue Welt jenseits des Meeres « , sagte er zur Frau , nachdem die Kinder wieder weggesprungen , » ist wohl schön und lustig für Menschen ausgelebter und ausgehoffter Länder . Alles wird von vorn angefangen , die Leute sind gleichgültig , nur das Abenteuer des Werdens hält sie zusammen ; denn sie haben keine gemeinsame Vergangenheit und keine Gräber der Vorfahren . Solange ich aber das Ganze unserer Volksentwicklung auf dem alten Boden haben kann , wo meine Sprache seit fünfzehnhundert Jahren erschallt , will ich dazugehören , wenn ich es irgend machen kann ! Ich ginge doch ungern wieder fort ! « » Ums Himmels willen , wie kommst du darauf ? « rief Marie Salander erschreckt . » Ich meine nur so , eben darum ! « versetzte er möglichst gleichmütig , um zu verbergen , daß er just eine erste Andeutung des Entschlusses gewagt hatte , der in ihm aufdämmerte , ehe der Abend des zweiten Tages seiner Heimkehr da war . Wochen auf Wochen vergingen , ohne daß Wohlwends Prozeß einen Schritt vorwärtsrückte ; er wußte große und kleine Gläubiger so zu bereden und zu verwirren , daß sie nicht schlüssig werden konnten , und schon war anzunehmen , daß das Jahr ohne Entscheidung ablaufen werde . Von alledem war Salander mit seiner Anweisung ausgeschlossen , welche anzuerkennen Wohlwend sich beharrlich weigerte . Es ging allerdings aus seinen Büchern hervor , daß er mit der Atlantischen Uferbank in Verkehr gestanden und von Zeit zu Zeit Wertsendungen in Wechseln erhalten , die er stets weiterbegeben haben wollte . Aus Rio de Janeiro war , wie die Sachen dort standen , zur Zeit kein Aufschluß erhältlich , und in Münsterburg weigerte sich nicht nur Wohlwend , sondern auch die Masse , Salanders Ansprüche zuzulassen . Sein Anwalt glaubte , er würde am besten tun , die Reise nach Brasilien rasch nochmals zu verannehmen , um selbst an Ort und Stelle das Mögliche zu unterlassen , wobei ja die Kosten nicht im Verhältnisse zu dem großen Verluste ständen und durch gelegentliches Geschäft mehr als eingebracht werden könnten . Diese Andeutungen reichten hin , den schon erwachten Gedanken festzumachen , das Glück aufs neue zu versuchen . Wenn er von dem Vermögensreste , der ihm geblieben , das Gut seinem Frau ausschied und sicherstellte , so konnte er mit dem übrigen und beim jetzigen Stande des Handelsverkehrs wohl wagen , die kürzlich abgebrochenen Verbindungen wieder aufzunehmen . Er getraute sich , das Verlorene in weit kürzerer Zeit einzubringen und überdies der Familie ihren regelmäßigen Unterhalt zukommen zu lassen . Also bereitete er im stillen alles vor , erhielt auch von verschiedenen Häusern sogleich nützliche Anerbietungen , mietete für Frau und Kinder oder eigentlich für sich selbst mit eine bescheidene , aber anständige Wohnung und machte sich schließlich daran , der guten Marie die Sachlage zu eröffnen . Obgleich die Dinge diesmal ungleich besser standen als bei der ersten Trennung , so wurde sie doch tieftraurig . Sie saßen am Fenster des Schlafzimmers sich gegenüber , durch welches Marie an jenem Morgen in ihrer Fassungslosigkeit den schönen Tag angerufen hatte . » Als ich « , sagte sie nach einem Weilchen mit halber Stimme , » dort in der Ecke auf dem Boden saß , hast du mich ermahnt , ob das Geld denn das einzige und Höchste sei , wonach der Mensch trachten könne ? Du hast so recht gehabt , Martin , daß ich dir nun das Wort zurückgeben möchte ! « » Es ist nicht der gleiche Fall ! « erwiderte Martin , » es ist nicht dasselbe , ob wir wegen verlorener Güter verzagen oder ob wir verzichten wollen , mit frischer Tatkraft Verlorenes wiederzuerringen ! Ich kenne nun einmal den Weg , soll ich ihn geflissentlich vermeiden ? Denke an unsere Kinder , Marie ! « » Ach , ich denke eben an unsere Kinder ! Müssen sie denn durchaus reich werden , um leben zu können ? « » Marie ! Du hast ja erfahren , wie es kommen kann , wenn man nichts hat ! « Ohne hierauf zu antworten , fuhr sie fort : » Sieh , als wir im Walde droben auf der Bank saßen und in das heimatliche Land hinausschauten , da dachte ich bei mir selbst , es wäre vielleicht das beste für uns und die Kinder , wenn du dort herum wieder eine Schule übernehmen und der bösen Welt aus dem Wege gehen würdest ! Mit dem Gelde , das du gerettet hast , wollten wir bequem auskommen und noch zurücklegen - « Salander war durch die Rede seiner Gattin im alten Lehrergewissen getroffen , ohne daß sie es wußte ; er war freilich ein Fahnenflüchtiger . Aber er ließ sie nicht ausreden , sondern faßte etwas krampfhaft ihre Hand : » Nach den Geniestreichen , die ich mit unserem Wohlerworbenen schon gemacht , begreife ich deinen Gedanken sehr gut , er ist billig und verständig ! Aber ich kann nicht ! Erstens würde ich kaum noch die nötige Übung und auch Erhaltung und Mehrung der Kenntnisse besitzen , um ohne weiteres ein Lehramt anzutreten , und zu einem Wiederholungskurs bin ich doch zu alt ! Dagegen fühle ich mich noch jung genug , freiwirkend in der Welt zu stehen , wozu mich eben der Geist getrieben hat . Dazu brauche ich diejenige Unabhängigkeit , welche nur ein mäßiger Besitz verleiht ; denn ein zu großer macht natürlich den Mann auch unfrei . Glaub nur , es wird mir gewiß noch gelingen ! Ich werde nicht so lange fortbleiben , ein Teil der Geschäfte wird sich sogar hier abspielen und eine unvermutete Zwischenreise mit fröhlichem Wiedersehen nicht ausgeschlossen sein ! « » So nimm uns mit ! « sagte sie mit brechender Stimme . » Um euch Krankheit und Tod auszusetzen ? Und dann geht es nicht , weil die Kinder hier im Lande geschult werden müssen . « Er nahm sie mit diesen Worten zärtlich in die Arme und hielt sie so lang , bis sie sich seinem Willensschlusse ergeben hatte . Er besorgte nun zunächst den Umzug in die neue Wohnung , die so gelegen war , daß die Frau Salander allenfalls einem kleinen Warenhandel vorstehen konnte , den er von Brasilien aus eigens für sie zu unterhalten gedachte . Zu diesem Zwecke war im Erdgeschoß ein Magazin mit Schreibstübchen für die Frau Prokuraträgerin vorgesehen . Der Mann wollte auch sofort vorläufig eine Magd eintun mit der Mahnung , sobald notwendig , auch ein Gewerbsknechtlein zu beschaffen . Doch die Frau widersetzte sich ebenso vorläufig jeder Idee von Dienerschaft im Hause . Als auch alles übrige verrichtet war , begleitete die kleine Familie den Martin Salander auf den Bahnhof , zu guter Zeit . Auch Herr Möni Wighart stellte sich um so pünktlicher ein , als er in der Restauration , den lustigen Verkehr des Frühherbstes betrachtend , eine Tasse kräftiger Fleischbrühe zu genießen pflegte . Er versprach dem Abreisenden , die Wohlwendsche Konkurssache unter der Hand zu beobachten und getreu zu berichten , was im Publikum vorgehe und geredet werde . So fuhr Martin wieder den atlantischen Ufern zu . VI Die Zeit floß ruhig über die Schicksale hin , oder sie trug sie vielmehr unvermerkt , und so saß auch nach drei Jahren Frau Marie wirklich in ihrem Schreibstübchen und verzeichnete im Buch eine Anzahl Kaffeesäcke , welche der Fuhrmann abgeladen und ein rüstiger Arbeitsmann in das Magazin trug , worauf er wieder an das Verpacken von Zigarren ging ; es war eine beliebte neue Sorte , die Martin Salander von den Kolonien sandte und zum Teil selber pflanzen ließ , da er eigens dazu Land gekauft hatte . Auch eine Dienstmagd erschien , die Frau wegen des Abendessens zu befragen ; sie erhielt die Weisung , man wolle einmal von dem Paraguay-Tee kosten , welchen Herr Salander versuchsweise geschickt habe , ob er wohl Abnehmer finde . Hierauf brachte ein Landkrämer das Geld für einen Sack Kaffee und bestellte einen neuen , während ein Herr kam , der sich ein Probekistchen von den Zigarren ausbat , von denen er gehört . Der Postfaktor kam , eine Mandatsumme auszuzahlen , und endlich kehrten die Mädchen aus der Sekundarschule , die sie besuchten , nach Hause , und das ältere , Setti , wurde sofort mit den eingegangenen Geldern auf die Bank geschickt , wo das kleine Handelshaus im Kontokorrentverkehr stand . Dieses gleiche Mädchen , das seinem sechzehnten Jahre entgegenging , erhob bereits den Anspruch , auf nächste Ostern bei der Mutter als » Buchhalterin « einzutreten . Der Rechnungslehrer hatte gesagt , sie addiere wie ein Maikäfer . Da es Herbstzeit war , so wurde es früh Abend ; Frau Salander zahlte ihrem Arbeitsmann den Tagelohn aus und entließ ihn für heute . Zuletzt kam Arnold vom Turnplatz heim , ordentlich gestreckt , und so sah die Mutter bald ihre Kinder beim Scheine der alten Lampe um sich versammelt . Sie erfreuten sich des einfachen Abendbrotes , welches die Magd mit ihnen teilte , und alles war zufrieden , bis Setti , die künftige Buchhalterin , eine Streitfrage aufwarf , indem sie die Vermutung aussprach , sie werde im Geschäft eine Brille tragen müssen . » Warum nicht gar ! « rief die Magd entrüstet , » es wäre ewig schad um dein Gesicht , du würdest aussehen wie unser alte Gemeindeschreiber , wo ich her bin ! « » Viele höhere Berufsdamen , und von den besten , tragen Brillen ! « versetzte das Mädchen mit überlegener Ruhe , und Netti stimmte ihr bei , mit dem Zusatze , daß es eine blaue sein müsse , das stehe schöner . » Nimm eine rote Brille , dann siehst du das Feuer im Elsaß ! « sagte plötzlich der still gelassene Arnold . Diesen sah die Mutter groß an , fast erschreckt . » Seit wann machst du Witze , Arnold ? « Verblüfft schaute er die Mutter an , denn er wußte nicht , was sie meinte und was er Übles getan habe . Die Magd lachte . Recht habe der Arnold , behauptete sie . Frau Marie aber faßte sich zusammen von der kleinen Verwirrung , in die sie geraten , als sie entdeckte , daß der Knabe zu Worten kam . Dem Elternsinne erscheint es schon merkwürdig , wenn die Kinder ein Sprichwort zum ersten Male gebrauchen . Es zog jemand die Klingel , eines der Mädchen lief und brachte ein Telegramm herein , das von Basel kam und von Martin Salander aufgegeben war : » Bin im Lande . Komme mit letztem Zug nach Münsterburg . Holt mich nicht ab , weil mit Gepäck zu tun habe und Wagen nehme . « Nach der ebenso frohen als ernstlichen Überraschung , welche die Botschaft mit sich brachte , wurde beraten , ob dem Befehl des Vaters zu gehorchen sei , oder ob man nicht dennoch auf den Bahnhof gehen wolle ; die Mutter entschied für Dableiben und Warten , weil es eilf Uhr nachts werden konnte und der Vater rascher zurechtkam , wenn er nicht die ganze Familie im Gedränge begrüßen mußte . Dadurch gewann die Mutter Zeit , sich selbst mit dem unerwarteten Bericht nachdenklich auseinanderzusetzen . Erst vor drei Wochen hatte sie den letzten Brief Martins erhalten , worin er sich zufrieden über seine ökonomische Lage ausgesprochen mit der Ankündigung , er dürfe bereits an die Heimkehr denken , sei es für immer , sei es , um für kurze Zeit und einzelne Geschäftsausführungen , wie er vorausgesagt , noch das ein oder andere Mal den Weg zu machen ; er glaube aber beinahe , es werde dies nicht nötig werden . Hierauf folgte in dem Briefe eine Schlußbetrachtung über die politische Gegenwart und Zukunft im Vaterlande , die Marie Salander nur oberflächlich beschaut und zum aufmerksameren Lesen für eine stillere Stunde zurückgelegt hatte . Sie achtete und liebte sogar den bürgerlichen Freisinn ihres Mannes und seine Neigung , für das Ganze und Kommende zu leben , worin er durch den Louis Wohlwend jetzt schon bis ins zehnte Jahr in so merkwürdiger Art aufgehalten worden . Allein sie beanspruchte keinen Weitblick über Zusammenhang und Zukunft , sondern begnügte sich , für den Tag und Augenblick bereit zu sein . Jetzt holte sie jenen Brief hervor , um nachzusehen , ob sie nicht doch eine Stelle übersehen , die eine nahe bevorstehende Ankunft verhieß , und auch um auf seine Worte so gut als möglich eingehen zu können , wenn er darauf zurückkam . » Wenn Du « , schrieb er , » erfreut bist , daß wir so leidlich bald wieder auf einen guten Weg gekommen sind , so mußt Du das nicht meiner besonderen Geschicklichkeit und Tatkraft zuschreiben , sondern dem freundlichen Glücke , welches mir zur Seite ging . Allerdings habe ich auch einigen Fleiß aufgewendet , wie es der Mensch etwa tut , wenn er sich ein Ziel sichtbar winken sieht . Die Dinge , welche bei Euch zu Hause sich vollzogen haben , diese neue Verfassung , welche unsere Republiken sich gegeben haben , diese unbedingten Rechte , die das Volk ruhig , ohne irgendeine Störung sich genommen hat , alles das möchte ich in seinen glorreichen Anfängen noch sehen und mit genießen , alles ruft mir zu : komm ! wo bleibst du ? Und nun kann ich als unabhängiger Mann kommen , der seinen Boden hat und nichts zu suchen braucht als die Gelegenheit , zu helfen und zu nützen ! Und welch ein großer Augenblick ist es , in welchem unsere alte Freiheit den großen Schritt tut ! Ringsum uns hat sich in den großen geeinten Nationen die Welt wie mit vier eisernen Wänden geschlossen ; zugleich aber hat sich mit dem moralischen Schritt , den wir getan , eine tiefste Quelle neuen Freiheitsmutes und Lebensernstes geöffnet , welche das Äußerste ertragen und das Härteste überdauern läßt und am Ende die Welt überwindet , wäre es auch im Untergang ! Ein solches Gefühl der Selbstbestimmung , der Furchtlosigkeit und der Pflichtliebe schützt stärker als Repetiergewehre und Felswände usw. « Da stand freilich nichts von einer schon beschlossenen Reise . Der Drang danach mußte also seither plötzlich so gewachsen sein , vielleicht auf neue verlockende Berichte oder sich verbreitende Sagen , daß Martin nicht länger hatte widerstehen können . Er erschien denn auch , noch vor eilf Uhr , so frisch , freudig und fast stürmisch bei den Seinen , wie wenn er sieben Jahre jünger statt dreie älter geworden und ein brausender Windstoß neuen Lebens mit hereingekommen wäre . Als die Frau Marie ihn umarmte , empfand sie eine Art ehrerbietiger Scheu vor der Macht der Ideen , die in den Worten des Briefes lagen und jetzt über den Ozean her ihr den Mann in die Arme geweht hatten . » Holla ! Welch niedliche Backfische , die darf man ja kaum berühren ! « rief er , als er die zwei Mädchen erblickte und sie trotzdem herzhaft küßte . » Man sagt ihnen auch Hafenbraten ! « rief Arnold , der sich auch bemerklich machen wollte . » Ei , du Tausendskerl , Arnoldi , was sagst du da ? « » Du kommst gerade recht , Männchen ! « rief die Frau , die laut lachend und voll Behagen sich niedersetzte , » dein Bub macht heut schon zum zweiten Mal eine Art Witz ! Er scheint unnütze Worte aufzulesen ! « » Mag er sie auflesen , wenn er sie nur gut anbringt ! Komm , Arnold , und gib mir recht patriotischen Gruß und Handschlag ! Laß sehen , wie bist du gewachsen ? Nicht übermäßig , doch soso für deine eilf Jahre ! Und wie steht ' s mit der Schule ? « Er begann den Knaben abwechselnd mit den Mädchen zu befragen , während er das ihm bereitete Nachtmahl mit vielen Unterbrechungen einnahm ; er merkte aber endlich , daß er in Hinsicht auf Methoden und Gegenstände nicht mehr auf dem laufenden war und daher die Kinder nicht ganz richtig fragen konnte . Als Frau Salander es wahrnahm , säumte sie nicht länger , dem Manne den bereitgehaltenen Heimatsgruß zu bieten , nämlich die erste Kanne gärenden Weinmostes , der eben im benachbarten Wirtshause zu haben war . Sie wußte , daß er den Trank liebte , aber seit zehn Jahren nicht mehr gesehen . Zugleich trug die Magd eine Schüssel voll gebratener Kastanien auf den Tisch , womit den Kindern ihr Recht wurde zum Gedenken dieser Glücksnacht . Um ein Uhr hob Frau Marie die Tafel auf und würde es wohl früher getan haben , wenn nicht soeben ein Sonntag angebrochen wäre . Der erhellte sich denn auch zum schönsten Herbsttage , dessen Morgenstunden Salander im traulichen Verkehr mit den Seinigen verbrachte . Einmal nur wollte er die Frau nach Wohlwend fragen , brach aber ab und sagte : » Nein , heut will ich davon nicht sprechen ! « Er aß noch mit der Familie zu Mittag ; dann erklärte er unversehens , wie er nun einen tüchtigen Gang in das Volk hinaus tun wolle , an die freie Luft , und sehen , wie es sich atme . Allein wolle er den Gang tun , nur von seinen Gedanken begleitet . Im letzten Augenblicke jedoch besann er sich anders und erlaubte dem Knaben , mitzugehen . Arnold ließ sich das nicht zweimal sagen und schritt ansehnlich an des Vaters Seite aus dem Hause . Die Jahreszeit mit den Erstlingen der Kelter belebte die Straßen . Salander machte mit dem Knaben einen weiten Weg in der Runde um die Stadt ; überall hörte man Tanzmusik , welcher junges Volk beiderlei Geschlechts zustrebte . Man sah auch etwa einen Zug Schützen , die mit ihren Gewehren einer letzten Sonntagsübung nachgingen , oder eine Schar Turner mit Stäben auf der Schulter , den Tambour voran . Dazwischen mannigfaches Volk durcheinanderwimmelnd , fröhlich oder gleichgültig , einzelne mürrisch und über irgend etwas fluchend ; den Hauch und Glanz aber der neuen Zeit , das Wehen des Geistes , den etwas feierlicheren Ernst , den er suchte , konnte er nicht wahrnehmen . Man hörte singen auf den Gassen und in den Schenkhäusern ; es waren die alten Lieder , von denen die Leute , ganz wie ehmals , nur die erste Strophe kannten und etwa die letzte ; wenn einer noch eine mittlere aufbrachte , so lallten die anderen das Lied ohne Worte mit . Auf einer staubigen Straße balgte sich ein Haufe angetrunkener Jünglinge , als ob es keine edlere Verständigung für junge Bürger gäbe , welche über die Gesetze nachzudenken gewohnt sind , über die sie mitzustimmen haben . Alle hundert Schritte bettelte ein Mann mit einer Ziehharmonika oder einem leeren Rockärmel , während der Arm auf dem Rücken lag . Kurz , es war alles , wie es vor altem an einem Herbstsonntag gewesen , und zu gewärtigen , daß später am Tage einige der freiesten Männer nicht mehr auf ihren Füßen würden stehen können . Salander schüttelte leise den Kopf , indem er sich aufmerksam umsah . Nun , sagte er bei sich selber , alle großen Veränderungen müssen einen Übergang haben und sich einleben ! Aber ich hätte geglaubt , schon die Tatsache eines solchen Ereignisses würde Land und Himmel eine andere Physiognomie machen ! Am Ende ist es aber und wird wohl sein die angeborene Bescheidenheit des Volkes , seine schlichte Gewöhnung , welche es nicht leicht die anspruchsvollere Toga umwerfen läßt ! Sie gelangten jetzt vor ein größeres Vergnügungslokal , welches von volkstümlichen Elementen angefüllt schien ; ein kräftiges gleichmäßiges Gemurmel war darin verbreitet , wie es so tönt , wenn der Löwe Volk bei ruhiger Laune ist . Da Salanders Knabe die Frage , ob er nicht Durst habe , unverweilt bejahte , so ging der Vater mit ihm hinein , wo ein großer Saal ganz mit jungen und älteren Männern angefüllt war , worunter wenige Weiber saßen . Mit einiger Mühe fanden Vater und Sohn noch einen unbenutzten kleinen Tisch . Kaum hatten sie sich aber gesetzt und etwas Bier erhalten , so kamen noch zwei Leute , die ohne weiteres den übrigen Platz ei nnahmen und sich ebenfalls Bier geben ließen . Der eine war offenbar ein Süddeutscher , der andere ein Schweizer , und zwar aus dem Münsterburggebiet . Er trug Schnurr- und Kinnbart nach französischem Zuschnitt und den Hut ins Genick zurückgeschoben , um verwogener auszusehen . Sie führten ein lautes Gespräch , ohne sich um jemand zu kümmern , unverzüglich weiter . » Wie gesagt , « meinte der Schweizer mit fast brutalem Tone , » du kennst mich ! Ich bin ein Kerl , der sich nicht foppen läßt ! « » Wer will dich denn foppen ? Ich gewißlich nicht ! « warf der andere bescheiden ein . » Ich sage nicht wer , ich sage es ganz allgemein ! Da sieh den Brief , den mir mein früherer Meister in St. Gallen geschrieben ! Jede Stunde kann ich wieder hin , wenn ich will ! « Er kramte einen Brief hervor und gab ihn dem Kameraden , der ihn las und bekannte , das sei ein schöner Brief , nicht jeder könne dergleichen Zeugnisse aufweisen , ein schmeichelhafter Brief , der Tausend , jawohl ! » Es braucht sich nichts Schmeichelhaftes zu sagen ! Ich brauche keine Speichellecker , ich bin ein freier Mann , unabhängig , stolz , wenn du willst , aber ich verachte die Schmeichelei ! « » Ei , ich schmeichle ja nicht , wo werd ich denn schmeicheln ! Es ist ja die lautere Wahrheit ! « » Das ist ' s ! Aber ich geh nicht hin , ich will mich noch lang nicht binden , und ich weiß , daß er mir nur die Tochter anhängen will . Ich könnte freilich zugreifen , auch meine hiesige Kostfrau hat eine Tochter , die mir überall in den Weg steht ! Aber ich will mich nicht binden ! Ich will noch gar nicht Meister sein , obgleich ich meine Achtundzwanzig auf dem Buckel habe ! Da müßt ich ein Narr sein und mich plagen ! Lieber kujoniere ich die Meister ! « » Ja , ja , du bist halt ein strammer Kerl ! « » Wahrscheinlich ! glaub ' s nur ! « » Ich für mein Teil habe leider Frau und Kind und bin leider auch Meister , das ist nun so , ich bin angebunden und ein armer Teufel ! « » Warum hast du so früh geheiratet ? « » Das hab ich getan , weil ich nicht mehr heim wollte ; da hab ich gedacht , du heiratst hier bei erster Gelegenheit , dann bist du festgemacht ! « » Ha , ich begreif schon , daß du lieber in der Schweiz bist ! Aber alle könnt ihr doch nicht hier hocken , so schön es bei uns ist ! « » Ja , ihr seid eben ganze Leut ! Sapperment , ich hab ' s schon oft gedacht . Und dir löst keiner die Schuhriemen auf ! « » Hm ! das brauchst du mir nicht zu sagen , ich nehme keine Schmeicheleien an ! Aber die Fliegen lasse ich mir allerdings nicht auf der Nase heiraten ! « Der Schweizer strich sich grimmig geschmeichelt den Schnurrbart und stieß mit dem Deutschen an : » Trink aus , ich zahle noch ein Glas ! « Martin Salander hörte diese Reden , die von einer gemeinen Gesinnung und zügellosen Eitelkeit zeugten , mit Verwunderung , indem er zu sich sagte : Dieser verfluchte Kerl ! dieser Schreiner- oder Schustergesell hat sich ja ganz ausgezeichnet eingerichtet : Wie die Ameisen sich Blattläuse halten , die sie melken , hält sich der einen eigenen Lobhudler , einen Schwaben , wie man ' s hier nennt ! Er mußte nur weiter hören . Der schweizerische Arbeiter hob ein solches Selbstrühmen an , wie es nur ganz schlechtgezogene Menschen tun können , die zudem niedrig denken und fühlen . Aber je mehr er prahlte und sich selbst herausstrich , desto kleinlauter wurde der deutsche Gesell oder tat wenigstens so . Denn Gott mochte wissen , was der Schläuling für einen Grund hatte , dem Flegel den Hof zu machen . Allein je demütiger er sich bezeigte , desto übermütiger wurde der andere . » Du bist einer von den Gescheitern , « rief er , » du weißt es doch zu schätzen , daß du in der Schweiz und bei einer Nation bist , wie die meinige ! Schau mich an ! Alles machen und ordnen wir selbst , wie wir es haben wollen , und ich bin einer davon und frage weder Gott noch Teufel etwas nach ! Heut noch geh ich in eine Beratung über ein Gerichtsgesetz , das über tausend Baragraphi hat , und morgen mach ich Blauen , denn es wird lang dauern . Der Meister kann dafür aufstehen und schaffen ! Anerkennst du das ? « » Ich sag es ja immer , ich schäme mich , ein Deutscher zu sein ! « » Das ist nicht ganz aus dem Weg , obgleich ihr auch energische Bursche habt ! Sieh uns jetzt nur aufmerksam zu und lerne was Rechtes ! « Salander konnte nicht mehr an sich halten . Rot vor Zorn schlug er auf den Tisch und rief dem Deutschen zu : » Schämen sollte man sich , so zu reden , wenn man ein so gewaltiges Vaterland hat ! Und Ihr , Herr Landsmann , « wandte er sich an den Münsterburger , » solltet Euch schämen , einen arglosen Fremden so zu bedrücken und Euch von ihm anpreisen und beloben zu lassen ! Zehn Jahre bin ich in Amerika gewesen und habe nirgends einen so eitlen Tropf und Prahlhans reden gehört , wie Ihr einer seid ! Da sind wir schön bestellt , wenn das junge Volk schwatzt wie die Elstern und alten Hebammen ! Pfui Teufel ! « Er hatte in seiner törichten Aufregung so laut gerufen , daß die Leute an umstehenden Tischen sich drehten und zuhörten . Der Schweizer Landsmann hatte zuerst verdutzt ausgesehen ; jetzt stand er schon auf den Beinen , streckte die Hand aus und rief : » Wer seid Ihr da , wer heißt Euch , zu horchen , was die Leute reden ? « » Ich habe nicht gehorcht ! Ihr seid mit Eueren Reden dahergekommen , wo ich schon gewesen bin ! « » Ihr seid dennoch ein Schleicher ! Wenn Euch nicht gefällt , was wir sagen , so geht weiter ! Aber Ihr seid jedenfalls ein Spion und Volksverächter ! « Er rüttelte an dem kleinen Tisch , der zwischen ihnen stand , daß die Gläser klirrten , die Umstehenden drängten sich näher heran , und einige riefen , was der wolle ? » Schimpfen tut er , wir seien eitle Tröpfe und alte Hebammen , wir junges Volk , wenn wir Freiheit und Vaterland rühmen ! « Auch der Deutsche verlor seine Gutmütigkeit und fing an , Lärm zu machen . Salander blickte auf seinen Knaben , nahm ihn an die Hand und drückte sich unversehens durch die Leute und aus dem Saale , nicht ohne dem Tisch einen kräftigen Stoß gegeben zu haben , den jener ihm auf den Leib rücken wollte . Er hätte nicht übel Lust gehabt , die aufgewachten Dämonen oder den Löwen mit beharrlicher Rede zu zähmen ; allein die Rücksicht auf sein Kind gebot ihm , allen weiteren Händeln aufzuweichen , damit er nicht gar erlebe , vor den Augen desselben mißhandelt und gedemütigt zu werden . Voll Verdruß und Beschämung suchte er den kürzesten Weg nach Hause , war aber froh , dem Herrn Möni Wighart zu begegnen , dem er , da es noch zeitig am Tage war , gern in eine stille Wirtschaft folgte , um sich zu fassen und für den Knaben einen freundlicheren Schluß des Spazierganges zu gewinnen . Sie trafen aber in einer Ecke des Hauses den Rechtsanwalt , welchen Salander einst mit seiner Angelegenheit betraut hatte . Der vielbeschäftigte Mann erholte sich hier bei einem Sonntagsschöppchen von der Wochenarbeit gleich einem biederen Handwerksmeister , zeigte sich indessen nach dem unerwarteten Erscheinen des Klienten freundlich bereit , den Wohlwendhandel in die Unterhaltung aufzunehmen und beim Glase zu beraten . Martin Salander schickte daher den Knaben bald mit dem Berichte nach Hause , der Vater werde in einer oder zwei Stunden nachkommen . Leider war nicht viel zu beraten , da der Stand der Sache immer der alte geblieben . In Rio lag sie fast ganz eingepökelt . Die verantwortlichen Personen der Atlantischen Uferbank wurden eine Zeitlang verfolgt ; allein sie drückten sich immer rechtzeitig von Staat zu Staat und hielten sich nur au solchen Orten auf , wo nicht nur an niemand ausgeliefert , sondern wo auch von keinem Verfolgten das auf ihm gefundene Vermögen verwahrt , überhaupt kein Recht gehalten wurde . Ein- oder zweimal ward