vor ihr ausbreitete , machte , daß sie die Feder , die sie vor einer Weile schon zur Hand genommen hatte , wieder niederlegte . Hoch über die mit Wein und Laubholz besetzten Berge hin zog ein silberglänzendes Gewölk , während unten im Tale schon die mit jedem Augenblicke bedrücklicher werdende Hitze des Tages lag . Ein Fähnlein , das die Schützenplatzstelle bezeichnete , hing schlaff am Mast herab und regte sich immer nur , wenn ein Luftzug ging . Plötzlich aber klang ein Paukenschlag vereinzelt und wie zufällig herüber , und die Gräfin , ihrem Sinnen dadurch entrissen , nahm die Feder wieder auf und schrieb : » Lieber Freund ! In meinem Leben hier hat sich seit voriger Woche manches geändert , und seit gestern ist es ein Saus und Braus . In aller Frühe kam Egon Asperg und mit ihm der junge Pejevics , der , wie Sie vielleicht wissen , einige Wochen der Rennen halber in England war . Ich freute mich aufrichtig und beschloß , den Tag in aller Heiterkeit mit ihnen zu verbringen , würd aber damit gescheitert sein , wenn ich nicht die beiden jungen Damen , deren ich neulich schon Ihnen gegenüber Erwähnung tat , als Hülfstruppe hätte heranziehen können . Ein paar junge Schauspielerinnen interessieren eben lebhafter als eine Tante von beinahe siebzig . Und heute mehr denn je . Denn die Dinge , die für uns das Leben ausmachen , erscheinen mir in den Herzen der gegenwärtigen Generation um noch vieles erstorbener als in dem der vorigen . Mein Bruder hat wenigstens noch Spott für diese Dinge , Graf Egon aber nur Schweigen und Gleichgültigkeit . Indessen ich will nicht anklagen , sondern berichten . Ein Ausflug in die Berge ward also verabredet . Egon und ich zu Wagen , alles andere zu Fuß , so brachen wir in zwei Partien auf , um oben auf der Kuppe von Heiligenkreuz wieder zusammenzutreffen . Die beiden jungen Damen waren allerliebst , was Sie , der Sie der jüngeren von Anfang an Ihre Sympathien entgegenbrachten , nicht überraschen wird . Ich meinerseits möchte fast der älteren , dem Fräulein Phemi , wie sie kurzweg genannt wird , den Vorzug geben . In Fräulein Franz steckt allerdings ein bedeutenderer Fonds , aber eben weil sie bedeutender ist , ist sie zugleich auch minder bequem und stellt uns , als übe sie Kritik , unter eine beständige Kontrolle . Wie ganz anders dagegen das ältere Fräulein ! Von einer gewinnenden Offenheit und Schelmerei , vergißt sie , die Worte zu wägen , oder will es vielleicht auch nicht und überhebt uns dadurch der Notwendigkeit , auf uns selber in jedem Augenblick ängstlich achten zu müssen . Auf uns achten ist freilich Pflicht , aber ängstlich auf uns achten wird leicht zur Pein . Gegen neun Uhr waren wir von unserer Partie zurück , Egon und Graf Pejevics verließen mich gegen zehn , und ich hoffte , die nächsten vierundzwanzig Stunden in einer vollkommenen Ruhe , nach der ich mich sehnte , zubringen zu können , da wirbelte heute mit dem frühesten mein Bruder , Graf Adam , in mein Zimmer und meine Stille hinein . Auf wie lange , steht dahin . Er sprach anfangs von einem halben Tag nur , aber seine Pläne haben sich rasch geändert . Sehr begreiflich . Er ist eben drüben bei den jungen Damen , was Ihnen genug sagt , und gönnt mir durch diesen seinen Besuch die Muße zu diesen Zeilen an Sie . Ja , daß ich es Ihnen gestehe , mein lieber Freund , ich bin in Sorgen , in denselben Sorgen , die mich diesen Winter erfüllten und deren äußere Veranlassung Sie so gut kennen wie die tiefere Charakterbegründung . Und dies letztere wiegt am schwersten . Er hat es versäumt , sich zu rechter Zeit seiner Jahre bewußt zu werden , ist der ewig Jugendliche geblieben , unstet und rastlos , und hat zum Überfluß auch noch eine Neigung ausgebildet , gegen all das anzustreben und unter Umständen auch anzustürmen , was er Vorurteile des Standes und der Gesellschaft nennt . In ewiger Fehde hab ich diese seine Rastlosigkeit bekämpft , und doch fühl ich jetzt , daß gerade sie das Korrektiv und der Schutz seines Lebens war , so sehr , daß ich seit kurzem oder doch seit heute vor dem Moment bange , der dieser seiner Rastlosigkeit ein Ende machen und ihn umgekehrt mit einer plötzlichen Sehnsucht nach einem Ruhehafen erfüllen könnte . Denn er wird auch dabei wieder , um das mindeste zu sagen , unherkömmlich verfahren und seinem Tun den Stempel des Aparten und Adoleszenten aufdrücken . Es entspricht das seiner Eitelkeit , von der ich ihn trotz all seiner Vorzüge nicht freisprechen kann . Und alle diese Dinge , fürcht ich , sind nahe , sehr nahe . Der Umstand , daß er in dem Momente seiner Rückkehr nach hier eben das vorfand , was er , als er nach Paris ging , zu fliehen gedachte , wird nicht ohne Wirkung auf sein Gemüt und seine Handlungsweise bleiben . Denn er ist abergläubisch und glaubt an Zeichen . Er ist jetzt sicher , daß ihm ein solches Zeichen gegeben wurde . Schreiben Sie mir , lieber Freund , wie Sie sich persönlich zu dieser Frage stellen , und seien Sie dabei rückhaltlos offen . Ich habe zu lange gelebt und zu viel vom Leben gesehen , um mich schließlich nicht in allem zurechtfinden zu können . Es verwundert mich nichts mehr oder nur weniges noch . Zudem geschieht nur , was geschehen soll , und unerschütterlich bleibt mir der Glaube , daß denen , die Gott liebhat , alle Dinge zum Besten dienen . Vor allem auch die Prüfungen . Ich verharre , lieber Freund , als Ihre herzlich ergebene Judith von G. Nachschrift . Im Begriff , die vorstehenden Zeilen zu couvertieren , kommt Ihr Brief , auf den ich mich beeile wenigstens in einer kurzen Nachschrift noch Antwort zu geben . Ich bin ganz Ihrer Meinung , daß für die total verwaiste Gemeinde von Amrathskirchen etwas geschehen muß , um so mehr , als unsere Regierung solcher doch naheliegenden Pflichten sich überhoben glaubt . Es fehlt ihr niemals an Mitteln , wenn es neue Regimenter oder Uniformen , aber immer an Mitteln , wenn es eine Kirche gilt . Und doch ist Österreich auf ihr erwachsen . Felix Austria nube . Gewiß ; aber jeder andern Vermählung ging die mit der Kirche voraus . Ich vertraue , daß die Zeiten nahe sind , wo sich die Machthaber dieser Tatsache wieder erinnern werden . Es ist das Verderben unserer Tage , daß wir , losgelöst vom Göttlichen , alles aus unserer Kraft und Weisheit herausgestalten , alles uns selbst und nicht der ewigen Gnade verdanken wollen . Es gibt keine neue Weisheit , und der ist der Weiseste , der dies weiß und darnach handelt . Ich bitte Sie , fünfhundert Gulden für mich zeichnen und meinen Namen an die Spitze der Liste stellen zu wollen . Mit mehr öffentlich herauszutreten erscheint mir nicht tunlich , aber es ist mir recht , wenn wir unter der Hand die Summe verdoppeln . J. v. G. « Neuntes Kapitel Phemi war am letzten Tag ihrer nie begonnenen Kur , und zwar unter Zitierung einer gefühlvollen Stelle , von Öslau nach Wien zurückgekehrt , aber das Leben auf der Veranda blieb unverändert dasselbe : der alte Graf erschien täglich , um seinen Besuch zu machen , und nur die Gräfin zeigte sich wieder etwas zurückhaltender . Franziska , sosehr sie von Anfang an und mehr noch bei Wiederaufnahme der Bekanntschaft zu der liebenswürdigen alten Dame sich hingezogen gefühlt hatte , nahm nichtsdestoweniger diese Wandlung wie schon die während der Wintermonate leicht und ruhig hin und fand sich darein , ohne der Ursache irgendwie neugierig nachzuforschen . Es erschien ihr von alter Zeit her als das Vorrecht vornehmer Leute , launenhaft zu sein und auf Sonne bedeckten Himmel und auf bedeckten Himmel wieder Sonne folgen zu lassen . Dieser Zeitpunkt von » wieder Sonne « kam denn auch rascher noch als erwartet und war das Resultat eines Pater Feßlerschen Briefes , an dessen Schlusse sich folgende Worte fanden : » Alles in allem , meine gnädigste Gräfin , würde der Eintritt dessen , was Ihnen als sorgenvolle Möglichkeit vorschwebt , nicht gerade das Schlimmste bedeuten , und zwar deshalb nicht , weil es Befürchtungen abschlösse , die beständig in Sicht zu haben beinahe unerfreulicher und jedenfalls beunruhigender ist , als sie sich erfüllen zu sehen . Es rechnet sich eben besser mit Tatsachen als mit Möglichkeiten . Außerdem , so mich nicht alles täuscht , ist die Wahl in mehr als einem Stück gut getroffen und die Seele der jungen Dame von einer Legierung , aus der eine Glocke werden kann , die klingt . « Bei der Abhängigkeit , in der die Gräfin seit so manchem Tag und Jahr von ihrem Beichtvater stand , schuf dieser Brief einen beinahe sofortigen Stimmungsumschlag und stellte Franziska gegenüber den Ton freundlichen Entgegenkommens wieder her , der seitens der alten Dame bis zu dem Eintreffen Graf Adams geherrscht hatte . Ja , sie war dieser Wandlung insoweit geradezu froh , als sie sich überhaupt ungleich mehr durch Pflichterwägungen und Klugheitsrücksichten als durch den Zug ihres Herzens zu Zurückhaltung und Kühle hatte bestimmen lassen . Dabei hing sie , Nächstliegendes überspringend , allerlei Lieblingsplänen , am meisten aber dem ihr ein besonderes Wohlgefühl schaffenden Gedanken einer Konversion nach . Und dieses Wohlgefühl steigerte sich noch , als eine halbe Woche später Pater Feßler selber in Öslau eintraf , um , wie seine Sommergewohnheit war , große Fußpartien in die Berge zu machen , » aus Naturschwärmerei « , wie die Gräfin , » aus dem Wunsche , wieder schlanker zu werden , « wie der Graf behauptete . Regelmäßig auf diesen Partien sah sich der Pater von Graf Adam , der selber noch ein guter » Steiger « war , begleitet , und während sie so halbe Tage lang in den Bergen umherkletterten , war Franziska drüben bei der Gräfin und mühte sich , ihr durch Vorlesen oder Plauderei die Stunden der Einsamkeit zu verkürzen . Ein solcher Tag war auch heute wieder . Der Lehnstuhl der alten Dame war , als der Sonnenhall eben zu sinken anfing , auf den Balkon geschoben worden , und von den Bergen her klang die Vesperglocke . Beide horchten hinüber und sahen dabei still auf den Glutstreifen , der noch über den Tannen hing . Als aber die Glocke eine Weile schwieg , sagte die Gräfin : » Ist es nicht schön ? All das habt ihr nicht in eurem protestantischen Nebellande . « » Doch , gnädigste Gräfin , wir haben es auch . Wir nennen es nur anders . « » Und das wäre ? « » Wir nennen es die Betglocke läuten , und ich habe selber unzähligemal an dem Glockenseil gezogen . Überhaupt möcht ich doch sagen dürfen , wir sind nicht voll so heidnisch , wie die gnädigste Gräfin glauben . Wir haben auch den Gekreuzigten , und jede Kirche hat sein Bild , zu dem wir andächtig aufblicken . « Die Gräfin lächelte halb ungläubig , aber doch halb auch wie freudig überrascht und sagte dann : » Ich habe mir erzählen lassen , in euren Kirchen hinge noch immer der wittenbergische Doktor , den ihr den Reformator und Wiederhersteller der reinen Lehre nennt , und in mancher Gemeinde ginge man noch einen Schritt weiter und verehre bloß den preußischen König . Ich meine den König Friedrich den Zweiten . Und man hat mir sogar gesagt - ich zögere freilich , es nachzusprechen - , es gäbe Bilder , auf denen er wie Gott selber im Himmel säße mit seinen Generalen rund um sich her , und jeder Preuße glaube mehr oder weniger ernsthaft , daß sein großer König von dort aus regiere bloß in der Absicht , sein Land immer größer zu machen . « » Ja , solche Bilder gibt es , gnädigste Gräfin , aber doch nicht in unseren Kirchen . In unseren Kirchen haben wir außer dem Christusbilde , von dem ich schon sprach , nur Kriegsdenkmünzen und große schwarze Holztafeln , auf denen mit weißer Schrift die Namen derer stehen , die für König und Vaterland gestorben sind . Und wenn uns die Predigt oder das oft sehr vielstrophige Lied , das gesungen wird , zu lange dauert , so lesen wir diese Namen , und es ist dann mitunter ein Glück , daß sie da sind . « » Und keine Jungfrau Maria ? « Franziska lächelte . » Sie lächeln , mein liebes Fräulein , und haben ein Recht , es zu tun . Es ist wirklich ein großes Unrecht , daß wir sowenig voneinander wissen und uns gegenseitig verurteilen ohne Kenntnis dessen , das wir zum Gegenstand unserer Herzensfeindschaft machen . Ich habe mitunter ein rechtes Verlangen , aus dieser Unkenntnis herauszukommen , und Sie , liebe Franziska , sollen mir dazu helfen . Sie müssen mir alle norddeutschen Sitten und Gebräuche schildern , und wenn das Erzählte nicht aus der protestantischen Kirche sein kann , nun dann , so lassen Sie ' s aus dem protestantischen Leben sein . Aus dem Leben kann ich dann Rückschlüsse ziehen auf den Glauben , weil das Leben ein Kind des Glaubens ist . Ich denke mir , meine liebe Franziska , wir beginnen am besten gleich , oder Sie geben mir , wenn nicht mehr , so doch wenigstens einen Vorschmack . Erzählen Sie mir von Ihrer Stadt an der Ostsee . War es nicht an der Ostsee ? « Franziska nickte . » Nun denn , da muß ja die Stelle ganz in der Nähe sein , wo der König von Thule seinen Becher ins Meer geworfen . Ohne die Ballade wüßt ich nichts davon , und so hat auch das allerweltlichste Gedicht immer noch sein Gutes . Ich denke mir Ihre kleine Stadt auf einer Sandbank gelegen und immer in Gefahr , vom Meere verschlungen zu werden . Ist es so ? « Franziska hatte mit ihrer Antwort auf die verschiedenen Fragen und Wünsche der Gräfin eben begonnen , als Graf Adam und Feßler eintraten und nach kurzer Begrüßung der Damen ihre Stühle bis ebenfalls an die Balkontür rückten . » Stören wir ? « » Oh , nicht doch « , sagte die Gräfin . » Im Gegenteil , wie gerufen . Unsere liebe Freundin war eben im Begriff , mir etwas von ihrer nordischen Heimat vorzuplaudern , einer kleinen Hafen- oder Badestadt an der Ausmündung der Oder . « » Ah , an der Oder « , wiederholte Feßler . » Ein gut katholischer Strom . « » Ja « , warf Franziska rasch ein . » Aber doch nur zu Beginn , nur in der Enge des Gebirges . Sobald er ins Freie tritt , wird er protestantisch und immer protestantischer , je mehr er sich dem freien Meere nähert . « » Um endlich darin unterzugehen « , schloß Feßler mit übrigens verbindlicher Handbewegung . » O nur keine Neckereien auf diesem Gebiet « , beschwor der Graf . » Ich plädiere für Schluß dieser Kriegsführung und will lieber von dem Ostseestädtchen hören , darin unsere Freundin das Licht der Welt erblickte . Das interessiert mich mehr . Ich denk es mir wie Vineta , poetisch , gruselig und ewig gefährdet . Hab ich recht ? « » Je nach der Jahreszeit , wo Sie den Fuß auf unsere Schwelle setzen . Kommen Sie zur Sommerzeit , so sieht es aus wie dies Öslau , nur noch bunter und aparter und eigentlich auch noch hübscher und heiterer . « » Das ist unmöglich . « » Oh , Sie sollen selbst entscheiden . Da haben wir zunächst unsern Strom , dessen breite Wasserfülle schon die Nähe des Meeres ahnen läßt . Und keine tausend Schritte vor seiner Mündung , da wächst die Stadt auf und zieht sich einreihig an einem Pfahlwerk entlang , an dessen steil abfallender Wasserseite die Schiffe liegen , groß und klein , mit ihren vergoldeten Namen am Spiegel und einer überlebensgroßen , in Holz geschnittenen Figur am Bug . Auf dem breiten Damm aber , der dem Schlängellaufe des Flusses folgt , bewegen sich Handel und Verkehr wie unter einem Walde spalierbildender Maste . Denn zu beiden Seiten erheben sich diese Maste , sowohl auf den Schiffen wie vor den Häusern gegenüber . « » Und wie sind diese Häuser ? « » Oft so niedrig , daß man die Hand aufs Dach legen kann . Aber immer frisch geweißt . Und auf dem hohen Dache , das meist dreimal höher ist als das eigentliche Haus , auf diesem Dach erhebt sich ein Giebel und auf dem Giebel eine Flaggenstange , daran ein langes schmales Band oder auch eine sich bauschende Flagge weht . Und keine Flagge dieselbe ; denn in jedem dieser Häuser hat ein anderes Land seinen Sitz und seinen Schutz , und während über dem einen der österreichische Doppeladler flattert , flattert über dem andern der türkische Halbmond oder der chinesische Drache . Es gibt nichts Bunteres und Lachenderes als das Flaggen einer solchen Hafen und Handelsstadt . Und je kleiner , desto mehr . Denn gerade diese Kleinheit unterstützt den Effekt . Überall da , wo hohe gotische Giebel in ihrem finstern historischen Ernst aufragen , da verschwindet der heitere Flaggenschmuck in dem umherliegenden Dunkel ; in den kleinen und kaum hundert Jahre alten Städten aber , die keine Geschichte haben und in ihrer Kleinheit und Sauberkeit fast aussehen , als wären sie gestern erst aus der Spielschachtel genommen , in ihnen ist die Flagge die Hauptsache , das flatternde Band am Hut , das dem Ganzen erst Ansehen und Charakter gibt . « » Und wie geht nun das Leben in solcher Flaggenstadt ? « » So heiter wie die Flaggen , die drüber wehen . Ach , mir schlägt das Herz , wenn ich an die Tage zurückdenke , wo wir , Hannah und ich , mit unseren Mappen unterm Arm von der Schule her den Weg nach Hause machten . Es war immer ein weiter Weg und ging am Strom entlang , an dem die Schiffe schräg oder auch wohl mit ihrem Rumpfe nach oben lagen , um sie desto bequemer mit Werg ausstopfen und die Fugen mit Schiffsteer ausgießen zu können . Am Bollwerk hin aber und um geschwärzte , dreibeinige Grapen herum hockten Arbeiter und alte Matrosen und unterhielten das Feuer oder rührten in dem brodelnden Pech , dessen Qualm die Luft erfüllte . « » Hätte mir ' s appetitlicher gewünscht . « » Auch derlei gab es . Denn nicht überall wurde kalfatert , und viele Schiffe waren da , darauf außer dem Schiffshund nur noch ein Koch und ein Junge die lange Winterwache hielten . Und auch die hantierten um die Mittagsstunde , nach Art der anderen , um ein Uferfeuer her . Aber statt des Grapen waren nur zwei Ziegelsteine da mit einer Bratpfanne darauf , in die jedesmal , wenn wir vorübergingen , eben Kartoffeln und Speck und große Zwiebelstücke hineingeschnitten wurden . Und nun zog der Wrasen davon durch die Luft . Ach , welche Wonne ! Vor nichts in meinem Leben hab ich je wieder mit soviel Begehrlichkeit gestanden , und die beste Mahlzeit hätt ich drum hingegeben , wenn ich mich auf der Stelle bei diesem primitiven Gerichte hätte mit niederhocken und zu Gaste laden können . « » Glaub ' s « , lachte der alte Graf . » Kommt mir doch bei der bloßen Beschreibung ein kleines Gelüst darnach . Aber das ist alles Idyll und Genre ; wo bleibt Vineta ? Wo bleibt der Schrecken der Elemente ? « » Auch der kam gelegentlich , aber immer erst um die Novemberzeit . Und wir saßen dann , ohne der Gefahr zu gedenken , oder vielleicht auch uns getröstend , daß sie gerade diesmal nicht kommen werde , still um unsern Arbeitstisch her und überlegten , den Griffel oder die Feder aus der Hand legend , was wir uns wohl zum Christfest wünschen sollten . Und wenn wir dann einen Scheffel Wünsche durchberaten hatten , dann hieß es : Zu Bett ! , und wir nahmen die Weihnachtsbilder , wie wir sie von frühester Kindheit an kannten , mit in unsern Traum und sahen die Krippe mit dem Kindlein und den Stern überm Haus . Und auch Joseph und die Jungfrau Maria . « » Und die Jungfrau Maria « , wiederholte die Gräfin und lächelte . » Aus euren Kirchen habt ihr sie verbannt , aber an eurem Herde lebt sie fort . Oh , sie stirbt nicht aus , die Gebenedeite ! « » Lassen wir die Jungfrau « , sagte der alte Graf , » ich dürste jetzt nach Vineta . « » Nun denn also , wir nahmen die Bilder mit in unsern Traum und sahen den Himmel offen und die Engelscharen herniedersteigen . Aber mit einem Male gab ' s einen unheimlichen Stoß uns zu Häupten , ein Rütteln und Schütteln begann , und wir fuhren aus unserem Kinderschlaf in die Höhe und sahen erschreckt und blaß einander an , denn wir wußten nun , daß der Nordwester doch gekommen sei , derselbe gefürchtete Nordwester , von dem wir gehofft hatten , er werde diesmal wenigstens an uns vorübergehen , und von dem uns die Kindermuhme von Jugend auf erzählt hatte : der könn uns wegschwemmen , und eines Tages werd er ' s auch , denn er sei der eigentliche Herr hier und wir lebten nur von seiner Gnade , und wenn er wolle , so wär es mit uns vorbei . Ja , dann beteten wir , aber wir wußten nicht , was wir sagten , denn wir dachten nicht an Gott und Glauben , sondern bloß an unsere Not und Gefahr , und unsere Seele war nichts als Angst und Aufhorchen auf den Sturm . Oh , noch jetzt überrieselt ' s mich , wenn ich an jene Schreckensnächte denke . Die vom First abgerissenen Hohlsteine klinkerten über das Dach hin , in dem Rauchfang ging ein Geheul , alle Läden und Türen klappten oder klapperten , und wenn dann mit eins eine Pause kam , so war es am schlimmsten und zitterten wir am meisten , denn dann hörten wir durch das tiefe Schweigen hin das Gebrause des Meeres draußen , das an die Dünen und Dämme schlug und die großen eingerammten Steine wie Kiesel aus der Westermole wusch . Am Bollwerk aber , trotz der Ziegel und Fahnenstangen , die niederstürzten , war alles Geschäftigkeit , und wir sahen durch unsere Giebelfensterscheibe , deren kleine Gardine wir ängstlich zurückgestreift hatten , wie sie drunten die Schiffe fester an die Pfähle banden , aber doch zugleich auch die Boote von Bord her ans Ufer brachten , um eine letzte Rettung zu haben für den Fall , daß es zum Schlimmsten käme . Denn der Nordwester staute nicht nur den Strom zurück , sondern trieb auch das Flutwasser mit solcher Gewalt von draußen her in den Strom hinein , daß es am Kai hin oft nur noch zollbreit unter der obersten Balkenlage stand . Und einmal - ich seh es , als ob es gestern gewesen wäre - stieg es drüber hinaus , und im Nu war die niedriger liegende Stadt ein See von einem Punkte zum andern , und in unsern Flur hinein stürzte die Welle . Da schrien wir auf , denn nun erfüllte sich unser Schicksal , und wir mußten untergehen , wie Vineta untergegangen war . « » Aber der Herr , der den Winden gebietet ... « » Gebot ihnen auch diesmal wieder , und was in der Nacht unser Entsetzen gewesen war , das war tags darauf unsere Lust und unsere Wonne . Die flottgemachten Boote fuhren jetzt hin und her : unser Nachbar , der Bäcker , landete mit seinen Wecken und Semmeln , und als es Tag geworden und ein klarer blauer Himmel über der Stadt war , waren wir glücklich , uns zu Schiff abholen und zu Schiff in die Schule fahren zu können . Und glücklich wie wir war die ganze Stadt . Über Tonnen und Bretter hin ging der Verkehr , bis nach abermals einer Woche die große Sintflut verlaufen und ein dichter Schnee gefallen war . Und unter Schellengeläute ging ' s nun durch die verschneite Stadt hin , über deren Schneedächern die Wimpel und Flaggen jetzt wieder flatterten und beinahe lustiger noch flatterten als um Johannistag und die Sommerzeit . « Zehntes Kapitel An diese Schilderungen hatte sich noch eine ziemlich lebhafte Plauderei zwischen Feßler und Franziska geknüpft . Er ließ sich aus dem Gesellschaftsleben der kleinen norddeutschen Stadt erzählen und tat Fragen über Fragen . Am meisten interessierten ihn die Bilder aus dem lutherischen Pfarrhause : der reiche Kindersegen , das Whistspiel und die Pastoralkonferenzen . Alles begegnete sowohl von seiner wie von der Gräfin Seite der unverkennbarsten Teilnahme , jede Miene verriet es , und nur Graf Adam , der doch sonst der lauteste Bewunderer solcher Schilderungen und Gespräche zu sein pflegte , war auffallend still geworden . Er sann offenbar anderen Fragen und Dingen nach , antwortete zerstreut und spielte mit der Gardinenquaste , die neben seinem Stuhle herabhing . Er war deshalb auch einverstanden damit , daß man früher aufbrach als gewöhnlich , und gefiel sich weder in Neckerei noch Widerspruch , als Feßler um die Ehre bat , Franziska bis an ihre Wohnung begleiten zu dürfen . Ja , er lächelte kaum und zog sich , als beide gingen , in sein Zimmer zurück , das unmittelbar über dem Salon seiner Schwester gelegen war . Diese war daran gewöhnt , die nervöse Lebhaftigkeit ihres Bruders ohne besondere Veranlassung in ihr Gegenteil umschlagen zu sehen , und verwunderte sich deshalb erst , als er am nächsten Morgen ohne weitere Grundangabe sein Ausbleiben beim Frühstück entschuldigen ließ . Zugleich hörte sie , daß er in seinem Zimmer auf und ab schritt , wie jemand , der von einer schweren inneren Unruhe gequält wird . Was mocht es sein ? Was war vorgefallen , das ihn hätte verstimmen können ? Sie sann darüber noch nach , als der alte Graf in ihren Salon eintrat , eleganter gekleidet als gewöhnlich und überhaupt in einer Haltung wie jemand , der zur Audienz erscheint oder einen ernsthaften Vortrag halten will . Er ging auf die Schwester zu , begrüßte sie mit besonderer Artigkeit und nahm einen Stuhl . Aber er kippte mit demselben nur hin und her , während er sich über die hohe Lehne desselben vorbeugte . » Habe mit dir zu sprechen , Judith . Bist du bei Laune ? « Die Gräfin war ersichtlich unruhig geworden . » Ich glaube , du weißt , Adam , daß ich das nicht kenne , was man Laune nennt . Aber vor allen Dingen bitt ich dich , Platz zu nehmen . « » Nein , nicht Platz nehmen ; ich kann dann nicht sprechen ; es wird dann alles wie Staatsaktion . Laß mich hier stehen oder noch lieber auf und ab gehen ; der Teppich wird ohnehin Sorge dafür tragen , es nicht allzu störend für dich zu machen . Und nun ist es wohl das beste , mit der Tür ins Haus zu fallen : ich habe vor , mich zu verheiraten . « Judith erschrak heftig , aber sie war doch andererseits auch so vorbereitet darauf , daß es ihr gelang , ihre Ruhe rasch wiederzugewinnen . Und so sagte sie denn : » Warum solltest du nicht ? Es war einst der Wunsch meines Lebens . « » Einst « , wiederholte der Graf mit einem Anfluge von Bitterkeit oder doch Ironie . Die Gräfin aber achtete des ironischen Tones nicht und fuhr ihrerseits einfach fort : » Und wen ? Aber wozu frag ich noch ! « » Und wie stellst du dich zu meiner Wahl ? « » Nun , sie hat Chic . « » Und du Mißtrauen ? « » Nein . Ich habe sogar eine Vorliebe für sie . « » Gut . Dann bin ich deiner schließlichen Zustimmung sicher , obschon ich , um offen zu sein , vom Allerweltsstandpunkt aus mancherlei Schwierigkeiten und Hindernisse keinen Augenblick verkenne : Geburt und Stand und Konfession . « » Ja « , sagte Judith , » das trennt euch , Geburt und Stand und Konfession . Aber , mein lieber Adam , was euch eigentlich trennt , das hast du nicht genannt . Geburt und Stand , sagtest du . Nun wohl , in kleinen Verhältnissen bedeuten sie viel und schaffen vielleicht unübersteigliche Schwierigkeiten ; aber das Haus Petöfy darf sich freier bewegen , und in dem Augenblicke , wo das Ja gesprochen ist , ist auch ausgeglichen , was Geburt und Stand vermissen ließen . « Er war ersichtlich erfreut , sie so sprechen zu hören , und nickte zustimmend . » Also nicht das « , fuhr die Gräfin fort . » Und auch die Konfessionsfrage nicht , die Frage nach der Rechtgläubigkeit , die mich viel weniger ängstigt , als du vielleicht glaubst . Ich habe das Vertrauen zu der Macht unserer Kirche , der Macht meiner Gebete zu geschweigen , daß sie den mir wünschenswerten Ausgleich wenn nicht schaffen muß , so doch schaffen kann . Aber eines kann sie nicht ausgleichen den Unterschied der Jahre . « » Welches Wunder auch ungefordert bleibt . « » Und doch wäre es gut , es vollzöge sich . Ich wollte , du wärest weniger blind oder es schärfte sich doch dein Auge . « » Blind ? « nahm er jetzt erregt und mit einem