in Ragaz etwa sechs Wochen lang eine Kur machen , das hat der Herr Doktor befohlen , und dann sollen wir im Dörfli wohnen nachher , und ich soll dann an schönen Tagen auf die Alp hinaufgefahren werden in meinem Stuhl und den Tag über bei Dir bleiben . Die Großmama kommt mit und bleibt bei mir ; sie freut sich auch , zu Dir hinaufzukommen . Aber denk , Fräulein Rottenmeier will nicht mit . Fast jeden Tag sagt die Großmama einmal : Wie ist ' s mit der Schweizerreise , werte Rottenmeier ? Genieren Sie sich nicht , wenn Sie Lust haben , mitzukommen . Aber sie dankt immer furchtbar höflich und sagt , sie wolle nicht unbescheiden sein . Aber ich weiß schon , woran sie denkt : Der Sebastian hat eine so erschreckliche Beschreibung von der Alp gemacht , als er von Deinem Begleit nachhause kam , wie furchtbare Felsen dort herunterstarren und man überall in Klüfte und Abgründe niederstürzen könne , und daß es so steil hinaufgehe , daß man auf jedem Tritt befürchten müsse , wieder rücklings herunterzukommen , und daß wohl Ziegen , aber keine Menschen ohne Lebensgefahr da hinaufklettern können . Sie hat sehr geschaudert vor dieser Beschreibung und seither schwärmt sie nicht mehr für Schweizerreisen , wie früher . Der Schrecken ist auch in die Tinette gefahren , sie will auch nicht mit . So kommen wir allein , Großmama und ich ; nur Sebastian muß uns bis nach Ragaz begleiten , dann kann er wieder heimkehren . Ich kann es fast nicht erwarten , bis ich zu Dir kommen kann . Lebe wohl , liebes Heidi , die Großmama läßt Dich tausendmal grüßen . Deine treue Freundin Klara . Als der Peter diese Worte vernommen hatte , sprang er von dem Türpfosten weg und hieb mit seiner Rute nach rechts und links so rücksichtslos und wütend drein , daß die Geißen alle im höchsten Schrecken die Flucht ergriffen und den Berg hinunterrannten in so maßlosen Sprüngen , wie sie noch selten gemacht hatten . Hinter ihnen her stürmte der Peter und hieb mit seiner Rute in die Luft hinein , als habe er an einem unsichtbaren Feind einen unerhörten Grimm auszulassen . Dieser Feind war die Aussicht auf die Ankunft der Gäste aus Frankfurt , welche den Peter so sehr erbittert hatte . Das Heidi war so voller Glück und Freude , daß es durchaus am andern Tag der Großmutter einen Besuch machen und ihr alles erzählen mußte , wer nun von Frankfurt kommen , und besonders auch , wer nicht kommen werde ; das mußte für die Großmutter ja von der größten Wichtigkeit sein , denn sie kannte die Personen alle so genau und lebte mit dem Heidi alles , was zu seinem Leben gehörte , immerfort mit der tiefsten Teilnahme durch . Es zog auch beizeiten aus am folgenden Nachmittag , denn jetzt konnte es seine Besuche schon wieder allein unternehmen : die Sonne schien ja wieder hell und blieb lange am Himmel stehen , und über den trockenen Boden hin war es ein herrliches Bergabrennen , während der lustige Maiwind hinterhersauste und das Heidi noch ein wenig schneller hinunterjagte . Die Großmutter lag nicht mehr zu Bett . Sie saß wieder in ihrer Ecke und spann . Es lag aber ein Ausdruck auf ihrem Gesicht , als habe sie es mit schweren Gedanken zu tun . Das war so seit gestern Abend , und die ganze Nacht durch hatten diese Gedanken sie verfolgt und nicht schlafen lassen . Der Peter war in seinem großen Grimm heimgekommen , und sie hatte seinen abgebrochenen Ausrufungen entnehmen können , daß eine Schar von Leuten aus Frankfurt nach der Almhütte hinaufkommen werde . Was dann weiter geschehen sollte , wußte er nicht ; aber die Großmutter mußte weiter denken , und das waren gerade die Gedanken , die sie ängstigten und ihr den Schlaf genommen hatten . Jetzt sprang das Heidi herein und gerade auf die Großmutter zu , setzte sich auf sein Schemelchen , das immer da stand , und erzählte ihr mit einem solchen Eifer alles , was es wußte , daß es selbst immer noch mehr davon erfüllt wurde . Aber auf einmal hörte es mitten in seinem Satz auf und fragte besorgt : » Was hast du , Großmutter , freut dich alles gar kein bißchen ? « » Doch , doch Heidi , es freut mich schon für dich , weil du eine so große Freude daran haben kannst « , antwortete sie und suchte ein wenig fröhlich auszusehen . » Aber , Großmutter , ich kann ganz gut sehen , daß es dir angst ist . Meinst du etwa , Fräulein Rottenmeier komme doch noch mit ? « fragte das Heidi , selber etwas ängstlich . » Nein , nein ! Es ist nichts , es ist nichts ! « beruhigte die Großmutter . » Gib mir ein wenig deine Hand , Heidi , daß ich recht spüren kann , daß du noch da bist . Es wird ja doch zu deinem Besten sein , wenn ich es auch fast nicht überleben kann . « » Ich will nichts von dem Besten , wenn du es fast nicht überleben kannst , Großmutter « , sagte das Heidi so bestimmt , daß dieser mit einemmal eine neue Befürchtung aufstieg ; sie mußte ja annehmen , daß die Leute aus Frankfurt kommen , das Heidi wieder zu holen , denn da es nun wieder so gesund war , konnte es ja nicht anders sein , als daß sie es wieder haben wollten . Das war die große Angst der Großmutter . Aber sie fühlte jetzt , daß sie es vor dem Heidi nicht merken lassen sollte ; es war ja so mitleidig mit ihr , und da könnte es sich vielleicht widersetzen und nicht gehen wollen , und das durfte nicht sein . Sie suchte nach einer Hilfe , aber nicht lange , denn sie kannte nur eine . » Ich weiß etwas , Heidi « , sagte sie nun , » das macht mir wohl und bringt mir die guten Gedanken wieder . Lies mir das Lied , wo es gleich im Anfang heißt : Gott will ' s machen . « Das Heidi wußte jetzt so gut Bescheid in dem alten Liederbuch , daß es auf der Stelle fand , was die Großmutter begehrte , und es las mit hellem Ton : Gott will ' s machen , Daß die Sachen Gehen , wie es heilsam ist . Laß die Wellen Immer schwellen , Denk , wie du so sicher bist ! » Ja , ja , das ist ' s grad , was ich hören mußte « , sagte die Großmutter erleichtert , und der Ausdruck der Bekümmernis verschwand aus ihrem Gesichte . Das Heidi schaute sie nachdenklich an , dann sagte es : » Gelt , Großmutter , heilsam heißt , wenn alles heilt , daß es einem wieder ganz wohl wird ? « » Ja , ja , so wird ' s sein « , nickte bejahend die Großmutter , » und weil der liebe Gott es so machen will , so kann man ja sicher sein , wie ' s auch kommt . Lies es noch einmal , Heidi , daß wir ' s so recht behalten können und nicht wieder vergessen . « Das Heidi las seinen Vers gleich noch einmal und dann noch ein paarmal , denn die Sicherheit gefiel ihm auch so gut . Als so der Abend herangekommen war und das Heidi wieder den Berg hinaufwanderte , da kam über ihm ein Sternlein nach dem andern heraus und funkelte und leuchtete zu ihm herunter und es war gerade , als wollte jedes wieder neu ihm eine große Freude ins Herz hineinstrahlen , und alle Augenblicke mußte das Heidi wieder stille stehen und hinaufschauen , und wie sie alle ringsum am Himmel in immer hellerer Freude herunterblickten , da mußte es ganz laut hinaufrufen : » Ja , ich weiß schon , weil der liebe Gott alles so gut weiß , wie es heilsam ist , kann man eine solche Freude haben und ganz sicher sein ! « Und die Sternlein alle schimmerten und glänzten und winkten dem Heidi zu mit ihren Augen fort und fort , bis es oben bei der Hütte angekommen war , wo der Großvater stand und auch zu den Sternen hinaufschaute , denn so schön hatten sie lange nicht mehr heruntergestrahlt . Nicht nur die Nächte , auch die Tage dieses Maimonats waren so hell und klar , wie seit vielen Jahren nicht mehr , und öfters schaute der Großvater am Morgen mit Erstaunen zu , wie die Sonne mit derselben Pracht am wolkenlosen Himmel wieder aufstieg , wie sie niedergegangen war , und er mußte wiederholt sagen : » Das ist ein apartes Sonnenjahr ; das gibt besondere Kraft in die Kräuter . Paß auf , Anführer , daß deine Springer nicht zu übermütig werden vom guten Futter ! « Dann schwang der Peter ganz kühn seine Rute in der Luft und auf seinem Gesicht stand deutlich die Antwort geschrieben : Mit denen will ich ' s schon aufnehmen . So verfloß der grünende Mai und es kam der Juni mit seiner noch wärmeren Sonne und den langen , langen , lichten Tagen , die alle Blümlein auf der ganzen Alp herauslockten , daß sie glänzten und glühten ringsum und die ganze Luft weit umher mit ihrem süßen Duft erfüllten . Schon ging auch dieser Monat seinem Ende entgegen , als das Heidi eines Morgens aus der Hütte herausgesprungen kam , wo es seine Morgengeschäfte schon vollendet hatte . Es wollte schnell einmal unter die Tannen hinaus , und dann ein wenig weiter hinauf , um zu sehen , ob der ganze große Busch von dem Tausendgüldenkraut offen stehe , denn die Blümchen waren so entzückend schön in der durchscheinenden Sonne . Aber als das Heidi um die Hütte herumrennen wollte , schrie es auf einmal aus allen Kräften so gewaltig auf , daß der Öhi aus dem Schopf heraustrat , denn das war etwas Ungewöhnliches . » Großvater ! Großvater ! « rief das Kind wie außer sich : » Komm hierher ! Komm hierher ! Sieh ! Sieh « Der Großvater erschien auf den Ruf und sein Blick folgte dem ausgestreckten Arm des aufgeregten Kindes . Die Alm herauf schlängelte sich ein seltsamer Zug , wie noch nie einer hier gesehen worden war . Zuerst kamen zwei Männer mit einem offenen Tragsessel , darauf saß ein junges Mädchen , in viele Tücher eingehüllt . Dann kam ein Pferd , darauf saß eine stattliche Dame , die sehr lebhaft nach allen Seiten blickte und sich eifrig mit dem jungen Führer unterhielt , der ihr zur Seite ging . Dann kam ein leerer Rollstuhl , von einem andern jungen Burschen gestoßen , denn die Kranke , die hineingehörte , wurde den steilen Berg hinan auf dem Tragsessel sicherer transportiert . Zuletzt kam ein Träger , der hatte auf sein Reff so viele Decken , Tücher und Pelze übereinandergehäuft , daß sie oben noch hoch über seinen Kopf hinausragten . » Sie sind ' s ! Sie sind ' s ! « schrie das Heidi und hüpfte hochauf vor Freude . Sie waren es wirklich . Nun kamen sie näher und näher , und nun waren sie da . Die Träger setzten ihren Sessel auf die Erde , das Heidi sprang herzu und die beiden Kinder begrüßten sich mit ungeheurer Freude . Jetzt war auch die Großmama oben und stieg von ihrem Pferd herunter . Das Heidi rannte zu ihr hin und wurde mit großer Zärtlichkeit begrüßt . Dann wandte sich die Großmama zum Alm-Öhi um , der sich genaht hatte , um sie zu bewillkommnen . Da war gar keine Steifheit in der Begrüßung , denn sie kannte ihn und er sie so gut , als hätten sie schon lange Zeit miteinander verkehrt . Gleich nach den ersten Worten der Begrüßung sagte auch die Großmama mit großer Lebhaftigkeit : » Mein lieber Öhi , was haben Sie für einen Herrensitz ! Wer hätte das gedacht ! Mancher König könnte Sie darum beneiden ! Wie sieht auch mein Heidi aus ! - Wie ein Monatsröschen « , fuhr sie fort , indem sie das Kind an sich zog und ihm die frischen Backen streichelte . » Was ist das für eine Herrlichkeit um und um ! Was sagst du , Klärchen , mein Kind , was sagst du ? « Klara schaute in völligem Entzücken um sich ; so etwas hatte sie ja in ihrem ganzen Leben nicht gekannt , nicht geahnt . » O , wie schön ist ' s da ! O , wie schön ist ' s da ! « rief sie ein Mal ums andere aus ; » so hab ' ich mir ' s nicht gedacht . O Großmama , hier möcht ' ich bleiben ! « Der Öhi hatte derweilen den Rollstuhl herbeigerückt und einige der Tücher vom Reff heruntergenommen und hineingebettet . Jetzt trat er an den Tragsessel heran . » Wenn wir das Töchterchen nun in den gewohnten Stuhl setzten , so wäre es besser daran , der Reisesessel ist ein wenig hart « , sagte er , wartete aber nicht darauf , ob da jemand Hand anlegen werde , sondern hob sofort die kranke Klara mit seinen starken Armen sachte aus dem Strohsessel und setzte sie mit der größten Sorgfalt auf den weichen Sitz hin . Dann legte er ihr die Tücher über die Knie zurecht und bettete ihr die Füße so bequem auf die Polster , als hätte der Öhi sein Leben lang nichts getan , als Menschen mit kranken Gliedern gepflegt . Die Großmama hatte im höchsten Erstaunen zugeschaut . » Mein lieber Öhi « , brach sie jetzt aus , » wenn ich wüßte , wo Sie die Krankenpflege erlernt haben , noch heute schickte ich alle Wärterinnen , die ich kenne , dahin , daß sie dasselbe tun . Wie ist denn so etwas möglich ? « Der Öhi lächelte ein wenig . » Es kommt mehr vom Probieren , als vom Studieren « , entgegnete er , aber auf seinem Gesichte lag trotz des Lächelns ein Zug der Traurigkeit . Vor seinen Augen war aus längstvergangener Zeit das leidende Antlitz eines Mannes aufgestiegen , der so in einen Stuhl gebettet da saß und so verstümmelt war , daß er kaum ein Glied mehr gebrauchen konnte . Das war sein Hauptmann , den er in Sizilien nach dem heißen Gefecht so an der Erde gefunden und weggetragen hatte und der ihn nachher als einzigen Pfleger um sich litt und nicht mehr von sich gelassen hatte , bis seine schweren Leiden zu Ende waren . Der Öhi sah seinen Kranken wieder vor sich ; es war ihm nicht anders , als ob es jetzt seine Sache sei , die kranke Klara zu pflegen und ihr alle die erleichternden Dienstleistungen zu erweisen , die er so wohl kannte . Der Himmel lag dunkelblau und wolkenlos über der Hütte und über den Tannen und weit über die hohen Felsen weg , die grau schimmernd hineinragten . Klara konnte sich gar nicht genug umschauen , sie war ganz voller Entzücken über alles , was sie sah . » O Heidi , wenn ich nur mit dir herumgehen könnte , hier rund um die Hütte und unter die Tannen ! « rief sie sehnsüchtig aus . » Wenn ich doch alles mit dir ansehen könnte , was ich schon so lange kenne und doch noch nie gesehen habe ! « Jetzt machte das Heidi eine große Anstrengung , und richtig , es gelang , der Stuhl rollte ganz schön über den trockenen Grasboden hin bis unter die Tannen . Hier wurde Halt gemacht . So etwas hatte ja Klara wieder in ihrem Leben nie gesehen , wie die hohen , alten Tannen waren , deren lange , breite Äste bis auf den Boden herabwuchsen und da immer größer und dicker wurden . Auch die Großmama , die den Kindern gefolgt war , stand in hoher Bewunderung da . Sie wußte nicht , was das Schönste an den uralten Bäumen war , ob die vielen , rauschenden Wipfel hoch oben im Blau , oder die graden , festen Säulenstämme , die mit ihren gewaltigen Ästen von so vielen , vielen Jahren erzählten , die sie schon da oben gestanden und auf das Tal niedergeschaut hatten , wo die Menschen kamen und gingen und immer wieder alles anders wurde , und sie waren immer dieselben geblieben . Unterdessen hatte das Heidi den Rollstuhl vor den Geißenstall hingeschoben und hatte da die kleine Tür weit aufgerissen , damit Klara auch alles recht sehen könne . Da war nun freilich für diesmal nicht sehr viel zu sehen , da die Bewohner nicht daheim waren . Ganz bedauerlich rief Klara zurück : » O Großmama , wenn ich doch nur Schwänli und Bärli noch erwarten könnte und alle die anderen Geißen und den Peter ! Die kann ich ja alle gar nicht sehen , wenn wir dann immer so früh fort müssen , wie du gesagt hast ; das ist so schade ! « » Liebes Kind , jetzt erfreuen wir uns an all dem Schönen , das da ist , und denken nicht daran , was noch fehlen könnte « , berichtigte die Großmama , dem Stuhle folgend , der nun wieder weitergeschoben wurde . » O die Blumen ! « schrie Klara wieder auf , » ganze Büsche so feine , rote Blümchen und alle die nickenden Blauglöckchen ! O wenn ich doch heraus könnte und sie holen ! Das Heidi rannte augenblicklich hin und brachte einen großen Strauß zurück . » Aber das ist noch gar nichts , Klara « , sagte es , die Blumen auf ihren Schoß legend . » Wenn du einmal mit uns auf die Weide hinaufkommst , dann wirst du erst etwas sehen ! Auf einem Platz zusammen so viele , viele Büsche von dem roten Tausendgüldenkraut und noch viel , viel mehr blaue Glockenblümchen , als hier , und so viele Tausend von den hellen , gelben , daß es ist , wie lauter Gold , das am Boden glänzt . Der Großvater sagt , sie heißen Sonnenaugen und dann sind noch die braunen , weißt , mit den runden Köpfchen , die riechen so gut , und da ist es so schön ! Wenn man da sitzt , dann kann man gar nicht mehr aufstehen , so schön ist es ! « Heidis Augen funkelten vor Verlangen , wieder zu sehen , was es beschrieb , und Klara war wie angezündet davon , und aus ihren sanften , blauen Augen leuchtete ein völliger Widerschein von Heidis feurigem Verlangen auf . » O Großmama , kann ich wohl dahin kommen ? Glaubst du , ich kann so hoch hinauf ? « fragte sie sehnsüchtig . » O wenn ich nur gehen könnte , Heidi , und so mit dir auf der Alp herumsteigen , überall hin ! « » Ich will dich schon stoßen « , beruhigte sie das Heidi und nahm nun zum Zeichen , wie leicht das gehe , einen solchen Anlauf um die Ecke herum , daß der Stuhl fast den Berg hinuntergeflogen wäre . Da stand aber der Großvater in der Nähe und hielt ihn eben noch rechtzeitig auf in seinem Lauf . Während der Besuch unter den Tannen stattgefunden hatte , war der Großvater nicht müßig gewesen . Bei der Bank vor der Hütte stand jetzt der Tisch und die nötigen Stühle , und alles lag schon bereit , damit hier das schöne Mittagsmahl eingenommen werden konnte , das noch in der Hütte drinnen im Kessel dampfte und an der großen Gabel über den Gluten schmorte . Es währte aber gar nicht lange , so hatte der Großvater alles auf den Tisch gesetzt , und fröhlich saß nun die ganze Gesellschaft beim Mahle . Die Großmama war in hellem Entzücken über diesen Speisesaal , von dem aus man weit , weit hinab ins Tal und über alle Berge weg in den blauen Himmel hinein schauen konnte . Ein milder Wind fächelte den Tischgenossen liebliche Kühlung zu und säuselte drüben in den Tannen so anmutig , als wäre er eine eigens zum Feste bestellte Tafelmusik . » So etwas ist mir noch nicht vorgekommen . Es ist eine wahre Herrlichkeit ! « rief die Großmama wieder und wieder aus . » Aber was seh ' ich « , setzte sie jetzt in höchster Bewunderung hinzu , » ich glaube gar , du bist an einem zweiten Stück Käsebraten angekommen , Klärchen ? « Wirklich lag das zweite , golden glänzende Stück auf Klaras Brotschnitte . » O , das schmeckt so gut , Großmama , besser als die ganze Tafel in Ragaz « , versicherte Klara und biß mit großem Appetit in die gewürzige Speise hinein . » Nur zu ! Nur zu ! « sagte der Alm-Öhi wohlgefällig . » Das ist unser Bergwind , der hilft nach , wo die Küche zurückbleibt . « So nahm das fröhliche Mahl seinen Verlauf . Die Großmama und der Alm-Öhi verstanden sich ausnehmend wohl und ihr Gespräch war immer belebter geworden . Sie stimmten in allerhand Meinungen über Menschen und Dinge und den Verlauf der Welt so gut überein , daß es war , als hätten die beiden schon jahrelang in einem freundschaftlichen Verkehr gestanden . So ging eine gute Zeit dahin und auf einmal schaute die Großmama gegen Abend hin und sagte : » Wir müssen uns bald rüsten , Klärchen , die Sonne ist schon weit vorgerückt ; die Leute müssen bald wiederkommen mit Pferd und Sessel . « Aber auf das eben noch so fröhliche Gesicht der Klara kam ein ganz trauriger Ausdruck und sie bat eindringlich : » O , nur noch eine Stunde , Großmama , oder zwei ! Wir haben ja die Hütte noch gar nicht gesehen und Heidis Bett und die ganze Einrichtung . O wenn der Tag nur noch zehn Stunden hätte ! « » Das ist nun nicht gut möglich « , meinte die Großmama , aber die Hütte wollte sie auch gern noch ansehen . Man brach also gleich vom Tisch auf , und der Öhi lenkte den Stuhl mit fester Hand der Tür zu . Aber hier ging es nicht weiter , der Stuhl war viel zu breit , um durch die Öffnung eingehen zu können . Der Öhi besann sich nicht lange . Er hob Klara heraus und trug sie auf seinem sicheren Arm in die Hütte hinein . Hier lief die Großmama hin und her und besah sich genau die ganze Einrichtung und hatte ihren großen Spaß an der ganzen Häuslichkeit , die so hübsch aufgeräumt und wohlgeordnet aussah . » Das ist ja wohl dein Bett dort auf der Höhe , Heidi , nicht wahr ? « fragte sie jetzt und stieg gleich unerschrocken das Leiterchen hinauf zum Heuboden . » O wie das hübsch duftet , das muß ein gesundes Schlafgemach sein ! « Und die Großmama ging zu dem Loch hin und guckte durch , und schon stieg auch der Großvater mit der Klara auf dem Arm nach , und hintendrein hüpfte das Heidi herauf . Jetzt standen sie alle um Heidis schön ausgerüstetes Heubett herum , und ganz nachdenklich schaute die Großmama darauf hin und zog von Zeit zu Zeit in langen Atemzügen den würzigen Duft des frischen Heues mit Behagen ein . Klara war von Heidis Schlafstätte völlig hingerissen . » O , Heidi , wie lustig hast du ' s doch ! Vom Bett aus siehst du gerade in den Himmel hinein und hast einen so schönen Geruch um dich und hörst die Tannen rauschen draußen . O so lustig und kurzweilig hab ' ich noch gar kein Schlafzimmer gesehen ! « Der Öhi schaute jetzt zu der Großmama hinüber . » Ich hätte so meine Gedanken « , sagte er , » wenn die Frau Großmama mir glauben wollte und ihr die Sache nicht widerstrebte . Ich meine , wenn wir das Töchterchen ein wenig hier oben behielten , so könnte es zu neuen Kräften kommen . Es sind da so allerhand Tücher und Decken mitgekommen , aus denen bereiten wir hier ein ganz apart weiches Bett , und um die Pflege des Töchterchens müßte die Frau Großmama keine Sorge haben , die übernehme ich . « Klara und Heidi jauchzten miteinander auf wie zwei freigelassene Vögel , und über das Gesicht der Großmama kam ein ganzer Sonnenschein . » Mein lieber Öhi , Sie sind ein prächtiger Mann ! « brach sie aus . » Was meinen Sie , was ich eben jetzt dachte ? Ich sagte im stillen : Müßte nicht ein Aufenthalt hier oben das Kind ganz besonders stärken ? Aber die Pflege ! die Sorge ! die Unbequemlichkeit für den Wirt ! Und Sie kommen und sprechen es aus , als wäre da gar nichts dabei . Ich muß Ihnen danken , mein lieber Öhi , ich muß Ihnen von ganzem Herzen danken ! « Und die Großmama schüttelte dem Öhi die Hand ein Mal ums andere und immer wieder , und der Öhi schüttelte auch die ihrige mit einem ganz erfreuten Gesicht . Sofort ging der Öhi zur Tat über . Er trug Klara in ihren Sessel vor die Hütte zurück , vom Heidi gefolgt , das nicht wußte , wie hoch es vor Freude springen wollte . Dann lud er gleich die sämtlichen Tücher und Pelzdecken auf seine Arme und sagte wohlgefällig lächelnd : » Es ist gut , daß die Frau Großmama so wie zu einem Winterfeldzug gerüstet hatte ; das können wir brauchen . « » Mein lieber Öhi « , antwortete die Herzutretende lebhaft , » Vorsicht ist eine schöne Tugend und schützt vor manchem Ungemach . Wenn man auf den Reisen über Ihre Gebirge ohne Sturm und Wind und Wolkenbrüche davonkommt , so kann man nur danken und das wollen wir tun , und meine Schutzmittelchen sind auch so noch gut zu gebrauchen ; darin sind wir einig . « Während dieses kleinen Gespräches waren die beiden nach dem Heuboden hinaufgestiegen und begannen nun die Tücher über das Bett hinzubreiten , eins nach dem andern . Da waren ihrer so viele , daß das Bett zuletzt aussah wie eine kleine Festung . » Jetzt soll mir noch ein einziger Heuhalm durchstechen , wenn er kann « , sagte die Großmama , indem sie noch einmal mit der Hand auf allen Seiten eindrückte ; aber die weiche Mauer war so undurchdringlich , daß wirklich keiner mehr durchstach . Nun stieg sie befriedigt die Leiter hinunter und trat zu den Kindern heraus , die mit strahlenden Angesichtern nah zusammensaßen und ausmachten , was sie nun tun wollten vom Morgen bis zum Abend , so lange Klara auf der Alp bleiben durfte . Aber wie lange würde das sein ? Das war nun die große Frage , welche augenblicklich der Großmama vorgelegt wurde . Die sagte , das wisse der Großvater am besten , ihn müßten sie fragen , und als dieser eben herzutrat und nun die Frage an ihn gerichtet wurde , meinte er , vier Wochen seien gerade recht , um beurteilen zu können , ob die Alpluft ihre Schuldigkeit an dem Töchterchen tue , oder nicht . Jetzt jubelten die Kinder erst recht auf , denn die Aussicht auf solches Zusammenbleiben übertraf alle ihre Erwartungen . Nun sah man von unten herauf wieder die Sesselträger und den Pferdeführer mit seinem Tier heranrücken . Die ersteren konnten gleich wieder umkehren . Als die Großmama sich anschickte , ihr Pferd zu besteigen , rief Klara fröhlich aus : » O Großmama , das ist nun gar kein Abschied , wenn du schon fortreitest , denn nun kommst du von Zeit zu Zeit zu uns zu Besuch auf die Alp , um zu sehen , was wir machen , und das ist dann so lustig , nicht , Heidi ? « Heidi , das heute von einem Vergnügen ins andere fiel , konnte seine zustimmende Antwort nur durch einen hohen Freudensprung ausdrücken . Nun bestieg die Großmama das feste Saumtier , und der Öhi ergriff den Zügel und führte das Pferd mit sicherer Hand den steilen Berg hinunter . Wie auch die Großmama eiferte , er möchte doch nicht so weit mitgehen , es half nichts ; der Öhi erklärte , er werde ihr sein Geleit bis zum Dörfli hinunter geben , da die Alp so steil und der Ritt nicht ohne Gefahr sei . In dem einsamen Dörfli gedachte die Großmama , nun sie allein war , nicht zu bleiben . Sie wollte nach Ragaz zurückkehren und von dort aus dann von Zeit zu Zeit ihre Alpenreise wiederholen . Noch bevor der Öhi wieder zurückgekehrt war , kam der Peter mit seinen Geißen dahergerannt . Als diese merkten , wo das Heidi war , stürzten sie alle der Stelle zu ; im Augenblick war die Klara in ihrem Stuhl samt dem Heidi mitten in dem Rudel drinnen , und drängend und stoßend guckte immer eine der Geißen über die andere her und jede wurde gleich vom Heidi der Klara genannt und vorgestellt . So kam es , daß diese in der kürzesten Zeit die langerwünschte Bekanntschaft mit dem kleinen Schneehöppli , dem lustigen Distelfink , den sauberen Geißen des Großvaters , mit allen , allen , bis hinauf zum großen Türk , gemacht hatte . Der Peter aber stand derweilen abseits und warf seltsam drohende Blicke auf die vergnügte Klara hin . Als nun die Kinder beide freundlich zu ihm hinüberriefen : » Gute Nacht , Peter ! « gab er durchaus keine Antwort , sondern hieb mit seiner Rute so grimmig in die Luft hinein , als wollte er