kalt , mit augenscheinlicher Selbstüberwindung , als ob sie höchst ungern eine zu hohe Rechnung bezahle . Das war ich dir schuldig , da hast du ' s ! ... Sie gab so schwer etwas weg von ihrer Armut , diese karge Seele . Ich aber , meine liebe Freundin , hatte nun erfahren , zu welchem Zweck mich Francine mit stündlicher Überwachung umgab , warum sie mir nachschlich auf Schritt und Tritt , unversehens neben mir auftauchte , wenn ich sie am wenigsten in der Nähe vermutete . Sie war eben nichts andres als ein elender Spion und berichtete über mich in Briefen an die Schwiegermutter des Grafen . Ich hatte sie oft schreibend gefunden , wenn ich durch ihr Zimmer kam , und gelacht über die Hast , mit welcher sie bei meinem Nahen ihr Gekritzel mit der Hand bedeckte oder in die Schublade schob . Angeekelt hat mich das alles , aber nicht besorgt gemacht . Ich war in mancher Hinsicht jünger als meine Jahre und dachte : Übles kann von mir nicht gesagt werden , wenn auch , wie Anka sich ausgedrückt hatte , alles gesagt wurde ; es fiel mir nicht ein , daß sich mehr sagen lassen könne als alles Wahre , nämlich etwas Falsches . 8 Wir befinden uns , wie Sie sich erinnern , im Jahre neun « , hub die Hofrätin von neuem an , » es ist im Beginn des Monats Mai . Daß unsre schönen Träume von einem siegreichen Vordringen unsrer Armee unter ihrem großen Führer sich nicht erfüllten , wissen wir bereits . Etwas ganz Bestimmtes , Unwiderrufliches haben wir aber noch nicht erfahren . Ein Mainachmittag also , ein gar lieblicher noch dazu ; der Doktor , Anka und ich kehren vom Spaziergang zurück , und wie wir uns dem Tore des Hofes nähern , sehen wir es offen und vor dem Schlosse einen großen Reisewagen stehen , schwer bepackt , mit vier Schimmeln bespannt . Anka ! ruft der Doktor , wessen Equipage ist das ? Wer ist angekommen ? Die Kleine schreit auf : Großmama ! Es ist Großmama ! und läuft , so schnell sie kann , in den Hof . Ich ging dem Kinde nach , ohne meine Schritte zu beschleunigen , und hatte alle Zeit , die Dame zu betrachten , die unbeweglich neben dem Grafen stand und ihre Enkelin heraneilen ließ . Sie blickte über Anka hinweg und hielt mich ins Auge gefaßt , aufmerksam , neugierig , ohne Mißgunst und ohne Wohlwollen . Erst nachdem Anka bei ihr angelangt war , beugte sie sich zu dem Kinde nieder , drückte es an ihre Brust und begann mit ihm zu plaudern . Ich sah die Gräfin zum erstenmal ; in der Stadt war ich ihres Anblicks nie teilhaftig geworden , und überrascht und unwillkürlich zweifelnd fragte ich : Die Großmutter ? Ist das möglich ? Die Dame eine Großmutter ? Der Doktor murmelte etwas von wunderbar erhalten , unglaublich konserviert , aber die Gräfin machte nicht den Eindruck einer gut konservierten , sondern wirklich den einer jungen Frau . Ihre hohe , junonische Gestalt bewegte sich mit der Leichtigkeit und Anmut jener Jahre , die für klassische Frauenschönheit die der höchsten Blüte und Entfaltung sind . Trotz des hellen Sonnenlichtes , von dem sie umwoben wurde , war nicht die Spur einer künstlichen Nachhilfe im rosigen Inkarnat ihres schönen Gesichtes zu bemerken . Ihre niedere Stirn , von glatt gescheiteltem , dunkelblondem Haar umrahmt , die klaren blauen Augen , die feine Nase , der liebliche , etwas schwellende Mund erinnerten an die verstorbene Gräfin . Dieser freilich sah man ihr Leiden schon an , als ich sie kennenlernte , während ihre Mutter sich der vollen Frische blühender Gesundheit erfreute . So heiter und sorglos sie dreinsah , so finster und verstört erschien der Graf : Schlechte Nachrichten ! rief er uns schmerzlich entgegen . Geschlagen ! Unsere Armee auf dem Rückzug , Bonaparte auf dem Wege nach Wien ! ... Ich bin auf der Flucht , Herr Doktor , sagte die Gräfin , auf der Flucht vor unsern heimkehrenden Truppen . Das sind jetzt traurige und beschämte Leute . Kolowrat übernachtet heut in meinem Hause . Der Arme ! Vor kurzem sprach ich ihn , da war er trunken von Siegeshoffnung . Ich konnte mich nicht entschließen , ihn jetzt wiederzusehen ... Er hat so große Enttäuschungen durchgemacht , er , und alle , alle ... Mademoiselle Helene , nicht wahr ? wandte sie sich an ihren Schwiegersohn , nachdem sie von neuem ihren glänzenden und teilnahmslosen Blick auf mir hatte ruhen lassen . Der Graf erwiderte , sie müsse mich von Wien aus kennen . Alles in ihm kochte vor Zorn über den Gleichmut dieser Frau . Sie nahm davon keine Notiz . Mais pas du tout , sagte sie . Ich hatte noch nicht das Vergnügen , und es ist eines , Sie zu sehen , mein liebes Kind . Nun , wenn es ihr eines war , sie gönnte sich ' s. So hartnäckig , so gleichsam zergliedernd , wie die Gräfin tat , hatte mich noch niemand betrachtet , und ich fühlte es : Sie weiß dich jetzt auswendig , sie könnte dich malen , sie könnte Rechenschaft geben von jedem Faden an dir , vom Band an deinem Hut bis zu dem an deinem Schuh . Und dabei beantwortete sie die Fragen , mit denen der Doktor sie bestürmte . Ja , ja , wir hatten furchtbare Verluste erlitten ; über das Schicksal ihrer Söhne jedoch konnte die Gräfin , Gott sei Dank , ruhig sein . Sie hatten sich wacker gehalten und waren in mörderischen Gefechten unversehrt geblieben . Aber der arme Stephan - ja der ... Was ist ' s mit ihm ? rief der Graf , der bisher geschwiegen , die Zähne zusammengebissen hatte und offenbar mit Widerstreben den Erzählungen seiner Schwiegermutter zuhörte . Er wollte wissen , was sie sagte ; die Art , in der sie es sagte , war ihm ein Greuel . Er wiederholte seine Frage , und die Gräfin antwortete , indem sie bedauernd die Achseln zuckte : Verwundet , vielleicht schwer ... - Vielleicht tot ! warf der Graf heftig ein , und ich erbebte bis ins Innerste . Andächtig - dafür stehe ich Ihnen gut - habe ich an dem Abend das Vaterunser gebetet , das Graf Stephan sich ausbedungen . Die Gräfin berichtete alles , was sie wußte . Es war nicht viel , sie hatte es durch einen ihrer Söhne erfahren , der Mittel gefunden , ihr Nachricht zukommen zu lassen . In der Nähe von Regensburg , bei dem heldenmütigen Angriff der Stipsiczhusaren auf die Kavalleriedivisionen St. Sulpice und Nansouty , hatte man den jungen Rittmeister an der Spitze seiner Schwadron , von mehreren Karabinerkugeln zugleich getroffen , vom Pferde stürzen sehen . Tot also oder gefangen , sprach der Graf und stampfte ingrimmig mit dem Fuße ; Doktor , Doktor , wann machen Sie mich endlich gesund ? ! Die Gräfin meinte , man würde auch ohne ihn mit den Franzosen fertigwerden , und ließ sich in das Schloß führen , um vor der Tafel ein wenig auszuruhen . Beim Diner erschien sie umgekleidet , parfümiert , in einer hellgrauen Toilette von entzückender und sehr kostbarer Einfachheit . Sobald sie am Tische Platz genommen hatte , war sie die Herrin des Hauses , der Graf schien nur noch ihr Gast zu sein ; sie führte ein sehr lebhaftes Gespräch und unterhielt uns , und zugleich auch sich selbst , auf das beste . Nach dem Speisen spielte sie mit Anka Domino , ließ die Kleine gewinnen und bezahlte den Verlust der Partie mit einem blanken Dukaten , den sie durch ihren Kammerdiener herbeibringen ließ . Dann schickte sie ihr Enkelchen schlafen , erklärte zu wissen , daß die Abende bei uns mit Lesen zugebracht würden , und rief : Zur Lektüre denn ! Hocherfreut rieb der Doktor sich die Hände : Schön ! schön ! und zu welcher befehlen Eure Erlaucht ? Zu welcher ? Ja , dafür wußte Ihre Erlaucht Rat . Sie besaß ein nicht mehr ganz neues , gewiß jedoch sehr schönes Buch und hatte es hierher mitgenommen . Oh , Liebe , wandte die Gräfin sich zu mir , es liegt irgendwo in meinem Zimmer ... auf dem Tisch oder auf der Toilette ... gehen Sie es holen , Liebe ... Ich war rasch aufgestanden , zugleich mit mir aber auch der Graf : Bleiben Sie , Fräulein ! befahl er , ich will das Buch holen ... - Oder - ich , fand der Doktor für gut zu sagen und machte Miene , sich zu erheben . Zu spät ; der Graf hatte das Zimmer schon verlassen . Die Gräfin stieß ein leises , langgedehntes Ah ! hervor und sah mich heiter lächelnd und diesmal nicht ohne Wohlwollen an . Doch war es ein sonderbares Wohlwollen , eines , das nichts mit Herzlichkeit zu tun hat , sondern aus übermütiger Laune , aus munterem Belustigtsein entspringt ; ein Wohlwollen war ' s , das nicht wohltut . Ich errötete und wußte eigentlich nicht warum . Der Graf kam zurück . Er legte vier kleine Bände vor seine Schwiegermutter hin . Sind das die rechten ? Ich kann es nicht glauben - französische Bücher , wir werden doch nicht französische Bücher lesen , Mama ? Französische ? wiederholte der Doktor entrüstet , und die Gräfin lachte . Geniert Sie das ? Haben Sie am Ende gar Ihr Französisch vergessen ? sprach sie , worauf der Alte mit unbeschreiblicher Geringschätzung entgegnete : Wär unmöglich , Erlaucht , sintemal ich nie ein Wort davon gewußt habe . Er erhielt den Rat , nur recht gut zuzuhören ; mit Hilfe des Lateinischen , das er als Arzt doch kennen müsse , werde er heute etwas , morgen mehr und übermorgen alles verstehen . Da rief der Graf , der inzwischen in einem der Bücher geblättert hatte : Ich finde nichts als Betrachtungen und Predigten . Die Geschichte scheint mir langweilig . Erlassen Sie uns diese Prüfung , Mama . Langweilig ! - Das eine Wort kühlte den Leseeifer der Gräfin plötzlich ab . Sie war auf einmal zu nichts mehr so gut aufgelegt wie zu einer Partie Pikett mit ihrem Schwiegersohne . Ich aber kam bei dieser Gelegenheit zu dem ersten französischen Roman , den ich je mit Augen geschaut . Die Gräfin übergab mir ihn zur Durchsicht , und noch am selben Abend machte ich die Bekanntschaft der Delphine von Madame de Staël . Lesen Sie das Buch heute , und vieles darin wird Ihnen sentimental und veraltet erscheinen . Das immerwährende Niedertauchen in die eigene Seele , das Belauschen der eigenen Empfindungen , in dem besonders die Heldin sich gefällt , wird Sie ermüden , und dennoch , ich wette ! aus der Hand legen Sie den Roman nicht gern . Die Menschen , mit denen er Sie vertraut macht , sind doch gar zu interessant . Diese Delphine ist gar zu herrlich in dem Glänze ihres weltumfassenden Geistes , gar zu rührend in der Naivität ihrer großartigen Wahrhaftigkeit . So wirkt das Buch heute noch ; ermessen Sie , wie es auf ein neunzehnjähriges Mädchen wirken mußte , das zu einer Zeit damit bekannt wurde , in der die Sitten , die es schildert , noch nicht antiquiert waren und das Wort romantisch bei weitem nicht für einen Tadel galt . Delphine ist die schöne junge Witwe eines Greises , der sie nur geheiratet hat , um ihr sein Vermögen hinterlassen zu können . Sie hat durch ihre Großmut die Verbindung ihrer Kusine mit einem Manne ermöglicht , den weder die ihm bestimmte Braut noch Delphine bisher gesehen haben . Die letztere hört viel von ihm , sieht sein Porträt , ihre Phantasie ist von ihm erfüllt , sein bester Freund sagt ihr : Sie sind für ihn geschaffen , Sie allein würden es verstehen , ihn dauernd zu beglücken ... Er wird infolge eines Abenteuers auf der Reise verwundet , man bringt ihn nach Paris , er ruft seine zukünftige Schwiegermutter an sein Krankenlager und hofft , seine Braut werde sie begleiten . Statt dieser , die es aus übertriebenen Schicklichkeitsrücksichten verweigert , läßt Delphine sich dazu herbei . Unterwegs bereut sie ihre Nachgiebigkeit . Sie fürchtet , Leonce - der Held - könne den Schritt , den sie tut , mißbilligen . Ein Zagen ergreift sie , als sie vor ihn treten soll , aber sobald sie ihn gesehen , weicht jede andre Empfindung der des Mitleids . Sie steht an seinem Ruhebett ; er vermag kaum den Kopf zu erheben , um sie zu begrüßen , und bietet in seiner Hilflosigkeit den Anblick des edelsten und rührendsten Leidens . Eine tiefe Gemütsbewegung bemächtigt sich ihrer ... Bis dahin kam ich , nicht weiter - an diesem Tage nicht um ein Wort weiter ! ... Ich sah nicht mehr , was auf den Blättern stand vor meinen leiblichen Augen , ich sah ein andres Bild als das dort geschilderte , ein andres und doch so ähnliches Bild , und gewaltiger , als es mich in der Wirklichkeit ergriffen hatte , ergriff es mich in der Erinnerung . Was ich damals ahnungslos empfunden , jetzt wußte ich ' s ! Dieses Buch hatte es mich gelehrt ! Am nächsten Vormittag wurden Anka und ich zur Gräfin gerufen . Es roch köstlich in ihrem Zimmer , sie sah frisch aus wie eine Rose , war eben aus dem Bade gestiegen , lag auf der Chaiselongue und trank Schokolade . Jetzt wollte sie eine kleine Konversation mit uns haben . Unterhalte mich , Anka ! Sie begannen zu schwatzen , und die Großmama war die Lustigere von beiden , zog auch mich ins Gespräch , machte mir Komplimente über meine Augen , meine Zähne , meinen Teint , über was weiß ich . Die große Dame zeigt gegen unsereinen ebensowenig Stolz wie gegen ein Hündchen oder einen Kanarienvogel . Man spielt mit solchen Wesen , wenn sie niedlich sind , schmeichelt ihnen und verwöhnt sie . Der Vogel löscht seinen Durst aus dem Glase der Gebieterin , das Hündchen schläft auf ihrem Schoß , aber die Vertraulichkeit , in der man mit ihnen lebt , ändert nichts an der Rangordnung , die sie in der Stufenleiter der Geschöpfe einnehmen . So wenig Menschen- und Weltkenntnis ich damals besaß , über den Wert der Freundlichkeiten , die mir die Gräfin erwies , gab ich mich keiner Täuschung hin . Mitten in ihrem Geplauder fiel es Anka plötzlich ein zu fragen , ob ihre Großmutter in die Gruft gehen werde , den schönen Sarkophag zu sehen , in dem Mama liege . Da vereiste gleichsam das Gesicht der Gräfin , ein Ausdruck des Widerwillens umzuckte ihren Mund , wie zurückgestoßen drückte sie sich in die Kissen . Nein , nein , was denkst du ? ... Man darf die Ruhe der Toten nicht stören , sagte sie , und sogleich entließ sie uns mit dem Auftrag , ihr Francine zu schicken . Wissen Sie was ? begann Anka , nachdem sie ein Weilchen schweigend neben mir einhergegangen war , und mit der wichtigsten Miene und in belehrendem Tone fügte sie hinzu : Wir müssen , wenn wir uns bei Großmama langweilen , nur anfangen von der Gruft zu sprechen , da schickt sie uns gleich fort . Wir sahen die Gräfin erst bei Tische wieder . Abends beteiligten wir uns alle an einem Lottospiel mit Anka . Ich saß dem Grafen gegenüber , dessen Blick mit einer Aufmerksamkeit auf mir ruhte , die abzulenken seine Schwiegermutter mehrmals umsonst versuchte . Ob mir dabei wohl oder weh zumute war , dürfen Sie mich heute nicht fragen ; vielleicht habe ich es sogar damals nicht deutlich gewußt . Klar empfand ich nur eines : ein nicht ganz trostloses , sondern mit einer geheimnisvollen , schmerzlich süßen Befriedigung gemischtes Gefühl : Du mußt fort ... Und immer mehr befestigte sich die Überzeugung in mir : Du mußt fort ! « 9 Die Erzählerin machte eine kleine Pause . » Vergangene Freuden , vergangene Leiden sind wie geträumte Freuden und Leiden « , sagte sie . » Vermutlich schlage ich als Siebzigjährige zu gering an , was ich als neunzehnjähriges Mädchen im stillen und ganz allein mit mir selbst durchzumachen hatte . Mag sein und hat weiter nichts zu bedeuten . Wovon aber Notiz genommen werden muß , das ist die Veränderung , die sichtlich im Benehmen des Grafen gegen mich eingetreten war . Er kam jetzt öfters am Vormittag auf unser Zimmer , wohnte einer oder der andern Unterrichtsstunde bei und verließ uns nicht , ohne seine Freude über Ankas Fortschritte ausgedrückt , ohne gesagt zu haben : Anka und ich können Ihnen nie genug danken . Er begann mir eine Rücksicht , ja eine Ehrerbietung zu erweisen , die mich in Verlegenheit setzte , die Gräfin zum Spott reizte und das Kind entrüstete . Die Kleine wies jeden , auch den geringsten Tadel , den ich ihr erteilte , zurück , sie tat es sogar mit den Worten : Sie sind böse , weil ich nicht soviel Wesens mit Ihnen mache wie Papa . Indes ihr Vater meinte , sie unter meiner Leitung zu einer kleinen Vollkommenheit heranwachsen zu sehen , wurde sie immer herber und eigenwilliger und ich ihr gegenüber immer machtloser . Ich hätte das eingestehen , dem Grafen die Wahrheit sagen sollen , aber er tat mir zu leid , er war ohnehin gequält genug . Die verhängnisvolle Wendung , die der Krieg genommen hatte , das peinliche Bangen vor den Entscheidungen der nächsten Zukunft , die Untätigkeit , zu der er dabei verdammt war - ich konnte es nicht über mich gewinnen , den Seelenzustand noch zu verschlimmern , in den alles das ihn versetzte . Ich wußte , was in dem Manne vorging , was er litt und schweigend leiden mußte . Ihm war nicht einmal der karge Trost vergönnt , seine Befürchtungen oder Erwartungen mit einem gleichfühlenden Wesen zu besprechen . Den Doktor hatte das neuerliche Unglück unsrer Waffen außer Rand und Band gebracht . Im Anfang tobte er , dann erklärte er sich für schwer krank , legte sich zu Bett und stand nur einmal im Tage auf , um den Arm des Grafen nachzusehen . Was die Gräfin betrifft , so entfaltete sie in ihren Bemühungen , jede ernste Erörterung zu vermeiden , eine unnachahmliche Meisterschaft . Ja , mein Gott , c ' est la guerre ! ' war ihre stehende Antwort auf jede Besorgnis , jede Klage , die in ihrer Gegenwart laut wurde . Und sogleich brachte sie eine angenehme Nichtigkeit , eine erfreuliche Lappalie aufs Tapet . Sie kam mir vor wie eine höchst alberne Fee , die , in der Absicht , alles Elend auf Erden zu verdecken , mit einem Vorrat rosenfarbiger Schleier einhergeschwebt käme . Diese Frau - ich fing an , sie zu hassen . Ihre beiden Söhne standen vor dem Feind , jeder Tag konnte ihr die Nachricht bringen : Du hast keine Kinder , uns allen aber die : Ihr habt kein Vaterland mehr ! - und sie glitt dahin voll Anmut , in spiegelheller Heiterkeit und erzählte charmante Anekdoten von charmanten Dingen und charmanten Leuten . Eine Woche ungefähr befand sie sich auf dem Schlosse , da kamen eines Abends durch die Post Nachrichten für den Grafen und für die Gräfin . Trostlos lauteten die Mitteilungen an den Grafen . Die Franzosen waren in Wien . - Gescheitert waren alle Hoffnungen des Erzherzogs , vor dem Feinde die Kaiserstadt zu erreichen , gescheitert alle auf ihren Entsatz gerichteten Entwürfe . Wien hatte kapituliert , die Franzosen waren in Wien ! ... Zum zweitenmal im Verlauf von vier Jahren schrieb Napoleon der Welt Gesetze vor aus dem Hauptquartier Schönbrunn . Dies also das letzte Ergebnis ! ... Und der Preis , um den es errungen worden ? Der Tod von Tausenden , von denen jeder einzelne ein Held gewesen war , Regimenter aufgerieben , Bataillone gefangen ... Knirschend warf der Graf die unheilverkündenden Blätter auf den Tisch : Welchen Trost wissen Sie dafür ? rief er seiner Schwiegermutter zu . Sie atmete etwas rascher als gewöhnlich und fuhr leicht mit den Fingern über ihre Stirn , auf der sich ein paar Fältchen gebildet hatten . Nur nicht verzweifeln , nur nicht den Kopf verlieren . Ich habe einen Brief , der einen weniger düstern Ton anschlägt . Höre den an , es wird dir wohltun . Lesen Sie , Liebe . Das Schreiben , das mir die Gräfin mit diesen Worten reichte , war von ihrem älteren Sohne verfaßt und von dem jüngeren mitunterzeichnet . Kraus die Züge , kühne Wendungen , ein komischer Stil , im ganzen - der frischeste Soldatenbrief , den je ein wackerer Bursch in seines Herzens ungelöschtem Durst nach Siegesglück geschrieben . Oben am Rande stand : 19. Mai , irgendwo am Ufer vom Rußbach , und die ersten Worte des Textes lauteten : Mama , es geht uns gut ! Graf Albert gab zu , daß es ein Elend gewesen sei bei Thann und Landshut , bei Abensberg und Regensburg und ein verfluchtes Reiten heimwärts über Böhmen , erst zu schnell und dann viel zu langsam . Indessen - das ist vorüber und wird wiedergutgemacht werden , so denkt die Armee ... Wenn die Mama sich nur einen Begriff davon machen könnte , wie ihren Söhnen jetzt zumute ist ! Sie brächte ebensowenig wie die beiden heute Nacht ein Auge zu . Morgen in aller Früh geht ' s in die Lobau ! - der Satz löste sich förmlich aus dem Briefe wie ein Jubelschrei - , die Franzosen machen sich breit auf der Insel , scheinen sogar über den großen Donauarm eine Brücke zu schlagen . Man muß schauen , was sie denn wollen , und ein Teil der Avantgarde unter Klenau und ein paar von unsern Regimentern brechen morgen dahin auf . Da wollen wir uns andre Sporen verdienen als die , die wir in dem verwünschten Bayern unsern Pferden in die Flanken setzten . Hoch lebe Österreich ! Die Gräfin nickte beistimmend , bemühte sich zu lächeln , und ihr Gesicht erhielt etwas Verzerrtes , Maskenhaftes , ein grünlicher Schatten bildete sich um ihren Mund . Nein ! Sie war nicht angetan , Schmerz und Sorge zu ertragen , und wenn sie immer und um jeden Preis nach Gelassenheit rang , so geschah ' s aus Notwehr , und sie rang dabei um ihr Leben . Sie griff nach dem Briefe in meiner Hand . Frau Gräfin ! rief ich , da ist noch eine Nachschrift ... Sie erzitterte : Nun - lesen Sie ... Ich las : Was sagst Du zur Rettung Stephans ? Sind das brave Kerle , seine drei Husaren , die ihn zurückgetragen haben ! Diese gute Nachricht am Schluß , so unbestimmt sie war , verlieh der Gräfin wunderbare Erquickung . Eine gute Nachricht , ein günstiges Omen ! Jetzt befand sie sich wieder in ihrem Element , und der Name Stephans , den sie , seitdem das Gerücht von seinem Tode zu uns gedrungen , nicht mehr ausgesprochen hatte , kam an dem Abend immer von neuem über ihre Lippen . Am nächsten Tage , es war der 24. Mai , hatte Ankas Unterrichtsstunde eben begonnen , da hörten wir plötzlich Pferdegetrappel im Hofe und sahen einen Reiter hereintraben , vor dem Schlosse absteigen , die Zügel eines müdegejagten , schweißtriefenden Postgaules dem ersten Diener , der herbeilief , zuwerfen und mühsam , mit ganz steifen Beinen , ins Tor treten . Anka hatte in dem Angekommenen sogleich den Reitknecht ihres Onkels Albert erkannt . Der brachte große Neuigkeiten . Sie ließen nicht lange auf sich warten ... So sag ich jetzt ; damals kam es mir anders vor , und ich war in meiner Ungeduld schon im Begriff , ein Verbrechen am geheiligten Hausbrauch zu begehen und Anka mit einer Bitte um Nachricht an ihren Vater abzusenden , als die Tür aufgerissen wurde und er selbst hereinstürmte . Er selbst , der Graf , totenbleich , mit leuchtenden Augen . Fräulein ! rief er , teures Fräulein ! ... Betroffen über diese vertrauliche Ansprache steh ich da - er tritt auf mich zu , ergreift meine Hand und zieht sie an seine Brust : Fräulein ! wiederholt er , Sie müssen es durch mich erfahren . Österreich ist gerettet , Napoleon ist geschlagen , Napoleon ist in zweitägiger Schlacht vom Erzherzog Karl geschlagen ... Geschlagen ? fragte Anka , und jetzt erst schien er ihrer Gegenwart innezuwerden , das Blut schoß ihm ins Antlitz , er wandte sich zu ihr . Merke dir , Anka : Aspern und Eßlingen - den 21. und 22. Mai ... da haben die Österreicher die große , unüberwindliche Armee glorreich besiegt ... Die Stimme versagte ihm . Ich sah ihn zum erstenmal überwältigt und nicht mehr Herr seiner selbst , ich sah die ersten Tränen in seinen Augen . Und ich ! ... schrie er plötzlich auf , erhob den rechten Arm , streckte ihn gewaltsam aus und ließ ihn mit einer Gebärde der Verzweiflung niedersinken . Ich war sprachlos und hatte nicht weniger Mühe , meine Fassung zu bewahren , als er , die seine wiederzugewinnen . Albert hat einen Boten geschickt , er ist bei der Gräfin - gehen Sie hinauf mit Anka , hören Sie , was er erzählt , sagte der Graf . Gehen Sie ! wiederholte er , als ich einen Augenblick zögerte , ich folge . Wir trafen die Gräfin auf ihrem Kanapee ruhend , der Doktor , Francine und August , der Reitknecht , standen vor ihr . Francine triumphierend über die Niederlage des usurpateur , der Doktor , die Stirnader hochgeschwollen , die Brille verkehrt aufgesetzt , die Schleife der Krawatte am Ohr , rief die Französin zur Ordnung , sooft sie den Erzähler mit Freuden- und Beifallsäußerungen unterbrach . Der aber hielt sich so steil aufrecht , als sein runder Rücken und seine zitternden Beine es erlaubten , und berichtete von den Heldentaten seiner jungen Herren . Von dem Generalissimus , von Wimpffen und Smola , von Liechtenstein , Hohenzollern und andern Leuten zu sprechen , überließ er der Geschichte . Er sprach von Albert und Viktor , seinen Helden , war unerschöpflich in ihrem Preise , in der Beschreibung ihres Aussehens und dessen , was sie getan und gesagt hatten und wie es nach der Schlacht ihr erster Gedanke gewesen sei , Botschaft zu schicken an die erlauchte Mama . Und wie dann er , August , gemeint : Ich reit halt hinüber , ich kenn mich schon aus , und wie er Pferde requiriert hatte , wo er sie fand , und in achtundvierzig Stunden kaum aus dem Sattel gekommen war . Schreiben würden die Herren Grafen später . Jetzt sei er da und vermelde unterdessen , was er zu vermelden habe : einen Handkuß . Damit beugte er sich , um denselben gehorsamst zu übermitteln . Sein altes , gelbes , mit Schweiß und Staub bedecktes Gesicht näherte sich der Hand der Gräfin , und fast wäre sein langer Schnurrbart , dessen Enden wie die Zweige einer Trauerweide niederhingen , mit dieser schönen , duftenden Hand in Berührung gekommen . Aber ihre Eigentümerin zog sie rasch zurück und sprach , den allzu gewissenhaften Boten fortwinkend : Laß Er ' s gut sein ! Der Graf war vor einer Weile eingetreten , hatte , von niemand außer mir bemerkt , ganz still in einer Ecke Platz genommen und bis jetzt schweigend , mit gesenktem Haupte , zugehört . Geh , lieber Alter , sprach er nun , sich erhebend , iß , trinke , schlafe , laß dir ' s wohlgeschehen . Der Doktor machte sich anheischig , für August auf das beste zu sorgen , und führte ihn hinweg . Ein braver Mensch ! sagte die Gräfin , wirklich exzellent . Aber welche Atmosphäre ! - Francine , öffnen Sie das Fenster ! An dem Tage war natürlich nur noch von den Nachrichten die Rede , die August gebracht hatte . Eine Trauerbotschaft befand sich darunter . Der älteste Bruder des Grafen Stephan war bei Aspern geblieben . Seinem unglücklichen Vater stand der Jammer bevor , die Todesnachricht des Erstgeborenen am Kranken- , vielleicht am Sterbebett des jüngsten Sohnes zu erfahren . Leider hatte der Wachtmeister , der den Grafen Stephan nach Hause geleitet , bei der Rückkehr zum Regiment nicht viel Tröstliches über den Verwundeten zu berichten gewußt . Man hoffte ihn am Leben zu erhalten , man hoffte ! aber sicherlich war es noch lange hin bis zu seiner Genesung , und ob diese jemals ganz vollständig sein werde - das konnte nur Gott wissen . So meinte August , weil er es so gehört hatte . Die Gräfin hingegen meinte , die Ärzte wüßten wohl auch , daß alles gut enden würde , gäben es nur noch nicht zu ; das ist schon ihre Art , man kennt das , Klappern gehört zum Handwerk . Ein paar Kugeln in der Brust bringen einen jungen kräftigen Menschen nicht um ; man nimmt sie heraus , und er ist wieder gesund . Wunderbarerweise gewann es wirklich den Anschein , als ob die verwegenen Voraussetzungen der eingefleischten Optimistin eintreffen sollten . Die nächste Kunde von dem Grafen Stephan , die bald darauf zu uns drang , sprach von einer kleinen Besserung . Inzwischen hatten wir erfahren , daß der Sieg bei Aspern nicht zu einem offensiven Vorgehen von seiten des Erzherzogs benutzt worden war . Die beiden Heerführer standen einander gegenüber , ohne Anstalten zu einer neuen großen Schlacht zu treffen , jeder nur auf die Verstärkung seiner Streitkräfte bedacht