zwerghaften Können ... Aber ich ermüde Sie mit diesen literarischen Miseren ... Lassen Sie uns von angenehmeren Dingen reden ... « Er gab dem Gespräch eine andere Wendung , er bemühte sich , die frühere Heiterkeit wiederzugewinnen . Allein es war vergeblich . Endlich erhob er sich und nahm Abschied . Sehr bald , so bald , als es ihm nur irgend möglich sei , wollte er mit seiner Frau wiederkehren , die er im voraus der Freundschaft und Güte Lottis empfahl . » Wie kommt er dir vor ? « sprach Gottfried zu Lotti , als sie wieder allein waren . Sie sah an ihm vorüber durch das Fenster und antwortete zögernd : » Wie dir . « » Schad um ihn . « » Ja , traurig . « Wenige Tage darauf schrieb Frau von Halwig an Lotti einen zierlichen kleinen Brief . Sie war im höchsten Grade ungeduldig , Fräulein Feßler kennenzulernen . Sie forderte ihren Anteil an der Freude , die ihrem Manne durch das Wiederfinden seiner Jugendfreundin beschert worden war . Es machte sie wirklich trostlos , dem Zug ihres Herzens nicht folgen und statt dieser in Eile hingeworfener und schlecht geschriebener Zeilen selbst bei Fräulein Feßler erscheinen zu können ; aber ein Unwohlsein und die Unerbittlichkeit des Arztes machten das unmöglich . Ja , wenn Fräulein Feßler großmütig sein und eine arme , an das Zimmer gefesselte Kranke mit ihrem Besuche beehren wollte , wie glücklich würde diese sein ... Auf ein solches unverdientes Entgegenkommen wagte freilich diejenige nicht zu hoffen , die sich mit herzlichster und wärmster Verehrung Lottis ergebenste Agathe Halwig nannte . Die Empfängerin dieses Schreibens las und las es wieder , und ein Gefühl von entzückter Beschämung bemächtigte sich ihrer . Es stieg ihr heiß in die Wangen , sie meinte plötzlich tief in der Schuld der jungen Frau zu stehen , deren sie bisher entweder gar nicht , oder wenn - ohne das geringste Wohlwollen gedacht und die ihr jetzt so liebenswürdig nahte , mit solcher Bescheidenheit , ja man konnte sagen , mit kindlicher Ehrfurcht ... Sie wollte sofort schriftlich antworten , besann sich aber eines andern . Nein , mit ihrer schwerfälligen und altmodischen Schrift dürfte sie nicht ausrücken , der Besitzerin der schönsten » grande anglaise « gegenüber , die Lotti jemals gesehen hatte . So beschloß sie denn , eine mündliche Antwort zu geben , und trat in das Vorzimmer , um dieselbe dem wartenden Boten aufzutragen . An der offenen Tür der Küche lehnte nachlässig , mit gekreuzten Armen und Beinen , ein Mittelding zwischen Groom und Lakai , ein untersetztes , glotzäugiges Bürschchen im grünen Leibrock mit gelben Wappenknöpfen , eine blanke , goldbetreßte Tellerkappe zwischen den Fingern . Von der Höhe seines herrlichen Selbstbewußtseins herab beobachtete er das Walten Agnesens in ihrem kleinen Bereiche . Er veränderte seine lümmelhafte Haltung nur wenig , als Lotti rasch und in großer , freudiger Aufregung auf ihn zukam und ihn bat , seiner Gebieterin zu melden , sie gedenke heute noch bei derselben vorzusprechen . » Heute nicht « , versetzte das Bürschchen und lächelte mit dem ganzen impertinenten Gesicht . » Morgen lassen die Frau Baronin bitten , morgen um ein Uhr . « » Morgen ? - Gut denn , morgen . « Es schien Lotti ein wenig befremdlich , daß die junge Frau , die nicht den Mut gehabt , sie um ihren Besuch zu bitten , doch mit Sicherheit auf ihn gerechnet haben sollte ; aber sie machte sich nicht lange darüber Gedanken . Sie kehrte wieder zu ihrem lieben , Auge und Herz gewinnenden Brief zurück . Da lag er , sorgfältig gefaltet in seinem schimmernden Kuvert , und duftete köstlich nach Ylang-Ylang . Von neuem erquickte sich Lotti an seinem Anblick . Nein , es gab nichts Gutes und Schönes , das man ihr nicht zutrauen müßte , die ihn geschrieben . Lotti drückte ihn an ihre Wange , hielt ihn zärtlich in ihren flachen Händen und legte ihn endlich in das Kästlein , in welchem sie ihre teuersten Erinnerungen bewahrte : das Miniaturbild ihrer Mutter , Andenken an den Vater , Briefe , die Gottfried aus der Fremde gesandt , die Eheringe ihrer Eltern , ihren eigenen Verlobungsring . Aber aus diesem Reliquienschreine zog sie ihn am nächsten Morgen wieder hervor , um ihn Gottfried mitzuteilen . » Lies ! « rief sie , als er erschien , und hielt ihm das Blatt entgegen . Er gehorchte , nachdem er zuerst nach der Unterschrift gesehen und ein verwundertes » Oho ! « ausgestoßen hatte . Seine Miene blieb ganz gleichgültig . » Hast geantwortet ? « fragte er , nachdem er zu Ende gekommen . » Natürlich ! Ich gehe zu ihr . « » Das ist beschlossen ? « Gottfrieds Ton klang mißbilligend , und er warf das Schreiben mit einer Gebärde voll Geringschätzung auf den Tisch . » Es ist beschlossen « , entgegnete Lotti ärgerlich . Er murmelte einige unverständliche Worte . » Was sagst du ? « » Nichts . - Wenn es schon beschlossen ist , nichts . « » Und der Brief gefällt dir nicht ? Freut dich nicht ? « » Mich freut nur die Freiherrnkrone auf dem Papier . Seit wann ist der Halwig baronisiert worden ? « » Gottfried ! « rief Lotti , » es ist deiner ganz unwürdig , so kleinlich zu sein . « » Ist das kleinlich ? « sagte er , nicht ohne einige Beschämung . » Ungeheuer ! So ungeheuer , als etwas Kleines nur irgend sein kann . « Er lachte und war wieder der gute , liebe Gottfried , der » beste Mensch « . Er konnte übrigens nur einige Augenblicke verweilen , es gab sehr viel zu tun . Das neuerrichtete Geschäft ließ sich vortrefflich an , und doch wollte er nicht so ganz Kaufmann werden , daß er am Ende seine Uhrmacherei darüber vernachlässigte . Fortschritte meinte er freilich unter den jetzigen Umständen nicht mehr machen zu können , aber verlernen wollte er nichts , und schon das forderte ein ganz knappes Wirtschaften mit der Zeit . Lotti hatte seiner raschen Auseinandersetzung herzlich zugestimmt . » Du bist recht zufrieden ? « fragte sie plötzlich . » Recht zufrieden « , wiederholte er , vermied aber dabei , dem freundlich forschenden Blick zu begegnen , den sie auf ihn heftete . Gottfried hatte das Zimmer kaum verlassen , als Agnes mit der Meldung erschien , Herr von Halwig sei da und wünsche das Fräulein zu sprechen . » Es muß ihm etwas sein « , flüsterte die Alte , und ihr vertrocknetes Gesicht geriet in das blitzende Zucken , das bis zum Äußersten gespannte Neugier auf demselben hervorzurufen pflegte . » Was ihm wohl sein mag ? « » Laß ihn doch kommen ! « rief Lotti , und schon , nach einem leichten Pochen an der Tür , trat Halwig so eilig ein , wie die alte Agnes sich langsam und zögernd entfernte . » Entschuldigen Sie die frühe Stunde , ich werde Sie nicht lange stören « , sprach er , » ich bin nur da , um Ihnen für Ihre Güte gegen meine Frau zu danken und um Ihnen zu sagen , wie sehr leid es mir tut , bei Ihrer ersten Begegnung mit Agathe nicht gegenwärtig sein zu können ... Nein , nein ! « fügte er ablehnend hinzu , da ihm Lotti einen Sessel anwies , » ich setze mich nicht , ich bleibe , mit Ihrer Erlaubnis , hier an dem Platze Gottfrieds stehen , Ihnen gegenüber , Fräulein Lotti ... « Er sprach hastig und abgebrochen , mit sichtbarer Mühe , die raschen Atemzüge zu verbergen , die seine Brust ängstlich beklemmend hoben . » Was fehlt Ihnen , Halwig ? « fragte Lotti und trat an seine Seite , » Sie sehen schrecklich aufgeregt und übermüdet aus . « » Die natürliche und völlig unschädliche Folge einiger am Schreibtisch durchwachten Nächte ... das geht vorüber ... Sehen Sie mich nur recht an - nur recht tief , nur recht lang , mit Ihren milden , frommen , friedlichen Augen - es tut mir wohl und beruhigt mich , und ich brauche Ruhe zu dem schweren Gang , den ich heute zu machen habe ... « Er hielt inne , und Lotti sagte nach kurzem Schweigen sanft und eindringlich : » Fahren Sie fort , schenken Sie mir Ihr ganzes Vertrauen ... Sie wissen , Sie müssen sich noch erinnern , wie großen Wert ich auf Ihr Vertrauen lege . Darin , lieber Freund , habe ich mich nicht verändert . « » Ja , ja ! fordern Sie Vertrauen von mir , lehren Sie mich wieder Vertrauen haben « , rief er , » ich habe das inmitten der Mißgunst , die mich umgibt , verlernt . « » Halwig , diese Mißgunst - besteht sie nicht vielleicht einzig und allein in Ihren selbstquälerischen Einbildungen ? ... Ich frage nur - « beeilte sie sich entschuldigend einzuwerfen , als er im Begriffe schien , heftig aufzufahren . » Weisen Sie mich zurecht , wenn ich irre ... Halwig - Sie haben neulich von jemand gesprochen , der Ihnen riet , sich Ruhe zu gönnen - dem stimm ich bei , sein Rat war gut . « » Er wäre gut , wenn sich ein Zeichen des Überreizes , des Verfalls in meinen letzten Arbeiten finden ließe ... Das läßt sich darin nicht finden ! ... Mit jedem Werke , welches ich in die Welt sende , wächst meine Popularität , es gibt keine Zeitschrift , kein Journal , das nicht um meine Mitarbeiterschaft buhlt ; wenig Autoren dürfen sich rühmen , soviel gelesen zu werden wie ich . - In faden Harmlosigkeiten freilich darf ich mich dabei nicht ergehen , auf einige Verblüffung läuft es immer hinaus - dem Geschmack der Zeit muß man Konzessionen machen ... man muß ... Welcher Künstler ist groß geworden und hat das nicht getan ? ... Lesen Sie , lesen Sie doch einmal eines meiner Bücher und sagen Sie dann , ob ich mich , wie der schöne Ausdruck lautet , ausgeschrieben habe ? Ob ich verwässere und verflache ? « Er stieß ein kurzes Gelächter aus und versank in Gedanken , aus denen ihn Lotti mit den Worten weckte : » Sie sprachen von einem unangenehmen Gang , den Sie zu machen haben ... « » Unangenehm ist ein milder Ausdruck . Abscheulich , gräßlich soll es heißen ... Ich will Ihnen sagen , was ich zu tun habe : einem Menschen gute Worte geben , dem ich am liebsten einen Fußtritt gäbe ... aber ich stehe in seiner Schuld , und mir bleibt nichts übrig , als - « die Augen funkelten ihm vor Zorn , und er warf die Lippen verächtlich auf - , » als mich vor ihm zu demütigen . « » Eine - eine Geldschuld ? « fragte Lotti zaghaft . » Nein - ja - wie man will ... Ich habe mich herbeigelassen , eine Vorauszahlung von ihm anzunehmen auf einen Roman , der im Feuilleton seiner Zeitschrift erscheinen soll ... und kann dieser Verpflichtung nicht nachkommen ... es ist mir unmöglich , trotz all meiner Arbeitskraft , all meines Fleißes . Heute sollte ich meinen ersten Band abliefern , und heute muß ich das Geständnis ablegen , daß er noch nicht begonnen ist - muß um Zeit bitten , um Geduld - - « » Wär ' s nicht besser , den peinlichen Vertrag ganz zu lösen , Halwig ? « sprach Lotti . » Das kann ich nicht - « » Wenn Sie ihm die erhaltene Summe zurückerstatten würden ... « » Das kann ich nicht ! « wiederholte er übereilt und verbesserte sich sogleich : » Darauf ginge er nicht ein - der Seelenverkäufer läßt mich gewiß nicht los ... Aber - darf ich ' s denn verantworten , daß ich Sie zu langweilen komme mit dem Berichte dieser Jämmerlichkeiten , die Ihrem Gesichtskreise so fern liegen , so tief unter Ihnen stehen ? « » Diese Frage , Halwig , die können Sie allerdings nicht verantworten « , sprach Lotti . » Mir liegt nichts fern , was Ihnen Unruhe und Pein zu verschaffen vermag . Vergessen Sie das nie und nimmermehr . « Er fuhr mit der Hand über seine Stirn . » Ich habe es nicht vergessen ... Sie sehen ja ... Von jeher waren Sie bestimmt , mir Trost und Segen zu sein ... von jeher war ich bestimmt , Sie zu quälen ... Das Schicksal erfüllt sich ... Leben Sie wohl ! ... « rief er , wandte sich plötzlich und schritt dem Ausgange zu . Mit einem Male blieb er jedoch stehen . Seine Augen hatten sich fest und starr auf ein kleines Bild gerichtet , das an der Wand über dem Arbeitstische hing . Das wohlgetroffene Bild Meister Feßlers . » Ihr Vater ... Ihr Vater , das war ein Mann ! Er hatte alles vom Künstler , nur nicht die Selbstsucht , nur nicht den Ehrgeiz . Er kannte die Affenliebe für seine Produkte nicht , und nicht die blinde Freude an dem Geschaffenen , sondern nur die große Freude an seinem Schaffen ... Er trieb sein Handwerk wie eine Kunst . Wir - treiben unsere Kunst wie ein Handwerk « , sprach er dumpf und schmerzlich und verließ das Zimmer . 9 » Wohin geht denn unser Fräulein in solchem Staat ? « sprach das Schneiderlein im vierten Stock des Nachbarhauses . » Macht gewiß Visiten « , meinte Leopoldine und beugte sich recht weit aus dem Fenster , um Lotti nachzublicken , die soeben über den Platz schritt . Der Alte folgte dem Beispiel seiner Tochter und rief in Begeisterung : » Schau , schau ! Es gibt doch nichts Schöneres als ein schwarzes Seidenkleid ... Aber Falten muß es haben , muß sich so gewiß ausbreiten - das ist anständig , das ist elegant ! « » Nein , elegant ist es just nicht ! « erwiderte Leopoldine , ihr kleines , breites Näschen rümpfend . » Nicht ? Kannst du dir das Fräulein denken in so einer modernen Ofenröhre , wie du da hast ? « rief der Schneider , indem er verächtlich auf das enge Kleid deutete , das seine Tochter trug . » Sie nicht - sie freilich nicht - « » Freilich nicht ! « spottete der Vater ihr nach , » und hätte doch eher als tausend Jüngere die Gestalt dazu , ist ja gewachsen wie eine Tanne . « » Nein , nein , sie soll nur bei ihren alten Moden bleiben , ihr steht ' s , ein anderes dürft ' s nicht tragen . « » Und warum nicht ? Weil es praktisch ist ? Weil es geschmackvoll ist ? « polterte der Alte , und der Zank zwischen den beiden entbrannte . » Sagt , was Ihr wollt ! « platzte das Mädchen plötzlich heraus , » wenn Ihr einmal tot seid , halte ich mir doch ein französisches Modejournal ! « » Dann kannst du ' s tun « , schrie der Vater gereizt , aber nicht gekränkt durch diese brutale Äußerung . Seine Tochter biß sich auf die Lippen , aus ihren dunkeln Augen schoß ein Strahl innigster Liebe : » Deswegen braucht Ihr noch nicht zu sterben « , sprach sie . » Fällt mir auch gar nicht ein . « Und sie gingen an die Beendigung eines höchst unmodern gestreiften Sommerkleides . Im gegenüberstehenden Hause hatten die Horatier im Fenster gelegen und Lotti , als sie vorüberkam , mit lautem Jubelgeschrei begrüßt . Auch die weiße Katze hatte ihr vom Dache herunter nachgeschaut und dabei ein derart gescheites Gesicht geschnitten , als ob sie allerlei interessante Dinge wüßte , von denen andere sterbliche Wesen niemals etwas erfahren . Lotti aber schritt dahin , erfüllt von den verschiedenartigsten und dennoch so gleich mächtigen Empfindungen , daß sie nicht vermocht hätte zu sagen , welche die vorherrschende sei . Vielleicht war es ein geheimer Tatendrang - der Wunsch , Einfluß auf die Frau Halwigs zu gewinnen , und die Hoffnung , wenn das gelang , durch sie dem Selbstzerstörungswerk Einhalt zu tun , in dem der Dichter begriffen war . Sollte jene aber nichts wissen von seinen schweren Seelenkämpfen ? Sollte sie , wenn er auch schweigt - nichts davon erraten haben ? Ist es nicht offenbarer Unverstand , sich einzubilden , daß eine Fremde kommen müsse , um der Gattin die Augen zu öffnen ? Und dennoch - dennoch - trotz aller Einwendungen ihres Verstandes blieb Lotti von einer Ahnung durchdrungen , für die ihr jeder Grund , jeder Anhaltspunkt fehlte , der Ahnung : die Frau , die er liebt , weiß nichts von seinem inneren Leben . Lotti war im neuen Stadtteil vor dem neuen Hause angekommen , das Halwig bewohnte . Nett wie ein Schächtelchen stand es da ; alles darin frisch und blank und fast blendend vor Glanz und Farbenpracht , alles geschmackvoll und schön : die Malereien an den Wänden und am kuppelartigen Gewölbe des Stiegenhauses , die vergoldete Rampe , die schneeweißen Treppenstufen . Die einfache Lotti , die Freundin des Alten , sah sich um in all der bunten , jungen Herrlichkeit und meinte im stillen , das Neue könne einem doch auch gefallen . Sie bemühte sich , den Außendingen recht viel Aufmerksamkeit zu schenken , sie hoffte sich dadurch von der seltsamen Beklemmung zu befreien , die sich ihrer bemächtigt hatte . Doch half es wenig , und Lottis Herz pochte fast laut , als sie das erste Geschoß erreicht hatte und den Drücker neben einer hohen , hübsch stilisierten Tür berührte , die sich nach wenig Augenblicken vor ihr erschloß . Derselbe Diener , der gestern das Billett Frau von Halwigs überbracht , starrte Lotti mit derselben dummdreisten Miene an , forderte sie jedoch auf einzutreten . Er schritt ihr voran durch ein getäfeltes Speisezimmer . Majoliken und Zinnschüsseln , Bierkrüge , Becher und Kelche auf dem Büfett , geschnitzte Stühle , schwerfällige Tische und Schränke : altdeutsch . Durch einen kleinen Salon mit hellgelben Figuren und blumenreichen Tapeten , Pagoden , Vasen , Lüster , Armleuchtern aus Porzellan , zahllosen Kästchen aus vieux laque : chinesisch . An der dritten Tür blieb der Bediente stehen , öffnete sie und rief laut : » Fräulein von Feßler « , und gab der von ihm unversehens Geadelten einen feierlichen Wink . Lotti trat in ein großes , freundliches Gemach , in dessen Mitte auf einer mit lichtblauem Atlas überzogenen Chaiselongue eine junge Dame lag . » Wie schön von Ihnen « , sprach diese und richtete sich , wie es schien nicht ohne Anstrengung , mit dem Oberkörper auf . Eine kleine hilflose Kinderhand streckte sich aus der Flut von Spitzen , welche die Ärmel des weißen Schlafrocks umgaben , der Besucherin entgegen . » Wie schön von Ihnen , daß Sie kommen ... aber ich hab ' s gewußt , ich habe wirklich auf die Erfüllung meiner Bitte gezählt ... « » Sie sehen wie recht Sie gehabt ... « » Wenn sie so ist , wie ich glaube , dacht ich mir , als ich meinen Brief fortschickte , kommt sie . sogleich - und Sie wollten ja auch sogleich kommen ? « » Gewiß . « » Gestern konnt ich Sie aber nicht sehen - ich war zu leidend - « » Das hörte ich mit Bedauern « , erwiderte Lotti teilnehmend , aber auch erstaunt . Leidend , dieses schöne , blühende Geschöpf mit den rosig angehauchten Wangen , den frischen , schwellenden Lippen ? » Und - was fehlt Ihnen ? « » Ich bin sehr , sehr nervenkrank . Hermann weiß nichts davon , man darf es ihm auch nicht sagen ; aber mein Arzt ist um mich besorgt « , versicherte Agathe mit einschmeichelnder , klagender , um Mitleid bittender Stimme . Sie verschönerte sich noch im Sprechen , ihren Mund umspielte dabei ein so lieblicher Zug , ein so kluger und unschuldiger Ausdruck , daß Lotti dachte : Dich müßte ein Tauber beredsam finden ! Die Gesichtsbildung der jungen Frau erinnerte an die der Cäcilie von Albano , deren Bild Kestner seinen römischen Studien vorangestellt hat . Ihre reichen dunklen Haare waren zurückgekämmt und in einem schweren Knoten am Hinterhaupte zusammengehalten . Sie schien groß ; die edlen Formen ihrer vollen und schlanken Gestalt zeichneten sich deutlich unter dem weichen , anschmiegenden Stoff des langen , weit über die Füße reichenden Gewandes , in das sie sich , wie frierend , hüllte . Lotti stand vor ihr und staunte sie mit jener reinen , fast demütigen Bewunderung an , die gute und warmherzige Menschen gerade den Vorzügen gegenüber , die ihnen selbst versagt geblieben sind , am lebhaftesten empfinden . Diese Frau , wie war sie schön ! und wie malerisch , und wie eigentümlich war ihre ganze Umgebung ! Das Gemach glich einem Wintergarten , von Blütenduft und Sonnenschein durchtränkt . In den Vertiefungen der vier hohen , im rechten Winkel aufeinanderstehenden Fenster prangten dichte , üppige Gruppen der seltensten Blumen . In einer Ecke breitete eine riesige Fächerpalme ihre zackigen Blätter aus , in der anderen wiegten sich in den Ringen ihrer vergoldeten Käfige ein Arras mit kühnem Schopf und ein blauer Papagei . Eine zierliche Voliere beherbergte ein Dutzend brasilianischer Vögelchen mit schimmerndem Gefieder . In einem Aquarium schwammen Gold- und Silberfische , hockten langweilige Schildkröten , und aus den Spalten des kleinen künstlichen Felsens , der sich in der Mitte desselben erhob , guckten grüne Eidechsen und gelb gefleckte Salamander mit scheuer Neugier hervor . Zu Füßen der Herrin lag ein weißes Hündchen , dessen Stirnhaare höchst kokett mit einer blauen Schleife zusammengebunden waren . Einige Schritte von ihm befand sich seine Villa , ein Zelt aus demselben blauen Seidenstoff , aus dem die Tür- und Fenstervorhänge bestanden . Mit diesen stimmte nur das Rubebett überein . Alle übrigen Möbel schienen je ein Muster von ganz verschiedenen Gattungen . Persische , indische , türkische Stoffe und Stickereien schmückten reich geschnitzte oder eingelegte Gestelle , prangten auf den Kissen , waren über die Tische gebreitet . Das Zimmer war überfüllt , drei Dinge jedoch hätte man darin vergeblich gesucht : ein Gemälde , ein Buch und - eine weibliche Handarbeit . Dagegen waren mehrere Etageren vorhanden , ganz bedeckt mit Rauch- und Reitrequisiten . Zigarettenvorräte hoch aufgespeichert , abenteuerlich geformte Pfeifchen , kleine Tschibuks mit kostbaren , edelsteingeschmückten Mundstücken , Reitpeitschen und Reitstöcke , köstlich damaszierte Pistolen , mit Schaft aus Elfenbein , daneben in einem Futteral ein goldener Sporn . Die Besitzerin all dieser Herrlichkeiten sah voll Vergnügen das Interesse , das Lotti denselben schenkte . Es gefällt dir bei mir ! sagten ihre großen langbewimperten Augen , dunkelbraun wie der Flügel des Trauermantels , und mit denselben schwimmenden spielenden Lichtern ... » Nehmen Sie doch einen Fauteuil - nicht den , der ist unbequem , den andern - dort ! So ist ' s recht . Und jetzt setzen Sie sich hierher - mir gegenüber , und lassen Sie uns schwatzen , liebes Fräulein . « Sie neigte den Kopf ein wenig zur Seite und sah vor sich nieder . » Ich muß Ihnen sagen - ich war gestern nicht nur ungewöhnlich leidend - leg dich , Gipsy « , unterbrach sie sich , um zu ihrem Hündchen zu sprechen , das sich auf den Hinterpfoten aufgerichtet hatte und die herabhängende Hand seiner Herrin mit ungestümer Zärtlichkeit leckte . Gipsy gehorchte . » Ich muß Ihnen sagen « , begann Agathe wieder , » ich war nicht nur leidend , sondern auch ... « sie zögerte ein Weilchen , » sondern auch sehr bekümmert . « » Um Ihren Mann ? « fragte Lotti hastig . » Ach - nein ... « lautete die Antwort , in der eine unaussprechliche Verwunderung lag , » ach nein , der macht mir keinen Kummer , der macht mir nur Freude und Ehre . « » Sie sind also stolz auf ihn - auf seinen Ruf , auf seinen Namen ? « » Seinen Namen ? ... nun - die Halwigs sind gut , viel besser , als man in meiner Familie zugeben will ... Aber gerade stolz brauche ich ... « » Ich meine seinen Namen als Schriftsteller « , fiel Lotti ein . Sie lächelte über dieses seltsame Mißverstehen und dachte : Ein Kind - das ist ja ein Kind . » Freilich , natürlich , auf den bin ich stolz « , entgegnete Agathe , » man sagt « , fügte sie halb nachlässig , halb altklug hinzu , » daß ich Ursache dazu habe , und ich glaube es ... Wenn Sie wüßten , wie seine Schriften honoriert werden , mit welchen Summen , Sie würden staunen ! « » So ? « sprach Lotti ; und nach einer Pause noch einmal : » So ? « - und dann stellte sie , mit viel weniger Zuversicht , eine zweite Frage . Sie erkundigte sich nach dem Anteil , den die Frau des Poeten an seiner künstlerischen Tätigkeit nehme , und war im voraus von der Wärme und Größe desselben überzeugt . Darin hatte sie auch vollkommen recht . Agathe wußte alles , was in der Schreibstube ihres Mannes vorging ; sie kannte zum Beispiel den Namen des Buches , das er eben unter der Feder hatte . Sie freute sich schon jetzt auf den begeisterten Brief , den der Verleger darüber schreiben werde . Sie würde » alle die Sachen « auch recht gern lesen , allein - der Doktor , dieser Tyrann - erlaubt es durchaus nicht , untersagt ihr durchaus jede Anstrengung ihrer Augen . Und sie fühlt leider , daß er weise daran tut , denn ihre Augen werden mit jedem Tage schwächer . Das kommt vom Aufenthalt in der staubigen Stadt . Agathe müßte aufs Land , und bald , sonst wird sie noch einmal blind wie ihre Großmutter , die auch im zweiundzwanzigsten Jahre ... » Perro ! Perro ! Perroquet ! « rief sie plötzlich dem Papagei zu , der sich von Anfang an in das Gespräch gemischt hatte und dessen Geschrei immer gellender wurde . » Der Vogel ist unerträglich ! « Sie wand sich auf ihrem Ruhebett und preßte den Kopf in die Kissen . » O Fräulein , erbarmen Sie sich , haben Sie doch die Güte , den Schal dort , sehen Sie - den dort - über den Käfig dieses Untiers zu werfen . « » Danke , danke ! « sprach sie , nachdem Lotti ihrem Wunsche nachgekommen war und Perroquet , plötzlich in Dunkelheit versetzt , still geworden . » Und jetzt kommen Sie , geben Sie mir Ihre Hand . Aber ohne Handschuh . « Rasch und geschickt streifte sie selbst den Handschuh herab und hielt die unwillkürlich widerstrebenden Finger Lottis mit einer Kraft fest , die man ihr niemals zugetraut hätte . » Diese Hand hat mein Hermann oft geküßt « , sprach sie , » ich weiß es ... bin aber nicht eifersüchtig - da haben Sie den Beweis ... « Sie hatte sich vorgebeugt und drückte nun ihre Lippen auf Lottis Hand . Sie tat es mit einer gewissen trotzigen Innigkeit , mit einer Gewalt , der sich Lotti nicht zu entziehen vermochte , so gern sie es getan hätte . Diese Huldigung war ihr qualvoll , sie meinte sich noch nie im Leben so beschämt gefühlt zu haben . » Ich habe Sie lieb ! « sagte die junge Frau und warf mit der anmutigsten Bewegung den Kopf in den Nacken , » und wünsche , daß auch Sie mich liebgewinnen und daß auch Sie es mir beweisen . « » Und wie könnte ich das ? « » Wenn ich es Ihnen sage , wollen Sie es dann tun ... Wollen Sie es tun ? « wiederholte sie und stieß , nachdem sie eine bejahende Versicherung erhalten hatte , einen leisen Schrei des Jubels aus . Wenn Lotti ihr half , dann war geholfen . Und jetzt setzte sie dasjenige , um das es sich handelte , klar , deutlich , ohne die geringsten Umschweife auseinander . Sie hatte einen liebenswürdigen , großmütigen , herrlichen Vater ; allein - das war sein Unglück - leichtsinnig wie ein Leutnant , dieser arme Papa ! - Und die Mama , die ein Engel ist , und die beiden jungen Brüder , die Kadetten sind bei der Kavallerie , die haben auch alles andere eher erfunden als die Sparsamkeit . Kein Wunder , wenn es Verlegenheiten ohne Ende gibt . Aus den größten hat bisher regelmäßig der ältere Bruder Papas geholfen , der vor fünfzehn Jahren eine unermeßlich reiche Fabrikantentochter aus Liverpool geheiratet und England seitdem nicht mehr verlassen hat . Die Ehe ist kinderlos geblieben , und seit langer Zeit bestehen der Onkel und die englische Tante darauf , daß Agathens Eltern , womöglich auch deren Söhne , zu ihnen kommen , sich ganz bei ihnen etablieren , nur eine Familie mit ihnen bilden möchten . Das soll auch geschehen , der Entschluß ist gefaßt , der Tag der Abreise schon festgesetzt . Allein , der sonst so vernünftige Onkel will nicht begreifen , daß Papa nicht fort kann , ohne einige Zahlungen beglichen zu haben , die wirklich dringend sind ... Ehrenschulden an Leute , denen man nicht sagen mag : Warten Sie ... die höchstens denken dürften , man habe nur augenblicklich die Kleinigkeit vergessen ... Ein Mann wie Papa ! - Oh , wenn Lotti ihn kennen würde ! ... Und , mit einem Wort , es steht so : Papa besitzt ein kleines Gut , sechs Stunden