verriet , daß es auch in seinem Innern nicht mehr so ganz ruhig war ; » und meint denn der Herr Pfarrer , ich werde wirklich im nächsten Winter am eisigen Morgen durch Sturm und Schnee ein zartgliedriges Kind den Berg hinunterschicken , zwei Stunden weit , und zur Nacht wieder heraufkommen lassen , wenn ' s manchmal tobt und tut , daß unsereiner fast in Wind und Schnee ersticken müßte , und dann ein Kind wie dieses ? Und vielleicht kann sich der Herr Pfarrer auch noch der Mutter erinnern , der Adelheid ; sie war mondsüchtig und hatte Zufälle , soll das Kind auch so etwas holen mit der Anstrengung ? Es soll mir einer kommen und mich zwingen wollen ! Ich gehe vor alle Gerichte mit ihm , und dann wollen wir sehen , wer mich zwingt ! « » Ihr habt ganz recht , Nachbar « , sagte der Herr Pfarrer mit Freundlichkeit ; » es wäre nicht möglich , das Kind von hier aus zur Schule zu schicken . Aber ich kann sehen , das Kind ist Euch lieb ; tut um seinetwillen etwas , das Ihr schon lange hättet tun sollen , kommt wieder ins Dörfli herunter und lebt wieder mit den Menschen . Was ist das für ein Leben hier oben , allein und verbittert gegen Gott und Menschen ! Wenn Euch einmal etwas zustoßen würde hier oben , wer würde Euch beistehen ? Ich kann auch gar nicht begreifen , daß Ihr den Winter durch nicht halb erfriert in Eurer Hütte , und wie das zarte Kind es nur aushalten kann ! « » Das Kind hat junges Blut und eine gute Decke , das möchte ich dem Herrn Pfarrer sagen , und dann noch eins : ich weiß , wo es Holz gibt , und auch , wann die gute Zeit ist , es zu holen ; der Herr Pfarrer darf in meinen Schopf hineinsehen , es ist etwas drin , in meiner Hütte geht das Feuer nie aus den Winter durch . Was der Herr Pfarrer mit dem Herunterkommen meint , ist nicht für mich ; die Menschen da unten verachten mich und ich sie auch , wir bleiben voneinander , so ist ' s beiden wohl . « » Nein , nein , es ist Euch nicht wohl ; ich weiß , was Euch fehlt « , sagte der Herr Pfarrer mit herzlichem Ton . » Mit der Verachtung der Menschen dort unten ist es so schlimm nicht . Glaubt mir , Nachbar : sucht Frieden mit Eurem Gott zu machen , bittet um seine Verzeihung , wo Ihr sie nötig habt , und dann kommt und seht , wie anders Euch die Menschen ansehen und wie wohl es Euch noch werden kann . « Der Herr Pfarrer war aufgestanden , er hielt dem Alten die Hand hin und sagte nochmals mit Herzlichkeit : » Ich zähle darauf , Nachbar , im nächsten Winter seid Ihr wieder unten bei uns und wir sind die alten , guten Nachbarn . Es würde mir großen Kummer machen , wenn ein Zwang gegen Euch müßte angewandt werden ; gebt mir jetzt die Hand darauf , daß Ihr herunterkommt und wieder unter uns leben wollt , ausgesöhnt mit Gott und den Menschen . « Der Alm-Öhi gab dem Herrn Pfarrer die Hand und sagte fest und bestimmt : » Der Herr Pfarrer meint es recht mit mir ; aber was er erwartet , das tu ' ich nicht , ich sag ' es sicher und ohne Wandel : das Kind schick ' ich nicht , und herunter komm ' ich nicht . « » So helf ' Euch Gott ! « sagte der Herr Pfarrer und ging traurig zur Tür hinaus und den Berg hinunter . Der Alm-Öhi war verstimmt . Als Heidi am Nachmittag sagte : » Jetzt wollen wir zur Großmutter « , erwiderte er kurz : » Heut ' nicht . « Den ganzen Tag sprach er nicht mehr , und am folgenden Morgen , als Heidi fragte : » Gehen wir heut ' zur Großmutter ? « war er noch gleich kurz von Worten wie im Ton und sagte nur : » Wollen sehen . « Aber noch bevor die Schüsselchen vom Mittagessen weggestellt waren , trat schon wieder ein Besuch zur Tür herein , es war die Base Dete . Sie hatte einen schönen Hut auf dem Kopf mit einer Feder darauf und ein Kleid , das alles mitfegte , was am Boden lag , und in der Sennhütte lag da allerlei , das nicht an ein Kleid gehörte . Der Öhi schaute sie an von oben bis unten und sagte kein Wort . Aber die Base Dete hatte im Sinn , ein sehr freundliches Gespräch zu führen , denn sie fing an zu rühmen und sagte , das Heidi sehe so gut aus , sie habe es fast nicht mehr gekannt und man könne schon sehen , daß es ihm nicht schlecht gegangen sei beim Großvater . Sie habe aber gewiß auch immer darauf gedacht , es ihm wieder abzunehmen , denn sie habe ja schon begreifen können , daß ihm das Kleine im Weg sein müsse , aber in jenem Augenblick habe sie es ja nirgends sonst hintun können ; seitdem aber habe sie Tag und Nacht nachgesonnen , wo sie das Kind etwa unterbringen könnte , und deswegen komme sie auch heute , denn auf einmal habe sie etwas vernommen , da könne das Heidi zu einem solchen Glück kommen , daß sie es gar nicht habe glauben wollen . Dann sei sie aber auf der Stelle der Sache nachgegangen , und nun könne sie sagen , es sei alles so gut wie in Richtigkeit , das Heidi komme zu einem Glück , wie unter Hunderttausenden nicht eines . Furchtbar reiche Verwandte von ihrer Herrschaft , die fast im schönsten Haus in ganz Frankfurt wohnen , die haben ein einziges Töchterlein , das müsse immer im Rollstuhl sitzen , denn es sei auf einer Seite lahm und sonst nicht gesund , und so sei es fast immer allein und müsse auch allen Unterricht allein nehmen bei einem Lehrer , und das sei ihm so langweilig , und auch sonst hätte es gern eine Gespielin im Haus , und da haben sie so davon geredet bei ihrer Herrschaft , und wenn man nur so ein Kind finden könnte , wie die Dame beschrieb , die in dem Haus die Wirtschaft führte , denn ihre Herrschaft habe viel Mitgefühl und möchte dem kranken Töchterlein eine gute Gespielin gönnen . Die Wirtschaftsdame hatte nun gesagt , sie wolle so ein recht unverdorbenes , so ein eigenartiges , das nicht sei wie alle , die man so alle Tage sehe . Da habe sie selbst denn auf der Stelle an das Heidi gedacht und sei gleich hingelaufen und habe der Dame alles so beschrieben vom Heidi und so von seinem Charakter , und die Dame habe sogleich zugesagt . Nun könne gar kein Mensch wissen , was dem Heidi alles an Glück und Wohlfahrt bevorstehe , denn wenn es dann einmal dort sei und die Leute es gern mögen und es etwa mit dem eigenen Töchterchen etwas geben sollte - man könne ja nie wissen , es sei doch so schwächlich - , und wenn eben die Leute doch nicht ohne ein Kind bleiben wollten , so könnte ja das unerhörteste Glück - » Bist du bald fertig ? « unterbrach hier der Öhi , der bis dahin kein Wort dazwischengeredet hatte . » Pah « , gab die Dete zurück und warf den Kopf auf , » Ihr tut gerade , wie wenn ich Euch das ordinärste Zeug gesagt hätte , und ist doch durchs ganze Prättigau auf und ab nicht einer , der nicht Gott im Himmel dankte , wenn ich ihm die Nachricht brächte , die ich Euch gebracht habe . « » Bring sie , wem du willst , ich will nichts davon « , sagte der Öhi trocken . Aber jetzt fuhr die Dete auf wie eine Rakete und rief : » Ja , wenn Ihr es so meint , dann so will ich Euch denn schon auch sagen , wie ich es meine : das Kind ist jetzt acht Jahre alt und kann nichts und weiß nichts , und Ihr wollt es nichts lernen lassen ; Ihr wollt es in keine Schule und in keine Kirche schicken , das haben sie mir gesagt unten im Dörfli , und es ist meiner einzigen Schwester Kind ; ich hab ' es zu verantworten , wie ' s mit ihm geht , und wenn ein Kind ein Glück erlangen kann , wie jetzt das Heidi , so kann ihm nur einer davor sein , dem es um alle Leute gleich ist und der keinem etwas Gutes wünscht . Aber ich gebe nicht nach , das sag ' ich Euch , und die Leute habe ich alle für mich , es ist kein einziger unten im Dörfli , der nicht mir hilft und gegen Euch ist , und wenn Ihr ' s etwa wollt vor Gericht kommen lassen , so besinnt Euch wohl , Öhi ; es gibt noch Sachen , die Euch dann könnten aufgewärmt werden , die Ihr nicht gern hörtet , denn wenn man ' s einmal mit dem Gericht zu tun hat , so wird noch manches aufgespürt , an das keiner mehr denkt . « » Schweig ! « donnerte der Öhi heraus , und seine Augen flammten wie Feuer . » Nimm ' s und verdirb ' s ! Komm mir nie mehr vor Augen mit ihm , ich will ' s nie sehen mit dem Federhut auf dem Kopf und Worten im Mund , wie dich heut ' ! « Der Öhi ging mit großen Schritten zur Tür hinaus . » Du hast den Großvater bös gemacht « , sagte Heidi und blitzte mit seinen schwarzen Augen die Base wenig freundlich an . » Er wird schon wieder gut , komm jetzt « , drängte die Base ; » wo sind deine Kleider ? « » Ich komme nicht « , sagte Heidi . » Was sagst du ? « fuhr die Base auf ; dann änderte sie den Ton ein wenig und fuhr halb freundlich , halb ärgerlich weiter : » Komm , komm , du verstehst ' s nicht besser , du wirst es so gut haben , wie du gar nicht weißt . « Dann ging sie an den Schrank , nahm Heidis Sachen hervor und packte sie zusammen : » So , komm jetzt , nimm dort dein Hütchen , es sieht nicht schön aus , aber es ist gleich für einmal , setz es auf und mach , daß wir fortkommen . « » Ich komme nicht « , wiederholte Heidi . » Sei doch nicht so dumm und störrig , wie eine Geiß ; denen hast du ' s abgesehen . Begreif doch nur , jetzt ist der Großvater bös , du hast ' s ja gehört , daß er gesagt hat , wir sollen ihm nicht mehr vor Augen kommen , er will es nun haben , daß du mit mir gehst , und jetzt mußt du ihn nicht noch böser machen . Du weißt gar nicht , wie schön es ist in Frankfurt und was du alles sehen wirst , und gefällt es dir dann nicht , so kannst du wieder heimgehen ; bis dahin ist der Großvater dann wieder gut . « » Kann ich gerad ' wieder umkehren und heimkommen heut ' Abend ? « fragte Heidi . » Ach was , komm jetzt ! Ich sag ' dir ' s ja , du kannst wieder heim , wann du willst . Heut ' gehen wir bis nach Maienfeld hinunter und morgen früh sitzen wir in der Eisenbahn , mit der bist du nachher im Augenblick wieder daheim , das geht wie geflogen . « Die Base Dete hatte das Bündelchen Kleider auf den Arm und Heidi an die Hand genommen ; so gingen sie den Berg hinunter . Da es noch nicht Weidezeit war , ging der Peter noch zur Schule ins Dörfli hinunter , oder sollte doch dahin gehen ; aber er machte hier und da einen Tag Ferien , denn er dachte , es nütze nichts , dahin zu gehen , das Lesen brauche man auch nicht , und ein wenig herumfahren und große Ruten suchen , nütze etwas , denn diese könne man brauchen . So kam er eben in der Nähe seiner Hütte von der Seite her mit sichtlichem Erfolg seiner heutigen Bestrebungen , denn er trug ein ungeheures Bündel langer , dicker Haselruten auf der Achsel . Er stand still und starrte die zwei Entgegenkommenden an , bis sie bei ihm ankamen ; dann sagte er : » Wo willst du hin ? « » Ich muß nur geschwind nach Frankfurt mit der Base « , antwortete Heidi , » aber ich will zuerst noch zur Großmutter hinein , sie wartet auf mich . « » Nein , nein , keine Rede , es ist schon viel zu spät « , sagte die Base eilig und hielt das fortstrebende Heidi fest bei der Hand ; » du kannst dann gehen , wenn du wieder heimkommst , komm jetzt ! « Damit zog die Base das Heidi fest weiter und ließ es nicht mehr los , denn sie fürchtete , es könne drinnen dem Kinde wieder in den Sinn kommen , es wolle nicht fort , und die Großmutter könne ihm helfen wollen . Der Peter sprang in die Hütte hinein und schlug mit seinem ganzen Bündel Ruten so furchtbar auf den Tisch los , daß alles erzitterte und die Großmutter vor Schrecken vom Spinnrad aufsprang und laut aufjammerte . Der Peter hatte sich Luft machen müssen . » Was ist ' s denn ? was ist ' s denn ? « rief angstvoll die Großmutter , und die Mutter , die am Tisch gesessen hatte und fast aufgeflogen war bei dem Knall , sagte in angeborener Langmut : » Was hast , Peterli ; warum tust so wüst ? « » Weil sie das Heidi mitgenommen hat « , erklärte Peter . » Wer ? Wer ? Wohin , Peterli , wohin ? « fragte die Großmutter jetzt mit neuer Angst ; sie mußte aber schnell erraten haben , was vorging , die Tochter hatte ihr ja vor kurzem berichtet , sie habe die Dete gesehen zum Alm-Öhi hinaufgehen . Ganz zitternd vor Eile , machte die Großmutter das Fenster auf und rief flehentlich hinaus : » Dete , Dete , nimm uns das Kind nicht weg ! Nimm uns das Heidi nicht ! « Die beiden Laufenden hörten die Stimme , und die Dete mochte wohl ahnen , was sie rief , denn sie faßte das Kind noch fester und lief , was sie konnte . Heidi widerstrebte und sagte : » Die Großmutter hat gerufen , ich will zu ihr . « Aber das wollte die Base gerade nicht und beschwichtigte das Kind , es solle nur schnell kommen jetzt , daß sie nicht noch zu spät kämen , sondern daß sie morgen weiter reisen könnten , es könnte ja dann sehen , wie es ihm gefallen werde in Frankfurt , daß es gar nie mehr fort wolle dort ; und wenn es doch heim wolle , so könne es ja gleich gehen und dann erst noch der Großmutter etwas mit heimbringen , was sie freue . Das war eine Aussicht für Heidi , die ihm gefiel . Es fing an zu laufen ohne Widerstreben . » Was kann ich der Großmutter heimbringen ? « fragte es nach einer Weile . » Etwas Gutes « , sagte die Base , » so schöne , weiche Weißbrötchen , da wird sie Freud ' haben daran , sie kann ja doch das harte , schwarze Brot fast nicht mehr essen . « » Ja , sie gibt es immer wieder dem Peter und sagt : Es ist mir zu hart ; das habe ich selbst gesehen « , bestätigte das Heidi . » So wollen wir geschwind gehen , Base Dete ; dann kommen wir vielleicht heut ' noch nach Frankfurt , daß ich bald wieder da bin mit den Brötchen . « Heidi fing nun so zu rennen an , daß die Base mit ihrem Bündel auf dem Arm fast nicht mehr nachkam . Aber sie war sehr froh , daß es so rasch ging , denn nun kamen sie gleich zu den ersten Häusern vom Dörfli , und da konnte es wieder allerhand Reden und Fragen geben , die das Heidi wieder auf andere Gedanken bringen konnten . So lief sie stracks durch , und das Kind zog dabei noch so stark an ihrer Hand , daß alle Leute es sehen konnten , wie sie um des Kindes willen so pressieren mußte . So rief sie auf alle die Fragen und Anrufungen , die ihr aus allen Fenstern und Türen entgegentönten , nur immer zurück : » Ihr seht ' s ja , ich kann jetzt nicht stillstehen , das Kind pressiert und wir haben noch weit . « » Nimmst ' s mit ? « » Läuft ' s dem Alm-Öhi fort ? « » Es ist nur ein Wunder , daß es noch am Leben ist ! « » Und dazu noch so rotbackig ! « So tönte es von allen Seiten , und die Dete war froh , daß sie ohne Verzug durchkam und keinen Bescheid geben mußte und auch Heidi kein Wort sagte , sondern nur immer vorwärts strebte in großem Eifer . - Von dem Tage an machte der Alm-Öhi , wenn er herunterkam und durchs Dörfli ging , ein böseres Gesicht als je zuvor . Er grüßte keinen Menschen und sah mit seinem Käsereff auf dem Rücken , mit dem ungeheuren Stock in der Hand und den zusammengezogenen dicken Brauen so drohend aus , daß die Frauen zu den kleinen Kindern sagten : » Gib acht ! Geh dem Alm-Öhi aus dem Weg , er könnte dir noch etwas tun ! « Der Alte verkehrte mit keinem Menschen im Dörfli , er ging nur durch und weit ins Tal hinab , wo er seine Käse verhandelte und seine Vorräte an Brot und Fleisch einnahm . Wenn er so vorbeigegangen war im Dörfli , dann standen hinter ihm die Leute alle in Trüppchen zusammen , und jeder wußte etwas Besonderes , was er am Alm-Öhi gesehen hatte , wie er immer wilder aussehe und daß er jetzt keinem Menschen mehr auch nur einen Gruß abnehme , und alle kamen darin überein , daß es ein großes Glück sei , daß das Kind habe entweichen können , und man habe auch wohl gesehen , wie es fortgedrängt habe , so , als fürchte es , der Alte sei schon hinter ihm drein , um es zurückzuholen . Nur die blinde Großmutter hielt unverrückt zum Alm-Öhi , und wer zu ihr heraufkam , um bei ihr spinnen zu lassen , oder das Gesponnene zu holen , dem erzählte sie es immer wieder , wie gut und sorgfältig der Alm-Öhi mit dem Kind gewesen sei und was er an ihr und der Tochter getan habe , wie manchen Nachmittag er an ihrem Häuschen herumgeflickt , das ohne seine Hilfe gewiß schon zusammengefallen wäre . So kamen denn auch diese Berichte ins Dörfli herunter ; aber die meisten , die sie vernahmen , sagten dann , die Großmutter sei vielleicht zu alt zum Begreifen , sie werde es wohl nicht recht verstanden haben , sie werde wohl auch nicht mehr gut hören , weil sie nichts mehr sehe . Der Alm-Öhi zeigte sich jetzt nicht mehr bei den Geißenpeters ; es war gut , daß er die Hütte so fest zusammengenagelt hatte , denn sie blieb für lange Zeit ganz unberührt . Jetzt begann die blinde Großmutter ihre Tage wieder mit Seufzen , und nicht einer verstrich , an dem sie nicht klagend sagte : » Ach , mit dem Kind ist alles Gute und alle Freude von uns genommen , und die Tage sind so leer ! Wenn ich nur noch einmal das Heidi hören könnte , eh ' ich sterben muß ! « Ein neues Kapitel und lauter neue Dinge Im Hause des Herrn Sesemann in Frankfurt lag das kranke Töchterlein , Klara , in dem bequemen Rollstuhl , in welchem es den ganzen Tag sich aufhielt und von einem Zimmer ins andere gestoßen wurde . Jetzt saß es im sogenannten Studierzimmer , das neben der großen Eßstube lag und wo vielerlei Gerätschaften herumstanden und lagen , die das Zimmer wohnlich machten und zeigten , daß man hier gewöhnlich sich aufhielt . An dem großen , schönen Bücherschrank mit den Glastüren konnte man sehen , woher das Zimmer seinen Namen hatte , und daß es wohl der Raum war , wo dem lahmen Töchterchen der tägliche Unterricht erteilt wurde . Klara hatte ein blasses , schmales Gesichtchen , aus dem zwei milde , blaue Augen herausschauten , die in diesem Augenblick auf die große Wanduhr gerichtet waren , die heute besonders langsam zu gehen schien , denn Klara , die sonst kaum ungeduldig wurde , sagte jetzt mit ziemlicher Ungeduld in der Stimme : » Ist es denn immer noch nicht Zeit , Fräulein Rottenmeier ? « Die letztere saß sehr aufrecht an einem kleinen Arbeitstisch und stickte . Sie hatte eine geheimnisvolle Hülle um sich , einen großen Kragen oder Halbmantel , welcher der Persönlichkeit einen feierlichen Anstrich verlieh , der noch erhöht wurde durch eine Art von hochgebauter Kuppel , die sie auf dem Kopf trug . Fräulein Rottenmeier war schon seit mehreren Jahren , seitdem die Dame des Hauses gestorben war , im Hause Sesemann , führte die Wirtschaft und hatte die Oberaufsicht über das ganze Dienstpersonal . Herr Sesemann war meistens auf Reisen , überließ daher dem Fräulein Rottenmeier das ganze Haus , nur mit der Bedingung , daß sein Töchterlein in allem eine Stimme haben solle und nichts gegen dessen Wunsch geschehen dürfe . Während oben Klara zum zweitenmal mit Zeichen der Ungeduld Fräulein Rottenmeier befragte , ob die Zeit noch nicht da sei , da die Erwarteten erscheinen konnten , stand unten vor der Haustür die Dete mit Heidi an der Hand und fragte den Kutscher Johann , der eben vom Wagen gestiegen war , ob sie wohl Fräulein Rottenmeier so spät noch stören dürfe . » Das ist nicht meine Sache « , brummte der Kutscher ; » klingeln Sie den Sebastian herunter , drinnen im Korridor . « Dete tat , wie ihr geheißen war , und der Bediente des Hauses kam die Treppe herunter mit großen , runden Knöpfen auf seinem Aufwärterrock und fast ebenso großen runden Augen im Kopfe . » Ich wollte fragen , ob ich um diese Zeit Fräulein Rottenmeier noch stören dürfe « , brachte die Dete wieder an . » Das ist nicht meine Sache « , gab der Bediente zurück ; » klingeln Sie die Jungfer Tinette herunter an der anderen Klingel « , und ohne weitere Auskunft verschwand der Sebastian . Dete klingelte wieder . Jetzt erschien auf der Treppe die Jungfer Tinette mit einem blendend weißen Deckelchen auf der Mitte des Kopfes und einer spöttischen Miene auf dem Gesicht . » Was ist ? « fragte sie auf der Treppe , ohne herunterzukommen . Dete wiederholte ihr Gesuch . Jungfer Tinette verschwand , kam aber bald wieder und rief von der Treppe herunter : » Sie sind erwartet ! « Jetzt stieg Dete mit Heidi die Treppe hinauf und trat , der Jungfer Tinette folgend , in das Studierzimmer ein . Hier blieb Dete höflich an der Tür stehen , Heidi immer fest an der Hand haltend , denn sie war gar nicht sicher , was dem Kinde etwa begegnen konnte auf diesem so fremden Boden . Fräulein Rottenmeier erhob sich langsam von ihrem Sitz und kam näher , um die angekommene Gespielin der Tochter des Hauses zu betrachten . Der Anblick schien sie nicht zu befriedigen . Heidi hatte sein einfaches Baumwollröckchen an und sein altes , zerdrücktes Strohhütchen auf dem Kopf . Das Kind guckte sehr harmlos darunter hervor und betrachtete mit unverhehlter Verwunderung den Turmbau auf dem Kopf der Dame . » Wie heißest du ? « fragte Fräulein Rottenmeier , nachdem auch sie einige Minuten lang forschend das Kind angesehen hatte , das kein Auge von ihr verwandte . » Heidi « , antwortete es deutlich und mit klangvoller Stimme . » Wie ? wie ? das soll doch wohl kein christlicher Name sein ? So bist du doch nicht getauft worden . Welchen Namen hast du in der Taufe erhalten ? « fragte Fräulein Rottenmeier weiter . » Das weiß ich jetzt nicht mehr « , entgegnete Heidi . » Ist das eine Antwort ! « bemerkte die Dame mit Kopfschütteln . » Jungfer Dete , ist das Kind einfältig oder schnippisch ? « » Mit Erlaubnis und wenn es die Dame gestattet , so will ich gern reden für das Kind , denn es ist sehr unerfahren « , sagte die Dete , nachdem sie dem Heidi heimlich einen kleinen Stoß gegeben hatte für die unpassende Antwort . » Es ist aber nicht einfältig und auch nicht schnippisch , davon weiß es gar nichts ; es meint alles so , wie es redet . Aber es ist heut ' zum erstenmal in einem Herrenhaus und kennt die gute Manier nicht ; aber es ist willig und nicht ungelehrig , wenn die Dame wollte gütige Nachsicht haben . Es ist Adelheid getauft worden , wie seine Mutter , meine Schwester selig . « » Nun wohl , dies ist doch ein Name , den man sagen kann « , bemerkte Fräulein Rottenmeier . » Aber , Jungfer Dete , ich muß Ihnen doch sagen , daß mir das Kind für sein Alter sonderbar vorkommt . Ich habe Ihnen mitgeteilt , die Gespielin für Fräulein Klara müßte in ihrem Alter sein , um denselben Unterricht mit ihr zu verfolgen und überhaupt ihre Beschäftigungen zu teilen . Fräulein Klara hat das zwölfte Jahr zurückgelegt ; wie alt ist das Kind ? « » Mit Erlaubnis der Dame « , fing die Dete wieder beredt an , » es war mir eben selber nicht mehr so ganz gegenwärtig , wie alt es sei ; es ist wirklich ein wenig jünger , viel trifft es nicht an , ich kann ' s so ganz genau nicht sagen , es wird so um das zehnte Jahr , oder so noch etwas dazu sein , nehm ' ich an . « » Jetzt bin ich acht , der Großvater hat ' s gesagt « , erklärte Heidi . Die Base stieß es wieder an , aber Heidi hatte keine Ahnung , warum , und wurde keineswegs verlegen . » Was , erst acht Jahre alt ? « rief Fräulein Rottenmeier mit einiger Entrüstung aus . » Vier Jahre zu wenig ! Was soll das geben ! Und was hast du denn gelernt ? was hast du für Bücher gehabt bei deinem Unterricht ? « » Keine « , sagte Heidi . » Wie ? Was ? Wie hast du denn lesen gelernt ? « fragte die Dame weiter . » Das hab ' ich nicht gelernt und der Peter auch nicht « , berichtete Heidi . » Barmherzigkeit ! du kannst nicht lesen ? du kannst wirklich nicht lesen ! « rief Fräulein Rottenmeier im höchsten Schrecken aus . » Ist es die Möglichkeit , nicht lesen ! Was hast du denn aber gelernt ? « » Nichts « , sagte Heidi der Wahrheit gemäß . » Jungfer Dete « , sagte Fräulein Rottenmeier nach einigen Minuten , in denen sie nach Fassung rang , » es ist alles nicht nach Abrede , wie konnten Sie mir dieses Wesen zuführen ? « Aber die Dete ließ sich nicht so bald einschüchtern ; sie antwortete herzhaft : » Mit Erlaubnis der Dame , das Kind ist gerade , was ich dachte , daß sie haben wolle ; die Dame hat mir beschrieben , wie es sein müsse , so ganz apart und nicht wie die anderen , und so mußte ich das kleine nehmen , denn die größeren sind bei uns dann nicht mehr so apart , und ich dachte , dieses passe wie gemacht auf die Beschreibung . Jetzt muß ich aber gehen , denn meine Herrschaft erwartet mich ; ich will , wenn ' s meine Herrschaft erlaubt , bald wieder kommen und nachsehen , wie es geht mit ihm . « Mit einem Knix war die Dete zur Tür hinaus und die Treppe hinunter mit schnellen Schritten . Fräulein Rottenmeier stand einen Augenblick noch da , dann lief sie der Dete nach ; es war ihr wohl in den Sinn gekommen , daß sie noch eine Menge von Dingen mit der Base besprechen wollte , wenn das Kind wirklich dableiben sollte , und da war es doch nun einmal und , wie sie bemerkte , hatte die Base fest im Sinn , es da zu lassen . Heidi stand noch auf demselben Platz an der Tür , wo es von Anfang an gestanden hatte . Bis dahin hatte Klara von ihrem Sessel aus schweigend allem zugesehen . Jetzt winkte sie Heidi : » Komm hierher ! « Heidi trat an den Rollstuhl heran . » Willst du lieber Heidi heißen oder Adelheid ? « fragte Klara . » Ich heiße nur Heidi und sonst nichts « , war Heidis Antwort . » So will ich dich immer so nennen « , sagte Klara ; » der Name gefällt mir für dich , ich habe ihn aber nie gehört , ich habe