ist es nett von euch , daß ihr mal wieder da seid . Ne , böse bin ich dir gerade nicht ; denn Fritz und deine Schwester und Fräulein Irene wissen es , daß man auf keinen gern wartet , auf den man nicht jeden Morgen nach der Witterung ausguckt . « » Sehr schön gesagt ! « brummt Ewald , jetzt wirklich sich abseits und unter einen etwas entfernten Stachelbeerbusch wälzend . » Gute Nacht , alle miteinander ! Wenn wieder mal was Interessantes vorkommt , so weckt mich freundlichst . In Gehörweite für euren Unsinn bleibe ich euch zu liebe . Na , das Blech ! « Die Sonne liegt auf allen Bäumen des Grasgartens des Steinhofes ; aber die Vögel in den Bäumen haben bereits ihre Siesta beendigt und fangen von neuem an , munter zu werden , um den trotz seiner Länge so kurzen schönen Tag so vergnügt und glücklich als möglich auszunutzen - gerade wie wir . Die Komtesse sitzt wieder aufrecht und sehr helläugig da . Ihre Augen glänzen vor mädchenhaft lustiger Mutwilligkeit , als sie sagt : » Hört nur , er schnarcht schon , der Unmensch ! Jetzt sind wir unter uns . Rückt alle zusammen ; - und nun sagen Sie , Vetter Just - es hört keiner zu als ich und Eva , Fritz und die Spatzen im Baum , und wir meinen es alle ganz ernst - , haben Sie es hübsch weitergebracht , seit wir zum letztenmal hier auf Besuch waren ? « Mit seinem tölpischsten Lächeln sieht der Vetter in die Ferne : » Wieso soll ich es denn weiterbringen , wenn ich nicht mal weiß worin ? « » Ach , verstellen Sie sich nur nicht , Vetter ! Bitte , sehen Sie nicht so dumm aus ! Damit machen Sie anderen Leuten was weis , aber uns nicht . Sie studieren sich immer weiter hinein bis zum Klügsten von uns allen , und das sind Sie auch von Natur schon lange ; und nun werden Sie nur nicht rot , denn das nützt Ihnen noch viel weniger als das Dummaussehen . Sie studieren ja alles rundum verrückt , sagt Jule Grote ; - sich selber - sie - den ganzen Steinhof . Und wo das enden will , weiß sie nicht , sagt sie . « » Es ist auch nur Ewalds Neid , weil er für das , was einem anderen soviel Vergnügen macht , soviel Prügel von seinen Herren Lehrern gekriegt hat « , meint Evchen Sixtus schüchtern , und : » Unsinniges Volk ! « klingt es von dem Stachelbeerbusch faul und schlaftrunken her . » Ja , es ist ein Spaß ! « sagt der lange , im nächsten Jahre mündige Vetter Just Everstein und verzieht den Mund wie ein ausgelachtes Kind , und - heute weiß ich genauer als damals , was das Auslachen und Ausgelachtwerden unter den Menschen bedeutet seit den Tagen des Urvaters Noah . Ich lache viel seltener als damals aus eigenem Antrieb , und noch viel seltener lache ich mit . Damals lachte ich mit , und zwar in die grinsende Bemerkung von dem Stachelbeerbusche her : » Hu , der alte Bröder ! Schlag ihn doch mit unserem Zumpt auf den Kopf , Fritze ! Uh ; na , mein Junge soll ' s besser haben als ich . « Wir achten , was unsere Unterhaltung unter dem Kirschbaum anbetrifft , von jetzt an nicht im mindesten mehr auf die Stimme vom Stachelbeerbusch her . » Es ist die lateinische Grammatik gar nicht « , stottert der Vetter . » Sondern deines Großvaters ganzer Bücherschrank , den du mit dem Steinhofe von deinem Vater geerbt hast , Just . Funkes Naturgeschichte , Blancs Geographie , der ganze Schiller , Goethes Götz von Berlichingen und Werthers Leiden , Engels Philosoph für die Welt , Nathan der Weise , Minna von Barnhelm , Emilia Galotti , das Mildheimische Not- und Hülfsbuch , das Mildheimische Liederbuch , Beckers Weltgeschichte und die Geschichte von dem Schweizer Schullehrer Pestalozzi - « » Hat der Kerl auch ein Buch geschrieben ? « fragt der Stachelbeerbusch . » Bist jetzt habe ich gemeint , daß der nur den General Wallenstein nicht mit ermordet hat . « » Ach , das war ja ein ganz anderer ! « ruft Eva Sixtus noch einmal gutmütig , und : » Halt endlich deinen Mund , Sixtus ! « rufe ich auch noch einmal , aber gutmütig gerade nicht , und : » Wer spricht denn eigentlich mit euch ? « klingt es unverschämt zurück . » Nicht einmal träumen darf man wohl mehr von euch verrücktem Volk ? Natürlich , der Herr Vetter darf ruhig am hellen , lichten Tage nachtwandeln gehen , ohne daß es einem anderen auffällt als höchstens der Jungfer Jule . Schön also - und noch einmal gute Nacht ! « Er trifft mit seinen nichtsnutzigen Redensarten dann und wann sonderbarerweise den Nagel auf den Kopf , der gute Freund unter dem Stachelbeerbusch . Wir betrachten uns alle von neuem den Vetter Just Everstein unter seinem Kirschbaum und sehen ihn uns auf das Wort von dem Nachtwandeln hin an . Er läßt die Knie fahren , reibt sich die langen Beine eine Weile sehr nachdenklich , windet sich sozusagen an sich selber langsam und mühselig in die Höhe , hat mich dabei , ohne daß ich den geringsten Widerstand zu leisten imstande bin , mit emporgezogen und sagt : » Komm du mal mit , Fritz . Ihr anderen könnt uns rufen , wenn der Kaffee fertig ist . « Er hält mich mit eisernem Griffe am Oberarm , tritt über den Kameraden unter dem Stachelbeerbusche weitbeinig hinweg und nimmt mich mit sich , und ich weiß schon wohin ; denn es ist nicht das erstemal , daß er mich in dieser oder doch einer ganz ähnlichen Weise abseits führt . Und ich weiß auch schon wozu ; denn es ist nicht das erstemal , daß er sich an mich hält , wenn die anderen und die Welt ihm und er selber sich zuviel werden . Damals lachte ich ebenfalls ; heute sehe ich sehr ernsthaft aus , wenn Leute Vertrauen in mich setzen , Rat von mir haben wollen und sich auf mich mehr als auf andere verlassen zu dürfen glauben . Ich habe im Laufe der Zeiten allzuviel von meinem Grundvermögen an Selbstvertrauen ausgegeben und eingebüßt , um das Ding jetzt noch bequem , leicht und vergnüglich nehmen zu können - ach , armer Vetter Just , und wie fest und angsthaft verließest du dich an jenem Sommertage auf meine Schülerweisheit und wolltest Licht daraus für deinen ganzen tapferen , guten , großen Lebensweg ! Mein bester Trost ist da heute , daß dir damals noch viel weniger damit geholfen gewesen wäre , wenn ich dir mit der vollen Summe meiner jetzigen Weisheit hätte aufwarten und zu Hülfe springen können ! Es befindet sich in einem Erker im Dache des Wohngebäudes auf dem Steinhofe ein einfenstriges Gemach , von dem aus man eine weite Aussicht hat über Wälder und Felder , ferne und nahe Hügel und Berge , eine Aussicht , so gut sie eben ein Blick , dem Lande Westfalen zu , liefern mag . Die Wände sind vor fünfzig Jahren vielleicht zum letztenmal geweißt worden . Der Gipsfußboden ist in den kuriosesten Mustern nach allen Richtungen hin gesprungen und senkt sich ziemlich schräg von dem Fenster der Tür zu . Urväterhausrat ist der Ofen , der Tisch und die zwei Stühle . Urväterhausrat ist der Schrank , der des Großvaters Bücherei enthält . Ein gut Drittel alles Raumes nimmt des Vetter Justs Bettsponde ein , in welcher der Vetter , ganz entgegen der landesüblichen Gewohnheit , auf Stroh schläft und auch nicht unter dem gewohnten Federgebirge und kugelartigen Deckbett . » Er ist ein Monster in allem , was er tut und läßt ! « stöhnt Jule Grote jedesmal , wenn sie den Schlüssel in der Tür steckend findet oder ihn sich mit Gewalt erobert . Der Vetter , der meinen Arm auch auf der Treppe nicht losgelassen hat , befördert mich mit einem plötzlichen Schub und Stoß in die Mitte seines Heiligtums . Hastig verschließt und verriegelt er die Pforte von innen , dann wendet er mir ein von verschämtem , aber glückseligstem Lächeln verklärtes Gesicht zu und seufzt aus tiefster Brust : » So ! Nun laß sie kommen ! ... Willst du eine Zigarre , Fritz ? « Ich weiß , obgleich ich selber nichts weiter als ein » dummer Junge « bin , womit ich dem alten wundervollen Jungen in diesem Raume zu Gefallen sein kann wie niemand sonst in der Welt . Und die Luft in diesen engen vier Wänden muß von sonderbaren Sporen und Keimen erfüllt sein : Dschinnistan ist für uns beide da ; die träge Verdauungsstunde unter den Bäumen des Grasgartens , aus dem wir eben die Treppe heraufgekommen sind , ist wie in ein fern vergangenes Jahrhundert entrückt , ich sitze auf dem Bette des Vetters , und er hält mir das brennende Schwefelholz an den dargebotenen Glimmstengel und flüstert glänzenden Auges : » Langreuter , ich habe ihn heraus ! « Es ist ein süßes Blatt , das ich da verqualme ; aber ins Husten gerate ich doch darüber , und zwischen dem Husten frage ich : » Wen hast du heraus , Just ? « Ein Schlag auf die Schulter wirft mich zurück auf den Strohsack und mit dem Hinterkopf an die Wand . » Den Magister matheseos ! ... Es ist , weiß Gott , richtig ! Das Quadrat der Hypotenuse ist wahrhaftig so groß wie die Summe der Quadrate der beiden Katheten am rechtwinkeligen Dreieck ! « Ich reibe mir wohl den Hinterkopf ein wenig ; aber so betäubt haben mich der körperliche Puff und die geistige Überraschung doch nicht , daß ich nicht mit Herz und Seele , mit Armen und Beinen und vor allem mit einem Hurra aus gesunder Lunge an der wissenschaftlichen Errungenschaft des Vetters teilnehmen könnte . » Das ist famos ! Das ist brillant ! Just , das ist großartig ! ... Und ganz allein aus dir selber ; - das ist riesig - « » Ich habe dich auch bloß dazu mit hier heraufgenommen . Jetzt brauchst du nur noch zu brüllen : Das ist borstig ! Das ist haarig ! - und wir können wieder zu Ewald und den Mädchen in den Garten hinuntergehen , Fritz ! « Es kommt einem gewöhnlich erst , lange nachdem man alle seine Examina hinter sich hat , wie schwer es ist , mit den wirklichen großen Herren aus Dschinnistan umzugehen , und - den meisten kommt es gar nicht . Die lobwürdigsten Examina in sämtlichen Brotfächern tun da nicht das geringste zur Sache . Mit wahrer Subtilität will nur immer das behandelt sein , was hinter dem berühmten Kanzler Oxenstjerna steckt , nicht der wenige Verstand in ihm - nach seinem eigenen Wort - , der dazu gehört , um die Welt militärisch und civiliter zu verwalten . » Du hast recht , Vetter « , sage ich kleinlaut zurück ; » vergib mir nur noch mal das Dumme-Jungen-Betragen . Na , alter Kerl , gib mir die Hand . Daß ich mich riesenhaft freue , wenn es dir gut geht , weißt du ja . Und daß du ein nobler Kerl bist und zwanzigmal mehr wert als wir anderen miteinander , das weiß ich . Und jetzt komm hierher an den Tisch und beweise mir das nichtsnutzige Untier Von Lehrsatz gleichfalls . Was die verdammte Bestie mich an Schweiß und Blut gekostet hat , das wissen die Götter . Und frage nur Ewald . Mathematik ist seine Force , aber drei Glatzköpfe könnten sich Perücken aus den Haaren machen lassen , die er sich darüber ausgerauft hat , und vom Oberlehrer Dr. Grimme weiß ich es fest : er trägt eine aus dem Busche , der auf Ewalds Kopf gewachsen ist , und hat sich das Material selber mit den Wurzeln ausgezogen . « » Den Witz habe ich schon einmal anderswo in Büchern gelesen , Fritz « , meint der Vetter . » Dann kannst du dich fest darauf verlassen , daß es gar kein Witz ist , sondern eine richtige , schreckliche Wahrheit , Just . Frage nur Ewald danach . « Nun hängen wir über dem Tische , und der Vetter Just Everstein beweist mir den Magister . Es müßte ein gut Stück vom einstürzenden Himmel dem Erben und Meister des Steinhofes auf den Kopf fallen , um ihn zum Aufgucken zu Veranlassen . Er verwickelt sich und gerät auf falsche Fährten und gerät auch sich mit der Faust in den blonden Haarwulst . Er findet sich wieder zurecht , und es wird licht und immer lichter vor und in seinen Augen . Endlich ist er siegreich durch und sein autodidaktischer Triumph vollständig . » Hurra ! ... Weiß Gott , er hat den Pythagoras unter sich und kniet ihm auf der Brust ! ... Vetter , du bist ein Riese ! Und auch dies hast du alles aus dir selber ... ? « » Und aus Büchern ! « sagt der Vetter Just Everstein viel verschämter als ein junges Mädchen , dem man zum erstenmal sagt , daß es hübsch sei . Die junge Dame auf dem Ball erfährt da natürlich nichts , als was sie sich schon längst selber mitgeteilt hat ; der Vetter Just aber weiß von nichts , was ihn selber angeht , und glaubt am meisten noch der Mamsell Jule Grote , die ihm jeden Tag von neuem zu hören gibt , daß er der größte Nichtsnutz , Unverstand und Tagedieb sei , den der liebe Herrgott in seinem Zorn zu ihrem Elend in die Welt und auf den Steinhof habe hinsetzen können . Von den » Büchern « kommen wir natürlich auf des Großvaters Bücherschrank . Dschinnistan - Genieland , Geisterland öffnet seine Pforten immer weiter . Wir haben längst alle Berechnung darüber verloren , was es in Bodenwerder geschlagen haben mag auf dem Kirchturme . Wir kümmern uns nicht im geringsten darum , daß es auch auf dem Steinhofe eine Uhr gibt , die ziemlich richtig die Zeit anzeigt und von Jule Grote gewissenhaft immer von neuem aufgezogen wird . Wir sind zum Kaffee gerufen worden und haben nur geantwortet : » Ja , gleich . Im Augenblick ! « Irene hatte Freund Ewald die Augen mit ihrem Taschentuch verbunden , und er hat den Blinden im Blindekuhspiel recht gut zu spielen gewußt . Wir haben das helle Lachen und Kreischen wohl vernommen und dabei aufgeguckt und gefühlt , daß es in dieser engen Kammer unter dem Dache an diesem Julinachmittage ziemlich schwül sei trotz dem offenen Fenster ; aber wir haben auch diesen Lockungen nicht Folge geleistet , sondern nur wiederholt : » Ja , gleich ! Wir kommen ja schon ! « Damals brummte mir der Kopf , als Ewald Sixtus zuletzt eine Leiter mit Hülfe des Hofjungen vom Schafstall herüberschleppte , sie am Hause emporrichtete und plötzlich durch jaches Erscheinen in der Fensterbank und unbändig Geschrei uns mit roten Köpfen und offenen Mäulern aus Traumland und Literatur vom Ende des achtzehnten und Anfang des neunzehnten Jahrhunderts in die Welt der Wirklichkeit und in die Gegenwart zurückriß . Heute weiß ich ganz genau , wie das Schicksal , wahrscheinlich mit dem Finger an der Nase , über den Vetter Just Everstein dachte , nämlich : » Höre , lieber Sohn , dich kenne ich wie alles übrige gut genug , um dich wie alles übrige auswendig zu wissen . Du würdest mir ein netter Halm geworden sein , wenn ich dich von deinen Eierschalen an auf den Mist gesetzt hätte , der dir heute dein Ideal ist . Dich hätte ich wohl verbrauchen sollen als dyspeptischen Professor der Philologie und dysoptischen Doktor der Philosophie nicht wahr ? ! Ne , ne ; nicht rühran ! Hier wächst du mir mit deinen Spinnen im Kopfe auf deinem angeerbten höchst realen väterlichen Dünger und in der Gesellschaft von Jule Grotes Ferkeln und Küken auf . Nachher werden wir weitersehen und den Kerlen mit ihren Systemen beweisen , daß doch auch in unserem Durcheinander und Kopfüber-Kopfunter ein gewisses System vorhanden ist ! Bitte , geniere dich ja nicht , du Tropf ! Rede mir nur drein und zappele dich ab , um dir und mir meine Widersinnigkeit zu beweisen . Es haben mich schon ganz andere Völkerschaften und Herrschaften als du für absolut ungereimt erklärt und das mir sogar auch schriftlich gegeben ; ich habe aber zuletzt immer doch noch einen ziemlich passenden Reim auf sie zu finden gewußt . Nur schade , daß ich nicht wie ihr sagen kann : Wer zuletzt lacht , lacht am besten . « Zehntes Kapitel » Wie süß das Mondlicht auf dem Hügel schläft ! « Es schläft auf allen Hügeln in der Ferne der Erinnerung für den rechten Menschen : die Sonne mag ihm noch so häufig hell und scharf aufgegangen sein im Leben . Und Porzia sagt : Das Licht , das wir da sehen , brennt im Saal : Wie weit die kleine Kerze Schimmer wirft ! Und Porzia sagt : » Horch , Musik ! « » Es sind die Musikanten Eures Hauses « , antwortet Nerissa ; und - one touch of nature makes the whole world kin : wer möchte nicht immer so nach Hause kommen , bei Mondenlicht und wenn der Schein der heimatlichen Lampe durch die Bäume flimmert und des Hauses Musik dem Heimkehrenden , der den heißen Tag mit seinen Freuden , Nichtigkeiten und Widerwärtigkeiten durchwanderte , leise und wehmütig , aber süßer und herzlösender als alles , was der Tag zu bieten hatte , von fernher entgegenklingt ? Das ist nicht bloß in Belmont so gewesen , das war lange vorher so , ehe Venedig existierte , und wird hoffentlich auch wohl noch so sein , wenn es längst wieder in dem Sumpfe , aus dem es emporstieg , versunken ist . Wie oft sind wir so heimgekommen , wir glücklichen Kinder damals ? ! Aus den grünen Wäldern und aus den bereiften Wäldern . Aus der Maiblumenzeit und aus dem Herbststurm . Von der Johanniswürmerjagd und vom Eislauf . Sie behaupteten dann jedesmal , daß sie sich recht sehr um uns geängstigt hätten ; aber dieses gehörte ja ganz und gar zu der Musik , mit der uns die Heimat empfing , und wer möchte in späteren Jahren einen Ton der besorgten Liebe , die früher auf ihn achtete , in der Erinnerung vermissen ? Sie haben es uns nicht merken lassen , oder aber wir haben auch wohl nicht darauf geachtet , daß viel grimmigere Sorgen als unser spätes Nachhausekommen das Schloß Werden ängstigten . Der Herr Graf hat es seiner Tochter nicht mitgeteilt , welch einem schlimmen Shylock mit Messer und Waagschale seine Existenz verpfändet war . Er hat seine Lebensnot für sich behalten , wie meine Mutter ihre Ahnungen davon gleichfalls nicht laut werden ließ . Selbstverständlich haben doch viele Leute darum gewußt ; wir aber nicht , denn zu den » Leuten « gehörten wir eben damals noch nicht . Es gehört erst das richtige Alter dazu , ehe man zu seinem eigenen Schaden von der Welt unter jenes Sammelwort mit einbegriffen wird . Daß es schlecht um den Steinhof stand , wußten wir ; denn Jule Grote tat ihrer Zunge keinen Zwang an in ihren Warnungen und Vorwürfen , mit denen sie ihn ( den Vetter Just einbegriffen ) immer noch zu retten oder , wie sie sich ausdrückte , » herauszureißen « hoffte ; - aber wie schlimm es um Schloß Werden stand , das haben wir erst erfahren , als nichts mehr herauszureißen war . Die Leute hatten eben viel zuviel Respekt vor dem Herrn Grafen , um ihm mit ihren Warnungen , Redensarten , gutem Rat und Vorwürfen zu kommen . Aber aus Kindern werden Leute . Die Zeit steht nicht still - weder in dem grünen Walde noch im entblätterten , weder über der Weizensaat noch über dem Stoppelfelde , nicht auf dem Flusse noch diesseits und jenseits desselben , weder in Bodenwerder noch auf dem Steinhofe und auf Schloß Werden . Wir sind vier oder fünf Jahre älter geworden und , was uns Knaben anbetrifft , eben dem Gymnasium entwachsen . Ich habe mich der Philologie gewidmet und treibe die dahin einschlägigen Studien in der großen Stadt Berlin ; was daraus werden wird , ist mir augenblicklich noch recht dunkel ; ich habe eigentlich nicht gerade viel Lust , später einmal den gelehrten Schulmeister zu spielen und meinesgleichen wiederum heranzubilden und großzuziehen . Ewald Sixtus befindet sich auf einem süddeutschen Polytechnikum . Er hat die Absicht , Baumeister , Ingenieur oder dergleichen zu werden , und kostet vorderhand seinem » Alten « in dem » billigen Süden « ein Erkleckliches . » Unser römischer Namensvetter würde wohl andere Saiten gegen seinen Jungen aufgezogen haben , wenn die Wechsel nie reichen wollten « , brummt der Alte in dem Försterhause . » Aber der Wildkater weiß es einem immer so plausibel zu machen , Herr Graf ; - und dann ist da jedesmal , wenn die Ferien kommen , seine Schwester für ihn da , Frau Langreuter , und geht einem um den Bart ; und so ein gutes Kind wie das Mädchen , Frau Langreuter , das hat die Gegend hier herum noch nicht weiter aufgezogen ; die gnädige Komtesse ist natürlich ganz anders ein nettes , vornehmes Frauenzimmer . - Ei , sich mal , Fritze , bist du auch mal wieder da ? Jaja , der alte Kessel ! Nicht wahr , es rudelt sich doch immer wieder ganz gut daselbsten ? Na , morgen kommt auch mein Junge ; da werden ja denn wohl das stille Leben und die Friedlichkeit für anderthalb Monate ihr Ende haben . « Ich sollte nun auch wie der Papa Sixtus von den zwei jungen Damen oder den beiden Mädchen , Irene und Eva , in zwei Worten ein Charakterbild geben . Und dies wunderbare Thema läßt sich im Grunde auch wirklich so abmachen . Sie waren Fräulein , die eben zu Jungfräulein geworden waren ; und sie übersahen uns weit . » Sie können einen verrückt machen mit ihrer klassisch großartigen Süffisance « , sagte Meister Ewald und meinte hauptsächlich die Komtesse Irene . » Ho , ich glaube wahrhaftig , man muß sie erst geheiratet haben , um ganz genau zu erfahren , was eigentlich hinter ihnen steckt ! « Großartige Selbstgenügsamkeit hatte ich Even in ihrem Verkehr mit mir nicht vorzuwerfen ; aber es kam ziemlich auf dasselbe hinaus , wenn ich dann und wann ihr Betragen für höchst sonderbar und sie für ein merkwürdig unberechenbares Frauenzimmer erklärte . Daß man ein » Frauenzimmer « heiraten könne , war mir in dem Kreise in einer Vorstellungen als etwas Mögliches und vielleicht auch zu Erstrebendes noch nicht deutlich und faßlich . Die geniale Äußerung Ewalds in dieser Beziehung überhörte ich zuerst ganz , dachte dann am nächsten Tage zufällig wieder daran und schrieb sie mir erst in der folgenden Nacht als eine kolossale Frechheit und als - etwas ungemein Interessantes fest ins Gedächtnis . Gewachsen sind unsere Nußbüsche an der Gartenhecke nicht mehr ; sie sind aber noch mehr ins Breite gegangen mit ihren Zweigen und überschatten einen weiteren Kreis . Unsere alten Kindernester hängen noch in diesen Zweigen ; aber es sind ausgeflogene Nester . Die jungen Damen klimmen nicht mehr zu ihnen empor , und nur Freund Ewald ruft noch dann und wann hoch in einem Wipfel das Gedächtnis früherer , seliger fauler Stunden in seinem Busen wach und läßt seine langen Beine mit alter Grazie uns auf die Köpfe niederbaumeln ; denn unser Lieblingsplatz sind die Bänke in diesem lieblichen Schatten doch geblieben , trotzdem daß wir so sehr erwachsen und verständig und anständig geworden sind . Es ist aber einerlei ; auf dem Grunde unserer Seele schlafen doch alle alten fröhlichen Neigungen . Wir gehen noch von dem » großen Nußbaum « aus den Unserigen durch ; der einzige Unterschied ist , daß die Mädchen ( auch Irene ) noch ein wenig mehr Einwendungen zu machen haben und daß wir es zu Hause mitteilen , daß wir » ausgehen « , und uns die Erlaubnis nicht ohne weiteres selbst nehmen . Früher freilich ließen wir alle unsere Sorgen den lieben Angehörigen , heute nehmen wir schon ein gut Teil unserer eigenen Sorgen auf alle unsere Wege , auch auf die lustigsten , mit uns . Und da sind wir wieder auf dem Wege , von dem wir erst im Anfange dieses Kapitels beim süßen Licht des Mondes und beim Lampenschimmer der Heimat zurückkehrten . Es ist wieder Sommer , und wieder steht Mondschein im Kalender . Wir gehen wieder auf Besuch zu dem Vetter Just nach dem Steinhofe ; aber nicht nur , wenn zwei dasselbe tun , ist es nicht dasselbe : auch wenn man zweimal dasselbe tut , ist es gleichfalls nicht mehr dasselbige . Die Namen , die Adam den Dingen gab , bleiben wohl , und die Menschheit darf sie dreist dabei nennen ; aber flüchtig sind des Menschen Auffassungen und Begriffe : was er heute so nennt wie gestern , ist heute nicht mehr das , was er gestern darunter verstand . Wir gehen tausendmal den nämlichen Weg , aber nimmer wieder denselben ; - Ach , und in demselben Flusse Schwimmst du nicht zum zweitenmal . Gottlob , das Echo in unseren Bergen und Wäldern wachzurufen , haben wir noch nicht verlernt - Ewald und ich nämlich . » Holla , der Steinhof : Heda , he , Vetter ! Vetter Just Everstein ! « » Holla , holla , hier ! « klingt es zurück , und der Vetter , nunmehr fünfundzwanzig Jahre alt , kommt langsam und langbeinig , unbeholfen , fett und äußerlich unsagbar vertiert , die kurze Pfeife im Munde , über seinen Hof uns entgegen , nach dem Hause zurückrufend : » Jule , da sind sie . « Und wieder erscheint Jule Grote auf der Haustürtreppe , um fünf Jahre hexenhafter von außen und weichmütiger von innen geworden . » O mein Je , die jungen Herrschaften ! Die Ehre und das Vergnügen werden ja jedesmal größer ; denn so wie die jungen Leute , mit Erlaubnis zu sagen , heranwachsen , das glaubt gar keiner , der es nicht immer von neuem mit ansieht . « » Und du hast uns wieder voraufgeahnt , Vetter Just ? « lacht Ewald . » Natürlich ! Und sowohl von wegen der Seelenkunde als der Witterungskunde . Nach wem habt ihr euch denn wohl am meisten wahrend des vierzehntägigen Landregens hingesehnt als nach mir ? Meteorologie nennt man dieses , wenn man seine Freunde genau kennt und zu gleicher Zeit mit der Landwirtschaft zu schaffen hat . « » Wahrlich , so ist es , Herr Vetter ! « lacht auch Irene , die Hände zusammenschlagend , und Eva lacht auch , und der Vetter gibt der letzteren zuerst die Hand ; denn sie macht sich immer noch von allen am wenigsten über ihn lustig , das heißt gar nicht ; und er weiß das um so mehr zu schätzen , je » gelehrter « er geworden ist und weiter wird , Der Ernst und die ernsthafte Teilnahme seiner Umgebung und guten Bekannten hält selbstverständlich nicht Schritt mit seinen Fortschritten in Bildung und Wissenschaften . Im Gegenteil , sie bleibt sehr zurück dahinter , und die gute Bekanntschaft nimmt ihn immer vergnügter , was man ihr schon hätte hingehen lassen können , wenn nicht leider bereits Leute darunter gewesen wären , die auf seine » Verrücktheit « spekuliert hätten und eigene Bestrebungen darauf bauten . Die lachen nur hinter seinem Rücken , und er hat keine Ahnung von ihnen , trotzdem daß Jule Grote ihn tagtäglich auch auf das auf macht und mit der Nase darauf hinstößt . Die Lacher nimmt er in gewohnter Weise leicht . » Das ist mir ganz einerlei « , meint er . » Ich denke sie mir allesamt rückwärts , wie sie alle an ihrer Mutter Brust gesogen oder eine Amme gehabt haben oder mit Brei aufgefüttert sind und wie keiner was für seine Natur kann und ich auch nicht . Wenn ich da muffig werden wollte , so hätte ich wohl manche andere bessere Gelegenheit zur Wut . Ich habe doch alles versucht . Ich habe mir eine Kanarienvögelhecke angelegt , und ich habe mich auf die Bienenzucht geworfen - oben stehen die Bücher über beides , und es ist eine ganze Reihe geworden . Ich habe es mit der wissenschaftlichen Verbesserung der hiesigen Ackerstelle in ökonomischer Hinsicht probiert und - oben stehen die Bücher auch , und da habe ich nicht den tausendsten Teil von dem , was darüber erschienen ist , aber eine schöne Reihe ist es doch . So wahr ich hier stehe , es ist mir bitterer Ernst um meiner Väter Erbe , obgleich ich noch nicht einmal wie sie verheiratet bin und Nachkommenschaft habe . Der liebe Gott weiß es , wie oft ich mich schon dem Teufel vor Angst und Verdruß hätte übergeben mögen ! « Dieses pflegte er zu sagen ; augenblicklich aber brummt er im höchsten Behagen : » Wir sind eben beim Frühstück . Kommt nur rasch herein . Jule ! « » Ich weiß ja schon , Just « , ruft die Alte , die harte treue Hand im Kreise herumreichend . » Alles , wie es sich schickt . Vorliebnehmen ist auch was , was der liebe Gott gern hat . « Da ist nun die alte gute Bauernstube des Steinhofes zum zweitenmal . Wieder voll Augustfliegen und mit all