Aber er ist ja gestern abend an meiner Tür gewesen « , schrie der eine . » An meinem Fenster ! « schrie der andere . » Meine Nummern sind herausgekommen 2 , 5 , 27. « » Meine , meine 17 , 48 , 80. « » Schweigt , ich hab ' ein Terno , 46 , 57 , 89. « Der Lärm wurde immer größer - die Frau wußte sich der Anstürmenden nicht zu erwehren und schrie um Hilfe . Schließlich stand die ganze Gemeinde um den Laden , die Betroffenen wütend , die Zuschauer lachend . Der Knabe aber , der durch sein Nachahmungstalent den ganzen Spuk angerichtet hatte , saß zur selben Zeit mit ungewohntem Ernst zu Füßen seines Lehrers und nur zuweilen zuckte es wie ein Blitz über das blasse Antlitz . Dieses Talent entwickelte sich überhaupt immer mehr und es ist schwer zu sagen , ob die Juden von Buczacz mehr Freude oder mehr Verdruß davon hatten . Auch der harmloseste Mensch hört es gern , wenn man seinen lieben Nächsten ein wenig verspottet , und darum war Sender in den meisten Häusern ein gern gesehener Gast . Da stellte sich der Knabe hin : » Ratet , wer ist das ? « Und dann hörte man eine sanfte Lispelstimme : » Erbsen ! immer Erbsen ! Weib ! warum gibst du mir niemals Fleisch ? « Worauf eine polternde Frauenstimme erwiderte : » Mit Braten bist du aufgewachsen ? Verdien dir das Fleisch ! « Der Mann fuhr fort zu flehen , das Weib zu poltern - man brauchte bloß die Augen zu schließen und hätte schwören mögen , da zanke sich der kleine Chaim Roser wieder einmal mit seinem großen Weibe Rifka . Ein Hauptstücklein des Knaben war ' s , sonderbare Käuze in verschiedenen Gemütszuständen vorzuführen - zärtlich oder betrunken , zornig oder furchtsam . Seinem Lehrer hatte er vollends jede Gebärde abgeguckt - es war den Zuschauern fast unheimlich ob solcher Naturtreue . Aber er bedurfte dazu nicht erst langjähriger Beobachtung . Da war einmal ein berühmter Rabbi ins Städtchen gekommen , verweilte über den Sabbat und hielt am Vormittag eine Gastpredigt . Am Nachmittag war bei Moses Fränkel , einem reichen Manne , in dessen Hause der Rabbi abgestiegen war , zu dessen Ehren ein Fest . Niemand wurde besonders geladen , es war nach der Sitte dieser Kreise selbstverständlich , daß jeder kam , der Lust dazu hatte , Greise , Männer und Knaben . Darunter natürlich auch Sender . Während sich die Frauen des Hauses in einem Nebengemach um die Gattin des Gastes scharten , suchten die Männer den hochwürdigen Herrn nach Kräften zu vergnügen . Zu diesem Zwecke ward ihm auch Sender vorgeführt und machte seine Stücklein . » Könntest du auch nachahmen , wie ich rede ? « fragte der Rabbi . » Warum nicht ? « erwiderte der Knabe und begann eine Kopie der Predigt , Zug um Zug getreu , bis auf die Art des Atemholens . Die Leute sahen sich verlegen an , der Rabbi lächelte , aber immer gezwungener . Da ward die Tür des Nebengemachs geöffnet . » Verzeiht « , sagte die Dienerin , » aber die Rebbezin möchte hören , was ihr Mann predigt . « Die eigene Gattin des Mannes hatte sich täuschen lassen ! So ward Sender unter den nüchternen Leuten von Buczacz nicht selber nüchtern , steckte sie vielmehr mit seinen Torheiten an . Aber es ging dabei nicht immer so harmlos zu . Der schlanke , blasse Junge steckte voll Tücken und Nücken . Nur aus Übermut und weil es nun einmal Menschenart ist , seine Krallen zu brauchen , wenn man sie hat ; wer sie nicht hat , findet das freilich unverzeihlich . Aber gut war der Junge dabei doch , grundgut und warmherzig . Er achtete nicht auf Besitz . Schenken war seine Leidenschaft , und einmal kam er ohne Stiefel , ein andermal ohne Hut heim , weil er sie an Arme verschenkt hatte . Solche Züge versöhnten den guten , dicken Simon immer wieder mit seinem ungezogenen Zögling . » Eben ein Pojaz ! « sagte er achselzuckend . Minder gleichmütig nahm es die Rosel , als sie endlich nach zwei Jahren zum dreizehnten Geburtstage Senders nach Buczacz hinüberkam und die Ergebnisse der Erziehung überblickte . Mit dem vollendeten dreizehnten Jahre tritt der jüdische Knabe , wie bereits erwähnt , in den Bund der Männer , und dies ist auch in der Regel die Zeit , wo er einen bestimmten Beruf wählen muß . » Meine liebe Frau Rosel « , sagte Simon bekümmert , » fünfhundert Knaben habe ich bis zum dreizehnten Geburtstag unterrichtet , fünfhundert Ratschläge habe ich gegeben - Euch weiß ich keinen . Zum Handelsmann taugt der Junge nicht - er schenkt ja alles weg ! Zum Gelehrten auch nicht - er hat einen guten Kopf , aber keinen Fleiß ! « Die kluge Frau faßte sich rasch und wußte Rat . » Dann muß er eben ein Handwerker werden « , entschied sie und gab ihn zu einem Uhrmacher in die Lehre . So begann der dritte Abschnitt im Leben dieses sonderbaren Menschen , aber er endete jäh und bald . Auch hier ging anfangs alles prächtig . Der Lehrherr , Hirsch Brandes , war nicht bloß der beste Uhrmacher des Kreises , sondern auch einer der vernünftigsten Männer von Buczacz . Er hielt den Knaben kurz , und dieser fügte sich , solange ihn die veränderten Verhältnisse und das neue Handwerk interessierten . Dann begann er sich zu langweilen und machte tausend tolle Streiche . Und endlich auch einen , infolgedessen er die Stadt verlassen mußte . Da schlug nämlich einmal in später Abendstunde eines Herbsttages der Holzklöppel des Schuldieners von Buczacz , des kleinen , melancholischen Mendele , dreimal im wohlbekannten Takte an alle Fenster des Städtchens und mit seiner näselnden , ewig umflorten Stimme forderte Mendele die Leute auf , morgen schon um vier Uhr zum Gebete zusammenzukommen , der Rabbi befehle es und werde morgen selbst den Grund offenbaren . Seufzend erhoben sich schon in der dunklen , kalten Frühe die Familienhäupter aus ihren warmen Betten und schlichen zur » Schul ' « . Aber das Gotteshaus war verschlossen und nun warteten sie zähneklappernd auf Mendele und den Rabbi . Inzwischen waren auch diese beiden geweckt worden . Der Rabbi hörte an seinem Fenster die wohlbekannten drei Schläge , und als er sich aufrichtete und erschreckt rief : » Mendele , was ist geschehen ? « erwiderte dieser : » Auf , Rabbi , in der Schul ' steckt ein böser Geist und poltert . Es stehen schon eine Menge Leut ' draußen , aber ohne Euch trauen sie sich nicht hinein ! « » Gott ! Gott ! « rief der alte Mann entsetzt , » es ist gewiß Berisch , der Schenker , der keine Ruh ' im Grabe hat , weil er so viel Wasser in den Schnaps gegossen hat ! « Und er fuhr hastig in seine Kleider . Gleich darauf klopfte es an Mendeles Fenster : » Ich bin ' s « , rief eine kreischende Frauenstimme , » Mirl , die Köchin des Rabbi ! Ihr sollt sogleich mit den Schlüsseln zur Schul ' kommen . Drinnen hört man einen bösen Geist , die halbe Gemeinde steht schon draußen ! « » Gottes Schutz über Israel « , stöhnte das Männchen erschreckt und stürzte halbbekleidet zur Schul ' . » Hört ihr ' s schon lang ? « rief er den Männern entgegen . » Was ? « » Den bösen Geist , der drinnen ist ? « » Bist du verrückt - man hört ja nichts ! « » Aber der Rabbi hat es mir sagen lassen . « Im selben Augenblick kam auch dieser herangekeucht . » Leut ' ! « rief er , » es ist Berisch , der Schenker ! « » Der ist ja begraben ! « » Eben darum ! Ein Lebendiger kann nicht als Geist des Nachts in der Schul ' poltern . « » Aber es poltert ja nichts , Rabbi ! « » Wie ? Mendele hat mich doch geweckt ! « » Rabbi ! Ihr habt mich ja wecken lassen , durch Eure Köchin ! « » Was ? ... Was ? ... Du warst ja bei mir ! « » Aber Mendele , warum hast du uns gestern abend herbestellt ? « » Ich euch ? - Verrückt seid ihr ! « » Verrückt bist du , du warst ja bei uns allen ! « » Ich ? « Dem armen Mendele begann es im Hirn zu wirbeln und nicht minder dem Rabbi und den Leuten . So schrieen , riefen , klagten , schimpften sie wirr durcheinander , in dichtem Knäuel schoben sie sich hin und her , die tiefe Dunkelheit mehrte den Wirrwarr - es war eine unbeschreibliche Szene . » Ein böser Geist « , rief plötzlich einer mit durchdringender Stimme , » das kann nur ein Geist angestiftet haben . « » Ein Geist « , wiederholten die anderen und schoben sich noch enger zusammen . » Horch ! da klopft es ja wirklich in der Schul ' . « In der großen Aufregung hörten sie in der Tat , was nicht zu hören war . Da faßte sich endlich einer und rief : » Hört mich , ihr Leute ! Ein böser Geist hat es angestiftet und aus vernünftigen Leuten Verrückte gemacht . Aber vor dem braucht ihr euch nicht zu fürchten . « Es war Hirsch Brandes , der Uhrmacher . » Umsonst ist mein Sender gestern abend nicht so spät nach Hause gekommen ! « fügte er bei . » Der Pojaz ! « riefen alle - es fiel ihnen wie Schuppen von den Augen . » Erschlagen soll man ihn - kommt - kommt - lebendig kommt er uns nicht aus den Händen ! « Aber da rief Hirsch Brandes : » Laßt das mir , ihr Leut ' , er soll sein Teil bekommen , und dann hinaus mit ihm - aus meinem Haus und aus der Stadt ! « So geschah ' s. Als Sender um die Mittagsstunde desselben Tages Buczacz verließ , da nahm er nicht bloß im Herzen , sondern auch in anderen Körperteilen lebhafte Erinnerungen mit an die Stadt seiner Jugend . Fünftes Kapitel Die Mutter empfing ihn schlecht , sehr schlecht . Wohl hörte sie ihn ruhig an , ohne Schimpf und Schlag , aber Prügel wären dem Jungen lieber gewesen . Frau Rosel tat , als wäre er nicht zu Hause , sie würdigte ihn keines Worts und Blicks , sie klagte nicht , nur Nachts hörte er sie in ihrer Kammer stöhnen . Und weil er ja guten , weichen Herzens war , so wirkte gerade dieser stumme Schmerz tiefer auf ihn als jede laute Züchtigung . Eines Morgens warf er sich ihr weinend zu Füßen . » Tritt mich , schlag ' mich « , schluchzte er , » aber dann sag ' , was ich nach deinem Willen tun soll ! « Die Frau schüttelte finster den Kopf . » Es kommt ja doch alles , wie es kommen muß ! « » Was meinst du , Mutter ? « » Später - morgen - ich werde nachdenken ! « Das Geheimnis seiner Geburt war ihr fast auf die Lippen getreten , sie drängte es zurück . Am nächsten Morgen hatten Mutter und Sohn eine lange Unterredung . Rosel drang in den Zerknirschten , ihr zu sagen , welchen Beruf er selber wünsche . » Was du willst , Mutter « , war seine Antwort . Aber als sie nicht abließ , meinte er zögernd : » Am liebsten schau ich mir so die Leut ' an und mach ' ihnen dann nach , oder denk ' mir , was sie tun würden , wenn ihnen ein Schmerz widerfahren möchte , oder eine Freude , oder ein Schreck , oder wenn sie betrunken wären . Geschichten hör ' ich gern und weiß sie auch sehr gut zu erzählen - die Leut ' lachen , daß ihnen der Bauch wackelt . Und dann möcht ' ich herumreisen ! Sobald ich jemand gut kenne , geht er mich nichts mehr an ... « Die Frau nickte fortwährend , während er so sprach . » Ja , ja « , flüsterte sie dumpf , » so , genau so habe ich es mir gedacht ! « Aber dann richtete sie sich hoch auf ; noch einmal wollte sie den Kampf aufnehmen mit dem ererbten Dämon . » Davon kann man nicht leben « , sagte sie mit harter , schneidender Stimme , » hast du nie daran gedacht , dir dein Brot zu erwerben ? « » Nein « , gestand er . » Aber es muß ja sein ! « » Dann möchte ich am liebsten Fuhrmann werden « , sagte er zaghaft . » Da kommt man weit herum , sieht viele Menschen , und während man die Pferde lenkt , kann man sich so Geschichten ausdenken . « Frau Rosel stimmte weder dafür noch dagegen , sie stritt einen schweren Kampf . Endlich entschloß sie sich , des Knaben Wunsch zu erfüllen . Wer sich aus einer reißenden Strömung retten will , dachte sie , darf nicht gegen sie schwimmen , sondern mit ihr und zugleich langsam dem Ufer zu . Das erwählte Gewerbe tat dem unsteten Sinn des Knaben Genüge , und er blieb dabei doch in geordneten Bahnen . » Noch zwei Jahre « , hoffte sie , » dann suche ich ihm ein braves Weib und es behagt ihm schließlich selbst nicht mehr , so ewig auf der Landstraße umherzukollern . « Und wieder schickte sich anfangs alles gut . Sender kam zum ersten Lohnfuhrmann von Barnow , Simche Turteltaub , einem lustigen , kreuzbraven , ewig durstigen Menschen . Herr und Knecht paßten zusammen , vertrugen sich vortrefflich , lachten an einem Tage mehr als alle übrigen Juden von Barnow in der ganzen Woche und gewannen sich täglich lieber . Nach zwei Monaten brachte es Sender so weit , daß ihm der Herr sein eigenes Fuhrwerk auf größere Reisen anvertraute ; nicht umsonst war schon in seinen frühen Knabenjahren der Fedko sein guter Freund gewesen . Im übrigen blieb der Bursche , wie er gewesen ; immer lustig , nicht immer harmlos , voll von Possen und Tücken . Nur daß ihm mit den Jahren die Kunstfertigkeit zunahm und da er nun auch wirklich viel Zeit hatte , sich » Geschichten « auszudenken , wenn er so von Barnow nach Tarnopol fuhr , oder durchs Flachland gegen die Berge Pokutiens , so ward er bald im ganzen Lande im gleichen Sinne bekannt , wie früher in Buczacz . Der » Pojaz « - sie nannten ihn nirgendwo anders , und so groß war der Ruf seiner Streiche , daß er noch heute nicht erloschen ist . Tolle Streiche , in denen gleichwohl ein Fünklein Vernunft oder Gerechtigkeitssinn nicht zu verkennen war . Er hatte dieselbe Empfindung darüber , mehrere Jahre später pflegte er selbst zu sagen : » Schändlich habe ich ' s getrieben , aber zu schämen brauch ' ich mich nicht . « Das war die Einleitung , und dann begann er zu erzählen : » An der Grenze , in Skalat , war ein kaiserlicher Finanzkommissär , Meyringer hat er geheißen , der war schlauer als alle armenischen und jüdischen Schmuggler zusammengenommen . Die Regierung schickt ihn hin , damit er dem Treiben ein Ende macht , und gibt ihm viele Grenzwächter mit , sogar eine Kompagnie Militär . Er aber läßt die Soldaten ruhig in der Kaserne , geht zu den Leuten hin , die dieses Geschäft in der Hand haben , und sagt ihnen : Wenn ich euch abfasse , habt ihr nur Schaden und ich keinen Nutzen ! Verständigen wir uns ! Das ist den Schmugglern nicht neu , sein Vorgänger hat es ebenso gemacht , sie bieten ihm dasselbe : ein Viertel vom Nutzen . Gut , sagt er , aber ihr versprecht es mir schriftlich und was ich beiläufig jährlich erwarten darf . Das fällt ihnen auf , dann aber denken sie : Er ist doch ein Beamter ! Wenn er sich nicht schämt und fürchtet , einen solchen Vertrag zu machen , warum wir ? Und sie tun ' s. Zwei Tage darauf sitzen sie alle im Kreisgefängnis in Barnow . Der Meyringer hat sie angezeigt , die Verträge vorgelegt . Sie kommen ins Zuchthaus , müssen den früheren Schaden ersetzen , und der Meyringer bekommt zur Belohnung ein Drittel davon . Das Militär kann abrücken , der Schmuggel hat aufgehört , denn die Schmuggler sitzen ja alle , und der Meyringer wird Oberkommissär und kriegt einen Orden . Ein anderer wäre zufrieden , aber der Meyringer denkt : Was fang ' ich nun an ? Kein Schmuggel , kein Verdienst für mich ! Das schöne Geschäft darf doch nicht stille liegen ! Zwei Monate später wird wieder geschmuggelt , Vieh und Getreide aus Rußland , Salz und Stoffe nach Rußland , und dreimal so viel als sonst . Der Meyringer hat , weil sich kein anderer gefunden hat , die Sache selbst in die Hand genommen - und wie ! Er verdient ein Heidengeld dabei , und das Geschäft ist sicher : sollen seine Schmuggler durch die Furt gehen , so warten seine Aufseher an der Brücke und umgekehrt ! Natürlich dauert ' s nicht lang , und es kommt eine Anzeige an den Kreishauptmann . Ein Oberkommissär wird abgeschickt und untersucht - umsonst ! Man schickt mehr Aufseher , auch Soldaten . Der Schmuggel dauert fort , und den Meyringer abzusetzen ist nicht möglich , weil man ihm nichts beweisen kann . Nun kommt ein Finanzrat aus Lemberg , der tüchtigste Beamte im Lande , aber der findet auch nichts . Zu dieser Zeit bin ich gerade in Skalat und höre diese Geschichte und wie alle Leute den schlauen Schurken verfluchen . Dem kommt niemand bei ! klagen sie . Da kommt ein anderer Fuhrmann , Krumm-Avrumele hat er geheißen , und ein großer Gauner war er , zu mir . Pojaz , sagt er , wann fährst du nach Barnow zurück ? Morgen früh , sag ' ich . Und heut ' nacht ? Schlaf ' ich und ruhen die Pferde ! Hättest du nicht Lust , heut ' nacht etwas Besonderes zu verdienen ? Dein Fuhrherr muß es nicht erfahren . Deinen Wagen brauche ich nicht , aber dich und die Pferde ! Ich weiß gleich , was dahinter steckt , denn alle Leute sagen ja , daß Krumm-Avrumele für den Meyringer schmuggelt . Wohin soll ich kommen ? Schlag zehn ins Wirtshaus in Rossow . Aber du schweigst darüber ! Natürlich ! Abgemacht ! Nun überleg ' ich mir die Sach ' . Also in Rossow sammeln sich die Schmuggler . Dann fahren sie natürlich ins nächste russische Dorf , nach Klobowka , dort wird aufgeladen . Vor Morgengrauen müssen sie zurück sein . Dann können sie also nur den kürzesten Weg zurücknehmen , über die Rossower Brücke . Sind der Finanzrat und seine Leute gegen zwei Uhr früh dort , so fangen sie den Transport ab . Dem Schurken , dem Meyringer , gönn ' ich ' s. Also muß ich ' s dem Rat sagen . Ich geh ' ins Wirtshaus , wo der Rat wohnt , zum dicken Froim . Der Herr Rat ist in der Kasern , sagt mir der , heut ' wird er wieder die ganze Nacht mit dem Meyringer und den Aufsehern herumkutschieren und am Morgen mit langer Nas ' heimkommen . Der Schuft foppt ihn , wie er will , und der Herr Rat glaubt ihm doch ! Böse Sach , denk ' ich , dann glaubt er auch mir nicht ! Da kommt der Kutscher vom Rat in die Stub ' und läßt sich ein Glas Schnaps einschenken . Severko , sagt der dicke Froim , du hast genug ! Wie willst du heut ' nacht kutschieren ? ! Ich schau mir diesen Severko an , und richtig - er steht kaum noch auf den Beinen . Froim , sag ' ich zum Wirt , gebt ihm so viel Schnaps , wie er will . Es ist ein gut ' Werk ! Bist du verrückt ? fragt er . Tut ' s , sag ' ich und bitt ' so lang , bis der Kerl eine ganze Flasche bekommt . Und eine halbe Stunde darauf eine zweite . Es wird Abend , der Regen gießt in Strömen , der Rat kommt mit dem Meyringer , um abzufahren , aber die Pferde stehen im Stall und der Severko liegt unter dem Tisch . Der Rat wettert , da biet ' ich mich an . Der Wirt steht für mich gut . Er nimmt ' s an . Eine Viertelstunde später fahren wir ab . Vor die Stadt ! wird mir befohlen . Bei der Kaserne schließen sich uns sechs andere Wagen an mit Aufsehern und Soldaten . Ihr fahrt uns nach , befiehlt der Rat , und mir : Nach Dolnice ! Das Dorf liegt zwei Stunden vom Städtchen und vier von Rossow - der Schurk ' führt uns wirklich in die entgegengesetzte Richtung . Aber da läßt sich nichts machen - ich fahr ' auf Dolnice zu , wenn auch langsam . Die Nacht wird immer finsterer , der Regen stärker , bei der ersten Seitenstraße bieg ' ich ab . Der Meyringer merkt ' s. Wohin ? ruft er . Der Weg ist kürzer , lieber Herr ! Aber du wirst dich verirren ! Behüte ! Und fahr ' und fahr ' im großen Bogen ums Städtchen gegen Rossow und die sechs Wagen hinter mir her . Der Meyringer wird ungeduldig . Wo sind wir ? Bei Dolnice ! Aber dort ist ja kein Wald . Ich schweig ' und fahr ' zu . Vom Rossower Kirchturm schlägt ' s - ein Uhr , wir sind dicht am Dorf . Du Judenhund , du hast dich verirrt . Ja , Herr ! Und wo sind wir ? ! Ich weiß nicht , aber dort schimmert Licht ! Das Rossower Wirtshaus ! Aber das Nest ist ja schon leer , ich fahr ' weit daran vorbei , der Grenze zu . Nach einer halben Stunde fängt der Meyringer ordentlich zu toben an . Halt - halt ! Auch der Rat schimpft und schreit , ich tu ' , als hör ' ich ' s nicht . Sie schlagen das Leder zurück und prügeln mit den Stöcken auf mich ein , ich tu ' , als spür ' ich ' s nicht , sondern fahr ' zu - immer näher der Rossower Brücke . Halt ! halt ! Es nützt ihnen nichts . Da seh ' ich uns endlich etwas Dunkles entgegenkommen : einen Lastwagen . Gottlob , da sind die Schmuggler ! Ich halte , die beiden stürzen hervor , die Aufseher sammeln sich um sie . Wo sind wir ? An der Rossower Brücke , Herr Rat ! sag ' ich . Und dort kommt der Transport ! Einige Minuten darauf waren die Schmuggler gefangen , und am nächsten Morgen sind sie samt dem Meyringer in die Kreisstadt geschafft worden , nach Zaleszczyki . Eine Belohnung habe ich nicht verlangt und nicht bekommen - mir war ' s genug , daß alle Leute gesagt haben : Ein Bursch ' von achtzehn Jahren ! - einen Kerl wie den Pojaz hat ' s noch nie gegeben ! « Noch ungleich stolzer aber war er auf folgenden Streich . » In Tarnopol war ein steinreicher Greis , Chaim Burgmann , ein geiziger , hartherziger Mensch . Seiner verstorbenen Schwester Kinder waren bettelarm , aber er hat ihnen nie einen Kreuzer zukommen lassen von seinem Überfluß . Einmal mietet er mich nach Zloczow , wir fahren die ganze Nacht durch . Und wie ich ihn so hinter mir schnarchen höre , fällt mir seine Schwester Lea ein , die ich sehr gut gekannt habe - von Buczacz her - und ich denke : dem Alten ist etwas zu gönnen und - den armen Kindern auch ! So schreie ich plötzlich laut und hohl , ganz mit der Stimme der Lea : Du alter Lump , warum läßt du meine Kinder verhungern ? Mein Chaim fährt auf . Gott mit uns ! schreit er , was war dies für eine Stimme ? Ich schweige , er murmelt etwas und liegt wieder still da . Da wag ' ich ' s noch einmal . Chaim ! meine Kinder hungern ! Nun hat er ' s deutlich gehört , entsetzt fährt er auf . Was war das ? Kutscher , hast du nichts gehört ? Ja , erwidere ich mit zitternder Stimme , plötzlich hat ein kalter Wind durch den Wagen geweht - und eine schreckliche Stimme ... Dem Alten sträubt sich das Haar , zitternd setzt er sich neben mich auf den Bock und fängt laut zu beten an . Aber am anderen Tage hat er zehn Gulden nach Buczacz geschickt und von da ab jeden Monat ... « Seine rühmlichste Tat freilich dünkte ihm die folgende . » In Kopeczynce war ein reicher Verwalter , der Herr Tuskowski . Der hat eine einzige Tochter gehabt , das Fräulein Waleria . Das Mädchen war recht schön , aber stolz , als wär ' sie von Gold , und hart , als wär ' ihr Herz von Stein . Sie war die eigentliche Verwalterin , und wenn ein Mädchen auf dem Hofe ein Unglück gehabt hat , ein kleines Unglück , so hat sie die Arme fortgejagt ohne Erbarmen ! Was tut aber Gott ? ! Gott schickt die Husaren nach Kopeczynce und läßt den Rittmeister einen schönen Mann sein . Und nach einigen Monaten wird die stolze Panna ( polnisch : Fräulein ) selbst blaß und kränklich und doch täglich runder . Natürlich verbirgt sie es ängstlich und ist noch viel strenger gegen andere , so grausam streng , daß es kaum zu sagen ist ! Wie ich einmal nach Kopeczynce komm ' , erzählt mir Mortche der Schenker die ganze Geschichte und sagt : Heute nachmittag gibt sie wieder eine große Unterhaltung im Gartenhaus , um die Herrschaften zu täuschen . Ich hör ' s an , spann ' ein , fahr ' nach Tluste und nehm ' mir die beiden Hebammen mit , die jüdische und die christliche : Zum Fräulein Tuskowska ! Eine schwere Sache , sie braucht euch beide ! Vor dem Garten lad ' ich die beiden alten Weibsbilder ab : Da hinein ! Um Gottes willen - eilt euch ! Atemlos keuchen sie hinein und fragen vor der ganzen Gesellschaft , wo denn die Panna Waleria ist , die sie so dringend braucht . Natürlich hat sie sie hinausgeworfen und ich selbst bin mit genauer Not den Knechten des Herrn Tuskowski entgangen . Aber am nächsten Morgen ist die Panna Waleria aus Kopeczynce abgereist und nie wiedergekommen ... « Bis in sein zwanzigstes Jahr ging dies Treiben fort . Da wandelte ihn ein jäher , zufälliger Eindruck und warf ihn in neue Bahnen . Auch dies sei mit seinen eigenen Worten berichtet . Sechstes Kapitel » Es war so gegen Ende des Winters « , pflegte er darüber zu erzählen , » da läßt mich einmal Jossef Grün , der Vorsteher , rufen und mietet mich , mit seinem Sohn Schmule nach Sadagóra zu fahren , zum Wunderrabbi . Der Schmule ist so in meinem Alter , damals also war er im zwanzigsten , aber dabei blaß , schwach , kränklich wie ein zwölfjähriges Kind . Weil jedoch Jossef gar so ein frommer Mensch war , so hat er ihn schon den Herbst vorher verheiratet , noch dazu mit einem Mädchen , welches um zwei Jahre älter war und dabei dick und rot wie ein Maschansker Apfel . Aber wie ein halbes Jahr vorbei ist und sich noch immer keine Hoffnung auf ein Enkelchen zeigt , wird der Alte ungeduldig und denkt : der große Rabbi muß es richten . Wie er mir das erzählt , und ich mir so den Schmule anschau ' , denk ' ich mir im stillen : da hat der Mann recht , ohne ein Wunder wird dieses schwächliche Kind nicht Vater werden . Laut aber verspreche ich alles , um was der Alte mich bittet : achtzugeben auf den Schmule und mit ihm vor den Rabbi zu gehen und ihn dort zum Reden zu bewegen , weil der schüchterne Junge sonst vielleicht gar nicht sein Anliegen vorbringen möchte . So fahren wir also aus , kommen am Abend des zweiten Tages nach Sadagóra und kehren in einer Schenke ein . Dort sind einige Juden , die uns gleich vertraulich näher rücken und fragen , wozu wir gekommen sind - aber nicht aus Neugier und noch weniger aus Gutmütigkeit . Das ganze armselige Nest lebt ja nur vom Rabbi , und darum sind alle seine freiwilligen oder bezahlten Helfer . Die Fremden werden ausgeforscht , man berichtet dann ihren Namen , ihren Stand und ihr Anliegen dem Rabbi , und am nächsten Tage , wo er den Besucher vorläßt , kann der Mann mit leichter Mühe den Allwissenden spielen ! Bei uns sollt ihr euch einmal eine Beule anrennen , denk ' ich und fange an zu klagen , was für ein unerhörtes Schicksal den Schmule hergeführt hat . Seit wenig mehr als drei Jahren ist er verheiratet , und alle zehn Monate gebiert sein Weib Drillinge ! Immer Drillinge , also zwölf Kinder in dreieinhalb Jahren - und gerade jetzt scheinen wieder neue unterwegs - ein richtiges Unglück ! Die