, während sie im Kreise ihrer schwärmerischen Genossen die überfüllte Phantasie entzügelte . Doch in jeder Jahreszeit einmal , wenn in der Natur die großen Veränderungen geschahen und die alten Menschen an die schnelle Vergänglichkeit ihres Lebens erinnerten und ihre körperlichen Gebrechen fühlbarer wurden , erwachte , meistens in dunklen schlaflosen Nächten , ein entsetzlicher Streit zwischen ihnen , daß sie aufrecht in ihrem breiten altertümlichen Bette saßen , unter dem einen buntbemalten Himmel , und bis zum Morgengrauen , bei geöffneten Fenstern , sich die tödlichen Beleidigungen und Zankworte zuschleuderten , daß die stillen Gassen davon widerhallten . Sie warfen sich die Vergehungen einer fern abliegenden , sinnlich durchlebten Jugend vor und riefen Dinge durch die lautlose Nacht aus , welche lange vor der Wende dieses Jahrhunderts in Bergen und Gefilden geschehen , wo seitdem ganze dichte Wälder entweder gewachsen oder verschwunden , und deren Teilnehmer längst in ihren Gräbern vermodert waren . Dann stellten sie sich darüber zur Rede , welchen Grund das eine denn zu haben glaube , das andere überleben zu können , und verfielen in einen elenden Wettstreit , wer von ihnen wohl noch die Genugtuung haben werde , den andern tot vor sich zu sehen . Wenn man am Tage darauf in ihr Haus kam , so wurde der greuliche Streit vor jedem Eintretenden , ob fremd oder bekannt , fortgeführt , bis die Frau erschöpft war und in Weinen und Beten verfiel , indes der Mann anscheinend munterer wurde , lustige Weisen pfiff , sich einen Pfannkuchen buk und fortwährend irgendeine Flause dazu hermurmelte . Er konnte auf diese Weise einen ganzen Morgen hindurch nichts sagen als immer : » Einundfunfzig ! einundfunfzig ! einundfunfzig ! « oder zur Abwechslung einmal : » Ich weiß nicht , ich glaube immer , die alte Kunzin da drüben ist heute früh spazierengeritten ! sie hat gestern einen neuen Besen gekauft ! ich habe so was in der Luft flattern sehen , das sah ungefähr aus wie ihr roter Unterrock ; sonderbar ! hm ! einundfunfzig « usf. Dabei hatte er Gift und Tod im Herzen und wußte , daß seine Frau durch das Betragen doppelt litt ; denn sie hatte keine Bosheit noch Mutwillen , um den Kampf auf diese Weise fortzusetzen . Was aber beide in diesem Zustande sich zuleide taten , bestand dann gewöhnlich in einer verschwenderischen Freigebigkeit , womit sie alles beschenkten , was ihnen zu nahe kam , gleichsam als wollte eines vor des andern Augen den Besitz aufzehren , nach dem ein jedes trachtete . Der Mann war gerade kein gottloser Mensch , sondern ließ , indem er in der gleichen wunderlichen Art wie an Gespenster und Hexen , so auch an Gott und seinen Himmel glaubte , denselben einen guten Mann sein und dachte nicht im mindesten daran , sich auch um die moralischen Lehren zu bekümmern , welche aus diesem Glauben entspringen sollten er aß und trank , lachte und fluchte und machte seine Schnurren , ohne je zu trachten , sein Leben mit einem ernstern Grundsatze in Einklang zu bringen . Aber auch der Frau fiel es niemals ein , daß ihre Leidenschaften mit dem religiösen Gebaren im Widerspruche sein könnten , und sie zeichnete sich vor ihren schmausenden Adeptinnen darin aus , daß sie niemals dem Ausdrucke dessen , was sie bewegte , einen Zügel anlegte . Sie liebte und hafte , segnete und verwünschte und gab sich unverhüllt und ungehemmt allen Regungen ihres Gemütes hin , ohne je an eine eigene mögliche Schuld zu denken und sich unbefangenerweise stets auf Gott und seinen mächtigen Einfluß berufend . Jede der Ehehälften hatte eine zahlreiche Verwandtschaft blutarmer Leute , welche im Lande zerstreut wohnten . Diese teilten unter sich die Hoffnung auf das gewichtige Erbe um so mehr , als Frau Margret , zufolge ihrer hartnäckigen Abneigung gegen unverbesserlich arm Bleibende , ihnen nur spärliche Gaben von ihrem Überflusse zukommen ließ und sie nur an Feiertagen gastlich speiste und tränkte . Alsdann erschienen von beiden Seiten her die alten Vettern und Basen , Schwestern und Schwäger mit ausgehungerten langnasigen Töchtern und bleichen Söhnen und trugen Säcklein und Körbe herbei , welche die kümmerlichen Gaben ihrer Armut enthielten , um die alten launenhaften Leute für sich zu gewinnen , und worin sie reichere Gegenspenden nach Hause zu tragen hofften . Diese Sippschaft war schroff in zwei Lager geschieden , die sich in dem Streite , der zwischen den Hauptpersonen herrschte , ebenfalls den Hoffnungen auf den frühern Tod des Gegners hingaben , um einst ein vergrößertes Erbe zu erhalten . Sie haßten und befeindeten sich ebenso stark untereinander , als die Leidenschaften Margrets und ihres Mannes das Vorbild dazu abgaben , und es entstand jedesmal , nachdem die zahlreiche Gesellschaft sich an dem ungewohnten Überflusse gesättigt und gewärmt hatte und der Übermut den anfänglichen Zwang auflöste , ein mächtiger Zank zwischen beiden Parteien , daß sich die Männer die übriggebliebenen Schinken , ehe sie dieselben in ihre Reisesäcke steckten , um die Köpfe schlugen und die armen Weiber sich gegenseitig unter die blassen spitzigen Nasen schimpften und über dem befriedigten Magen ein Herz voll Neid und Ärger auf den Heimweg trugen . Ihre Augen funkelten stechend unter den dürftig aufgeputzten Sonntagshauben hervor , wenn sie mit langen Schritten , die vollgepfropften Bündel unter dem Arme , aus dem Tore zogen und sich grollend auf den Scheidewegen trennten , um den entlegenen Hütten zuzueilen . Solcherweise ging es viele Jahre , bis die alte Frau Margret mit dem Sterben den Anfang machte und in jenes fabelhafte Reich der Geister und Gespenster selber hinüberging . Sie hinterließ unerwarteterweise ein Testament , welches einen einzelnen jungen Mann zum alleinigen Erben einsetzte ; es war der letzte und jüngste jener Günstlinge , an deren Gewandtheit und Wohlergehen sie ihre Freude gehabt hatte , und sie war mit der Überzeugung gestorben , daß ihr gutes Gold nicht in ungeweihte Hände übergehe , sondern die Kraft und die Lust tüchtiger Leute sein werde . Bei ihrem Leichenbegängnisse fanden sich sämtliche Verwandte beider Ehegatten ein , und es war ein großes Geheul und Gelärm , als sie sich also getäuscht fanden . Sie vereinigten sich in ihrem Zorne alle gegen den glücklichen Erben , welcher ganz ruhig seine Habe einpackte , was irgend von Nutzen war , und auf einen großen Wagen lud . Er überließ den armen Leuten nichts als die vorhandenen Vorräte an Lebensmitteln und die gesammelten Seltsamkeiten und Bücher der Seligen , insofern sie nicht von Gold , Silber oder sonstigem Gehalte waren . Drei Tage und drei Nächte blieb der wehklagende Schwarm in dem Trauerhause , bis der letzte Knochen zerschlagen und dessen Mark mit dem letzten Bissen Brot aufgetunkt war . Sodann zerstreuten sie sich allmählich , ein jeder mit dem Andenken , das er noch erbeutet hatte . Der eine trug einen Pack Heiden- und Götzenbücher auf der Schulter , mit einem tüchtigen Stricke zusammengebunden und mit einem Scheite geknebelt , und unter dem Arme ein Säcklein getrockneter Pflaumen ; der andere hing ein Muttergottesbild an seinem Stabe über den Rücken und wiegte auf dem Kopfe eine kunstreich geschnitzte Lade , sehr geschickt mit Kartoffeln angefüllt in allen ihren Fächern . Hagere lange Jungfrauen trugen zierliche altmodische Weidenkörbe und buntbemalte Schachteln , angefüllt mit künstlichen Blumen und vergilbtem Flitterkram ; Kinder schleppten wächserne Engel in den Armen oder trugen chinesische Krüge in den Händen ; es war , als sehe man eine Schar Bilderstürmer aus einer geplünderten Kirche kommen . Doch gedachte ein jeder seine Beute als ein wertes Angedenken an die Verstorbene aufzubewahren , sich schließlich an das genossene Gute erinnernd , und zog mit Wehmut seine Straße , indessen der Haupterbe , neben seinem Wagen einherschreitend , plötzlich haltmachte , sich besann , darauf die ganze Ladung einem Trödler verkaufte und auch nicht einen Nagel aufbewahrte . Dann ging er zu einem Goldschmied und verkaufte demselben die Schaumünzen , Kelche und Ketten und zog endlich mit rüstigen Schritten aus dem Tore , ohne sich umzusehen , mit seiner dicken Geldkatze und seinem Stabe . Er schien froh zu sein , eine verdrießliche und langwierige Angelegenheit erledigt zu sehen . In dem Hause aber blieb der alte Mann allein und einsam zurück mit dem zusammengeschmolzenen Reste jener früheren Teilung . Er lebte noch drei Jahre und starb gerade an dem Tage , wo das letzte Goldstück gewechselt werden mußte . Bis dahin vertrieb er sich die Zeit damit , daß er sich vornahm und ausmalte , wie er im Jenseits seine Frau haranguieren wolle , wenn sie da » mit ihren verrückten Ideen herumschlampe « , und welche Streiche er ihr angesichts der Apostel und Propheten spielen würde , daß die alten Gesellen was zu lachen bekämen . Auch an manchen Toten seiner Bekanntschaft erinnerte er sich und freute sich auf die Wiederbelebung verjährten Unfuges beim Wiedersehen . Ich hörte ihn immer nur in solch lustiger Art vom zukünftigen Leben sprechen . Er war nun blind und bald neunzig Jahre alt , und wenn er , von Schmerzen , Trübsal und Schwäche heimgesucht , traurig und klagend wurde , so sprach er nichts von diesen Dingen , sondern rief immer , man sollte die Menschen totschlagen , ehe sie so alt und elend würden . Endlich ging er aus wie ein Licht , dessen letzter Tropfen Öl aufgezehrt ist , schon vergessen von der Welt , und ich , als ein herangewachsener Mensch , war vielleicht der einzige Bekannte früherer Tage , welcher dem zusammengefallenen Restchen Asche zu Grabe folgte . Achtes Kapitel Kinderverbrechen Gleich dem Chorus in den Schauspielen der Alten hatte ich von meiner frühsten Jugend an das Leben und die Ereignisse in diesem nachbarlichen Hause betrachtet und war ein allezeit aufmerksamer Teilnehmer . Ich ging ab und zu , setzte mich in eine Ecke oder stand mitten unter den Handelnden und Lärmenden , wenn etwas vorfiel . Ich holte die Bücher hervor und verlangte , wessen ich von den Sehenswürdigkeiten bedurfte , oder spielte mit den Schmucksachen der Frau Margret . Alle die mannigfaltigen Personen , welche in das Haus kamen , kannten mich , und jeder war freundlich gegen mich , weil dieses meiner Beschützerin so behagte . Ich aber machte nicht viele Worte , sondern gab acht , daß nichts von den geschehenden Dingen meinen Augen und Ohren entging . Mit all diesen Eindrücken beladen , zog ich dann über die Gasse wieder nach Hause und spann in der Stille unserer Stube den Stoff zu grollen träumerischen Geweben aus , wozu die erregte Phantasie den Einschlag gab . Sie verflochten sich mir mit dem wirklichen Leben , daß ich sie kaum von demselben unterscheiden konnte . Daraus nur mag ich mir unter anderm eine Geschichte erklären , welche ich ungefähr in meinem siebenten Jahre anrichtete und die ich sonst gar nicht begreifen könnte . Ich saß einst hinter dem Tische , mit irgendeinem Spielzeuge beschäftigt , und sprach dazu einige unanständige , höchst rohe Worte vor mich hin , deren Bedeutung mir unbekannt war und die ich auf der Straße gehört haben mochte . Eine Frau saß bei meiner Mutter und plauderte mit ihr , als sie die Worte hörte und meine Mutter aufmerksam darauf machte . Sie fragten mich mit ernster Miene , wer mich diese Sachen gelehrt hätte , insbesondere die fremde Frau drang in mich , worüber ich mich verwunderte , einen Augenblick nachsinnend , und dann den Namen eines Knaben nannte , den ich in der Schule zu sehen pflegte . Sogleich fügte ich noch zwei oder drei andere hinzu , sämtlich Jungen von zwölf bis dreizehn Jahren , mit denen ich kaum noch ein Wort gesprochen hatte . Einige Tage darauf behielt mich der Lehrer zu meiner Verwunderung nach der Schule zurück sowie jene vier angegebenen Knaben , welche mir wie halbe Männer vorkamen , da sie an Alter und Größe mir weit vorgeschritten waren . Ein geistlicher Herr erschien , welcher gewöhnlich den Religionsunterricht gab und sonst der Schule vorstand , setzte sich mit dem Lehrer an einen Tisch und hieß mich neben ihn sitzen . Die Knaben hingegen mußten sich vor dem Tische in eine Reihe stellen und harrten der Dinge , die da kommen sollten . Sie wurden nun mit feierlicher Stimme gefragt , ob sie gewisse Worte in meiner Gegenwart ausgesprochen hätten ; sie wußten nichts zu antworten und waren ganz erstaunt . Hierauf sagte der Geistliche zu mir : » Wo hast du die bewußten Dinge gehört von diesen Buben ? « Ich , war sogleich wieder im Zuge und antwortete unverweilt mit trockener Bestimmtheit : » Im Brüderleinsholze ! « Dieses ist ein Gehölz , eine Stunde von der Stadt entfernt , wo ich in meinem Leben nie gewesen war , das ich aber oft nennen hörte . » Wie ist es dabei zugegangen , wie seid ihr dahin gekommen ? « fragte man weiter . Ich erzählte , wie mich die Knaben eines Tages zu einem Spaziergange überredet und in den Wald hinaus mitgenommen hätten , und ich beschrieb einläßlich die Art , wie etwa größere Knaben einen kleinern zu einem mutwilligen Streifzuge mitnehmen . Die Angeklagten gerieten außer sich und beteuerten mit Tränen , daß sie teils seit langer Zeit , teils gar nie in jenem Gehölze gewesen seien , am wenigsten mit mir ! Dabei sahen sie mit erschrecktem Hasse auf mich wie auf eine böse Schlange und wollten mich mit Vorwürfen und Fragen bestürmen , wurden aber zur Ruhe gewiesen und ich aufgefordert , den Weg anzugeben , welchen wir gegangen . Sogleich lag derselbe deutlich vor meinen Augen , und angefeuert durch den Widerspruch und das Leugnen eines Märchens , an welches ich nun selbst glaubte , da ich mir sonst auf keine Weise den wirklichen Bestand der gegenwärtigen Szene erklären konnte , gab ich nun Weg und Stege an , die an den Ort führen . Ich kannte dieselben nur vom flüchtigen Hörensagen , und obgleich ich kaum darauf gemerkt hatte , stellte sich nun jedes Wort zur rechten Zeit ein . Ferner erzählte ich , wie wir unterwegs Nüsse heruntergeschlagen , Feuer gemacht und gestohlene Kartoffeln gebraten , auch einen Bauernjungen jämmerlich durchgebleut hätten , welcher uns hindern wollte . Im Walde angekommen , kletterten meine Gefährten auf hohe Tannen und jauchzten in der Höhe , den Geistlichen und den Lehrer mit Spitznamen benennend . Diese Spitznamen hatte ich , über das Äußere der beiden Männer nachsinnend , längst im eigenen Herzen ausgeheckt , aber nie verlautbart ; bei dieser Gelegenheit brachte ich sie zugleich an den Mann , und der Zorn der Herren war ebenso groß als das Erstaunen der vorgeschobenen Knaben . Nachdem sie wieder von den Bäumen heruntergekommen , schnitten sie große Ruten und forderten mich auf , auch auf ein Bäumchen zu klettern und oben die Spottnamen auszurufen . Als ich mich weigerte , banden sie mich an einen Baum fest und schlugen mich so lange mit den Ruten , bis ich alles aussprach , was sie verlangten , auch jene unanständigen Worte . Indessen ich rief , schlichen sie sich hinter meinem Rücken davon , ein Bauer kam in demselben Augenblicke heran , hörte meine unsittlichen Reden und packte mich bei den Ohren . » Wart , ihr bösen Buben ! « rief er , » diesen hab ich ! « und hieb mir einige Streiche . Dann ging er ebenfalls weg und ließ mich stehen , während es schon dunkelte . Mit vieler Mühe riß ich mich los und suchte den Heimweg in dem dunklen Wald . Allein ich verirrte mich , fiel in einen tiefen Bach , in welchem ich bis zum Ausgange des Waldes teils schwamm , teils watete , und so , nach Bestehung mancher Gefährde , den rechten Weg fand . Doch wurde ich noch von einem großen Ziegenbocke angegriffen , bekämpfte denselben mit einem rasch ausgerissenen Zaunpfahl und schlug ihn in die Flucht . Noch nie hatte man in der Schule eine solche Beredsamkeit an mir bemerkt wie bei dieser Erzählung . Es kam niemand in den Sinn , etwa bei meiner Mutter anfragen zu lassen , ob ich eines Tages durchnäßt und nächtlich nach Hause gekommen sei ? Dagegen brachte man mit meinem Abenteuer in Zusammenhang , daß der eine und andere der Knaben nachgewiesenermaßen die Schule geschwänzt hatte , gerade um die Zeit , welche ich angab . Man glaubte meiner großen Jugend sowohl wie meiner Erzählung ; diese fiel ganz unerwartet und unbefangen aus dem blauen Himmel meines sonstigen Schweigens . Die Angeklagten wurden unschuldig verurteilt als verwilderte bösartige junge Leute , da ihr hartnäckiges und einstimmiges Leugnen und ihre gerechte Entrüstung und Verzweiflung die Sache noch verschlimmerten ; sie erhielten die härtesten Schulstrafen , wurden auf die Schandbank gesetzt und überdies noch von ihren Eltern geprügelt und eingesperrt . Soviel ich mich dunkel erinnere , war mir das angerichtete Unheil nicht nur gleichgültig , sondern ich fühlte eher noch eine Befriedigung in mir , daß die poetische Gerechtigkeit meine Erfindung so schön und sichtbarlich abrundete , daß etwas Auffallendes geschah , gehandelt und gelitten wurde , und das infolge meines schöpferischen Wortes . Ich begriff gar nicht , wie die mißhandelten Jungen so lamentieren und erbost sein konnten gegen mich , da der treffliche Verlauf der Geschichte sich von selbst verstand und ich hieran sowenig etwas ändern konnte als die alten Götter am Fatum . Die Betroffenen waren sämtlich , was man schon in der Kinderwelt rechtliche Leute nennen könnte , ruhige , gesetzte Knaben , welche bisher keinen Anlaß zu scharfem Tadel gegeben und aus denen seither stille und arbeitsame junge Bürger geworden . Um so tiefer wurzelte in ihnen die Erinnerung an meine Teufelei und das erlittene Unrecht , und als sie es jahrelang nachher mir vorhielten , erinnerte ich mich ganz genau wieder an die vergessene Geschichte , und fast jedes Wort ward wieder lebendig . Erst jetzt quälte mich der Vorfall mit verdoppelter nachhaltiger Wut , und sooft ich daran dachte , stieg mir das Blut zu Kopfe , und ich hätte mit aller Gewalt die Schuld auf jene leichtgläubigen Inquisitoren schieben , ja sogar die plauderhafte Frau anklagen mögen , welche auf die verpönten Worte gemerkt und nicht geruht hatte , bis ein bestimmter Ursprung derselben nachgewiesen war . Drei der ehemaligen Schulgenossen verziehen mir und lachten , als sie sahen , wie mich die Sache nachträglich beunruhigte , und sie freuten sich , daß ich zu ihrer Genugtuung mich alles einzelnen so wohl erinnerte . Nur der vierte , der viele Mühe mit dem Leben hatte , konnte niemals einen Unterschied machen zwischen der Kinderzeit und dem spätern Alter und trug mir die angetane Unbilde so nach , als ob ich sie erst heute , mit dem Verstande eines Erwachsenen , begangen hätte . Mit dem tiefsten Hasse ging er an mir vorüber , und wenn er mir beleidigende Blicke zuwarf , so vermochte ich sie nicht zu erwidern , weil das frühe Unrecht auf mir ruhte und keiner es vergessen konnte . Neuntes Kapitel Schuldämmerung Ich hatte mich nunmehr in der Schule zurechtgefunden und befand mich wohl in derselben , da das erste Lernen rasch , aufeinanderfolgte und täglich fortschritt . Auch die Einrichtung der Schule hatte viel Kurzweiliges ; ich ging gern und eifrig hinein , sie bildete mein öffentliches Leben und war mir ungefähr , was den Alten die Gerichtsstätte und das Theater . Es war keine öffentliche Anstalt , sondern das Werk eines gemeinnützigen Vereins und dazu bestimmt , bei dem damaligen Mangel guter unterer Volksschulen , den Kindern dürftiger Leute eine bessere Erziehung zu verschaffen , und sie hieß daher Armenschule . Die Pestalozzi-Lancastersche Unterrichtsweise wurde angewendet , und zwar mit einem Eifer und einer Hingebung , welche gewöhnlich nur Eigenschaften von leidenschaftlichen Privatschulmännern zu sein pflegen . Mein Vater hatte bei seinen Lebzeiten für die Einrichtung und für die Ergebnisse dieser Anstalt , die er zuweilen besuchte und in Augenschein nahm , geschwärmt und oft den Entschluß ausgesprochen , meine ersten Schuljahre im derselben verfließen zu lassen , schon darin eine Erziehungsmaßregel suchend , daß ich mit den ärmsten Kindern der Stadt meine frühsten Jugendjahre zubrächte und aller Kastengeist und Hochmut so im Keime erstickt würden . Diese Absicht war für meine Mutter ein heiliges Vermächtnis und erleichterte ihr die Wahl der ersten Schule für mich . In einem großen Saale wurden etwa hundert Kinder unterrichtet , zur Hälfte Knaben , zur Hälfte Mädchen , vom fünften bis zum zwölften Jahre . Sechs lange Schulbänke standen in der Mitte , von dem einen Geschlechte besetzt ; jede bildete eine Altersklasse , und davor stand ein vorgeschrittener Schüler von elf bis zwölf Jahren und unterrichtete die ganze Bank , welche ihm anvertraut war , indessen das andere Geschlecht in Halbkreisen um sechs Pulte herum stand , die längs den Wänden angebracht waren . Inmitten jedes Kreises saß auf einem Stühlchen ebenfalls ein unterrichtender Schüler oder eine Schülerin . Der Hauptlehrer thronte auf einem erhöhten Katheder und übersah das Ganze , zwei Gehilfen standen ihm bei , machten die Runde durch den ziemlich düstern Saal , hier und dort einschreitend , nachhelfend und die gelehrtesten Dinge selbst beibringend . Jede halbe Stunde wurde mit dem Gegenstande gewechselt ; der Oberlehrer gab ein Zeichen mit einer Klingel , und nun wurde ein treffliches Manöver ausgeführt , mittelst dessen die hundert Kinder in vorgeschriebener Bewegung und Haltung , immer nach der Klingel , aufstanden , sich kehrten , schwenkten und durch einen wohlberechneten Marsch in einer Minute die Stellung wechselten , so daß die früher funfzig Sitzenden nun zu stehen kamen und umgekehrt . Es war immer eine unendlich glückliche Minute , wenn wir , die Hände reglementarisch auf dem Rücken verschränkt , die Knaben bei den Mädchen vorbeimarschierten und unsern soldatischen Schritt gegen ihr Gänsegetrippel hervorzuheben suchten . Ich weiß nicht , war es eine artige herkömmliche Nachlässigkeit oder gar eine Absicht , daß es erlaubt war , Blumen mitzubringen und während des Unterrichts in den Händen zu halten , wenigstens habe ich diese hübsche Lizenz in keiner andern Schule mehr gefunden ; aber es war immer gut anzusehen während des lustigen Marsches , wie fast jedes Mädchen eine Rose oder eine Nelke in den Fingern auf dem Rücken hielt , während die Buben die Blumen im Munde trugen wie Tabakspfeifen oder dieselben burschikos hinter die Ohren steckten . Es waren alles Kinder von Holzhackern , Tagelöhnern , armen Schneidern , Schustern und von almosengenössigen Leuten . Bessere Handwerker durften ihres Ranges und Kredits wegen die Schule nicht benutzen . Daher war ich der best und reinlichst gekleidete unter den Buben und galt für halb vornehm , obgleich ich bald sehr vertraulich war mit den buntscheckig geflickten armen Teufeln , ihren Sitten und Gewohnheiten , insofern sie mir nicht allzu fremd und unfreundlich waren . Denn obgleich die Kinder der Armen nicht schlimmer und etwa boshafter sind als die der Reichen oder sonst Geborgenen , im Gegenteil eher unschuldiger und gutmütiger , so haben sie doch manchmal grinsende Derbheiten in ihren Gebärden , welche mich bei einigen Mitschülern abstießen . Die Kleidung , welche ich damals erhielt , war grün , da meine Mutter aus den Uniformstücken des Vaters eine Tracht für mich schneiden ließ , für den Sonntag einen Anzug und für die Werktage einen . Auch fast alle nachgelassenen bürgerlichen Gewänder waren von grüner Farbe ; bis zu meinem zwölften Jahre aber reichte der Nachlaß zur Herstellung von grünen lacken und Röcklein aus bei der großen Strenge und Aufmerksamkeit der Mutter für Schonung und Reinhaltung der Kleider , so daß ich von der unveränderlichen Farbe schon früh den Namen » grüner Heinrich « erhielt und in unserer Stadt trug . Als solcher machte ich in der Schule und auf der Gasse bald eine bekannte Figur und benutzte meine grüne Popularität zur steten Fortsetzung meiner Beobachtungen und chorartiger Teilnahme an allem , was geschah und gehandelt wurde . Ich drang mit den verschiedensten Kindern , je nach Bedürfnis und Laune , in die elterlichen Häuser und war als ein vermeintlich stilles gutes Kind gern gesehen , während ich mir genau den Haushalt und die Gebräuche der armen Leute ansah und dann wieder wegblieb , um mich in mein Hauptquartier bei der Frau Margret zurückzuziehen , wo es am Ende immer am meisten zu sehen gab . Sie freute sich , daß ich bald imstande war , nicht nur das Deutsche geläufig vorlesen , sondern auch die in ihren alten Büchern häufigen lateinischen Lettern erklären zu können sowie die arabischen Zahlen , die sie nie verstehen lernte . Ich verfertigte ihr auch allerlei Notizen in Frakturschrift auf Papierzettel , welche sie aufbewahren und bequem lesen konnte , und wurde auf diese Weise ihr kleiner Geheimschreiber . Schon sah sie , die mich für ein großes Genie hielt , einen ihrer zukünftigen , klugen Glückmacher in mir und war im voraus meiner glänzenden Laufbahn froh . Wirklich machte mir das Lernen weder Mühe noch Kummer , und ich war , ohne zu wissen wie , zu der Würde herangediehen , die kleineren Genossen unterrichten zu dürfen . Dieses geriet mir zu einer neuen Lust , vorzüglich weil ich , ausgerüstet mit der Macht zu lohnen und zu strafen , kleine Schicksale kombinieren , Lächeln und Tränen , Freund- und Feindschaft hervorzaubern konnte . Sogar die Frauenliebe spielte ihre ersten schwachen Morgenwölkchen dazwischen . Wenn ich in einem Halbkreise von neun bis zehn kleinen Mädchen saß , so war der erste ehrenvollste Platz bald zunächst meiner Seite , bald war es der letzte , je nach der Gegend in dem grollen Saale . So geschah es , daß ich die Mädchen , welche ich gern sah , entweder fortwährend oben hielt in der Region des Ruhmes und der Tugend oder aber sie stets niederdrückte in die dunkle Sphäre der Sünde und der Vergessenheit , in beiden Fällen immer zunächst meinem tyrannischen Herzen . Dieses aber wurde selbst reichlich mitbewegt , wenn ich oft von der ohne Verdienst erhobenen Schönen kein Lächeln des Dankes erhielt , wenn sie die unverdiente Ehre hinnahm , als ob sie ihr gebührte , und es mir durch mutwillige rücksichtslose Streiche unendlich erschwerte , sie auf der glatten Höhe zu halten ohne auffallende Ungerechtigkeit . Nur zwei Dinge waren mir in dieser Schule quälend und unheimlich und sind eine unliebliche Erinnerung geblieben . Das eine war die düstere kriminalistische Weise , in welcher die Schuljustiz gehandhabt wurde . Es lag dies teils noch im Geiste der alten Zeit , an deren Grenze wir standen , teils in einer Privatliebhaberei der Personen und harmonierte übel mit dem übrigen guten Ton . Es wurden ausgesuchte peinliche und infamierende Strafen angewendet auf dies zarte Lebensalter , und es verging fast kein Monat ohne eine feierliche Exekution an irgendeinem armen Sünder . Zwar wurden meistens wirkliche Bösewichte betroffen ; es war aber immerhin verkehrt , indem es die Kinder zu einem frühen geläufigen Verdammen hinführte ; so schon ist es eine seltsame Erscheinung , daß die Kinder , selbst wenn sie das Bewußtsein des gleichen Fehlers in sich haben , aber verschont geblieben sind , ein bestraftes und bezeichnetes verachten , verfolgen und verhöhnen , bis die letzten Wirkungen verklungen oder die Verfolger selbst in das Netz gefallen sind . Solange das Goldene Zeitalter nicht gekommen , müssen kleine Buben geprügelt werden ; allein einen widerlichen Eindruck machte es , wenn ein unglücklicher Sünder nach gehaltener Standrede in ein abgelegenes Zimmer geführt , dort ausgezogen , auf eine Bank gelegt und abgehauen wurde ; oder als einmal ein ziemlich großes Mädchen mit einer umgehängten Tafel auf einem hohen Schranke sitzen mußte , einen ganzen Tag lang . Ich hatte tiefes Mitleid mit ihr , obgleich sie etwas Großes begangen haben mochte . Vielleicht war sie auch unschuldig verurteilt ! Ein paar Jahre später ertränkte sich das gleiche Mädchen während des Konfirmationsunterrichtes , ich weiß nicht mehr weshalb , erinnere mich aber noch der trauernden Teilnahme , welche ich für die Tote hegte , als ich sie zu Grabe tragen sah , gefolgt von einer großen Schar weißgekleideter Mädchen zwischen fünf-und sechszehn Jahren , welche Blumen trugen . Man erwies ihr , ungeachtet ihres unchristlichen Todes , diese Ehre ihrer Jugend wegen , weil man zugleich das grelle Ereignis damit verhüllen und mäßigen konnte . Die andere peinliche Erinnerung an jene Schulzeit sind mir der Katechismus und die Stunden , während deren wir uns damit beschäftigen mußten . Ein kleines Buch voll hölzerner , blutloser Fragen und Antworten , losgerissen aus dem Leben der biblischen Schriften , nur geeignet , den dürren Verstand bejahrter und verstockter Menschen zu beschäftigen , mußte während der so unendlich scheinenden Jugendjahre in ewigem Wiederkäuen auswendig gelernt und in verständnislosem Dialoge hergesagt werden . Harte Worte und harte Bußen waren die Aufklärungen , beklemmende Angst , keines der dunklen Worte zu vergessen , die Anfeuerung zu diesem religiösen Leben . Einzelne Psalmstellen und Liederstrophen , ebenfalls aus allem Zusammenhange gezerrt und deshalb unlieber einzuprägen als ein ganzes organisches Gedicht , verwirrten das Gedächtnis , anstatt es zu üben . Wenn man diese , gegen die verwilderte Sündhaftigkeit ausgewachsener Menschen gerichteten , vierschrötigen nackten Gebote neben den übersinnlichen und unfaßlichen Glaubenssätzen gereiht sah , so fühlte man nicht den Geist wehen einer sanften menschlichen Entwicklung , sondern den schwülen Hauch eines rohen und starren Barbarentums , wo es einzig darauf ankommt , den jungen , zarten Nachwuchs auf der Schnell- und Zwangbleiche so früh als möglich für den ganzen Umfang des bestehenden Lebens und Denkens fertig und verantwortlich zu machen . Die Pein dieser Disziplin erreichte ihren Gipfel , wenn mehrere Male im Jahre die Reihe an mich kam , am Sonntage in der Kirche , vor der ganzen Gemeinde , mit lauter vernehmlicher Stimme das wunderliche Zwiegespräch mit dem Geistlichen zu führen , welcher in weiter Entfernung von mir auf der Kanzel stand und wo jedes Stocken und Vergessen