ruhte , das beste Gespann kam aus dem Stall , und wenn die Wege grundlos gewesen wären , unser altlutherischer Müller hätte sich ' s zur ewigen Sünde gerechnet , das Manna versäumt zu haben . Miekley setzte sich links neben Kümmeritz . Dieser , wohl wissend , daß jetzt ein geistlicher Diskurs unvermeidlich geworden sei , kam ihm zuvor und fragte : » Nun , Miekley , wie hat Euch heute die Predigt gefallen ? « » Gut , Kümmeritz , von Herzen gut , trotzdem er nichts davon gesagt hat , daß uns an diesem Tage zu Bethlehem im judäischen Lande das Heil geboren wurde . Noch weniger hat er von dem eingeborenen Sohne Gottes gesprochen . Uhlenhorst würde den Kopf geschüttelt haben . Aber er hat gesprochen wie ein braver Mann . Ich kenn ihn wohl , er hat ein preußisches Herz . « » Und ein christliches dazu « , riefen die anderen alle wie aus einem Munde . » Er zetert nicht « , nahm Kallies das Wort , » er verdammt nicht ; er ist kein Pharisäer . Er hat die Demut , Miekley , und das ist die Hauptsache . « » Sahnepott hat recht « , bekräftigte Kümmeritz . » Da ist kein zweiter hier herum , der sich mit unserm Seidentopf messen könnte . Er hat nur einen Fehler , er ist zu gut und zu leichtgläubig und sieht alles , wie er es wünscht . Über der Ägypter Heer , so sagte er , seien die großen Wasser zusammengeschlagen . Aber König Pharao sitzt wieder in seiner Hauptstadt und spinnt die alten Fäden . Noch sind wir im Bündnis mit ihm , und der Himmel mag wissen , ob wir gnädig von ihm loskommen . Geb uns Gott einen ehrlichen Krieg . « » Den wirst du haben , Kümmeritz « , warf hier Miekley ein , der sich trotz seines Luthertums einen starken Glauben an Spuk- und Gespenstergeschichten bewahrt hatte , » den wirst du haben und wir alle mit dir . Die Alt-Landsberger Mäher haben wieder gemäht , und jeder von euch weiß , was das bedeutet . Sie haben sieben Tage gemäht , ehe der Alte Fritz in den Krieg zog , und die Stoppeln waren damals so rot , als ob es Blut geregnet hätte . In diesem November haben sie wieder gemäht auf kahlem Felde . « » Und von Sonnenuntergang her « , rief Scharwenka dazwischen , » das will sagen , daß der Feind von Westen kommt . Wir werden die Franzosen wieder im Lande haben , neues , frisches Volk , mit all seinen alten Kniffen und Pfiffen , und wer eine Tochter im Hause hat , der mag sich vorsehen . Sie haben eine freche Art , und die Weiber laufen ihnen nach . « » Das sollen sie nicht « , versicherte Miekley , » und wo sie ' s tun , da falle die Schande auf uns . Wo böse Lust über Nacht in die Halme schießt , da lag von Anfang an eine schlechte Saat in den Herzen ; wo aber Zucht ist und Sitte und Gebet , da hat der Böse keine Macht , auch wenn er sich in einen schlechten Franzosen verkleidet . « Alle nickten zustimmend . » Aber « , fuhr Müller Miekley fort , » sie sind doch ein Greuel , nicht weil sie leichtfertig sind , nein , weil sie ein unheiliges Volk sind . Sie haben sich vermessen , den ewigen Gott des Himmels und der Erde von Thron und Herrschaft abzusetzen , und beinahe schlimmer noch sie haben sich vermessen , ihn wieder einzusetzen . Nun haben sie wieder einen Gott , aber er ist auch danach ; es ist kein rechter Christengott , es ist bloß ein französischer Gott , ein ab- und eingesetzter . Sie kennen nur den Götzendienst ihres Kaisers , aber keinen Gottesdienst , und sooft ich all die Jahre über einen Franzosen in unseren Kirchen gesehen habe , so war es nur , um Unheil anzurichten . « » Sie haben die Fransen von der Altardecke getrennt , sie haben die goldenen Stickereien ausgeschnitten ; sie haben die Leuchter eingeschmolzen « , riefen mehrere dazwischen . » Oh , sie haben Schlimmeres getan , nicht hier , aber in unserer Nachbarschaft . Den Görlsdorfer Pastor , der das Kirchen gut versteckt hatte , haben sie bis unter die Achselhöhlen eingegraben und sind erst in sich gegangen , als er sie bat , ihn totzuschlagen , anstatt ihn zu martern . In Hohen-Finow haben sie den Abendmahlswein getrunken und schlechte Lieder gesungen ; dann haben sie den Altartisch aus der Kirche auf der Kirchhof getragen , haben ihre Teufelsknöchel in den Abendmahlskelch getan und haben gewürfelt . In die Gruft sind sie hinabgestiegen und haben der jungverstorbenen Frau die seidenen Kleider abgerissen . « » Das haben sie getan « , fiel jetzt Sahnepott mit Wichtigkeit ein , der wie alle schwachen Naturen eine Neigung zum Übertrumpfen hatte , » aber in Haselberg haben sie es büßen müssen , wenigstens einer . Die Haselberger Gruft ist , was sie eine Mumiengruft nennen , es soll ihrer mehrere auf dem Hohen-Barnim geben . Die Franzosen nun , als sie die Särge aufbrachen , da sahen sie , daß die Toten unverwest waren . Das gab ein Lachen . Da trugen sie den einen Sarg aus der Gruft in die Kirche , nahmen den Toten heraus , und da seine Arme beweglich waren , beschlossen sie , ihn zu kreuzigen . Sie stellten ihn an die Altarwand und schlugen zwei Nägel durch seine Hände . Die eine Hand aber löste sich wieder ab und gab im Niederfallen dem einen der Missetäter einen Backenstreich . Das entsetzte ihn , daß er tot zu Boden stürzte . « » Den hat Gott gerichtet « , rief Miekley . » Und solch Schlag wird sie alle treffen , und müßten die Toten auferstehen . « » Ehe aber Gott seine Wunder tut « , so schloß Kümmeritz das Gespräch , » sollen wir uns seiner Wunder würdig machen . Nicht wahr , Miekley ? Wir sollen die Hände nicht in den Schoß legen . Die Alt-Landsberger Mäher haben gemäht ; wenn der König ruft , wer von uns noch Kraft hat zu mähen , der mähe mit . Ich bin ' s entschlossen . Das Letzte für Preußen und den König . « Die Bauern standen auf und gingen nach entgegengesetzten Richtungen die Dorfgasse entlang . Nach Norden hin glühte ein roter Schein am Himmel auf . » Ist das Feuer ? « fragte Krull . » Nein « , sagte Miekley , » es ist ein Nordlicht , der Himmel gibt seine Zeichen . « Achtes Kapitel Hoppenmarieken Hoppenmarieken wohnte auf dem » Forstacker « , an dessen Rande sich , seit hundert Jahren und länger , eine aus bloßen Lehmkaten bestehende Straße gebildet hatte . Diese Straße , von den Hohen-Vietzern immer als etwas Fremdes angesehen , stand rechtwinklig zu dem eigentlichen Dorf , nahm hundert Schritt hinter dem Mühlengehöft ihren Anfang und stieg hügelan , in Parallellinie mit der mehrerwähnten , die Auffahrt zum Herrenhause fortsetzenden Nußbaumallee . Es war das Armenviertel von Hohen-Vietz , zugleich die Unterkunftsstätte für alle Verkommenen und Ausgestoßenen , eine Art stabil gewordenes Zigeunerlager , das Abgang und Zugang erfuhr , ohne daß sich die Dorfobrigkeit im einzelnen darum gekümmert hätte . Der » Forstacker war immer so « . So ließ man es gehen und griff nur ein , wenn grober Unfug eine Bestrafung durchaus erforderte . Wie der moralische Stand des Forstackers , so war auch seine Erscheinung . Die Hütten seiner Bewohner unterschieden sich von den in Front und Rücken derselben stehenden Kofen in nichts als in dem Herdrauch , der aus ihren Dächern aufwirbelte . Der Schnee , der jetzt alles überdeckte , stellte vollends eine Gleichheit her . In der letzten , schon auf halber Höhe des Hügels gelegenen Lehmkate wohnte , womit wir unser Kapitel begannen , Hoppenmarieken . Die Kofen fehlten ; statt dessen faßte ein Heckenzaun das Häuschen ein , welches letztere nach vornhin eine Tür und ein Fenster , sonst aber nirgends einen Eingang oder eine Lichtöffnung hatte . Ein Würfel mit bloß zwei Augen . Das Innere bestand aus wenig Räumen . Der Flur , der nach hinten zu zugleich die Kochgelegenheit hatte , war ebenso schmal wie tief , dazu völlig dunkel ; in Sommerszeit aber erhielt er Licht durch die offenstehende Tür , während im Winter das auf dem Herd brennende Feuer aushelfen mußte . Neben dem Flur lag die Stube ; hinter dieser der Alkoven . So war Hoppenmariekens Haus . Wer aber war Hoppenmarieken ? Hoppenmarieken war eine Zwergin . Wo sie eigentlich herstammte , wußte niemand mit Bestimmtheit zu sagen . Die älteren Hohen-Vietzer erzählten , daß sie vor etwa dreißig Jahren ins Dorf gekommen und als eine halbe Landstreicherin , wie manche andere vor ihr und nach ihr , mit wenig günstigen Augen angesehen worden sei . Der damals lebende Gutsherr aber , Berndt von Vitzewitz Vater , habe Mitleid mit ihr gehabt und die entgegenstehenden Bedenken mit der halb scherzhaften Bemerkung niedergeschlagen : » Dafür haben wir den Forstacker . « Schon damals , so hieß es , habe sie so ausgesehen wie jetzt , ebenso alt , ebenso häßlich , habe dieselben hohen Wasserstiefel , dasselbe Kopftuch getragen und sei , damals wie heute , schon auf weithin kennbar gewesen durch den roten Friesrock , die Kiepe auf ihrem Rücken und den mannshohen , krummstabartigen Stock in ihrer Hand . Hoppenmarieken , soviel stand fest , hatte sich seitdem auf dem Forstacker eingebürgert und war in der ganzen Südhälfte des Oderbruchs die allergekannteste Person . Dafür sorgte neben ihrer Erscheinung auch ihr Geschäft . Sie hatte deren mehrere . Zunächst war sie Botenläuferin . Dreimal die Woche , wie immer auch Weg und Wetter sein mochte , brach sie , je nach dem Postengange , früh morgens oder spät abends auf , empfing Briefe , Zeitungen , Pakete und kehrte zwölf Stunden später , sei es von Frankfurt oder von Küstrin , nach Hohen-Vietz zurück . Und dieser Botendienst , wie er sie überall bekannt gemacht hatte , machte sie schließlich , trotz allem , was dann und wann gegen sie laut wurde , auch wohlgelitten . Jedes freute sich , Hoppenmarieken über den Hof kommen und durch eine eigentümliche Bewegung ihres Stockes , die etwas Tambourmajorhaftes hatte , angedeutet zu sehen : » Ich bringe Neuigkeiten . « Alle Landposten sind wohlgelitten . Diese Botendienste bildeten aber nur die Basis ihrer Existenz ; wichtiger für sie oder doch wenigstens einträglicher war das Kommissionsgeschäft , das sie nebenbei betrieb . Der Eierhandel aller Dörfer anderthalb Meilen um Hohen-Vietz herum lag eigentlich in ihrer Hand , wobei sie sich doppelter Provisionen zu versichern wußte . Dies ermöglichte sich dadurch , daß das ganze Geschäft auf Tausch beruhte . Eine Bauerfrau in Zechin oder Wuschewier , die sich ein neues Kopftuch wünschte , setzte sich , wenn Hoppenmarieken des Weges kam , mit dieser in Verbindung , packte ihr einen bereitgehaltenen Hahn samt ein paar Stiegen Eier in die Kiepe und überließ es nun ebenso ihrem Genius wie ihrer Diskretion , das Kopftuch zu beschaffen . Es kam vor , daß in diesem oder jenem Artikel Hoppenmarieken den ganzen Markt bestimmte . Man sah in diesen Vorteilen , die ihr zufielen , einen ehrlichen Verdienst und hatte recht darin . Aber nicht all ihr Verdienst war so ehrlicher Natur . Auf dem Forstacker wohnten Leute , die , selbst übel beleumdet , ihr böse Dinge nachsagten . Aber auch im Dorfe selbst wußte man davon zu erzählen . Die liederlichen Dirnen schlichen sich abends in ihr Haus ; sie wahrsagte , sie legte Karten . Sonntags war sie immer in der Kirche und sang mit ihrer rauhen Stimme die Gesangbuchlieder mit , von denen sie die bekanntesten auswendig wußte ; aber niemand glaubte , daß sie eine ehrliche Christin sei . Man hielt sie für einen Mischling von Zwerg und Hexe . Selbst im Herrenhause , wo man ihr als einer Dorfkuriosität , zum Teil aber auch um ihrer Brauchbarkeit willen manches nachsah , dachte man im ganzen genommen wenig günstiger über sie . Nur Lewin stand ihr mit einer gewissen poetischen Zuneigung zur Seite . Er liebte scherzhaft über sie zu phantasieren . Ihr Alter sei unbestimmbar , sie sei ein geheimnisvolles Überbleibsel der alten wendischen Welt , ein Bodenprodukt dieser Gegenden , wie die Krüppelkiefern , deren einige noch auf dem Höhenrücken ständen . Bei anderen Gelegenheiten wieder , wenn ihm vorgehalten wurde , daß die Wenden sehr wahrscheinlich schöne Leute gewesen seien , begnügte er sich , sie als ein Götzenbild auszugeben , das , als der letzte Czernebogtempel fiel , plötzlich lebendig geworden sei und nun die früher beherrschten Gebiete durchschreite . Er fügte auch wohl hinzu : Hoppenmarieken werde nie sterben , denn sie lebe nicht . Sie sei nur ein Spuk . Darin versah er es nun aber ganz und gar ; sie lebte nicht nur , sie lebte auch gern und gut und dabei ganz mit jener sinnlichen Lust , wie sie den Zwergen immer und den Geizigen in der Regel eigen ist . Und sie war beides , zwergig und geizig . Die Bauern hatten sich nach ihrem Diskurs im Scharwenkaschen Kruge kaum getrennt , als Hoppenmarieken in dem schweren Schritt ihrer Wasserstiefel die Dorfgasse heraufkam . Sie ging rasch wie immer , nüsterte und sprach unverständliche Worte vor sich hin . Ihr langer Hakenstock bewegte sich dabei taktmäßig auf und ab , und ihr roter Friesrock leuchtete . Als sie das Mühlengehöft passiert hatte , schwenkte sie links und schritt nun die verschneite Lehmkaten-und Kofenstraße hinauf auf ihr Häuschen zu . Die Tür desselben war nur eingeklinkt , und mit Recht , denn alles , was sich drinnen befand , stand im Schutze seiner eigenen Unheimlichkeit . Völliges Dunkel empfing sie ; sie tappte , sich mit dem Stocke fühlend , bis in die Mitte des Flurs , stellte hier Stock und Kiepe beiseite und fuhr dann mit ihrer Hand , die eine Hornhaut hatte , in der Herdasche umher , bis ein paar glühende Kohlen zum Vorschein kamen . Sie blies nun , nahm einen Schwefelfaden und zündete mit Hilfe desselben eine Blechlampe an , ohne übrigens von dem bescheidenen Lichte , das dieselbe gab , zunächst Gebrauch zu machen . Sie kroch vielmehr in ein großes , unmittelbar neben dem Herd befindliches Ofenloch hinein , rührte auch hier mit einem langen , halb verkohlten Scheit in der tief nach hinten liegenden Glut , warf Reisig , Tannenäpfel und ein paar Stücke steinharten Torfes auf und trat nun erst in die Stube . Diese war geräumig . Hoppenmarieken leuchtete darin umher , sah in alle Winkel , tat einen Blick in den nach hinten zu gelegenen Alkoven und drückte zuletzt , beständig vor sich hin sprechend , ihre Zufriedenheit mit dem Sachbefunde aus . Die Lampe gab gerade Licht genug , um alles in der Stube Befindliche erkennen zu können . Neben dem Fenster , dicht an die Ecke geschoben , stand ein Wandschapp mit Tassen und Tellern ; der eichene Tisch war blank gescheuert ; an der Alkoventür hing ein großer , mitten durchgeborstener Rundspiegel , von dem es zweifelhaft bleiben mochte , ob er um Eitelkeits oder Geschäfts willen an dieser Stelle hing . Denn er sah aus , als ob er beim Wahrsagen und Kartenschlagen notwendig eine Rolle spielen müsse . Im übrigen war eine gewisse weihnachtsfestliche Herrichtung , für die Hoppenmarieken selber am Tage vorher gesorgt zu haben schien , unverkennbar . Das Himmelbett hatte frische Vorhänge , die Dielen waren mit Tannenzweigen bestreut , und an dem Deckenhaken hing ein Ebereschenzweig , dessen Beeren , trotz vorgeschrittener Winterzeit , noch ihre schöne rote Farbe zeigten . Alles dies hätte fast einen gemütlichen Eindruck machen müssen , wenn nicht dreierlei gewesen wäre : erstens Hoppenmarieken in Person , dann ihre Vogelkäfige und drittens und letztens der Alkoven . Hoppenmarieken selbst kennen wir ; aber von den beiden anderen noch ein Wort . An allen vier Wänden hin , dicht unter der Decke , lief eine Reihe von Vogelgebauern . Wohl zwanzig an der Zahl . Nur wo Bett und Ofen standen , war die Reihe unterbrochen . Was eigentlich in den Bauern drinsteckte , war nicht klar zu erkennen gewesen , als Hoppenmarieken mit der Lampe daran hingeleuchtet hatte . Nur allerhand dunkle Vogelaugen hatten groß und schläfrig in das Licht gestarrt . Es mußte sich einem aufdrängen , das seien wohl die Augen , die bei Abwesenheit der Herrin hier Wache hielten . Dieser seltsame Fries von Vogelbauern , in denen bloß schweigsames Volk zu Hause zu sein schien , war unheimlich genug , aber unheimlicher war der Alkoven . Schon der Rundspiegel , der an der Türe hing , bedeutete nichts Gutes . Drinnen war alles leer : Nur Kräuterbüschel zogen sich hier in ähnlicher Weise um die Wände herum wie nebenan die Vogelkäfige . Es waren gute und schlechte Kräuter : Melisse , Schafgarbe , Wohlverleih , aber auch Allermannsharnisch , Sumpfporst und Klosterwacholder . Dazwischen Bündel von Roggenhalmen , deren gesunde Körner längst ausgefallen waren , während das giftige blaue Mutterkorn noch an den Ähren haftete ; der Geruch im ganzen war betäubend . Was einem schärferen Beobachter vielleicht mehr als alles andere aufgefallen wäre , war , daß sämtliches Kräuterwerk , statt an einfachen Nägeln , an dicken Holzpflöcken hing , deren mehrere Zoll betragender Durchmesser in gar keinem Verhältnis zu der winzigen , von ihnen zu tragenden Last stand . Hoppenmarieken , die es sich mittlerweile bequem gemacht und die hohen Wasserstiefel mit ein Paar aus Filztuch genähten Schuhen vertauscht hatte , holte jetzt die Kiepe vom Flur herein und schien , ihrem ganzen Hantieren nach , gewillt , einen Schmaus für sich selber vorzubereiten . Sie wählte behaglich in ihrer Kiepe , bis sie die Gegenstände , die sie suchte , gefunden hatte . Was zuerst aus der Tiefe heraufstieg , war eine blaue Spitztüte , dann kamen zwei Eier , die sie prüfend gegen das Licht hielt , zuletzt ein altes bedrucktes Sacktuch , in das aber etwas Wichtigeres eingeschlagen war . Wenigstens hielt sie das Paket mit beiden Händen ans Ohr und schüttelte . Der Ton , den es gab , beruhigte sie . Sie legte nun alles auf den Tisch , eines neben das andere , und holte vom Schapp her einen alten Fayencetopf mit abgebrochenem Henkel , dazu einen Quirl und einen Blechlöffel . Jetzt war alles beisammen . Sie tat aus der blauen Tüte einen Löffel Zucker in den Topf , schlug die beiden Eier hinein , wickelte aus dem Sacktuch eine Rumflasche heraus , liebäugelte mit ihr , goß ein und quirlte . Nur etwas fehlte noch : das siedende Wasser . Aber auch dafür war gesorgt . Sie trat in den Flur , kroch abermals in das Ofenloch und kam mit einem rußigen Teekessel zurück , dessen Inhalt zischend und sprudelnd in dem großen Fayencetopf verschwand . Hiermit waren die Vorbereitungen als geschlossen anzusehen . Das eigentliche Fest konnte beginnen . Sie machte den Tisch wieder klar , baute sich einen großen , braunen Napfkuchen auf und sah , während sie den Kopf in beide Arme stützte , mit sinnlicher Zufriedenheit auf das hergerichtete Mahl . Auch jetzt noch war sie beflissen , nichts zu übereilen . War es nun , daß sie in der Hinausschiebung des Genusses eine Steigerung sah , oder hatte sie so ihre eigenen Hoppenmariekeschen Vorstellungen davon , wie nun einmal ein erster Weihnachtstag gefeiert werden müsse , gleichviel , sie begnügte sich vorläufig damit , den aufsteigenden Dampf von der Seite her einzusaugen , und zog dabei den Tischkasten weit auf , in dem , durch eine Scheidewand getrennt , links das Gesangbuch , rechts die Karten lagen . Sie nahm das Gesangbuch , schlug das Christlied auf : » Vom Himmel hoch , da komm ich her « , las in rezitativischer Weise , die sie selber für Gesang halten mochte , die drei ersten , dann die letzte Strophe , klappte wieder zu und tat einen ersten tüchtigen Zug . Gleich darauf ging sie zu einem allerenergischsten Angriff auf den Napfkuchen über , der nun innerhalb zehn Minuten von der Tischfläche verschwunden war . Sie strich die Krümel in ihre linke Handfläche zusammen und schüttete alles sorgfältig in den Mund . Jetzt , wo der Fayencetopf keinen Nebenbuhler mehr hatte , war sie erst in der Lage , ihm zu zeigen , was er ihr war . Sie legte streichelnd und patschelnd ihre Hände um ihn herum , untersuchte mit den Knöcheln alle Stellen , die einen kleinen Sprung hatten , bog sich über ihn und nippte , schlürfte und tat dann wieder volle Züge . Nachdem sie so den ganzen Kursus des Behagens durchschmarutzt hatte , zog sie den Schuhkasten zum zweiten Male auf , nahm jetzt aber , statt des Gesangbuches , das Kartenspiel heraus . Es waren deutsche Karten : Schippen , Herzen , Eichel ; sie lagen in Form einer Mulde fest aufeinander , was jedoch für Hoppenmariekens Hände keine Schwierigkeiten bot . Als sie wohl eine halbe Stunde lang aufgelegt , gemischt und wieder aufgelegt hatte , ohne daß die Karten kommen wollten , wie sie sollten , stieg ihr das Blut zu Kopf . Der Schippenbube wich ihr nicht von der Seite . Das mißfiel ihr ; sie wußte ganz genau , wer der Schippenbube war . Was ? Da lag er wieder neben ihr . Sie stand unruhig auf , nahm die Lampe , leuchtete hinter den Ofen , sah zwei- , dreimal in den Alkoven hinein und setzte sich dann wieder . Aber die Beklemmung wollte nicht weichen . Sie schnürte deshalb das großgeblumte Kattunmieder auf , das sie trug , nestelte , zerrte , zupfte und fühlte nach einem Täschchen , das sie an einem Lederstreifen auf der Brust trug . Es war da . Sie nahm es ab , zählte seinen Inhalt und fand alles , wie es sein mußte . Dies gab ihr ihre Ruhe wieder . Sie wollte es noch einmal versuchen und begann abermals die Karten zu legen . Diesmal traf es ; der Schippenbube lag weitab . Ein häßliches Lachen zog über ihr Gesicht ; dann tat sie den letzten Zug , schob einen großen Holzriegel vor die Türe und löschte das Licht . Als eine Stunde später der Mond ins Fenster schien , schien er auch auf das verwitterte Antlitz der Zwergin , das jetzt , wo sich das schwarze Kopftuch verschoben und die weißen Haarsträhnen bloßgelegt hatte , noch häßlicher war als zuvor . Der Mond zog vorüber ; das Bild gefiel ihm nicht . Hoppenmarieken selbst aber träumte , daß Schippenbube sie am Halse gepackt habe und an dem Lederriemen zerre , um ihr die Tasche abzureißen . Sie rang mit ihm ; der Angstschweiß trat ihr auf die Stirn ; dabei aber rief sie : » Wart , ich sag ' s : Diebe ! Diebe ! « Durch das öde Haus hin klangen diese Rufe . Die Vögel stiegen langsam von ihren Sprossen und starrten durch ihre Gitter auf das Bett , von wo die Rufe kamen . Neuntes Kapitel Schulze Kniehase Dem Kruge gegenüber lag der Schulzenhof . Er bestand aus einem Ziegeldachhaus , an das sich nach rückwärts zwei lange , schmale Stallgebäude anlehnten , die durch eine Scheune miteinander verbunden waren . Ein hinter dieser Scheune gelegenes , mit Obstbäumen und Himbeersträuchern besetztes Ackerstück streckte wieder zwei schmale Blumenstreifen bis dicht an die Dorfstraße vor , so daß in Sommerszeit , wenn man vom Kirchhügel aus auf das Schulzengehöft herniedersah , alles einem großen Garten glich , der Haus und Hof wie zwischen zwei ausgebreiteten Armen hielt . Selbst Miekleys Mühle war dann nicht freundlicher . Bis unter das Dach blühten die Malven , die Bienen summten um den Stock , die Trauben hingen am Spalier , während sich von dem alten , rechts an der Hoftür wachestehenden Birnbaum von Zeit zu Zeit die schweren Früchte lösten und mit Geklatsch auf die Schwellsteine niederfielen . Von den Insassen des Hauses achtete niemand dieses Tones ; nur ein Mädchen , das auf der vorgebauten Steintreppe des Hauses unter einem Gerank von Flieder und Geißblatt saß , sah einen Augenblick horchend auf , ehe es fortfuhr , das Garn zu wickeln oder die Naht zu säumen . So war es im Spätsommer . Aber auch im Winter bot der Schulzenhof ein freundliches Bild , auch heute am zweiten Weihnachtsfeiertage . Auf dem Hofe war der Schnee zusammengeschippt , so daß er eine Mauer bildete ; die Stalltüren standen auf , aus denen die warme Luft wie ein Nebel ins Freie zog . An der Schwelle saßen Sperlinge und pickten einzelne Körner auf . Sonst alles still ; auch der Hofhund feierte . In einer der Ecken zwischen Stall und Scheune stand seine Hütte ; etwas von seinem Lagerstroh hatte er vor die Öffnung geschoben , und auf diesem Kissen lag nun sein spitzer Wolfskopf und sah behaglich in den Morgen hinein . Und still und festtäglich wie draußen auf dem Hofe , so war auch das Haus . Schon seine Treppe war mit Sand bestreut ; in den Ecken der Vordiele standen junge Kiefern und füllten die Luft mit ihrem Harzgeruch ; an einem Haken in der Mitte des Flurs aber hing ein Mistelbusch . Die Wohnstuben waren schon geheizt und die Kamintüren geschlossen ; nur zur Rechten , wo das große Besuchszimmer lag , knisterte noch ein Feuer und warf seinen Schein . Eine Katze strich ihre Flanken an den warmen Ecken , schnurrend mit gekrümmtem Rücken , zum Zeichen ihres besonderen Behagens . In dem vordersten Wohnzimmer , um einen schweren Eichentisch herum , befanden sich drei Personen . Dem Fenster zunächst , und diesem den Rücken zukehrend , saß ein breitschultriger Mann , ein Fünfziger . Sein Gesicht drückte Kraft , Festigkeit und Wohlwollen aus . Spärliches blondes Haar legte sich an seine Scheitel , er war sonntäglich gekleidet und trug einen langen , schwarzbraunen Rock . Die Frau zu seiner Linken , trotz ihrer Vierzig , war noch hübsch , von dunklem Teint und wendisch gekleidet . Ein breiter Kragen fiel über ihr Mieder von schwarzem Tuch , und der kurze Friesrock war in hundert Falten gelegt . Unter der engen Tüllmütze versteckte sich nur halb das glänzend schwarze Haar . Aller Schmuck war silbern . Um den Hals schlang sich eine starke , vorn auf der Brust durch einen Schieber zusammengehaltene Kette ; die Ohrgehänge glichen großen , silbernen Tropfen . Dies war das Schulze Kniehasesche Paar . Dem Alten gegenüber , im vollen Fensterlicht , saß die Tochter des Hauses , Maria , ebenso aufrecht wie Tages zuvor am Kamin des Herrenhauses . Sie trug dasselbe Taftkleid , dasselbe rote Band im Haar ; und mit derselben Aufmerksamkeit , mit der sie gestern den Erzählungen Lewins gefolgt war , folgte sie heute der Vorlesung ihres Vaters , der zuerst das Weihnachtsevangelium , dann das achte Kapitel aus dem Propheten Daniel las . Der alte Kniehase hatte dies Kapitel mit gutem Vorbedachte gewählt . Mariens Hände lagen still in ihrem Schoß . Und als die Stelle kam : » Und nach diesem wird aufkommen ein frecher und tückischer König , der wird mächtig sein , doch nicht durch seine Kraft , und nur durch seine List wird ihm der Betrug geraten , und er wird sich auflehnen wider den Fürsten aller Fürsten ; aber er wird ohne Hand zerbrochen werden « - da wurden ihre Augen größer , wie sie es bei der Erzählung von dem Feuerschein im Schlosse zu Stockholm geworden waren , denn erregbaren Sinnes , nahm jegliches , wovon sie hörte , lebendige Gestalt an . Sonst blieb alles in gleichem Schlag . Das Rotkehlchen , mit leisem Gezirp , hüpfte aus dem Ring auf die Sprossen und wieder von den Sprossen in den Ring ; in gleichmäßigem Takt ging der Pendel der Gehäuseuhr . Und so ging auch des Schulzen Kniehase Herz . Kniehase war ein » Pfälzer « . Wie kam er in dieses Wendendorf ? Und wie war er der Schulze dieses Dorfes geworden ? Um dieselbe Zeit , als die Scharwenkas mit anderen tschechischen Familien von Böhmen her übersiedelten , wanderten die Kniehases mit rheinischen Familien ein . Das war um 1750 , als Friedrich der Große zur Trockenlegung der Sumpfstrecken des Oderbruches und zu ihrer Kolonisierung schritt . Die tschechischen Familien , weil ihrer nur wenig waren , fanden in den altwendischen Dörfern ein Unterkommen , und so kamen die Scharwenkas nach Hohen-Vietz . Die rheinischen Kolonistenfamilien aber , die , ohne Rücksicht darauf , ob sie aus dem Cleveschen oder Siegenschen , aus Nassau oder der Pfalz stammten , sämtlich » Pfälzer « genannt wurden ( etwa wie in Irland alle Herübergekommenen » Sachsen « heißen ) , gründeten eigene Dörfer , unter denen Neu-Barnim das größte war . In diesem Dorfe wurde unser Kniehase geboren , und zwar am Tage des Hubertusburger Friedens . Der Vater schloß daraus , daß der Sohn ein Prediger werden müsse , und ließ ihn nach den bescheidenen Mitteln , die sich darboten , etwas Tüchtiges lernen . Aber der junge Kniehase war weitab davon , ein Mann des Friedens werden zu wollen ; nur das Soldatische hatte Reiz für ihn , und mit zwanzig Jahren schon , nachdem er den Widerstand des Vaters unschwer besiegt , trat er in die Grenadiercompagnie des Regiments Möllendorf ein , das damals zu Berlin in Garnison stand . Der Dienst , trotz aller Strenge ,