daß Robert nicht umzustimmen war , aber er verbarg die Enttäuschung und half über alle entstehenden kleinen Verlegenheiten beim Bau so gut wie möglich hinweg . Man konnte jetzt das zukünftige Schiff schon ganz deutlich erkennen . Da traf es sich , daß Robert an einem Sonntag ausgeschickt wurde , um in einem ziemlich entfernten Dorf Arbeit abzuliefern , und als er zurückkam , sah er die Mutter bitterlich weinend am Herd sitzen . Nichts Gutes ahnend , fragte er sie nach dem Grund ihrer Tränen . » Geh fort « , flüsterte ängstlich die alte Frau , » laß dich beim Vater nicht sehen . Er ist furchtbar erzürnt . « Der Junge wurde rot vor Aufregung . » Hat er mein Schiff gefunden , Mutter ? « stammelte er . Die Alte nickte unter ihrer vorgehaltenen Schürze . » Ja ! - Ach ja ! « Robert flog zum Heuboden . Alles fort , das Buch , das Gerät , die Hobelbank , die er sich mit Georgs Hilfe selbst gebaut hatte , und vor allem sein geliebtes halbfertiges Schiffchen , der beste Schatz , den er besaß . Wo mochte es der Vater gelassen haben ? Dieser Gedanke nahm ihm den Atem . Wenn das Schiff - sein » Blitz « - zerstört wäre ! Er sprang wieder in den Hof hinab und stürmte an der weinenden Mutter vorüber in das Wohnzimmer . Da jetzt alles entdeckt war , konnte ihm ja weder Zögern noch Leugnen helfen . Der Alte stand kerzengerade mitten in dem kleinen Raum , und neben ihm auf dem Tisch lag ein schlankes , eben erst aus der Haselnußhecke geschnittenes Stöckchen . Roberts ganze Einrichtung mit allem , was dazu gehörte , stand und lag auf dem Fußboden . Der alte Schneidermeister sah aus wie ein Toter . Seine und seines Sohnes Augen begegneten sich in einem festen , langen Blick . Der Starrsinn und die unbeugsame Art des Vaters fanden ihren Widerhall in dem Jungen , der blaß aber unbeirrt vor dem erzürnten Mann stehen blieb . Minutenlang herrschte drückendes Schweigen , das nur durch die leisen , bittenden Worte der Mutter zuweilen unterbrochen wurde , dann aber streckte der Meister die Hand aus . » Wem gehört das da ? « fragte er , auf Roberts Schiff deutend . » Mir , Vater , und ich will es auch behalten . « » Still . Von wem hast du das Buch und das Gerät bekommen ? « Robert hatte sich auf diese Frage bereits vorbereitet . Die Lüge flößte ihm ja schon längst keinen Widerwillen mehr ein . » Von Georg « , erwiderte er ruhig . » Das ist nicht wahr ! « brauste der Alte auf . » Solch ein Bettelbube , den der Seiler , nur weil es ihm so schlecht geht , überhaupt in Arbeit behält , der kann nichts verschenken . Antworte , woher du es hast . « » Von Georg . Und willst du mir nicht glauben , so laß es , darum kümmere ich mich nicht . « Der Schneider stutzte und ließ die Hand sinken . » Ich glaube , daß du die Wahrheit sprichst « , sagte er nach einer Pause , » denn so dreist lügen könnte mein Sohn nicht . Ich wenigstens habe es , solange ich lebe , nicht gekonnt . « Robert ertrug mit äußerer Ruhe den Blick , der diese Worte seines Vaters begleitete . In ihm stürmte es , aber der Trotz hielt jede Rührung in Schranken . Er schwieg , ohne sich von der Stelle zu bewegen . » Wer hat dir die Spielerei erlaubt ? « fuhr Meister Kroll fort . » Du wußtest , welches Unrecht du begingst , sonst würdest du aus der Sache kein Geheimnis gemacht haben . Du wolltest deinen Vater betrügen , nicht wahr ? « » Ich wollte dir das Schiff nicht zeigen . Wenn du darin einen Betrug erkennst , so kann ich es nicht ändern . « Der Alte nickte . » Ich weiß nun genug « , sagte er kalt . » Trag das Ding in die Küche , alles , auch das Buch . « » Vater ! « - - » Gehorche ! « rief rot vor Zorn der Alte . » Willst du deinem Vater den Gehorsam verweigern ? « In diesem Augenblick erschien die Mutter . Ohne ein Wort zu sagen , ergriff sie die verschiedenen Gegenstände und trug sie hinaus auf den Herd . Robert sah ihr zu , unfähig , jetzt einen Entschluß zu fassen . Sollte er das Äußerste tun , um seiner Mutter das geliebte kleine Schiff zu entreißen ? - Er konnte es nicht , aber er folgte wie im Traum der alten Frau und sah mit starrem Blick auf den gefährdeten Schatz . Der Vater wollte ihn vernichten , das war sicher . Und wirklich betrat Meister Kroll die Küche . Er handelte keineswegs im Zorn , sondern wohlüberlegt und mit größter Ruhe ; er machte aus der ganzen Sache ein förmliches Strafgericht . Zuerst warf er das Buch in die Flammen , und dann ergriff er das Beil und das Schiffchen . Robert stieß einen lauten Schrei aus . » Vater , Vater , ich bitte dich « , rief er , außerstande , noch in diesem verhängnisvollen Augenblick zu schweigen , » ich bitte dich , laß mir das Schiff . Es ist meine einzige Freude . « Der Alte schüttelte den Kopf . » Gerade darum « , entgegnete er nachdrücklich . » Liebtest du dein Fach , und wärest du ein fleißiger , gehorsamer Lehrjunge , so würde ich dir gern für deine Freistunden eine harmlose Spielerei erlauben . Hier aber handelt es sich um viel Ernsteres , und die Strafe soll so tief treffen , daß du sie nie wieder vergißt . « Er hob die schwere Axt - es war dem Jungen , als würde er selbst getroffen - und der Schlag fiel dröhnend in den fertigen Rumpf des Schiffchens . Ein klaffender Spalt hatte es der Länge nach getrennt . Robert wandte sich ab . Seine Fäuste waren geballt , seine Lippen , zuckten und aus den Augen brachen Tränen , aber er beherrschte sich doch - er versuchte keine Gegenwehr . Die Trümmer des zerstörten Baues flogen ins Feuer , die übrigen Holzstücke in den Winkel , und das Gerät packte der Alte auf den Schrank . » Das war eins « , sagte er , » und nun geh ins Zimmer , Junge . Wir sprechen uns weiter . « Robert gehorchte schweigend . Mochte der Vater tun oder lassen , was er wollte , das schien jetzt nach dem Verlust des Schiffchens und des Buches ganz gleichgültig , wenigstens glaubte es der Junge , aber er sollte sich täuschen . Meister Kroll rief auch die Mutter ins Zimmer . » Höre « , wandte er sich an seinen Sohn , » was ich dir zu sagen habe . Nach meiner ursprünglichen Absicht solltest du in drei Jahren zum Gesellen gemacht und vom Lehrling losgesprochen werden , aber das hast du nun nicht mehr verdient . Deine Lehrzeit soll erst um sein , wenn du neunzehn bist , - sie ist auf vier Jahre erhöht worden . So , das sagte ich dir als Meister , und nun kommt der Vater . Zieh die Jacke aus . « Der Junge hatte wie ein Gerichteter die schrecklichen Worte des Alten über sich ergehen lassen , fast unfähig , den neuen Schlag in seiner ganzen Schwere gleich zu fühlen , - jetzt aber richtete er sich plötzlich auf . Alles Blut schoß ihm ins Gesicht . » Vater , du willst mich schlagen ? « preßte er hervor . » Das will ich , wie es meine Pflicht ist . Zieh die Jacke aus . « Robert trat hastig zurück . » Du darfst mich nicht schlagen , Vater « , rief er außer sich , » du darfst es auf keinen Fall , denn ich bin konfirmiert . Tu es nicht , Vater . « Aber der Alte zog ihn mit einem einzigen Griff zu sich . » Ist es schon so weit gekommen « , rief er , » will der junge Hahn gegen Gott und Menschen krähen , was ? - Ich sollte meinen Jungen nicht mehr schlagen dürfen , nur weil er kein ABC-Schütze mehr ist ? Wehre dich gegen deinen Vater , du Taugenichts , wenn du den Mut dazu findest . « Die Schläge fielen schwer und dicht auf den Rücken des Jungen . Robert fühlte etwas wie eine Erstarrung , einen schweren Schmerz , aber er ertrug die Bestrafung , ohne seine Kräfte dem Vater entgegenzusetzen ; er wußte , daß jetzt sein Entschluß feststand , daß diese Stunde zwischen ihm und dem Vater das letzte Band zerschnitten hatte . Er sprach keine Silbe , als der Vater den Stock in die Ecke warf und ihm sagte , daß er nun gehen könne . Er hörte es kaum . Als aber der Abend kam , schlich er sich hinaus und suchte seinen Freund . Schluchzend vor Gram und Zorn stammelte er in abgebrochenen Lauten die Geschichte dieses Tages . Auch ohne die tiefe Dunkelheit ringsumher wäre er zu erregt gewesen , um Georgs triumphierendes , zufriedenes Lächeln bemerken zu können . » Ich will fort « , schloß er , » jetzt um jeden Preis und lieber heute als morgen . Georg , hilf mir , daß ich ein Schiff bekomme . « Der Seiler zuckte die Achseln . » Nichts leichter als das « , antwortete er , » nur mußt du Geld beschaffen . Ich besitze gar nichts . « Robert nickte . » Es ist gut « , sagte er , » ich will es tun . Der Vater sieht mich nie im Leben wieder , also kann er wohl für seinen Sohn das letzte Opfer bringen . Wieviel brauche ich ? « » Hm , je mehr , desto besser . Greif nur tüchtig hinein , denn das Seezeug kostet schweres Geld . Inzwischen werde ich Erkundigungen einziehen , wann ein Schiff ausläuft , das dich brauchen kann . « Der Junge erschrak . » Bei Peter Volland ? « fragte er . » Ja , bei ihm . Er kennt alle Kapitäne und alle Agenten , außerdem ist er mein bester Freund , der gewiß für dich tun wird , was in seiner Macht steht . Dein Entschluß ist also bestimmt gefaßt ? « » Ganz bestimmt « , erklärte Robert . » Würdest du dir solche Behandlung gefallen lassen , Georg ? - Ich glaube kaum . « Der Seiler lachte spöttisch . » Wirklich nicht « , antwortete er . » Ich wäre schon längst auf und davongegangen - aber du hattest ja nie dazu den Mut . « Robert dachte an die erlittene Strafe und ballte noch jetzt die Faust . » Ich habe Mut « , flüsterte er , » besorge du nur ein Schiff , hörst du ? « Der Seiler versprach , noch am gleichen Tag an den Hamburger Baas zu schreiben ; und wirklich brachte er auch nach kurzer Zeit einen Brief , in dem Peter Volland schrieb , daß das holländische Schiff » Antje Marie « zur Abfahrt bereit im Hafen liege . » Kapitän van Swieten sucht gerade einen Jungen « , schloß er , » und wenn dein Freund zur rechten Zeit eintrifft , so kann er die Stelle bekommen . « Robert jubelte laut . » Aber du gehst mit , Georg « , bat er , » du zeigst mir die notwendigsten Wege und hilfst beim Einkaufen , nicht wahr ? « Der Seiler nickte . » Kannst dich darauf verlassen , Junge . Sei nur guten Mutes , jetzt ist dein Glück gemacht , wenn du das Geld erst hast . « » O - darum sorge dich nicht . Morgen abend ist bei meiner Tante Christine eine Geburtstagsfeier , und dahin gehen meine Eltern . Ich habe also Zeit genug , den Kasten zu öffnen . « » Nimm ungefähr sechzig Taler « , rief Georg . » Das brauchst du bestimmt . « Robert nickte und arbeitete dann am folgenden Tag Seite an Seite mit dem Vater , ohne ein Wort zu sprechen . Meister Kroll hatte ihm gesagt , daß er erst wie ein gutes Kind um Verzeihung bitten müsse , und dagegen sträubte sich sein Trotz . » Ich bin mir keiner Schuld bewußt « , dachte er , » warum sollte ich also nachgeben . « Der Tag schien endlos , aber er ging doch zu Ende , und aufatmend sah Robert die Eltern fortgehen . Der Vater sprach ja nicht mit ihm , nur die Mutter hatte leise gebeten , er möchte nicht fortlaufen , sondern auf alles achtgeben . Und nun war er allein . Aber noch wachte alles auf der Straße und in der Nachbarschaft , noch konnte er den Raub nicht ausführen , er wagte kaum , daran zu denken . Seine Hand fütterte die Tiere im Hof , gab der Kuh das Heu und den Schweinen ihre wenig appetitliche Brühe aus Küchenabfällen und Schrot . Es war ihm ganz eigenartig zumute . In den wenigen Worten » zum letzten Male « liegt ja immer etwas Herzbeklemmendes , und wenn das Gewissen unruhig vor der Zukunft warnt , so ist es doppelt schwer , der Entscheidung fest entgegen zu sehen . Robert glaubte , daß die Tiere noch niemals so zutraulich gegen ihn gewesen waren , daß er die enge kleine Heimat seiner Eltern noch nie so lieb gehabt hatte wie an diesem Abend . Er streichelte Pikas , den alten zottigen Hund , kraute die Köpfe der Ziegen , Träne auf Träne fiel über sein Gesicht herab . Er wollte fort , der Entschluß wankte keinen Augenblick ; ihn lockte die See und die Ferne , aber dennoch - Er erschrak , als Georgs Schatten seine Stirn streifte . » Hast du ' s ? « fragte der Seiler . Robert schüttelte sich wie im Fieberfrost . Er reichte dem Freund das Werkzeug , das er in der Tasche getragen hatte , und wandte den Blick ab . » Du « , sagte er , » mir ist das alles anvertraut , ich soll es vor Spitzbuben behüten , da kann ich unmöglich den Kasten selbst erbrechen . Tu du es für mich . « Der Seiler horchte auf . Jähe Röte überflog sein blasses Gesicht , seine Augen funkelten . » Ich ? « sagte er . » Aber mir gehört ja das Geld nicht . « » Einerlei . Ich - na , nenne mich ruhig feige , Georg , aber ich habe den Mut nicht . Ich kann kein Geld stehlen . Das frühere war mein Eigentum . « Der Seiler lachte leise . » Bist ein Kind « , spöttelte er , » bist ein Muttersöhnchen , das sich vor seinem eigenen Schatten fürchtet . Aber gut - ich will hingehen und die sechzig Taler nehmen . Ist vorn an der Straße die Tür verschlossen ? « » Ja . Auch die Läden habe ich vorgelegt . « » Das war richtig . Paß nur hier gut auf , daß niemand kommt . « Die schlanke Gestalt schlüpfte ins Haus , und Robert horchte atemlos . Wenn jetzt jemand klopfte , wenn zufällig die Eltern zurückkamen ! Der Angstschweiß drang aus allen seinen Poren . Er stand auf dem Sprung , sich bei dem ersten Laut über den Zaun ins Freie zu retten . Mußte denn nicht jeder sehen können , daß er ein Verbrecher war , daß er den Dieb in das Haus eingelassen hatte ? - Schleichende Schritte kamen über den Hof . Georg sah im Mondschein noch bleicher aus als gewöhnlich . Er war verwirrt , er schien zu zittern . » Da « , raunte er , aus seiner Mütze die blanken Taler in Roberts Hände schüttend , » da . Es ist doch merkwürdig , und man wird ein Hasenfuß dabei . « Robert schob das Geld zurück . » Behalte es « , antwortete er . » Du sollst ja für mich einkaufen , ich mag es nicht anrühren . « » War niemand in der Nähe ? « flüsterte Georg . » Kein Mensch . Also morgen abend um halb sieben Uhr fahren wir nach Altona ? « Der Seiler wog das Geld in der Hand . » Hm « , meinte er , » diesmal müssen wir zu Fuß gehen . Man könnte uns sehen , und die Geschichte wäre verraten . Bist du erst einmal bei Peter Volland , so laß sie dich nur suchen , dann hat es keine Not mehr . « Robert strich das verworrene Haar aus der Stirn . Er bekämpfte mit Mühe die Bewegung , die ihn durchzitterte . » Du « , sagte er , » das ist so , wie es der Lehrer in der Schule erzählte , weißt du , von dem großen Ferdinand Cortez , der hinter sich die Schiffe verbrannte ! Damals habe ich das gar nicht so recht verstanden , aber nun ist mir alles klar geworden . Und ich bin gerade in der gleichen Lage , nur daß ich nicht andere vorwärtstreibe , sondern mich selbst . - Wir gehen also bestimmt um sechs Uhr abends von hier fort ? « » Was mich betrifft , ja ! « antwortete Georg . » Und mich , verlaß dich darauf . « Der Seiler kroch durch die Hecke , und Robert ging mit zaghaften Schritten in das Schlafzimmer . Mußte es denn nicht an dem Schrank zu sehen sein , daß ihn diebische Hände geöffnet hatten ? Mußten nicht alle die stummen Zeugen der schlechten , ehrlosen Tat sich anklagend gegen den Sohn erheben , der seines Vaters Geld gestohlen hatte ? Ein scheuer Blick streifte die Umgebung , selbst nach Fußspuren suchte Roberts böses Gewissen , und geängstigt ging er im Dunkeln zu Bett , aber ohne die Augen schließen zu können . Vielleicht , wenn er einschlief , kam ja der Vater , suchte zufällig in dem eisernen Kasten irgendein Papier und entdeckte alles . Er durfte nicht ruhen , seine eigene Sicherheit gebot ihm zu wachen . Die Eltern kamen ziemlich spät nach Hause , und Robert fühlte hinter den gesenkten Wimpern einen schwachen Lichtschein , der sein Auge traf . Meister Kroll schützte das Licht mit der Rechten , als er sich über den regungslosen Jungen herabbeugte . Robert hörte einen unterdrückten schmerzlichen Seufzer . » Mutter « , sagte der Alte , » es ist doch eigentümlich . Nun habe ich seit acht Tagen kein Wort mehr mit dem Jungen gesprochen , aber das rührt ihn nicht . Robert ist verstockt , er fühlt für seine Eltern keine Liebe . « Der Lichtschein erlosch , und der Junge biß in das Kissen , um nicht laut zu weinen . Oh , wäre er erst weit fort von hier , damit diese schrecklichen Qualen aufhörten . Er hatte sich die Sache so leicht gedacht , so herrlich und beglückend , jetzt dagegen fühlte er es wie eine Zentnerlast auf dem Gewissen . Was die Mutter antwortete , das hörte er nicht . Halb von wirren Träumen geschreckt , halb unruhig wachend , verbrachte er die Nacht . Jetzt endlich war ja der letzte Morgen angebrochen , und es dauerte nur noch Stunden , bis die Erlösung schlug . Er zog seinen besten Anzug an , steckte Kleinigkeiten , die ihm besonders lieb waren , in die Tasche und nahm ein Buch , scheinbar um zu lesen , in Wirklichkeit aber , um gedankenlos über die Blätter hinweg ins Leere zu sehen . Wenn ihn doch der Vater nur einmal angeredet , nur eine , wenn auch noch so geringfügige Bemerkung gemacht hätte , dann war es eine Art von Abschied , eine halbe Versöhnung , aber es geschah nichts . Stunde um Stunde verstrich ; es schlug eins , zwei , man trank Kaffee , und der Alte las die Zeitung wie gewöhnlich , die Mutter saß im Sonntagsstaat strickend am Fenster , und die Uhr hinter dem Ofen tickte eintönig . Drei - vier - fünf - jetzt mußte der Entschluß gefaßt werden . » Darf ich ein bißchen fortgehen ? « fragte halblaut der Junge . Meister Kroll blickte auf . » Du fragst , als hättest du während der Woche deine Pflicht getan und dich wie ein gutes Kind betragen « , antwortete er langsam und nachdrücklich . » Glaubst du wirklich , ein Vergnügen verdient zu haben ? « Robert schwieg . Er fühlte den alten Trotz mit neuer Gewalt erwachen . Warum mußte der Vater jeden Augenblick benutzen , um Moral zu predigen , warum konnte es in seiner Gegenwart keine Freude , keine Freiheit geben ? Es drückte wie ein Alp , das ernste , grübelnde Wesen des Alten , der von den Wünschen und den Neigungen eines Jungen nichts mehr zu wissen schien , ja , der das alles vielleicht nie im Leben gekannt hatte . Ein Pause verging , dann erhob sich Meister Kroll vom Stuhl . » Deine Tante Christine erkundigte sich gestern , warum wir dich nicht mitgebracht hätten « , sagte er , » doch als ich ihr die Gründe auseinandersetzte , stimmte sie mir vollkommen bei . Sie schickt dir aber , damit du an ihrem Geburtstag nicht vergessen seist , diesen Taler , den ich in deine Sparbüchse stecken werde . Natürlich gehst du hin und bedankst dich . « Er suchte in der Tasche den Schlüssel zum Schrank und schloß auf . Jetzt zeigte sich der eiserne Kasten . Robert stand wie gelähmt . Es brauste in seinen Ohren , seine Hände sanken schlaff herab , und alles Blut war aus seinen Wangen gewichen . Jetzt stand die Entdeckung unmittelbar bevor , jetzt sah der Vater die leere Sparbüchse und vielleicht sogar auch den Raub , der an seinem Geld begangen worden war - - Noch eine Minute , dann hatte er den Kasten geöffnet - - Roberts Knie zitterten . Er war halb bewußtlos . Da wandte sich der Alte um . » Es ist einerlei « , sagte er , den Schrank wieder schließend , » ich habe meinen Schlüssel in dem andern Rock stecken lassen . Der Taler gehört dir , du weißt es jetzt . Und nun geh meinetwegen , aber um zehn Uhr bist du zu Hause , das laß dir gesagt sein . « Er vertiefte sich wieder in die Zeitung und bemerkte daher nicht , daß Robert wie ein Betrunkener aus dem Zimmer wankte . Alles drehte sich vor seinen Augen , wohin er blickte , sah er den offenen Geldkasten , wie gepeitscht entfloh er dem elterlichen Hause . Die Gefahr war ihm so nahe gewesen , so furchtbar nahe , daß er sich fast betäubt fühlte . Also das sollte der Abschied sein ? - Aber daran durfte er jetzt nicht denken . Nur fort , fort . Der Boden brannte ihm unter den Füßen . Er ging dem Seiler entgegen und traf ihn gerade , als er mit einem ziemlich großen Bündel unter dem Arm aus dem Haus trat . In der Hand hielt er einen derben Knotenstock . » Aha « , sagte Georg gutgelaunt , » da bist du ja . Weshalb läufst du denn bis hierher an das Ende von Krähwinkel ? Wir müssen ja auf diese Weise an eurem Hause wieder vorüber . « Robert trieb zur Eile . » Das macht nichts « , antwortete er . » Aber weshalb siehst du so reisefertig aus ? Was soll das schwere Bündel ? « » Darum kümmere dich nicht , mein Junge . Es sind nur ein paar überflüssige Kleidungsstücke darin , die ich in Hamburg verkaufen will . « Er trat an Roberts Seite , und die beiden durchschritten nun schweigend den stillen Ort . Auf dem entgegengesetzten Bürgersteig gehend , sah Robert jetzt zum letztenmal sein Elternhaus . Durch die herzförmig ausgeschnittenen Fensterläden schimmerte das Licht , und Pikas saß vor der Tür . Schweifwedelnd näherte er sich in Sprüngen seinem jungen Herrn . Der Junge beugte sich herab , um die Liebkosungen des einstigen Spielkameraden und Kindheitsgefährten zurückzugeben . Es wurde ihm weich , so seltsam weich ums Herz . Wollte ihn Pikas warnen ? Wollte er ihm erzählen von dem alten Vater , der drinnen im Zimmer den Kopf in die Hand legte und seufzend fragte : » Mutter , wie kann ein Kind so verhärtet sein ? « - Die Stirn des Jungen und die Schnauze des Hundes berührten sich . » Leb wohl , Pikas « , flüsterte Robert , » leb wohl , altes Tier ! « - Aber noch hielt er den Hund fest , noch tönte ihm sein leises Winseln wie das Weinen einer Menschenstimme ins Ohr . Er konnte sich von dem Lichtschimmer hinter den Fensterläden nicht losreißen , konnte die Tränen nicht zurückhalten , die über sein Gesicht herabliefen . Da zupfte ihn Georg am Ärmel . » Du , soll der Alte herauskommen und dir eine neue Tracht Schläge geben ? « fragte er . Robert fuhr auf . Ein ungeduldiger Ruck der Hand wischte die Tränen aus den Augen . Er streckte den Arm befehlend gegen das Haus . » Geh fort , Pikas ! « sagte er , seine Stimme zur Festigkeit zwingend , » geh fort ! « Der Hund senkte den Kopf und trabte mit langsamen Schritten über die Straße . Vor dem Hause stand er still und sah bittend zurück . Robert riß sich gewaltsam los . Ein halblautes » kusch ! « befahl dem treuen Freund sich zu legen , und dann wanderten die beiden jungen Leute in das Dunkel des Novemberabends hinein . Noch einige wenige Häuser , noch hier und da ein Gruß , und hinter ihnen lag der kleine friedliche Heimatort . Der Wind fuhr über die Stoppeln und rauschte in den laublosen Zweigen der uralten Eichen am Wege ; graue Wolkenschatten huschten wie Gespenster über den Himmel . » Es ist kalt « , raunte Georg , » knöpf deinen Mantel zu . « Aber die Worte klangen , als hätten ihm die Zähne im Munde geklappert . Es war nach Mitternacht , und in Peter Vollands Schenke drängten sich Kopf an Kopf die Gäste . Der Sonntag wird ja so gern bis in den Morgen hinein ausgedehnt , und so ging es auch hier , obwohl sich die Folgen des Trinkens bei mehreren allzu deutlich zeigten . Diejenigen Matrosen , die auf den Bänken in festem Schlaf lagen , waren noch am wenigsten lästig , dagegen tobten manche , durch das Übermaß des Alkohols in streitlustige Laune versetzt , wie die Wilden im Raum herum . Das Schreien , Singen und Fluchen in allen Mundarten war betäubend . Besonders ein Spanier , den die andern » Gallego « nannten , trieb es im Trinken und Lärmen am schlimmsten . Er war ein mittelgroßer magerer Bursche von etwa fünfundzwanzig Jahren , mit kohlschwarzem , lang herunterhängendem Haar , schwarzen tückischen Augen und einem wachsgelben Gesicht . Sobald sich seine Matrosenjacke zufällig öffnete , sah man in der Brusttasche den Griff eines kleinen Dolches . Er und ein Malaie , dem auch schon zu viel Rum über die Lippen geflossen war , standen sich wie Kampfhähne gegenüber , während ein Teil der Gäste bemüht war , den Streit zu schlichten , und wieder andere fortwährend hetzten . Peter Volland schien das alles nicht zu sehen und nicht zu hören . Bis die blanken Klingen in der Luft funkelten , pflegte er sich in nichts zu mischen , dann aber begann seine Tätigkeit , die meist im Hinauswerfen beider Parteien bestand . So weit war es aber jetzt noch nicht gekommen , und Peter wartete ruhig seine Zeit ab . Gallego saß gegen die Wand zurückgelehnt und sang mit herausforderndem Ton ein spanisches Trinklied , während der Malaie leise vor sich hinmurmelte . An demselben Tisch spielten mehrere andere das beliebte » Sechsundsechzig « . Peter Volland sprach eben in der Ecke des Zimmers mit zwei Neuangekommenen , es waren Robert und Georg . Er hatte sie sehr herzlich begrüßt und dann unaufgefordert eine Flasche Wein herbeigebracht . Seine breite , nicht eben übermäßig sauber gehaltene Hand strich dem Jungen über das Haar . » Also du willst zur See gehen , mein Kleiner ? « sagte er , » das ist brav von dir . Kein Beruf ist freier und männlicher als der des Seemanns . Na , trink nur erst einmal und iß tüchtig , dann werde ich euch beiden eine Koje anweisen , und morgen kannst du bei Kapitän van Swieten anmustern . « Robert sah in das Gesicht des Wirtes . Er fühlte wieder denselben Abscheu wie damals . » Haben Sie schon mit ihm gesprochen ? « fragte er zaghaft . » Freilich , mein Junge . Die Antje Marie geht nach Kuba unter Segel , und nur der Posten des Kajütenjungen ist noch unbesetzt . Du sollst ihn haben , und zwar auf meine Fürsprache hin . Ich sage dir , ein besserer Kapitän als Gerret van Swieten hat noch nie die Decksplanken eines Schiffes betreten . Er ist eine Seele von einem Mann . « » Liegt die Galliot hier in der Nähe ? « fragte Georg . » Hinten beim Grasbrook « , war die Antwort . Dann ließ der Wirt seine beiden jungen Gäste mit der Flasche und dem reichlich aufgetragenen Essen allein . Die Matrosen am anderen Tisch schienen sich für den Augenblick beruhigt zu haben