heimlichsten Grunde eine Stimme nein geflüstert hätte . So sagte sie denn ja und wurde in ehrfürchtiger Hingebung das Weib des Mannes , der ihr Vater sein konnte . Hilmar von Hartenstein aber sagte , eingeklemmt zwischen Trotz und Not : » Meintwegen auch die ! « und heiratete Brigitte Mehlborn . Das Resultat der weltlichen Ehe lag zurzeit selbst vor Freundesblicken noch im Nebel ; die geistliche Ehe dahingegen leuchtete bis in weite Ferne als eine jener » wohlgeratenen « , welche der große Meister Luther » die allersüßeste Gottesgabe « nennt ; der Familie aber , zu der sie sich je mehr und mehr erweiterte , gaben des Vaters unbedingte Autorität , seine kirchliche Ausnahmestellung und angeborene adlige Sitte ein Gepräge , das sie vor profanen Berührungen fast klösterlich abschied . So halb Prälat und halb Patriarch , mit einem merklichen Überguß vom Militär und Kavalier : so war der Mann , oder so erschien er mindestens Konstantin Blümel , nachdem dieser ein hochwertes Bild aus seiner Erinnerungsmappe mit dem gegenwärtigen Original verglichen und für dieses Original in der Galerie seiner Phantasiegestalten vergeblich nach einem Seitenstück gesucht hatte . Eine hohe , schmächtige Gestalt , das frische Kolorit und die tiefe Augenbläue aller Hartenstein bläßlich abgedämpft , der dunkle Reiseanzug von weltmännischer Einfachheit , nichts was an den Pietisten , aber auch nichts , was an die Eitelkeit der Gesellschaft erinnerte , vornehm vom Scheitel zur Zehe , herzenskühl und doch eiferartig : so sah Frau Hanna ihres Gatten vielbesprochenen einstigen Gönner , sah ihn ihrer Vorstellung gemäß , und weil sie ihren Konstantin kannte , begriff sie dessen stumme Verwirrung und war beflissen , den Pflichten landpfarrlicher Gastfreundschaft an seiner Statt gerecht zu werden . Sie nötigte Hochwürden in das behaglichere Wohnzimmer . Zu welchem Zweck ? der Raum genügte ja , meinten Hochwürden . Sie bot Erfrischungen an ; Hochwürden dankten dafür . Sie erlaubte sich die Hoffnung , Hochwürden ein Nachtlager in ihrem Hause annehmen zu sehen . Hochwürden erklärten , daß sie ihren Wagen nach dem Pächterhause vorausgeschickt und sich frische Postpferde dorthin bestellt hätten , da die Universitätsstadt noch vor Nacht erreicht werden sollte und an der neuen Verwandtschaft doch nicht ohne Gruß vorübergegangen werden dürfe . Der Propst - er selber nannte sich , analog seinem großen Vorbilde , den Doktor von Hartenstein - begleitete die letzten Worte mit einem Lächeln , welches die heitere Pfarrfrau nicht zum Mitlächeln reizte , hinterdrein jedoch einen lachenden Eifer in ihr entzündete . Sie sah , daß ihre Gegenwart im geistlichen Gemach von Überfluß sei , und zog sich mit der Verneigung einer alten , gräflichen Gouvernante zurück . » Geht mir doch , « so hatte sie bei einem ähnlichen Anlasse gesagt , » geht mir doch mit den Freunden , die sich vermessen , für uns durch Feuer und Wasser zu laufen ! Wann gerät denn ein Mensch in Feuers- und Wassersgefahr ? Und gerät er einmal hinein , ist es unter hundert Fällen neunundneunzig Mal nicht der Freund , sondern der erste Beste , der , rasch bei der Hand , die Hülfe bringt . Sein Alltagspäckchen sollen wir dem Freunde tragen helfen , vor den kleinen Scherereien , die der Fremde übersieht oder verlacht , nicht die Nase rümpfen und nicht erst Handschuhe anziehen , wenn es gilt , seinen Karren aus dem Sumpfe zu ziehen : nicht mehr , nicht weniger heißt das , was in der vierten Bitte unserm täglichen Brote zugezählt wird . « Dieser ihrer Auslegung vom täglichen Brote , das Frau Hanna selber » hausbackenes « nannte , gemäß , brach sie heute - drei Tage vor dem Danksagungsgottesdienst und dem heiligen Taufakt ! - die Klausur der Wochenstube , um ihrer guten Freundin in einer nie erlebten Verlegenheit mit den Erfahrungen einer in angesehenen Familien konditioniert gewesenen Hauswirtin unter die Arme zu greifen . Sie lachte hellauf , wenn sie sich den Wirrwarr im Pächterhause vorstellte , nachdem der fremde Diener den Besuch des vornehmen Herrn Vetters angemeldet hatte . Und just in der ersten Juliwoche , wo alle dienstbaren Hände bei der Ernte beschäftigt waren ! Schade , daß die kluge Pfarrfrau nicht auch im geistlichen Gemach die Mittlerrolle übernehmen durfte ! Sobald die beiden Amtsbrüder sich allein gegenüberstanden , der eine den anderen um Kopfeshöhe überragend und darum auch unwillkürlich auf ihn niederblickend , sagte der Fremde : » Sie werden in gegenwärtigen Zeitläuften nicht voraussetzen , Herr Prediger , daß ich auf einer Vergnügungs- oder Vetternreise hier haltgemacht . Mein Kommen gilt ausdrücklich Ihnen , das heißt dem Pfarrer . « Pastor Blümel verbeugte sich schweigend . Der andere fuhr fort : » Da mein Standpunkt sattsam bekannt ist , darf ich mir Präliminarien ersparen . « Wiederum eine stumme Verbeugung von seiten des Pfarrers . » Wohlan denn , Herr Prediger . Wie stellt sich das Pastorat Ihrer Ephorie zu der neuen Agende und der Durchführung der Union ? « Pastor Blümel wußte seit dem ersten Wort , worauf die Glocke ausgehoben . Er hatte sich zum Widerstande gefaßt und antwortete ruhig : » Man hat sie , soviel mir bekannt , einmütig als einen königlichen Akt versöhnender Christenliebe aufgenommen . « » Auch Sie ? « » Ich unbedingt . « » Und das Patronat ? « » Hat in Stadt wie Land keinen Widerspruch erhoben . « » Auch mein Bruder ? « » Seine Exzellenz schrieben mir auf meine Anfrage : die Heilsordnung , die meinem König genügt , wird auch mir genügen . Ich gedenke das nächste Abendmahl innerhalb einer unierten Gemeinde zu genießen . « » Es sieht ihm ähnlich ! « » Das freut mich , Hochwürden . « » Aber die Gemeinden ? « » Werden , soweit sie die Unterscheidung begreifen , sie nicht als eine Beeinträchtigung ihres protestantischen Bekenntnisses auffassen . « » Warum auch nicht ? Es sind ja Sachsen ! Landsleute der großen Aufklärer von Leibniz an bis Lessing und - - « » Und vor diesen Martin Luthers ! « » Gewiß . Vor allen Luthers ! « » Ich fürchte , Hochwürden nicht mehr zu verstehen . « » Und ist doch so verständlich . Jede Zone kann einen Helden zeugen , aber in jeder Zone wird der Held verschieden wirken . In keinem anderen deutschen Gau würde eine kirchliche Neuerung so rasch Wurzel schlagen und sich so behaglich haben ausbreiten können wie in diesem . « » Hochwürden scheinen das zu beklagen . « » Sie irren , Herr Prediger . Ich bin Lutheraner . Ich kann und will nichts anderes sein ; ebensowenig wie ich als Preuße wieder ein Reichsdeutscher - und damit meine ich das Reich vor seinem kläglichsten Verfall , das heißt vor der Reformation und lange bevor es einen preußischen Staat gegeben hat - werden könnte . Aber eben weil ich nichts anderes sein kann , will ich das , was ich bin , ganz sein und werde mich bäumen bis zum Äußersten , ehe ich mir und den Meinen Luthers Heldentat verpfuschen lasse . « » Ich nenne es sie vollenden , Hochwürden , so wie der Meister selbst sie vollendet haben würde , wenn - - « » Er , er ? « rief der Propst mit durchbrechender Leidenschaft . » Er , welcher der Satansversuchung so urkräftig widerstand , daß er lieber dem stärksten Puff , den er dem Papsttum versetzen konnte , - seine eigenen Worte ! - entsagte , als daß er das Sakrament vom Fleisch und Blut in ein Abendmahl von Brot und Wein verhunzen ließ . « » Mehr als zehn Menschengeschlechter sind seit diesen Erstlingskämpfen für eine erneuerte Norm abgestorben , « entgegnete , nunmehr gleichfalls warm werdend , Konstantin Blümel . » Sollen der Wahn und die Wut des sechzehnten Jahrhunderts nicht in dem weiten Grabe des siebenzehnten verschüttet worden sein ? Sollen sie heute , im neunzehnten , zu einem Scheinleben wieder aufgerüttelt werden ? « » Und was hat diesen Wahn und diese Wut , wie Sie es nennen , Herr Prediger , in den Menschengeistern abgelöst ? Goldmacher , Forscher nach dem Stein der Weisen ; Betrüger und Betrogene auf den Thronen und zu Füßen derselben ; der nüchternste Vernunftsdienst , ein künstlich aufgewärmtes Heidentum , Atheisten und Sanskülotten auch unter uns ; dünkt Ihnen deren brütendes Wühlen menschenwürdiger als jener Leben und Sterben für ein untrügliches Wort , für eine ewige Idee ? « » Die ewige Idee beharrt , Hochwürden , aber die Ideen , die sie gebiert , wechseln und wandeln in den Menschenseelen . Auch wir haben zu leben und zu sterben gewußt für eine Idee , und unsere Kinder und Enkel werden es für die ihre wieder wissen . Sie haben , verehrter Herr , noch eben sich mit Wärme auf den jungen Staat berufen , den Sie und ich mit gleicher Liebe unser Vaterland nennen . Nun wohl , dieser Staat hat jüngst einen Zuwachs von Millionen römisch-katholischer Christen erhalten : sollte das nicht eine Mahnung sein für alle protestantischen Gruppen , das , was sie trennt , zu vergessen , um als geschlossene Phalanx unseren Widersachern gegenüberzustehen ? « » Als lose , wehrlose Banden , wollen Sie sagen , Herr Prediger , gegenüber einer Armee in Reih und Glied ! Wird diese unselige Neuerung vollendete Tatsache , so gibt es in einem halben Jahrhundert nur noch griechische oderrömische Christen und deutsche Heiden . Jede Kirche heischt für ihren Bestand ein unumstößliches Dogma . Wir haben die Tradition , die Glorie der Heiligen , das Erbteil Sankt Peters , den Mariadienst , das Meßopfer und noch vier der Sakramente über Bord geworfen , verschleudern wir auch noch die Lehre von der Ubiquität , das heißt den Wortlaut der Schrift - - « » Wir verschleudern sie nicht , Hochwürden - - « » Ihr verwässert sie nur . Das Phlegma setzt sich zu Boden , was von der Essenz sich nicht verflüchtigt hat , sammelt sich in einer spiritualistisch stark anziehenden Zone . Mit anderen Worten : die Böcke scheiden aus in das freigeistige Lager , die Schafe in die römische Herde . Halten wir aber zusammen wie ein Mann , Ihr zumal in dieser neuerworbenen Provinz , deren Stimmung geschont werden muß , und die so ungemischt wie keine zweite der lutherischen Lehre angehört , so wird man die heillose Zumutung fallen lassen , und das undeutbare Gotteswort wird der Wall bleiben , an welchem die stolzen , römischen Wellen , so hoch ich sie vorahnend steigen sehe , sich brechen werden . « Es war dem Pfarrer von Werben eine neue Erfahrung , solch einem eiferartigen Kämpen auf religiösem Gebiete Widerpart zu halten . Auf dem bewegten Schauplatz seiner Jugendjahre tummelten sich die Geister in einer anderen Richtung , und in seinem späteren Stilleben war es die Sitte mehr als der Glaube , die ihn zu reinigender Fehde herausforderte . Aber in diesem Widerstande lag ein Reiz , welcher die Schüchternheit überwand . Seine Blicke hafteten leuchtend an den beiden Kreuzen , welche für ihn , so gut wie für seinen Gegner , die Regulatoren des Lebens und Wirkens waren , und ein warmer Strom entquoll der bewegten Seele . Er schilderte sein Traumbild einer auf dem evangelischen Urgrund geeinigten und gereinigten Kirche als einer Anstalt menschlicher Liebe zur Verkündung der göttlichen , als der idealsten Macht für das unter den harten Forderungen der Materie sich abringende Menschengeschlecht , als der höchsten Instanz für alle dunklen , strittigen Lebensfragen . » Dieser hehre Tempelbau , « so schloß er seine Rede , » er leuchtet mir vor wie den Wüstenpilgern das Gelobte Land . Mit Augen schauen werde ich ihn nicht . Aber schon das ist hohe Freude , zwischen Unglauben und Aberglauben , zwischen Willkür und Knechtung ein Sandkorn zu seinem Untergrunde beizutragen . Und das meine ich zu tun , indem ich unbeirrt in die Fußspuren eines ersten Schrittes versöhnender Weisheit und Bruderliebe trete . « Herr von Hartenstein hatte ihm mit merklicher Ungeduld zugehört . Nach den letzten Worten ergriff er rasch seinen Hut und erwiderte : » Ich bin zu positiv gerichtet , zu nüchtern , wenn Sie so wollen , um Ihnen in dieses Phantasienreich -Schlaraffenland würde unser kerniger Meister es vielleicht genannt haben - folgen zu können . Überdies drängt die Zeit . Und so habe ich nachträglich nur zu sagen : Verzeihung , daß ich Sie aufgehalten habe , Herr Prediger . Sie waren im Begriff , in Amtsgeschäften auszugehen . « » Nur in einer privaten Angelegenheit zu Amtmann Mehlborn , Hochwürden , « versetzte der Pfarrer . » Dann freut es mich , daß unser Weg der gleiche ist , « sagte Herr von Hartenstein , und sie brachen auf . Sie schritten an der Kirche vorüber , deren Tür von Sonnenauf- bis Untergang offen stand ; eine Neuerung des Blümelschen Regiments , von welcher leider seltener als er gehofft ein stiller Einkehrer Segen zog . Ohne weitere Erklärung trat der Propst ein , und der Pfarrer folgte ihm . Des Erbaulichen an Konstruktion wie gottesdienstlichem Gerät war hier so wenig wie an allen anderen ländlichen Bethäusern unserer Gegend wahrzunehmen . Wände und Deckengebälk weiß getüncht , ein roter Ziegelboden , Kanzel , Altartisch und Bänke , ohne Schnitzwerk , von dunkel gebeiztem Holz . Eine Falltür , aus rohen Bohlen gezimmert , führte hinab in die von der Werbensche Gruft , die voraussichtlich keinen erdenmüden oder noch erdenfrohen Pilger mehr aufnehmen sollte . Der Propst äußerte kein Verlangen , der abgelebten Sippe seine Ehrfurcht zu bezeugen , dahingegen er einer geistlichen Geschlechtsfolge , auf die er unerwartet stieß , einen bemerkbaren Anteil zuwendete . Es waren die Bildnisse sämtlicher Gemeindepfarrer seit dem ersten lutherischen Bekenner , die den schmalen Altarplatz in doppelter Reihe umzogen . Der damalige Patron hatte ein Legat zu dieser Stiftung ausgesetzt und der Kunstwert nach dem Maße des Geldwerts unverkennbar abgenommen . In gleicher Größe und gleichem schwarzen Talar und Barett standen die würdigen Herrn , einer neben und einer über dem anderen in Reih und Glied . Kein geistlicher Nachfahre würde sich durch den Aufblick zu ihnen erbaut oder physiognomisch belehrt , kein leiblicher Nachfahre sich also einen werten Ahnherrn geträumt oder gewünscht haben . Die Gemeinde aber hing mit Liebe an ihrem einzigen Ornament und , bis auf die kürzlich erlebte Franzosenzeit , ihrer einzigen historischen Erinnerung . Die Namen selber der ältesten der alten Seelenhirten hatten sich fortgeerbt von Geschlecht zu Geschlecht ; von diesem ein Erlebnis , von jenem ein Charakterzug , von den beliebtesten ein Schwank ; und man würde sich williger irgendwelche Veränderung der alten Agende , ja sogar ein neues Gesangbuch haben gefallen lassen , als eines der kaum noch erkennbar nachgedunkelten alten Pastorbilder gemißt . Die Altarwände waren bis auf einen einzigen Platz gefüllt . » Soll die Reihe dieser treuen Männer geschlossen werden mit einem , der von ihrem Glauben abgefallen ist ? « sagte , auf die leere Stelle deutend , der Propst mit einem Ton , der halb wie Spott und halb wie eine Beschwörung klang . Pastor Blümel unterdrückte die Antwort . Die Kirche , seine Kirche , würde ihm der letzte Ort zu polemischer Widerrede gewesen sein . Er hatte im stillen längst auf den letzten Platz in der geistlichen Galerie verzichtet . Seine Werbenschen Beichtkinder , er wußte es , würden ihn keineswegs als einen Abtrünnigen verketzern , weil er auf des preußischen Königs Befehl zwei neue Worte , von denen eines obendrein der Herr Jesus war , in die alte Spendeformel aufnahm ; die Werbenschen Leute waren ja überhaupt beileibe keine widerborstigen Untertanen . Daß aber ihre geistliche Galerie an Reliquienwert für sie eingebüßt haben würde , wenn sie mit einem neuen Preußen anstatt mit einem alten Landsmann ihren Abschluß fand , das wußte Pastor Blümel auch , und Pastor Blümel , obgleich oder weil Unionist , verstand Reliquienwert zu schätzen . Pastor Blümel » herbergete gern « nach christlicher Vorschrift , wie seine Hanna es tat nach natürlicher Neigung ; wenn Pastor Blümel aber die Gastlichkeit eine germanische Erbtugend nannte , so nannte Frau Hanna ihren Konstantin einen deutschen Schwärmer . Und zu leugnen ist allerdings nicht , daß Konstantin Blümel zu den Schwärmern gehörte , die ihr Volk - selbstredend en bloc ! - in jeglicher Völkertugend leuchten sahen mit alleiniger Unterschätzung derjenigen , in welcher es allezeit geleuchtet hat und wills Gott auch fernerhin leuchten wird , denn die Bescheidenheit ist die Tugend des Würdigen . Verwies dann der Gatte die Gattin auf seines armen Volkes notgedrungene Arbeitsamkeit , welche den gastfreien Naturtrieb in Zügel halte , so verwies die Gattin den Gatten aus der Völkerkunde auf die weit größere Armut just der gastfreiesten Stämme und aus seiner persönlichen Erfahrung auf das Institut der Schenke , für dessen Pflege es dem deutschen Mann niemals an Muße und Batzen gebreche . » Die Schenke , « sagte sie , » ja die Schenke , Konstantin , ist eine urteutonische Einrichtung ; und wenn dein alter Heide ihrer nicht gebührentlich Erwähnung getan haben sollte , bewiese es , daß er der blondgelockten Germania nicht bis in den Herzgrund gedrungen ist . Der Schenkenzug aber bläst naturgemäß das gastliche Herdfeuer aus . Leben wir denn in einer Wüstenei ? Sind wir nicht eine zivilisierte Nation ? Vivat fürs Geld ! jeder für sich und die Schenke für alle ! vivat die Schenke ! Und dann die deutsche Humanität , Konstantin ! Die armen Gastwirte müßten ja bankrott werden , wenn jeder Hauswirt seinen Anhang in seinen eigenen vier Pfählen beherbergen wollte ! Ist einer ein wohlhäbiger Mann und hat er bedürftige Anverwandte , denen seine deutsche Gemütlichkeit die Gasthofsrechnung ersparen , oder einen guten Freund , mit dem er sich einmal vertraulich aussprechen möchte , ei nun , da findet sich allenfalls oben zwischen den Rumpelkammern des Bodens ein Plätzchen , wo man ihn untersteckt ; für die Hauswirte selbst würden diese hohen Regionen im Sommer zu heiß , im Winter zu frisch und keinenfalls behaglich gefunden werden ; für einen auswärtigen Besuch dahingegen sind sie hinlänglich temperiert und von genügendem Behagen . « Frau Hanna erzählte dann recht kurzweilig ihre gastfreundlichen Erlebnisse bei dem städtischen deutschen Biedermann und bei dem ländlichen ungefähr desgleichen . Will sagen , wenn der ländliche kein Bauer ist , denn richtige Bauern besuchen sich nicht . Bewirten und bewirtet werden ist ein Spaß für Leute , die nichts zu tun haben : für Pastoren und Adel . Zwei oder drei Tage jedoch , hierzulande in der Zeit , wo das Kirchenjahr auf die Neige geht , da ist unser Bauer in der Tat ein ideal germanischer gastfreier Mann , da kracht seine Tafel von Speisen und Tränken , die er sich zwölf Monate lang am Munde abgezwackt hat , da wird auch der Ungeladene nicht ungesättigt entlassen , die Brosamen fallen in des Armen Schoß , und die auswärtige Freundschaft nächtigt in den dicksten Federbetten . Prosit die splendide Kirmeszeit ! Und in dieser splendiden Weise war die heilige Kirchweih auch von Johann Mehlborn gefeiert worden , solange er sich nur noch als reicher Bauer fühlte ; seitdem er sich aber als titulierter Erb- , Lehn- und Gerichtsherr fühlte , wurde noch zehnmal mehr gebrodelt , gebackt und gezapft , nur , versteht sich , für eine erlesenere Gesellschaftsschicht als die bäuerliche Bekanntschaft und Freundschaft der Pflege . Es kamen benachbarte Kantoren und Pastoren , Amtsleute und Gutsbesitzer , unter letzteren bis jetzt freilich nur noch die ohne kleines » von « ; es kam der städtische Anhang , der für den Hof arbeitete , vom Schornsteinfegermeister bis zum Schuhmachermeister hinab ; die willkommensten Gäste aber waren jene anderweitigen Kunden , die als Müller , Fleischermeister , Bäckermeister und so weiter die Produkte des Hofes bezogen . Wäre der gnädige Herr Propst zur novemberlichen Kirmeszeit in den Hof geschneit , er hätte vor der christlichen Herbergslust seiner neuen Sippe Respekt bekommen müssen . Nun aber fuhr er in das Haus wie ein Blitz zu hoher Sommerszeit ; in der Natur der reichsten , in der Wirtschaft der kahlsten und für die Gastfreundschaft der ungelegensten des ganzen Jahres . Kleeernte , Heuernte , Rapsernte noch nicht vollständig eingebracht und die Kornernte vor der Tür ! Für einen städtischen Kurierdienst kein Pferd im Stall , kein Knecht , keine Magd auf dem Hof , kein Kuchen gebacken , kein Braten im Vorrat , die Gardinen ungewaschen , nicht einmal die gute Stube frisch gescheuert ! Und diese unwirtliche Blöße , dieser sozusagen Naturzustand stieg mit grausamer Helligkeit jach vor Johann Mehlborns Seele auf , als er , in Hemdsärmeln und Leinenhosen zum höchsteigenhändigen Abbansen auf einem Heuwagen stehend , zum ersten Male im Leben eine Equipage mit silbernen Wappenschildern an den Schlägen in den Hof fahren , einen Livreediener mit silbernen Wappenknöpfen vom Bocke springen sah und von unten herauf ihm , Johann Mehlborn , den bevorstehenden Besuch des Herrn Propstes von Hartenstein ankündigen hörte . Der feine Bediente hatte ihm demnach , trotz Hemdärmeln und Leinenhosen , die freiherrliche Verwandtschaft an der Nase angesehen ; er konnte , weiß Gott ! sich doch nicht selbst verleugnen , wie der Portier im exzellenzlichen Hause bei ungelegenen Besuchen seine Herrschaft verleugnete . Er hätte aus der Haut fahren oder in ein Mäuseloch kriechen mögen . Wenn aber gastlicher Sinn eine zweifelhafte Volkstugend ist , eine ritterliche Tugend ist sie sonder Zweifel . Ein einziger schwacher Moment , und Ritter Mehlborn ist tapfer gefaßt und gewillt , dieser Tugend Raum zu geben . Vom Wagen herunter , ins Haus hinein ! » Röse , Röse , den Schlüssel zur guten Stube ! Einen Besen , Sägespäne , Röse ! Weißen Sand , ein Wischtuch , eine Bürste , Röse ! « Selbst ist der Mann ! gefegt , gewischt , gebürstet mit eigener ritterlicher Hand ; der geschicktesten Jungemagd zum Muster . Der Sofabezug von klatschrosenrotem Moiré leuchtet , als hätte noch niemals ein Kirmesgast darauf Platz genommen ; das Holzwerkvon strohgelber Birkenmaser blitzt und blinkt wie pures Gold . Aber das Blankwichsen der geschnitzten , schwarzen Delphine , welche den Fuß des Sofatisches zieren , das kostet noch Schweiß ! Ist die gute Stube des Amtmannshauses Stolz , so sind die geschnitzten Delphine der Stolz der guten Stube . Die Tische der Nachbarschaft samt und sonders haben noch vier dünne glatte Beine ; Amtmann Mehlborns Sofatisch hat einen dicken Fuß mit drei geschnitzten » Philadelphias « ! » Aber , Mutter , so rühre dich doch , du stehst ja wie im Traume ! « Die unschuldige Mutter Röse , sie im Traume ! Als ob in solcher Hatz einem Menschen der Frieden käme , wo er seinen Liebling zwischen den Abendwolken lächeln sieht ! Hatte sie denn nicht erst dem abtrabenden Postillion ein Kümmelchen reichen müssen und dem feinen Bedienten ein Schmalzbrot dazu schmieren ? Und pustete sie denn jetzt nicht nach Lungenkräften die Fliegenleichen aus den goldenen Tassen auf der guten Kommode ? die armen , hochmütig verirrten Fliegen , die in der guten Stube einem grausamen Hungertode erlegen waren , da sie in der bescheidenen Wohnstube drüben sich behaglich bis in den Winter hinein hätten mästen können ! » Aber , Mutter , ist denn heute Zeit für die Fliegen ? Wer guckt denn auch gleich in die Oberköpfchen ! « Mutter Rosine stellte das Pusten ein und machte sich an das Putzen der Fensterscheiben , denen durch die abgelebten Insekten erbärmlich mitgespielt worden war . So , nur noch ein paar Hände voll Sand auf die gefegten Dielen gestreut , und die gute Stube ist in Stand . Bleiben der Herr Vetter über Nacht , wird ein Bett darin aufgeschlagen . An Federbetten ist kein Mangel und an Überzügen auch nicht ; sogar ein paar weiße sind für erhofften vornehmen Besuch angeschafft worden , und bis zum Beziehen ist auch die Jungemagd wieder auf dem Hof . » Jetzund ans Decken ! « Amtmann Mehlborn ist ein Fünfziger , aber noch bei Jünglingskräften . Ein Spiel für ihn , die schwere eichene Tafel aus der Leutestube in die gute zu rücken , die beiden Enden herauszuziehen und , während die Amtmännin Weißzeug und Geschirr auflegt , die Vorräte herbeizuschleppen , welche Rauchkammer und Keller in Julitagen bieten . Treppauf , treppab , wie ein Wetter ! Beim Heuladen in der Mittagsglut würde dem beleibten Herrn der Kopf nicht so schmählich geraucht haben wie bei diesen gastfreundlichen Ritterdiensten . Zweien Schinken und einem Dutzend diverser Würste werden Holzzeichen und Bindfäden abgeschnitten , das letzte Sauergurkenfaß geöffnet , ganze Batterien von Weinflaschen des edelsten - Werbenschen - Gewächses aufgepflanzt ; was der Tafel an Mannigfaltigkeit gebrach , ersetzte die Masse . Eine Schwadron hätte sich beim Herbstmanöver an ihrer Fülle sättigen und in undisziplinarischen Taumel zechen können . Aber immer hatte der Hausherr seiner Gastlichkeit noch nicht genug getan ; - das liebe Gut , blieb etwas übrig , kam ja nicht um ! - immer hatte er noch etwas zu fordern , etwas auszusetzen . » Aber , Mutter , hausmachenden Drell ! fix , ein blumiges Tischtuch ! « » Röse , der Teller hat einen Sprung ! « » Aber Frau , hast du denn gar kein Augenmaß ? Dort hinunter noch eine Wurst ; die Geometrie muß doch rauskommen , Röse . « Die arme Mutter Röse wußte nicht mehr , wo ihr der Kopf stand . Das Weinen war ihr näher als das Lachen . » Ach , daß die gute Frau Pastorin auch gerade in Wochen liegen muß ! « seufzte sie . » Ja , « brummte ihr Amtmann , » wenn man die Leute nicht braucht , hat man sie das ganze Jahr , und braucht man sie endlich einmal - - « » Hat man sie auch ! « ergänzte eine lachende Stimme , und Holland war aus seiner Not . Numero eins brachte die gute Freundin heimlichen Trost : Hochwürden blieben nicht über Nacht , es brauchte kein Bett aufgeschlagen zu werden . Numero zwei : verurteilte sie die Strategie der Massen : zu einer Abendmahlzeit war die Stunde viel zu früh . Hurtig die Tafel wieder hinaus ! Dort auf den Sofatisch eine leichte Kollation , eine Schale Milch , ein Körbchen Erdbeeren , frisch von den Kindern im Pfarrgarten gepflückt und fürsorglich mitgenommen ; das genügte . Dem gastlichen Rittersmann kam es hart an , sein geometrisches Kunstwerk eigenhändig wieder zu zerstören , Brote , Butter , Käse , Schinken , Würste , saure Gurken und sämtliche Weinflaschen bis auf zwei , eine rote und eine blanke , die sich absolut nicht abdringen ließen , bis auf gelegenere Zeit nebenan in die Schlafkammer zu tragen . Gottserbärmlich kam ihm die » Kollision « über den » Philadelphias « vor ! Aber die Frau Pastorin war Gouvernante in einem Grafenhause gewesen , sie mußte sich auf den Appetit vornehmer Leute in der Vesperstunde verstehen . » Wenn der gnädige Herr nun aber bis in den Abend hinein bleibt ? « fragte Mutter Rosine schüchtern . » Dann machen wir Tee , Frau Amtmännin . « » Tee ? Ist der arme Herr denn krank ? « » Gottlob ! nein . Aber seinesgleichen trinken , auch wenn sie gesund sind , abends Tee . « » Was Sie sagen , Frau Pastorin ! Kamillen oder Flieder ? « » Aber Mutter , Mutter , wie dumm ! « fuhr der Amtmann dazwischen . » Amerikanischen Tee , Tee aus Chinarinde natürlich . « » Ich schicke durch Luischen schon die rechte Sorte , und sie besorgt das übrige , wenn er bleibt . Aber Sie werden sehen , er bleibt nicht . « » Desto besser , « dachte der Amtmann ; laut jedoch sagte er : » Das täte mir leid . « » Nun aber fix an die Toilette . Dein seidenes Abendmahlskleid , Mutter ! Und Handschuhe , hörst du , Handschuhe ! Und noch eins : Rufe mich nicht Jôhann , so heißen bei den Vornehmen alle Kutscher , und wenn du von mir redest , sage nicht mein Amtmann , wie gegen die Bauern und das Gesinde . Nenne mich - - « » Ich werde dich gar nicht nennen , Jôhann , « versprach Frau Rosine , und ihr Amtmann gab sich damit zufrieden . Sie hätte » mein Gemahl « oder » lieber Johannes « , wie es diesem geistlichen Vetter am eindrucksvollsten geklungen haben würde , doch im Leben nicht über die Lippen gebracht . » Sie ist und bleibt Hentschler-Röse ! « Mit diesem Stoßseufzer sprang der korpulente Herr , leichtfüßig wie ein Hirsch , die Treppe zum Boden hinan , wo in dunkler Kammer , zwischen Pfeffer und Mottenkraut eingepackt , das Kleid des Hochzeitsvaters ruhte , das , um schweres Geld vom königlichen Hofschneider geliefert , binnen fünf Jahren selbst nicht zum Genuß des heiligen Mahles aus der Lade genommen worden war . Unten in der Wohnstube aber blickten und nickten die beiden guten Freundinnen sich lächelnd zu . Das Gottestischkleid blieb ruhig im Schranke hängen ; nur eine frische Haube wurde aufgesetzt und statt der leinenen eine schwarze Taffetschürze über den Alltagsoberrock gebunden , der seit des armen Hannes Tode ein Trauerrock geblieben war . Die Amtmannsfrau sah häuslich nett aus , recht wie die liebe stille Seele , die sie ja war . Und dann saßen die beiden guten Freundinnen nebeneinander und plauderten , nicht von dem fremden vornehmen Besuch , sondern von dem Wiegenpärchen in der Pfarre und der geplanten sonntägigen Doppeltaufe . Frau Hanna vertraute Frau Rosinen , unter dem Siegel der Verschwiegenheit , - bis es jedenfalls heute noch von ihrem Konstantin gelöst werden würde , - das Geheimnis von dem königlichen Mitgevatter und seinem Stellvertreter . Frau Rosine hatte sich