er schien zu warten , daß sie sich von selbst in Bewegung setze und das Schreiben beende , das an eine angebetete Wilhelmine gerichtet war und von Liebe , von einem feindlichen Geschicke , von Selbstverleugnung und Vertrauen sprach . Aber die Feder , deren gequälter Bart sich schon jämmerlich sträubte , wollte ihm den Gefallen nicht tun . Sie benahm sich im Gegenteil so widerspenstig , daß er sich bequemen mußte , sie neu zu schneiden . Von dieser Beschäftigung weg warf er wohlgefällige Blicke im Zimmer umher . Es war mit allerlei Kram überladen , und hingen nicht die zwei Gewehre , der Hirschfänger und die Saunadel an der Wand , man könnte glauben , anstatt im Zimmer eines jungen Jägers in dem einer alten Kammerjungfer zu sein . Dazu fehlen weder die Gitarre an blauem Bande noch die Schattenrisse und Neujahrsbildchen in goldpapiernen Rähmchen noch so mancher andre geschmacklose Tand aus Wachs und Porzellan . Die Feder war geschnitten , und so gut oder übel , als es ging , wurde der Brief fortgesetzt . Ein elastischer und energischer Schritt , der sich auf der Treppe vernehmen ließ , störte den Jäger auf das angenehmste in seiner verdrießlichen Tätigkeit . Rasch warf er den angefangenen Brief in die Tischlade , sprang auf und begrüßte das hochgewachsene Weib , das jetzt über die Schwelle trat , mit den jubelnden Worten : » Das hätt ich mir nicht getraut zu hoffen , daß du heut wiederkommst ! « » Freu dich nicht « , antwortete Bozena , und er erschrak über das düstere Feuer , das aus ihren Augen leuchtete , und über die Abscheu verratende Bewegung , mit der sie ihn von sich wies . Zwei Schritte , und sie stand am Tische , legte ein seidenes Tuch , ein Gebetbuch und einen Ring darauf und sagte : » Ich komm nur , dir die Sachen zurückzubringen , die du mir geschenkt hast . Es ist aus zwischen uns . Ich geh . « Was ist der durch den Kopf gefahren ? dachte Bernhard , nahm eine gleichgültige Miene an und fragte : » Du gehst ? - und warum ? - und wohin ? « Sie zuckte schweigend die Achseln ; er ertrug den eiskalten Blick nicht , den sie auf ihm ruhen ließ , und wendete sich ab . Ärger und Verdruß erfüllten ihn . Sie ist ihm hinter irgendeine Liebelei gekommen , gewiß ; deshalb zürnt sie und droht , ihn zu verlassen . Daß sie es wirklich tun könnte , das fällt ihm nicht im Traum ein . Eher löscht die Sonne aus als ihre Liebe zu ihm , eher verliert er den Glauben an sich selbst als den an ihre Treue . Nur Vorsicht jetzt , nur unbefangen bleiben ! - Am besten ist , er fängt sie in ihrem eigenen Netz . » Warte ! « ruft er ihr zu , » so kommst du mir nicht fort . Wer bringt , muß nehmen . Nimm auch du alles zurück , was du mir geschenkt hast . « Er trat an seine Schublade und wollte sie öffnen , da erinnerte er sich des Briefes an die » angebetete Wilhelmine « , der darin lag und dessen in großen Lettern prangende Aufschrift dem scharfen Auge Bozenas schwerlich entgangen wäre . Er errötete und ließ den schon ausgestreckten Arm sinken . » Behalt ' s « , sagte sie , » ich werde keinen Liebsten mehr haben , dem ich es schenken könnt ! « Wie seltsam hart klang ihre Stimme , welche Entschlossenheit sprach aus ihrem Ton und welche wehmütige Trauer aus ihrem Gesicht , aus ihrer Haltung und ihrem ganzen Wesen ! Kann man zugleich so stark sein und so weich , die Seele eines Helden besitzen und das Herz eines Weibes ? Den Schwachen , der geherrscht hatte über soviel Kraft , erfaßte zum erstenmal ein Bangen , daß diese sich gegen ihn erheben könnte . Und als er Bozena stumm und gelassen dem Ausgange zuschreiten sah , rief er ihr zu : » Bleib ! ... Was hast du nur ? ... Was hab ich dir denn getan ? « » Nichts « , erwiderte sie . » Laß mich , ich hab Eile . « » Du bleibst ! - ich will ' s - - ich bitte dich ! « Er folgte ihr , umschlang sie und drückte sie heftig an sich . Er sah , wie sie erbebte und unsäglich litt , aber die Zärtlichkeit der Selbstsüchtigen ist der Grausamkeit verwandt . Stumpf gegen Bozenas widerstrebende Empfindung , drückte er Kuß um Kuß auf ihre Lippen und flüsterte : » Ich hab dich lieb ! ... Bleib bei mir , Bozena ! ... Warum willst du nicht ? « Sie entrang sich seiner Umarmung ; ihre Wangen flammten , und ihr Atem flog . » Verstehst nicht ? « sagte sie , » es ist aus . Ich bin jetzt von dir los und für immer , denn ich hab die Stunde verflucht , wo ich zum ersten und letzten Mal durch dich glücklich war . « » Verflucht ? ! « Durch Mark und Bein drang ihm dieses Wort , es verletzte ihn in seiner Manneseitelkeit ; er stieß einen Schrei echten Schmerzes aus , und als sie den vernahm , da wußte sie , daß ihr Herz doch nicht so ganz für ihn gestorben war . Eine sanfte Regung erwachte in ihr , ein bleicher Schimmer ihres einstigen Gefühls . Und sosehr sie ' s drängt : nur fort ! nur fort - hinweg ! - stumm , wie sie gewollt , kann sie doch nicht von ihm gehen . Sie faßte ihn beim Arme , und indem sie den Nacken niederbeugte , um ihm in das trotzig gesenkte Angesicht zu sehen , sprach sie gedämpft und rasch : » Du hast mich gehabt mit jedem Gedanken in meinem Hirn und mit jedem Hauch in meiner Brust . Und was hast du aus mir gemacht ? ... Weniger wert bin ich worden durch dich - an Lug und Trug hast du mich gewöhnt , und meine Schuldigkeit hab ich um dich versäumt ... Schweig ! « gebot sie , als er sie unterbrechen wollte , » ich werf dir nichts vor , dir nichts - alles , alles nur mir ! Du kannst vielleicht nicht anders ... Ich aber hätte anders gekonnt , und ich hab zehnfach gefrevelt , denn ich hab gefrevelt gegen meine Natur . Das geht so eine Weil - man ist ja wie betrunken - , aber die Stunde kommt , wo man erwacht ... ... Mir ist sie gekommen - fürchterlich - und darum muß ich jetzt fort ; und - darum , Bernhard , sag ich dir jetzt Lebewohl . « Und wieder wandte sie sich , und wieder stürzte er ihr in den Weg . Alles in ihm , seine Leidenschaft , seine Eitelkeit , sein Trotz empörten sich gegen die Trennung von ihr . » Ich laß dich nicht ! « schrie er . » Ich rufe das ganze Haus zusammen , laufe hinüber zu deinen Herrenleuten und sage ihnen , daß du entfliehen willst ! « » Das tust du nicht « , sagte sie und war wieder völlig ruhig und gefaßt . Mit ausgebreiteten Armen stellte sie sich vor die Tür . » Ich binde und kneble dich , wenn du mir drohst , bei meiner armen Seele : ich tu ' s. - Werd ich fertig mit dir oder nicht , wenn ich will - was meinst ? Willst du die Schande erleben , daß sie dich morgen so finden und hören , daß dich ein Weib gebunden hat ? « Zornig und beschämt trat Bernhard zurück . Nein , mit Gewalt war gegen Bozena nichts auszurichten , und doch : verlieren konnte er sie nicht ! Zu köstlich war ihr Besitz . Ist sie nur durch Güte und Demut wiederzugewinnen - wohlan , er übt Güte und Demut ! Er warf sich vor ihr nieder , er küßte weinend den Saum ihres Kleides und flehte mit gerungenen Händen : » Bleib bei mir , Bozena ! « Aber die Stimme , der sie sonst gefolgt wäre , und hätte sie aus dem Abgrund der Hölle nach ihr gerufen , hatte ihren alten Zauber eingebüßt . Noch bewegte , noch erschütterte ihr Klagen das Herz Bozenas , doch brach es ihren Willen nicht mehr . Sie hatte auf den Schrei der Sehnsucht ihres Geliebten keine Antwort als ein schmerzliches » Leb wohl ! « . Da sah er zum letztenmal zu ihr empor - angstvoll - fragend - erwartungsvoll - - und begriff endlich , daß alles vorüber war . Er sprang auf ; keuchend und stöhnend stürzte er sich auf sein Bett und wühlte seinen Kopf in die Kissen . Bozena warf einen letzten Blick auf ihn und verließ das Gemach . In menschenfeindlichster Stimmung war Herr Heißenstein nach drei Tagen von seiner Fahrt zurückgekehrt . Als Frau Nannette ihm die Entweichung Bozenas mitteilte , äußerte er nicht das geringste Befremden . Er war und blieb schweigsam und undurchdringlich . Nannette mußte die raffinierten Künste , auf welche neugierige Frauen sich verstehen , anwenden , um ihm nur eine dürftige Kunde seiner Erlebnisse zu entlocken . Alles , was sie schließlich erfuhr , bestand darin , daß Rosa anständig untergebracht und das Regiment Fehses weitermarschiert sei nach Ungarn . » Er wird sie jetzt heiraten müssen , es bleibt nichts andres übrig - « sagte Nannette und warf einen lauernden Blick auf ihren Mann . Dieser war damit beschäftigt , Schriften zu ordnen , die er einem eisernen , in die Wand eingelassenen Schrank entnommen , der zur Aufbewahrung von Wert- und Familienpapieren diente . Aus einer großen Anzahl vergilbter Blätter hatte er den Trauschein seiner ersten Frau und den Taufschein Rosas hervorgesucht und sie auf dem Schreibtische ausgebreitet . Nannette bot sich an , den Rest » in das Archiv « , wie sie großartig sagte , zurückzutragen , aber der undankbare Gatte belohnte ihren guten Willen nur durch ein mürrisches : » Laß gut sein ! « Er holte aus dem Schranke ein dünnes Päckchen , auf dessen Umschlag geschrieben stand : » Meiner Tochter Rosa mütterliches Erbe « , und begab sich damit zum Schreibtisch zurück . Frau Nannette schlich ihm nach auf Schritt und Tritt , sie gab sich die erdenklichste Mühe , eine sanfte Duldermiene anzunehmen , und wiederholte mit einem tiefen Seufzer , durch den trotz aller Anstrengung , ihn zu unterdrücken , ein Laut des Jubels und Triumphes sich Luft machte : » Er wird sie jetzt heiraten müssen , es bleibt ihm nichts andres übrig . « Abfertigend , ohne sie anzusehen , erwiderte Heißenstein : » Natürlich . « Dieses beunruhigte sie . Soll zuletzt noch alles glücklich enden für die ungeratene Tochter ? Nannettens Angst vor einem solchen Ausgange überwand einen Augenblick ihre Furcht vor ihrem Manne . Mit grimmiger und etwas spöttischer Freundlichkeit sagte sie - und dabei zitterte in ihrem linken Mundwinkel ein Nerv wie ein frierendes Küchlein im Neste : » Du verzeihst wohl ? ... Du gibst wohl deinen Segen ? « Er fuhr auf . » Ich ? ! « donnerte er sie an und schlug mit der Faust auf den Tisch , daß das Zimmer dröhnte und daß Frau Nannette einer Ohnmacht nahe war . O Himmel ! ... So wie jetzt hatte er ausgesehen in jenem unvergeßlichen Zornesausbruch , in dem er das zarte Pflänzchen ihres Mutes so unbarmherzig knickte , daß es seitdem nur noch kränkliche Schößlinge trieb ... Nannette empfand plötzlich eine ganz merkwürdige Schwäche in den Knien und glaubte wahrhaftig , sie werde umsinken . Das aber geschah nicht , denn ihr Mann äußerte den Wunsch , allein zu bleiben , durch ein bündiges : » Hinaus ! « Und sie trat sofort einen Rückzug an , der nichts an Eile und manches an Hoheit zu wünschen übrigließ . In der nächsten Zeit hatte Heißenstein häufig Unterredungen mit seinem Rechtsfreunde , Herrn Doktor Paul Wenzel . Stundenlang und bei verschlossenen Türen wurde da verhandelt ; und durch niemand , nicht einmal durch die besorgte Hausfrau , und unter keinerlei Vorwand , ob er nun in Gestalt eines kleinen Imbisses , eines eben angelangten Briefes oder einer dringenden Nachfrage erschien , durften die Herren in ihrer Arbeit unterbrochen werden . Da besann sich Nannette plötzlich , daß die Frau des Advokaten eine Jugendbekannte von ihr sei , daß sie einstens » intim liiert « mit ihr gewesen war , und sie empfand die nagendsten Gewissensbisse , die alte Freundin so lange vernachlässigt zu haben . So setzte sie denn eines schönen Nachmittags ihre Herbstkapotte mit den schottischen Bändern auf - ein Geschenk , das ihre einstigen Zöglinge ihr kürzlich aus Wien zugesendet hatten , eine echte Lannoy ! - , hüllte sich in ihren schwarzen Seidenmantel und wurde eine Viertelstunde später bei der Gattin des Advokaten angemeldet . Die gute Frau empfing sie in ihrem unbehaglichen und unbewohnten Salon mit allen Zeichen der Ehrfurcht und mit einer Verlegenheit , die zu verbergen sie nicht einmal versuchte , so gut wußte sie , daß es vergeblich sein würde . Sie bezeigte eine überschwengliche , mit einem gewissen Entsetzen vermischte Freude über den unerwarteten Besuch . Sie entschuldigte sich , daß Frau » von « Heißenstein sie im Hauskleide treffe - aber eine Familienmutter , du guter Gott , muß überall zugreifen ... Sie entschuldigte sich , daß sie nicht ihr Leben damit zubringe , auf den Besuch Frau » von « Heißensteins zu warten , sie entschuldigte sich , daß sie Kinder habe und daß es heute nachts geregnet . Sie dankte endlich im stillen Gott , als ihr Mann eintrat und sie von dem mühevollen Geschäft erlöste , ganz allein mit der gebildetsten Frau der Stadt ein Gespräch führen zu müssen , bei welchem diese allerdings nicht zu Worte kommen konnte . Der Advokat war ein schöner Greis mit fein modelliertem Kopfe , blassem Gesichte und vornehmer Haltung . Seine Mitbürger schätzten ihn hoch , und die » Herrschaften « auf den umliegenden Gütern sahen ihn als ein Orakel an . » Was hat der Wenzel gesagt ? - Man muß den Wenzel fragen « , sprachen die feudalen Herren , sooft die Weisheit ihrer Verwalter nicht ausreichte , um irgendeinen Konflikt zwischen dem herrschaftlichen Amte und den Untertanen zu lösen . In seinem Berufe war Wenzel ein Cato , im geselligen Verkehr jedoch und an seinem eigenen Herde liebenswürdig und galant wie ein Abbé des 18. Jahrhunderts . Weich hatte das Leben ihn gefaßt , er empfand es dankbar und machte auch andern das Leben so leicht , als er konnte . Seine viel jüngere Frau verehrte in ihm einen Halbgott , und den Nimbus eines solchen hatte sie verstanden ihm an seinem schlichten bürgerlichen Herde zu wahren . Die liebevolle Bewunderung eines demütigen Weibes ist erfinderisch , ihr Gegenstand wandelte in einem Gemüsegarten - unter Palmen . Bedächtig , als fürchte er durch eine rasche Bewegung die Weihrauchwolke zu zerstreuen , die ihn umfloß , kam Wenzel auf Frau Heißenstein zugeschritten , die sich erhob und » dem lieben , verehrten Freunde « voll Rührung ihr kleines rundes Händchen , das die Gestalt eines Lindenblattes hatte , entgegenstreckte . » Ich weiß , was Sie hierherführt , gnädige Frau « , sagte der Advokat , indem er sie mit bescheidener Verbindlichkeit nötigte , ihren Platz in der Sofaecke wieder einzunehmen . » Ihr edles Herz ist beängstigt durch die harten Maßregeln , die Ihr Herr Gemahl gestern gegen seine unglückliche Tochter ergriffen hat . « » So ist es ! « rief Frau Heißenstein und führte ihr Taschentuch an ihre trockenen Augen . » Sie verstehen mich , verehrter Freund . Raten Sie , helfen Sie . Ich selbst bin machtlos . Mein vortrefflicher , angebeteter Mann gestattet mir auch nicht ein Wort der Entschuldigung für das irregeleitete Kind zu sprechen . « Der Advokat bedauerte sie sehr , versetzte sich ganz in ihre traurige Lage , und seine Frau vergoß teilnehmende Tränen . » Dieser gestrige Schritt « , nahm Nannette wieder das Wort , » diese ... dieses ... ich will sagen , dieser - Schritt - « Was hätte sie darum gegeben , fragen zu dürfen , was für ein Schritt das war ? Aber soviel will sie sich nicht vergeben . Daß sie keinen Einfluß auf ihren Mann hat , gesteht sie ein ; daß sie sein Vertrauen nicht besitzt - nimmermehr . Und Wenzel hilft ihr nicht . Er schüttelt nur den Kopf und wiederholt : » Er ist zu hart , Ihr Herr Gemahl , zu hart . « Nannette beschwört ihn , sein möglichstes zu tun , um ihren durch seine unbegreifliche Tochter so schwer gekränkten Gatten zur Milde zu stimmen , und rüstet sich zum Aufbruche . Sie bittet , Nachsicht mit ihr zu haben , sie ist nur gekommen , um sich auszusprechen , sie hofft , der Advokat und seine teuere Frau werden ihr verzeihen , daß sie es so unumwunden getan ; eine Mißdeutung besorgt sie » von solchen Seelen « nicht . Sie bedauert ihren über alles geliebten Mann , ihn zu tadeln erkühnt sie sich nicht . Sie geht , von dem Ehepaare bis an die Treppe geleitet . » Wie gut und lieb ist sie ! « sagte die Doktorin . » Eine kluge Frau ! « sagte lächelnd der Doktor . Obwohl Nannette den Zweck ihres Besuches nicht vollkommen erreicht hatte und die Maßregeln , die Heißenstein gegen seine Tochter ergriffen , ihr nach wie vor ein Geheimnis blieben , war sie doch mit dem erreichten Resultate recht zufrieden . Sie hatte erfahren , daß ihr Mann unversöhnlich ist , und sie hatte eine einflußreiche und hochachtbare Persönlichkeit überzeugt , daß die Stiefmutter keine Schuld daran trägt . Am Abend brachte der Postbote einige Briefe für Herrn Heißenstein , die Nannette übernahm . Darunter befand sich einer von Rosa . Diesen behielt sie zurück - aus Vorsicht . Er konnte auf den Gemütszustand ihres Mannes schädlich wirken . Sie fühlte die Verpflichtung , sich mit seinem Inhalt bekannt zu machen . Der Brief war mit dem Herzblut des Kindes geschrieben und manche Träne war auf ihn gefallen . Nannette ist so ergriffen und erschüttert , findet das leidenschaftliche Einstürmen auf den beleidigten Vater so unpassend , daß sie nicht daran denkt , den Brief abzugeben , ja - ihn verbrennt . 8 Der Groll Heißensteins gegen seine Tochter wurde durch die Zeit nicht vermindert , eher sogar erhöht . Er hatte Rosa nicht aufgegeben und aus seinem Herzen gestrichen , nein , sie beschäftigte ihn immer , er führte in Gedanken fortwährend Krieg mit ihr . Mit der vom Verstande nicht mehr streng gezügelten Phantasie des Greises malte er sich ihr Vergehen in den dunkelsten Farben aus und verwünschte sie der Schmerzen wegen , die sie nicht aufhörte ihm zu bereiten . An der Ansicht , die er sich einmal von der Sache gebildet hatte , hielt er hartnäckig fest . - Rosa trug Schuld an dem Untergange des Hauses , sie hatte Schande auf seinen Namen und auf sein graues Haupt gehäuft , er durfte ihr niemals vergeben - auch wenn er so schwach wäre , es tun zu wollen . » Ihre Schuld kann niemals gutgemacht und demnach auch nie vergeben werden « , war der Sinn der Antwort , die er Mansuet zurief , sooft dieser ein gutes Wort für seinen Liebling einlegte . Damit war in den Augen des alten Herrn jede weitere Verhandlung abgeschnitten . Gegen dieses Argument , dessen schlagende Wirkung ihn , sooft er es aussprach , mit der Gewalt einer eben erst entdeckten Wahrheit ergriff , gab es keine Einwendung . Mansuet beobachtete mit tiefem Bedauern die sichtliche Veränderung , die mit seinem Herrn vorging , und sagte zu Schimmelreiter , dem zweiten Kommis : » Der Prinzipal ist wie ein Herbsttag , nimmt ab an beiden Enden . « Schimmelreiter besaß ein schwaches Begriffsvermögen , aber ein starkes Streben , die hohen und witzigen Gedanken des gescheiten Weberlein nachzudenken . » An beiden Enden ? « wiederholte er ; » das heißt , von unten und von oben ? « Mansuet sprach etwas wegwerfend : » Das heißt : physisch und moralisch . « » Sehen Sie , sehen Sie « , rief Schimmelreiter , » so hab ich ' s aufgefaßt ! « Fast noch weher als Heißensteins ohnmächtiger Trübsinn tat Mansuet Frau Nannettens kaum noch verhehlter Triumph . Sie sah jetzt mit Ruhe der Zukunft entgegen ; die Gefahr , daß ihre Stieftochter jemals wieder in ihre Kindesrechte eingesetzt werden könnte , schien so gut wie überwunden . Rosas Flucht wurde für Nannette ein Abschnitt in der Zeitrechnung , nicht mehr noch weniger . Sie sagte : » Das war vor oder nach unserm Familienunglück « , wie die Mohammedaner sagen » vor oder nach der Hedschra « . Etwa anderthalb Jahre , nachdem Rosa und Bozena das alte Haus verlassen hatten , in der Lichtmeßwoche , erhielt Mansuet einen Brief von seiner Freundin aus einem Dorfe in der Nähe von Arad . Sie schrieb , daß Rosa ein zartes Mädchen zur Welt gebracht , das in der Taufe die Namen Leopoldine Rosa erhalten , das sein Vater jedoch nie anders als Röschen nenne . Der Herr Oberleutnant sei herzensgut , die junge Frau liebe ihn auch , wie sich ' s gehört und wie er ' s verdient . » Aber « , hieß es in Bozenas Schreiben , » sie hat sich gar verändert , und wenn der Herr Heißenstein nicht doch zuletzt ein Einsehen hat und ihr verzeiht , so drückt es ihr das Herz ab , und es nimmt wahrhaftig und Gott kein gutes End mit ihr . « Dieser Brief enthielt einen Einschluß von Rosas Hand , und in dem lag ein Zettelchen . Die junge Frau bat den lieben , getreuen Herrn Weberlein - den auch ihr Mann unbekannterweise herzlich grüßen ließ - auf das innigste , dasselbe in einer guten Stunde ihrem Vater zu übergeben . Mansuet wartete einen Tag , zwei Tage . Das dünne Blättchen brannte wie Feuer auf seiner Brust . Er verbiß den Schmerz und benahm sich gegen seinen Prinzipal wie ein Liebhaber , der eine zürnende Schöne um jeden Preis in eine bessere Laune zu versetzen wünscht . Er hätte sich auf seine Knie vor ihm niederwerfen mögen - seine Stimme bebte , wenn er das Wort an seinen mürrischen Chef richtete , ein Wink von diesem verlieh dem kleinen Kommis Flügel . Von seinen Gefühlen überwältigt , erfaßte er plötzlich Heißensteins Hand , küßte sie und preßte sie dann mit einer Gebärde voll unwillkürlicher Komik an seine Brust . Heißenstein konnte sich eines Lächelns nicht erwehren und fragte : » Was haben Sie denn ? « » Einen Brief ! « platzte Mansuet heraus , » einen Brief von unserer Rosa ! « wiederholte er , fast weinend - und hielt seinem Herrn das Zettelchen hin . Heißenstein war bleich geworden bis an die Lippen , vergeblich rang er nach Worten ; röchelnd , als läge eine Faust an seiner Gurgel und würge ihn , trat er auf Mansuet zu , riß das Papier aus seinen zitternden Fingern und warf es vor seinen Augen in das Feuer . Minuten vergingen , bis der völlig außer Fassung geratene Mann zu sprechen vermochte , und dann brachte er mit wuterstickter Stimme die Drohung hervor : » Wagen Sie ' s noch einmal , sich zum Boten jener - Frau zu machen , und mit Schimpf und Schande jag ich Sie aus dem Hause ! « Mansuet sah ihn mit einem sonderbaren Blicke an , und nach einer Pause , in welcher er ruhig zu überlegen schien , sagte er : » Gut . « Ein Jahr danach um dieselbe Zeit erschien wieder ein Brief Bozenas und enthielt abermals einen Einschluß Rosas . Bozena hatte sich dieses Mal sehr kurz gefaßt ; ihre Zeilen enthielten nur einen Gruß an Herrn Weberlein und die dringende Bitte , ihr mit umgehender Post einen Teil ihrer Ersparnisse zuzusenden . Mansuet besorgte diesen Auftrag sofort , obwohl die Ausführung desselben mehrere Morgenstunden in Anspruch nahm . Herr Heißenstein hatte voll Ungeduld soeben zum zehntenmal nach ihm gefragt , als er endlich eintrat , ganz erhitzt , den Hut und den Oberrock mit Schnee bedeckt . » Wo waren Sie ? « herrschte sein Chef ihn an , » was fällt Ihnen ein , davonzulaufen um die Mittagszeit , vor Expedition der Post ? « Mansuet begab sich schweigend in seinen Glasverschlag , warf dort einige Zeilen auf einen Stempelbogen , den er mitgebracht hatte , trat dann zu Herrn Heißenstein , breitete das Blatt vor ihm auf dem Tische aus und sprach : » Hier meine schriftliche Kündigung . Will Sie nicht in die Notwendigkeit versetzen , mich mit Schimpf und Schande aus dem Hause zu jagen . Und hier « - er legte einen Brief auf den Stempelbogen - » ein heut morgens eingelangtes , an meinen Herrn Prinzipal durch mich zu übermittelndes Schreiben . « Heißenstein sah abwechselnd den Kommis und das zusammengefaltete Blatt an , auf dem er die Schrift seiner Tochter erkannt hatte . Wie ein elektrischer Schlag durchzuckte es ihn , doch behielt er Ruhe genug , um erwidern zu können : » Ich verweigere die von Ihnen erbetene Entlassung . Sie befinden sich in meinem Dienste und haben zu gehorchen . « Er stand auf und wies dem Kommis seinen Platz an : » Setzen Sie sich ! ... Setzen Sie sich ! ... « wiederholte er , und Mansuet folgte seinem Befehle . » Schreiben Sie ! « Mansuet nahm eine Feder zur Hand - » Schreiben Sie : Der Unterzeichnete verbittet sich in Zukunft jede weitere Belästigung ... « Mansuet bebte am ganzen Körper , kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn , aber er schrieb , und Heißenstein fuhr fort zu diktieren : » - Belästigung - durch Übersendung von Zuschriften , die an ihren Adressaten zu befördern ihm die Pflicht verbietet . Mansuet Weberlein , Kommis . « » Mansuet ? « rief dieser und sprang auf - » ich soll das unterschreiben ? ... Sie glauben , ich werde das unterschreiben ? - eine haarsträubende Lüge ? ! « Er faßte sich mit beiden Händen an den Kopf ; sein Gesicht war kreideweiß . » Mit Wonne und Entzücken « , schrie er so laut , daß jedes seiner Worte deutlich vernommen werden konnte in der nebenanliegenden Stube , in welcher Herr Schimmelreiter arbeitete - » mit Wonne und Entzücken erfüllt mich jeder Beweis der Erinnerung und des Vertrauens , den ich von ihr erhalte , von der armen Rosa . Das ist die Wahrheit - die schreib ich - wenn Sie ' s erlauben « , setzte er leiser hinzu , » sonst - auch das nicht ; denn das zu verbieten haben Sie ein Recht . Nämlich heute noch . Da liegt meine Kündigung . « Er deutete auf die Schrift und stürzte wie ein Rasender hinaus und in sein Zimmer , wo er eifrig seinen Kleiderschrank auszuräumen begann . Eine Stunde lang herrschte im Kontor so tiefe Stille , daß Schimmelreiter angst und bange wurde . Was tut der alte Herr ? - ist er eingeschlafen ? - ist er ohnmächtig geworden ? Schimmelreiter hätte gern nachgesehen , doch fehlte ihm der Mut dazu . Endlich hörte er seinen Namen rufen und stand im nächsten Augenblicke vor seinem Chef . Dieser hatte gerötete Augen und sah merkwürdig alt und kummervoll aus . Er reichte dem Kommis ein Bögelchen Papier und ersuchte ihn daraufzuschreiben : » Wird retourniert Im Auftrage meines Prinzipals . Schimmelreiter « Heißenstein faltete und kuvertierte das Blatt selbst über Rosas unerbrochenen Brief und sprach : » Die Adresse nun ! « Schimmelreiter setzte die Feder an und wartete . » Wird ' s ? « rief jener , » worauf warten Sie ? « » Auf die Angabe der Adresse « , erwiderte kleinlaut der Kommis . » - Ja - so . Frau von Fehse - k.k. Oberleutnantsgattin , zu Sega bei Arad in Ungarn . Haben Sie ' s ? « » Zu dienen . « Heißenstein erhob sich : » Auf die Post damit und sogleich ! « Aber der Befehl reute ihn , sobald er gegeben war . Mit einem mißtrauischen Blick nahm er seinem Untergebenen den Brief aus der Hand und steckte ihn zu sich . » Lassen Sie ' s « , sprach er , » ich gehe ohnehin aus - komme wohl an der Post vorbei ... « Schimmelreiter brachte Hut und Oberrock und blickte seinem Herrn nach , der langsam und gebeugt im Schneegestöber über den Platz schritt . Dahin seine stolze Haltung ... Was ist aus dem Manne geworden ? dachte er . Als sich Mansuet nachmittags nach dem Kontor begab , um seine Filzschuhe zu holen , die er dort stehengelassen hatte , und einige ihm gehörende Kostbarkeiten aus seiner Lade zu sich zu nehmen : ein Federmesser , das Bozena ihm einst verehrt - ein Beutelchen , das Rosa für ihn gestrickt - endlich auch den neuesten Militärschematismus , sah er seine Kündigung auf seinem Pulte liegen . Auf dem unteren Rande des Schriftstücks standen , ganz klein und verschämt , von Heißensteins Hand geschrieben , die Worte : » Kann nicht angenommen werden . Bitte vielmehr den getreuesten Diener , geduldig in Gutem und Üblem bei mir auszuharren . H. « Mansuet brach in ein krampfhaftes Weinen aus und schluchzte : » Mir verzeiht er , mir altem Esel ! -