immer beseitigt . Siegte Theoderich , nun , so war ein Anmaßer , den man zu Byzanz niemals anerkannt hatte , gestürztund , gestraft . und da Theoderich im Namen und Auftrag des Kaisers siegen und als Statthalter herrschen sollte , durch eine ruhmvolle Eroberung das Abendland wieder mit dem Ostreich vereinigt . Aber der Ausgang des feinen Planes war doch nicht der erwünschte . Denn als Theoderich gesiegt und sein Reich in Italien gegründet hatte , entfaltete sich alsbald die ganze Großartigkeit seines Geistes und erwarb ihm eine Stellung , in der , bei aller Höflichkeit in den Formen , doch jede Abhängigkeit von Byzanz völlig verschwand . Nur wo es ihm diente , so , um die Abneigung der Italier zu schwächen , berief er sich formell auf jenen Auftrag des Kaisers : in Wahrheit aber herrschte er auch über die Italier wie über seine Goten nicht als Statthalter und im Namen des Byzantiners , sondern kraft eignen Rechts , kraft seines Sieges , als » König der Goten und Italier . « Dies führte natürlich zu Mißhelligkeiten mit dem Kaiser , die wiederholt in offnen Krieg zwischen den beiden Reichen aufloderten . Es war also kein Zweifel , daß man zu Byzanz sehr bereit war , dem Seufzen Italiens nach Abwerfung des Barbarenjoches ein Ende zu bringen , so wie man sich stark genug fühlte . Und die Goten hatten keine Bundesgenossen gegen diese innern und äußern Feinde . Denn Theoderichs Ruhm und Ansehen und seine Politik der Verschwägerung mit allen Germanenfürsten hatten ihm doch nur eine Art moralischen Protektorats , keine sichre Verstärkung seiner Macht verschaffen können . Es fehlte dem Gotenreich , das eine geniale Persönlichkeit allzuverwegen und vertrausam mitten in das Herz der römischen Bildungswelt gepflanzt hatte , der unmittelbare Zusammenhang mit noch nicht romanisierten Volkskräften , es fehlte der Nachschub an frischen germanischen Elementen , der das gleichzeitig entstehende Reich der Franken immer wieder verjüngt und wenigstens dessen nordöstliche Teile vor der mit der Romanisierung verbundenen Fäulnis bewahrt hatte , während die kleine gotische Insel , auf allen Seiten von den feindlichen Wellen des römischen Lebens umspült und benagt , diesen gegenüber von Jahr zu Jahr zusammenschmolz . Solange Theoderich , der gewaltige Schöpfer dieses gewagten Werkes lebte , blendete der Glanz seines Namens über die Gefahren und Blößen seiner Schöpfung . Aber mit Recht zitterte man vor dem Augenblick , da das Steuer dieses gefährdeten Schiffes in die Hand eines Weibes oder eines kranken Jünglings übergehen sollte : Aufstände der Italier , Einmischung des Kaisers , Abfall der unterworfenen , Angriffe der feindlichen Barbarenstämme waren zu besorgen . Wenn der gefährliche Augenblick gleichwohl ruhig vorüberging , so war dies vor allem der unermüdlich eifrigen und vorsorglichen Tätigkeit zu danken , die Cassiodor , des Königs Freund und langbewährter Minister , schon seit Wochen entfaltet hatte und jetzt , nach dem Tode Theoderichs , verdoppelte . Um die Italier in Ruhe zu erhalten , ward sofort ein Manifest erlassen , das die Thronbesteigung Athalarichs , unter Vormundschaft seiner Mutter , als eine bereits vollendete und in aller Ruhe vollzogene Tatsache Italien und den Provinzen verkündete . Sofort auch wurden in alle Teile des Reiches Beamte entsendet , die den Huldigungseid der Bevölkerung entgegennehmen , aber auch im Namen des jungen Königs eidlich geloben sollten , daß die neue Regierung alle Rechte und Freiheiten der Italier und Provinzialen achten und in allen Stücken die Milde , ja Vorliebe des großen Toten für seine römischen Untertanen zum Muster nehmen werde . Gleichzeitig wurde aber auch dafür gesorgt , daß eine Furcht gebietende Entfaltung der gotischen Heeresmacht an den Grenzen und in den wichtigsten oder unruhigsten Städten des Reiches äußeren und inneren Gegnern die Lust zu Feindseligkeiten vertreibe , während mit dem Kaiserhof das gute Vernehmen durch Gesandtschaften und Briefe sehr verbindlicher Haltung befestigt oder erneuert wurde . Zweites Kapitel . Neben Cassiodor war es nun aber vor allen ein Mann , der in jenen Tagen des Übergangs eine bedeutende und , wie es der Regentschaft schien , hochverdienstliche Rolle spielte . Das war kein andrer als Cethegus . Er hatte das wichtige Amt eines Stadtpräfekten von Rom übernommen . Er war , sowie der König die Augen geschlossen , spornstreichs aus dem Palast und den Toren von Ravenna nach der ihm anvertrauten Tiberstadt geeilt und dort vor aller Kunde des Geschehenen eingetroffen . Sofort , noch eh ' der Tag angebrochen , hatte er die Senatoren in dem » Senatus , « d.h. dem geschlossenen Hallenbau Domitians nahe dem Janus Geminus , rechtsab vom Severusbogen , versammelt , darauf das Gebäude mit gotischen Truppen umstellt , die überraschten Senatoren - von denen er gar manchen erst neuerlich in den Katakomben gesehen und zur Vertreibung der Barbaren angefeuert hatte - von dem bereits vollzognen Thronwechsel benachrichtigt und ( nicht ohne einige auf die von dem Saal aus deutlich sichtbaren Speere der Gotentausendschaft gelinde hinweisende Worte ) mit einer keinen Widerspruch duldenden Raschheit für Athalarich in Eid und Pflicht genommen . Dann verließ er den » Senatus , « wo er die Väter eingeschlossen hielt , bis er in dem flawischen Amphitheater , wohin er eine Volksversammlung der Römer berufen , diese unter Beiziehung der starken gotischen Besatzung abgehalten und die leicht beweglichen » Quiriten « durch eine meisterhafte Rede für den jungen König begeistert hatte . Er zählte die Wohltaten Theoderichs auf , verhieß gleiche Milde von dessen Enkel , der übrigens bereits von ganz Italien , den Provinzen und den Vätern dieser Stadt anerkannt sei , meldete eine allgemeine Speisung des römischen Volkes mit Brot und Wein als den ersten Regierungsakt Amalaswinthens an und schloß mit der Verkündung siebentägiger Zirkusspiele - Wettfahrten mit einundzwanzig spanischen Viergespannen - mit welchen er selbst die Thronbesteigung Athalarichs und den Antritt seiner Präfektur feiern werde . Da erhob tausendstimmiges Jubelgeschrei die Namen der Regentin und ihres Sohnes , aber noch lauter den Namen Cethegus , das Volk verlief sich in heller Freude , die eingesperrten Senatoren wurden nunmehr entlassen und die ewige Stadt war für die Goten erhalten . Der Präfekt aber eilte nach seinem Hause am Fuß des Kapitols , schloß sich ein und schrieb eifrig seinen Bericht an die Regentin . Jedoch ungestüm pochte es alsbald an der ehernen Vortür des Hauses . Es war Lucius Licinius , der junge Römer , den wir in den Katakomben kennengelernt : er schlug mit dem Schwertknauf gegen die Pforte , daß das Haus dröhnte . Ihm folgten Scävola , der Jurist - er war unter den Eingesperrten gewesen - mit schwer gefurchter Stirn und Silverius , der Priester , mit zweifelnder Miene . Vorsichtig lugte der Ostiarius an der Türe durch eine verborgne Luke in der Mauer und ließ , als er Licinius erkannte , die Männer ein . Heftig stürmte der Jüngling den andern voraus den ihm wohlbekannten Weg durch das Vestibulum , das Atrium und dessen Säulengang in das Studierzimmer des Cethegus . Dieser , als er die hastig nahenden Schritte vernahm , erhob sich von dem Lectus , auf den hingestreckt er schrieb , und verschloß seine Briefe in einer Kapsula mit silberner Kuppel . » Ah , die Vaterlandsbefreier ! « sagte er lächelnd und trat ihnen entgegen . » Schändlicher Verräter ! « schrie ihn Licinius an , die Hand am Schwert - der Zorn ließ ihn nicht weitersprechen , er zückte halb das breite Eisen aus der Scheide . » Halt , erst laß ihn sich verteidigen , wenn er kann , « keuchte , dem Stürmischen in den Arm fallend , Scävola , der jetzt nachgekommen war . » Es ist unmöglich , daß er abgefallen von der Sache der heiligen Kirche , « sprach Silverius im Eintreten . » Unmöglich ? « lachte Licinius , » wie ? seid ihr toll oder bin ich ' s ? Hat er nicht uns , die Ritter , in ihren Häusern festhalten lassen ? Hat er nicht die Tore gesperrt und den Pöbel für den Barbaren vereidigt ? « - » Hat er nicht , « sprach Cethegus fortfahrend , » die edeln Väter der Stadt , dreihundert an der Zahl , in der Kurie wie soviel Mäuse in der Mausfalle gefangen , dreihundert hochadlige Mäuse ? « - » Er höhnt uns noch ! Wollt ihr das dulden ? « rief Licinius . Und Scävola erbleichte vor Zorn . » Nun , und was hättet ihr getan , wenn man euch hätte handeln lassen ? « fragte der Präfekt ruhig , die Arme auf der breiten Brust kreuzend . » Was wir getan hätten ? « antwortete Licinius , » was wir - was du mit uns hundertmal verabredet ! Sobald die Nachricht von dem Tod des Tyrannen eintraf , hätten wir die Goten in der Stadt erschlagen , die Republik ausgerufen und zwei Konsuln ernannt - « - » Namens Licinius und Scävola , das ist die Hauptsache . Nun , und dann ? Was dann ? « - » Was dann ? die Freiheit hätte gesiegt ! « » Die Torheit hätte gesiegt ! « herrschte Cethegus losbrechend den Erschrocknen an . » Wie gut , daß man euch die Hände band : ihr hättet alle Hoffnung erwürgt , auf immer . Seht her und dankt mir auf den Knieen ! « Er nahm Urkunden aus einer andern Papyruskapsel und gab sie den Erstaunten . » Da , lest . Der Feind war gewarnt und hatte seine Schlinge meisterhaft um den Nacken Roms geschürzt . Wenn ich nicht handelte , so stand in diesem Augenblick Graf Witichis mit zehntausend Goten vor dem Salarischen Tor im Norden , morgen sperrte der junge Totila mit der Flotte von Neapel im Süden die Tibermündung , und gegen das Grabmal Hadrians und das Aurelische Tor war Herzog Thulun mit zwanzigtausend Mann von Westen her im Anzug . Hättet ihr heute früh einem Goten ein Haar gekrümmt , was wäre geschehen ? « Silverius atmete auf . Die beiden andern schwiegen beschämt . Doch faßte sich Licinius : » Wir hätten den Barbaren getrotzt hinter unsern Mauern , « sprach er , mutig das schöne Haupt aufwerfend . - » Ja . So wie ich diese Mauern herstellen werde - eine Ewigkeit , mein Licinius : wie sie jetzt sind - nicht einen Tag . « - » So wären wir gestorben als freie Bürger , « sprach Scävola . » Das hättet ihr vor drei Stunden in der Kurie auch gekonnt , « lachte Cethegus achselzuckend . Silverius trat mit offnen Armen , wie um ihn zu küssen , auf ihn zu ; vornehm entzog sich Cethegus : » Du hast uns alle , du hast Kirche und Vaterland gerettet ! Ich habe nie an dir gezweifelt ! « sprach der Priester . Da ergriff Licinius die Hand des Präfekten , die dieser ihm willig ließ : » Ich habe an dir gezweifelt , « rief er mit schöner Offenheit , » vergib , du großer Römer . Dies Schwert , das dich heute durchbohren sollte , dir ist es fortan für ewig zu Dienst . Und bricht der Tag der Freiheit an , dann keine Konsuln , dann salve , Diktator Cethegus ! « Und mit leuchtenden Augen eilte er hinaus . Der Präfekt warf ihm einen befriedigten Blick nach . » Diktator , ja , doch nur bis zur vollen Sicherheit der Republik ! « sprach der Jurist und folgte ihm . » Jawohl , « lächelte Cethegus , » dann wecken wir Camillus und Brutus wieder auf und führen die Republik da fort , wo sie diese vor tausend Jahren gelassen . Nicht wahr , Silverius ? « - » Präfekt von Rom , « sprach der Priester , » du weißt , ich hatte den Ehrgeiz , die Sache des Vaterlands wie der Heiligen zu leiten : ich hab ' ihn nicht mehr seit dieser Stunde . Dein sei die Führung , ich folge . Gelobe nur das Eine : Freiheit der römischen Kirche - freie Papstwahl . « - » Jawohl , « sagte Cethegus , » sowie nur erst Silverius Papst geworden . Es gilt . « - Der Priester schied mit einem Lächeln auf den Lippen , aber schwere Gedanken im Herzen . » Geht , « sagte Cethegus nach einer Pause , den dreien nachblickend , » ihr werdet keinen Tyrannen stürzen : - ihr braucht einen Tyrannen ! « Dieser Tag , diese Stunde wurden entscheidend für Cethegus : fast ohne seinen Willen ward er durch die Ereignisse fortgetrieben zu neuen Stimmungen und Anschauungen , zu Zielen , die er sich bisher nie mit solcher Klarheit vorgesteckt , oder doch nie als mehr denn Träume , die er sich als Ziele eingestanden hatte . Er erkannte sich in diesem Augenblick als alleinigen Herrn der Lage : er hatte die beiden großen Parteien der Zeit , die Gotenregierung und ihre Feinde , die Verschwornen , völlig in seiner Hand . Und in der Brust dieses gewaltigen Mannes wurde die Haupttriebfeder , die er seit Jahrzehnten für gelähmt erachtet , plötzlich wieder in mächtigste Tätigkeit gesetzt : der unbegrenzte Drang , ja das Bedürfnis , zu herrschen , machte sich mit einem Male alle Kräfte dieses reichen Lebens dienstbar und trieb sie an zu heftiger Bewegung . Cornelius Cethegus Cäsarius war der Abkömmling eines alten und unermeßlich reichen Geschlechts , dessen Ahnherr den Glanz seines Hauses als Feldherr und Staatsmann Cäsars in den Bürgerkriegen gegründet : - man sagte , er sei ein Sohn des großen Diktators gewesen . - Unser Cethegus hatte von der Natur die vielseitigsten Anlagen und die gewaltigsten Leidenschaften und durch seine gewaltigen Reichtümer die Mittel erhalten , jene aufs großartigste zu entfalten , diese aufs großartigste zu befriedigen . Er empfing die sorgfältigste Bildung , die damals einem jungen Adligen Roms gegeben werden konnte . Er übte sich bei den ersten Lehrern in den schönen Künsten . Er trieb zu Berytus , zu Alexandrien , zu Athen in den besten Schulen mit glänzenden Erfolgen das Studium des Rechts , der Geschichte , der Philosophie . Aber all das befriedigte ihn nicht . Er fühlte den Hauch des Verfalls in aller Kunst und Wissenschaft seiner Zeit . Die Philosophie insbesondre vermochte nur die letzten Reste des Glaubens in ihm zu zerstören , ohne ihm irgendwelche Befriedigung in positiven Ergebnissen zu gewähren . Als er von seinen Studien zurückkam , führte ihn sein Vater nach der Sitte der Zeit in den Staatsdienst ein : rasch stieg der glänzend Begabte von Amt zu Amt . Aber plötzlich sprang er aus . Nachdem er die Staatsgeschäfte zur Genüge kennengelernt , mochte er nicht länger ein Rad in der großen Maschine des Reiches sein , das die Freiheit ausschloß und obenein dem Barbarenkönig diente . Da starb sein Vater , und Cethegus warf sich , nun Herr seiner selbst und eines ungeheuern Vermögens geworden , mit der Gewalt , mit welcher er alles verfolgte , in die wildesten Strudel des Lebens , des Genusses , der Lüste . Mit Rom war er bald fertig : da machte er große Reisen nach Byzanz , nach Ägypten , bis nach Indien drang er vor . Da war kein Luxus , kein unschuldiger und kein schuldiger Genuß , den er nicht schlürfte . Nur ein stählerner Körper konnte die Anstrengungen , die Entbehrungen , die Abenteuer , die Ausschweifungen dieser Fahrten ertragen . Nach zwölf Jahren kehrte er zurück nach Rom . Es hieß , er werde großartige Bauten aufführen ; man freute sich , das üppigste Leben in seinen Häusern und Villen beginnen zu sehen , man täuschte sich sehr . Cethegus baute sich nur das kleine Haus am Fuß des Kapitols , bequem und von feinstem Geschmack , und lebte mitten in dem volkreichen Rom wie ein Einsiedler . Er gab unvermutet eine Schilderung seiner Reisen heraus , eine Charakterisierung der wenig bekannten Völker und Länder , die er besucht . Das Buch hatte unerhörten Erfolg ; Cassiodor und Boëthius warben um seine Freundschaft , der große König wollte ihn an seinen Hof ziehen . Aber plötzlich war er aus Rom verschwunden . Das Ereignis , das ihn in jenen Tagen betroffen haben mußte , blieb allen Nachforschungen der Neugier , der Teilnahme , der Schadenfreude verborgen . Man erzählte sich damals , arme Fischer hätten ihn eines Morgens am Ufer des Tibers vor den Toren der Stadt , bewußtlos und dem Tode nah , gefunden . Wenige Wochen später tauchte er wieder an der Nordostgrenze des Reiches in den unwirtlichen Donauländern auf , wo der blutige Krieg mit Gepiden , mit Avaren und Sclavenen raste . Dort schlug er sich mit todverachtender Tapferkeit mit diesen wilden Barbaren herum , verfolgte sie mit erlesenen , von ihm besoldeten Scharen freiwillig in alle Schlupfwinkel ihrer Felsen , schlief alle Nächte auf der gefrornen Erde . Und als der gotische Feldherr ihm eine kleine Schar zu einem Streifzug anvertraute , griff er statt dessen Sirmium an , die feste Hauptstadt der Feinde , und eroberte sie mit nicht geringerer Feldherrnkunst als Tapferkeit . Nach dem Friedensschluß machte er abermals Reisen nach Gallien und Spanien und Byzanz , kehrte von da nach Rom zurück und lebte dort jahrelang in einer verbitterten Muße und Zurückgezogenheit , alle kriegerischen , bürgerlichen , wissenschaftlichen Ämter und Ehren ausschlagend , die ihm Cassiodor aufdringen wollte . Er schien für nichts mehr Interesse zu haben als für seine Studien . Vor einigen Jahren brachte er von einer Reise nach Gallien einen schönen Jüngling oder Knaben mit , welchem er Rom und Italien zeigte und väterliche Liebe und Sorgfalt erwies . Es hieß , er wolle ihn adoptieren : solange dieser sein junger Gast um ihn war , trat er aus seiner Einsamkeit heraus , lud die adlige Jugend Roms zu glänzenden Festen in seine Villen und war bei den Gegeneinladungen . die er alle annahm , der liebenswürdigste Gesellschafter . Aber sowie er den jungen Julius Montanus mit einem stattlichen Gefolge von Pädagogen , Freigelassenen und Sklaven nach Alexandrien in die gelehrten Schulen entsendet hatte , brach er plötzlich wieder alle Verbindungen ab und zog sich in seine undurchdringliche Abgeschlossenheit zurück , grollend wie es schien mit Gott und der ganzen Welt . Mit schwerer Mühe gelang es dem Priester Silverius und Rusticianen , ihn aus seiner ablehnenden Ruhe heraus und zur Teilnahme an der Katakombenverschwörung fortzuziehen . Er wurde , wie er ihnen sagte , Patriot aus eitel Langweile . Und in der Tat , bis zu dem Tod des Königs hatte er das Unternehmen , dessen Leitung doch in seiner und des Diakons Hand lag , fast mit Abneigung betrieben . Dies wurde jetzt anders . Der tiefste Zug seines Wesens , der Drang , in allen möglichen Gebieten des Geistes sich zu versuchen , die Schwierigkeiten zu überwinden , alle Nebenbuhler zu überflügeln , in jedem Lebenskreise , den er betrat , zu herrschen , allein und ohne Widerstand und , sobald er den Siegeskranz genommen , ihn gleichgültig wegzuwerfen und nach neuen Aufgaben auszuschauen , hatte ihn bisher bei keinem Ziele volle Befriedigung finden lassen . Kunst , Wissenschaft , Genuß , Amtsehre , Kriegsruhm : alles hatte ihn gereizt , alles hatte er wie kein andrer gewonnen und alles hatte ihn leer gelassen . Herrschen , der erste sein , über widerstrebende Verhältnisse mit allen Mitteln überlegner Kraft und Klugheit siegen und dann über knirschende Menschen ein ehernes Regiment führen , das allein hatte er unbewußt und bewußt von jeher erstrebt : nur darin fühlte er sich wohl . In stolzen , vollen Atemzügen hob sich darum in dieser Stunde seine Brust : er , der Eisigkalte , erglühte in dem Gedanken , daß er über die beiden großen feindlichen Mächte der Zeit , Goten und Römer , heute mit einem Zucken seiner Wimper gebot : und aus diesem Wonnegefühl der Herrschaft stieg ihm mit dämonischer Gewalt die Überzeugung empor , daß es für ihn und seinen Ehrgeiz nur noch Ein Ziel gab , welches das Leben der Mühe des Lebens wert machen könne , nur noch Ein Ziel , ein sonnenfernes , jedem andern unerreichbares : - er glaubte gern an seine Abkunft von Julius Cäsar und er fühlte das Blut Cäsars aufwallen in seinen Adern bei dem Gedanken : - Cäsar , Imperator des Abendlands , Kaiser der römischen Welt ! - - - - Als vor Monaten dieser Blitz zum erstenmal seine Seele durchzuckt hatte - kein Gedanke - kein Wunsch - nur ein Schatten , ein Traum - erschrak er und lächelte zugleich über seine unermeßliche Kühnheit . Er Kaiser und Wiederaufrichter des römischen Weltreichs ! Und Italien bebte unter dem Schritt von dreimalhunderttausend gotischen Kriegern ! Und der größte aller Barbarenkönige , dessen Ruhm die Erde erfüllte , saß gewaltig herrschend zu Ravenna . Und wenn die Macht der Goten gebrochen war , so streckten die Franken über die Alpen , die Byzantiner übers Meer die gierigen Hände nach der italienischen Beute , zwei große Reiche gegen ihn , den einzelnen Mann ! - Denn wahrlich , einsam stand er in seinem Volk ! Wie genau kannte , wie bitter verachtete er seine Landsleute , die unwürdigen Enkel großer Ahnen ! Wie lachte er der Schwärmerei eines Licinius oder Scävola , die mit diesen Römern die Tage der Republik erneuern wollten ! Er stand allein . Aber gerade dies reizte seinen stolzen Ehrgeiz . Und gerade in diesem Augenblick , da ihn die Verschworenen verlassen hatten , da seine Überlegenheit gewaltiger als je ihnen und ihm selbst klar geworden war , gerade jetzt schoß in seiner Brust was früher ein schmeichelnd Spiel seiner träumenden Stunden gewesen mit Blitzesschnelle zum klaren Gedanken , zum festen Entschluß empor . Die Arme über der mächtigen Brust gekreuzt , mit starken Schritten , wie ein Löwe seinen Käfig , das Gemach durchmessend , sprach er in abgerissenen Sätzen zu sich selbst : » Mit einem tüchtigen Volk hinter sich die Goten hinaustreiben , Griechen und Franken nicht hereinlassen : das wäre nicht schwer , das könnte ein andrer auch . Aber allein , ganz allein , von diesen Männern ohne Mark und Willen mehr gehemmt als getragen , das Ungeheure vollenden , und diese Memmen erst wieder zu Helden , diese Sklaven zu Römern , diese Knechte der Pfaffen und Barbaren wieder zu Herren der Erde machen : - das , das ist der Mühe wert . Ein neues Volk , eine neue Zeit , eine neue Welt schaffen , allein , ein einziger Mann , mit der Kraft seines Willens und der Macht seines Geistes : - das hat noch kein Sterblicher vollbracht : - das ist größer als Cäsar : er führte Legionen von Helden ! Und doch , es kann getan werden , denn es kann gedacht werden . Und ich , der ' s denken konnte , ich kann ' s auch tun . Ja , Cethegus , das ist ein Ziel , dafür verlohnt sich ' s zu denken , zu leben , zu sterben . Auf und ans Werk , und von nun an : - keinen Gedanken mehr und kein Gefühl als für dies Eine . « Er stand still vor der Kolossalstatue Cäsars aus weißem parischem Marmor , die , das Meisterwerk des Arkesilaos und der edelste Schmuck , ja nach der Familientradition von Julius Cäsar selbst dem Sohne geschenkt , das Heiligtum dieses Hauses , gegenüber dem Schreibdiwan stand : » Hör ' es , göttlicher Julius , großer Ahnherr , es lüstet deinen Enkel , mit dir zu ringen : es gibt noch ein Höheres , als du erreicht : schon fliegen nach einem höheren Ziel als du , ist unsterblich und fallen , fallen aus solcher Höhe : das ist der herrlichste Tod . Heil mir , daß ich wieder weiß , warum ich lebe . « Er schritt an der Bildsäule vorbei und warf einen Blick auf die auf dem Tisch aufgerollte Militärkarte des römischen Weltreichs : » Erst diese Barbaren zertreten - : Rom ! - Dann den Norden wieder unterwerfen - : Paris ! - Dann zum alten Gehorsam unter die alte Cäsarenstadt das abtrünnige Ostreich zurückheischen - : Byzanz ! Und weiter , immer weiter : an den Tigris , an den Indus , weiter als Alexandros - und zurück nach Westen , durch Skythien und Germanien , an den Tiber - die Bahn , welche dir , Cäsar , der Dolch des Brutus durchschnitten . - Und so größer als du , größer als Alexander - o halt , Gedanke , halt ein ! « Und der eisige Cethegus loderte und glühte ; mächtig pochten seine Adern an den Schläfen : er drückte die brennende Stirn an die kalte Marmorbrust Julius Cäsars , der majestätisch auf ihn niederschaute . Drittes Kapitel . Aber nicht nur für Cethegus wurde dieser Tag von entscheidender Bedeutung , auch für die Verschwörung in den Katakomben , für Italien und das Reich der Goten . Hatten die Umtriebe der Patrioten , geleitet von mehreren Häuptern , die über die Mittel , ja sogar über die Zwecke ihrer Pläne nicht immer einig waren , bisher nur langsame und unsichre Fortschritte gemacht , so ward dies anders von dem Augenblick an , da der weitaus begabteste Mann dieser Partei , da Cethegus die Führung in die kräftige Hand nahm . Unbedingt hatten sich die bisherigen Häupter des Bundes - sogar , wie es schien , Silverius - dem Präfekten untergeordnet , der seine Überlegenheit so mächtig bewährt und das Leben ihrer Sache gerettet hatte . Erst von jetzt an wurde der Geheimbund den Goten wahrhaft gefährlich . Unermüdlich war Cethegus beschäftigt , die Macht und Sicherheit ihres Reiches auf allen Seiten zu untergraben : mit seiner großen Kunst , die Menschen zu durchschauen , zu gewinnen und zu beherrschen , wußte er die Zahl bedeutender Mitglieder und die Mittel der Partei von Tag zu Tag zu vermehren . Aber er wußte auch mit kluger Vorsicht einerseits jeden Verdacht der gotischen Regierung zu vermeiden , andrerseits jede unzeitige Erhebung der Verschwornen zu verhindern . Denn ein leichtes wär ' es freilich gewesen , plötzlich an Einem Tage in allen Städten der Halbinsel die Barbaren zu überfallen , die Erhebung zu beginnen und die Byzantiner . die längst hierauf lauerten , zur Vollendung des Sieges ins Land zu rufen . Aber damit hätte der Präfekt seine geheimen Pläne nicht hinausgeführt . Er hätte nur an die Stelle der gotischen Herrschaft die byzantinische Tyrannei gesetzt . Und wir wissen , er verfolgte ein ganz andres Ziel . Um dies zu erreichen , mußte er sich zuvor in Italien eine Machtstellung schaffen , wie sie kein andrer besaß . Er mußte , wenn auch nur im stillen , der mächtigste Mann im Lande sein , ehe der Fuß eines Byzantiners es betrat , ehe der erste Gote fiel . Die Dinge mußten soweit vorbereitet sein , daß die Barbaren von Italien , das hieß von Cethegus allein , mit möglichst geringer Nachhilfe von Byzanz , vertrieben würden , so daß nach dem Siege der Kaiser gar nicht umhin konnte , die Herrschaft über das befreite Land seinem Befreier , wenn auch zunächst nur als Statthalter , zu überlassen . Alsdann hatte er Zeit und Anlaß gewonnen , den Nationalstolz der Römer gegen die Herrschaft der » Griechlein , « wie man die Byzantiner verächtlich nannte , aufzureizen . Denn obwohl seit zweihundert Jahren , seit den Tagen des großen Konstantin , der Glanz der Weltherrschaft von der verwitweten Roma hinweg nach der goldnen Stadt am Hellespont verlegt und das Zepter von den Söhnen des Romulus auf die Griechen übergegangen schien , obwohl das Ost- und das Westreich zusammen der Barbarenwelt gegenüber Einen Staat der antiken Bildung bilden sollten , so waren doch auch jetzt noch die Griechen den Römern verhaßt und verächtlich , wie in den Tagen , da Flaminius das gedemütigte Hellas für eine Freigelassene Roms erklärt hatte : der alte Haß war jetzt durch Neid vermehrt . Deshalb war der Mann der Begeisterung und der Hilfe ganz Italiens gewiß , der nach Vertreibung der Barbaren auch die Byzantiner aus dem Lande weisen würde : die Krone von Rom , die Krone des Abendlands war sein sichrer Lohn . Und wenn es gelang , das neugeweckte Nationalgefühl wieder zum Angriffskrieg über die Alpen zu treiben , wenn Cethegus auf den Trümmern des Frankenreichs zu Aurelianum und Paris die Herrschaft des römischen Imperators über das Abendland wieder aufgerichtet hatte , dann war der Versuch nicht mehr zu kühn , auch das losgerissene Ostreich zurückzuzwingen zum Gehorsam unter das ewige Rom und die Weltherrschaft am Strand des Tibers da fortzuführen , wo sie Trajan und Hadrian gelassen . - Doch um diese fernher leuchtenden Ziele zu erreichen , mußte jeder nächste Schritt auf dem schwindelsteilen Pfad mit größter Vorsicht geschehen : jedes Straucheln mußte für immer verderben . Um Italien zu beherrschen , als Kaiser zu beherrschen , mußte Cethegus vor allem Rom haben : denn nur an Rom ließen sich jene Gedanken knüpfen . Deshalb wandte der neue Präfekt höchste Sorgfalt auf die ihm anvertraute Stadt : Rom sollte ihm moralisch und physisch eine Burg der Herrschaft werden , ihm allein gehörig und unentreißbar . Sein Amt bot ihm dazu die beste Gelegenheit : es war ja die Pflicht des Präfectus Urbi , für das Wohl der Bevölkerung , für Erhaltung und Sicherheit der Stadt zu sorgen . Cethegus verstand es meisterhaft , die Rechte , die in dieser Pflicht lagen , für seine Zwecke auszubeuten . leicht hatte er alle Stände für sich gewonnen : der Adel ehrte in ihm das Haupt der Katakombenverschwörung , über die Geistlichkeit herrschte er durch Silverius , der die rechte Hand und der von der öffentlichen Stimme bezeichnete Nachfolger des greisen Papstes war und dem Präfekten eine diesem selbst befremdliche Ergebenheit an den Tag legte . Das niedre Volk