Gott gesegne ' s ; magst nach Wien gehen und dich beim Karl werben lassen . Bist ein unerfahrener Mensch . Bist auch unser Landsmann nicht . « Ich mach ' meine Begrüßung und will mich kehren . » He , da ! « ruft er mir nach , schiebt mir das Silbergeld vor . » Ich sage meinen Dank . Das Geld brauch ' ich nicht . « Jetzund , wie ich gesagt , hebt dem Mann das Aug ' an zu glühen : » Das ist wacker , das ist brav , « ruft er . » Kannst schreiben ? Brauch ' einen Schreiber , der eine gute Schrift und ein gutes Gewissen hat . « » Mein Gewissen ist auch für einen Soldaten gut genug , « sage ich finster . » He , Seppli ! « ruft drauf der Hofer , » weis ' dem Mann Messer und Stutzen bei ! - Schau , das ist brav ! « er preßt mir die Hand , » Arbeit werden wir schon kriegen , selbander . « Ich bin Kriegsmann , Tirolerschütz ' . Arbeit hat es bald gegeben . Die Franzosen und die Bayern und etwan auch die Österreicher hinten haben es nicht gelitten , daß in der Burg zu Innsbruck ein Bauer sollt ' König sein . Mit Haufen ist der früher von den Tirolern dreimal geschlagene Feind eingebrochen ins Land . Der Stutzen ist mir besser in die Hand gegangen , als ich vermeint . All Vergangenes hab ich vergessen , nur meinen Freund Heinrich hätt ' ich an der Seit ' mögen haben gegen den Feind . Eine welsche Fahne hab ' ich genommen , und wie ich die zweit ' will holen , haben sie mich ertappt . Drei bärtige Franzosen haben mir wütenden Knaben lachend das Wehrzeug abgenommen .... Gefangen haben sie mich dann davongeschleppt , durch das Bayern- und Schwabenland hinein in das Frankenreich . Ich mag die Zeit nicht wieder beschreiben . Eine Hundenot ist es gewesen . Eine Hundenot , nicht weil ich drei Jahr ' lang gelegen bin in der Gefangenschaft eines fremden Landes ; sondern weil ich ein Empörer gegen mein eigen Land . Gegen unseres Kaisers Willen - hat es geheißen - hätten sich die Tiroler erhoben , denn von seiner Hand seien sie den Bayern zugeteilt gewesen . Deutsche Landsleute selber haben es gesagt , und so ist mein Herzensunglück angegangen . - Anstatt ein Heldenwerk hast du eine böse Tat vollführen helfen , Andreas ; als Empörer liegst du in Ketten . Von einem großen Feldzug nach Rußland und ins Morgenland hinein wird gesprochen . Selbunter werde ich , wie viele andere meiner Landsleute , frei . Viele andere haben der Heimat zugestrebt . Ich weiß von einer Heimat nichts ; darf nichts wissen . Blutarme Narren , wie ich einer bin , sind in der Heimat übler daran als anderswo . Und als Empörer , der ich nun bin , kehre ich schon gar nicht heim . Ich will das arge Fehl sühnen , daß ich gegen den großen Feldherrn rechtlos die Waffen geführt , ich will mit seinen Scharen ziehen , um die Völker des Morgenlandes befreien und der Hut des Abendlandes unterordnen zu helfen . - Ein großes Ziel , Andreas , aber ein weiter Weg ! Die Deutschen haben uns den Weg schwer gemacht , aber der Feldherr ist wie ein Blitz hingefahren in die zerrissenen Völkerfetzen , die keinen großen Gedanken gehabt und keine große Tat . Und das Heer der Russen haben wir vor uns hingeschoben über die wilden Steppen und endlosen Schneeheiden , viele Wochen lang . Aber zu Moskau hat der Russe den Feuerbrand geschleudert zwischen sich und uns , mitten in seine eigene Hauptstadt hinein . - Jetzund stehen wir tief im Lande des ewigen Winters , und sind ohne Halt und Stätte und Mittel . Mensch und Schöpfung allmitsamt ist unser Feind gewesen . Da hat ' s der Feldherr gesehen , es geht bös ' in die Brüch ' , und wir haben uns zur Umkehr gewendet . - Ach großer Gott ! Die weiten Sturmwüsten , die hundert Eisströme , die unendlichen Schneefelder , die gewesen sind zwischen uns und dem Vaterland ! - Wer marschieren kann und seine erstarrten Beine mag abschleifen bis auf die Knie ; wer dem sterbenden Gefährten den letzten Fetzen vom Leib mag reißen , um sich selber zu decken ; wer das warme Blut will saugen aus seinen eigenen Adern und das Fleisch von gefallenen Rossen und getöteten Wölfen will verzehren ; wer mit den Decken des Schnees sich kann erwärmen und mit den Wellen des Wassers und mit den Schollen des Eises versteht zu ringen , und obendrein den Schreck und den Gram und die Verzweiflung weiß zu besiegen - vielleicht , daß er seine Heimat sieht . Erstarrt wie mein Leib ist meine Seel ' und mein Gedanken - in einer Wildnis , unter den schneebelasteten Ästen einer Tanne bin ich liegen geblieben .... Ein räucherig Holzgelaß , und ein lebendig Feuer , und ein langbärtiger Mann und ein braunfärbig Mädchen haben mich umgeben , als ich erwacht bin auf einem Lager von Moos . Eine Pelzhaut ist auf meinem Körper gelegen . Draußen hat es wie ein Wasser oder wie ein Sturm . - Das sind gute , freundliche Augen gewesen , die aus den zwei Menschen mich angeschaut haben . Der Mann hat des Feuers gepflegt ; das Mädchen hat mir Milch in den Mund geflößt . In ihrer rauhen Sprache haben sie Worte gewechselt ; ich hab ' kein einziges verstanden . An Heinrich habe ich gedacht , an den lieben Laut seiner Worte .... Mein Leib hat mich geschmerzt ; der Mann hat ihn in ein nasses Tuch geschlagen . Das Mädchen hat mir ein kleines Kreuz mit zwei Gegenbalken vor die Augen gehalten und dabei etwas gemurmelt wie ein Gebet . - Sie betet den Sterbesegen , Andreas ! Du liebes Freundeshaus in Feindesland , was in dir weiter mit mir gewesen ist , das weiß ich nicht mehr zu denken . Das braune Mädchen hat seine Hand oftmals an meine Stirne gelegt . Wär ' s dazumal dazu gekommen , es wär ' ein schönes Sterben gewesen . Es hat sich anders zugetragen . Noch heute hör ' ich den Schlag , der die Hüttentür hat zertrümmert . Kriegsgefährten sind eingedrungen , haben den alten Mann mißhandelt und das braunfärbige Mädchen von meinem Lager gestoßen . Mich haben sie davongetragen , hin durch den Sturm und hin durch die Wildnisse - dem Heere nach . Mir aber ist gewesen , als täten sie mich schleppen aus der Heimat fort .... Gottes ist die Welt überall . Aber die Gefährten haben mich nicht zurückgelassen ; das hat mich doch wieder im Herzen gefreut . Fest und treu will ich sein , will zu ihnen halten und meinem großen Feldherrn dienen . Am Rhein bin ich genesen . Und zur neuen Frühjahrszeit ein neues Leben hab ' ich in mir empfunden . Ein Bursch , der dreiundzwanzig Jahre zählt , hab ' ich geglüht für das Hohe und Rechte , für das Gemeinsame , für die Menschenbrüder aller Himmelsstriche ; hab ' in Begeisterung mit meinen Scharen ausgerufen : » Ein Gott im Himmel und ein Herr auf Erden ! « Er ist der Befreier , der Fürstenhader muß enden . Die Stämme müssen ein großes einiges Volk werden ! - Solche Gedanken haben mich begeistert . Des Feldherrn finsteres Aug ' , wie ein Blitz in der Nacht , hat uns alle entflammt . Gegen das Sachsenland sind wir gezogen , um dort den Streit für unseren Herrn auszukämpfen , und das schöne deutsche Land unter seinen Schutz zu stellen . Bei Lützen hab ' ich einem welschen Feldherrn das Leben geschützt ; vor Dresden hab ' ich dem Blücher das Roß niedergeschossen ; bei Leipzig hab ' ich meinen Heinrich erschossen .... - - - - - - - - - - - » Andreas ! « das ist sein Todesschrei gewesen . An dem hab ' ich ihn erkannt . Mitten aus der Brust ist der Blutquell gesprungen . - - Jetzt kommt mir die Besinnung . Mein Gewehr hab ' ich um einen Stein geschlagen , daß es zerschmettert ; waffenlos bin ich in die Schlacht gerast ; mit seinem eigenen Schwert hab ' ich einem Franzosenführer den Schädel gespalten . Was hat ' s genützt ? Ich hab ' doch gegen mein Vaterland gestritten , gegen die Brüder , die meine Sprache reden , während ich meine welschen Gefährten kaum verstanden . Und ich hab ' meinen Heinrich erschossen . Ach , wie spät gehen mir die Augen auf ! - Bist ein unerfahrener Mensch . Geh ' nach Wien zum Karl ! - Du getreuer Hofer , hätt ' ich deinen Wink befolgt ! - Deine Fahne ist gut gewesen , und herrlicher , als alle anderen im weiten Land . Von der Stund ' an , da mir der Glauben an sie aus dem Herzen gerissen worden , ist mein Unglück angegangen . Die Lieb ' zur freien Welt hat mich in die Gefangenschaft gebracht ; mein freiwillig Büßen hat mich in Schuld gestürzt ; die Treue zu meinem Feldherrn und die Sehnsucht nach einem Großen und Gemeinsamen hat mich zum Verräter meines Vaterlandes , zum Mörder meines Freundes gemacht . - Andreas , wenn schon die Tugend dich dahin geführt , wohin erst hätte dich böse Absicht gestürzt ? - Den treuen Führer hast du stolz abgelehnt , da hat dir Erfahrung und Führung gemangelt . - Andreas ! du hast dich dem Handwerk und der Wissenschaft und dem Soldatenleben zugewendet ; Elend , Wirrnis und Reue hast du geerntet . Fremde Menschen haben dich gehegt und gepflegt wie einen Sohn und Bruder ; sie sind dafür mißhandelt worden . Du bringst der Welt und den Menschen nichts Gutes ; Andreas , du mußt in die tiefste Wildnis gehen und ein Einsiedler sein ! - Im Sachsenlande , unter dem Balken einer Windmühle hab ' ich mir diese Wahrheiten gesagt . Und danach bin ich davon , bin geflohen durch das Böhmen- und Österreicherland , bin nach vielen Tagen in die Stadt Salzburg gekommen . Daß in dieser Stadt mich armen , kranken , herabgekommenen Gesellen noch wer erkennen sollt ' hab ' ich nicht gefürchtet . Im Peters-Friedhofe liegt mein Vater begraben , den Hügel hab ' ich sehen wollen , ehe ich mir die Höhle suche in einer verlassenen Waldschlucht der Heimat . Und wie ich so auf der kalten gefrorenen Erden liege und weinen kann aus dem Herzen , über mein noch so blutjunges und so unglückseliges Leben , da kommt ein Herr zwischen den Gräbern gegangen , frägt nach meiner Kümmernis und schlägt die Hände zusammen . » Erdmann , « ruft er aus , » Sie hier ? Und wie sehen Sie aus ! Kaum vier Jahre davon und kaum mehr zu erkennen ! « Herr von Schrankenheim steht vor mir , der Vater meines einstigen Zöglings . Ich bin mit ihm zwischen den Hügeln auf und ab gegangen , hab ' ihm alles erzählt . Mit fast hartem Ernst drückt mir der Mann Geld in die Hand : » Da , schaffen Sie sich Kleider und kommen Sie dann in mein Haus . - Einsiedler werden , pah , das ist kein Gedanke für einen jungen , braven Burschen . Ihre Kleinmut müssen Sie überwinden , ein weiteres wird sich geben . « Mit großer Angst bin ich in sein Haus gegangen ; denn die eine Narrheit hab ' ich noch nicht überwunden gehabt . Der Herr von Schrankenheim hat mich seinem Sohne vorgestellt . Das ist schon ein recht hochgewachsener , zierlicher Herr geworden . Die Hände am Rücken , hat er eine stille Verbeugung vor mir gemacht und nach kurzer Weile noch eine , und ist abgetreten . Hierauf hat mich der Vater in sein Arbeitsgemach geführt , hat mich auf den weichsten Sessel niedersitzen geheißen . » Erdmann , « hebt er nachher an zu reden , » ist es Ihr wahrhaftiger Ernst , daß Sie in die Wildnis gehen und Einsiedler werden wollen ? « » Das ist für mich das Beste , « antworte ich , » ich tauge nicht unter die Menschen , die in Lust und Freuden leben ; mich haben die wenigen Jahre meiner Jugend herumgeworfen in Irren und Wirren , von einem Land in das andere , und in der Völker Not . Herr , ich kenne die Welt und bin ihrer satt . « » Sie sind kaum an die vierundzwanzig Jahre und noch nicht auf der Höhe ihrer Kraft ; und Sie wollen verzichten auf die Dienste , die Sie den Mitmenschen würden leisten können ? « Da horche ich auf ; das Wort faßt mich an . » Wenn Sie meinen , Sie haben bislang nur übles gestiftet , warum wollen Sie sich aus dem Staube machen , ohne der Welt , dem Gemeinsamen auch das Gute zu geben , das gewiß in reichem Maße in Ihnen schlummert ? « Da erhebe ich mich von meinem Sitze : » Herr , so weisen Sie mir die Wege dazu ! « » Wohlan , « sagt der Herr von Schrankenheim , » vielleicht kann ich es , wenn Sie wieder Platz nehmen und mich anhören wollen . - Erdmann , ich wüßte eine tiefe und wahrhaftige Einsiedelei , in welcher man den Menschen dienen und vielleicht Großes für das Gemeinsame wirken könnte . Weit von hier , drinnen in den Alpen , dehnen sich zwischen Felsgebirgen große Waldungen , in welchen Hirten , Schützen , Holzschläger , Kohlenbrenner beschäftigt sind , in welchen auch andere Menschen wohnen , wie sie sich etwa redlich zurückgezogen , oder unredlich geflüchtet haben , und die nun durch erlaubten oder unerlaubten Erwerb ihr Leben fristen . Wohl wahr , es sind finstere Menschen , in deren Herzen das Unglück oder noch was Ärgeres nagt . Sie haben weder einen Priester , noch einen Arzt , noch einen Schullehrer in ihrer Nähe ; sie sind ganz verlassen und abgesondert , und nur auf ihre Unbeholfenheit und auf ihr eigenes ungezügeltes Wesen angewiesen . - Ich bin der Eigentümer der Waldungen . Ich habe seit längerer Zeit schon die Absicht , einen Mann in diese Gegend zu senden , der die Bewohner derselben ein wenig leite , ihnen mit redlichem Rate beistehe und die Kinder im Lesen und Schreiben unterrichte . Der Mann tönnte sich gar sehr verdient machen . Es findet sich wahrhaftig so leicht keiner dafür ; es wäre denn einer , der weltsatt in der Einsamkeit leben und doch für die Menschen wirken wolle . - Erdmann , was meinen Sie dazu ? « Nach diesen Worten ist mir jählings gewesen , als ob ich sogleich meine Hand hinhalten und sagen müßte : Ich bin der Mann dazu . Mit den Zuständen dieser alten Welt zerfallen , will ich in der Wildnis eine neue gründen . Eine neue Schule , eine neue Gemeine - ein neues Leben . Lasset mich heute noch hinziehen ! - So ist das Feuer doch nicht ganz tot ; es sind aus der Asche Funken gestoben . » Wir haben den Winter vor der Tür , « redet der Herr weiter , » Sie bleiben den Winter über in meinem Hause und pflegen reiflicher Überlegung , und wenn wieder der Sommer kommt , und es gefällt Ihnen mein Antrag noch , so gehen Sie in die Wälder . « So oft ich im Vorzimmer ein Kleid hab ' rauschen gehört , bin ich erschrocken , und letztlich hab ' ich den Herrn gebeten , er möge mich über den Winter ziehen lassen ; mit den Schwalben würde ich wieder kommen und seinen Vorschlag annehmen . Er hat sich ' s nicht nehmen lassen , mir die » Mittel « für den Winter zu spenden ; dann aber bin ich geflohen . Im Vorsaale ist eine Frauengestalt gestanden , an der bin ich vorübergehuscht wie ein Wicht . Einen Tag bin ich gewandert , bis ans Waldland an den See , wo meine Kindheit und meine Mutter begraben liegt . Und hier im Ort hab ' ich mir für den Winter ein Stübchen gemietet . Oftmals steige ich die Schneelehnen hinan und stehe unter bemoosten Bäumen , wo es mir ist , als sei ich einmal mit meiner Mutter , mit meinem Vater gestanden ; oftmals gehe ich über den gefrorenen See und denke an die Tage , in welchen ich im Kahn bei Vater und Mutter über die weichen Wellen gefahren bin . Das Abendrot ist auf den Bergen gestanden , der Sangschall einer Almerin hat an die Wände geschlagen . Mein Vater und meine Mutter haben auch gesungen . Das ist voreh gewesen ; voreh .... Ich bin in Frankreich auf der Festung gelegen ; ich bin krank und sterbend in den Wüsten Rußlands geirrt , und nun leb ' ich in dir , du stilles , trautes Stübchen am See . - Es wär ' ja alles gut , die Zeit der Not versinkt wie ein Traumbild ; - nur du solltest nimmer aufgegangen sein unglückseliger Tag im Sachsenland , du wirst mich ewig brennen . - Heinrich , ich fürchte mich nicht vor deiner Grabgestalt ; nur ein einzigmal tritt zu mir ; daß ich dir sag ' : es ist in Blindheit geschehen , ich kann nicht mehr anders - mit meinem Leben will ich ' s löschen .... Nun ist es gut . Ich habe mich seit vielen Tagen geprüft ; habe mein Vorleben erforscht und es in kurzen Worten hier aufgeschrieben , auf daß es mir stets um so klarer vor Augen liege , wenn neue Wirrnis und Trübsal über mich kommen wird . Ich denke wohl , daß ich die Schule des Lebens vielleicht um ein Weniges besser bestehen mag , als die Schule der Bücher und toten Lehrsätze . Ich bin zur Erkenntnis gekommen und mein Gemüt ist ruhig geworden . Wie ich meine Erlebnisse und Verhältnisse , meine Eigenschaften und Neigungen genau überdacht habe , so glaube ich , es ist keine Vermessenheit , den Vorschlag des Freiherrn von Schrankenheim anzunehmen . Bin ich von außen gleichwohl noch recht jung , von innen bin ich hochbetagt . Von einem alten Mann ein guter Rat wohl den Waldleuten willkommen sein . Salzburg . Am Tage des heiligen Antoni von Padua 1814 . Es ist richtig , ich gehe in den Wald . Ich bin ausgerüstet und mit allem fertig . Der Freiherr hat mir in allem seinen Beistand zugesagt . Sein Sohn Hermann hat mich wieder mit einer freundlichen Verbeugung begrüßt . Der junge Herr ist ein wenig blaß ; er wird viel lernen . Seine Schwester .... ( Hier waren in der Urschrift zwei Zeilen so vielfach durchstrichen , daß sie vollständig unlesbar geworden sind . ) Meiner Muhme soll es wohl gehen . Ich habe ihr nicht das Leid antun mögen , das sie bei meinem Aussehen und Vorhaben empfunden hätte ; habe sie nicht mehr besucht . Nun bläst das Posthorn . Lebe wohl , du schöne Stadt . Schon drei Tage auf der Reise . Das ist doch ein freundlicheres Wandern , wie jenes auf den Wintersteppen . Vorgestern hat grünes Hügelland mit malerischen Gebirgsgegenden gewechselt . Gestern sind wir in ein breites Tal gekommen . Heute geht es fort Berg auf und ab , durch Wälder und Schluchten und an Felswänden hin . Jetzt wird die Straße allweg schmaler und holperiger ; zuweilen müssen wir aus dem Wagen steigen und niedergebrochene Steinblöcke beseitigen , daß wir weiter fahren können . Gemsen und Rehe sehen wir mehr , als Menschen . Die heutige Nachtherberge habe ich schuldig bleiben müssen . Die Geldnote , die ich bei mir habe , können die Leute dieser Gegend nicht wechseln . Ich hätte dem Wirt ein Pfand gelassen , aber er hat gemeint , wenn es sei , wie ich sage , daß ich in die Wälder der Winkelwässer gehe und alldorten verbleibe , so würde sich wohl einmal eine Gelegenheit bieten , ihm den geringen Betrag zuzuschicken . Es käme zuzeiten ein Bote aus jenen Waldungen gegangen , der dies gerne besorge . - Die Geldnoten muß ich dem Herrn zurückschicken und um kleine Münzen bitten . An diesem vierten Tage bin ich ausgesetzt worden . Die Postkutsche ist ihren Weg weiter gerollt ; ich habe noch eine Weile das helle Horn klingen gehört im Walde , darauf ist alles still gewesen und ich sitze da bei meinem Bündel , mitten in der Wildnis . Durch die Waldschlucht rauscht ein Bach heraus , der die Winkel heißen soll , und dem entlang ein Fußsteig geht . Er geht über Gestein und Wurzeln , ist mit dürren Fichtennadeln vergangener Jahre besät und sieht aus wie von wilden Tieren getreten . Diesen Weg muß ich wandeln . Dort , durch die Wipfel sehe ich eine weiße Tafel blinken , das ist ein Schneefeld . - Und da drin sollen noch Menschen wohnen ? - - - So weit hatte ich in den Schriften gelesen , da läutete es auf dem Turme zum Zeichen der zwölften Stunde . Gleich darauf klopfte es ans Fenster : Die Wirtin schicke mir einen Regenschirm , wenn ich zum Essen gehen wolle . - Es strömte der Regen und in grauen Strähnen rieselte es vom Dache . Nach Tische las ich weiter . Im Winkel So will ich alles aufschreiben . Für wen , das weiß ich nicht ; etwan für den lieben Gott , wie vormaleinst das Brieflein , als mein Vater gestorben . All das Seltsame und Bewegende , das ich erlebe , müßt ' mir das Herz zersprengen dürft ' ich es nicht ausplaudern . Ich erzähle es dem Blatt Papier . Vielleicht findet sich dereinst ein Mensch , dem ich ' s mag vertrauen , und sollt ' er mich auch nur zum halben Teil erkennen . Ihr stillen weißen Blätter wollt jetzund meine Freunde sein und teilnehmen an den Tagen , die mir nun kommen mögen . Ich trag ' heute noch ein dunkles Haar , und ihr seid grau zumal ; etwan überlebt ihr mich weit und seid mein zukünftig Geschlecht . Ein Blättchen Papier kann älter werden , Wie das frischeste Maiblatt auf Gottes Erden , Wie das flinkeste Gemslein am Felsenwall , Wie das lockige Kind im lieblichen Tal Ein Blättchen Papier weiß und mild Ist oft das treueste einzige Bild , Das der Mensch zurückläßt künftigen Zeiten , Da über seinen Staub die Urenkel schreiten . Das Gebein ist zerstreut , der Grabstein verwittert , Das Haus zerfallen , die Werke zersplittert ; Wer weist in der ewigen , großen Natur , In der wir gewaltet , unsere Spur ? Neue Menschen ringen mit neuem Geschick , Keiner denkt an die alten zurück . Da ist ein Blatt mit seinen bleichen Tintenstrichen oft das einzige Zeichen , Von dem Wesen , das einst gelebt und gelitten , Gelacht , geweint , genossen , gestritten ; Und der Gedanke , dem Herzen entsprossen In Schmerz oder Lust und tollen Possen , Sinkt hier nieder , und der Ewigkeit Kuß Verhärtet ihn zu einem ehernen Guß . O , möge er geläutert in fernen Zeiten Wieder in die Herzen der Menschen gleiten ! Meine Ankunft hier ist an einem Samstag gewesen . Als ich am Winkelbach hereingestolpert bin , ist mir schon hie und da so ein Waldteufel begegnet , wie sie braun und bärtig , voll Moos und Harz in ihren Lodenkitteln hier herumgehen . Sie sind wie heimlose dürrästige Baumstrünke , die nach einem frischen Erdboden suchen , auf dem sie wieder wachsen und gedeihen mögen . Da sind sie gerne vor mir stehen geblieben , haben mit Schwamm und Stein Tabakfeuer geschlagen und mich finster oder verwundert angeschaut . Mancher Augen haben so Funken geworfen , wie ihre Feuersteine . Andere sind wieder treuherzig und weisen mir den Weg . Ein sehr derber und sehr stämmiger Bursche , der eine Rückentrage mit Säge , Axt , Mehlkübel und anderen Dingen getragen hat , ist , als er mich des Weges schreiten sieht , mißtrauisch beiseite gestanden und hat gemurmelt : » Gelobt sei Jesu Christ ! « » In Ewigkeit , Amen ! « ist meine Antwort , und als er diese hört , wird er zutraulich und geht eine Strecke mit mir . Endlich öffnet sich ein wenig das Tal . Es ist ein kleiner Kessel , in welchen aus verschiedenen Schluchten , und über das Gewände hernieder , das sich zu meiner linken Hand erhebt , Wässer zusammenfließen . Diese bilden die Winkel . Hier ist ein sehr dicker , oberseitig plattgehackter Baumstamm über den Bach gelegt , auf welchem der Fußsteig hinüberführt zu einem hölzernen Hause , das am Waldhange steht . Das ist die Försterschaft , das einzige größere Haus in diesen Wäldern . Weiterhin in den Gräben und Hochtälern sind Hirten- oder Holzschlägerwohnungen , und jenseits der bewaldeten Bergrücken , wo schon große Blößen geschlagen sind und ein Kohlenweg angelegt ist , stehen Dörfer von Köhlerhütten . Dieses kleine Tal heißen sie » im Winkel « . Es ist noch fast in der Urtümlichkeit , nur daß das stattliche Haus mit seiner kleinen , häuslichen Umgebung darin steht und der Fußpfad und der Steg dahin führt . Das Försterhaus nennen sie auch das Winkelhüterhaus . Ich bin in dasselbe gegangen , habe in dem Flur mein Bündel auf eine Truhe gestellt und mich selbst daneben hingesetzt . Der Förster ist just mit Arbeitsleuten beschäftigt , die ihre Rait , das heißt , ihren vierwöchentlichen Arbeitslohn einheben , wie es bei den Holzleuten so Herkommen ist . Der Förster , ein sehr herrischer und ein sehr rotbärtiger Mann , hat die Leute rauh und kurz abgefertigt ; und die Leute haben sich die Rauheit sehr gerne gefallen lassen und gar artig schweigsam ihr Geld eingestrichen . Nachdem das Geschäft geschlichtet worden , steht der Förster auf und reckt seine stämmigen Glieder , die in echter und rechter Jägertracht stecken . So trete ich jetzund zu ihm und überreiche ihm ein Schreiben , das ich von dem Eigentümer der Wälder mitgebracht habe . In diesem Schreiben wird alles Wesentliche gestanden sein . Es ist mir eine gut eingerichtete Stube angewiesen worden . Eine kernige Frau , die da ist und umsichtig alles ordnet , wie es ihr scheint , daß es nötig und gut , ist mit in die Seiten gestemmten Armen jählings vor meiner offen Tür stehen geblieben und hat laut und hell gerufen : » Jerum , jerum , so schaut ein Schulmeister aus ? ! « Sie hat in ihrem Leben noch keinen Schulmeister gesehen . Ich bin bald eingerichtet , habe meine mitgebrachten Habseligkeiten in Ordnung . Da tritt der Förster in meine Stube . Er hat schier höflich angeklopft . Er besieht meine Wohnung und frägt : » Ist sie Euch gut genug ? « » Sie ist gut und wohnlich . « » Seid Ihr zufrieden ? « » Ich hoffe , daß ich es sein werde . « » So wird es recht sein . « Darauf geht er mehrmals über die Dielen auf und ab und die beiden Hände in die Hosentaschen gesteckt , bleibt er letztlich vor mir stehen : » Und nun seht zu , wie Ihr anheben und fortkommen mögt . Ich gehe morgen davon und komm nur jeden Samstag in das Winkel herein . Die übrigen Tage habe ich in anderen Gegenden zu schaffen , meine Wohnung ist in Holdenschlag , vier Wegstunden von hier . - Gleich eine Schule aufrichten , lieber Mann , das schlagt Euch wohl aus dem Kopfe . Erst müssen wir mit den Alten fertig werden . Ihr , ich sag ' s , das sind Steinschädel ! Und daß Ihr ' s nur gleich wißt , wir haben allerhand Leut ' in unseren Wäldern . Nachweisen läßt sich keiner was Arges , aber sie sind hergezogen von Aufgang und Niedergang - wesweg , das weiß der Herrgott . Zumeist sind es wohl Bauersleut ' von den vorderen Gegenden herein , die sich in die Wälder geflüchtet haben , um der Wehrpflicht zu entrinnen . Gibt auch Gesellen unter ihnen , denen man in der dunklen Nacht nicht gerne begegnet . Wildschützen sind sie alle . Solange sie nur auf das Tier des Waldes schießen , lassen wir sie frei herumgehen ; das ist nicht zu ändern und man braucht ihrer Hände Arbeit . Wenn sie aber auch einmal einen Jäger niederbrennen , dann lassen wir sie aus dem Wald führen . Beweibet sind meisten , aber jeder hat die Seine nicht vom Traualtar geholt . Werdet Leute antreffen , die in diesem Jahrhundert noch keine Kirchenglocke gehört und keinen Chorrock gesehen haben . Werdet bald merken , was das bei den Leuten für Folgen hat . - Tut es , auf welche Weise Ihr glaubt , aber Ihr müßt vorerst die Leute kennen lernen . Und wenn Ihr dann meint , Ihr würdet auf sie einzuwirken vermögen , dann werden wir Euch darin unterstützen . Ihr seid noch recht jung , mein Freund , gebt ach und seid gescheit ! - Wenn Ihr wollt , so nehmt Euch die erste Zeit einen Buben , der Euch mit der Gegend bekannt macht . Und wenn Ihr was benötigt , so wendet Euch an mich . Gehabt Euch wohl ! « Nach diesen Worten ist er davongegangen . Das scheint es , ist nun mein Herr ; möge er auch mein Schützer sein ! Schon in der ersten Nacht habe ich in dem Strohbette sehr gut geschlafen . Das Rauschen , das