erleichtert auf . » Ich meinte schon , du seiest mir nun auch abgewandt und mit ihm hinweggegangen in Haß und Verachtung . « Ich protestierte . » So darfst du nicht denken , Großmutter ! « rief ich lebhaft . » Er hat mich zu dir geschickt und ist unsäglich gut , und ich - ich weiß gar nicht einmal , wie es ist , wenn man haßt und verachtet . « » Das heißt , du liebst die ganze Welt , « sagte sie schwach lächelnd . » Ach ja , das habe ich dir ja gesagt ! Ilse und Heinz , und Spitz und Mieke , und die gute , alte Föhre drüben auf dem Hügel und den blauen Himmel - « Ich verstummte plötzlich und schämte mich - es war ja nicht wahr , was ich da sagte ; diese volle hingebende , friedsame Liebe für die ganze Welt besaß ich gar nicht mehr ! Gerade heute war ich ein zorniges , ungebärdiges Geschöpf gewesen - sollte ich ihr das sagen ? Ich saß wieder auf dem Bettrand , und sie hielt in ihrer Rechten meine Hand ; die Finger umschlossen sie so fest , als sollte sie nie , nie wieder losgelassen werden - dabei sanken ihr langsam die Lider über die Augen . Sie hatte vorhin so kraftvoll und energisch gesprochen , und ich war so über alle Begriffe unerfahren , daß ich bei diesem Anblick nicht im entferntesten mehr an Erschöpfung dachte ; aber nun legte ich auch meine Linke liebkosend um ihr Handgelenk ; ich wußte recht gut , daß da der Lebensstrom in regelmäßigem Takt unaufhörlich klopfen mußte - zu meiner tiefsten Bestürzung wurde mir allmählich klar , daß es unheimlich still unter dieser kalten Hand blieb ; nur selten , nach langen , herzbeklemmenden Pausen , schlug es einmal kurz und hart an meine Fingerspitzen . » Wir sind wie der Thon in der Hand des Töpfers , « flüsterte sie plötzlich . » Was sind wir , was ist unser Leben , alle unsere Herrlichkeit ? « Sie stöhnte auf . » Aber du bist unser Vater , und wir sind deine Kinder , erbarme dich unser , wie sich ein Vater seiner Kinder erbarmt - « Sie schwieg wieder ; mich aber überfiel eine unbeschreibliche Angst , ich hätte alles darum gegeben , diese geschlossenen Augen offen zu sehen , und legte leise meine Lippen auf ihre Stirne . Sie fuhr empor , sah mich aber liebevoll und zärtlich an . » Geh , rufe mir Ilse ! « sagte sie schwach . Ich sprang auf , und in demselben Augenblick rasselte zu meiner unaussprechlichen Erleichterung ein Wagen über das Pflaster des Hofes . Gleich darauf trat Ilse in Begleitung eines Herrn in das Zimmer . » Der Herr Doktor ist da , gnädige Frau ! « sagte sie und ließ den Arzt an das Bett treten . Das Gesicht meiner Großmutter zeigte sofort wieder einen festen , gespannten Ausdruck . Sie schob dem Arzt die Rechte hin , um sich den Puls untersuchen zu lassen , und sah ihn aufmerksam an . » Wieviel Zeit geben Sie mir noch ? « fragte sie kurz und bestimmt . Er schwieg einen Moment betroffen und vermied es , ihrem Blick zu begegnen . » Wir wollen einen Versuch machen - « sagte er zögernd . » Nein , nein , bemühen Sie sich nicht ! « unterbrach sie ihn . Sie sah mit einem schattenhaften Lächeln an der linken Körperseite nieder . » Das ist bereits dem Staub verfallen ! « sagte sie kalt . » Wieviel Zeit geben Sie mir noch ? « wiederholte sie unabweisbar nachdrücklich mit geschärfter Stimme . » Nun denn - eine Stunde . « Mir stürzte ein Thränenstrom aus den Augen , und Ilse flüchtete an ein Fenster und preßte das Gesicht gegen die Scheiben . Nur meine Großmutter blieb vollkommen ruhig . Ihre Augen hefteten sich auf den Silberleuchter an der Decke . » Zünde an , Ilse ! « gebot sie , und während diese auf einen Stuhl stieg und Flämmchen um Flämmchen unter ihren Händen aufflackerten , wandte sich die Kranke zu dem Arzt . » Ich danke Ihnen , daß Sie gekommen sind , « sagte sie , » und möchte Sie noch um einen letzten Liebesdienst bitten - würden Sie die Güte haben , niederzuschreiben , was ich diktieren werde ? « » Von Herzen gern , gnädige Frau ; aber falls es sich um einen letzten Willen handeln sollte , so muß ich darauf aufmerksam machen , daß er ungültig sein wird ohne gerichtliche - « » Ich weiß das , « unterbrach sie ihn . » Allein dazu verbleibt keine Zeit . Meinem Sohn wird und muß mein letzter Wille auch in dieser Form genügen . « Ilse brachte Schreibgerät , und meine Großmutter diktierte . » Ich vermache Ilse Wichel den Dierkhof mit seinen vollen Einrichtungen und Liegenschaften ... « » Nein , nein - « schrie Ilse angstvoll und erschrocken auf , » das leide ich nicht ! « Meine Großmutter warf ihr einen strengen , zurechtweisenden Blick zu und sprach unbeirrt weiter : » ... als einen Beweis meiner Dankbarkeit für ihre unbegrenzte Hingebung und Aufopferung ... Ich vermache ferner meiner Enkelin , Leonore von Sassen , was ich an Staatspapieren noch besitze , und darf niemand , wer es auch sei , ein Recht daran erheben . « Ilse war emporgefahren und sah erstaunt nach ihr hinüber . Die Kranke deutete auf einen Schrank . » Da drin muß ein Blechkasten stehen ... Nimm ihn heraus , Ilse ; ich habe völlig vergessen , wie viel er enthält . « Ilse öffnete den Schrank und stellte einen niedrigen Blechkasten auf den Tisch . Ein verrostetes Schlüsselchen steckte in dem Vorlegeschloß . » Es mag wohl lange , lange her sein , daß ich ihn nicht berührt habe , « murmelte die Kranke und hob matt die Rechte nach der Stirne . » Es ist finster in mir gewesen - ich weiß es ... Welches Jahr schreiben wir ? « » Das Jahr 1861 , « entgegnete der Arzt . » Ach , da mag manches dadrin verfallen und wertlos geworden sein ! « klagte sie , während er den Deckel zurückschlug . Auf den Wunsch der Kranken überzählte er die Papiere , die den Kasten bis an den Rand füllten . » Neuntausend Thaler , « berichtete er . » Neuntausend Thaler ! « wiederholte meine Großmutter befriedigt . » Sie genügen , um die Not abzuwehren ... Es muß auch noch eine kleine Schachtel in dem Kasten liegen . « Ich sah , wie Ilse den Kopf schüttelte über diese plötzliche Geistesklarheit , die so leicht da anknüpfte , wo vor vielen Jahren der glatte Faden des ungetrübten Denkens abgerissen war . Der Arzt nahm eine unscheinbare Holzschachtel aus dem Kasten - sie enthielt eine Perlenschnur . » Der letzte Rest der Jakobsohnschen Herrlichkeit ! « flüsterte die Kranke wehmütig vor sich hin . » Ilse , lege die Schnur um den kleinen braunen Hals dort ! ... Sie gehört zu deinem Gesicht , mein Kind ! « sagte sie zu mir , während ich leise in mich zusammenschauerte unter der kühlen , schmeichelnden Berührung . » Du hast die Augen deiner Mutter , aber die Jakobsohnschen Züge ... Das Band hat viel Familienglück und schöne friedliche Zeiten voll Glanz gesehen ; aber es ist auch mitgeflüchtet vor dem Scheiterhaufen und anderen grausamen Martern der christlichen Unduldsamkeit ! « Sie rang nach Atem . » Nun will ich unterschreiben ! « stieß sie nach einer Pause der Erschöpfung sichtlich beängstigt hervor . Der Doktor legte das Papier auf die Bettdecke und drückte die Feder in die steife Hand ... Sie war unsäglich mühselig , diese letzte irdische Handlung ; aber der Name , Klothilde von Sassen , geborene Jakobsohn , stand schließlich doch in ziemlich festen großen Zügen unter dem Dokument , das auch der Arzt als Zeuge mittels einiger Worte unterschrieb . » Weine nicht , mein Täubchen ! « tröstete sie mich . » Komme noch einmal her zu mir ! « Ich warf mich sprachlos am Bett nieder und küßte ihre Hand . Sie trug mir Grüße an meinen Vater auf und richtete ihre großen verschleierten Augen von meinem Gesichte hinweg fest und sprechend auf Ilse . » Das Kind darf nicht verkommen in der einsamen Heide ! « sagte sie bedeutsam . » Nein , gnädige Frau , dafür lassen Sie mich sorgen ! « versetzte die Angeredete in ihrer gewohnten knappen Kürze , obgleich ihr die Lippen schmerzlich zuckten und helle Thränen an ihren Wimpern hingen . Noch einmal glitt die kalte matte Hand liebkosend über mein Kinn , dann schob mich meine Großmutter sanft , aber doch in jener ängstlichen Hast , die mit jeder Sekunde geizt , von sich und sah starr nach einem der Fenster mit einem so seltsam ausdrucksvollen Blick , als wolle die Seele bereits mit ihm hinausfliegen in das All . » Christine , ich verzeihe ! « rief sie zweimal angestrengt in die Lüfte , in die weite Ferne hinaus ... Sie war fertig , gerüstet . Sichtlich beruhigt rückte sie den Kopf in die Kissen zurecht , wandte den Blick nach oben und begann feierlich inbrünstig , wenn auch mit erlöschender Stimme : » Höre , Israel , unser Herr , unser Gott ist ein Einziger und Einiger ! ... Gepriesen sei der Name seiner Herrlichkeit - « die Stimme erstarb in einem geflüsterten Hauch ; sie neigte sanft und langsam das Haupt seitwärts . » In Ewigkeit , Amen ! « vollendete der Arzt an Stelle des Mundes , der für immer verstummt war . Er drückte ihr mit sanfter Hand die Lider über die Augen . 7 Ich ging hinaus . Das erste tiefe Weh war über mich gekommen . Wie versteinert stand ich vor jenem unerbittlichen » Vorbei-für-immer « , das uns angesichts des ausgelöschten Lebens so völlig unglaublich erscheint . Mit der ganzen enthusiastischen Zärtlichkeit , die so leicht aus dem jugendlichen übervollen Gemüt hervorquillt , hatte ich mich an die neugeschenkte Großmutter gehangen . Ich durfte das unaussprechlich süße Gefühl kosten , welches mir sagte , die Hingebung meines kleinen Herzens werde heiß gewünscht - und nun marterte mich der Gedanke , daß ich nicht genug gegeben , daß ich meiner Großmutter bei weitem nicht überzeugend genug ausgesprochen habe , wie sehr ich sie lieben wolle . Es war mir Bedürfnis gewesen , ihr zu versichern , daß ich sie auf den Händen tragen werde , wenn sie erst wieder gesund sei - statt dessen hatte ich sorglos die ganze kostbare Zeit verstreichen lassen und kindischerweise von meiner Liebe für die ganze Welt gesprochen ... Das hatte sie gewiß am wenigsten hören wollen , sie , der man draußen in der Welt so furchtbar wehe gethan ... Und nun war sie gestorben , und ich konnte ihr dies alles nicht mehr sagen ... Zu spät ! Unsere ganze Ohnmacht und Hilflosigkeit liegt in dem niederschmetternden Wort ! Ich trat durch die Baumhofthür ins Freie . Ein kräftiger Luftstrom , noch mit den Spuren der Nachtfeuchte im Atem , strich über die Heide her . Er blies dem Torfsumpf die große federweiße Schlafhaube ab und verdünnte sie zum zarten Spitzenvorhang , hinter welchem das Sonnenfeuer aufzuglühen begann . Rotgolden färbten sich die rauschenden Eichenwipfel , und das kleine Giebelfenster des Dierkhofes fing an zu blinken . Wie trunken schwankten die Grashalme unter dem funkelnden Tau ; aber aufgerichtet hatten sich alle wieder , über die meine Großmutter heute nacht zum letztenmal hingeschritten war . Die Fenster des Sterbezimmers , die ich nie anders als halbverhüllt gekannt hatte , standen weit offen . Ich schwang mich auf die Brüstung und sah hinein . Das Zimmer war leer . Die Vorhänge , jetzt im schräg einfallenden Morgenlicht smaragdfarben schimmernd , waren nach der Wand zurückgeschlagen und ließen die Lüfte über das Bett hinstreichen ... Die mächtige Gestalt , der das Blut so heiß und ungestüm in den Adern gekreist hatte , dort lag sie hingestreckt unter dem weißen verhüllenden Tuche , nur kenntlich an der prächtigen grauen Flechte , die hervorgeschlüpft war und über den Bettrand hinabhing . Eine aufgescheuchte Brummfliege zog summend an mir vorüber , und auf dem Silberleuchter an der Decke züngelten die gelben Flammen der Wachskerzen im Luftzuge unruhig hin und her . Das war alles , was sich regte in dem weiten Zimmer , selbst die Uhr stand still . Dagegen erscholl nun das erwachende Leben aus dem Vorderhofe herüber . Die Hähne krähten ; Spitz fuhr kläffend unter die krakelnden und aufschreienden Hühner , und Mieke verlangte dumpfbrüllend nach der Hand , die ihr das strotzende Euter entleerte . Ueber das Dach her kam die Hauskatze ; sie sprang geräuschlos in das Gras des Baumhofes und schlich mit grünfunkelnden Augen unter den Ebereschenbaum , auf welchem ein kleiner Vogel sorglos zwitscherte . Ich bog eben um die Ecke und scheuchte sie fort . Und droben im Reisernest auf dem Dache wurde unter eifrigem Geklapper Toilette gemacht , dann rauschte das Storchenpaar hoch über meinem Haupte hin zum Frühstück nach dem Sumpfe - alles wie sonst ! Nur vor dem Hause schreckte mich Fremdes und Ungewohntes zurück - ein Pferd wieherte in die frische Morgenluft hinaus , und an der niedrigen Umzäunung des Hofes stand mit rückwärts verschränkten Armen der Doktor und schaute über die mit Tau und Sonnengold förmlich überschüttete Heide hin . Die kleine verstaubte Chaise , die ihn gebracht hatte , stand angeschirrt vor dem Hausthor , und drin auf der Flur sah ich Ilse stehen , fest und stramm wie immer . Sie hatte den Eßtisch sauber gedeckt , Tassen und Butterbrot auf der weißen Serviette geordnet und kochte Kaffee für den Arzt . Ich trat aufgeregt zu ihr . » Ilse , wie kannst du das nur ? Wie ist dir das möglich in einem solchen Augenblick ? « rief ich zornig vorwurfsvoll . » Sollen andere dursten und hungern , weil ich Schmerz habe ? « fragte sie scharf und strafend . » Hast heute nacht deine Großmutter sterben sehen und hast doch nicht von ihr gelernt , daß man in den schlimmsten Stunden den Kopf oben behalten soll ! « Tief beschämt legte ich meine Arme um ihren Hals ; denn das Gesicht , das sich mir erst jetzt voll zugewendet , schien wie erstarrt im Jammer , und das urgesunde Rot war bis auf den letzten Schein weggelöscht von den Wangen . Und doch rührten sich die Hände nach wie vor , und nicht die kleinste Pflicht durfte versäumt werden . Der Doktor kam herein und der Knecht , der ihn gefahren , auch ; ich ging ihnen aus dem Wege und trat wieder vor das Haus . Die Enten des Dierkhofes , sämtliche Schnäbel nach der Heide hinaus gerichtet , standen am geschlossenen Gatterthore der Einfriedigung ; sie warteten sehnsüchtig auf den Augenblick , wo es geöffnet wurde und sie hinausrennen und sich kopfüber in den Fluß stürzen durften . Nur eine balgte sich noch mit einem weißen , zerflatternden Klumpen im Hofe herum - da war ja der Brief , den meine Großmutter heute nacht vom Fleet aus fortgeschleudert , und welchen Ilse nachher so emsig gesucht hatte ! Er war bis vor das offene Hausthor geflogen . Ich öffnete den Enten das Gatter und nahm den befreiten Papierknäuel auf ; er sah übel zugerichtet aus ; das schmutzige Wagenrad war über ihn hingegangen , und der Entenschnabel hatte ihn halb zerfleischt . Auf das Bänkchen unter dem Ebereschenbaum flüchtend , machte ich mich daran , das Papier auf dem Knie zu glätten und die auseinanderfallenden Stücke zusammenzufügen . Es fehlte viel , zudem war die Handschrift eine sehr flüchtige ; unter großer Mühe entzifferte ich folgende Stellen : » Ich habe Dich nie belästigt , weil ich es Dir gegenüber für Ehrensache hielt , den eigenmächtig eingeschlagenen Weg auch selbständig zu gehen ... Die Verlorene hat alles gethan , damit kein Schatten ihrer Laufbahn auf Dich zurückfalle - nie ist mein eigentlicher Familienname gegen andere über meine Lippen gekommen , nie habe ich durch irgendwelche Erkundigungen nach Dir und meiner ehemaligen Heimat den Verdacht erregt , als sei ich mit den Sassens verwandt - es hätte sie wahrlich nicht geschändet ; denn - denke , wie Du willst - ich sage es dennoch mit Stolz , man hat mich einstimmig das Wunder , den glänzendsten Stern unserer Zeit genannt ... « Hier war ein Stück Papier abgerissen , es fehlte - aber auf der anderen Seite des Bogens las ich weiter : » Nun ist ein schweres Unglück über mich hereingebrochen - wohin soll ich gehen , wenn nicht zu Dir ? ... Ich habe meine Stimme verloren , meine kostbare Stimme ! Die Aerzte sagen , eine Badekur in Deutschland könne sie mir zurückgeben . Aber ich stehe da mit leeren Händen ; durch die gewissenlose Verwaltung anderer ist mein Vermögen bis auf den letzten Groschen verloren gegangen ... Auf den Knieen liege ich vor Dir , die Du im Wohlleben schwimmst , die Du nie erfahren hast , was Not , grimme Not ist - ich könnte Dir viel erzählen von schlaflosen , qualvollen Nächten ... Vergiß nur einmal , nur auf eine Stunde , daß ich unfolgsam war , und gib mir die Mittel , mich zu retten ! Was sind einige hundert Thaler für Dich , die « - über das Folgende lief die breite schwarze Spur des Wagenrades , die ohnehin blassen Schriftzüge waren total zerkratzt und verwischt . Auf einem herabhängenden Fetzen des zweiten Blattes stand noch ziemlich lesbar die Adresse der Schreiberin , und auf einem anderen die zwei Worte , die genügt hatten , meine Großmutter in schäumende Wut zu versetzen , die Unterschrift » Deine Christine « . Wer war Christine ? Dieses Wunder , der glänzendste Stern unserer Zeit ? ... Die Stelle » Auf den Knieen liege ich vor Dir ! « machte auf mein einfaches , unverbildetes Gemüt einen ungeheuer dramatischen Eindruck . Ich sah sofort das schlankste Ritterfräulein aus einem meiner Bilderbücher in die Kniee sinken und die weißen Hände flehend erheben ... Und die Stimme hatte sie verloren , ihre kostbare Stimme ! ... Meine Hände fuhren unwillkürlich nach dem Halse - wie mußte das entsetzlich sein , wenn man mit voller Brust aushob , um die Töne hinausklingen zu lassen , und die Kehle versagte und blieb stumm ! Weder Fräulein Streit , noch Ilse hatten je auch nur mit einer Silbe jener » Verlorenen « gedacht , und doch mußte sie meiner Großmutter sehr nahe gestanden haben , denn sie war ihr letzter Gedanke gewesen . Jetzt erst erschütterte mich das feierliche » Christine , ich verzeihe ! « in tiefinnerster Seele ; unwillkürlich mußte ich an den verlorenen Sohn denken , der im tiefsten , stillsten Herzenswinkel des Vaters doch das geliebte Kind geblieben war . Ich steckte die Briefreste in meine Tasche und ging hinein auf den Fleet . Eben rollte die Chaise aus dem Gartenthor und bog , bedenklich schwankend , in den nach links führenden schauderhaften Heideweg ein , und von der entgegengesetzten Seite her kam Heinz auf den Dierkhof zugetrabt . In diesem Augenblick erst fiel es mir auf , daß er ja stundenlang verschwunden gewesen war . Ich trat neben Ilse , die den Doktor bis an das Hausthor begleitet hatte und auf der Schwelle stehen geblieben war ... Es wollte mir scheinen , als käme Freund Heinz sehr unsicher daher ; er machte sich erst noch in völlig unnützer Weise mit dem Gatter zu schaffen , ehe er es unternahm , auf uns zuzuschreiten - das wurde ihm offenbar blutsauer . Beim Anblick unserer verweinten Gesichter blieb er verwirrt stehen . » Nu , was hat er denn gemeint ? « fragte er verlegen stockend , indem er mit dem Daumen über die Schulter zurück nach dem wegfahrenden Doktor zeigte . » Mein Gott , Heinz , du weißt es nicht ? « rief ich , aber Ilse unterbrach mich mit barscher Stimme . » Wo warst du ? « fragte sie kurz und bündig den Bruder . » Bei mir zu Hause , « antwortete er trotzig . Heinz trotzig ! Ich traute meinen Augen und Ohren nicht ; aber da stand er trotz allem dem , der ewig Nachgebende , und schöpfte offenbar Mut aus seinem eigenen widersetzlichen Ton , denn nun verstieg er sich auch noch zu der unglaublichen Kühnheit , Ilses feindlich scharfen Blick zu parieren . » So - was war denn nachts um Eins so nötig bei dir zu Hause ? Hast wohl deinen Vogel füttern müssen ! « sagte sie schneidend . Er sah ängstlich und unsicher auf . » O je - nachts um Eins den Vogel füttern - wie werd ' ich denn so dumm sein ! Zwischen meine vier Wände hab ' ich mich gesetzt , « platzte er heraus , » die hat mein Vater mit seinen ehrlichen Händen gebaut , und ein frommer Spruch steht über der Thür ... Wie werd ' ich denn auf dem Dierkhof bleiben , wenn eine Judenseele geradeswegs in die Hölle fährt ! ... Ilse , wenn das mein Vater wüßte , daß du bei einer Judenfrau gedient hast ! « » Heinz , wenn das mein Vater wüßte , daß du bei einem Christen gedient hast , wo du halb verhungert und erfroren bist , und der dir alle Tage mit Ohrfeigen und Stockprügeln gedroht hat ! « parodierte sie ihn zornig . » Das ist mir ja eine ganz neue Weisheit , die du da auskramst , und die hast du von da drüben ! « Sie zeigte nach der Richtung eines großen Dorfes hinter dem Walde , wo Heinz in früheren Jahren als Knecht gedient hatte . » Ja , hast recht , von dort her hab ' ich ' s ! « versetzte er trotzig wie vorher und nickte verstockt mit steifem Nacken . » Die Juden sind verflucht bis in alle Ewigkeit , weil sie den Heiland gekreuzigt haben . Mein Herr hat ' s gesagt , und das war ein Reicher und ein Hofbesitzer , und der Pfarrer hat ' s von der Kanzel gepredigt , und der muß es noch besser wissen - dafür war er der Pfarrer ! « Ilse sah dem Sprecher scharf ins Auge . » Jetzt paß auf ! « setzte sie kurz und resolut hinzu und trat ihm mit aufgehobenem Zeigefinger so nahe , daß er ängstlich zurückwich . » Es ist ein für allemal nicht wahr , daß der Heiland von unserem Herrgott bis in alle Ewigkeit gerächt sein will ! Wenn er das zuließe , nachher wär ' s aber auch aus und vorbei mit meinem Glauben , denn er hat uns geboten Segnet , die euch fluchen , und thät ' s selber nicht ! ... Wenn ich Christi Leidensgeschichte lese , da hab ' ich freilich allemal einen Heidenzorn auf die Juden , die dazumal gelebt haben ... Wie werd ' ich denn so ein Unmensch sein und meinen Zorn an Leuten auslassen , die bis auf den heutigen Tag als unschuldige Kinder auf die Welt kommen und von ihren Eltern in der alten Lehre aufgezogen werden ! ... He , Musje Heinz , wie gefiele dir denn das , wenn irgend ein Mensch mir etwas zuleide thäte und ich wollte seine Kinder dafür schlagen ? « » Das ist lauter Studiertes ! « sagte Heinz kleinlaut , » das hast du alles von der alten Frau gelernt - « » Das hab ' ich nicht gelernt , wie die Bibelsprüche in der Schule ; das hat mir mein Gewissen und , « sie deutete auf ihre Stirne , » der gesunde Menschenverstand gesagt ... Gesprochen hab ' ich freilich im Anfang viel mit meiner armen Frau , und es hat ein Wort das andere gegeben , und ich hab ' sie manchmal beruhigt , wenn die Leute im schwarzen Rock Unheil angerichtet hatten ... Die Juden haben den Heiland einmal gekreuzigt ; aber solche , wie der Herr Pfarrer dort drüben , « sie zeigte abermals nach dem Dorfe hinter dem Walde , » die kreuzigen ihn alle Tage - Feuer und Schwert und Verfluchen und böse Worte , die machen das Reich Christi gar nicht fein , und ist es den Leuten nicht zu verdenken , wenn sie nicht hinein wollen ! ... Da hast du meine Meinung , und nun sage ich noch zu dir selber : Pfui , schäme dich in dein Herz hinein , du undankbarer Mensch ! Hast lange Jahre das Brot auf dem Dierkhof gegessen - und ich meine , es ist dir recht gut bekommen , das Judenbrot - und nun lässest du die alte Frau in ihrer Sterbestunde allein - geh heim , und lies das Kapitel vom barmherzigen Samariter ! « Sie wandte sich um und ging in das Haus hinein . Recht hatte sie , vollkommen recht ! Bei jedem Worte wurde es mir so leicht , als hätte ich selber gesprochen und meiner Erbitterung Luft gemacht . Ich war tief empört , und doch dauerte mich der arme Sünder , wie er ganz zerknirscht , mit niedergeschlagenen Augen an der Schwelle stehen blieb und sich nicht in das Haus hineintraute ... Wie war es nur möglich ? Dieser Mensch mit der kinderweichen Seele , der kein Tier leiden sehen konnte , er zeigte plötzlich eine dunkle Stelle in seinem Gemüt , eine unbegreifliche Härte und Erbarmungslosigkeit , und glaubte sich dazu auch noch völlig berechtigt , ja förmlich autorisiert gerade - als Christ ! » Heinz , du hast einen sehr schlechten Streich gemacht ! « schalt ich in hartem Ton . » Ach , Prinzeßchen , wem soll man ' s denn nur recht machen ? « seufzte er auf , und Thränen funkelten in seinen Augen . » Todsünde gegen den lieben Gott soll ' s sein , wenn man dem Pfarrer nicht gehorcht , und nun meint Ilse , ich sei ein schlechter Kerl , weil ich ihm folge . « » Ilse trifft immer das Richtige - das hättest du doch wahrhaftig wissen sollen , « sagte ich . Die Strenge , die ich mir vorhin erlaubt , gelang mir nicht mehr . So unreif ich auch noch im Denken war , das sah ich doch ein , die Grausamkeit wurzelte auch nicht mit einem Fäserchen in seiner Seele selbst , sie war ihm systematisch eingeimpft worden - abscheulich ! Meine Augen schweiften unwillkürlich über den Himmel - mir graute nicht mehr vor dem vielen Licht , das nun gekommen war ; es floß wie milder Balsam in mein gepreßtes Herz , und ich begriff zum erstenmal , nachdem ich heute abend dem Tod in die düsteren Augen gesehen , die Wunderverkündigung des Auferstehens . Ich nahm Heinzens Rechte zwischen meine Hände . » Hier im Hofe kannst du doch nicht stehen bleiben , « sagte ich . » Komme nur mit herein - Ilse wird schon wieder gut werden ; und meine liebe , arme Großmutter - die hat dir längst verziehen ; sie ist im Himmel ! « » Weiß es Gott , wie leid mir die alte Frau thut ! « murmelte er und ließ sich wie ein Kind auf den Fleet führen . Draußen im Baumhof stand Ilse , sie hatte den Eimer unter den Brunnen gestellt und hob eben den Schwengel ; beim ersten Aufkreischen desselben ließ sie ihn mit kreideweißem Gesicht wieder sinken . » O , Herr Jesus , ich kann das nicht mehr hören ! « stöhnte sie auf . Sie kam herein , sank auf einen Stuhl nieder und verhüllte die Augen mit ihrer Schürze . Aber das dauerte keine zwei Minuten . » Was für ein albern Ding bin ich doch ! « sagte sie unwirsch , richtete sich straff empor und strich die Schürze über den Knieen glatt . » Möchte wohl gar die Frau wieder da am Brunnen stehen sehen , wo sie immer ihren Kopf gekühlt hat , und sollte doch Gott danken , daß sie drin still liegt und erlöst ist von dem vielen Jammer . « » Ilse , war Christine an dem vielen Jammer schuld ? « fragte ich schüchtern . Sie sah mich scharf an . » Ach so , « sagte sie nach kurzem Besinnen , » du hast ' s ja heute nacht mit angehört - nun , da magst du ' s wissen , sie hat so viel Jammer über deine Großmutter gebracht , wie es eben nur eine ungeratene Tochter kann . « » Ach , mein Vater hat eine Schwester ? « rief ich überrascht . » Eine Stiefschwester , Kind ... Deine Großmutter war zuerst an einen Juden verheiratet , der ist jung verstorben - die Christine hat dazumal noch in den Windeln gelegen . Nach zwei Jahren hat die Großmutter sich und das Kind taufen lassen und ist Frau Rätin von Sassen geworden - nun weißt du alles - « » Nein , Ilse , noch nicht alles - was hat die Christine verbrochen ? « » Sie ist heimlich entwischt und unter die Komödianten gegangen - « » Ist das so schlimm ? « » Das Durchbrennen freilich - das solltest du doch selber wissen - was aber die Komödianten betrifft , da kenne ich keinen einzigen und kann nicht sagen , ob sie schlimm oder recht sind . - Bist du nun fertig ? « » Ilse , sei nicht böse , « sagte ich zögernd , » aber eines möchte ich dir noch sagen - diese Christine ist doch sehr unglücklich