Waise von Mutterseite und der Vater Schenkwirt , ein arger Hüter für dieses Kind . Ja , für dieses Kind . Daß ich es Euch vor die Augen zaubern könnte , warm , wie es nach einem halben Jahrhundert noch vor dem meinigen lebt ! So , wie es damals war , und so , wie es kaum merklich hineinwuchs in jedes folgende Stufenjahr : als Jungfrau , als Weib , als Matrone , das holdselige Kind Dorothee ! Aber wer beschreibt jener Sonntagsgeschöpfe eines , deren Wiege , wie die Redeweise läuft , die Liebesgöttin samt allen drei Huldinnen umstanden hat ? Und wenn ich den Pinsel statt der Feder zu führen verstände , so sähet Ihr vielleicht die feine , wie aus Wachs bossierte Gestalt , die leise gerundete Wellenlinie der Glieder ; Ihr sähet über dem Rosenknöspchen des Haupts den goldigen Flor , der wie ein Schleier bis zu den Knien niederwallte , sähet die Grübchen in Wangen und Kinn . Aber sähet Ihr auch die Purpurwoge unter der blütenweißen , blaugeäderten Haut ? Das schillernde Farbenspiel des Auges , wenn es , ein durchsichtiger Kristall , in dieser Sekunde sich lachend oder forschend in die Höhe schlug , und in der nächsten , dunkel beschattet , sich demütig zu Boden senkte ? Sähet Ihr das liebliche Neigen und Biegen , den raschen Übergang von flüchtiger Weisheit zu Scherz und Tändelei ? Hörtet Ihr das silberhelle Stimmchen die Tonleiter auf und nieder hüpfen , das herzige Gelächter gleich dem Locken des Pirols am sonnigen Maientag ? Doch was hilft es mir , in dieser Blumensprache von Anno dazumal fortzufahren ? Ihr werdet das Reizende in unserer kleinen » Dorl « aus seiner Wirkung auf andere verstehen lernen , die einzige Manier , in der das Reizende überhaupt geschildert und verstanden werden kann . Zu allernächst in seiner Wirkung auf mich selbst . In jenen Kindheitstagen , ei nun , so wie sie da dachte ich mir die Engelchen unter Gott-Vaters Baldachin , und die pausbäckigen Trompetenbläser in unserer alten Postille dünkten mich gar grobschlächtige , himmlische Gesellen neben meiner zierlichen , irdischen kleinen Dorl . Von Jahr zu Jahr aber wuchs der Zauber , welchen die Menschenschöne allezeit über mich ausgeübt hat - vielleicht weil ich ehrlicherweise sie in meinem Spiegel recht gründlich vermißte . Das Mädchen wurde meine Augenweide , das Wohlgefallen steigerte sich zum Wohlwollen , und ich würde Euch wahrscheinlich von einer schwesterlichen Jugendfreundschaft zu erzählen haben , wenn - ja wenn - - Wir hatten , fast von der Wiege ab , Stunde für Stunde miteinander gelebt ; wir waren gleichen Alters , gleichmäßig gebildet , beide arm ; sie war schön , und ich war es nicht ; - aber sie war eines Faßbinders Tochter und ich eine Freiin von Reckenburg ; es lag eine Kluft zwischen uns , für welche ich das Maß gleichsam mit der Muttermilch eingesogen hatte . Ich durfte ihre Vertraulichkeit empfangen , nicht erwidern , und trotz ihres Liebreizes oder just wegen ihres Liebreizes , der mir jeden weniger reizenden Umgang verleidete , war und blieb ich ein herzenseinsames Ding . » Die Rose und das Blatt , das sie schützend umgibt « , so hatte - wie er meinte schmeichelhaft für das Blatt - der ehrliche Taube uns in seinem Neujahrscarmen besungen , und das Stück grasgrünen Raschs , mit welchem die Frau Mutter einen recht vorteilhaften Jahrmarktshandel gemacht hatte , da es für meine ganze Kinderzeit als Bekleidungsstoff ausreichte , ihm ohne Zweifel als Vorwurf für den zweiten Teil seiner Metapher gedient . Kehren wir denn mit derselben in die Schulstube Christlieb Taubes zurück : Die Rose und ihr Blatt . Es würde Vermessenheit sein , zu behaupten , daß es niemals eine eifrigere und aufmerksamere Schülerin gegeben habe , als Kellermeisters kleine bewegliche Dorl . Ganz gewiß aber keine , mit welcher auch ein hitzköpfigerer Informator wie Christlieb Taube so bereitwillig Geduld gehegt haben würde wie er . Ohne Vermessenheit hingegen läßt sich behaupten , daß es selten eine Schülerin gegeben haben wird , so lernbegierig und beharrlich , wie die große , ruhige Hardine von Reckenburg , ebenso selten aber auch eine , die selber ein Taubenblut dann und wann in Verzweiflung bringen konnte . » Jungfer Grundtext « nannte sie der Herr Papa , wenn er gelegentlich Zeuge ward der unermüdlichen Wie ? und Wo ? und Wann ? und Warum ? , mit welchen sie den ihr zu Gebote stehenden Wissensborn bis auf die Grundneige auspumpte . Lerne was , kannst du was , heißts ! Ei nun , am Ende ihrer siebenjährigen Studienzeit konnte Schülerin Nummer eins , in geziemender Bescheidenheit sei es vermeldet , mit deutlicher Handschrift richtig Deutsch schreiben , auch die vier Spezies ohne Fehl im Kopfe wie auf der Tafel rechnen . Sie konnte die Stammtafel des Hauses Wettin und die Reihe der deutschen Kaiser bis auf Leopolds II. , seit kurzem regierende Majestät , insonderheit aber Doktor Martin Luthers großen und kleinen Katechismus am Schnürchen hersagen . Möglich , daß sie zu jener Zeit auch schon gewußt , die Erde drehe sich ; wenngleich mir dieser Kasus eher unter diejenigen zu gehören scheint , von welchen der Informator seufzend eingestand : » Das kann man so eigentlich nicht sagen , « und erleichtert aufatmete , wenn sein freiherrlicher Patron lachend hinzusetzte : » Ist auch sehr töricht , danach zu fragen . « Zum schwersten Kummer aber gereichte es unserem gewissenhaften Christlieb Taube , daß es bei alledem eine Ader und just eine Hauptader in seinem Borne gab , die er ohne erschöpfenden Erguß in sich selber verschließen mußte . Der freiherrliche Besitzstand erstreckte sich nicht auf ein Klavier , und da die Jungfer Grundtext ein hartes Ohr und eine ungefüge Kehle zu beklagen hatte , eine Kunstfertigkeit ohne Talent aber keine obligatorische Forderung der damaligen Erziehungsmethode war , so mußte die edle Musika von dem Lehrplane gestrichen werden . Nur die üblichen Kirchenlieder wurden nach dem Klange der hofmeisterlichen Geige eingeübt , und außer der Lektionsstunden für das Lerchenstimmchen der Schülerin Nummer zwei noch eine und die andere weltliche Weise beigefügt . Nach diesen mannigfaltigen Leistungen gab es allerdings noch ein letztes kategorisches Soll und Muß einer standesmäßigen Edukation , für welches die Seminarbildung eine Lücke ließ und die emeritierte Herzogsresidenz keine zulässige Aushilfe bot . Indessen , wie für das franzmännische Alpha , so für das choreographische Omega fand sich im Schoße der Familie ein würdiger Dilettant . Hatte der Rittmeister von Reckenburg sich nicht der Ausbildung im Dresdener Kadettenkorps erfreut , der edelsten Pflegestätte jener ritterlichen Kunst , welche dem ungelecktesten Bären Anstand , Konduite und gesellige Unwiderstehlichkeit verleiht ? War er nicht als ein Musterschüler derselben gepriesen und hatte als Vortänzer der Donnerstags-Gesellschaft sie con amore praktiziert , bis die zunehmende Korpulenz ihm den Ballsaal einigermaßen verleidete ? In häuslicher Bequemlichkeit hingegen , ohne pressende Montur und Eskarpins , konnten die Regeln der rhythmischen Bewegung zum Segen eines aufblühenden Geschlechts noch mit Behagen entwickelt werden , und so sehen wir denn das vieldienliche Reckenburgsche Familienzimmer endlich auch noch in einen Tempel Terpsichores umgewandelt . Dreimal wöchentlich während dreier Wintersemester wurde der schwere Speisetisch in den Torweg geschoben , erklang das Orchester , die Geige Christlieb Taubes aus der Fensternische , saß die Freifrau , als kritische Ballmutter , hinter dem Spinnrocken in dem Ofenwinkel . Der Herr Rittmeister aber in weichen Filzsocken und flanellgefüttertem Schlafrock von gelblichem Kattun , den faustdicken Zopf wie ein Perpendikel im Nacken hin und wieder hüpfend , stand seiner Tochter Hardine und deren Partnerin gegenüber , um sie gewissenhaft die ganze hohe Schule seiner Lieblingskunst durchlaufen zu lassen : von Positionen und Portebras , durch alle Wendungen und Senkungen der Menuett , durch Chassés und Entrechats der Anglaise , bis zum heiteren Rundtanz mit dem gefälligen Dreischlag der Hacken . Allein manches wird der Erinnerung zum Gold , was in Gegenwart Blei gedünkt . Heute schaue ich auf jene Tanzabende zurück als auf die lustvollsten meiner Kinderzeit ; damals erduldete ich sie wie ein quälendes Verhängnis . Die väterliche Instruktorenrolle beleidigte mein Gefühl der Reckenburgschen Würde , und die ererbten Reckenburgschen Gliedmaßen zeigten sich wenig geschickt für das gelenkige Spiel . Meine Mittänzerin hingegen , o welche leichte Erscheinung , welche helle unerschöpfliche Lust ! Rosig überhaucht bis unter den goldigen Lockenscheitel , halbgeöffnet das Mündchen , so kreiselte sie sich wie in ihrem Element , lachend und jauchzend , die echte , rechte , leibhafte Dorl , schwebte gleich einer Libelle im Schaltanz , der Krone der Kunst , den Raum auf und nieder , jetzt den Kopf hinter dem Nesselstreifen verbergend , dann plötzlich schelmisch hinter seinen Falten hervorlugend , sich hebend und neigend und biegend , eine flüssige Welle vom Scheitel zur Zeh . Der Musikant in der Fensternische seufzte zwischen den zärtlichen Weisen , die er seiner Geige entlockte ; die Partnerin in grünem Rasch hatte Strapaze und Ingrimm vergessen und der Lehrmeister klatschte Beifall mit künstlerischem Entzücken . » Die wird Furore machen ! « rief er eines Abends , als das Dreiblatt der Familie wieder allein beieinander war . » Furore , wo ? « fragte die Kunstrichterin mit jenem Ton , den ihr Eheherr die Weisheit Salomonis zu nennen pflegte . » Denkst du sie im Corps de ballet unterzubringen , Eberhard ? « » Schade , schade ! « seufzte der Papa . Frau Adelheid aber fuhr fort : » Der Ballsaal ist der Jungfer Müllerin verschlossen , und für das Publikum des Tanzbodens würde weniger gut besser sein , meine ich . « » Schade , schade ! « seufzte der Vater zum zweitenmal . » Davon abgesehen , Eberhard , den Geist der Menuett hat sie nicht gefaßt , konnte sie vermöge ihrer Extraktion nicht fassen . Wie sie den Rock in die Höhe zieht , als wärs ein Tändelschürzchen im Schäferspiel ! Heißt dieser Knicks eine Reverenz ? Da muß ich unsere Tochter loben . Ohne eine Muskel des Oberkörpers zu bewegen , senken sich die Knie bis zum Boden hinab und heben sich wieder peu à peu . Ohne sich in die Robe zu verwickeln , ohne Fehltritt schreitet sie rückwärts , würdevoll , wie sie vorwärts geschritten ist . Correctement der Anstand , mit welchem eine Reckenburg ihrer Souveränin Hand und Schleppe küßt ! « » Nun freilich , freilich , unsere Dine , unsere gute , brave Ehrenhardine ! « bestätigte der Papa , indem er mich herzlich auf die Backen klopfte . Dann aber seufzte er zum drittenmal : » Schade , schade um die kleine Dorl ! « Ich hatte diese Ergießung nur so bei Wege aufgeschnappt und wußte , daß ich bei derlei Angelegenheiten zu schweigen hatte . Die mütterliche Weisheit aber war auf fruchtbarem Boden aufgegangen . Der armen , kleinen Dorl war das Entree zu jedem Platze , auf dem sie geglänzt haben würde , versagt ; Eberhardine von Reckenburg geziemte eine Empore , auf welcher sie den Höchsten der Erde ihre Huldigung darbieten durfte . Wir standen im fünfzehnten Jahre . Wir waren gebildet , die eine ihrem Stande gemäß , die andere weit über denselben hinaus ; wir parlierten französisch und tanzten Gavotte , wir hatten unseren eigenen Hofmeister gehabt und wußten unseren Katechismus ohne Fehl ; wir waren reif , um unter die Zahl der erwachsenen Menschen und Christen aufgenommen zu werden . Und so knieten wir denn auch am Palmsonntag 1790 nebeneinander vor dem Altar , zur Erneuerung unseres Taufgelübdes und zum ersten Genusse des heiligen Kelchs . Erste Abendmahlsgenossen ! Ein Bekenntnis für zwei aus einem Munde ; die priesterliche Hand gleichzeitig segnend auf beider Haupt : ein gemeinsamer Wahrspruch für beider Leben : das gibt , das gab zu meiner Zeit mindestens ein Band . Und gewiß , ich fühlte dieses Band fest und stark wie eine Pflicht . Die warmherzige Dorothee aber , die hätte in jenen Tagen freudig ihr Leben für mich hingegeben . Und wenn das ganze Leben auch nicht , so doch ein gutes Stück Füllung in einem Mädchenleben brannte das liebe Närrchen mir bei dieser feierlichen Gelegenheit als Opfer darzubringen . Sie hatte von ihrer Patin einen schweren , schwarzen Stoff als Abendmahlskleid verehrt erhalten , während für mich nur das zurecht gestutzt worden war , das schon der Mama bei ihrer Einsegnung gedient . Ich im abgetragenen , angestickten Habit , sie nagelneu von Kopf zu Fuß ; die Kleine verging fast vor Scham bei dieser Vorstellung und ruhte nicht , bis sie einen Ausgleich erklügelt hatte . Schenken durfte sie mir das wertvolle Angebinde nicht , denn wie hätte solch ein hohes Glück sich für sie geschickt ! Aber sie wollte ihr altes schwarzes Sergekleid anlegen , um mir ranggemäß zur Seite zu stehen . Sie wollte es durchaus , kehrte wieder und immer wieder mit ihrer demütigen Bitte zurück . Selbstverständlich vergebens . Ich trug eine Perlenschnur , welche die Mutter als eigenes Patengeschenk auf mich vererbte . Aber es hätte dieses Kleinods nicht bedurft . Eberhardine von Reckenburg würde sich nicht beschämt gefühlt haben , auch wenn sie selber in Zindel und Dorothee Müllerin in Brokat einhergeschritten wäre . Der rauschende Gros de Tours störte übrigens , zu meiner gerechten Entrüstung , die andächtige Sammlung meiner Abendmahlsschwester ; sie strich mit der Hand darüber hin und schmunzelte bei dem scharfen , knisternden Geräusch , sie stieß mich während des Liedes an und blinzelte zu mir hinauf , um mir die Blicke bemerklich zu machen , welche die Versammlung auf sie richtete . Die liebe Unschuld dachte ihr stolzes Gewand für das Aufsehen , das ihre Schönheit erregte , verantwortlich machen zu müssen . Ich selber hingegen war , jene Entrüstung abgerechnet , mit ungestörter Ernsthaftigkeit bei der wichtigen Feier , und der Bibelvers , der uns als Geleitspruch fürs Leben erteilt ward , hat der Jungfer Grundtext tiefste Gedanken nachhaltig angeregt . Denn es war einer von denen , die gar leichtverständlich klingen und doch selten von uns Weltkindern richtig verstanden werden : » Welche der Geist Gottes treibt , die werden Gottes Kinder heißen « . Ja , welches war denn nun aber der Geist , der uns in das Vaterreich treiben soll ? War es der , welcher über den Wassern schwebt , der Geist des Schaffens und Förderns , des Umbildens der natürlichen Kräfte , der den versunkenen Garten Eden auf Erden wiederherzustellen strebt ? Oder war es der , welcher auf den Gesetztafeln verzeichnet steht , der Geist der Ehrfurcht , des Rechtes und der Treue ? Von beiden diesen Geistern würde ich mich willig aus dem Diesseit in das Jenseit haben treiben lassen . Allein man hatte mich auch noch von einem dritten Geiste gelehrt , von einem , der jenen beiden ersten oft schnurstracks zuwiderzutreiben schien . Von dem Geiste , der die Sorge für den anderen Tag verdammt , der dem ehebrecherischen Weibe vergibt und dem Beleidiger die Wange reicht . Der Geist stimmte nicht zu meinem natürlichen Willen , und das siebenfache Selig , das der Erlöser über die erneute Menschheit ausgesprochen hat , es war meinem Herzen ein leerer Schall . Sollte , konnte dieser unverständliche Geist der Geist der Kindschaft sein ? In derlei Grübeleien über den geheimnisvollen Wahrspruch ging ich nach dem Frühgottesdienst am Ostermorgen in unserem Garten auf und nieder . Ich achtete nicht des goldenen Sonnenlichtes , nicht der erwachenden Vogelstimmen und schwellenden Frühlingsblüten : ich fühlte nicht die Auferstehungslust um mich her . Da hörte ich hinter mir Dorothees leichten Schritt ; ich wendete mich rasch und fragte mit Ernst , welche Deutung sie unserem Einsegnungsspruche gegeben habe . Sie schlug die großen Augen verwundert zu mir auf und dann dunkelerrötend zu Boden . Sie hatte den Spruch überhört oder vergessen und nicht ein einziges Mal auf ihrem Konfirmationszeugnis nachgelesen . Ich schluckte meinen Unwillen hinunter , zitierte den Spruch und fragte dann : » Was nennst du , von Gottes Geist getrieben sein , Dorothee ? « Da sann sie denn einen einzigen Augenblick nach , erbleichte dann ebenso jäh , wie sie vorhin errötet war , hob sich auf die Zehenspitzen und flüsterte mir ins Ohr : » Gut sein , gut sein , Hardine ! « Im nächsten Moment aber sprang sie laut jubelnd nach einem Beet , auf welchem sie die ersten Veilchen entdeckt hatte , pflückte sie , flocht ein paar grüne Sprossen dazwischen und befestigte das Sträußchen an meinem Busentuch . Dann schlüpfte sie vogelleicht durch eine Lücke des Zauns , der unsere Gärten trennte , warf mir noch lächelnd eine Kußhand zu und flog nach dem Haus . » Gut sein ! « hatte sie gesagt und eine innerste Stimme mir zugerufen , daß die Kindeseinfalt das Richtige getroffen habe . In Wahrheit aber war mir das alte Rätsel nur durch ein neues Rätsel gelöst . Hieß gut sein : handeln nach Gesetz und Sitte , wie ich es verstand ? Oder hieß es : empfinden in jenem seligsprechenden Sinne , den ich nicht verstand ? Ich brachte mich endlich mit Gewalt über den zweifelhaften Spruch zur Ruhe , und es war dies das erste Mal , daß ich eine Entsagung geübt habe , die ich mir im späteren Leben zum Gesetz stellte . Ich handelte nach meinem natürlichen Willen , mit welchem meine Erziehung , treu dem Wahrspruch unseres Hauses , in Einklang stand , und ich zweifelte nicht , daß es gut war , wenn ich » in Recht und Ehren « handelte . Spät erst , in dem Alter , wo andere graue Haare tragen , ist jener zweite Wahlspruch für das Leben in meiner Seele wieder aufgeklungen und durch eine unscheinbare Fügung der Schall des Rätsels mir zu einem Sinn geworden . Wohl bin ich heute noch keine von denen , die der Heiland schon hienieden selig preist . Wenn wir aber eines Tages jenseit anfangen sollten , da , wo wir diesseit aufgehört , so getröste ich mich der Hoffnung , dem Vaterreiche um eine Wegstunde näher gerückt zu sein . Zweites Kapitel Mosjö Per-sé Unser Verhältnis änderte sich natürlich , seitdem wir nicht mehr Kinder hießen . Dorothee trat in das väterliche Schenkgeschäft , ich wurde als erwachsene Dame bei den Honoratioren von Stadt und Umgegend eingeführt , empfing deren Gegenvisite , besuchte dann und wann eine Kaffeegesellschaft und regelmäßig die Donnerstagsfeste im herzoglichen Pavillon . Einen zusagenden Umgang unter gleichalterigen Standesgenossinnen fand ich nicht , vermißte ihn aber auch nicht . Dorothee betrat des Reckenburgsche Familienzimmer nur noch , wenn sie sich eine Bitte oder einen Vorwand ausgeklügelt hatte ; die Duzkameradschaft hörte auf , - will sagen für die Dorl . Ich blieb bei dem Du und der Dorothee ; sie nannte mich Sie und Fräulein , wie alle anderen ihresgleichen , nur daß ihr das » gnädige « gnädig erlassen ward . Sie herzte und streichelte mich auch nicht mehr wie sonst , sondern machte ihren Knicks , und lief das Herzchen ihr über , dann küßte sie meine Hand . Völlig störten die neuen Formen den alten Umgang indessen nicht , und ganz und gar nicht das Verhältnis der Rose zu ihrem Blatt . Es verging kein Tag , daß die Kleine nicht einmal durch die Heckenlücke geschlüpft oder in meinem Dachstübchen eingekehrt wäre . Ich blieb ihre Vertraute bei jeglicher Freude , ihre Raterin in jeglicher Not ; ja ich sah die letztere schärfer und fühlte sie bänglicher als die Kleine selbst . Ihr Vater hatte das nährende Handwerk an den Nagel gehängt und war auf dem herkömmlichen Schenkenwege hart beim Trunkenbold angelangt . Es stand übel um den Mann ; die Pachtung der herzoglichen Keller wurde ihm nach abgelaufenem Termine voraussichtlich entzogen ; seine Zukunft war der Spittel . Diese Verirrungen waren es indessen nicht , welche die sorglose Dorl überschaut oder gewürdigt haben sollte . Ihr täglicher Verdruß war das Schenkentreiben , für welches der Vater ihre Aushilfe forderte . Die schöne Kellnerin lachte die Gäste an , und die Gäste wurden nicht gewählt . Da gab es denn Scherz- und Nachreden , die dem natürlich feinen Sinn des Kindes und dem Tone , an den es sich in Reckenburgs Familienzimmer gewöhnt hatte , unleidlich widerstanden . Mein Vater sah seinen Liebling in drohender Gefahr . » Das Kind ist zu schön für eine Schenkjungfer , « hörte ich ihn eines Tages in der vertraulichen Rats-und Schlafkammer der Mutter klagen . » Viel zu schön und zu apart für ihren Stand . Sie weiß nicht mehr , wo aus noch ein . Adelheid , Adelheid , die kleine Dorl geht uns zugrunde . « » Du rechnest ohne den Faber , Eberhard , « entgegnete die Mutter mit bewußter Unfehlbarkeit . » Allerdings müßten wir uns anklagen , das Mädchen seinem natürlichen Terrain entrückt zu haben , hätten wir nicht seit Jahren diesen Abschluß vorausgesetzt . Der Mensch strebt hoch und das Gelingen steht ihm an der Stirn geschrieben ; er goutiert Dorothees feinere Lebensart , kennt ihre mißliche Lage so gut wie wir selbst und wird , verlaß dich darauf , Eberhard , nun , da der Tod seines Vaters ihn unabhängig gemacht , mit der Hochzeit nicht lange zögern . « » Gott gebs , Gott gebs ! « versetzte der Vater , indem er sich freudig die Hände rieb . Mir aber stockte während dieser Rede der Atem , und jetzt beim Schlusse war mir , als ob ich gegen das hoffnungsvolle » Gott gebs « laut protestieren müsse . Warum eigentlich ? Ich wußte , daß wir mit dem Einsegnungstage heiratsfähig geworden waren , und die fünfzehnjährige Dorothee wäre nicht das erste Kind gewesen , das ich warm vom ersten Abendmahlstische zum Traualtare hätte schreiten und glücklich werden sehen . Warum summte es denn vor meinen Ohren gleich Unkenruf : » Gott verhüts ! « Wie sie so einer nach dem anderen in die Reihe meiner Bekenntnisse treten , die wenigen Menschen , mit welchen ich im Leben wirklich gelebt ! Der Faber , der Siegmund Faber ! Wenn später so oft der Name dieses Mannes mit Dank und Bewunderung vor mir genannt worden ist , neulich noch , meine Freunde , als Ihr mich fragtet , ob ich mich seiner als eines Heimatsgenossen erinnere ? Da ahntet Ihr nicht , keiner hat es jemals geahnt , daß dieser Mann mein frühester Bekannter , mein Wandnachbar , der erste Mensch und fast der einzige gewesen ist , der mir zu denken gegeben hat , und daß zwischen diesem Mann und mich sich ein Verhängnis gedrängt hatte , ein Geheimnis , das ich lange Jahre ein Verbrechen nannte . Siegmund Faber war das einzige Kind unseres Hauswirts , des Barbiers , und mütterlicherseits von seiner ersten Stunde ab verwaist . Da er ungefähr sechs Jahre mehr zählte als ich , hätte er zur Zeit meiner frühesten Erinnerungen noch auf der Schulbank sitzen müssen . Aber Siegmund Faber hatte längst etwas Klügeres erwählt , als auf der Schulbank hin und her zu rutschen . Sobald er sich rasch und sicher die Elemente angeeignet , hütete er sich , den Kursus alljährlich mit einer Schar von Neulingen von vorn anzufangen , und der einsichtige alte Rektor war weit entfernt , ihn darob zu schelten . » Der Faber geht seinen eigenen Weg , « sagte er , » der Faber ist ein Mensch für sich . « Vater Faber aber , der die Kunst des Schersacks für die angenehmste der Welt und es für zuverlässiger hielt , seine Sparpfennige in Feld- und Wiesenparzellen statt in Humaniora für seinen Sprößling anzulegen , Vater Faber hatte sich die Argumente des weisen Schulregenten zunutze gemacht . Wurde er , wie oftmals geschah , angegangen , den auffälligen Knaben einer höheren Lehranstalt zu übergeben , so lautete seine Antwort unveränderlich : » Mein Munde geht seinen eigenen Weg , mein Munde ist ein Mensch für sich « . » Der Mensch für sich « wurde demnach unter der Faberschen Kundschaft die gang und gäbe Bezeichnung des kleinen Schersackserben . Papa Reckenburg aber , der so leicht keinen , den er gern hatte - einzig und allein seine » Hausehre « ausgenommen - , ohne einen harmlosen Spitznamen entwischen ließ , konnte sich nicht versagen , den » Menschen für sich « ein wenig fremdländisch umzumodeln . » Mosjö Per-sé « hieß der Haussohn innerhalb der alten Baderei . Und hier wie dort mit Fug und Recht . Siegmund Faber war ein Original ; das heißt , er war einer von jenen Seltenen , der unbeirrt seiner Eigenart eine Straße durch den Haufen bricht . Denn für eine herrschende Leidenschaft rüstete ihn die Natur mit dem herrschenden Willen , und nach dem inneren Gehalte modelte sich kennzeichnend die Form . Denkt Euch ein Männchen , kaum Soldatenmaß , wie der Rittmeister von Reckenburg versichert . Gleichwohl , kurios ! blickt Ihr zu ihm empor . Ihm gehts wie seinem Haus : es wächst erst über der Schulterhöhe . In seinem Nacken müssen wohl etliche Wirbel mehr , als die Regel ist , zu zählen sein , Drehwirbel , welche die spürende Beweglichkeit nach allen Seiten vermitteln . Noch länger als der Hals ragt der Kopf , nach hinten steif abfallend , die Stirn gewaltig und edel geformt . Unter dieser hohen , breiten Stirn streckt sich eine lange , breite Nase , die Höhlen weit geöffnet , die Flügel zitternd , und unter dieser richtigen Spür- und Schnüffelnase dehnt sich der breite , dünne Mund , festgeschlossen wie ein Gedankenstrich . An den Seiten aber ragen zwei ungeheure Ohren , die sich - schüttelt immerhin die Köpfe ! - in fortwährender Spannung wie die eines Hasen hin und her bewegen . Es ist kein Adonis , den ich Euch zeichne , gelt ? Nun aber blickt in seine Augen . Eine bestimmbare Couleur werdet Ihr nicht unterscheiden , so tief liegen sie hinter den vorspringenden Stirnknochen eingesenkt , und mit so rastlosem Flimmer schweifen sie von einer Richtung nach der anderen . Haben sie aber den gewitterten Gegenstand aufgespürt , dann bohren sie sich ihm hartnäckig bannend bis in das Mark . Ihr würdet ihrer Forschung nicht entschlüpfen und Euch ihrem Geheiß nicht widersetzen dürfen . Kurz und gut : patent ein Doktorenschädel und eine Doktorenphysiognomie ! Denkt sie Euch nun von der gleichmäßigen Röte eines gesunden Blutes und unlöschbaren Eifers durchdrungen ; denkt Euch die Glieder klein und fein wie Damenglieder , aber von einer ehernen Muskulatur ; die Hände durch instinktives Greifen , Dehnen , Spannen zu einem Federwerk ausgebildet ; denkt Euch den Mann jederzeit wie aus dem Ei geschält , kein Fältchen in dem blendenden Jabot , kein Stäubchen in dem unveränderlich hechtgrauen Habit , kein Härchen sich sträubend aus dem mageren , schwarzgebänderten Zopf , keine Bartstoppelchen am Kinn - ob versagt von der mütterlichen Natur oder getilgt durch die väterliche Kunst , wage ich nicht zu unterscheiden - , und ihr habt einen ungefähren Abriß unseres Menschen für sich . Er schien niemals in Eile und war immer in Bewegung . Kaum jemals habe ich ihn sitzen sehen , und fünf Stunden nächtlicher Rast genügten ihm schon in der schlafbedürftigen Knabenzeit . Noch nach Mitternacht bemerkte ich den Reflex seiner Lampe auf den blanken Becken zwischen unserem Fensterstock , und bei Tagesgrauen hörte ich ihn schon wieder mit leisen Katzentritten die Treppe hinunterschleichen und das Haus verlassen . Daß er Nahrung zu sich nahm , muß wohl vorausgesetzt werden , gesehen habe ich es niemals . Vielleicht im Gehen aus der Tasche oder stehenden Fußes beim Nachbar Kellermeister , der auch seinen Vater beköstigte . Keinesfalls regelmäßig , und dessen könnt Ihr versichert sein , daß » dieser Mensch für sich « nicht einmal in seinem Leben mit Behagen ein Mahl gehalten oder einen Schoppen geleert haben wird . Er rauchte nicht , er schnupfte nicht wie seinesgleichen von der Ekel überwindenden Zunft ; er kannte kein Spiel , keinen Tanz , kein Steckenpferd , keine jugendliche Plauderei ; er hatte keinen Freund . Seine Rede war rasch , kurz , ein wenig durch die Fistel ; mit möglichster Sparnis der Pronomina , hinter jedem Satze ein Punktum . » Preußisch « nannten wir diesen unliebsamen Duktus , wiewohl Mosjö Per-sé bis dahin ihn schwerlich aus eines Preußen Munde vernommen hatte . Er kam der Gegenrede zuvor und schnitt den Widerspruch barsch ab . Dennoch reizte er nicht , verletzte nicht . Sein Selbstbewußtsein imponierte , weil er nur über Gegenstände sprach , die er bemeistert hatte . Selber der Freifrau von Reckenburg kam es nicht bei , ihn » Er « wie seinen Vater und anders als » Herr « zu nennen , wenngleich er selber mit Titulaturen geizig und merklich beflissen war , durch keinerlei Zuvorkommenheit an die Manieren des Scherbeckens zu erinnern . Ich habe den erwachsenen Per-sé geschildert . Aber so , wie ich ihn geschildert , zeigte sich schon der kleine Bube , als er mit Vater Faber » auf Praxis « ging , dessen Instrumententasche trug oder beim Schröpfen und Aderlassen ihm das Becken hielt . Nebenbei aber operierte er damals schon selbständig . Er konnte keine Warze sehen , er drehte sie ab , keine Balggeschwulst , er drückte sie ein . Die Krähenaugen verschwanden schmerzlos unter seinen Messerchen . Hatte einer eine Blutung , auf den ersten Blick erkannte er die Stelle , wo die Ader lädiert war , und die kleinen Finger preßten sich so eisern auf die Wunde , bis dieselbe sich wieder schloß . Er zog seinen Schulkameraden die kranken Zähne aus und erkaufte mit seinen Sparpfennigen manchen , der noch heil war , zu gleicher bildenden Operation . Bald hatte er den Vater in allen höheren Zweigen seiner Kunst überholt . Ein jeder wollte lind und behende von Faber junior bedient sein , und