treuen Gesichte des unvergeßlichen Vaters vor ihr stehen sah und der sie mit den tiefblauen Augen so wehmutsvoll anblickte , dann war alles wieder vergessen , was zu einer Predigt hätte werden können . So wie er da war , war er ihr dann recht , und sie konnte nichts mehr , als ihn dem Schutze des lieben Gottes anbefehlen . Er , der ihren liebsten Wunsch noch so gnädig erfüllte , da sie selbst nicht einmal mehr zu hoffen wagte , erhörte wohl auch noch ihre anderen Gebete für seine Zukunft , welche sich nun immer mehr von ihrer , der der armen , strafbaren Sünderin , loszulösen begann . Mit einem wunderbaren Lächeln , in welchem sich Hoffnung und Sorge , Freude und Schmerz gleichzeitig widerzuspiegeln schienen , trug sie in den beiden Feiertagen weit Besseres als gewöhnlich auf das wackelige Tischchen im Herrgottswinkel . Oh , es war ein Opfer der Entsagung , wie nur Mütter es zu bringen vermögen , wenn sie so mit allem , was sie so für die nächste Zeit hatte , vor dem kleinen , ärmlichen Hausaltar neben dem Kruzifix des Sohnes glückliche Zukunft im voraus schon feiern wollte , seine Auferstehung aus dem Grabe ihrer Sündenschuld . Nur der , den die frommgläubige Mutter vom Kreuz auf sich herabblicken sah , konnte die Tränen wahrnehmen , die sie zu verbergen bemüht war , während sie ihm ihre Bitt- und Dankgebete zusendete . Bloß wenn Jos einmal aus der Stube ging , ließ sie ihren Empfindungen freien Lauf . Dann betete sie laut : » O du grundgütiger Gott und Heiland , wie hast du es doch so gut und recht gemacht ! Hilf ihm nur auch ferner , immer , und laß dafür mich um so übler dran sein ; mich , die doch nichts anderes will und zu nichts anderem da ist , als dem sich zu opfern , für den zu tragen , der nur durch ihre Sünde auf der Welt und unglücklich ist . Er muß fort , darf nicht länger unter der Last meines Kreuzes bleiben . Dann hat er aber niemand mehr zu Rat und Schutz als dich . Du wirst ihn doch nie verlassen - gewiß nicht ! « Das Zusammenpacken machte den beiden viel länger zu tun , als man hätte glauben können , wenn man sah , um wie wenig es sich dabei zu kümmern gab . Aber die Mutter hatte eben um so eher Zeit , das wenige sorgfältig zu mustern , wobei sie dann soviel zu richten und auszubessern fand , daß sie die halbe Nacht ihre Nadel nicht mehr aus der Hand brachte . Türen und Fensterläden wurden , wie es für ähnliche Fälle vom Pfarrer strenge befohlen war , sorgfältig geschlossen , damit kein Mensch durch solche Entheiligung der hohen Festzeit geärgert werde , wenn etwa ein verspäteter Wirtshausgast hart vor der niedrigen Stube vorbeigehen sollte . Auch Jos nahm noch einmal seine Nadel zur Hand und dachte mit schmerzlichem Behagen , wie schwer ihm die Anschaffung dieses und jenes Kleidungsstückes geworden sei . Dann lebte er sich ganz in den Tag hinein , an dem er es das erstemal trug . Waren doch solche Tage seine einzigen Festtage , wie wenig man ihn auch eitel auf ein hübsches Kleidungsstück nennen konnte . Dann dachte er wieder daran , wie rasch der Hans einen ganzen Kronentaler nur für Eierschalen hergeben wollte . Dabei schien ihn etwas wie ein Windzug aus dem großen , vollen Hause da drüben so stark anzuwehen , daß ihn beim Anblick seiner abgetragenen Kleider ordentlich zu frösteln begann . Der Scharfblick der liebenden Mutter wäre gar nicht notwendig gewesen , um das zu bemerken . Wenn er wieder ein Kleidungsstück brachte , sprach er es deutlich genug aus , daß er das so durchaus nicht tragen dürfe , während er früher über ähnliche von ihr ausgesprochene Besorgnisse nur gelacht oder bitter bemerkt hatte , daß für Leute seiner Art auch das Schlechteste gut genug sei . Es tat dem guten Weibe tief im Herzen weh , ihn so unzufrieden zu sehen mit dem , wofür auch sie manches , manches Opfer gebracht hatte . » Es ist doch ein Elend , daß er auch gar nie maßzuhalten weiß « , klagte sie . » Früher hat er da das Röcklein trotzig selbst am Sonntag tragen wollen , und nun soll es auch für den Werktag nicht mehr gut genug sein . Am Ende wird er mir nun gar noch kritisch und hochmütig werden . « Diese Sorge wäre wohl den meisten recht überflüssig erschienen , wenn sie das ursprüngliche blaue , nun aber wie mit einem Register aller seit einem Schaltjahr gekauften Tuchgattungen überlegte Röcklein gesehen hätten , welches er beim Einpacken eine Bettlerfahne nannte . Aber ein klein wenig hochmütig und eitel war der Jos denn doch , seine Mutter betrog sich nur , wenn sie wähnte , daß das erst seit der Unterredung mit Hansen am Karsamstag so in ihn gefahren sei . Da war eigentlich gar nichts anders geworden , als daß Jos in der wehmütigen Stimmung dieser Stunden immer frei von der Brust weg reden mußte und daß der Mutter jetzt jedes seiner Worte zu sinnen gab . Der Stolz des Burschen auf seinen guten Kopf und seine geschickte Hand , mit dem er innerlich allen den vom Glück zart und warm Eingewickelten trotzte , wurde von ihr um so weniger bemerkt , da sie ihn , wenn auch ihr selbst unbewußt , immer geteilt hatte . Erst seit dem Karsamstage gingen Mutter und Sohn hierin etwas auseinander . Die erstere fand gerade jetzt , wo beinahe jedes seiner Worte eine ganz eigene Weichheit ausdrückte , soviel Gutes in ihm , daß sie für seine Zukunft viel unbesorgter blieb als er , der nicht ohne Herzklopfen an den Empfang auf dem Stighof zu denken vermochte und sich - wenigstens für den Anfang - so gern auch durch sein Äußeres ein wenig empfohlen hätte . Er dachte sich neben die stolze , strenge Stigerin und die geschickte Magd , malte sich ihren allmächtigen Einfluß auf Hansen so lebhaft aus , daß er sogleich wieder hätte absagen mögen , wenn er sich nicht vor der tausendsappers Magd allzusehr geschämt hätte . Ja , vor der war ihm schon jetzt so angst , daß ihm eigentlich eine Zusel , gegen die er herzhaft grob und trotzig sein durfte , an ihrem Platze weit lieber gewesen wäre . Vergebens bemühte sich die gute Schnepfauerin , ihm die letzten Tage daheim so froh als möglich zu machen . Durch all die tausend Zärtlichkeiten , die die wehmütige Abschiedsstimmung erfindet , macht man einen Menschen nicht heiter , dessen Kraft hauptsächlich in seinem Trotze liegt . Wenn sie ihm das Beste auftischte , wenn sie alles tat , damit er doch in seinem künftigen Glück , in seiner Herrlichkeit auf dem reichen , stolzen Stighof , auch sie und die Heimat nicht ganz vergesse - das hätte sie denn doch mit aller Opferwilligkeit unmöglich ertragen können - , machte sie ihm nur weh , und er wünschte von Herzen , daß er , wenn nun einmal die erste Dummheit beim Krämer nicht mehr zurückzunehmen war , sogleich von diesem weg auf den Stighof hätte gehen können . Der Nachmittag des Montags war unendlich lang für Mutter und Sohn . Die erstere quälte sich mit der Frage , was wohl die neuen Verhältnisse , Ehre und allgemeine Achtung aus ihrem Lieblinge machen würden ; dieser aber fühlte sein Herz von tausend lieben Erinnerungen noch schwerer belastet als von der Sorge um die Zukunft . Beide hatten das Gefühl , daß sie so sich nie mehr gegenübersitzen würden , und doch war es trotz allem , was sie gemeinsam zu tragen und zu dulden hatten , so schön gewesen . Ja , schön , aber nun war das eben vorbei . Alles auf der Welt nimmt ein Ende , und - das empfand Jos - am besten ist ' s , wenn ' s recht rasch geht . Plötzlich , die Sonne war noch lange nicht über die hochaufragende Kanisfluh hinaus , warf er sich das kleine Bündelein auf die Schultern und sagte mit gewaltsam erzwungener Ruhe : » So , Mutter , jetzt geh ' ich und sage dir tausendmal Vergelt ' s Gott für alles Gute . Leb ' wohl ! « » Wie , was ? « fragte die Erschrockene . » Ich hab ' noch Fleisch zum Feuer getan , das wollen wir doch abends noch mitsammen essen und uns so wohl sein lassen , als wir können . « » Und uns dabei alles noch schwerer machen « , fiel Jos ein . » Na , Mutter , du hast nun genug Opfer für mich gebracht , und mir wär ' jetzt eine angebrannte Suppe , von Dorotheen gekocht , viel lieber ; ich könnte sie dann doch darum ein wenig necken . « Die Mutter wollte noch etwas sagen , aber Jos war schon zur Türe hinaus . Jetzt sah er das Haus , in dem er nun leben sollte , mit den großen Stallungen und den stolzen Fenstern , dem hohen Dachstuhl und hundert anderen Zeugen eines großen Wohlstands , den mehrere Neubauten hinten und vorn als einen wachsenden verkündeten . Jos zwang sich zum Lachen darüber , daß ihm der Abschied so schwer werden wollte , als ob er viele hundert Stunden weit gehen müßte . » Du bist doch ein recht dummer Tropf « , murmelte er und wollte schon wieder zur Mutter in die Stube zurück , als eben der Stighans daherschlenderte , der ihm schon von weitem zurief : » So , Jos , es ist recht , daß du endlich kommst ! Ich hab ' dich gerade aus dem Nest holen und mitnehmen wollen . « » Wohin ? « » Nun natürlich nach Emaus , das heißt zum Löwenwirt drüben über der Ach . Auch meine Eigenen sind dort und wer heut ' ein wenig lustig sein will . Ist doch der Löwenwirt noch beim alten Brauch geblieben und gibt allen gedörrte Birnen und Nüsse , die am Ostermontag zu ihm kommen . Drum nur flink ! Wirf deine Herrlichkeiten da in einen Winkel und nimm dafür die Mutter mit , wenn sie mag ! Ich sehe nicht ein , warum die allein heute traurig daheim sitzen sollte . « Das tat dem Burschen recht in der Seele wohl , und wie ein Lichtstrahl der Freude zog es über sein Gesicht . Seinen Augen ging es wie allem , was schnell aus der Kälte an die Wärme kommt ; sie wurden feucht , während er wieder ins Häuschen zurücklief , wo er es dann kaum erwarten konnte , bis die überraschte Mutter sich , immer noch widersprechend und dabei zitternd vor freudiger Erregung , ein wenig ordentlich angezogen hatte . Dem Jos war es auch schon darum sehr erwünscht , daß er zuerst allein mit Hansen zusammentraf , weil er von diesem zu erfragen hoffte , was die Stigerin und Dorothee zu dem neuen Knechte gesagt hätten . Doch dazu sollte er keine Zeit mehr finden . Auf dem Wege , der sie an neuergrünten Wiesen , neben Hügelchen , von denen Gänseblümchen und Aurikeln die ersten Grüße des Frühlings still herüberwinkten , und über geschwätzige Bächlein führte , sah Hans zum erstenmal in diesem Jahre seine Felder und Wälder wieder . Mit seltener Lebhaftigkeit redete er von dem , was schon in den nächsten Wochen getan werden könnte , und aus jedem seiner Worte klang die Freude , die ihm seine Bauernarbeit machte . Selbst Jos wurde von dem herzlichen Tone so hingerissen in die Welt seines heiter plaudernden Gefährten , daß er diesen nicht mehr nur für einen einseitigen Bauern hielt , der am Nützlichen allein mit Leib und Seele hing . Nun sah er sich auf einmal behaglich lächelnd als Knecht auf diesem schönen Anwesen , das für sich selbst eine kleine Welt in der großen zu sein schien . Wie herrlich , wenn da nun einmal alles blühte und wogte unter seiner Pflege , wenn die Sense rauschte und Schritt um Schritt hunderte fast mannshoher Halme an die Mahdo wälzte , wenn das duftende Heufuder dem großen Stadel zuschwankte , der bald so voll war , daß man im Winter , wenn die Kühe im Stalle ungeduldig auf ihn warteten , kaum noch Platz hatte , ihnen das selbstgedörrte Futter nach Verdienst und Bedürfnis in kleinen Ballen nach der Reihe aufzuwinden , wie sie nebeneinander im Stalle standen . Die beiden kamen bald so ins Reden hinein , daß es für die ihnen folgende Mutter eine wahre Freude war , obwohl sie dabei eigentlich gar nicht beachtet wurde . Hatte sie sich ' s auch nicht anders gedacht , als daß ihr Jos schnell und leicht sich in alles hineinleben werde , so war sie doch angenehm überrascht , ihn schon jetzt mit soviel Verständnis reden und fragen zu hören . Er ist doch ein prächtiger Junge , dachte sie mit einem frohen Blicke zum tiefblauen Abendhimmel . Der Hans mochte wohl etwas Ähnliches über seinen Zuhörer denken , während er ihm mit der Länge und Breite eines echten Bauern auseinandersetzte , wie er das und das und warum er es gerade so getan zu sehen wünsche . Jos hatte beim Fragen und Zuhören doppelten Vorteil . Er gewann bei Hansen immer mehr Zuneigung und erhielt manchen bedeutsamen Wink für sein künftiges Verhalten und brauchte nicht mehr wie ein Kind über alles erst zu fragen , wenn ihm das einmal nicht mehr so günstig aufgenommen , so freundlich beantwortet werden sollte als jetzt . Im Wirtshaus wurde dem Jos und seiner errötenden Mutter an dem Tische neben dem Kanapee Platz gemacht zwischen der Stigerin und ihrer Magd , die den Ankommenden das volle Glas entgegenhielt , aber so , daß man nicht sagen konnte , ob es Hansen oder dem Jos gelte . Jos wußte selbst nicht , woher er den Mut nahm , zu fragen , welcher von ihnen beiden denn auch eigentlich gemeint sei . » In der Zeit , wo du fragst und Umstände machst , hätten beide ganz leicht ein Schlücklein zum Bescheid nehmen können « , antwortete das Mädchen und zog lächelnd das Glas wieder zurück . » Das ist ein schlimmes Zeichen « , bemerkte Hans . » Noch immer hat Dorothee es mir ordentlich zugebracht , wenn sie einmal etwas Gutes hatte ; nun aber , da auch der Jos mitkommt , tut ihr die Wahl so weh , daß sie keinem mehr etwas anzubieten wagt . « Die auf diese Bemerkung folgende Stille mußte Dorotheen etwas zu lang vorkommen , denn bald sagte sie : » Jetzt geht ein Engel durch die Stube und schreibt sich etwas auf . « » Vermutlich , daß die Schnepfauerin einmal ins Wirtshaus ging « , meinte Hans . » Und daß ihr der Wirt ein geschliffenes Glas bringt « , sagte Jos und hätte beinahe noch beigefügt : » Wie den Vornehmen « , aber er fühlte dunkel etwas Unpassendes und unterließ es , in diesem Augenblicke so derb an kaum vergessene Gegensätze zu erinnern , die sich gewiß früh genug von selbst wieder geltend machten . Das geschliffene Glas war übrigens nicht das einzige , was den etwas empfindlichen Jos auf das angenehmste überraschte . Hans hatte gesagt , die Mutter sei da mit den Eigenen ; darauf hatte denn Jos erwartet , die ganze hochlöbliche Verwandtschaft derer vom Stig in vornehmer Langweiligkeit beisammen an einem eigenen Tische zu treffen . Nun aber sah er statt der ehrwürdigen Reihe die Stigerin mit Dorotheen in einem Kreise von Tagwerkern sitzen , welche gewöhnlich den stattlichen Hof bearbeiten halfen . Früher hatte das Schneiderlein oft gespöttelt über die halberfrorenen Taglöhnerseelen , die sich im Glanz ihrer Herrschaft zu sonnen suchten und es sich noch zur Ehre rechneten , als Schweif des prächtigen Kometen am Himmel des mit einer eingelegten Schiefertafel fast ganz bedeckten Herrentisches beim Kanapee zu gelten . Nun aber gestand sich Jos , es sei denn doch etwas Schönes , dieses Zusammengehören aller , die zur Ehre und zum Wohlstand eines Hauses das Ihrige beitrugen . Es tat ihm wohl , sich mit seiner Mutter in so einem Kreise zu wissen , und er beeilte sich , die seltene Freundlichkeit aller als etwas Selbstverständliches lächelnd zu erwidern . Fröhlich stießen alle auf ein langes , glückliches Zusammenwirken an , nur dem Jos war etwas wunderbar zumute , als unterdessen der Wirt die ledigen Paare auf die Kammer zu dem an diesem Tage wenigstens bei ihm - das wurde besonders stark betont - noch üblichen Nußklopfen einlud . In Stighansens und Dorotheens Gesicht hätte kein Zug sich ändern können , ohne daß es Jos so schnell und wohl viel eher noch als sie selbst bemerkt hätte . Selbst als Hans den Stuhl zurückschob , erschrak Jos nicht , weil er den Entschluß zum Aufstehen noch nicht aus seinem ruhigen Blicke zu lesen vermochte . So hätte er auch die Lippen schwerlich gespitzt , wenn er » Komm , Dorothee ! « sagen wollte ; damit beruhigte sich Jos , und er hatte recht . Hans blieb sitzen und fragte den Wirt , ob denn bloß auf der Kammer droben Ostermontag sei . » Das gerade nicht ! « » Gut , so bring du deine Herrlichkeiten nur her ; auch hier ist alles lustig und ledig ; oder wenn Verheiratete da sind , so mißgönnt ihnen das Mithalten um Gottes Willen nicht ! Ich wüßte nicht , warum die Ledigen auch noch den Vorteil des Nußklopfens vor den Bedauernswerten haben sollten . « » Das ist wieder einmal vernünftig geredet « , rief ein nirgends in der Stube Sichtbarer dem Stighans zu . Jos wäre fast im Zweifel gewesen , ob dieser Beifallsruf etwa ihm selbst entronnen sei , wenn er nicht sofort die wohlbekannte Stimme des Krämers erkannt hätte . Der saß also drinnen im sogenannten Herrenstüble , dessen Türe eine große Spalte offen ließ , und er hätte es nun nicht gerne gesehen , wenn da nun auf einmal nichts mehr als das Geschwätz einiger Verheirateter von strengen Wintern und ungezogenen Kindern zu erhorchen gewesen wäre . Davon kam seine Freude über Hansens entscheidendes Wort , und darum fuhr er jetzt fast singend fort : » Der Hans trifft halt den Nagel auf den Kopf und weiß immer genau das rechte Gewicht aufzulegen . Ja , das ist einer ! « » Nur schade , daß er kein Krämer worden ist , wenn ihm allenfalls auch dann das rechte Gewicht nicht abhanden gekommen wäre « , bemerkte Jos , der dem Verhaßten seine Freude soviel als möglich verderben wollte . Es entstand über diese Rede ein Gelächter in der Stube , als ob er weit etwas Witzigeres gesagt hätte . Nur Hans blieb ernsthaft und sagte strenge verweisend : » Das ist etwas grob für deinen Vetter ; sei doch nicht gar so kindisch ! « Jos , erschrocken aufblickend , begegnete zuerst dem strengen Gesichte der Stigerin , dann brachte ihn eine unmutige Bewegung Dorotheens und die Verlegenheit seiner Mutter noch ganz aus der Fassung . Das durfte nicht so auf ihm liegen bleiben ; wie er es auch immer wieder abwälzen mochte , es mußte weg . » Vetter hin oder her « , sagte er ohne langes Besinnen . » Was kümmert der Herr Vetter sich selbst um seine Eigenen ? Ich will gar nicht von mir reden ; aber da drunten bei den Schnäpslern sehe ich den Andreas , seinen Töchtermann , sitzen und ins Herrenstüble hinüberblicken wie ein Stiefkind . « » Für den Andreas ist dort eben die passendste Gesellschaft « , bemerkte Hans mit seltener Hast . Hatte es schon viel Redens gegeben , daß Jos auf einmal vom Krämer weg auf den Stighof kommen sollte , so mußte ein solches Gespräch um so eher die allgemeine Aufmerksamkeit erregen . Es war auch wirklich so still , daß sogar der zuunterst in der Stube sitzende Gatte Angelikas die über ihn gefallenen Bemerkungen gehört hatte . Die gedrungene Gestalt richtete sich langsam auf , die buschigen Augenbrauen hoben sich , und sein Auge funkelte , als er mit heiserer Stimme sagte : » Hans , der Stich trifft mich nicht mehr . Lieber unter Schnäpslern frei und selbherr als gebunden wie du am Herrentische . Wozu hätte mein Vater gespart und mir kein warmes Winterkleid kaufen dürfen , wenn ich noch jetzt von euerer Gnade abhängig wär ' ? Laßt mich immer der Lümmel sein , wenn ich nur mein eigener Herr bleibe . Übrigens kann ich ja Stiefvater werden , wenn ich nicht mehr gerne Stiefkind bin . Es gibt noch ganz anständige Leute , die nicht ungern eine Flasche mit mir leeren , wenn ich einmal andere so gnädig bevatern will wie Hans . « » Es wär ' klüger gewesen , wenn du die Angelika mitgenommen hättest « , rief Hans dem Erregten verächtlich zu . Andreas fuhr erschrocken zusammen . Dann aber erwiderte er trotzig : » Gelt , du wähnst , es ärgere mich , daß sie nicht mitgeht ? Nein , Hans , darüber bin ich endlich hinaus . Ihr habt mich an viel gewöhnt . Sie bleibe nur , wo ihr wohl ist . Ich mach ' es auch so . Was hätt ' ich auch sonst noch von meinem Geld als die Freud ' an euerem Neide ? « Das Eintreten des Pfarrers unterbrach den Andreas in seiner immer leidenschaftlicher werdenden Rede . Es wurde stiller in der Stube als in der Schule , und wie Kinder blickten alle zu dem hochwürdigen Gaste auf . Jeder wünschte und fürchtete , daß er sich an seinen Tisch setze . Die Ehre wäre eine große gewesen , wenn man nur etwas mit ihm zu reden gewußt hätte . Der ehrwürdige Greis richtete an manchen ein freundliches Wort , das aber oft nur mit einem leisen Kopfnicken errötend beantwortet wurde . Jetzt war Jos , der eine Zeitlang wie auf Nägeln saß , wieder ganz der Mann . Der Pfarrer setzte sich auch bald neben ihn und begann ein Gespräch über die ihm im Winter geliehenen Bücher , bis er von seiner Häuserin zu einem Schwerkranken geholt wurde . Von diesem begannen nun auch die zurückbleibenden Bauern zu reden , während sie die langen Zipfelkappen wieder aufsetzten . Nur am Tische neben dem Kanapee blieb alles still . Dem Jos aber machte man andere , viel freundlichere Augen als während des von ihm angezündeten Streites , der nun ganz vergessen war . Hans kam unmöglich aus seinem Erstaunen darüber , daß ein Mensch , nicht einmal ganz in seinem Alter , der nur seinen , Lehrer hatte und noch dazu ein armer Teufel war , so sicher und glatt mit dem hochstudiertesten Mann weit und breit zu reden verstand . » Ja , gelt , Mutter ! « nickte er der Stigerin zu , die gar nicht zu wissen schien , was für ein Gesicht sie zu dem Vorgange machen müsse . Jos schien sich darum auch gar nicht zu kümmern . Er hatte genug an dem glücklichen Lächeln seiner Mutter , und Dorotheens strahlendes Auge sagte ihm , daß auch sie den Mutigen schätze , der vor dem Pfarrer und einer Stube voll neidischer und besitzstolzer Aufpasser so herzhaft zu reden und sogar seine Meinung über Bücher zu sagen wagte . Der Krämer , der jetzt langsam in die Gaststube herauskam , schien mit einem Blick in den Augen aller gelesen zu haben . Er stieß mit Hansen an und wünschte ihm kalt lächelnd Glück zu dem neuen Knechte , der wenigstens schwätzen könne wie ein Briefträger . Der Handel sei freilich etwas schnell gegangen , doch werde man ihn hoffentlich nie einen übereilten nennen . Er wenigstens gönne dem armen Wicht einen so guten Platz , auf dem er manches lernen könne , wenn er nicht zu eigensinnig sei , recht von Herzen und wünsche nur , daß er ihn lange zu behaupten vermöge . Dienstwechsel sei stets schlimm , da man sich immer allerlei nachzureden wüßte , doch der Gescheitere gebe nach und möge nicht durch Nachreden ganz zwecklos schaden und auch den anderen zum Reden zwingen . » Der Mann scheint mich ein wenig zu fürchten « , dachte Jos , und das freute ihn mehr , als ihn die Zumutung ärgerte , daß er es einem recht bösen , geschwätzigen Weibe gleichtun könne . Behaglich begann er mit den andern über das Sprichwort : » Neue Besen kehren gut , aber die alten wissen die Winkel besser « zu plaudern ; der Krämer schlich wieder zu seinem Schoppen zurück ; doch blieb er nicht lange ruhig , da es unter so vielen Menschen für ihn gar bald wieder etwas einzufädeln gab . Bald wurde an jedem Tische ein eigenes Gespräch laut , und Jos war wohl beinahe der einzige Bauernknecht , der einige Handwerker bemerkte , welche sich beim Ofen an einem kleinen Tischchen allerlei Äußerungen über die stolzen Bauern und ihr Gesindel zuflüsterten . Sonst war dort auch sein Platz , und heute kam er gewiß nicht ungehechelt weg , wenn sie auch an ihm den ärgsten Spötter verloren . Nun , sie konnten ihn immer als einen untreu gewordenen Zünftler betrachten . Er hatte für sich selbst zu sorgen . Es lebte sich auch gar nicht übel bei einem reichen Bauern . Das Feste , Sichere im Wesen dieser gutherzigen Leute tat ihm wunderbar wohl . Die Mutter hätte gar nicht so ängstlich husten müssen , damit Jos die Witze seiner ehemaligen Gefährten nicht höre , denn er hatte nicht die mindeste Lust , noch einmal Händel anzufangen oder auch nur ein unebenes Wort zu erwidern . Mit dem gutmütigsten Lächeln sah er hinüber zu der alten Stigerin im Herrgottswinkel , welche die von Dorotheens rundlicher Hand ihr vorgelegten Äpfel und Nüsse sich vortrefflich schmecken ließ . Oh , die da unten , ohne festen Boden unter sich und jeder der natürliche Gegner der anderen , sie wußten nicht , was es hieß , zu einem geschlossenen Ganzen zu gehören . Sie waren ja die unbeachteten Diener von Hunderten , da konnte kein Verhältnis zu ihren Kunden entstehen wie zwischen Bauer und Knecht , die sich eine ganze kleine Welt beherrschen halfen , wo es gleichzeitig immer zu schaffen und zu zerstören , zu säen und einzuheimsen gab . Jos hatte schon oft gesagt , Stall- oder Hausgedanken , kurz , der ganze Jammer des Werktaglebens mit allem , was drum und dran hänge , gehöre so wenig ins Wirtshaus als in die Kirche . Jetzt konnte er sich selbst nicht mehr davor erwehren . Die , welche nun etwa wegen seiner Unterhaltung da waren , mußten ihn allerdings merkwürdig schweigsam finden ; ihm selbst aber war dabei so wohl wie noch nie . Immer tiefer dachte er sich in sein Knechtleben hinein . Er sah die wohlgepflegten Kühe die Köpfe aufrichten und auf sein Kommen horchen , dann fuhr er mit dem selbst gezogenen Rind aufs Feld und hätte fast überlaut zu jauchzen und zu singen angefangen . Es litt ihn nicht mehr auf dem Stuhl . Plötzlich leerte er mit wenigen Zügen sein geschliffenes Glas , stand rasch auf , wie wenn er auf einmal zu einem Entschluß gekommen wäre , den er trotz allen Einwendungen sofort auszuführen gewillt sei , und sagte : » Hier wär ' alles recht und hübsch , aber ich glaub ' , deine Kühe , Hans , täten nicht wünschen , daß immer Ostermontag wär ' . « Die Magd wollte gleich gehen , um einstweilen ein Futter zu geben . » Das ist jetzt meine Arbeit « , widersprach Jos nicht ohne Selbstgefühl . » Nur den Schlüssel zum Heu müßt ihr mir sagen , dann könnt ihr alle dableiben , so lang ' ihr wollt . « Dorothee meinte , man dürfe ihn denn doch nicht wie einen Einbrecher ins öde Haus lassen ohne Gruß und ohne alles . Sie wolle lieber mit und ihn grüßen für alle und ihm Glück wünschen . » Ja , geht nur und gewöhnt euch zusammen ! « lachte Hans . Jos verließ rasch die Stube , während Dorothee durchaus noch einmal trinken mußte . Vor dem Hause wartete Jos etwas ungeduldig auf die Magd und eilte dann wie ein von ihr Verfolgter zum Dörfchen Rehmen hinaus . Erst als das kleine Tannenwäldchen am Ufer der Ach sie in seinen Schatten aufnahm , redete Jos das erste Wort , und es kam gar nicht so überlegt heraus , als man nach der langen Bedenkzeit hätte erwarten können . » Mich nimmt ' s wunder « , begann er und schwieg dann erschrocken darüber , daß er bald laut gewünscht hätte zu wissen , was alle dachten , die ihnen mit so eigentümlichem Lächeln nachsahen . » Was nimmt dich wunder ? « fragte das Mädchen , aber erst , als sie wieder aus dem Wäldchen hinausgekommen waren . Es schien Dorotheen auch gar nicht aufzufallen , daß sie keine Antwort mehr erhielt . Sie beide sahen errötend ihre Schatten hart nebeneinander daherschreiten , als ob sie Arm in Arm gingen , bis der Schatten eines mächtigen Baumstumpfs wie ein Riese zwischen sie zu fahren schien . Erschrocken über die gehörnte Gestalt mit dem kurzen Hals wichen sie auf die Seite . Dann lachten beide laut auf und eilten dem über die tosende Ach führenden Stege zu . Erst hier sah Jos , daß auch die Mutter ihm langsam folgte . Er wartete , bis sie bei ihm war , um ihr allenfalls hinüberhelfen zu können , wofür sie ihm mit einem freundlichen Lächeln dankte , wie er es noch selten auf