du dich nicht geirrt hast , daß ich nicht schwach bin ... Ich habe von jeher das abgenutzte Bild vom Epheu und der Eiche nicht leiden mögen und werde es am allerwenigsten an mir wahr machen ... Lasse mich getrost ins Schloß hinuntergehen , Onkelchen , « wandte sie sich schelmisch lächelnd an den Oberförster , dem die grimmige Falte in möglichster Entwickelung zwischen den Augenbrauen erschienen war . » Sind die Bewohner herzlos , ei , so setzt das noch lange nicht voraus , daß ich sofort zum Kannibalen werden und mein eigenes Herz unter dem Mühlsteine der Grausamkeit zermalmen muß . Wollen sie mich treten und verletzen durch Hochmut , dann setze ich mich innerlich auf einen so hohen Standpunkt , daß alle Pfeile umsonst nach mir verschossen werden , und sind sie Heuchler , nun , so sehe ich der Wahrheit um so fester ins sonnige Angesicht und weiß dann desto klarer , wie häßlich jene schwarzen Masken sind . « » Schön gesagt , unvergleichliche Else , und wäre auch wunderleicht durchzuführen , wenn nur die Leute die Freundlichkeit haben wollten , ihre Masken so handgreiflich zur Schau zu tragen ... Wirst dich schon wundern , wenn du eines Tages Spreu da findest , wo du so und so lange auf Gold geschworen hast . « » Aber , lieber Onkel , ich werde doch nicht so thöricht sein , mich lediglich Illusionen hinzugeben ... Bedenke nur , wie viel Trübes in meine Kinderzeit gefallen ist ; und das ist durchaus nicht so unverstanden an mir vorübergegangen ... Allein , ein wenig Vertrauen auf seinen guten Stern und auf sich selbst muß das Menschenkind auch haben ; und deshalb verzweifle ich noch gar lange nicht , selbst wenn ich gleich beim Eintritt in die fremde Welt in einen Abgrund von ägyptischer Finsternis und greulicher Molche fallen sollte ... Siehst du , liebes Onkelchen , das hast du nun von deinem Eifer für mein Seelenheil - deine Tasse sieht aus , als solle eine Eisbahn darauf eröffnet werden und dein unglücklicher Meerschaumkopf liegt in den letzten Zügen . « Der Oberförster lachte , wenn auch , wie es schien , wider Willen . Dann aber sagte er zu Elisabeth , die geschäftig seine Tasse frisch füllte und einen brennenden Fidibus herbeibrachte , » du brauchst nicht etwa zu denken , daß ich all mein Pulver verschossen habe , wenn ich sage : na meinetwegen , da gehe hin und versuch ' s. - Ich will mir lediglich die Genugthuung verschaffen , eines schönen Tages das heldenmütige Küchlein eilig und verscheucht unter den schützenden Flügel des Daheim kriechen zu sehen . « » Ach ! « lachte Frau Ferber , » da kannst du warten , du kennst unsern kleinen Eisenkopf schlecht ! ... Aber laßt uns einen Entschluß fassen . Meiner Ansicht nach wäre es passend , wenn Elisabeth sich morgen den Damen vorstellte . « - Tags darauf , und zwar nachmittags gegen fünf Uhr , stieg Elisabeth den Berg hinab . Ein schön gehaltener Weg führte durch den Wald , der in dem Parke gewissermaßen aufging . Kein Gitter trennte den ersten , herrlich gepflegten Rasenplan , der mit seinen feinen , elastisch auf und ab wehenden Gräsern wie ein duftiges grünes Gefieder dalag , von dem mit knorrigen Wurzeln bedeckten Waldboden . Elisabeth hatte ein frischgewaschenes , helles Musselinkleid angezogen , und ein weißer , runder Strohhut bog sich leicht über ihre Stirn . Der Vater gab ihr das Geleite bis an die erste Wiese , dann schritt sie allein mutig vorwärts . Keine menschliche Seele begegnete ihr auf dem langen Wege durch die reizenden Anlagen ; ja , es schien , als flüsterte es hier im Laube der Bosketts tiefer , als droben im Walde , und als hüteten sich selbst die Vögel , allzu laut zu werden . Sie erschrak vor dem Knirschen des Sandes unter ihren Füßen , als sie in die Nähe des Schlosses kam , und wunderte sich über sich selbst , wie diese bängliche Stille sie mit einemmal so verzagt mache . Endlich hatte sie den Hauptflügel erreicht und erblickte das erste Menschenangesicht . Es war ein Bedienter , der in einem imposanten Vestibüle geschäftig , aber möglichst geräuschlos hantierte . Auf ihre Bitte , sie bei der Baronin zu melden , schlüpfte er die breite , gegenüberliegende Treppe hinauf , an deren Fuß zwei hohe Statuen standen , die ihre weißen Glieder halb unter dem dunklen Laube mehrerer Orangenbäume versteckten . Sehr bald zurückkehrend , meldete er , daß sie willkommen sei , und eilte flüchtigen Fußes wieder voraus , kaum mit der Fußspitze die Stufen berührend . Beklommenen Herzens folgte ihm Elisabeth . Nicht der sie umgebende Glanz war es , der sie niederdrückte , nein , es war das Gefühl des Alleinstehens in dieser neuen , ungekannten Sphäre . Der Diener führte sie durch einen langen Korridor , an den sich mehrere Zimmer anschlossen , die , außerordentlich reich und elegant ausgestattet , jene tausend Kleinigkeiten in sich schlossen , welche ein unbefangenes und unverwöhntes Menschenkind auf die Vermutung bringen müssen , es sei in eine Warenausstellung geraten . Der Bediente öffnete leise und behutsam eine Flügelthür und ließ das junge Mädchen eintreten . In der Nähe des Fensters , Elisabeth gegenüber , lag auf einem Ruhebette eine dem Anscheine nach sehr leidende Dame . Ihr Kopf ruhte auf einem weißen Kissen , warme Decken verhüllten fast die ganze Gestalt , die jedoch - so viel ließ sich trotz der Umhüllung beurteilen - von beträchtlichem Embonpoint sein mußte . In der Hand hielt sie ein Flakon . Die Dame richtete sich ein wenig in die Höhe , so daß Elisabeth vollständig ihr Gesicht sehen konnte ; es war voll und blaß und erschien im ersten Augenblicke nicht unangenehm . Bei schärferer Beobachtung jedoch mußte man finden , daß die großen blauen Augen , von weißblonden Wimpern umrahmt und unter ebenso hellen , in die Höhe gezogenen Brauen liegend , kalt wie Gletschereis blickten , ein Ausdruck , den ein Zug von Hochmut um Lippen und Nasenflügel und ein stark hervortretendes , breites Kinn keineswegs milderte . » Ach , es ist sehr freundlich von Ihnen , mein Fräulein , daß Sie kommen ! « rief die Baronin mit schwacher , aber trotzdem hart und spröde klingender Stimme , indem sie mittels einer Handbewegung nach einem ihr nahe stehenden Fauteuil deutete und das sich höflich verbeugende junge Mädchen aufforderte , sich zu setzen . » Ich habe , « fuhr sie fort , » meine Kousine bitten lassen , sich bei mir mit Ihnen zu verständigen , da ich leider zu unwohl bin , Sie hinüberführen zu können . « Der Empfang war jedenfalls höflich und zuvorkommend , obgleich sich in Ton und Bewegung der Dame eine bedeutende Dosis Herablassung nicht verkennen ließ . Elisabeth setzte sich und wollte eben auf die Frage , wie es ihr in Thüringen gefalle , antworten , als die Thür heftig aufgerissen wurde . Ein kleines , ungefähr achtjähriges Mädchen mit fliegenden , etwas rötlichen Locken stürzte herein , in ihren Armen einen niedlichen , zappelnden und quiekenden Hund an sich drückend . » Ali ist so unartig , Mama , er will gar nicht bei mir bleiben ! « rief die Kleine fast atemlos , indem sie den Hund auf den Teppich warf . » Wahrscheinlich hast du das kleine Tier wieder einmal zu arg geneckt , mein Kind , « sagte die Mama . » Ich kann dich übrigens hier nicht brauchen , Bella ; du machst zu argen Lärm , und ich habe Kopfweh ... Geh hinüber auf dein Zimmer . « » Ach , dort ist ' s so langweilig . Miß Mertens hat mir verboten , mit Ali zu spielen , immer soll ich die alten Fabeln lernen , die ich gar nicht leiden mag . « » Nun , so bleibe hier , aber verhalte dich ruhig . « Die Kleine strich dicht an Elisabeth vorüber , wobei sie deren Anzug von oben bis unten musterte , und stieg auf einen gestickten Fußschemel neben der Spiegelkonsole , um eine Vase voll frischer Blumen besser erreichen zu können . Im Nu verwandelte sich das reizend geordnete Boukett in ein wildes Chaos unter den kleinen Händen , die sich eifrig bemühten , einzelne Blumen in die feingestickten Löcher der Vorhangsbordüre zu placieren . Bei diesem Arrangement liefen dicke Tropfen der trüben Lache , in der die Blumen gestanden , von den Stielen auf Elisabeths Kleid , so daß diese sich genötigt sah , weiter zu rücken , denn es hatte nicht den Anschein , als ob die kleine Vandalin selbst oder ein Verbot der Mama dem Amüsement so bald ein Ende machen würde . Elisabeth hatte eben nur so viel Zeit gehabt , zu retirieren und auf die wiederholte Frage der Baronin zu antworten , daß sie sich in Thüringen bereits vollkommen heimisch und sehr glücklich fühle , als die Dame sich ziemlich rasch aus ihrer liegenden Stellung emporrichtete und mit einem verbindlichen Lächeln auf den Lippen nach einer Tapetenthür winkte , die sich seitwärts geräuschlos aufthat . Auf ihrer Schwelle erschienen die zwei jungen Leute , die Elisabeth neulich durch das Fernrohr beobachtet hatte ; aber wie ganz anders und seltsam sahen sie jetzt nebeneinander aus ! Herr von Hollfeld , eine fast übergroße , schlanke Gestalt , mußte sich tief auf die Seite neigen , um der kleinen Hand eine Stütze sein zu können , die auf seinem Arme lag . Jenes sylphenartige Wesen , das damals auf dem Ruhebette gelegen , war eine gänzlich verschobene Kindergestalt . Der auch in diesem Augenblicke vollendet schöne Kopf steckte tief in den Schultern und die Krücke in der rechten Hand zeigte , daß auch in den Füßen ein Mißverhältnis sein müsse . » Verzeihe , teure Helene , « rief die Baronin der Eintretenden entgegen , » daß ich dich herüberbemühen mußte ; allein du siehst , ich bin wieder einmal der arme , geplagte Lazarus , an dem du deine Engelsgüte ja stets übst ... Fräulein Ferber , « deutete sie vorstellend auf das junge Mädchen , das sich errötend erhob , » hat die Freundlichkeit gehabt , auf mein gestriges Billet selbst zu kommen . « » Und dafür bin ich Ihnen von Herzen dankbar ! « wandte sich die junge Dame mit einem liebreizenden Lächeln an Elisabeth und reichte ihr die Hand . Ihr Auge glitt dabei wie im bewundernden Erstaunen über die Erscheinung des jungen Mädchens und blieb dann in den blonden Flechten haften , die unter dem Hute hervorquollen . » Ach ja , « sagte sie , » Ihr schönes Goldhaar habe ich schon gesehen , und zwar gestern auf einem Spaziergange durch den Wald - Sie bogen sich über eine Mauer droben im alten Schlosse . « Elisabeth errötete noch tiefer . » Aber eben weil Sie dort waren , « fuhr die junge Dame fort , » kam ich um den Genuß , um dessenwillen ich eigentlich die Anhöhe hinaufgeklettert war - lediglich um Sie noch einmal , wie am Abend zuvor , spielen zu hören ... So jung und kindlich , und ein so tiefes Verständnis der klassischen Musik , wie ist das möglich ! ... Sie werden mich sehr glücklich machen , wenn Sie öfter mit mir spielen wollen . « Es glitt etwas wie Mißbilligung über das Gesicht der Baronin , und einem feinen Beobachter wäre auch wahrscheinlicherweise das leise , spöttische Lächeln in den Mundwinkeln nicht entgangen ; für Elisabeth aber war es vollständig verloren , denn ihr ganzes Interesse wandte sich der unglücklichen jungen Dame zu , deren weiche Silberstimme unmittelbar aus dem Herzen zu quellen schien . Herr von Hollfeld hatte unterdes einen Fauteuil für Fräulein von Walde an das Ruhebett gerückt ; dann empfahl er sich , ohne ein Wort gesprochen zu haben . Weil er aber durch die Thür das Zimmer verließ , die Elisabeth gerade gegenüberlag , so konnte ihr nicht entgehen , daß sein letzter langer Blick auf ihr ruhte , ehe er die Thür langsam schloß . Sie erschrak förmlich darüber , denn die Art und Weise , wie er sie angesehen , war zu eigentümlich gewesen , so daß sie im stillen ihren Anzug prüfte , ob er wohl am Ende gar zu auffallend sei . Fräulein von Walde unterbrach diese Musterung mit der Frage , welchem Lehrer Elisabeth ihr vollendetes Spiel verdanke , worauf letztere erzählte , daß die Mutter sie ganz allein ausgebildet , wie überhaupt die Eltern sie in allem , was sie habe lernen müssen , selbst unterrichtet hätten . Während dieser Mitteilung hatte sich Bella auf den Teppich gekauert und spielte mit dem Hunde . Es würde ein allerliebstes Bild gewesen sein , hätten nicht das Gewinsel und die heftigen Bewegungen des kleinen Tieres bewiesen , daß es gequält werde . Nach jedem lauteren Schrei des Hundes , bei dem Fräulein von Walde stets erschreckt zusammenfuhr , rief die Baronin wie mechanisch : » Laß doch die Possen , Bella ! « Endlich aber , als das Tier in ein schmerzliches Geheul ausbrach , hob sie drohend den Finger gegen die kleine Unartige und sagte : » Ich werde Miß Mertens rufen müssen . « » Ach , « entgegnete die Kleine geringschätzend , » die darf sich doch nicht unterstehen , mich zu strafen ; du hast es ihr ja selbst streng verboten . « In dem Augenblicke wurde die Tapetenthür leise aufgemacht , und ein blasses , älteres Frauenzimmer trat ein . Indem sie sich demütig vor den Damen verbeugte , sagte sie schüchtern : » Der Herr Kandidat wartet auf Bella . « » Ich will heute aber keine Stunde ! « rief die Kleine , während sie ein Wollknäuel vom Tische nahm und dasselbe nach der Eingetretenen warf . » Ja , mein Kind , das muß sein , « sagte die Baronin . » Gehe mit Miß Mertens , sei hübsch artig , Bella . « Bella setzte sich , als ginge sie die Sache so wenig an , als den hinter das Sofa geflüchteten Ali , in ein Fauteuil und zog die Füße in die Höhe . Die Gouvernante schien sich ihr nähern zu wollen , aber ein zorniger Blick der Baronin wies sie an die Thür zurück . Wahrscheinlicherweise würde diese widerwärtige Szene noch lange gespielt haben , hätte nicht die Baronin Hilfstruppen in Gestalt von Bonbons aufmarschieren lassen . Die Kleine verließ , nachdem sie Mund und Taschen vollgestopft hatte , ihren Sitz , und während sie die Hand der Gouvernante , die sie führen wollte , zurückstieß , lief sie hinaus . Elisabeth saß starr vor Erstaunen . Auch die sanften Züge des Fräuleins von Walde drückten unverkennbare Mißbilligung aus , aber sie sagte kein Wort . Die Baronin sank in die Kissen zurück . » Diese Gouvernanten rauben mir Jahre vom Leben ! « seufzte sie . » Ob diese Miß Mertens nur einmal lernen wird , Bella zu behandeln , wie es dies erregbare Kind mit seinen empfindlichen Nerven verlangt ... Da wird keine Rücksicht auf Lebensstellung , Temperament und Körperkonstitution genommen . Alles kommt unter eine Schablone , gleichviel , ob Krämer- oder Pairstochter , ob zartbesaitete Wesen oder robuste Tagelöhnernaturen ... Miß Mertens ist ein widerwärtiger pedantischer Schulmeister . Dabei ist ihr Englisch abscheulich ; Gott weiß , aus welchem Winkel Englands sie stammen mag ! « » Aber das kann ich durchaus nicht finden , liebe Amalie , « sagte Fräulein von Walde ; ihre Stimme hatte dabei etwas unendlich Begütigendes . » Ach ja , das sagst du nun wieder in deiner Engelsgüte ; aber obgleich ich selbst nicht Englisch verstehe , so höre ich doch auf der Stelle , wenn du , liebes Herz , mit ihr sprichst , wie ungleich eleganter deine Aussprache ist . « Elisabeth bezweifelte innerlich die Kompetenz dieses Urteils , und Fräulein von Walde machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand , wobei sie leicht errötete . Die Baronin aber fuhr unbehindert fort : » Bella scheint dies auch recht gut zu fühlen . Sie schweigt hartnäckig , wenn ihre Gouvernante sie englisch anredet ; ich verdenke es ihr keinen Augenblick , muß mich aber immer unbeschreiblich ärgern , wenn diese Person auch noch behauptet , es sei Eigensinn und Bosheit von dem Kinde . « Die anfänglich so schwache und angegriffene Stimme der Baronin war unter dem Ergusse des Verdrusses merkwürdig kräftig geworden . Sie schien dies plötzlich selbst inne zu werden und schloß ermüdet die Augen . » O mein Gott , « seufzte sie , » da spielen mir nun wieder einmal meine unglücklichen Nerven übel mit ... Ich werde heftig , wo ich langmütig sein sollte ; diese Verdrießlichkeiten sind doch wahres Gift für Leib und Seele . « » Ich würde dir raten , zuzeiten , wo du so angegriffen bist , wie heute , Bella unter der Obhut des Herrn Möhring und der Miß Mertens getrost zu lassen . Ich bin überzeugt , daß sie da ganz gut aufgehoben ist ... Wenn ich auch deine rührende Angst und Sorge um das Kind vollkommen begreife , so muß ich doch zu deiner Beruhigung sagen , daß Miß Mertens viel zu sanft und gebildet ist , um irgend etwas zu thun , was nicht zum Heile der Kleinen wäre ... Du siehst ganz erschöpft aus , « fügte sie teilnehmend hinzu . » Es wird gut sein , wenn ich dich jetzt allein lasse . Fräulein Ferber wird gewiß die Güte haben , mich bis an mein Zimmer zu führen . « Damit erhob sie sich , bog sich über die Baronin und hauchte einen Kuß auf deren Wange . Dann legte sie ihre Hand auf Elisabeths Arm , die von der Baronin mittels einer sehr gnädig aussehenden Handbewegung verabschiedet wurde , und verließ das Zimmer . Auf der langsamen Wanderung durch verschiedene Korridors sagte sie , es werde vorzüglich für ihren Bruder , der jetzt so fern von ihr lebe , eine große Freude sein , wenn sie die Musik wieder aufnehme . Er habe früher stundenlang in einer dunklen Ecke sitzen und ihr zuhören können , bis eine erhöhte Nervenreizbarkeit sie gezwungen habe , auf eine lange Zeit der geliebten Musik zu entsagen . Jetzt fühle sie sich wieder viel kräftiger , und auch der Arzt habe seine Zustimmung gegeben - nun wolle sie fleißig üben , um den Bruder zu überraschen , wenn er dereinst zurückkehre . Elisabeth eilte wie geflügelt durch den einsamen Park und den Weg hinauf . Droben auf der Waldblöße vor dem offenen Mauerpförtchen gingen die Eltern auf und ab , und der kleine Ernst sprang ihr schon von weitem entgegen . Wie heimisch und traut erschien ihr alles hier oben . Die Ihrigen begrüßten sie , als sei sie schmerzlich vermißt worden ; droben am Fenster schmetterte und jubelte Hänschen , daß es eine wahre Lust war , und hinter den zwei sich gegenüberliegenden offenen Thüren der großen , dämmerstillen Halle glänzte der grüne Garten doppelt sonnig und zeigte im Hintergrunde die Lindengruppe über dem kühlen Brunnen , in dessen Nähe ein weißgedeckter Tisch mit dem Abendbrote stand . Das ganze italienische Schloß mit all seiner Pracht , seiner vornehmen Atmosphäre und seiner fast beängstigenden Stille , die nur durch den Lärm eines ungebärdigen , verzogenen Kindes unterbrochen worden war , versank hinter ihr wie ein Traum , den man gern abschüttelt ; und als sie die Reihenfolge ihrer Eindrücke den Eltern mitgeteilt hatte , da schloß sie mit den Worten : » Deiner Lehre nach , Väterchen , dürfte ich mir heute noch kein festes Urteil über die neue Bekanntschaft bilden ; denn du verwirfst den ersten Eindruck als etwas Trügliches , das uns leicht ungerecht macht . Aber was kann ich für meine widerspenstige Phantasie ? So oft ich an die beiden Damen denke , sehe ich eine junge , einsame Hängebirke , die einer vom Sturme getragenen Wetterwolke ihre elastischen Zweige willenlos preisgibt . « 7 Von nun an ging Elisabeth zweimal wöchentlich hinunter nach Lindhof . Die Baronin Lessen hatte am Tage nach ihrer Aufwartung mittels eines höflichen Billets die Stunden angeordnet und zugleich ein sehr anständiges Honorar für Elisabeths Bemühung festgestellt . Diese Stunden wurden für das junge Mädchen sehr bald eine Quelle hoher Genüsse . Helene von Walde hatte zwar durch jahrelangen Mangel an Uebung in Hinsicht auf technische Fertigkeit sehr verloren und konnte sich mit Elisabeth nicht messen ; aber sie spielte mit tiefer Empfindung , hatte einen durchaus geläuterten Geschmack und besaß nicht im entferntesten jene häßliche Angewohnheit der meisten Dilettanten , nämlich , das gering zu schätzen , was über ihren Horizont geht . Die Baronin Lessen war nie zugegen , wenn musiziert wurde , und deshalb gewannen auch die Erholungspausen nach und nach einen eigentümlichen Reiz für Elisabeth . Ein Bedienter brachte dann gewöhnlich einige kleine Erfrischungen ; Helene lehnte sich in ihren Fauteuil zurück , und Elisabeth setzte sich auf einen Fußschemel zu ihren Füßen , entzückt der flötenartigen , melancholischen Stimme lauschend , mit der das arme , mißgestalte Wesen aus seiner Vergangenheit erzählte . Dann trat jedesmal das Bild des fernen Bruders in den Vordergrund . Sie konnte nicht genug rühmen , wie er für sie sorge und denke , wie er , obgleich bedeutend älter und sehr ernst , sich bemühe , auf ihre kleinen Liebhabereien und Eigenheiten einzugehen . Sie erzählte ferner , daß er die Besitzung Lindhof einzig aus dem Grunde gekauft , weil die Schwester bei einem längeren Besuche am Hofe zu L. gefunden habe , die Thüringer Luft wirke ganz besonders wohlthätig auf ihren leidenden Zustand . Aus allem ging hervor , daß er Helene zärtlich lieben müsse . Eines Nachmittags , als ungewöhnlich lange musiziert worden war , trat ein Bedienter ein und meldete Besuch . » Bleiben Sie heute abend bei mir zum Thee , « sagte Fräulein von Walde zu Elisabeth . » Mein Arzt aus L. ist gekommen , und es haben sich auch einige Damen aus der Nachbarschaft melden lassen . Ich werde jemand hinaufschicken zu Ihrer Mama , damit sie sich über Ihr Ausbleiben nicht ängstigt . Mein Zwiegespräch mit dem Doktor wird nicht lange dauern , bald bin ich wieder bei Ihnen . « Damit ging sie hinaus . Es waren kaum zehn Minuten vergangen , als die Thür sich wieder öffnete und Fräulein von Walde am Arme eines Herrn eintrat , den sie Elisabeth als Herrn Doktor Fels aus L. vorstellte . Er war ein stattlicher Mann mit einem geistvollen Gesichte , der sich bei Nennung ihres Namens sogleich lebhaft an Elisabeth wandte und ihr in ergötzlicher Weise erzählte , wie er sowohl , als die ganze ehrsame Bewohnerschaft von L. des Erstaunens und Entsetzens kein Ende gewußt hätten , als es laut geworden sei , daß das alte Gnadeck wieder Bewohner und zwar aus Fleisch und Bein beherberge . Plötzlich rauschte es im Nebenzimmer , und gleich darauf erschienen zwei weibliche Gestalten , eine alte und eine jüngere , von etwas absonderlichem Aeußeren , in der Thür . Die große Aehnlichkeit in den Gesichtszügen ließ sogleich erkennen , daß die Eingetretenen Mutter und Tochter seien . Beide trugen dunkle Kleider , die gegen die herrschende Mode lang und schlaff auf den Boden fielen , große Mantillen von schwarzem Wollstoffe und braune , runde Strohhüte , die bei der Mutter mit einer schwarzen , bei der Tochter dagegen mit einer lila Schleife unter dem Kinn gebunden waren . Helene von Walde begrüßte die Damen als Frau und Fräulein von Lehr , und Elisabeth erfuhr später , daß sie , in L. wohnhaft , den Sommer gewöhnlich im Dorfe Lindhof zuzubringen pflegten , wo sie sich in einem Bauernhause eingemietet hatten . Unmittelbar nach den Eingetretenen kam die Baronin Lessen am Arme ihres Sohnes und von einem Herrn begleitet , der von den Anwesenden als Herr Kandidat Möhring angeredet wurde . Die Baronin war dunkel , aber mit ausgesuchtester Eleganz gekleidet ; sie sah imposant aus . Auf der Schwelle blieb sie einen Augenblick stehen und schien sehr unangenehm überrascht durch Elisabeths Anwesenheit . Sie maß das junge Mädchen mit einem hochmütig fragenden Blicke und erwiderte ihre Verbeugung mit einem kaum bemerkbaren Kopfnicken . Helene hatte den Blick aufgefangen und trat ihr näher , indem sie begütigend flüsterte : » Ich habe meinen kleinen Liebling heute hier behalten , weil es durch mein Verschulden doch gar zu spät geworden war . « Elisabeths feinem Ohre entging jedoch diese Entschuldigung nicht . Sie war empört und wäre am liebsten durch das Fenster geflohen , in dessen Nische sie stand , hätte nicht gerade der Stolz ihr geboten , zu bleiben und dem Hochmut der Baronin die Stirn zu bieten . Diese schien indes durch die Sühne des hinter ihrem Rücken begangenen Verbrechens zufriedengestellt zu sein . Sie nahm Helene in ihre Arme , streichelte zärtlich ihre Locken und sagte ihr tausend Schmeicheleien . Dann forderte sie die Anwesenden auf , ihr in das Nebenzimmer zu folgen , wo serviert sei . Sie machte die Honneurs am Theetische und entwickelte dabei die allerdings nicht wegzuleugnende Gabe , das Gespräch in Atem zu erhalten . Mit bewunderungswürdigem Geschick wußte sie es außerdem einzurichten , daß Helene stets der Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeiten blieb , ohne daß die anderen dadurch irgendwie hätten verletzt werden können . Elisabeth saß schweigend zwischen dem Arzte und Fräulein von Lehr . Die Unterhaltung hatte im ganzen für sie wenig Interesse , da sie sich hauptsächlich um ihr ganz fremde Persönlichkeiten und Verhältnisse drehte . Frau von Lehr erzählte viel und schien sehr unterrichtet von allem , was während der letzten Wochen , gleichviel ob von den Betreffenden geheim gehalten oder öffentlich ausgesprochen , in der Umgegend von Lindhof geschehen war . Sie sprach dabei in eigentümlich klagenden , gehaltenen Tönen und senkte jedesmal beim Schlusse irgend einer empörenden Neuigkeit demütig und sanft das ausgetrocknete Eulengesicht , als sei sie das Lamm , das der Welt Sünde trage . Dann und wann zog sie ein Fläschchen mit Fenchelwasser aus dem großen Strickbeutel und befeuchtete damit ihre angegriffenen Augen , die fast immer den Himmel suchten . Welch ein Kontrast zwischen ihr und Helenes Madonnengesichtchen , das , an den dunklen Plüsch des Sofas geschmiegt , Elisabeth heute mehr denn sonst an die Seerose denken ließ , wie sie ihr glänzendweißes Haupt träumerisch erhebt aus dem dunklen Grunde . Es lag aber auch heute ein seltsamer Schimmer über ihren Zügen . Ganz verwischt war der Ausdruck des Leidens freilich nicht , aber es brach ein voller Strahl des Glückes aus den Augen , und um die blaßroten Lippen spielte ein entzücktes Lächeln , so oft sie das volle Rosenboukett vom Schoße aufnahm , das Herr von Hollfeld bei seinem Kommen in ihre Hand gedrückt hatte . Er saß neben ihr und mischte sich einige Male in das Gespräch . Sobald er sprach , schwiegen sämtliche Damen und hörten mit sichtbarem Eifer und Interesse zu , obgleich seine Art zu sprechen nichts weniger als fließend war und , wie es Elisabeth vorkam , auch durchaus keinen originellen Gedanken verriet . Es war ein schöner junger Mann von vielleicht vierundzwanzig Jahren . Es lag eine große Ruhe in den edelgeformten Zügen , die in ihren Linien leicht auf männliche Festigkeit hätten schließen lassen ; allein wer nur einmal fest und forschend in sein Auge gesehen hatte , dem imponierte die plastische Gesichtsbildung sicher nicht mehr . Diese Augen , obgleich groß und tadellos geschnitten , entbehrten der Tiefe und zeigten nie jenes meteorartige Aufleuchten , das uns oft den geistreichen Menschen verrät , selbst wenn er noch kein Wort gesprochen hat . Dieser Mangel kann übrigens ersetzt werden durch jenen milden dauerhaften Glanz , der von einem tiefen Gemüte ausgeht , und der uns nicht hinreißt , wohl aber anzieht und fesselt . Aber auch davon verrieten die großen schönen Blauen des Herrn von Hollfeld keine Spur . Diese Beobachtung indes machten vielleicht nur sehr wenige ; denn es war nun einmal , und zwar vorzüglich am Hofe zu L. , hergebracht , in Herrn von Hollfeld einen Sonderling zu sehen , dessen meist schweigsamer Mund ein um so tieferes Innere verschließe , und am allerwenigsten würden wohl die Damen in und um Lindhof jene Ansicht unterzeichnet haben . Das bewies vor allen Frau von Lehrs sehr korpulente Tochter , indem sie sich jedesmal , als gelte es die Verkündigung eines Evangeliums , über die ängstlich zurückweichende Elisabeth hinüberbog , so oft Herr von Hollfeld den Mund aufthat . Aber auch sie schien gern ihr Licht leuchten zu lassen . » Sind Sie nicht auch entzückt von den herrlichen Predigten , mit denen uns Herr Kandidat Möhring an den heiligen Festtagen erquickt hat ? « fragte sie , sich an Elisabeth wendend . » Ich bedaure , sie nicht gehört zu haben , « entgegnete Elisabeth . » So haben Sie den Gottesdienst gar nicht besucht ? « » O ja ... ich war in Begleitung meiner Eltern in der Dorfkirche zu Lindhof . « » So , « sagte die Baronin Lessen , indem sie zum erstenmal den Kopf nach Elisabeth umwandte , wodurch diese ein äußerst höhnisches Lächeln zu sehen bekam , » und es war wohl recht erbaulich in der Dorfkirche zu Lindhof ? « » Gewiß , gnädige Frau , « entgegnete ruhig Elisabeth und sah fest in das spöttisch funkelnde Auge der Dame . » Ich war tief bewegt von den schlichten und doch so ergreifenden Worten des Predigers , der übrigens nicht in der Kirche , sondern außerhalb derselben , unter den Eichen seinen Vortrag hielt ... Als der Gottesdienst beginnen sollte , da stellte es sich heraus , daß die kleine Kirche die massenhaft herbeigeströmten Zuhörer nicht fassen könne