Leben nehmen , wären wir nicht wie die Kinder geneigt , uns das Kommende , das Unbekannte , trotz aller unserer Erfahrungen , doch immer wieder schöner und verlässiger , als das Bekannte vorzustellen . Wer seines Lebens froh werden will , muß eigentlich gar keine Zeugnisse seiner Vergangenheit aufbewahren , denn damit allein gewinnt man die Möglichkeit , sich nur dessen zu erinnern , was man festzuhalten wünscht , und Alles zu vergessen , was man vergessen möchte . Der Caplan widersprach dieser Ansicht . Wer das Bestreben der Selbstvollendung hat , meinte er , muß sich vor sich selbst als Einheit aufzurichten wünschen und hat als Grundlage für seinen eigenen Fortschritt den genauen , klaren Ueberblick über seine ganze Vergangenheit nöthig . Mich dünkt , sagte er , ein jeder Irrthum , aus dem wir belehrt hervorgegangen sind , wird uns zu einem Antriebe , weiter in dem Streben nach Wahrheit fortzuschreiten ; jede Versuchung , jede üble Neigung , die wir besiegten , ist eine Ermuthigung für uns , jedes Unterliegen eine Mahnung zum Mißtrauen gegen uns selbst , und wenn ich auf meine ganze Vergangenheit zurückschaue , so möchte ich nicht eine Stunde derselben vermissen . Der Baron war von der Aeußerung überrascht . Ich kenne Sie doch nun über ein Vierteljahrhundert , sagte er , aber für so glücklich hätte ich Sie nicht gehalten . Nach Ihren Aeußerungen müssen Sie von dem Leben , von den Menschen keine Enttäuschungen erlitten haben ; dann freilich wären Sie zu beneiden , wären Sie glücklicher als ich gewesen bin ; aber ich habe das nicht geglaubt . Er brach damit plötzlich das Thema ab , als sei es völlig erschöpft , wenn er seine Ansicht darüber ausgesprochen habe , und der Caplan hatte keine Neigung und keinen Grund , es weiter fortzusetzen . Aber der Baron war aufgeregt und warf mit einer gewissen Heftigkeit noch einige Päcke Papiere in das Feuer , die hell aufflammten und bald als ein Häufchen Asche zwischen den großen Holzbränden versanken . Das wäre abgethan ! sagte er , und als sei mit diesen schriftlichen Zeichen entschwundener Jahre auch all dasjenige vernichtet , was der Baron nicht erlebt und gelebt zu haben wünschte , so erleichtert wandte er sich von dem Feuer ab . Er ging an sein Bureau , schloß eines der Fächer desselben auf , nahm einen Schmuckkasten von violettem Sammet heraus , der auf seinem Deckel das Wappen der Familie Arten trug , und zeigte , den Kasten öffnend , seinem Freunde den darin enthaltenen Schmuck . Sehen Sie einmal , sagte er , was Fassung thut ! Sie kennen ja unsern Familienschmuck ; aber wie viel schöner sieht er in seiner jetzigen Fassung aus , als in der früheren , in welcher meine Mutter ihn trug ! Er hielt ihn dabei gegen das Licht , daß die Flamme der Kerzen sich tausendfach in den schön facettirten Brillanten spiegelte , und schien große Freude an ihrem Glanze zu haben . Mich dünkt , der Schmuck ist größer und reicher , als ich ihn früher gesehen habe , meinte der Caplan . Das ist er auch . Sie wissen ja , daß es ein Uebereinkommen oder vielmehr eine Sitte unter uns ist , bei jeder neuen Uebertragung des Schmuckes auf eine neue Frau von Arten , den Schmuck zu vergrößern . Ich habe die fünf Solitaire , welche die Mitte des Colliers bilden , dazu gekauft , und die ganze Aigrette ist neu . Ich denke , daß sie Gräfin Angelika vortrefflich kleiden wird . Die fünf Steine , welche durch meinen Ankauf an der hinteren Seite des Halsbandes übrig geworden sind , habe ich als Pendeloques für die Brust-Agraffe fassen lassen , und so schön die Steine an und für sich sind , muß man es dem Juwelier , dem Jakob Flies , doch lassen , daß er ihnen durch die Art der Zusammenstellung einen ganz besonderen Glanz gegeben hat . Er ist fraglos einer der geschicktesten Juweliere und der honneteste Jude , der mir vorgekommen ist . Er blieb mit der Betrachtung des Schmuckes beschäftigt , nahm die einzelnen Theile mit einer fast weiblichen Genugthuung aus dem Etui heraus , hielt sie gegen das Licht und rief endlich : Keine Königin dürfte sich dieses Schmuckes schämen ! Dann legte er Alles in dem Etui zurecht , deckte das wattirte weiße Atlaskissen über die Brillanten und schloß das Kästchen mit dem goldenen Schlüssel wieder behutsam zu . Ehe er es aber in das Bureau setzte , ließ er den Caplan noch einmal die Arbeit des Etuis betrachten , welche sehr geschickt das alte , jetzt zu klein gewordene Schmuckkästchen nachahmte , und mit dem doppelten Behagen des Kenners und des Besitzers holte er noch vier , fünf ältere Schmuckkasten herbei , welche die Vorgänger des jetzigen gewesen waren . Man hatte durch alle Generationen die Form und Zeichnung des ersten Schmuckkästchens festgehalten , das einst einer der Herren von Arten seiner Braut als Hochzeitsgabe dargebracht hatte . Es machte sich also von selbst , daß der Baron dabei seiner Mutter und Großmutter , seiner Vorfahren überhaupt gedachte , und er , der sich eben noch gegen alle und jede persönliche Rückerinnerungen ausgesprochen hatte , fand sich bald in das liebevollste Gedenken an seine Eltern , in den stolzesten Rückblick auf sein Geschlecht versenkt . Er sprach von seiner Mutter , von seinem Vater , er verglich die Eigenschaften und den Charakter seiner verstorbenen Schwester mit denen seiner Braut , er entwarf Lebensplane für die Zukunft und war , wie sanguinische Menschen bei einem neuen Abschnitte in ihrem Leben es pflegen , voll guten Glaubens und voll guter Vorsätze . Er kam darauf noch einmal , als er dem Caplan die Trauringe zeigte , auf den jüdischen Juwelier zurück . Ich kenne ihn seit langen Jahren , mein Vater bediente sich seines Vaters schon , sagte er , aber ich habe mir niemals die Mühe genommen , mich weiter mit ihm einzulassen , als unser eigentliches Geschäft es nöthig machte . Jetzt , da ich ausführlicher mit ihm zu verhandeln hatte , habe ich ihn näher kennen lernen , und ich finde nun vollkommen bestätigt , was man mir von ihm gerühmt hat . Er ist ein anständiger Mann und von einer Bildung , die ich bei Leuten seines Gleichen in der That nicht vorausgesetzt haben würde . Ich hatte Ihnen das immer gesagt , bemerkte der Caplan . Verwandte von mir , die vor Jahren in seinem Hause wohnten , hielten einen gewissen Verkehr mit ihm , und ich habe dadurch bei meinen früheren Besuchen in der Stadt die Gelegenheit gehabt , ihn und seine Frau kennen zu lernen . Es sind äußerst brave und recht gebildete Leute . Mich freut es , diese Bestätigung Ihrer Ansicht durch meine eigene Erfahrung gewonnen zu haben , erklärte der Baron ; denn ich hege nicht üble Lust , den Mann als meinen Agenten in der Stadt zu benutzen . Er hat Waarenkenntniß aller Art und viel Geschmack . Er ist daneben klug , umsichtig , ein sehr gewandter Geschäftsmann , und die Weise , in welcher er seine Frau und seine einzige , beiläufig sehr schöne Tochter behandelte , gefiel mir sehr . Discret scheint er mir auch zu sein . Der Caplan hatte Anfangs nicht recht einsehen können , was den Baron bewogen , grade jetzt , wo seine Zeit beschränkt war , die nähere Bekanntschaft des Juweliers zu machen ; noch weniger konnte er begreifen , wozu er eines Agenten in der Stadt bedürfe und weßhalb er sich zu einem solchen eben einen Juden ausersehe . Indeß die letzten Worte , welche der Verschwiegenheit des Herrn Flies gedachten , klärten für den Caplan den Vorgang alsbald auf . Die ganze Maßregel konnte sich nur auf Pauline oder auf den Knaben beziehen , den der Freiherr dem Schutze und Rathe des Juweliers anzuvertrauen beabsichtigen mochte , weil er mit demselben auf sehr leichte und unverfängliche Weise im Zusammenhange bleiben konnte . Da der Baron aber mit keinem Worte Paulinen ' s gedachte , hielt der Caplan es für angemessen , ihrer ebenfalls nicht zu erwähnen , und der Abend ging mit ruhigen , meist heiteren Gesprächen hin , als säße nicht eine halbe Stunde von ihnen ein unglückliches , verlassenes Weib in all seinem Jammer da , die langsam dahingleitenden Minuten mit seinen Herzschlägen qualvoll durchmessend . Am andern Morgen kam der künftige Schwager des Barons , ein junger Militär , nach Richten , um den Bräutigam seiner Schwester zur Hochzeit zu begleiten . Er diente in einem Cavallerie-Regimente , dessen eine Schwadron unfern in Garnison lag . Es war ein prächtiger Tag . Das Pferd des Cornets wieherte vor Freude , als es , dampfend von dem scharfen Ritte durch den kalten , klaren Morgen , das Schloß erreichte , dessen wohlversorgte Ställe ihm bekannt und lockend winkten . Die beiden ihn begleitenden langhaarigen Windhunde sprangen in großen Sätzen vor ihm her , als ahnten sie in der klaren Herbstluft die nahe Jagd . Der Cornet war pünktlich gewesen , um keinen Aufenthalt in der Abreise zu verursachen , und kaum hatte ein Diener sein Pferd weggeführt , so trat gleich ein zweiter heran , dem Reitknechte des jungen Grafen das Gepäck abzunehmen , welches dieser für seinen Herrn auf dem Pferde hatte . Denn die Reisewagen waren bereits zum Anspannen fertig und man hatte nur noch die Mantelsäcke des jungen Grafen unterzubringen . Der Baron hatte , am Fenster stehend , schon eine ganze Weile nach seinem Schwager ausgesehen . Er hatte vortrefflich geschlafen , war heiter erwacht und am Morgen unter verschiedenen Vorwänden durch das ganze Schloß gegangen , das ihm heute zum ersten Male so leer erschien , als habe die Gefährtin , die er zu holen beabsichtigte , es schon lange mit ihm bewohnt und ihn eben jetzt erst verlassen . Er sah daran , wie viel er in dieser Zeit an sie gedacht hatte , wie sehr er sich ihres nahen Besitzes freute und wie sehr er sie bereits in sein Leben aufgenommen habe . Er begrüßte und umarmte dann den Jüngling , der ihn mit den schönen Augen seiner Schwester anlachte , mit der größten Freude , aber er war so eilig , fortzukommen , daß er trotz seiner Gastlichkeit , noch während der Cornet beim Frühstück saß , den Befehl zum Anspannen der Wagen ertheilte . Der Cornet wollte davon nichts hören . Er hatte sich vor Tagesanbruch auf den Weg gemacht , nun verlangte er Zeit , sich auszuruhen , denn er wollte sein Haar , das von dem mehrstündigen Ritte in Unordnung gerathen war , frisch frisiren und pudern lassen , um am Abende sich in seiner Familie gebührend präsentiren zu können . Er neckte daher den Baron mit aller kecken Laune eines jungen Militärs und mit allem Uebermuthe eines verwöhnten Günstlings über die große Eile , mit welcher derselbe zur Abreise trieb . Der Baron ließ sich das von dem Bruder seiner Braut mit Heiterkeit gefallen , ja , er willigte endlich darein , dem jungen Grafen noch die ganze neue Einrichtung des Schlosses zu zeigen , und es vergingen damit nahezu zwei Stunden , die man in der angenehmsten und behaglichsten Weise verbrachte . Endlich fuhren die beiden Reisewagen vor das Schloß . Den einen sollten bei der Heimkehr die Vermählten , den anderen der Cornet und der Caplan benutzen . Die Dienerschaft stand vor der Thüre , der Haushofmeister sah dienstbeflissen noch einmal die Taschen des Wagens nach , sich zu überzeugen , daß die mitgegebenen Vorräthe wohl untergebracht wären , der Kammerdiener legte die Fußsäcke und Pelzdecken zur Vorsicht in den Wagen , und nahm dem Gärtner die Schachtel ab , in welcher das Bouquet von Orangenblüthen , das der Baron seiner Braut als Willkommsgabe aus seiner Orangerie mitzubringen wünschte , vorsichtig in Moos verpackt war . In dem Augenblicke trat der Baron mit seinen beiden Begleitern aus dem Portal des Schlosses heraus , und der Cornet machte unwillkürlich die Bemerkung , wie schön sein Schwager in dem violetten , mit Goldschnüren besetzten Sammetüberrocke aussehe . Mit klarem Auge selbstzufrieden umherschauend , drückte der Baron den flachen , gleichfalls mit Goldschnüren verzierten dreieckigen Hut auf das Haupt und wollte eben den Wagen besteigen , als sich unten am Flusse eine unruhige Bewegung zeigte . Der Gärtner mit seinen Burschen und einige Arbeiter waren am Wasser beschäftigt , man holte Stangen herbei , und der Gärtner bestieg das Boot , mit dem man nach dem Schwanenhäuschen überzufahren pflegte . Was giebt ' s da unten ? fragte der Freiherr . Man wußte es in seiner Umgebung nicht und schickte hinunter , es zu erkunden . Aber noch ehe der Bote zurückkam , brachte der Gärtnerbursche dem Caplan einen Brief . Was geht da vor ? wiederholte der Freiherr . Gnädiger Herr , sagte der Bursche , es hat sich Einer in ' s Wasser gestürzt ! Wer ? Wann ? rief der Freiherr mit einem Schrecken , der aus irgend einer furchtbaren Ahnung hervorgehen mußte . Ich weiß nicht ! antwortete der Gärtnerbursche auf ein Zeichen des Caplans , von dessen Wangen alles Blut gewichen war . Der Freiherr wollte die Terrasse hinuntereilen , der Caplan hielt ihn zurück . Bleiben Sie , bleiben Sie ! Es ist vergebens , es ist zu spät ! sagte er eilig und selbst nach Fassung ringend . Den Brief , den Brief ! drängte darauf der Baron und entriß dem Widerstrebenden das Papier . Es enthielt die folgenden , kurzen Zeilen : » Was ich von Dir erfahren soll , das theile dem Herrn Caplan mit ! hat er mir geschrieben . - Sagen Sie ihm also , Hochwürden , daß ich nicht anders konnte . Ich habe fortgehen wollen , nun der Tag da ist , geht ' s über meine Kräfte . Ich will ihn ja nicht stören in seinem Glücke , aber hier bleiben muß ich ! Wenn er heruntersieht auf das Wasser , werde ich ihm wohl einfallen , und er wird dann auch wohl an den Paul denken , der nun keinen Menschen mehr auf der Welt hat , als ihn ! Sagen Sie ihm das , Hochwürden ! - Wenn ' s Tag wird und Sie den Brief bekommen , dann ist ' s lange mit mir vorbei ! « Das war Alles . Der Brief war kurz und ohne alle Weichheit , wie Paulinen ' s Charakter in sich abgeschlossen , und ihr Entschluß schnell gewesen war . Sie hatte nicht einmal ihren Namen unterschrieben . Während der Baron las , hatte seine ganze Dienerschaft erfahren , was geschehen war . Die Blicke seiner Leute waren auf ihn gerichtet , er beachtete es nicht . Seine Hand zitterte , seine Kniee versagten ihm den Dienst , er mußte sich auf einer der Bänke vor dem Schlosse niedersetzen , und im furchtbaren Schmerze schloß er die Augen . Es war eine vollkommene Unthätigkeit in seine Umgebung gekommen , Niemand schien zu wissen , was er thun solle . Mit einem Mal richtete er sich auf . Abspannen ! befahl er und wollte sich in das Schloß begeben . In dem Augenblick kam aber der Cornet zurück , welcher mit der Lebhaftigkeit seines Alters bei der ersten Kunde von dem Unfalle nach dem Wasser hinuntergegangen war . Es hat sich ein Frauenzimmer aus dem Dorfe ertränkt ! sagte er gleichgültig , und sie meinen , es müsse schon viele Stunden her sein , denn der Mantel und die Schuhe , die man auf dem Rasen gefunden hat , waren schon festgefroren , als Ihr Gärtner sie bemerkte . Unter den Schuhen soll ein Brief an den Herrn Caplan gelegen haben . - Ah , Sie haben den Brief schon ! rief er , als er das Blatt in den Händen seines Schwagers und zugleich mit dessen Verstörung es bemerkte , daß der Kammerdiener die Pelzdecken wieder aus dem Wagen herausnahm . Was haben Sie , Baron ? Sie lassen ausspannen ? fragte er verwundert . Fahren wir denn nicht ? Ja , bald , gleich ! erwiederte der Baron , sich gewaltsam beherrschend . Ich muß nur erst sehen .... Ob Sie Todte lebendig machen können ? rief der Cornet . Wenn wir darauf warten sollen , wird Angelika heute eine schlaflose Nacht haben und sich Sorgen um uns machen , wobei Sie natürlich für zwei zählen und ich für Nichts ! Vor Abend kommen wir jetzt ohnehin nicht mehr nach Berka , und der Caplan ist ja unten . Ueberlassen Sie ihm doch den Rettungsversuch , das ist sein Amt , und - fügte er übermüthig hinzu - wer weiß , ob der hochwürdige Herr , an den der Brief gerichtet war , nicht am Ende ohnehin mehr von der Sache weiß . Er lachte über seinen Einfall ; der Baron hatte nichts von diesen frechen Worten des jungen Mannes gehört ; aber er kam allmählig aus seiner Versunkenheit zurück , fuhr sich mit der Hand mehrmals über die Stirn , und als er sich dann umsah , waren seine Mienen wieder ruhig geworden . Sie haben Recht , sprach er ; ich kann hier in der That Nichts helfen , und Ihre Schwester soll nicht ohne Grund beunruhigt werden . Kommen Sie , lieber Gerhard , lassen Sie uns einsteigen ! - Während der junge Graf sich dem Wagen näherte , winkte der Baron den Haushofmeister heran und sagte : Ich lasse den Herrn Caplan ersuchen , alles Nöthige , verstehen Sie mich , alles Nöthige , zu besorgen und mir baldmöglichst nachzukommen ! Und daß ich hier Alles finde , wie ich ' s angeordnet habe ! Der Haushofmeister verneigte sich , die Dienerschaft , welche eben so bestürzt gewesen war , als ihr Gebieter , trat beflissen hinzu , und der Baron stieg ein . Als der Cornet sich zu ihm niedersetzte und der Kammerdiener ihnen die Decken von schwarzem Bärenpelz über die Kniee gebreitet hatte , lehnte der Baron sich in die Ecke zurück , wie einer , der zu schlafen beabsichtigt . Sie werden heute keinen unterhaltenden Gesellschafter an mir haben , sprach er zu dem jungen Manne . Freude und Erregung haben mich die Nacht nicht schlafen lassen , und nun ist der Schrecken mir auf die Nerven gefallen , daß ich einen Ansatz von Migraine fühle , den ich mir wegschlafen möchte , um Ihre Schwester heiter und frei umarmen zu können . Kannten Sie das Frauenzimmer , das sich ertränkt hat ? fragte gleichgültig der junge Mann . Ja , versetzte der Baron , und es überlief ihn eiskalt , daß er zusammenschauerte und sein Begleiter ihn , aufmerksam werdend , betrachtete . Dem Baron entging das nicht , und die Achtsamkeit seines Schwagers von dem rechten Pfade abzulenken , sagte er : Mit aller seiner Philosophie kann man sich des Aberglaubens in entscheidenden Momenten doch recht schwer erwehren . Daß solch ein Unglück vor meinen Augen geschah , grade als ich den Wagen besteigen wollte , um an das Ziel meiner Wünsche zu gelangen , hat mir einen äußerst peinlichen Eindruck gemacht , und ich möchte um Alles in der Welt nicht , daß Ihre Schwester Etwas davon erführe . O , bewahre ! Wozu auch ? erwiederte der Bruder ; aber daß Sie sich so Etwas derart zu Herzen nehmen könnten , hätte ich mir nicht gedacht ! Mich läßt dergleichen völlig ruhig . Wer sich das Leben nimmt , thut es zu seinem eigenen Schaden . Er machte dazu ein ganz ernsthaftes Gesicht , lehnte sich ebenfalls zurück , wickelte sich fest in seinen Reitermantel ein und war , da er mit Tagesanbruch ausgeritten , bald eingeschlafen , während der Baron , von Schmerz und Gewissensbissen gefoltert , von Sorgen und Unglücksahnungen gepeinigt , mit Schrecken daran dachte , daß er am Abend seine Braut begrüßen und sie bald als seine Gattin in sein Haus führen sollte , vor dessen Fenster das dahin fließende Wasser ihn ewig an den Untergang Paulinen ' s mahnen mußte . Fünftes Capitel Die ganze gräfliche Familie war bereits im Schlosse beisammen , als der Baron in Berka eintraf . Der Schwiegervater , die neuen Vettern , kamen ihm bis in die Halle entgegen . Bei dem Scheine der Windleuchter , welche die geschäftige Dienerschaft herbeigetragen , hieß man ihn mit aller Feierlichkeit willkommen , und dem Baron war jeder Aufenthalt , war Alles erwünscht , was ihm die Veranlassung zum eignen Handeln ersparte , was die erste Begegnung mit seiner Braut , wenn auch nur für Minuten , hinausschob . Oben in seinen Zimmern , in die man ihn geführt hatte , um ihm Zeit für seine Umkleidung zu geben , warf er sich erschöpft auf das Canapé , und die Herzbeklemmung , die er den ganzen Tag ertragen und überwunden hatte , machte sich in Thränen Luft . Gut geschult , verließ sein Kammerdiener ihn , sobald er die Gemüthsbewegung seines Herrn gewahrte , und es dauerte eine Weile , ehe der Baron demselben schellte , um sich ankleiden zu lassen . Er war sonst äußerst sorgsam für seine Toilette , heute blieb dieselbe gänzlich dem Kammerdiener überlassen . Der Baron beachtete es nicht , in welcher Weise jener ihm die vollen Seitenlocken puderte ; er sprach kein Wort , während der Diener ihm das Haar flocht und die Schleifen des breiten Bandes an dem Haarbeutel befestigte . Er merkte es kaum , als er ihm das kleine , goldene Messer reichte , den Puder von der Stirne fortzubringen , und wäre der Diener nicht selbst stolz gewesen auf die vornehme Erscheinung seines Herrn , so hätten die weißseidenen Strümpfe sich ziehen können , wie sie mochten , und weder die kantenbesetzte weiße Halsbinde , noch das Jabot und die Spitzenmanschetten würden die rechten vollen , vornehmen Falten geworfen haben . Erst als der Baron das Zimmer verlassen wollte , um sich zu seiner Braut zu verfügen , und der Diener ihm den Parfümerie-Kasten hinreichte , damit er für sein Taschentuch den Parfüm nach Wohlgefallen wählen könne , erlaubte sich derselbe die Anfrage , ob der gnädige Herr nicht in den Spiegel sehen wolle , und sein zufriedenes Lächeln schien von diesem Vorschlage Erheiterung für den Baron zu erwarten . Indeß der Blick desselben wendete sich kalt von dem Spiegel ab , nachdem er ihn flüchtig darauf gerichtet hatte , und mit einem Seufzer , den er nicht zu unterdrücken vermochte , verließ er das Zimmer . Er hatte keine Sylbe gesprochen , er hatte es nicht einmal für nöthig gehalten , dem Diener Verschwiegenheit zu befehlen . Er kannte sich und seine Leute . Er wußte , daß sie treue Diener waren , weil er sie immer empfinden ließ , daß er ihr Herr sei . Langsam und schwerer , als es seine Art war , schritt er die Treppe hinab , durch die Vorzimmer , an der theils wartenden , theils beschäftigten Dienerschaft vorbei , bis die Flügelthür des Saales vor ihm geöffnet wurde . Aber das Licht , das helle Licht , welches ihm aus demselben entgegenstrahlte , war ihm unangenehm . Es blendete ihn heute zum ersten Male in seinem Leben und erinnerte ihn damit , wie heiße Thränen er geweint hatte . Indeß es blieb ihm keine Zeit , an sich zu denken . Er hatte seine Braut zu begrüßen , er mußte ihr sagen , was er in diesem Augenblicke leider ganz und gar nicht empfand , daß er glücklich sei , sie wiederzusehen . Wie hold sie ist ! hörte er ausrufen , als Gräfin Angelika ihm mit unverhehlter Freude und Zärtlichkeit entgegenkam . Die schlanke Gestalt sah so leicht aus in dem Kleide von rosenfarbener Seide . Das schöne Haar , nur von einem rosa Bande gehalten , puffte sich hoch über ihrer schmalen Stirne empor und fiel hinter beiden Ohren in langen Locken weich und schwer auf ihren Hals und ihren Busen hinab . In jedem anderen Momente würden ihre Jugend und ihre Schönheit dem Baron eine Entzückung bereitet haben ; heute bewegten sie ihn nicht , obschon er sie gewahrte . Er küßte Angelika ' s Hand und umarmte sie , aber sie mußte die Begrüßung nicht gefunden haben , wie sie dieselbe erwartet hatte , denn es legte sich ein Schatten über ihr Gesicht und ihr Auge blieb ängstlich auf den Baron gerichtet , als man sich nach kurzer Zeit in den Speisesaal verfügte . Die Unterhaltung belebte sich an der Tafel schnell . Man befand sich noch in den Zeiten , in welchen Männer und Frauen es kein Hehl hatten , daß sie in die Gesellschaft gingen , um einander zu treffen und daß sie einander zu gefallen wünschten . Die Geselligkeit , die Unterhaltung wurden noch als eine Kunst betrachtet , in welcher geübt und geschickt zu sein für einen Gebildeten als eine Ehrensache galt . Der Baron , als trefflicher Gesellschafter gerühmt , hatte seinen Ruf aufrecht zu erhalten und hätte ihn selbst in seiner gegenwärtigen Stimmung , in dem Kreise seiner neuen Familie und unter den Augen seiner Braut nicht einbüßen mögen . Er nahm sich also zusammen , und da man für den Moment durch Ueberreizung seiner Kräfte ihre Abspannung am leichtesten besiegt und verbirgt , so steigerte er sich allmählich zu einer Lebhaftigkeit , welche die allgemeine Aufmerksamkeit auf ihn richtete und ihn zum Mittelpunkte des ganzen Kreises machte . Er kam aus der Stadt , war vor nicht langer Zeit in Berlin gewesen und hatte viel Gutes von den Freunden zu erzählen , welche er an beiden Orten gesehen . Er konnte , weil ihm die hervorragendsten Persönlichkeiten des Hofes und der Diplomatie bekannt waren , genaue Auskunft über den Stand der Welthändel geben , welche damals noch nicht so offen und so schnell vor aller Leute Augen gebracht wurden , als in unsern Tagen , und was die Literatur anbelangte , an der man zu jener Zeit in der guten Gesellschaft weit mehr Antheil nahm als heute , so führte er als das Neueste und Bedeutendste in seinem Reisewagen außer Goethe ' s Geschwistern noch die ersten veröffentlichten Bruchstücke des Don Carlos mit sich . Er mußte vom Könige erzählen , von der Gräfin Lichtenau , deren Charakter und deren Thun und Treiben seit der neuerdings erfolgten Thronbesteigung Friedrich Wilhelm ' s des Zweiten eine noch größere Wichtigkeit bekommen hatten , und wie sehr er die Abneigung seiner Zuhörerinnen gegen die königliche Maitresse auch berücksichtigte und schonte , konnte er doch nicht umhin , sie als eine Frau von Geist , von Geschmack und von Kunstsinn zu bezeichnen . Hier und da verrieth ein Blick , ein Wort es den Männern , daß er noch mancherlei Besonderes zurückbehalte , was den Vertrautesten mitzutheilen sich wohl eine gute Stunde finden lassen werde , und selbst die Frage der Damen nach den neuen Moden in Kleidung und Wohnungseinrichtung freundlich zu befriedigen , ließ der Baron sich gefällig herbei , bis alle Anwesenden voll von seinem Lobe waren , bis er selbst sich fortgehoben hatte über seinen verstörten Sinn . Er hatte die Gesellschaft für sich eingenommen und sich durch die Betrachtung erheitert , wie viel Herrschaft er über sich habe und über welche Mittel er gebiete , sich die Neigung und Bewunderung der Menschen zu gewinnen ; das genügte ihm für den Augenblick und half ihm vorwärts . Nur Eine Person in der Gesellschaft schien die allgemeine Zufriedenheit und den allgemeinen Frohsinn nicht zu theilen , nur Comtesse Angelika blieb ernst und schweigsam . Das fiel dem Baron auf , und , besorgt und ein wenig empfindlich zugleich , fragte er sie : Fehlt Ihnen etwas , meine Beste , oder was ist geschehen , das Lächeln von Ihrem lieben Antlitze zu verscheuchen ? Da richteten sich ihre sanften Augen ruhig forschend auf die seinen , und mit leiser Klage sagte sie : Sie erzählen so viel Schönes , aber Sie sagen mir Nichts ! Der Scharfblick des jungen Mädchens erschreckte , der Vorwurf traf ihn , indeß schnell gefaßt neigte er sich zu ihr und sprach flüsternd : Wollen Sie , daß ich hier inmitten der Familie und der Gäste die Selbstbeherrschung verliere , die mir Ihnen gegenüber , Süßeste , zu behaupten so schwer wird , daß ich , um Herr über mich zu bleiben , mich mit Plaudern beschwichtigen muß ? Was soll ich Ihnen sagen , das Sie nicht wüßten , meine holde Braut ? Sie lächelte und erröthete , ohne jedoch durch seine Schmeichelrede beruhigt zu werden . Sagen Sie mir , daß Sie sich freuen , bei mir zu sein , daß ich Ihnen gefalle ! bat sie mit einem Tone , der scherzend sein sollte , der aber ihre Besorgniß nicht verbergen konnte . Angelika , rief der Baron und sah sie mit einem Blicke an , vor dem sie erglühend die Augen senkte , bestes , theuerstes Mädchen , was ficht Sie an , wie kommt Ihnen dieser Zweifel ? Ich begreife Sie nicht ! Sie lächelte verwirrt , sie schalt sich selbst ein verwöhntes Kind , sie bat ihren Verlobten , ihr zu verzeihen , und reichte ihm die Hand hin , die er zärtlich drückte ; aber er wußte jetzt , daß er sich vor Angelika zu hüten habe , und seine Stimmung ließ ihm heute nur Einen Weg , auf dem er sich behaupten konnte . Er hatte bis dahin seine Braut mit all der strengen Zurückhaltung behandelt , welche Reinheit und Unschuld von dem Manne zu fordern berechtigt sind . Jetzt , da er im Innersten erschüttert und bedrängt , keiner freien Empfindung mächtig , seine Braut beunruhigt und zum Argwohn geneigt sah , jetzt mußte der Schein der Leidenschaft und des Verlangens ersetzen , was Angelika an ihm vermißte , und es fiel dem erfahrenen Frauenkenner nicht