, was sie mir tun . « » Ich will dir helfen , zu kriegen das Geld ! « sagte der Vater , und die alte Haushälterin in der Ecke kicherte und rieb sich die Hände und murmelte Segnungen und Flüche zu gleicher Zeit , jene über ihren Brotherrn , sein Kind und sein Haus , diese über die Stadt Neustadt und die Kröppelstraße samt allem , was dran und drum hing . Als Hans Unwirrsch die nähere Bekanntschaft von Moses Freudenstein machte , war dieser ihm in den meisten Elementarkenntnissen weit voraus und wußte außerdem in Dingen Bescheid , die den armen Hans mit Staunen und Bewunderung erfüllten . Er wußte , wie eine Kokosnuß aussah ; denn der Vater Samuel hielt eine verschlossen im Schranke . Er wußte ganz genau Bescheid im Lande der Kokosnüsse und im Affenlande und knüpfte daran die Bemerkung , daß die Jungen in der Kröppelstraße auch zum Affengeschlecht gehörten , daß er - Moses Freudenstein - aber doch lieber ein Aff als ein Jung aus der Kröppelstraße sein wolle . In den Geschichten des Alten Bundes war Moses natürlich , sehr bewandert und sprach davon immer in der ersten Person Pluralis : als wir in Ägypten waren - als wir abfielen vom König Saul - als wir zu Babylon in der Gefangenschaft saßen - als wir die Assyrier verjagten . Diese Art zu reden , welche der Deutsche leider Gottes nicht kennt , hatte er auch von seinem Vater , der die Geschichte seines Volkes aus dem Grunde kannte , stolz darauf war und gern und viel davon sprach . Moses Freudenstein warf diese Eigentümlichkeit auch erst sehr spät ab ; ja eigentlich verlor er sie nie völlig , selbst in jener Zeit , als er die Erinnerungen und den Einfluß des Ladens in der Kröppelstraße wie ein altes Kleid von sich gestreift hatte . Es gab in dem Laden alte holländische Reisebeschreibungen vom Ende des siebenzehnten Jahrhunderts , voll der merkwürdigsten Kupfer . Vor diesen Foliobänden war Moses groß , Hans Unwirrsch aber vergaß über ihnen alles andere . Selbst die » Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl « verblaßte vor den Wundern von Surinam , dem Hof des Großmoguls , den Elefanten und den Tigern , den stolzen Kriegsschiffen der Herren Generalstaaten , die mit ihren Kanonen die wundersamen , phantastischen indischen Städte im Kupferstich begrüßten . Aber das waren noch lange nicht alle Reichtümer , von denen Moses umgehen war . Noch ganz andere Wunder barg der Laden des Trödlers . Das Ei des Vogels Roch im Märchen Sindbads des Seefahrers ist ein Gegenstand , der wohl die Phantasie gefangennehmen kann ; aber das wirkliche und wahrhaftige Straußenei , welches einem vor der Nase liegt und welches man mit dem Finger vorsichtig berühren darf , hat doch einen noch größern Reiz . Der westfälische Hoflakai vor der Tür hielt alles , was er versprach ; er hing Wache vor so vielen Schätzen , daß das jugendliche Gemüt durch den Reichtum fast verwirrt wurde . Es war gut , daß Hans in dieser Epoche einen so kühlen Burschen wie den kleinen Moses neben sich hatte . Dieser hatte sich längst in dem Wirrwarr zurechtgefunden und ließ sich so leicht durch nichts mehr verblüffen . Er hatte die große Gabe von der Natur empfangen , in seinem Kopf sogleich alles an die rechte Stelle legen zu können . Im gegebenen Augenblick wußte er alles sofort zu finden ; - ein Kind , ein wahres , rechtes , echtes Kind war er eigentlich nie gewesen . Ein wahres , rechtes , echtes Kind blieb dagegen Hans Unwirrsch sehr lange , fast über die gewöhnliche Zeit hinaus . Auch der Verkehr mit dem israelitischen Freunde änderte daran nichts ; die Phantasie behielt noch das Obergewicht über den Verstand ; der Kreis , in welchem Hans wie jedes andere Menschenkind stand , erweiterte sich nur und füllte sich mit immer buntern , glänzenderen , lockenderen Gestalten , Bildern und Träumen . Die zusammengerollten , farblosen Flügel der jungen Psyche entfalteten sich allgemach im belebenden Strahl der Weltensonne ; ein leichter Schimmer von Azur , Purpur und Gold fing an , sie zu überziehen ; - in Purpur , Azur und Gold aber wiegten sich im Garten der Welt alle Blumen und Blüten , alle Wissenschaften und Künste ; und alle neun Musen , die hohen Göttinnen und Gärtnerinnen , saßen und lächelten still und freudig über all die flatternden Dinger , die verlangenden Seelen und die geöffneten prangenden Kelche . Eines Abends trat Hans sehr nachdenklich aus der Dunkelheit des Trödlerladens hervor und stand einen Augenblick ganz geblendet im Schein der Abendsonne , der noch auf dem Pflaster der Kröppelstraße lag . Dann schoß er schnell über die Straße zum mütterlichen Hause , als ob er einen großen Gedanken so eilig als möglich hinübertragen müsse . Aber still setzte er sich neben der Base Schlotterbeck , die ihrer Gewohnheit nach , um diese Zeit mit ihrem Strickstrumpf vor der Tür hockte , nieder und starrte mit offenem Munde zum Sonnenhimmel hinauf . Anfangs gab die Base weiter nicht acht auf ihn , als sie ihn aber zufällig ansah , ließ sie ihr Strickzeug in den Schoß sinken und rief : » Hannes , was ist dir begegnet ? Kind , wie siehst du aus ! Junge , mach den Mund zu und gib Antwort von dir , was haben sie dir drüben angetan ? « Hans warf einen ziemlich verstörten Blick auf den königlich westfälischen Lakaien drüben , antwortete aber nicht , und die Base mußte ihn erst tüchtig an der Schulter rütteln , ehe er sich in die Gegenwart zurückfand . » Jesus , sie haben es fertiggebracht , sie haben dem Kinde den Kopf verwirrt ! O das Volk , das Volk ! Hans , Hans , mein Liebling , komm zu dir und gib aus , was dir passiert ist , was sie dir getan haben ! « » Er lernt das Lateinische ! « rief Hans , und jetzt sperrte die Base den Mund auf . » Er geht zu Michaeli aufs Gymnasium ! « jammerte der Junge , und die Base schlug die Hände zusammen . » Und ich muß ' n Schuster werden und ' n Pechschuster bleiben ! « heulte Hans , und strömend brachen die Tränen hervor . » ' n Schuster ! Ei sieh mal - ' n Pechschuster und weiter nichts ! « rief eine ironische Brummstimme , und ein grimmer Schatten fiel auf die Base und den Knaben . Der Oheim Grünebaum stand vor den beiden , ein würdiger Vorwurf für den Pinsel eines großen Malers . Verwunderungsvolle Entrüstung malte sich , in Ermangelung eines großen Meisters , selber in allen seinen Zügen : sie trieb ihm fast die Augen aus dem Kopfe . Jedes borstige und widerborstige Haar seines Hauptes schien einen beleidigten Schuster zu bedeuten und der ganze emporgesträubte und - gewühlte Wulst die gekränkte Würde der ehrsamen Zunft im ganzen . Im Innern des Mannes kollerte , knurrte und polterte es aufs bedrohlichste ; aber nur in abgebrochenen Worten und Sätzen vermochte die gerechte Entrüstung sich Luft zu machen . » So ' n Knirps - will sich an der ganzen ehrbaren Schusterei vergreifen - der Deibel - wenn man ' s nicht mit höchsteigenhändigen Ohren gehört hätte , sollte man ' s nicht glauben - bis dahin , daß man ' s - mit seinen eigentümlichen Augen gesehen hätte - hallo ! - Donner und Hagel , und als wenn nicht von Adam herunter ein ganzer Schwanz von Schustern hinge - einer am andern , und diese miserablige , naseweise Kröte , das letzte Exkrementum von die ganze achtbare und notable Reihe ! - I da soll ja - « Die Base streckte dem erzürnten Meister abwehrend beide Arme entgegen , und Hans verkroch sich angstvoll hinter ihrem Stuhl und Rock . » Raus mit ihm , Base ! Wenn ich ihn nicht überlege als Mensch und wenn ich ihn nicht haue als Oheim , Pate und Vormund , so ist mein Offizium als Meister von die löbliche Schusterzunft , daß ich ihm die Büchse prallziehe . Stehe Sie beiseite , Base Schlotterbeck ; ich will dem gottlosen und lasziven Lästermaul sein Urteil so gut hinten aufschreiben , daß er sich drei Tage nicht hinsetzen soll von wegen die Schriftzüge ! « » Aber Meister , was hat denn das arme Kind eigentlich gesagt , was Euch so aus Rand und Band bringt ? « rief die Base , die ihr Leben in der Verteidigung ihres Lieblings geopfert haben würde . » Was die Kreatur gesagt hat ? Sie fragt mich noch ? ! Daß er kein Schuster werden will , weil er die löbliche Schusterei verachtet , hat er gesagt . Daß er seinen Oheim und Paten Grünebaum für ' n Pechesel und Phülister ästimiert , hat er gesagt . Der Deibel nehme die Graden und die Ungraden : ich aber , Niklas Grünebaum , will justement meinen Newö bei der Jacke nehmen . Diktus , faktus , gehe Sie mich stantepe aus die Sonne , gehe Sie mich auf die Stelle aus die angenehme Gelegenheit , Base Schlotterbeck ! « Die Base wich dem Zorn des göttlichen Schusters Nikolaus Grünebaum nicht : sie wurde allmählich ebenso hitzig wie der wackere Meister . Erst mit sanft überredenden Worten , dann mit drohenden , zuletzt mit ausgespreizten Fingern und Nägeln verteidigte sie den armen Hans ; und da die Nachbarschaft durch den Lärm in Scharen herbeigezogen wurde und da der Meister Grünebaum auf Anstand hielt und da er wußte , daß , wenn sechs , acht oder zwölf Gevatterinnen die Fäuste in die Seite stemmen , meistens ein Geschrei entsteht , welches kein Mann länger , als es unbedingt nötig ist , aushält : so gab er fürs erste klein bei oder verlegte wenigstens die Fortsetzung der Verhandlung in das Innere des Hauses . Der Nachbarinnen wegen riegelte er auch die Tür zu ; aber der Frau Tiebus Entrüstung und der Frau Kiebike Verachtung drangen während einer geraumen Zeit doch hinein und ihm nach . Der Oheim Grünebaum hielt jetzt seinen Neffen und Paten am Kragen , setzte sich auf den Arbeitsstuhl des Meisters Anton und zog den schluchzenden Sünder zwischen seine Knie , wo er ihn wie in einem Schraubstock hielt . Die Base Schlotterbeck stand kummervoll , aber machtlos daneben . » Nun noch einmal von vorn ! « rief der Oheim . » Also ' n Pechschuster muß dieses unglückselige Opferlamm werden und will es nicht ? ! Soll mich doch wundern , ob ich aus das Stückchen Unglück den Grund herausquetschen kann , weshalb es nicht nur seine eigene schätzbare Familie , sondern auch noch dazu das ganze hochlöbliche Schustergewerk verschimpfiert ! « Er schrob seinen Schraubstock zu , und lautauf heulte Hans Unwirrsch : » Weil der Moses das Latein lernt und Herr wird über die ganze Straße und die ganze Stadt und alle Jungen darin . Und weil meine Mutter ' ne arme Witfrau ist und weil der Herr Oheim mich auch nicht das Latein lernen lassen wird und weil und weil - « » Und weil und weil - - Base Schlotterbeck , auf Euch geht ' s aus . Wenn ein Mensch angefangen hat , dem Jungen Dummheiten in den Kopf zu setzen , so seid Ihr die Perschon , mit Respekt zu sagen . Was , Latein ? Ich will dich Knirps belateinen ! Mit dem Juden drüben ist ' s aus . Dir werde ich das Festkleben da drüben vertreiben ! Laß mich noch einmal merken , daß du da hinüberschnüffelst , so will ich dich an der Nase fassen , daß du dein Lebtag kein Schnupptuch mehr gebrauchen sollst . Latein ? ! Konnte dein Vater Latein ? Kann ich Latein ? Und wir sind doch Meister und wohlberedte Leute geworden , und wenn ich im Roten Bock den Mund auftue , so klappt das weiteste Maul zu , ohne daß ich es mit Latein stopfe . Aber in dir , Junge , kommt dein Vater wieder heraus , das war auch so ein Phantastiktus , und wenn er das Latein nicht konnte , so hatte er sich doch auf andere Schrullen gelegt ; aber ich habe ihm auf dem Todbette versprochen , einen Menschen aus dir zu machen , und das soll geschehen . Da ist jetzt grade der König Karl in Frankreich , der macht es grade jetzt so mit seine geliebten Untertanen und französischen Landeskindern , wie ich es mit dir machen werde , Hans Unwirrsch : willste nicht , so sollste . Also in aller Güte , willst du nun ein Schuster werden wie deine Vorfahren oder nicht ? « Da diese letzte Frage , mit einem neuen heftigen Druck des Schraubstocks verbunden , an Hans gestellt wurde , so konnte letzterer nicht umhin , seine vollkommene Übereinstimmung mit den Ansichten des Oheims kundzugeben . Die Tränenfluten aber , welche das Versprechen begleiteten , nahmen ihm freilich den größten Teil seines Wertes , und in dem sehr legitimen König Charles dix hatte sich der gute Meister Grünebaum auch nicht das rechte Muster für sein Verhalten ausgesucht . Es ist , als ob das Schicksal hinterlistigerweise manche Wegweiser nur deshalb aufpflanze , um sich mit der Menschheit einen nicht immer harmlosen Fastnachts- oder Aprilscherz zu machen . Stumm hatte die Base des Meisters Wortschwall über sich ergehen lassen ; als er nun aber endlich seine Meinung von der Seele los war , begann sie die Antistrophe zu singen , und das Wort ließ sie sich sowenig wie der Oheim Grünebaum nehmen . » So ! Also Er ist fertig , Gevatter , und hat gesagt , was Er zu sagen hatte ? Das ist ein Glück für mich , das Kind und die vier Wände . Da sollte man ja auseinandergehen vor Grauen vor solcher Trompete . Ihr seid mir ein schöner Mann , Gevatter . Im Roten Bock mögt Ihr wohl allein das große Wort haben ; aber hier haben doch auch noch andere Leute dreinzusprechen . Das Kind hat nichts gesagt , was einen halbewegs vernünftigen Mann aufbringen kann , und wenn es eine fremdländische Sprache lernen will , von der Er nichts versteht , Gevatter , so braucht Er darum noch lange nicht solch einen grausamen Aufruhr zu stiften . Ihr laßt Euer Vogelviehzeug auch nicht einzig singen , wie ihm der Schnabel gewachsen . Pfeift Ihr nicht etwa Eurem Dompfaffen tagelang den Alten Dessauer vor , Gevatter Grünebaum ? Ihr seid wohl ein rechter Schuster ? Ihr habt wohl Grund , Euch Eures Handwerks zu rühmen ? Ach du lieber Gott , ja , wenn man die Stiefel mit alten Lügenzeitungen flicken könnte und wenn man die Schusterei am besten nur auf der Bierbank im Roten Bock treiben könnte , so wäret Ihr wohl der Mann dazu . Seht mir doch ! Er hat es wohl mit seinem Räsonieren vors ehrbare Handwerk weit darin gebracht , Grünebaum ? Sei Er ganz still - die ganze Stadt weiß ja , wie ' s mit Ihm bestellt ist . Keinen ganzen Stuhl im Haus , keinen heilen Rock am Leib - besehe Er sich nur in dem Spiegel und dann spreche Er die Wahrheit ob Er ein Musterbild und Exempel von ' m Schuster für die Menschheit ist . Grünebaum , Grünebaum , wenn das Kind nicht darbeistände und ich mir darvor zusammenhielte , so wollt ich Euch den Text schon lesen ; Ihr seid mir ein schöner Vormund ; aber laßt nur die Christine nach Haus kommen ! « Auch die Base Schlotterbeck hatte den trefflichen Meister Grünebaum in den Schraubstock genommen , und jedesmal , wenn sie zukniff , zuckte der arme Mann nicht weniger zusammen als vorhin Hans Unwirrsch . Er wand sich wie ein Aal , welchem die Köchin lebendig die Haut vom Leibe zieht . Mit beiden Händen griff er nach dem Kopfe , fand jedoch wenig Erleichterung darin , daß derselbe nicht auf den Küchentisch genagelt war . Sein Selbstgefühl erlitt beträchtlichen Schaden , und als die Base notgedrungen Atem schöpfen mußte , trotzdem daß sie sich so meisterlich zusammengehalten hatte , gab es in ganz Neustadt keinen Schuster von kläglicherer Erscheinung als den Meister Niklas Grünebaum . Rückwärts schreitend zog er sich gegen die Tür zurück , ein Bild äußerster Entwürdigung innerlich und äußerlich . » Himmeldonnerwetter ! « brummte er , den Riegel wegschiebend und die Tür öffnend ; aber das Brummwort bedeutete keinen Fluch , keine Verwünschung ; es war nur eine unwillkürliche Interjektion der allerbedrängtesten Verblüfftheit . Für jetzt war der Oheim Grünebaum nicht mehr fähig , den Kampf gegen die Sprache der Römer fortzusetzen . Und dazu brachte der » Postkurier für Stadt und Land « an diesem selbigen Abend so wichtige , unerhörte , kuriose Nachrichten : Rewwolution in Paris ! Bollinjak an die Beine aufgehängt ! Fünfzigtausend Pariser niederkradätscht ! Garden , Linie und Schweizer totalemang kaputtgemacht ! Thron von Frankreich und Navarra in die Luft geflogen ! Güljottine , Marseljäse , Barrikaden ! ... Der Politiker , Schuster , Vormund und Oheim Nikolaus war wie vor den Kopf geschlagen : es kostete im Roten Bock mehr als einen Extraschoppen , ehe er sich zu der Überzeugung , daß er das große politische Ereignis längst vorhergewußt und vorausgesagt habe , emporschwingen konnte . Endlich brachte er es aber doch gottlob wieder fertig , und je schwankender sein körperlicher Zustand wurde , desto mehr wuchs wieder der Glaube an seine moralische und staatsmännische Unfehlbarkeit . Er trug sein schweres Haupt in vollkommener Zufriedenheit mit sich selbst zu Bett und schlief den Schlaf des Gerechten , was Hans Unwirrsch und seine Mutter nicht taten und die Base Schlotterbeck auch nicht . Sechstes Kapitel Eine schöne , liebliche Nacht war auf den Tag gefolgt : über ganz Europa und seine Völker schien der Mond . Alles Gewölk war fortgetrieben und lagerte und lauerte nun auf dem Atlantischen Ozean . Wer schlafen konnte , schlief ; aber es konnten nicht alle schlafen ! Brautnacht und Todesnacht zugleich ! Durch die Wälder spritzten die Bäche ihre silbernen Funken ; die großen Ströme flossen still und glänzend . Die Wälder , Wiesen und Felder , die Seen , Flüsse und Bäche , die waren in voller Harmonie mit dem Mond , aber das wunderliche Pygmäenvolk der Menschen in seinen Städten und Dörfern , weit davon entfernt , in Übereinstimmung mit sich selber zu sein , ließ in jener Beziehung manches zu wünschen übrig . Wäre er nicht der » sanfte Mond gewesen , hätte er nicht einen guten Ruf zu bewahren gehabt , er würde der Menschheit trotz allen Dichtern und Verliebten nicht geleuchtet haben . Er war sanft und schien ; - zu allem andern rührte ihn vielleicht auch noch das Vertrauen der städtischen Verwaltungen , die sich auf ihn verließen und seinetwegen ihre Straßenlaternen nicht anzündeten . Er schien mit gleicher Klarheit und Sanftmut über Europa - auf die wilde , arme Stadt Paris , wo so viele Tote noch unbegraben lagen und so viele blutige Verwundete mit dem Tode rangen , nicht anders als auf die winzige Stadt Neustadt in ihrem friedlichen , weiten Tal . Er guckte mild in die überfüllten Spitäler und Leichenkammern : - er guckte mild in die Reisekutsche des zehnten Karls und nicht weniger mild in die niedrige Kammer , in welcher die Frau Christine Unwirrsch mit ihrem Knaben lag . Das Kind schlief ; aber die Mutter lag wachend , konnte nicht schlafen vor dem , was sie gehört hatte , nachdem sie von ihrer schweren Arbeit so müde , müde nach Haus gekommen war . Es hatte ziemlich lange gedauert , ehe sie den verworrenen Bericht , den ihr Hans und die Base Schlotterbeck gaben , verstand ; sie war eine einfache Frau , die Zeit brauchte , ehe sie sich in irgendeiner Sache , welche über ihre tägliche Arbeit und ihren armen Haushalt hinausging , zurechtfand . Wenn sie ein Ding begriff , so konnte sie freilich dasselbe auch ordentlich und verständig auseinanderlegen und das Für und Wider jeder Einzelheit gehörig betrachten und gegeneinander abwiegen : aber dieses Streben ihres Kindes aus der Dunkelheit nach dem Licht konnte sie kaum in seinen weitesten Umrissen verstehen . Sie wußte nur , daß sich in diesem ihrem Kinde jetzt derselbe Hunger offenbart hatte , an welchem ihr Anton gelitten hatte ; dieser Hunger , den sie nicht verstand und vor welchem sie doch einen solchen Respekt hatte ; dieser Hunger , welcher den lieben seligen Mann so gepeinigt hatte , der Hunger nach den Büchern und den Wunderdingen , welche in ihnen verborgen lagen . Die Jahre , welche hingegangen waren , seit man ihren Gatten zu Grabe trug « hatten keine Erinnerung verwischt . In dem Gemüt der stillen Frau lebte der gute Mann noch mit allen seinen Eigentümlichkeiten , deren kleinste und unbedeutendste der Tod verklärt und zu einem Vorzug gemacht hatte . Wie er mit der Arbeit einhielt und minutenlang selbstvergessen in die Glaskugel vor seiner Lampe starrte , wie er auf Spaziergängen am schönen Feiertag plötzlich stillstand und den Boden betrachtete und das Himmelsgewölbe , wie er nachts erwachte und stundenlang schlaflos im Bette saß , unzusammenhängende Worte murmelnd : das alles war nicht vergessen und konnte nie vergessen werden . Wie der gute Mann zwischen Seufzern und frohen Aufwallungen , zwischen heiterer und niedergeschlagener Stimmung in seinem Handwerk sich abquälte - wie er in seinen seltenen Feierstunden so sehr studierte , und vor allem , wie er auf seinen Sohn hoffte und so wunderlich hochhinauf träumte von der Zukunft dieses Sohnes : das stand der Frau Christine klar vor der Seele . Die Mutter richtete sich von ihrem Kopfkissen empor und blickte nach dem Lager des Kindes hinüber . Der Mondschein spielte auf der Decke und den Kissen und verklärte das Gesicht des schlafenden Knaben , welcher sich nach seinem betrübten Bericht in den Schlaf geweint hatte und auf dessen Wangen noch die Spuren der Tränen zu finden waren , obgleich er jetzt im Schlummer wieder lächelte und nichts mehr wußte von dem Kummer des Tages . Rund um die Stadt Neustadt in den Büschen und am Rande der Gewässer regte sich das Nachtgevögel ; des Nachtwächters rauhe Stimme erschallte bald näher , bald ferner ; die Uhren der beiden Kirchen zankten sich um die richtige Zeit und waren sehr abweichender Meinung : sehr lebendig waren alle Neustädter Fledermäuse und Eulen , die ihre Stunden ganz genau kannten und sich um keine Minute irrten : Mäuse zirpten hinter der Wand der Kammer , und eine Maus raschelte unter dem Bette der Frau Christine ; eine Brummfliege , welche auch nicht schlafen konnte , summte bald hier , bald da , stieß mit dem Kopf bald gegen das Fenster , bald gegen die Wand und suchte vergeblich einen Ausweg ; es knackte in der Stube der Großvaterstuhl hinter dem Ofen , und auf dem Haustoden trappelte und schlich es so schauerlich und gespenstig , daß es schwerhielt , den beruhigenden Glauben an » Katzen « festzuhalten . Die Frau Christine Unwirrsch , welche als eine ahnungsvolle Seele sonst ein scharfes , ängstliches Ohr für alle Töne und Laute der Nacht hatte und an dem Hereinragen der Geisterwelt in ihre Kammer nicht im mindesten zweifelte , hatte in dieser Nacht nicht Zeit , darauf zu horchen und die Gänsehaut darüber zu bekommen . Ihr Herz war zu voll von andern Dingen , und die Gespenster , die zwischen Erd und Himmel wandeln und mit den Nerven der Menschen ihr Spiel treiben , hatten keine Macht über sie . Die Mutter fühlte die Verantwortlichkeit für das Schicksal ihres Kindes schwer auf sich lasten , und obgleich sie eine ungebildete , arme Frau war , so war ihre Sorge darum nicht geringer , ja ihre Sorge war vielleicht noch schwerer , weil ihr Begriff von dem Verlangen ihres Kindes mangelhaft und unzureichend war . Lange betrachtete sie den schlafenden Hans , bis der Mond am Himmelsgewölbe weiterglitt und der Strahl von dem Bette verschwand und sich langsam gegen das Fenster zurückzog . Als endlich vollkommene Dunkelheit die Kammer füllte , seufzte sie tief und flüsterte : » Sein Vater hat ' s gewollt , und es soll niemand gegen seines Vaters Willen sich setzen . Der liebe Gott wird mir armem , dummem Weib schon helfen , daß das Rechte daraus wird . Sein Vater hat ' s gewollt , und das Kind soll seinen Willen haben nach seines Vaters Willen . « Sie erhob sich leise von ihrem Lager und schlich , um den schlafenden Knaben nicht zu erwecken , auf bloßen Füßen aus der Kammer . In der Stube zündete sie die Lampe an . Auf den Arbeitsstuhl ihres Mannes setzte sie sich noch einige Augenblicke nieder und wischte die Tränen aus den Augen : dann aber trug sie das Licht zu jener Lade im Winkel , von der wir schon vorhin erzählt haben , kniete davor nieder und öffnete das altertümliche Schloß , welches dem Schlüssel so lange als möglich den hartnäckigsten Widerstand entgegensetzte . Als der schwere Deckel zurückgelegt war , erfüllte ein Duft von frischer Wäsche und getrockneten Kräutern - Rosmarin und Lavendel - das Zimmer . Diese Lade enthielt alles , was die Frau Christine Köstliches und Wertvolles besaß , und sorgsam nahm sie sich in acht , daß keine Träne dazwischenfalle , Sorgsam legte sie die bunten und weißen Tücher zurück , jede Falte sogleich wieder glättend , vorsichtig stellte sie die Schächtelchen mit alten armseligen Spielereien , zerbrochenen , wohlfeilen Schmucksachen , vereinzelten Bernsteinperlen , Armbändern von farbigen Glasperlen und dergleichen Schätzen der Armen und der Kinder zur Seite , bis sie fast auf dem Grunde des Koffers zu dem kam , was sie in der Stille der Nacht suchte . Mit scheuer Hand holte sie erst ein Kästchen mit einem Glasdeckel hervor ; ihr Haupt senkte sich tiefer , als sie es öffnete . Es enthielt des Liederbuch des Meisters Anton , und auf demselben lag ein vertrockneter Myrtenkranz . Wie ferne Glocken , wie Orgelklang durchzitterte es die Nacht und die Seele der knienden Frau ; nicht klarer und deutlicher sah die Base Schlotterbeck die Toten lebendig , als die Frau Christine sie in diesem Augenblick sah . Sie faltete über dem offenen Kästchen die Hände , und leise bewegten sich ihre Lippen . Es fiel ihr zwar weiter kein Gebet ein als das Vaterunser , aber es genügte . Ein zweites Kästchen stand neben dem ersten , ein altes Ding von Eichenholz , eisenbeschlagen , mit festem Schloß , eine künstliche Arbeit aus dem siebenzehnten Jahrhundert , welche schon seit Generationen im Besitz der Unwirrsche gewesen war . Diesen Kasten trug die Frau Christine zum Tisch , und ehe sie ihn öffnete , legte sie erst in der Lade alles wieder sorgsam an seinen Platz ; sie liebte die Ordnung in allen Stücken und übereilte selbst auch jetzt nichts . Hellen Glanz gaben die kleine Lampe und die schwebende Glaskugel , aber das altersschwarze Kästchen auf dem Tische überstrahlte sie doch , sein Inhalt sprach lauter von der Köstlichkeit der Elternliebe , als wenn ihr Preis unter dem Schall von tausend Trompeten auf allen Märkten der Welt verkündet worden wäre . Das Schloß sprang auf , und der Deckel schlug zurück : Geld enthielt der Kasten ! - Viel , viel Geld - silberne Münzen von aller Art und sogar ein Goldstück , eingewickelt in Seidenpapier . Reiche Leute hätten mit Recht über den Schatz lächeln können , aber wenn sie jeden Taler und Gulden nach dem wahren Wert hätten bezahlen sollen , so würde vielleicht all ihr Reichtum nicht genügt haben , den Inhalt des schwarzen Kastens auszukaufen . Mit Schweiß und Hunger war jede Münze gewonnen worden , und tausend edle Gedanken und schöne Träume hingen daran . Tausend Hoffnungen lagen in dem dunklen Kästchen , sein edelstes Selbst hatte der Meister Anton darin verborgen , und all ihre Liebe und Treue hatte Christine Unwirrsch hinzugelegt . Wer sah das dem ärmlichen Häuflein abgegriffener Geldstücke an ? Ein kleines Buch , bestehend aus wenigen zusammengehefteten Bogen grauen Konzeptpapiers , lag neben dem Geld ; des Vaters Hand hatte die ersten Seiten mit Buchstaben und Zahlen gefüllt , dann aber hatte der Tod den Schlußstrich unter des wackeren Meisters Anton Rechnung gezogen , und nun hatte bereits durch lange Jahre die Mutter Buch gehalten auf Treu und Glauben ohne Buchstaben und Ziffern , und die Rechnung stimmte immer noch . Wie oft hatte sich die Frau Christine Unwirrsch hungrig zu Bett gelegt , wie oft hatte sie allen möglichen Mangel erduldet , ohne der Versuchung , die Hand nach dem schwarzen Kästchen auszustrecken , zu unterliegen ! In jeder Gestalt war die Not an sie herangetreten in ihrer kümmerlichen Witwenschaft , aber heldenhaft hatte sie Widerstand geleistet . Auch ohne Schriftzeichen und Zahlenzeichen konnte sie in jedem Augenblick Rechenschaft ablegen : - sie trug keine Schuld , wenn aus dem schwarzen Kästchen nicht die glückliche , ehrenvolle Zukunft , die der Tote für seinen Sohn erträumt hatte , emporstieg . Länger als eine Stunde saß die Frau Christine in dieser Nacht vor dem Tisch , zählte an den Fingern und rechnete , während drüben im Hinterstübchen des Trödlerhauses ebenfalls ein Mann rechnend und zählend saß . Auch Samuel Freudenstein wachte für seinen schlafenden Knaben . Manche Rolle mit Goldstücken , manche Rolle mit Silberstücken lag vor ihm : er hatte mehr in die Waagschale des Glückes seines Kindes zu werfen als die arme Witwe . » Ich will ihn wappnen mit allem , was eine Waffe ist ! « murmelte er . » Sie sollen ihn finden gerüstet auf allen Seiten , und er soll ihrer spotten . Ein großer Mann soll er