ausbreiteten , lockte die Menge . Ich hielt mich fern von ihr , und lebte einzig meiner Gesundheit meinen Studien . Ich wohnte in dem Hause eines alten Rectors , mit dem ich bekannt geworden war und dessen Freundschaft ich cultivirte , weil er eine verhältnißmäßig große Bibliothek besaß und Bücher dazumal , und besonders in diesem Winkel nicht so leicht zu haben waren wie jetzt . Aber der alte Rector besaß außer seiner Bibliothek noch einen andern Schatz - eine wunderschöne Tochter . Die Tochter wurde mir bald interessanter , als die Bibliothek . Du hast mich gefragt , ob ich je geliebt mit aller Kraft der Seele . Wenn Du Eleonoren gekannt hättest und wüßtest , wie voll und mächtig damals mein Herz schlug - Du würdest nicht haben zu fragen brauchen . Es war ein Sommertag - ein paradiesisch schöner Sommertag . Wir waren nach Tische in den Wald gezogen - eine bunte Gesellschaft - jung und alt . Wir lagerten uns in dem Schatten der Tannen auf das schwellende Moos . Wir scherzten und lachten - ich auch , obgleich es mir gar nicht nach Scherz und Lachen zu Muthe war . Wie mein Auge an ihrer reizenden Gestalt hing , während sie in der Gesellschaft mit schalkhafter Anmuth die Honneurs machte ; wie mein Ohr den Ton ihrer silberklaren süßen Stimme trank ! Es war das alte Sirenenlied , das schon vor tausend und tausend Jahren erklungen ist , und nach tausend und tausend Jahren noch immer erklingen wird - bis die Zeit erfüllet ist . Nach dem Kaffee schweiften wir durch den Wald ; gruppenweis , paarweis , wie der Zufall und die Laune es wollten . Ich war Eleonoren gefolgt , die sich einen Strauß von Waldblumen pflückte - ich half ihr , obgleich ich nicht viel von dergleichen verstand und wegen meiner Wahl von dem neckischen Mädchen ausgelacht wurde . Aber sie wurde stiller und stiller , je tiefer wir in den Wald geriethen und je weiter wir uns von den Andern entfernten . Je stiller und ängstlicher sie wurde , desto lebhafter und kühner wurde ich . Ihre Schweigsamkeit und ihre Röthe auf den Wangen verriethen mir , was ich im Stillen gewünscht , vom Himmel in heißen Gebeten erfleht und doch nicht zu hoffen gewagt hatte . Da traten wir heraus auf diese Lichtung . Dieselben Berge , die dort vor uns liegen , blauten herüber , und dieselbe Sonne , die dort vom Himmel blickt , goß ihr blendendes Licht verschwenderisch auf uns hernieder . Und das goldene Licht glänzte auf ihrem dunklen lockigen Haar und leuchtete auf ihren weißen runden Schultern - und hier auf dieser selben Stelle sind wir uns in die Arme gesunken und haben uns unter heißen Thränen ewige Liebe und Treue geschworen . Der Stumpf , auf dem ich hier sitze , war damals eine junge schlanke , kräftige Tanne , und ich war jung und schlank und voll übermüthiger Kraft . Der Baum ist umgehauen und in ' s Feuer geworfen ; ich - ich bin geworden , was ich bin . Berger schwieg und wühlte mit seinem Stabe in dem Moose zu seinen Füßen . Oswald schaute voll Ehrfurcht auf den unglücklichen Mann ; aber er wagte nicht , zu sprechen , ja nicht einmal Bergers herabhängende Hand zu ergreifen . Auf Bergers Gesicht lag eine hehre Ruhe ; keine Miene verrieth , was in diesem Augenblick in seinem Herzen vorging ; aber er sah nicht aus wie Einer , der Mitleid heischt und Mitleid erwartet . Nicht auf einmal , fuhr er plötzlich fort ; die Kraft in mir war groß und konnte nur allmälig gebrochen werden . - Ich sprach , als wir nach Hause gekommen waren , mit dem Alten ; er hatte mich lieb und freute sich von Herzen unsrer Liebe . Wenige Tage darauf ging ich auf die Universität zurück , um meine Studien , die der Krieg unterbrochen hatte , wieder aufzunehmen . Ich studirte mit einem eisernen Fleiß , denn mein Wissensdurst war nicht minder groß , als mein Wunsch , sobald als möglich in den Stand gesetzt zu werden , Eleonoren als meine Gattin heimführen zu können . Ich kam deshalb nur selten und nur auf kurze Zeit nach Fichtenau , um mich in Eleonorens Liebe zu sonnen und mit neuem Muth und neuen Kräften zu meinen Arbeiten zurückzukehren . Aber ich hatte noch eine andere Geliebte , die ich mit nicht geringer Schwärmerei anbetete - die Freiheit . Ich theilte diese Leidenschaft mit vielen andern edlen Jünglingen . Wir wollten unser Blut auf so viel Schlachtfeldern nicht umsonst vergossen haben ; wir wollten nicht , nachdem wir den einen Löwen glücklich gebändigt , so vielen Schakalen und Wölfen zur Beute fallen . Aber die Schakale waren auf ihrer Hut und die Wölfe brachen in unsre Hürde . Ich bekleidete seit einem Jahr ein kleines Schulamt in der Provinz ; ich hatte Alles zu meiner Hochzeit vorbereitet - der Termin war festgesetzt ; ich zählte die Tage und die Stunden , - da werde ich eines Nachts von Bewaffneten aus dem Bette geholt . Meine Papiere wurden versiegelt - und die nächste Nacht schlief ich in der Casematte einer Festung . Oder vielmehr : ich schlief nicht ; ich tobte , ich ras ' te , ich rang mir die Hände an den Gittern meines Käfigs blutig . Nach und nach tröstete ich mich mit der Hoffnung , daß diese Gefangenschaft nicht lange dauern könne , und Eleonore - nun ! sie würde dies bittre Loos ertragen wie eine Heldin . Ein zweiter Egmont sah ich die Freiheit und die Geliebte nur in einem Bilde . Durch Nacht zum Licht ! Durch Kampf zum Sieg ! Das war der Zauberspruch , mit dem ich das schlangenhaarige Scheusal Verzweiflung , wenn es sich an mich drängen und seine Tatzen in mein Herz schlagen wollte , zurückzuscheuchen suchte . Der Zauberspruch sollte Zeit haben , seine Kraft zu erproben - ich blieb fünf Jahre lang ein Gefangener . Wohl war während dieser Zeit , die ich nach dem Schlag des Herzens und dem Fall der Tropfen maß , die von der feuchten Decke des Kerkers sickerten , mein Glaube an die vermeintliche Göttlichkeit der Weltordnung arg erschüttert worden - aber , ich sagte Dir , meine Lebenskraft war groß und mein Wille zum Leben übermächtig . Ich hatte in den stillen öden Nächten , wo ich mich ruhelos auf meinem harten Lager wälzte , wohl das große Wort , das uns erlöst , vernommen , aber ich hatte es nur halb und nicht einmal halb verstanden . Ich hatte es in der langen Lehrzeit eben erst zu buchstabiren begonnen ; das Leben sollte mich noch in seine harte Schule nehmen , bevor ich es fließend lesen lernte . Ich war kaum aus meiner Haft entlassen , als ich - Du kannst Dir denken , mit welchen Gefühlen - hierher nach Fichtenau eilte . Ich hatte im Anfange meiner Gefangenschaft einen und den andern Brief von Leonore erhalten , in welchem sie mich zur Standhaftigkeit , zum Ausharren beschwor , bei demselben Gott , zu dem sie allstündlich ihre Gebete um meine Freiheit sende . Diese Briefe waren seltener geworden , bis sie nach zwei Jahren ungefähr ganz ausblieben . Das war mir das Schmerzlichste ; aber ich glaubte stets , daß nur die Grausamkeit meiner Kerkermeister mir diese Labetropfen versage , und biß die Zähne zusammen und fluchte meinen Peinigern . Ich hatte den Leuten Unrecht gethan . Tief in der Nacht kam ich nach Fichtenau . Ich fuhr direct nach dem wohlbekannten Hause , ich sprang aus dem Wagen , ich riß an der Klingel . Da öffnete sich oben ein Fenster , ein altes Weib schaute heraus und fragte nach meinem Begehr . Ich fragte nach dem Rector . Der ist seit drei Jahren todt , war die mürrische Antwort . Und wo ist seine Tochter ? Da müssen Sie den vornehmen Herrn fragen , der mit ihr vor drei Jahren davongelaufen ist ; sagte das Weib und warf das Fenster zu . Ich stand wie vom Donner gerührt . Dann lachte ich laut auf , aber ich verstummte plötzlich vor einem stechenden Schmerz in meinem Herzen , denn , Oswald - ich hatte Eleonore geliebt . Wie ich in den Gasthof gekommen bin , weiß ich nicht . In der Nacht schreckte ich die guten Leute durch wildes Gelächter und wahnsinniges Toben aus dem Schlaf - sie brachen in meine verschlossene Stube - ich lag im Delirium . Die Kerkerluft hatte an meinen Nerven gezehrt und der fürchterliche Schlag , der mich so unvorbereitet getroffen , das morsche Gebäude ganz erschüttert . Ich rang vier Wochen lang mit dem Tode , aber ich klammerte mich zu fest an das Leben und der Tod ließ seine Beute fahren . Wohl mir ! der Tod wäre nicht der rechte Tod gewesen ; er hätte mich dem Leben wieder ausgeliefert . Wenn ich jetzt sterbe , so sterbe ich für immer . Ein Schauer durchrieselte Oswald . Was bedeuteten diese mystischen Worte : für immer sterben ? enthielten sie das große Geheimniß , von dem ihn jetzt noch ein dichter Vorhang trennte ? Meine Reconvalescenz , fuhr Berger fort , dauerte lange , denn meine Kräfte waren bis auf ' s äußerste erschöpft worden . Ich schlich an einem Stabe durch die Gassen des Städtchens , und freute mich , wenn ich jeden Tag ein paar Fuß höher bergan steigen konnte , bis ich es endlich so weit gebracht hatte , daß ich diesen Platz hier erreichte - den Zeugen eines Schwures , der , wie ich erwähnte , für die Ewigkeit geschworen war , und der verweht war , wie der Hauch des Mundes . Hierher kam ich jeden Tag , um über mein verlornes Glück zu weinen und mit dem Himmel zu hadern , der seine Sonne scheinen läßt über die Ungerechten , und auf Gerechte seine Blitze schleudert . Denn ich war , wie Lear , ein Mann , an dem mehr gesündigt war , als er sündigte . Ich hatte es treu und gut gemeint mit Allem , was ich erstrebt und gewollt im Leben . Ich hatte mein Vaterland geliebt , wie ein Kind die Eltern liebt , mit gläubiger Seele - und zum Dank dafür hatte es mich fünf Jahre im Kerker schmachten lassen ; ich hatte Eleonore angebetet mit jedem Blutstropfen meines Herzens - und zum Lohn dafür hatte sie mich verrathen . Ich hatte bis zu diesem Augenblicke so gelebt , daß ich hintreten konnte vor alle Welt und sprechen : wer kann mich einer Sünde zeihen - und doch ! und doch ! Ich marterte mein Hirn mit dem Versuch der Lösung dieser Widersprüche ab . Ich hatte noch immer nicht begriffen , daß das Leben selbst die große Sünde ist , aus der alle andern mit derselben Nothwendigkeit fließen , mit welcher der Stein , der einmal in Bewegung gesetzt ist , unaufhaltsam in den Abgrund rollt . Aber so viel wurde mir doch klar , daß es kein Gott der Liebe sein kann , der eine Welt erschuf und schafft , in welcher die Sünden der Väter an den Kindern und Kindeskindern heimgesucht werden , eine Welt , die überall nach dem jesuitischen Grundsatz regiert wird , daß der Zweck die scheußlichsten Mittel heiligt . Ich hatte bis jetzt an den Dingen und Menschen nur überall die gute Seite aufgesucht , jetzt hatte das Leid , das mich selbst betroffen , mein Auge aufgethan für die Leiden aller Creaturen . Ich dachte jetzt daran , daß auf jedem Blatte der Geschichte eine Schauderthat verzeichnet steht , vor der sich unser Haar sträubt und unser Blut gerinnt ; ich dachte daran , daß in jedem Menschenherzen eine dunkle Stelle ist , an der er verhüllten Angesichts vorüberschreitet ; daß noch kein Mensch das Licht erblickte , für den nicht eine Stunde kam , in welcher er wünschte , er wäre nicht geboren ; ich dachte daran , daß das Leben unzähliger Menschen nichts weiter als ein verzweifelter Kampf mit der grimmen Noth ist ; daß Krankheit und Sünde und Reue und Sorge - die trefflichen Minirer - unser Leben aushöhlen , wie die Maden die Frucht ; daß unsre beste Freude ein Tanz über Gräbern ist und daß , wenn das Leben wirklich köstlich war , der unerbittliche Tod ein Spott und ein Hohn ist für dies köstliche Leben . - Und ich sah mich um in der Natur , aus der die Poeten eine Idylle machen , und sah , daß sie entweder todt und fühllos ist , oder , wo sie lebt und fühlt , das blutige Drama des menschlichen Daseins nur in roherer , nackterer Form wiederholt . Ich sah , daß die einzelnen Geschlechter der Thiere in grimmiger , unversöhnlicher , von keinem Gottesfrieden unterbrochener Fehde begriffen sind und daß ihre Kriege mit einer brutalen Grausamkeit geführt werden , neben der sich manchmal die raffinirtesten Martern der Inquisition noch sehr unschuldig ausnehmen . Und während ich so Stück für Stück die bunten Lappen , mit denen die Feigheit und der Aberwitz die Wunden und Pestbeulen des Lebens zu verhüllen sucht , abriß , erwachte in mir ein Gefühl , das meinem Herzen bis dahin fremd gewesen war , der Haß . Es war nur die Liebe in anderer Form , trotzdem ich mir einredete , ich hätte die Treulose vergessen ; es war nur ein anderer Ausdruck der Bejahung des Lebens , von dem ich noch immer nicht lassen konnte , trotzdem ich mir einbildete , ich hätte mit dem Leben abgeschlossen . Wenn man das Leben wirklich verneint , so weiß man nichts mehr von Haß und Liebe . Damals aber haßte ich , heiß , wie ich geliebt hatte . Mein ganzes Sinnen und Trachten concentrirte sich bald in dem einen glühenden Wunsch der Rache . Rache ! Rache ! an ihm , an ihr ! so schrie eine Stimme in mir , die nicht zum Schweigen zu bringen war . In Fichtenau kannte man mein Schicksal und interessirte sich dafür mit jener wohlfeilen Sympathie , die sich von der Skandalsucht und der Schadenfreude freihalten läßt . Man erzählte mir , ohne daß ich darum fragte , Alles , was man von Eleonorens Flucht wußte . Um dieselbe Zeit , als ihre Briefe ausblieben , war ein junger polnischer Graf nach Fichtenau gekommen und hatte bei dem alten Rector die Wohnung bezogen , die ich früher gehabt hatte . Das ganze Städtchen war bald voll gewesen von seiner Schönheit und seinem Reichthum . Man hatte Eleonoren mit einem so gefährlichen Hausgenossen geneckt ; sie hatte dergleichen Scherze ihrer Freundinnen mit großer Indignation zurückgewiesen . Bald aber sagte man ihr nicht mehr in ' s Gesicht , was man von ihrem Verhältniß mit dem jungen Grafen dachte , sondern tuschelte sich nur in die Ohren , daß man sie da und da des Abends spät mit ihm gesehen habe ; daß die goldene Kette , die sie auf einmal trage , auch wohl nicht aus dem Nachlaß ihrer Mutter sei . Und dann kam ein Tag , wo man sich nicht mehr in ' s Ohr tuschelte , sondern laut auf der Straße erzählte : des Rectors Eleonore sei über Nacht mit dem schönen Grafen davongegangen und der alte Mann , ihr Vater , der so schon lange gekränkelt , sei über diese Nachricht so erschrocken , daß er auf den Tod liege . Wirklich war der Alte ein paar Tage später gestorben . Von Eleonoren hatte man seitdem nichts gehört . Glücklicherweise wußte man auch den Namen des Grafen , und mehr bedurfte ich nicht , um den Racheplan , den ich entworfen , auszuführen . Ich nahm den kleinen Rest meines Vermögens und machte mich auf die Reise . Zuerst nach Warschau . Dort kannte man den Grafen recht gut ; es war ein junger Wüstling , der aus der Verführung von Frauen und Mädchen ein Gewerbe machte . Ein bekannter wollte ihn vor zwei Jahren mit einem schönen Mädchen , das nach der Beschreibung Eleonore sein mußte , in Venedig gesehen haben . Ich reiste nach Venedig . Dort erinnerte man sich seiner wohl ; er hatte zwei Monate daselbst gelebt und war dann nach Mailand gegangen . Von Mailand schickte man mich nach Rom . Dort traf ich einen Jugendfreund , einen Maler . Er hatte den Grafen und Eleonore oft gesehen und das unglückliche Mädchen bedauert , noch ehe er wußte , in welchem Verhältniß ich zu ihr stand . Er erzählte mir , daß der Graf sie sehr schlecht behandelt habe , daß er sie Jedem lachend angeboten habe , mit dem Bemerken , man könne ihm keinen größern Freundschaftsdienst bezeigen , als wenn man ihn von dieser Last befreie . - Hier stockte der Maler und wollte nicht weiter berichten . Ich beschwor ihn , mir Alles zu sagen ; ich sei auf das Schlimmste gefaßt . Endlich theilte er mir denn mit , daß sich zuletzt wirklich ein Nachfolger des Grafen in der Person eines französischen Marquis , zum mindesten eines soi-disant Marquis , gefunden habe , der mit Eleonoren nach Paris gegangen sei . Das sei vor ungefähr einem Jahre geschehen . Der Graf halte sich jetzt , so viel er wisse , in Neapel auf . Ich ging nach Neapel , mit meinem Freund , dem Maler . Ich hatte ihm mitgetheilt , daß ich an dem Grafen Rache nehmen wolle . Er meinte , das werde mir sehr schwer fallen , denn der Graf sie ebenso muthig und verschlagen , als er wollüstig und grausam sei . Da ich aber auf meinem Vorsatz bestand , so erbot er sich , mich zu begleiten . Ich nahm diesen Freundschaftsdienst an , denn der Maler hatte viele Verbindungen mit dem Adel und konnte mich in die Kreise einführen , in denen sich mein Feind bewegte und die mir sonst verschlossen oder doch schwer zugänglich gewesen wären . Wir kamen nach Neapel . Der Graf war noch da , der verhätschelte Liebling der Frauen und der Schrecken der Väter und Ehemänner . Dem Maler gelang es ohne Mühe , mich einzuführen . Ich besuchte jede Gesellschaft , um mit dem Grafen zusammentreffen , was bisher der Zufall noch immer verhindert hatte . Endlich traf ich ihn in einer großen Soirée bei dem russischen Gesandten . Ich sah ihn in dem ganzen Glanze seiner wirklich herrlichen Schönheit und mit dem Zauber seiner chevaleresken Anmuth in einer Gruppe von Herren und Damen . Ich trat an der Hand des Malers mitten in diese Gruppe hinein . Herr Graf , sagte der Maler . Der Doctor Berger aus Fichtenau wünscht Ihre Bekanntschaft zu machen ; erlauben Sie , daß ich Ihnen denselben vorstelle . Bei dem Worte Fichtenau wurde der Graf bleich und verlor die Fassung so , daß es allen Herumstehenden auffiel . Ich will Sie nicht lange aufhalten , Herr Graf , sagte ich vortretend . Ich wünsche nur von Ihnen den augenblicklichen Aufenthaltsort der jungen Dame zu wissen , die Sie vor drei Jahren aus ihrem väterlichen Hause entführten und zuletzt in Rom an einen französischen Schwindler verkuppelten . Ich sprach diese Worte ruhig , langsam , jede Silbe abwägend . Meine Stimme beherrschte den ganzen Salon , denn es war nach meinen ersten Worten so still geworden , daß man eine Nadel hätte fallen hören . Der Graf war noch bleicher geworden , aber er faßte sich alsbald wieder und sagte : Und was giebt Ihnen das Recht zu dieser Frage , für die Sie in der That die Zeit und den Ort äußerst schicklich gewählt haben ? Ich hatte das Unglück , der Verlobte der jungen Dame zu sein . Und wenn ich Ihnen die erwünschte Auskunft verweigere ? So erkläre ich Sie vor diesen Damen und Herren für das , was Sie vom Wirbel bis zur Sohle sind : ein gemeiner Schurke . Bei diesen Worten schleuderte ich ihm meinen Handschuh in ' s Gesicht und verließ , nachdem ich mich in kurzen Worten bei den Versammelten für die von mir provocirte Scene entschuldigt , vom Maler begleitet , die Gesellschaft . Eine Beleidigung der Art konnte nach der Anschauung der Welt , in welcher der Graf lebte , nur mit Blut gesühnt werden , um so mehr als ich , um dem Aristokraten jede Ausflucht zu versperren , in meiner Officiers-Uniform in der Gesellschaft erschienen war und der sehr geachtete Name des Malers mich vor dem Verdacht , ein bloßer Abenteurer zu sein , schützte . Ueberdies hatte sich der Graf durch die Gunst , in welcher er bei der Damenwelt stand , in der Männerwelt so verhaßt gemacht , daß ihm Jeder die von mir widerfahrene schmachvolle Behandlung gönnte und er durch die Weigerung , sich mit mir zu schlagen , um den letzten Rest seines Ansehens gekommen sein würde . Er hatte unter dem Achselzucken seiner wenigen Freunde und dem offenen Hohnlächeln seiner zahlreichen Feinde gleich nach mir die Gesellschaft verlassen , und schon eine Stunde darauf erhielt ich von ihm eine Herausforderung auf den Morgen des folgenden Tages . Das war Alles , was ich gewollt hatte ; ich vernahm die Nachricht mit einer Art von Jubel ; die wenigen Stunden bis zu dem Augenblicke , wo ich den Räuber Eleonorens , den Mörder meines Erdenglücks vor der Mündung meiner Pistole haben würde , erschienen mir eine Ewigkeit . Ich konnte es in dem engen Zimmer unseres Hotels nicht aushalten ; ich mußte das Rachefieber , das in mir brannte , in der balsamischen Nachtluft kühlen . Mein Freund bat mich , von diesem Vorsatze abzustehen , da ich mich , wie er mit ironischem Lächeln sagte , unter diesen Umständen bei einer nächtlichen Promenade leicht auf den Tod erkälten könnte . Als ich heftig und aufgeregt , wie ich war , auf meinem Wunsche bestand , begleitete er mich zwar , aber nicht , ohne sich und mich vorher mit Dolchen bewaffnet zu haben . Ich sollte bald erfahren , wie viel gründlicher der Maler den Charakter meines Feindes und die Art des Volkes , in welchem wir uns befanden , studirt hatte ; denn wir waren kaum ein paar hundert Schritte von unserm Hotel entfernt und wollten eben durch eine Seitengasse auf die Toledostraße biegen , als wir uns von vier Männern , die plötzlich aus dem Schatten der Häuser heraustraten , mit einer unglaublichen Wuth angegriffen sahen . Glücklicherweise war der Maler ein riesenstarker Mann und auch mir fehlte es weder an Kraft noch an Geistesgegenwart . Die Mörder schienen auf einen so energischen Widerstand nicht vorbereitet . Nach wenigen Augenblicken ergriffen sie die Flucht . Ich wollte ihnen nachsetzen . Laß sie laufen , sagte der Maler , indem er seinen blutigen Dolch abwischte ; ich fürchte , ich habe den Einen von ihnen etwas zu tief geritzt . Aber der Kerl ließ es sich auch gar zu angelegen sein , die paar Zechinen des Grafen redlich zu verdienen . Mir war die Lust , noch weiter zu promeniren , vergangen . Wir kehrten auf dem nächsten Wege in unser Hotel zurück und erwarteten voll Ungeduld die bezeichnete Stunde . Der Maler suchte mir zu beweisen , daß ich mich mit einem Menschen , der zum Meuchelmord seine Zuflucht nehme , nicht schlagen könne , sondern ihn niederschießen müsse , wie einen tollen Hund ; ich erwiderte ihm , daß ich durchaus die letztere Absicht habe und das Duell für mich nichts weiter sei als eine leere Form . Wir erzürnten uns beinahe bei diesem Disput . Ganz unnöthiger Weise . Der Morgen kam , wir waren noch vor der Zeit auf dem Platze ; aber kein Gegner ließ sich sehen . Endlich , nach einer Stunde , erschien der Secundant des Grafen , ein junger italienischer Edelmann - bleich und verstört . Er sagte uns , daß es ihm außerordentlich leid thue , uns so lange haben warten zu lassen , aber es sei nicht seine Schuld . Der Graf sei gestern Abend spät , nachdem er - der Sprecher - ihn verlassen , noch einmal ausgegangen mit der Weisung an seinen Kammerdiener , nicht bis zu seiner Rückkunft aufzubleiben . Seitdem sei er spurlos verschwunden . Es sei die höchste Wahrscheinlichkeit , daß ihn ein Unfall betroffen habe , denn daß ein Mann von der hohen gesellschaftlichen Stellung des Grafen sich einem Duell durch die Flucht entziehen sollte , sei eine Annahme , deren Lächerlichkeit auf der Hand liege . Der Maler erwiderte , daß wir Zeit zum Warten hätten , und daß aufgeschoben ja darum noch nicht aufgehoben sei . Der Edelmann versprach uns sofort zu benachrichtigen , sobald er etwas über das Verbleiben des Grafen in Erfahrung gebracht haben würde . Aber der Graf blieb verschwunden , und ich mußte zuletzt einem Verdachte beipflichten , den der Maler schon am Abend des Zusammentreffens mit den Meuchelmördern ausgesprochen hatte , nämlich , daß der Graf selbst bei dem Attentat betheiligt und wahrscheinlich der von den Vieren gewesen sei , welcher sich durch die Heftigkeit seines Angriffs vor den Andern so auszeichnete und in Folge dessen von der starken Hand des Malers so empfindlich bestraft wurde . Entweder war er in Folge der in dem Handgemenge erhaltenen Wunde gestorben , oder , was größere Wahrscheinlichkeit hatte , er war nur verwundet und hielt sich verborgen , um den Erklärungen , wie er in diesen Zustand gekommen sei , zu entgehen ; den Nachforschungen der Polizei , die sich - wahrscheinlich auf Antrieb der Feinde des Grafen - bei dieser Gelegenheit ausnahmsweise sehr thätig zeigte , auszuweichen und endlich einem Gegner zu entrinnen , der gewisse Dinge , für die man in seinen Kreisen nur ein frivoles Lächeln hatte , so plebejisch ernst nahm . Wie dem nun sein mochte : mein Gegner ließ sich nicht wieder blicken und ich mußte , nachdem meine Angelegenheit vier Wochen lang das Thema aller Salons gewesen war - denn die Sache hatte ungeheures Aufsehen gemacht - unverrichteter Sache wieder von Neapel abreisen . Ich ging über Rom - wo ich von meinem Freunde Abschied nahm - nach Paris . Hatte ich doch meine Aufgabe erst halb und kaum halb erfüllt ! blieb mir doch noch das Schwerste zu überstehen . Ich fürchtete mich , Eleonore wiederzusehen ; eben so sehr , als ich es wünschte . Du wirst mich fragen , wie ich noch dies Interesse an einem Wesen nehmen konnte , das mit meinem Glück ein so frevelhaftes Spiel getrieben und durch ihr Davonlaufen mit dem Franzosen den Rest der Achtung , den ihr die Flucht mit dem Polen aus dem väterlichen Hause etwa noch gelassen , vollends verscherzt hatte . Aber , ich sagte Dir : ich hatte Eleonoren geliebt , mit einer glühenden , dämonischen Liebe , deren Feuer noch immer nicht ausgebrannt war und ach ! noch lange , lange , nachdem ihr Gegenstand schon verzehrt , brennen sollte ; und dann : ich wußte , daß Eleonore , mochte sie auch noch so leichtsinnig gehandelt haben , im Grunde nicht unedel dachte , daß nur die schrecklichste Noth sie in Rom zum Verlassen des Mannes , welchem sie ursprünglich hierher aus Liebe folgte , gezwungen haben konnte und vor Allem , daß sie jetzt , im Falle sie ja noch lebte , sicherlich grenzenlos unglücklich war . Ich kam in Paris an . Ich kannte die Stadt sehr gut , denn ich hatte ihr schon zweimal in Begleitung vieler Tausende bewaffneter Reisegefährten einen Besuch abgestattet . Ueberdies war ich mit Empfehlungsbriefen des Malers und vornehmer Franzosen und Italiener , deren Bekanntschaft ich in Neapel gemacht hatte , wohl versehen . Eine kurze Nachforschung bestätigte den gleich zu Anfang von dem Maler gehegten Verdacht , daß der Marquis , der Eleonoren aus Rom entführte , ein Charlatan gewesen sei . Ein Marquis solches Namens existirte nicht , hatte nie existirt , jedenfalls nicht im Faubourg St. Germain . Ich mußte meine Nachforschungen anderen weniger aristokratischen Quartieren zuwenden . Auf meinen Kreuz- und Querzügen war ein Franzose , ein junger Gelehrter , dessen Bekanntschaft ich schon früher gemacht hatte , mein beständiger treuer Begleiter . Es war ein liebenswürdiger Mensch , der mir sehr zugethan war und sein Leben hindurch mein treuer Freund geblieben ist . Ich hatte ihm , wie ich wohl nicht anders konnte , meine traurige Geschichte erzählt ; und er , der mir an Welterfahrung , besonders Erfahrung der kleinen Welt Paris weit überlegen war , hatte mich zuerst auf den Gedanken gebracht , Eleonoren im Quartier Latin und in anderen noch geringeren Quartieren zu suchen . Paris , sagte der Franzose , ist ein Ort , wo Menschen und Dinge selten lange denselben Werth behalten ; sie steigen oder fallen im Preise mit ungeheurer Geschwindigkeit . Während des einen Jahres können sehr traurige Metamorphosen mit dem armen Mädchen vorgegangen sein . Hat sie sich nicht das Leben genommen - und dieser Fall ist nicht wahrscheinlich , weil sie sich schon in Rom getödtet haben würde , wenn sie zum Sterben Muth hätte - so ist sie jedenfalls tief gesunken . Ich sage Ihnen : machen Sie sich auf das Schlimmste gefaßt . Du kannst Dir denken , wie mein Herz bei solchen Worten , deren Richtigkeit ich nur zu gut erkannte , bluten mußte . Mir war zu Muthe , wie einem Manne , der auf einem See nach der Leiche seines ertrunkenen Kindes fischt . Eines Abends , als wir ziellos durch eine der belebtesten Vorstädte irrten , überraschte mich mein Begleiter durch die Frage : Hatte Eleonore Talent zum Tanzen ? Auf meine Erwiderung , daß sie stets eine Meisterin in dieser Kunst gewesen sei , sagte er : Wir hätten eher daran denken