auf halbem Wege entgegenkam ; mit allem , was ihr Herz verlangte , umgab er sie , und so war auch ihr Zimmer der Gegenstand des gerechten Neides mancher andern jungen Dame in der Stadt . Auf die beliebte Dekorationsmalerei wollen wir uns jedoch auch an dieser günstigen Stelle nicht einlassen ; wir beschränken uns darauf , mitzuteilen , daß Teppiche , Bilder , Gerätschaften , Vorhänge usw. in vollster Harmonie miteinander waren und daß alles wiederum in Harmonie mit dem lieblichen , nur ganz wenig verzogenen Wesen war , welches in diesem duftenden Raume atmete . Die erste Regel des guten Geschmacks : nirgends zuviel , nirgends zuwenig ! kam zur vollsten Geltung , in der Zimmerausstattung wie in der jungfräulichen Gestalt Helenes selbst . Zurückgelehnt in die Kissen eines Diwans in der Nähe der Tür , welche in den Salon führte , saß Fräulein Wienand , noch recht bleich und angegriffen aussehend , umgeben von einigen nähern Freunden . Die Gesellschaft hatte den Unfall vernommen und besprochen ; das junge Mädchen hatte dieselben Bedauerungsformeln , Glückwünsche mit den selbstverständlichen Variationen hundertfältig anhören und beantworten müssen ; jetzt waren die Kräfte des armen Kindes vollständig zu Ende ; es stützte das schmerzende Köpflein mit der weißen Hand , und der Sanitätsrat Pfingsten hatte auf Bitten des Bankiers mit ärgerlichem Gebrumm seine Karten - es waren sehr gute ! - einem andern Herrn gegeben und saß jetzt wieder in einem Lehnstuhl neben der Tochter des Hausherrn . Auf der andern Seite derselben saß im Diwan eine kleine hagere Dame , welche einmal den Fuß gebrochen und deshalb einen Krückstock neben sich hatte , in schwarze Seide gekleidet war und auf dem grauen Haar ein winzig kleines Mützchen trug . Sie hatte trotz ihres Alters ein sehr weißes Gesicht , merkwürdig beweglich und ausdrucksvoll ; ihre Augen waren schwarz und voll Leben und ausdrucksvoll wie ihre Züge . Diese kleine Dame war das Freifräulein von Poppen , eine Hausfreundin des Bankiers Wienand und eine Person , welche eine wichtige Rolle in dieser unwichtigen Geschichte spielt . Im folgenden Kapitel werden wir mehr über sie sagen , in dem vorliegenden lauscht sie , höchlichst interessiert , dem Bericht , welchen der Polizeirat Tröster , der jetzt in Frack und weißer Weste sehr nobel aussieht , über Robert Wolf und den Polizeischreiber Fiebiger gibt . Das Freifräulein kannte den Schreiber sehr genau - kannte mehr Menschen , als sonst die Leute ihres Standes kennen . Der Polizeirat , welcher ebenfalls vom Spieltisch abgerufen war , erzählte , was die hohe Polizei wußte , so kurz als möglich und mit manchem sehnsuchtsvollen Blicke nach der Tür . Mit einem Seufzer der Befriedigung ließ er sich von dem Freifräulein zum Whist zurückschicken . Juliane von Poppen schüttelte den Kopf , gleich allen andern Leuten , über die Idee des Schreibers ; aber sie schien dabei zugleich innerlich recht zu lachen . » Bitte , lieber Herr Doktor , erzählen Sie uns noch ein wenig von diesem wunderlichen Schreiber ! « bat Helene Wienand , und wenngleich das Freifräulein die Achseln zuckte , so tat sie doch mündlich keinen Einspruch , sondern setzte sich nur bequemer zurecht in den Kissen des Diwans mit einer Miene , welche deutlich sagte : Was kann der davon wissen ? Nun gut , ich will alles über mich ergehen lassen . Schwatzt zu . Der Sanitätsrat rieb in der Ermangelung eines Stockknopfes die Nase mit dem Knöchel des Zeigefingers und sagte : » Meine Damen , von allen Menschen , die mir auf meinem Lebenswege entgegengetreten sind , beneide ich diesen am meisten ! « » Weshalb ? « fragte das Freifräulein . » Er kennt die Menschen so gut wie ich ; aber - er ärgert sich nicht darüber wie ich « , knurrte Pfingsten . Er horchte nach dem Salon und schüttelte die Faust nach derselben Richtung : » Hören Sie , das war die Stimme des großen Kirchennachtlichts , des Konsistorialrats Krokisius . Sollten Sie es für möglich halten , daß dieser treffliche Herr vorhin gegen die Baronin Silberstein behauptete , Goethe habe durch die Weinszene in Auerbachs Keller jedenfalls , unbedingt und unter allen Umständen das Wunder der Hochzeit zu Kana verspotten wollen ? ! « » Sie wollten uns von dem alten Fiebiger erzählen , Doktor « , sagte das Freifräulein ; aber Pfingsten hielt horchend die Hand an das Ohr : » Das war das silberne Gelächter - mehr doch Britannia- oder Christoffelgelächter - unserer reizenden Witwe Everilde von Strippelmann . Die Dame ist doch der wahre Pirat und Flibustier des Ballsaals ! Wie sie mit aufgespannten Segeln einherstreicht ! Wie sie Breitseiten gibt ! Fräulein Helene , wenn Sie etwas lernen wollen , so studieren Sie die kecken Handstreiche weiblicher Koketterie an dieser - diesem reizenden Motiv . « » Kommen Sie auf den alten Fiebiger , Doktor ! « rief das Freifräulein , merklich bedeutungsvoll nach ihrem Handstock greifend . » Ich bitte Sie , Gnädigste , bin ich nicht dabei ? Die Gelegenheit ist günstig . Hier sitze ich im Winkel und horche auf das Wortgeplätscher dort hinter der Tür , kann auch , wenn es mir beliebt , einen Blick durch die Ritze in das Gewühl der weitärmeligen Pierrots und Harlekins , der schwarzbemäntelten Pantalons , der grämlichen Anstandsdamen , der allerliebsten flitterhaften Kolumbinen werfen . Ich ärgere mich darüber ; Fritze Fiebiger würde sich nicht darüber ärgern . Ich glaube , der Mann kann zu seinem Privatvergnügen den Staub im Sonnenstrahl in ein Universum der Narrheit verwandeln , weil ihm dieser Erdball mit allem , was daran hängt , noch nicht ausgiebig genug ist . « Das Freifräulein lächelte jetzt und nickte ; der Arzt sprach weiter : » Mir spiegelt sich die Welt am besten in einem Glase Rheinwein , dem andern strahlt sie am vorteilhaftesten aus einem schönen Auge , einem dritten aus einem klaren Waldquell ; Ihr Herr Neffe , Fräulein von Poppen , sieht sie im besten Licht in dem Spiegel , welcher seine liebenswürdige Person in Lebensgröße zurückwirft , weil er nichts damit zu tun haben mag : dieser Schreiber aber legt sich so weit als möglich aus dem Fenster einer Wohnung , in der kein Student hausen möchte , raucht einen Knaster , den kein Schäfer vertragen kann , und lacht - lacht . Ich lache nicht , wenn ich mich aus dem Fenster lege ! Wodurch hat sich dieser unverschämte alte Knabe in aller Welt den Göttern so beliebt gemacht ? Unsereiner hat doch auch seine Verdienste , muß sich aber allstündlich halb zu Tode ärgern und kriegt höchstens ein Ordenszeichen vierter Klasse zum fünfzigjährigen Jubiläum . « » Woher kennen Sie diesen Herrn Fiebiger so genau ? « fragte das Freifräulein . » Die Polizei und die Medizin treffen wohl einander « , brummte der Sanitätsrat . » Übrigens haben wir auch die Jahre dreizehn und vierzehn zusammen durchgemacht . « Juliane von Poppen sagte : » Sie stammen doch wohl aus ganz verschiedenen Lebenssphären ? « » Jene Zeit leimte die Menschen schon zusammen , heute freilich ist der Leim längst wieder aufgeweicht . Ja , wir bewegen uns in unsern verschiedenen Sphären , der Rat im Medizinalkollegium und der Schreiber in der Polizeistube . « In immer tieferes Nachdenken versank Juliane von Poppen , während Pfingsten der andächtig lauschenden Helene noch allerlei Einzelheiten über den alten Humoristen in der Musikantengasse mitteilte . » Ihm zunächst auf der Leiter des Glücks « , meinte er , » setze ich den großen Reisenden und Menschenfischer Faber . Der eine in seiner Dachstube hockend oder seine Tage in dem denkbar widerlichsten Amte verkritzelnd , der andere mit dem weitesten Spielraum für seine Beine durch alle Völker und Länder streifend , sind einander verwandt wie zwei gleichschenkelige Dreiecke , und der Gesichtskreis des einen ist nicht weiter als der des andern - sie haben beide gute Augen . « » Und jetzt will er diesen armen jungen Mann , welcher beinahe durch mich getötet worden wäre , bei sich aufnehmen ? « » Tröster sagt ' s ; so sind diese Glücklichen , wenn ' s ihnen zu wohl wird - « » Sie sind ein kalter Egoist , Pfingsten « , sagte das kleine Freifräulein trocken . » Lassen Sie diesen Friedrich Fiebiger , Sie kennen doch blutwenig von ihm . Wen haben wir hier ? « » Lupus in fabula , der Hauptmann von Faber mit seinem jungen Yankee - der Papa Wienand « , sagte der Doktor und seufzte im geheimen : Gottlob , so komme ich endlich doch noch zu meinem L ' hombre . Falsch ist alles , die Menschen und die Karten ; ich ziehe aber die letzteren vor . Der Bankier Wienand konnte an diesem denkwürdigen Abend , von der Sorge für seine Gesellschaft in Anspruch genommen , immer nur einige Augenblicke in dem Zimmer seiner Tochter weilen . Höchstens durfte er dann und wann den Kopf hineinstecken und sich nach ihrem Befinden erkundigen . Jetzt erschien er - ein wohlbehäbiger Herr mit stahlgrauem Haar , etwas harten Gesichtslinien und einem Zug lächelnden Selbstbewußtseins um den Mund , gleich einem Sonnenstrahl , der um einen eisernen feuerfesten Geldschrank spielt . Er kam Arm in Arm mit Konrad von Faber und einem jungen stattlichen Herrn mit rötlichem Haar und Bart , der mit sicherm Anstand vor den Damen sich verneigte und von dem Hauptmann vorgestellt wurde als : » Herr Friedrich Warner aus New Orleans . « Der Sanitätsrat benutzte die gute Gelegenheit , dem Boudoir Helenes zu entschlüpfen . Während er zu den Spieltischen zurückschlüpfte , murmelte er aber : » Ein prachtvoller Menschentypus , dieser junge Deutschamerikaner . Ich liebe diese breitschultrigen Gesellen mit diesen blonden Löwenmähnen und den vollen Bruststimmen . Man fühlt sich dabei in seiner Rasse noch für einige Zeit gesichert ; ' s ist ein Trost für einen Arzt heutiger Epoche . « Um diese Zeit stand der Polizeischreiber Fiebiger in der Musikantengasse mit untergeschlagenen Armen vor dem Lager seines Schützlings . » So habe ich nun « , sprach er , » den Griff in das volle Menschenleben getan . Was hab ich gepackt ? Eine Handvoll Glück oder Unglück ? Wir wollen sehen . Eines ist sicher ; als William Shakespeare seine schönen Verse über den Mann , der nicht Musik hat in sich selbst , dichtete , da verstand er unter Musik jedenfalls nicht solche Nasallaute , wie sie der Junge hier jetzt hervorbringt . Bah , es ist besser , zu schnarchen als zu schluchzen . Soll mich doch wundern , was Ulex dazu sagen wird . « Der Schreiber nahm die Lampe von dem Stuhl wieder auf und schlich auf den Zehen aus der Kammer . Er zog seinen Oberrock wieder an , setzte den Hut auf , schloß sorglich die Tür seiner Wohnung und versenkte den Schlüssel in seine Hosentasche und verließ das Haus . Um die Ecke der Musikantengasse biegend , schritt er eine zweite Gasse hinab , bis in einen Winkel , wo er vor einer niedrigen schwarzen Pforte stillstand . Diese Pforte führte auf einen umfangreichen Hof voll Gerümpel aller Art ; der Schreiber trat hinein , und der schwere Türflügel schlug sogleich hinter ihm zu . Ein Licht flimmerte aus der Höhe , es flimmerte in dem Giebel des Astronomen Heinrich Ulex . Es war derselbe Schein , welchen man auch aus der Kammer sah , in der jetzt Robert Wolf schlief . Tastend fand Friedrich Fiebiger seinen Weg über den Hof , und in einer Ecke desselben stieg er eine Wendeltreppe empor . Sie führte empor zum Gemach des Sternsehers . Sechstes Kapitel Expektoration des Autors über die Einsamkeit ; Lebensläufe aus vergangenen Tagen werden erzählt O Einsamkeit , du starke Göttin , der Königlich Großbritannische und Kurfürstlich Hannoversche Leibarzt Johann Georg Zimmermann , hypochondrischen Angedenkens , hat vier dicke Bände über deine Süßigkeiten und deine Schrecknisse geschrieben ; ich werde das nicht tun . Eine starke Göttin nenne ich dich , o Einsamkeit , weil die Wirkungen deiner Macht grenzenlos sind im Guten wie im Bösen . Je nachdem du dem Menschen die lichtblaue oder die dunkelfarbige Seite deines Schleiers über die Augen hängst , führst du seine Seele in die stillsten Auen irdischen Friedens , irdischer Glückseligkeit , stürzest du sein Ich in die gräßlichste Nacht der Verzweiflung und des Wahnsinns . Du bist eine gewaltige Zauberin , Einsamkeit ; Mutter der Kunst , der Weisheit und des Heldentums bist du und bevölkerst doch die Welt mit Gespenstern , Fratzen , mit allem Gaukelspiel der Hölle . Mutter bist du und doch eine Jungfrau : dem einen Maria die Allbeseligende , dem andern die eiserne Gestalt des Mittelalters , deren Arme zerfleischende Messer verbergen . Deine Arme breitest du aus : Kommet her zu mir alle , die ihr betrübt , mühselig und beladen seid , ich will euch euerer Last entledigen , ich will euch trösten ! Deine Arme breitest du aus : Kommet her zu mir , ihr Verstockten , ihr Fanatiker , ihr Verbrecher , ihr Unglücklichen jeder Art ; das Bittere soll bitterer werden , härter das Harte , schlechter das Schlechte , giftiger jedes Gift ! - Im größten wie im kleinsten wirkst du , Einsamkeit ; die Flammen der Sinnlichkeit löschest du und schürst du zum verzehrenden Brande ; anders erscheinst du jeglichem Menschen : dem Alter auf andere Art als der Jugend , dem Weibe anders als dem Mann , der Jungfrau anders als der Mutter . Mir bist du bona Dea , o Einsamkeit , die gute Göttin des Lebens ; ich bitte dich , sei auch eine gute Göttin allen denen , welche ihr Auge auf dieses Blatt werfen ; ich bin ihnen gewogen , darum zeige ihnen deine holdeste Gunst und Kraft ! Dicht am Dorfe Poppenhagen im Winzelwalde liegt das adelige Gut , der Poppenhof , welchem das Privilegium nobilitatis beigelegt war und damit die Vogtei und Untergerichtsbarkeit . Danach konnten die jedesmaligen Delinquenten » in solchen Delictis , so nicht in die peinliche Halsgerichtsordnung laufen , nach Beschaffenheit der Umstände ohngehindert mit einer Geldbuße beleget , incarceriret , auch mit Anschließung an das Halseisen , so auf dem Hofe befindlich , bestraffet werden « . Am vierzehnten April 1803 sollte diesem Privilegio gemäß das Halseisen der Witwe Ulex aus dem Dorfarmenhause umgelegt werden . Ihr Mann war , wie der Vater Robert Wolfs , Forstwart auf dem Eulenbruch gewesen und hatte als blutjunger Mensch die Annexionskriege des Alten Fritz mitgemacht . Als Unteroffizier des Regiments Pasewalk invalid entlassen , heiratete er , indem er das erste junge weibliche Wesen aufgriff , welches ihm bei seiner Rückkehr aus dem Garnisonsdienst am Eingange des Dorfes Poppenhagen entgegenlief . Aus dieser Zufallsehe entsproß Heinrich Ulex der Sternseher . Um das Jahr achtzehnhundertundeins starb der Forstwart an einer Wilddiebskugel , welche eine alte Wunde aus dem Bayrischen Erbfolgekriege von neuem aufriß , und die Witwe zog mit ihrem Jungen nach Poppenhagen hinab in das Siechenhaus . Sie war dem Trunke ergeben und nahm es nicht allzu genau mit dem Mein und Dein . In der Kunst , Hühner zu stehlen , hatte sie es zu einer wahren Virtuosität gebracht , und wir benutzen die Gelegenheit , unsern Leserinnen zuzuraunen , daß es nicht nur eine Kunst ist , Herzen , sondern auch eine Kunst , Hühner zu stehlen . Vergeblich suchte die fromme Wirtswitwe Fiebiger , die ebenfalls mit ihrem Sohne Fritz ihre letzten Jahre in dem Siechenhause hinbrachte , moralisch auf die Sünderin einzuwirken ; das Unterfangen war zu gefährlich und trug höchstens einige Kratzwunden ein . Die Fiebigerin war aber so still und demütig , wie die Witwe des Forstwarts wild und rebellisch war ; sie konnte daher am vierzehnten April 1803 nur in den Winkel kriechen und die schreckliche Aussetzung ihrer Mitgenossin im Hunger und Elend des Armenhauses mit vors Gesicht gehaltener Schürze bejammern . So stand denn unter dem trüben Himmel des regenhaften Tages auf dem Gutshofe die Ulexin im Halseisen , während der Großvater Leons von Poppen , der Rittmeister außer Dienst Gotthelf von Poppen , mit der Tonpfeife im Fenster lag und das diebische Weib mit den greulichsten Flüchen und Schimpfwörtern überschüttete , während die Bauern , ihre Weiber und Kinder samt den Gutsknechten mit abgezogenen Hüten , wenn auch angstvoll , so doch sehr befriedigt gafften . Ein zerlumpter , verwahrlost blickender Knabe wurde neben dem Halseisen von einem etwas jüngern , wohlgekleideten Knaben geneckt und mißhandelt und suchte sich schreiend an dem Lumpenrocke des gefesselten , beschimpften Weibes zu halten . Der eine Junge war Heinrich Ulex , der Sohn der Hühnerdiebin , der andere war Theodor von Poppen , der Vater Leons . Zitternd , mit atemloser Bangnis sah Fritze Fiebiger von dem Düngerhaufen aus dem häßlichen Schauspiel zu , und dasselbe tat ein kränklich blickendes Mädchen von der Tür aus , die in den Gutsgarten führte . Juliane von Poppen hieß die Kleine ; ihre Mutter war tot , ihr Vater kümmerte sich wenig um sie , er zog bei weitem seinen Sohn , der einige Jahre jünger als das Mädchen war , vor . Hübsch war die Kleine jedenfalls nicht zu nennen , sie war zu bleich dazu ; aber sie war mitleidig und hatte jetzt Tränen in den großen schwarzen Augen . Es war ein für ihr Alter winziges , nervöses Ding , und als sich der heulende , zerlumpte Betteljunge vor der Gerte ihres Bruders von der Schürze der Frau im Halseisen in ihre eigene Nähe flüchtete , machte sie sich von der Hand der Bonne los und trat mit abwehrenden Armen und geballten Händen dem jugendlichen Tyrannen und Dynasten vom Poppenhof entgegen . Der Rittmeister oben im Fenster lachte darüber aus vollem Halse ; aber Junker Theodor schien nun die größte Lust zu haben , seinen Stock gegen die Schwester zu gebrauchen . Nur des Vaters ernstliches : » Laß die kleine Katze ! « konnte seinem Zorn Halt gebieten , ohne ihm jedoch Einhalt zu tun . Seit den frühesten Kindertagen herrschte eine tiefe Abneigung zwischen den Geschwistern , was man leider viel häufiger findet , als man gewöhnlich annimmt . In dem schwächlichen , magern Körper des Mädchens steckte eine starke , willenskräftige Seele , welche hielt , was sie erfaßt hatte , Kenntnisse , Zuneigung und Abneigung , Liebe und Haß . Juliane von Poppen ward von dem Tage , wo seine Mutter am Halseisen stand , die erklärte Beschützerin von Heinrich Ulex , und der arme Knabe hing ihr dagegen mit der Ergebenheit eines Hundes an . Sie nahm das ganze Armenhaus unter ihre besondere Protektion , aber vorzüglich , wie gesagt , den Sohn der Hühnerdiebin . Sie hatte noch öfters Gelegenheit , ihn gegen die Ungeschlachtheit des Vaters und die Roheit des Bruders zu schützen , und wenn es ihr auch nicht gelang , jedes Ungewitter von ihm abzuwenden , so konnte sie doch manchen Blitz und Donner unschädlich seitwärts lenken . Es entstand allmählich zwischen dem Fräulein von Poppen und dem Sohn der diebischen Bettlerin ein eigentümliches Verhältnis . Das Mädchen hatte in der Gesellschaft ihres Vaters und Bruders traurige , freudenlose Tage hingebracht ; jetzt fand sie zum erstenmal auf ihrem Lebenswege ein Wesen , welches ihr alles zuliebe tat , was sie nur irgend verlangen mochte . Unklare Gefühle , geschöpft aus einer Bibliothek sentimentaler Romane , dem einstigen Eigentum der verstorbenen Mutter , durchspukten das phantastische Köpfchen ; die junge Chatelaine gebrauchte den erworbenen Einfluß , um den Knaben aus dem Armenhause an sich zu fesseln wie eine kleine geistreiche Fee einen blöden , dickköpfigen , ehrlichen Kobold . Da gab es für Heinrich Ulex Aufträge der verschiedensten Art. Seltene Blumen mußten gesucht werden in den Wäldern und auf den Bergen ; auf glänzende Steine , zierliche Moose , Vogeleier und Federn mußte Jagd gemacht werden , zum phantastischen Schmuck des Zimmers des Fräuleins . Es verging kaum ein Tag , an welchem die Kinder nicht miteinander verkehrten in Wald und Feld oder hinter den Gartenhecken von Poppenhagen . Und niemand durfte etwas merken von der Vorliebe des Fräuleins für ihren Kobold als Fritz Fiebiger , der Sohn der Wirtswitwe . Er wurde von Zeit zu Zeit in allerlei wichtige Geheimnisse der beiden andern hineingezogen und ging dann und wann mit auf die Jagd nach Blumen , Steinen und Vogeleiern . Juliane von Poppen , welche vor ihrem Vater sich fürchtete und ihren Bruder haßte , wurde in der Einsamkeit des Waldes , in der Gesellschaft der beiden Knaben zum fröhlichen , liebenswürdigen Kinde . Das altkluge Gesichtchen verlor die bleiche Farbe , der ernste Mund lernte allmählich das heitere Lachen , und die schwarzen Augen behielten wohl ihren Glanz , aber nicht ihre scheue Unstetigkeit . Es rauscht und plätschert manch ein Bach durch den Winzelwald , und der große Forst , im Jahre 1803 noch viel wilder und dunkler als heute , bot manch ein geheimnisvolles Versteck , ganz gemacht , daselbst Märchen zu erzählen und auf Märchen zu horchen . An einem solchen Fleckchen , wo die Waldvögel in die Lektion des Fräuleins vom Poppenhof hineinsangen , wo die Sonne zitternde Schattenbilder auf das Lesebuch im Schoß der kleinen eifrigen Lehrerin warf , lernten Heinrich Ulex und Fritz Fiebiger das Lesen und Schreiben . Hier füllte dem armen Heinrich das elfenhafte , phantastische Mädchen das Herz mit den Gestalten und Bildern ihrer eigenen Lektüre . Ritter und Damen , Tyrannen , Henker , schuldlose Opfer , unglückliche Verliebte , Totengerippe , Gespenster , Räuber , Riesen und Zwerge zogen vorüber ; und in wonnigem Bangen lauschten die beiden Kinder geheimnisvollen Klängen in der Ferne , sahen Gestalten hinter den Stämmen in der Dämmerung des Waldes und drängten sich scheu aneinander vor den Geistern und Schauern , welche sie selbst beschworen hatten . Dem mit gefalteten Händen horchenden Heinrich war oft zumute , als werde die Lehrerin mit ihrem Waldblumenkranz und den blitzenden schwarzen Augen sich gleich selbst in solch ein verschwebendes Bild auflösen und im Waldschatten , Vogelsang und Rauschen der Wasser verschwinden . Wie aber schreckten die Kinder auf , wenn ein Laut des wirklichen Lebens sie in ihrer Einsamkeit störte ; wenn die Axt des Holzhauers in der Nähe erklang oder das Pfeifen des Hirten . Da schoß das eine hierhin ins Versteck , das andere dorthin . Und wenn dann gar der Rittmeister von Poppen mit seinen Hunden durch den Wald ritt , begegnete ihm wohl sein Töchterlein einsam auf einem verwachsenen Pfade oder trat ihm aus dem Dickicht entgegen und ließ sich , stumm die Augen niederschlagend , anschnauzen über solch albernes Umherstreifen : den Knaben gewann sie dadurch Zeit , tiefer in die Wildnis zu flüchten . Zwei Jahre hindurch dauerte dies Verhältnis , harmlos und unschuldig . In ihrer Einsamkeit waren Heinrich und Juliane wie die Erstgeborenen der Erde , als der Baum der Erkenntnis noch unberührt stand im Paradiese . » Sie schämeten sich nicht « , wie das Buch der Erschaffung so unbeschreiblich lieblich sagt . Und so kamen sie , ohne es zu merken , der Grenze der Kindheit immer näher . Im Herbst des Jahres 1806 gelangte jedoch das süße Spiel der Einsamkeit zu einem plötzlichen jähen Ende , und der Sohn der Bettlerin und das adelige Fräulein erwachten wie aus einem hübschen Traume . Am zwanzigsten September dieses Jahres , um die sechste Abendstunde , an einem düstern nebeligen Tage , warf ein armes Weiblein , welches im Gehölz in der Nähe des Poppenhofes Reisig für ihren Küchenherd gesammelt hatte , ihren Tragkorb mit hellem Aufkreischen weit von sich , schleuderte ihre schweren Holzschuhe von den Füßen , um schneller laufen zu können , und stürzte halb sinnlos vor Angst und Schrecken dem Dorfe Poppenhagen zu . Das Weiblein hatte ein Gespenst gesehen . Unter den Tannen war eine lange , hagere , schwarze Gestalt , stocksteif aufgerichtet , langsam und unhörbar durch die Nebeldämmerung grad auf die Holzleserin zugeschritten . Diese unheimliche Gestalt , dieses Gespenst war die Gouvernante , welche auf dem Poppenhofe angekommen war , um dem gnädigen Fräulein den Ton und die Wissenschaft der schönen Welt beizubringen . Mademoiselle Amalie Schnubbes Blütenzeit war noch in die Blütenzeit der Sentimentalität gefallen ; aber diese Epoche lag weit zurück und - sauer gewordene Mandelmilch ist ein sehr unangenehmes Getränk ! Mademoiselle Schnubbe nahm ihre Aufgabe sehr ernst , und ihre kalte knöcherne Hand zerknickte erbarmungslos die wenigen Blumen , mit welchen die arme Juliane ihr einsames verlassenes Kinderleben schmücken konnte , eine nach der andern , würdevoll , methodisch und vornehm . Freilich versuchte das Mädchen anfangs gegen die Lehren und Pflichten des bon ton sich aufzulehnen ; aber ihre Kräfte erlahmten fürs erste bald , wenn das Joch auch kein dauerndes sein konnte . In dem Eishauch , mit welchem die winterliche Amalie ihre Schülerin umgab , versank das Frühlingsleben , welches die Natur in dieses junge Wesen gelegt hatte , in eine Art Winterschlaf . Die schreckliche Amalie besaß das Talent , unpassende Verhältnisse auszuspüren und zu Ende zu bringen , in einem erstaunlichen Grade . Sie spürte auch das Waldmärchen aus , welches zwischen Heinrich , Fritz und Juliane gespielt hatte , und verfehlte nicht , pflichtgemäß den gestrengen Papa davon in Kenntnis zu setzen . In einen wahren Wutanfall gerieten die beiden Poppen , Vater und Sohn , darüber ; die Heftigkeit des Zornes übertraf jede Schilderung , welche davon gemacht werden könnte . Zum Glück für Heinrich Ulex und Fritz Fiebiger marschierten um diese Zeit die Franzosen in Deutschland ein , und das Heilige Römische Reich , in welchem schon so lange der Schwamm gesessen hatte , stürzte mit Gekrach zusammen vor dem Fußtritt des fremden Eroberers . In dem Wirrwarr , dem Kopfunter-Kopfüber , welches die Folge der Schlacht bei Jena war , konnten sich Heinrich und Fritz leichter aus dem Staube machen und der kleinherrlichen Willkür und Roheit sich entziehen , als es bei ruhigeren Zeitläuften möglich gewesen wäre . Sie nahmen kläglichen Abschied von ihren Müttern und gingen davon mit den winzigsten Bündeln , die sich vorstellen lassen . Die beiden Mütter hatten noch viel zu dulden , bis sich der Himmel ihrer erbarmte und sie beide am Hungertyphus der deutschen Kriegs- und Lehrjahre zu sich nahm . Sie wurden auf Kosten der Gemeinde , wie es ihnen zukam , im Winkel begraben , und als nach Jahren ihre Söhne die Gräber suchten , wußte niemand mehr ihre Stelle anzugeben . Es fand auch eine letzte Zusammenkunft zwischen Juliane und Heinrich Ulex statt , und das Fräulein von Poppen gab dem Jugendgespielen zum Gedenkzeichen an die glücklichste Zeit ihres Lebens ein Medaillon , in welchem sich Haare ihrer seligen Mutter und eine kleine Locke von der eigenen Schläfe befanden . Als die drei wieder zusammentrafen , wie war da alles anders geworden in der Welt , wie war so manche Schwungfeder im Flügel der Seele geknickt ; wie waren ihre Seelen matt vom Flug über die Welt , wie waren sie bedeckt mit dem Staub aus den Gassen und von den Märkten des Lebens ! Der November des blutigen Jahres 1806 fand Heinrich Ulex und Fritz Fiebiger , ohne Kenntnis der Welt , ohne Hülfsmittel , ohne Zweck , freudlos und verlassen auf der Heerstraße , welche von fremden Truppenzügen , Zügen von Gefangenen , Marodeurs und abenteuerndem Gesindel wimmelte . Die Fährlichkeiten waren groß ; aber noch größer war doch das Glück der Jünglinge . Ein dunkler Trieb zog sie der Hauptstadt zu , und nach mancherlei Schicksalen langten sie vor den Toren an in einer Equipage des Kaisers Napoleon , nämlich auf einem Bagagewagen der Großen Armee . Eine Zeitlang bettelten und arbeiteten sie nach Gelegenheit , grade so heimatlos wie das ganze deutsche Volk , in den Gassen ; dann liefen sie einem Mann vor die Füße , welcher fast noch übler daran war als sie . Dieser Mann war ein untergeordneter Beamter der Polizei , namens Meiners , welchen der Sturm der Zeit von seinem ziemlich bequemen Sitz im Staatsorganismus Friedrichs des Großen heruntergehoben und unsanft auf den harten nackten Erdboden niedergesetzt hatte . Der Sekretarius hatte mit weinenden Augen den roten Kragen von dem preußischblauen Frack trennen müssen ; erst hatte er die Berlocken von der Uhr verkauft und dann die Uhr selbst . Ein wohlbehäbiges Bäuchlein , welches er vor der Katastrophe von Jena besaß , schaffte er gleichfalls allmählich ab ; seine Frau war kränklich , und sein einziger Sohn hatte vorläufig die gelehrten Bücher in den Winkel geworfen und die Philologie an den Nagel gehängt , um seine Eltern kräftiger unterstützen zu können . Meiners , der Exbeamte , arbeitete in dem Büro eines Advokaten , und in demselben Büro fand Fritz Fiebiger eine Stelle als Ausläufer . Rudolf Meiners hatte eine Stelle bei einem Buchhändler angenommen und ebendaselbst einen Platz für Heinrich Ulex ausgemacht . Nichts führt die Menschen mehr zusammen , als wenn sie in ihnen ungewohnte Zustände geworfen werden , nichts versteht das Gleichmachen besser als dira necessitas , die harte Notwendigkeit . Um seinem Berufe nicht ganz untreu zu werden , unterrichtete der frühere Philologe Rudolf die beiden Jünglinge Fritz und Heinrich . Aber nicht bloß Latein trieben die jungen Männer miteinander . Während die französischen Trommeln durch die Straßen wirbelten , saßen sie und forschten , wie es gekommen sei , daß diese fremden Trommeln so laut werden durften im Vaterlande . Der bleiche schwächliche Rudolf war ein begeisterter Lehrer , wenn er vom Auf-und Untergang der Völker , ihren großen Helden , Weisen , Dichtern und Verbrechern redete ; er hatte aber auch begeisterte Zuhörer , und vorzüglich der stille Heinrich Ulex trat ihm immer näher . So gingen die schweren Jahre hin , immer stolzer , höhnischer wirbelten die fremden Trommeln , immer eifriger dachten die drei