einem schriftgelehrten Missionär und einem Stamme gutmüthiger wilder Menschen . Auch schien der Prediger selbst , ein kleiner , schmächtiger Mann von etwa vierzig Jahren mit einem durch trockene Studien ausgetrockneten Gesicht , dies recht wohl zu empfinden ; denn er war Oswalds , in welchem er natürlich sofort den vielbesprochenen neuen Hauslehrer von Grenwitz erkannte , kaum ansichtig geworden , als er seinen Vortrag hauptsächlich an ihn zu richten begann , als an den Einzigen , der im Stande sei , den Werth der gelehrten Perlen zu würdigen , die ihn hier , vor ungebildetes Rüsselvieh zu werfen , ein unverständiges Consistorium nöthigte . O , meine andächtigen Zuhörer , rief er , die bebrillten Augen auf Oswald richtend , der sich , so gut es gehen wollte , hinter den blonden Lockenkopf versteckte , o , meine andächtigen Zuhörer , Ihr sehet , ein wie schwaches Ding diesen ungeheuren Fragen gegenüber die menschliche Vernunft ist . Und dennoch , dennoch , Vielgeliebte , giebt es irrende Brüder und Schwestern , die noch immer dem Nachtlicht ihrer eitlen Vernunft vertrauen , nachdem schon längst auch für sie die Sonne aufgegangen ist . O ja ! dieses Stümpfchen ihrer Unschlittkerze mag ihnen hell genug erscheinen in den Tagen des Festes , der Herrlichkeit und der Freude ; aber nicht also in den Tagen des kummervollen und gedankenschweren Alters . Darum gebet auf das stolze Vertrauen auf die Vernunft , und haltet fest an dem Glauben ! Gebet auf die thörichte Zuversicht , auf Euren gesunden Menschenverstand , wie Ihr ihn nennt ! O , meine andächtigen Zuhörer , dieser gesunde Menschenverstand ist ein kranker , ein sehr kranker Menschenverstand , ist ein Teufelsspuk und ein Irrlicht , das Euch unaufhaltsam in den Sündenpfuhl der Verderbniß lockt . Oswald wurde durch diese Rede , die sich , mit Citaten aus der heiligen Schrift reichlich untermischt , noch eine halbe Stunde fortspann , auf eine eigenthümliche , aber keineswegs angenehme Weise berührt . Der Gegensatz zwischen der stillen , demüthigen Unterwerfung unter die großen , ewigen Gesetze der Natur , die aus den Worten der alten Frau und noch mehr aus ihrem ernsten , bescheidenen Wesen gesprochen hatte , und der anmaßlichen Zuversicht , mit welcher der Mann auf der Kanzel über so tief verborgene Dinge sprach , und jedes gesunde Gefühl und jede natürliche Regung der Menschenbrust als eitel Lug und Trug und Sünde verdammte , schien doch gar zu groß . Die schmucklose Weisheit der Matrone war frisch und duftig , wie ein Blümchen auf der Haide , die prunkende Klugheit des Predigers wie eine Pflanze , in der dumpfigen , schwülen Luft eines Zimmers üppig emporgeschossen in Stiel und Blätter , aber ohne Saft und Kraft und Blüthen . Oswald war froh , als endlich der gelehrte Herr , nachdem er noch ein letztes kräftiges Anathema gegen alle Andersdenkende geschleudert und ihre Moralität gehörig verdächtigt hatte , bis zum Amen kam . Es ist gewißlich nicht wahr ! sagte der junge Mann bei sich , als er auf den Fußspitzen nach der kleinen Seitenthür schlich , durch die er eingetreten war . Und als da draußen der blaue Himmel sich wieder über ihm wölbte und der Duft der Linden ihn umwehte , da athmete er tief auf , wie Jemand , der aus der heißen , erstickenden Atmosphäre eines Krankenzimmers in die balsamische Luft eines Gartens kommt . Ich werde die Bekanntschaft dieses Mannes nicht machen , wenn ich es vermeiden kann , monologisirte er weiter , während er den kleinen Hügel , auf dem die Kirche lag , hinunter , an mehreren herrschaftlichen Wagen , die unterdessen vorgefahren waren , vorüber , in ' s Dorf hineinging ; was habe ich mit ihm zu schaffen ! Seine Gedanken sind nicht meine Gedanken und seine Sprache ist nicht meine Sprache ! wir würden uns in Ewigkeit nicht verstehen . Ich halte nichts von jener verwaschenen Humanität , die mit Jedermann gut Freund ist , und Niemanden zurückweist , weil es doch vielleicht ein fester Punkt ist , um den sich möglicherweise etwas krystallisiren könnte ; nichts von jener Käferphilosophie , die jeden Fremden höflich umsummt , in der Hoffnung , die verborgene Blüthe zu finden , aus der sich eine Nahrung saugen ließe . Der kluge Kaufmann schifft der Küste vorüber , die zu arm zum Tauschhandel ist ; und kommen doch die Worte : wer nicht für mich ist , der ist wider mich - aus dem erhabenen Munde , der die Liebe gepredigt hat . Oswald war , Dies und Aehnliches bei sich überdenkend , auf ' s Gerathewohl , wie es seine Gewohnheit war , wenn ihn etwas lebhaft beschäftigte , in dem ihm unbekannten Dorfe , wo Häuser und Scheunen und Ställe , Mauern und Gärten , dem Fremden unentwirrbar , durcheinander lagen , umhergewandert , und wollte eben aus einem schmalen Gange an der Seite eines stattlichen Hauses auf eine breitere Straße einbiegen , als ihm der Pfarrer , der aus der Kirche kam , gegenüberstand . An ein Ausweichen war nicht zu denken , und Oswald ' s Versuch , höflich grüßend vorbeizukommen , mißlang gänzlich , denn der Pfarrer hatte ihn kaum erblickt , als er ihm im eigentlichsten Sinne den Weg vertrat . Ach ! ich habe gewiß die Ehre und das Vergnügen , Herrn Doctor Stein vor mir zu sehen ! sagte er . Wie freundlich von Ihnen , daß Sie mich zu besuchen kommen . Aufrichtig , ich habe Sie schon seit einigen Tagen bei mir erwartet . Als ich neulich in Grenwitz war , der gnädigen Baronin meine Aufwartung zu machen , erfuhr ich leider , daß Sie mit Ihren Zöglingen einen längeren Spaziergang unternommen hätten , sonst würde ich mir die Freude nicht versagt haben , Sie auf Ihrem Zimmer aufzusuchen . Meine Frau wird sich glücklich schätzen , Sie unter unserem bescheidenen Dache zu begrüßen . Wollen Sie gefälligst näher treten ? Bitte , bitte , keine Umstände ! Hier ist kein Entrinnen möglich , dachte Oswald , und ließ sich unter dem bescheidenen Dache , das nebenbei ein ganz stattliches Haus bedeckte , eine Gastfreundschaft aufnöthigen , der auszuweichen er noch eine Minute vorher entschlossen gewesen war . Gustava ! Gustave ! Gustchen ! rief der Pfarrer auf dem Hausflur ; öffnete aber , da die Gerufene die sichere Position hinter dem mit einem Vorhang versehenen Guckfensterchen der Küchenthür nicht aufgeben mochte , bevor sie über den Charakter des Fremden und den Zweck seines Besuches genauer unterrichtet sein würde , sein Studirzimmer , und bat Oswald einzutreten , bis er sich seiner Amtstracht entledigt und seine Gustava von dem werthen Besuch benachrichtigt hätte . Das Studirzimmer des geistlichen Herrn war ein großes , zweifenstriges Gemach , in welchem einige Bücherschränke , einige Heiligenbilder an der Wand , ein hartes , mit schwarzem , glänzendem Zeuge überzogenes Sopha , ein runder , mit Büchern bedeckter Tisch in der Mitte , ein Stehpult mit einem Drehsessel davor in einem der Fenster , und eine mit Tabacksduft reichlich geschwängerte Atmosphäre , das dem Eintretenden zuerst in die Sinne Fallende war . Die letztgenannte Eigenthümlichkeit war so ausgesprochen , daß Oswald einen Fensterflügel öffnen mußte , wobei er eine starke Anwandlung verspürte , über die niedrige Brüstung auf die sonnenbeschienene Dorfgasse zu springen und das Weite zu suchen . Dieser Fluchtversuch wurde indessen durch die Zurückkunft des Pfarrers vereitelt . Der geistliche Herr präsentirte sich jetzt in einem Anzuge aus schwarzem , wie Fett glänzenden Sommerzeuge . Er bat Oswald , einige Augenblicke in seiner Klause verziehen zu wollen , da Gustava noch in den Küchenräumen schalte . Oswald , der alle Hoffnung , zu entrinnen , aufgegeben hatte , machte jetzt nicht einmal den Versuch , die Einladung des Pfarrers , zum Mittagessen dazubleiben , auszuschlagen . Sie werden freilich nur paternum mensa tenui salinum finden , Urväter Hausrath auf dürftigem Tische , sagte der Pastor , der seinem Gaste zeigen wollte , daß er sein Latein noch nicht vergessen habe ; aber Sie wissen : vivitur parvo bene ; auch mit Wenigem lebt sich ' s gut . Darf ich Ihnen , bis die Mahlzeit angerichtet ist , eine Cigarre offeriren ? Oswald dankte , da er kein Raucher sei . O , eine vortreffliche Eigenschaft das ! eine klassische Eigenschaft , sagte der Pastor , seinen eigenen Witz belächelnd ; die Alten rauchten nicht , und Goethe , den ein frivoler , aber witziger Schriftsteller den großen Heiden nennt , war ein abgesagter Feind der Pfeife und Cigarre . Sie erlauben , daß ich meiner Gewohnheit , nach der Predigt ein leichtes Cigarrchen zu rauchen , getreu bleibe ? Bitte dringend , Herr Pastor ! Finden Sie nicht - paff , paff ! - daß das Rauchen - paff , paff ! - so recht eigentlich ein germanisches , ja , um mich so auszudrücken , ein christlich-germanisches Element ist ? sagte der Pfarrer , der heute auf alle Fälle geistreich sein wollte . Sie würden durch diese Bemerkung den Spöttern der Religion eine Waffe in die Hände geben , antwortete Oswald trocken . Wie das , Werthgeschätztester ? Besagte Spötter könnten behaupten , daß , sich selbst und Anderen einen romantischen blauen Dunst vorzumachen , allerdings ein wesentlicher Zug germanischer , besonders christlich-germanischer Natur sei . Der Pfarrer sah Oswald mit einem schnellen , lauernden Blick halb über die Brillengläser hinweg an , als hätte er gern auf einmal heraus gebracht , wie weit er seinem Gaste trauen dürfe . Da er es aber für einen Mann von klassischer Bildung unschicklich fand , auf einen Scherz , auch wenn derselbe an ' s Frivole streifte , nicht einzugehen , so antwortete er mit sauersüßem Lächeln : Nicht übel , nicht übel ! Aber was wäre vor den Spöttern sicher ? Freilich , wir können antworten : ex fumo lucem ! ex fumo lucem ! Licht aus dem Rauche ! - Aber setzen wir uns , lieber Freund , setzen wir uns ! Wie befindet sich denn der gute , liebe Baron und die gnädige Baronin ? Ach ! Sie können sich glücklich schätzen , lieber Freund , in solchem Hause leben zu dürfen , unter so vortrefflichen Menschen , die mit dem Geburtsadel den wahren Adel der Seele verbinden - vor Allem die Baroneß , eine fromme und sehr gebildete Dame , die Alles ex fundamento kennen lernen will . Sie liest jetzt Schleiermachers Reden über die Religion - Sollte sie wohl im Stande sein , die zu verstehen ? bemerkte Oswald . Der Pfarrer sah Oswald wieder mit jenem eigenthümlichen Blick über die Brillengläser an , als müsse er sich den Mann genauer betrachten , der den Muth hatte , eine Ansicht , welcher er im Stillen vollkommen beipflichtete , so ungenirt laut werden zu lassen . Er begnügte sich indessen damit , die Mundwinkel herunter und Schultern und Augenbrauen in die Höhe zu ziehen , eine Geberdensprache , die sich sein Besuch nach Belieben in : Alles Schwindel , lieber Freund ! oder : die Fähigkeiten dieser Frau sind incommensurabel , übersetzen konnte . Freilich , fuhr er fort , Grünwald werden Sie vermissen ; zumal den Umgang eines Mannes von einer so umfassenden Gelehrsamkeit , wie der Professor Berger . Aber geht es mir denn anders ? Auch ich kann sagen : Barbarus hic ego sum , quia non intelligor ulli . Ich gelte hier für einen Sonderling , weil Niemand mich versteht . Unsere Gutsbesitzer sind ohne Zweifel treffliche , würdige , gottesfürchtige und treu-königlich gesinnte Männer ; aber , im Vertrauen , die Bildung , ich meine natürlich nur die gelehrte , ist arg vernachlässigt . Ja , wenn die Herren sich in ihrer Jugend des unschätzbaren Glückes einer wahrhaft rationellen Erziehung zu erfreuen gehabt hätten , wie Junker Malte - Sehr gütig , Herr Pastor , obgleich von diesem Compliment nur ein verzweifelt kleiner Theil auf meine Rechnung kommen dürfte . Ich wünsche nur , bei Malte käme die ratio nächstens mehr zum Durchbruch , denn bis jetzt ist er wahrlich eine höchst irrationelle kleine Größe . Sie sollten Ursache haben , mit dem jungen Baron unzufrieden zu sein ? sagte der Pastor im Tone Jemandes , der etwas ganz Unerhörtes , Unglaubliches vernommen hat . Ach , verstehe , verstehe ! Freilich , der junge Bruno ist vielleicht in mancher Hinsicht die begabtere Natur , obgleich er , wie ich in dem Confirmandenunterricht , welchen ich den Junkern zu ertheilen die Ehre hatte , wohl bemerkte , für die Wahrheiten der christlichen Religion nicht eben sehr zugänglich ist ; indessen non omnes possunt omnia - omnia , wiederholte der Pfarrer , der nicht wußte , wie er fortfahren sollte . Ja , was ich sagen wollte , dafür ist aber auch Malte wieder der Erbe eines so großen Vermögens ! Um so mehr scheint es mir wünschenswerth , daß er dereinst ein ganzer Mann wird . Ist denn übrigens das Grenwitz ' sche Vermögen wirklich so bedeutend ? Ei , mein lieber Freund , rief der Pastor im Tone sanften Vorwurfs , daß Oswald eine so beklagenswerthe Unwissenheit in Betreff so hochwichtiger Dinge an den Tag legen konnte ; ob es bedeutend ist ! Da sind in dieser Nachbarschaft allein fünf , nein - mit Stantow und Bärwalde , die allerdings nicht zum Majorat gehören , sind es eben sieben Güter . Und in den andern Theilen der Insel - lassen Sie mich sehen - liegen noch ein , zwei , drei Güter . Das ist ein Kapital von mindestens anderthalb Millionen . Anderthalb Millionen ! wiederholte er , als könne sich sein Geist von einer so erhabenen Vorstellung nicht gleich wieder losmachen . Und das Vermögen ist ein Majorat ? Ei gewiß ! Mit Ausnahme , wie gesagt , von zwei der schönsten Güter , welche dem verstorbenen Baron , dem Vetter des jetzigen , durch Erbschaft von der Mutter Seite zufielen und in dem Testamente auf eine gar besondere Weise verclausulirt sind . Denken Sie sich nur , lieber Freund , daß der verstorbene Baron , der , ganz unter uns gesagt , eine überaus wüste , unbändige Natur war , diese Güter dem Sohne einer seiner Maitreffen vermacht hat . Aber Sie rechneten doch vorhin die beiden Güter mit zu dem Vermögen der Familie , sagte Oswald . Nun , unter uns kann man es immerhin , sagte der Pfarrer , Oswald näher rückend , in leiserem Ton . Denn kein Mensch weiß , wo dieser Knabe lebt , ja , ob er überhaupt lebt , ja nicht einmal , ob es wirklich ein Knabe oder ein Mädchen ist . Das ist ja eine curiose Geschichte , sagte Oswald lachend . Eine äußerst curiose Geschichte , sagte der geistliche Herr ; eine lächerliche Geschichte , wenn Sie wollen . Denken Sie nur : der Baron Harald - sie haben Alle sonderbare Namen in der Familie - jener unbändige Mann , der zur Zeit der heiligen Vehme hätte leben müssen , entbrennt in heißer Liebe zu einem armen Bürgermädchen - ein Fall , der in seinem Leben freilich oft vorgekommen sein mag , aber niemals solche üblen Folgen hatte . Er entführt sie , halb mit Gewalt , hierher auf sein Schloß . Nach einem halben Jahre entflieht sie bei Nacht und Nebel . Ob sie ihre Schande auf dem Grunde eines unserer tiefen Moore verborgen hat , ob sie wirklich nur entflohen ist , Niemand weiß es . Der Baron ist außer sich , rasend . Er durchsucht vergebens die ganze Insel . Um seinen Gram und seine Gewissensbisse zu betäuben , trinkt und spielt und lebt er noch wilder wie gewöhnlich , so daß er denn ein paar Wochen später im Delirium stirbt . Als man das Testament eröffnet , findet man nun , daß er in einer Anwandlung von Reue , oder aus Caprice , wie Sie wollen , dem Kinde jener seiner Geliebten , gleichviel ob Knabe oder Mädchen , falls es nur bis zu dem und dem bestimmten Datum geboren ist , die beiden herrlichen Güter , der Dirne selbst aber den Nießbrauch des Vermögens auf Lebenszeit vermacht hatte . Wie finden Sie das ? Jedenfalls eignet sich die Geschichte mehr zu einer Tragödie als zu einer Komödie , sagte Oswald . Und hat man nie eine Spur von Mutter und Kind entdeckt ? Nie ! obgleich testamentarisch - es ist wahrhaftig ein wahrer Skandal , und ich bedaure die gnädige Baronin von ganzem Herzen - alljährlich die Verschollene in sämmtlichen Blättern der Provinz aufgefordert wird , ihre Ansprüche geltend zu machen . Wie lange spielt die Geschichte nun ? So ein zwanzig Jahre und darüber . Da ist doch wohl kaum denkbar , daß die Arme noch am Leben ist . Es denkt auch Niemand mehr daran , sagte der Pastor . Grenwitzen ' s würden auch nicht wenig verwundert sein , wenn plötzlich so ein junger Landstreicher sich als ergebenster Neffe vorstellte und die beiden Güter und die Zinsen seit zwanzig Jahren für sich beanspruchte , um so mehr , als die gnädige Baronin , die von Hause aus - ganz unter uns gesagt - keinen rothen Pfennig Vermögen hat , nach dem Tode des Barons , da die Grenwitz ' schen Besitzungen , Gott sei Dank , Majorat sind , sammt ihrer Tochter so arm sein würde , als sie vor ihrer Vermählung war . Sie sind ein großer Freund der Majorate ? Ei gewiß ! Ich halte es für ein Glück , daß so bedeutende Vermögen nicht durch Erbtheilung zersplittert werden können , und so eine Aristokratie reicher Grundbesitzer möglich wird , die gleichsam ein Ballast sein kann für das Staatsschiff in Zeiten der Gefahr , die Gott noch lange abwenden möge von unserm theuern Vaterlande . Nun , sagte Oswald , das Ding hat , wie alle andern , seine zwei Seiten . Wer wollte sich das verhehlen , sagte der geschmeidige Pastor . Aber ich für meinen Theil habe zu lange die Ehre und das Glück gehabt , mit reichen , und in der schönsten Bedeutung des Wortes adeligen Familien zu verkehren , als daß ich nicht gewissermaßen ein Anhänger der Aristokratie sein sollte ; und überdies habe ich neuerdings nur zu trübe Erfahrungen darüber gemacht , wie sehr der Besitz in den Händen des Plebejers , um mich dieses historischen Ausdruckes zu bedienen , Eitelkeit , Hoffarth und weltlichen Sinn hervorruft und begünstigt . Es thut mir leid , von meinen Freunden so etwas hören zu müssen , sagte Oswald . Von Ihren Freunden ? sagte der Pastor verwundert . Von meinen Freunden , allerdings . Denn ich fand mich stets , ohne es zu wollen und manchmal ohne es zu wissen , wo immer in der Geschichte der große Gegensatz zwischen Aristokraten und Plebejern hervortrat , auf Seite der letzteren . Ich war ein geschworner Anhänger der Gracchen und anderer römischer Demagogen ; ich schlug mich mit den Independenten gegen die Cavaliere , und ich gestehe , daß ich in den Bauernkriegen viel mehr Sympathie gehabt habe für die armen , unterdrückten , gehudelten , geknechteten und in Folge dieser brutalen Behandlung meinetwegen auch brutalen Bauern , als für die hochmögenden , reichsfreiherrlichen und trotz und vielmehr wegen all ' der Freiheit und Herrlichkeit nicht minder brutalen Grafen und Barone . Der Pfarrer hörte diese Rede mit jenem ungläubigen Lächeln an , mit dem man dem Bramarbasiren junger Gelbschnäbel zuhört , die sich gern den Anstrich von vollendeten Wüstlingen geben möchten . Sehr gut , sehr gut ! sagte er . Ja , ja , wir geistreichen Leute gefallen uns in Paradoxen . Das klebt uns noch von den ästhetischen Thee ' s der Residenz an , und da wollen wir hübsch in der Uebung bleiben , wenn uns zur Zeit auch nur ein armer Landpfarrer hört . Ich versichere Sie , Herr Pastor - Weiß schon , weiß schon ! Aber leben Sie erst einmal , wie ich , fünf Jahre lang unter Bauern ! Glauben Sie , daß ich in der ganzen Zeit die Leute habe bewegen können , eine Glocke für unser Gotteshaus zu kaufen , die anzuschaffen sie noch dazu verpflichtet sind ? Aber , wenn es darauf ankommt , einen Schmaus herzurichten und andere weltliche Zwecke in ' s Werk zu setzen , fehlt es nie an Geld . Nun , sagte Oswald , der Adel hiesiger Gegend ist auch nicht eben wegen seiner Nüchternheit berühmt . Der Adel , lieber Freund ! das ist etwas ganz Anderes . Seine Devise ist und muß sein : leben und leben lassen . Aber , Sie wissen , Eines schickt sich nicht für Alle . Und Manches schickt sich für Keinen , fügte Oswald hinzu . Ach , hier kommt meine Gustava , rief der Pfarrer , froh , ein Gespräch abbrechen zu können , das ihm von Augenblick zu Augenblick weniger gefiel . Die Frau Pastorin , welche soeben in das Zimmer trat , war eine Dame in dem Anfang der vierziger Jahre , mit semmelblonden Haaren , sehr hellblauen Augen und einem Gesicht , das in diesem Augenblick von dem Küchenfeuer und der Eile , mit welcher sie ihre Toilette gemacht hatte , noch von etwas lebhafter Farbe war , sonst aber kränklich , bleich , verwelkt und altjüngferlich aussah . Sie trug ein Kleid von gelber ungefärbter Seide , an dessen Gürtel eine goldene Uhr hing , und eine Haube mit gelben Bändern , so daß sie Alles in Allem auf Oswald den Eindruck eines etwas verblichenen und nicht mehr ganz gefunden Kanarienvogels , dessen Besitzer nach Norden wohnt , machte . Auch sie konnte kaum Worte ( an denen es ihr übrigens nicht gebrach ) finden , welche ihre Freude ausdrückten , den Freund eines so hochmögenden Hauses unter ihrem niedrigen Dache ( diese Phrase schien bei beiden Gatten stereotyp ) zu erblicken , um so mehr , als es ihrem armen Jäger ( das war der Name des Pastors ) ganz und gar an einem wissenschaftlichen und gebildeten Umgange gebrach , ein Mangel , dem durch Oswalds Ankunft in hiesiger Gegend auf die erfreulichste Weise ( davon sei sie überzeugt ) abgeholfen wäre . Mein armer Jäger wird mir hier noch zum Hypochonder werden , rief sie , ihre wasserblauen Augen zärtlich auf den Gegenstand ihrer Besorgniß richtend ; ich thue , was in meinen schwachen Kräften steht , daß er die Gesellschaft geistreicher und gelehrter Männer so wenig wie möglich vermißt , aber was kann eine arme , unwissende Frau denn in dieser Hinsicht Großes thun ! Sie werden mich zwingen , Ihnen zu widersprechen , sagte Oswald , bei welchem der Humor über den Unmuth , mit dem ihn bisher die Heuchelei und Gleißnerei der Gatten erfüllt hatte , endlich den Sieg davon trug . Ich möchte behaupten , daß Unwissenheit und Frau Pastor Jäger niemals Freundinnen gewesen sind , und jetzt schon seit Jahren auch nicht einmal die entfernteste Bekanntschaft zwischen ihnen existirt . Sie sind zu gütig , wahrlich zu gütig , sagte die hocherfreute Pastorin . Ich will nicht leugnen , daß ich mich von jeher bemühte , den Vorwurf der Unfähigkeit für die Sphären höherer Bildung , welchen man uns armen Frauen - Es ist angerichtet ! rief das Dienstmädchen zur Thüre herein . Sehen Sie , so macht das irdische Leben immer seine Rechte geltend , so oft wir versuchen , einen kühneren Flug zu nehmen , rief die Pastorin , während ihr Oswald galant den Arm bot und der Pastor das Ende seiner Cigarre so legte , daß er es nach Tische wiederfinden konnte . Zehntes Capitel Die Unterhaltung an der Mittagstafel , die in einem kühlen , schattigen Zimmer , das auf einen etwas kahlen und sehr sonnigen Garten sah , angerichtet war , wurde bald sehr lebhaft . Oswald ' s längerer Aufenthalt in Grünwald erwies sich als unerschöpfliches Thema . Die Pastorin war selbst eine Grünwalderin , eine der vielen Töchter des dort vor mehreren Jahren verstorbenen Superintendenten Gabriel Dunkelmann , der gerade noch lange genug lebte , seinem Schwiegersohn die einträgliche Pfarre von Faschwitz zu verschaffen und dann das Zeitliche segnete . Oswald machte im Stillen die Bemerkung , daß die Frau Doctor - denn der Pastor hatte sich die academische Würde durch eine grundgelehrte Dissertation über die möglicherweise vorhanden gewesenen Schriften eines bis auf den Namen verschollenen Kirchenvaters erworben - schon damals durch Jugendreiz sich nicht ausgezeichnet haben könne und wunderte sich auch nun nicht länger darüber , daß der Tisch so klein und das Haus so still war . Die Frau Doctor kannte den Professor Berger , sie kannte mehrere Familien , in denen Oswald eingeführt war . Das gab denn überreichen Stoff zu dem landesüblichen Familienklatsch , bei welchem einige Damen , die ihrer Zeit der verblühten Superintendententochter zu nahe getreten sein mochten , erfahren konnten , welche zweischneidige Waffe die Zunge einer Landpastorin unter Umständen ist . Unterdessen war der Nachtisch aufgetragen , und der Pastor hatte , nicht ohne eine gewisse Feierlichkeit eine zweite Flasche entkorkt , die Pastorin aber den Tisch verlassen , um anzuordnen , daß der Kaffee heute in der Gartenlaube servirt werde . Der Pastor hatte sich eine Cigarre angezündet , einen Knopf an seiner schwarzen Weste aufgemacht , augenscheinlich nur in der Absicht , sich in der Illusion , ein sybaritisches Mahl eingenommen zu haben , zu bestärken - denn die Weste saß schon schlotterig genug auf seinem hagern Leibe . Er forderte Oswald auf , mit ihm auf das Wohl der hochmögenden Familie , in welcher er sich zu befinden das Glück habe , anzustoßen , eine Höflichkeit , die Oswald mit einem Toast auf die liebenswürdige , ebenso gelehrte , wie bescheidene Wirthin erwiderte . Danke , danke , lieber junger Freund , sagte der geschmeichelte Pastor , Oswald ' s Hand zu wiederholten Malen drückend . Ja , Sie haben recht , eine gelehrte , bescheidene Frau ! Haben Sie ihr angemerkt , daß sie mit mehr als einer literarischen Größe im lebhaftesten Briefwechsel steht , ja , unter dem Pseudonym Primula eine der eifrigsten Mitarbeiterinnen der Novellen-Zeitung ist ? Unmöglich ! rief Oswald . Ich versichere Sie , lieber Freund ; und Sie können nicht glauben , welche Freude es mir gewährt , wenn ich wieder und immer wieder im Briefkasten lese : Faschwitz und P.V. , Primula Veris , Gustava ' s Chiffre : Tausend Dank für Ihre liebenswürdige Sendung , oder : Sie haben uns durch Ihr reizendes Gedicht hoch erfreut , es wird schon in der nächsten Nummer zum Abdruck kommen x. Ich kann es mir denken , sagte Oswald zerstreut . Aber wollen wir nicht der liebenswürdigen Dichterin in den Garten folgen ? Festina lente ! rief der Pfarrer , dem der Wein schon zu Kopfe stieg . Wir kommen so jung nicht wieder zusammen . Ein gutes Glas Wein ist ein gutes geselliges Ding , und Gustava ist zu liberal gesinnt , uns die Freuden des Mahles zu verkürzen . Aller guten Dinge sind drei , lassen Sie uns noch eine Flasche - Aber Jäger , der Kaffee wird ja kalt ! tönte die scharfe Stimme der Primula Veris aus dem Garten durch das offene Fenster . Wir kommen , wir kommen , Gustchen ! rief der gehorsame Gatte . Gesegnete Mahlzeit , mein lieber junger Freund ! ( bei diesen Worten umarmte er Oswald ) ; mein theurer Freund ! ( abermalige Umarmung ) - Aber wir vergessen , daß der Kaffee auf uns wartet , rief Oswald , mit Mühe einer dritten Umarmung entgehend , und den Weg nach dem Garten einschlagend , während der Pastor , ehe er seinem Gaste folgte , noch schnell den letzten Rest aus der Flasche in sein Glas schenkte und dasselbe eiligst ( diesmal wahrscheinlich auf sein eigenes Wohl ) austrank . Der Garten gewährte um diese Tageszeit gerade nicht den angenehmsten Aufenthalt , denn die Anlagen waren noch sehr ung ; die Bäumchen meist erst in Manneshöhe , und in Folge dessen das Ganze eine schattenlose , prosaische , nüchterne Stätte , die auffallend an die Theologie des gelehrten Herrn erinnerte , auch insofern , als hier wie dort das Nützlichkeitsprincip das oberste zu sein schien . Die Gemüsebeete waren sorgsam gepflegt , Blumen aber sah man wenig , nur einige Sonnenblumen mahnten durch ihre Farbe flüchtig an die Erscheinung der Primula Veris und durch ihre Eigenschaft , sich der Sonne zuzuwenden , aus welchem Theile des Himmels sie auch strahlen mochte , an die Lebensphilosophie ihres ausgezeichneten Gatten . In der Laube , die glücklicherweise , von Jasmin dicht bedeckt , gegen die Sonne , welche jetzt heiß genug brannte , einen erträglichen Schutz gewährte , fanden sie die Frau Pastorin . Sie hatte neben sich auf der Bank ein Arbeitskörbchen stehen , in welchem zwischen bunten Läppchen , Docken Seide und andern Dingen ein zierliches Büchelchen lag , dessen Vorhandensein Oswald einigermaßen beunruhigte . Weh ' dir , dachte er , wenn dieses Buch eine Sammlung von Primula ' s in der Novellen-Zeitung und sonst erschienenen Gedichten ist ! Er suchte den Pastor bei den Gemüsebeeten festzuhalten ; er mußte sich mit eigenen Augen überzeugen , wie die vom Pastor selbst erfundene Verbesserung an den Bienenkörben denn eigentlich beschaffen sei ; er sprach endlich von der Nothwendigkeit , sich baldigst verabschieden zu müssen - kurz , er that , was ein Mann in seiner kritischen Lage thun kann - vergebens ! Wir sollen Sie fortlassen , bei der Hitze ! rief Primula und ließ ihre Hand ( von Oswald nicht unbemerkt ) auf das Arbeitskörbchen gleiten . Wir sitzen hier zwar nicht im Schatten der gewaltigen Fichte und der weißen Pappel , aber doch im Schatten ; und den wollten Sie vertauschen mit der Gluth und dem Staub der Landstraße ? Unmöglich !