, denn Du hast bei der ganzen Sache im Grunde nur die eine Furcht , daß Orest nicht fromm genug erzogen wird . « » Und wäre ich nicht dazu berechtigt ? « fragte Kunigunde errötend , weil Damians Bemerkung ganz richtig war . » Ich will nicht von Deiner guten Mutter sprechen ; ich will annehmen , daß sie Orest erzieht , wie sie Dich erzogen hat ; aber Du hattest doch Onkel Levin und hörtest und sahest doch etwas vom katholischen Leben und Weben , während Orest in seiner Vereinzelung auf Stamberg demselben gänzlich entfremdet und gleichsam losgerissen von jeder katholischen Tradition sein würde . Welch ein unermeßlicher Schaden für die Seele des Kindes ! wer ersetzt ihm den Verlust oder auch nur die Schwächung des Glaubens ! « » Nun , so glaubt er etwas anderes , oder etwas weniger , « wendete Damian ein . » Oder auch nichts , « sagte Levin mit seiner milden Ruhe in Ton und Blick . » Sind Sie Kunigundens Bundesgenosse , bester Onkel ? « rief Damian . » Das wundert mich ! Sie pflegten doch sonst , trotz Ihrer transcendentalen Richtung , einen klaren Blick für alle Verhältnisse zu haben und auch die irdischen Dinge nach ihrem Werte zu schätzen . « Levin lächelte leise zu der transcendentalen Richtung , die Damian ihm lieh , und antwortete : » Dazu sind wir alle verpflichtet und eben deshalb dürfen wir sie nicht über ihren Wert schätzen . Das Vaterhaus , das Mutterherz , das Familienleben , beseelt und durchwärmt vom heiligen Glauben , ist ein so unermeßliches Gut , daß ein Kind , welches ohne dasselbe aufwächst , bettelarm ist - und hätte es Millionen ! Denn die Millionen sind zu zählen und alles , was gezählt werden kann , ist armselig im Vergleiche zum Unermeßlichen . « » Aber , bester Onkel , vom Unermeßlichen lebt man nicht , ißt und trinkt man nicht , wird man nicht Majoratsherr . Ein Vater muß für seinen Sohn ein Fideikommis bewahren ; weshalb also nicht eines erwerben ? « » Bewahre zuerst für Orest das , was er hat ; alles andere findet sich . « » Bester Onkel , Sie wissen so gut wie ich , daß der arme kleine Orest , der nachgeborene Sohn eines Nachgeborenen , nichts hat . « » Eben darum , lieber Damian , bewahre ihm sein übernatürliches Gut , damit der Knabe , den vielleicht schwere und drückende Verhältnisse erwarten , eine Stütze habe , welche sie tragen hilft . Bewahre ihm das himmlische Fideikommis des Glaubens , welches Gott Selbst den Eltern anvertraut , damit es ungeschmälert auf die Kinder , und aus einer Generation in die andere übergehe . Das kann Orest dereinst von Dir verlangen ; Stamberg nicht . Der vernünftige Mensch zieht das Ewige dem Vergänglichen vor , sowohl für sich selbst , als für seine Kinder . « » Wenn man Sie hört , sollte man meinen , Orest müsse über Stamberg geradeweges in die Hölle laufen , « rief Damian unmutig , » und es ist doch ganz ungewiß , ob er über Windeck in den Himmel spaziert . « Levin ließ diese Bemerkung fallen und sagte : » Wäre ich ein reicher Mann und könnte ich nicht meine Kinder im Glauben der katholischen Kirche erziehen , so müßte ich verzweifeln , denn nur dort sehe ich Waffen , um den furchtbaren Kampf mit dem Leben , der den Reichen so besonders gefährlich ist , siegreich zu bestehen . « » Wo sehen Sie denn die Tugendhelden , die aus dem Kampf als Sieger hervorgehen , « fragte Damian bitter , » da doch die Waffen allen zu Gebote stehen . « » Nur leider braucht sie nicht Jeder , « entgegnete Levin . » Die Waffen fliegen nicht von selbst jedem in die Hand ; sie müssen ausgewählt , ergriffen und geführt werden . Übrigens , lieber Damian , ist das Heldentum der Tugend etwas , das man nicht immer auf der Oberfläche und mit dem ersten Blick wahrnimmt . « » Ich sehe schon , daß ich keinen Frieden im Hause haben würde , wenn ich nicht Orest behielte , « sagte Damian nachdenkend ; » nur weiß ich nicht , wie ich den Antrag der Mama ablehnen soll . « Kunigunde bog sich tief über ihren Stickrahmen , um ihre hervorquellenden Freudentränen zu verbergen , da sie Damians Feindseligkeit gegen alle Arten von Tränen genügend kannte . Levin sagte . » Will Deine Mutter sogleich das Kind haben ? « » Nein , im nächsten Frühling . « » Dann würde ich in Deiner Stelle vor der Hand ihrem Wunsche nicht entgegen treten . Wer weiß , ob sie ihn im Frühling noch hegt . « » Wenn der Bube aber ein Taugenichts wird und doch nicht Stamberg bekommt : wie dann , Onkel Levin ? « fragte Damian sinnend . » Hast Du Deine Schuldigkeit gegen Gott und Orest getan - und sollte er dann so unglücklich sein , die seine nicht zu tun : so ist es auch dann besser , wenn er ein armer als ein reicher Taugenichts ist . Es sehen weniger Augen auf ihn und folglich geht sein schlechtes Beispiel nicht über einen kleinen Kreis hinaus , während er , als der Mittelpunkt eines größeren , entsetzliches Unheil stiften kann . « » Ich bitte Euch , schweigt von so traurigen Möglichkeiten ! « sagte Kunigunde flehend . » Welche Mutter kann ohne Herzeleid solche Voraussetzungen anhören ! « - Bald darauf wäre der kleine Orest in ganz anderer Weise beinahe seiner Familie entrissen worden . Er spielte am Ufer des Mains , kletterte in einen Nachen , verlor das Gleichgewicht von dessen leisem Schaukeln und fiel ins Wasser . Da er vor Schreck nicht schrie , wurde die Wärterin , die in eine Handarbeit vertieft war , nicht aufmerksam gemacht und Orest wäre vermutlich ertrunken , wenn nicht sein Spielkamerad , Florentin der Fährmannssohn , beherzt ihm nachgesprungen wäre , ihn gepackt hätte und dann , um Hilfe rufend , am Nachen sich anzuklammern suchte . Es war in der Mittagsstunde und niemand am Ufer . Als die Wärterin in höchster Bestürzung herbeieilte und beide Knaben aus dem Wasser gezogen hatte , bedrohte sie Orest heftig , nichts von seinem Unfall verlauten zu lassen , weil er hart gestraft werden würde , und deshalb müsse auch Florentin schweigen . So hoffte sie , werde die Gräfin nichts erfahren und ihr jeder Verweis , vielleicht sogar die Entlassung gespart werden . Sie brachte die Kinder auf Umwegen ins Schloß , kleidete sie um , und es war weiter nicht die Rede davon , da Orest wohl wußte , daß es schmerzlich ohne Strafe für seinen Ungehorsam abgehen würde . Levin hatte aber von der Terrasse aus den ganzen Vorfall gesehen und sich gefreut , wie herzhaft der kleine Florentin zu Werke ging . Er glaubte , die Wärterin würde Kunigunden ihre Unaufmerksamkeit gestehen ; da aber gar nichts von der Sache verlautete , teilte er sie nach einigen Tagen der Gräfin mit , um sie vor der Sorglosigkeit der Wärterin zu warnen . Kunigunde war außer sich vor Schreck über Orest und vor Freude über Florentin . Er war das erste Kind , das sie in Windeck aus der Taufe gehoben hatte . Sie war eine treue Pflegerin seiner Mutter gewesen , die brustkrank langsam dahinsiechte . Sie hatte der armen Sterbenden versprochen , immer ein Auge auf Florentin zu behalten . Dessen Vater hatte wieder geheiratet , und die Stiefmutter war nicht gut gegen Florentin . Sie schlug ihn ohne Ursache , wenn sie eben übler Laune war , und ihre eigenen Kinder durften ihn ungestraft quälen . Er war in Uriels Alter und Kunigunde , die ihn immer gern gehabt hatte , ließ ihn jetzt häufig ins Schloß kommen , seitdem die Knaben in Windeck waren . Kürzlich hatte Florentin auch seinen Vater verloren und führte nun bei seiner Stiefmutter und seinem alten Großvater , der dem bösen Weibe nicht gewachsen war , ein trauriges Leben . Kunigunde wußte ihrer Dankbarkeit keinen besseren Ausdruck zu geben , als den , daß sie beschloß , ihn mit ihren Kindern zu erziehen . » Er hat uns das Leben eines Sohnes gerettet , « sagte sie zu Damian , » dafür wollen wir wiederum ihn retten ! Bei der Stiefmutter kommt er um an Leib und Seele . « Damian hätte den Knaben lieber in irgend eine Erziehungsanstalt gegeben . Er fand es bedenklich , ihn in Verhältnissen und Umgebungen aufwachsen zu lassen , die er später ungern vermissen würde ; Fährmannssohn und Grafenkinder dürften nicht auf demselben Fuße erzogen werden . Dagegen sagte Kunigunde , gerade aus solcher Verschiedenheit der Verhältnisse könnten sich die schönsten Tugenden entwickeln : Dankbarkeit , Hingebung , treue Anhänglichkeit in Florentin und in ihren Söhnen eine richtige Würdigung des Menschen ohne Rücksicht auf Stand und Herkunft , brüderliche Gesinnung für Arme und Niedriggeborene , vielleicht auch heilsamer Wetteifer , da Florentin ein sehr intelligentes Kind sei . Onkel Levin wurde zu Rate gezogen wie immer . Er sagte : » Liebe Kunigunde , ich glaube kaum , daß ich Ihren Mut hätte . Es ist nicht leicht , ein fremdes Kind so zwischen den eigenen Kindern zu erziehen , daß es sich nicht fremd fühle . « » Bester Onkel , Florentin fühlt sich schon jetzt heimischer und behaglicher bei uns , als bei seiner Stiefmutter , die ihn fast verhungern läßt . « » Das glaub ' ich schon ; aber ich weiß nicht , ob dies Behagen ein Glück für die Zukunft des Knaben ist . « » Ist ganz meine Meinung ! « rief Damian . » Was willst Du denn eigentlich mit ihm anfangen ? « » Ich denke , Du läßt ihn studieren , lieber Damian , « sagte Kunigunde . » Wie schön wäre es , wenn er Arzt würde ! wie gut könntest Du einen Arzt brauchen , so recht in der Mitte Deiner Besitzungen ihm einen Wohnort anweisen und alle armen Leute ihm übergeben . Oder wie schön wär ' es , wenn er geistlich würde - ein frommer Priester , ach , welche Gnade ! Den Arzt der Seelen könnten wir eigentlich noch notwendiger brauchen , als den für die Körper . Oder will Florentin nicht studieren , so kann er Förster werden , Verwalter , Rentmeister . Du hast eine Menge Stellen , zu denen Du treue , tüchtige Menschen brauchst . « Damian hatte mancherlei Nöten mit seinen Beamten . Der Gedanke , einen recht tüchtigen , zuverlässigen Beamten in Florentin heran zu bilden , war ihm eine erfreuliche Vorstellung , und er sagte : » Wohlan , Kunigunde , wir wollen Florentin behalten ! Es gefällt mir sehr gut von dem kleinen Patron , daß er so unverzagt und entschlossen ins Wasser sprang ; aber noch viel mehr , daß er kein Wort von seiner Heldentat verlauten ließ , der kleine Schweigende ! « Mit großer Freude zog Florentin im Schlosse ein und der ganze Kindertrupp gedieh aufs beste . Im Frühling hatten alle das Scharlachfieber ; Juliane konnte also Orest nicht zu sich nehmen . Im Sommer auch nicht , denn sie mußte wegen ihrer Gesundheit in die böhmischen Bäder gehen . Im Herbst auch nicht , denn sie fürchtete die rauhe Luft des Odenwalder Spätjahres für den Kleinen . Und endlich erklärte sie , es sei wohl am zweckmäßigsten , wenn er nicht vereinzelt , sondern mit den übrigen Kindern erzogen werde . Über das beabsichtigte Fideikommis schwieg sie ; aber Damian rechnete dennoch darauf für Orest , weil ja nicht er und Kunigunde den Erziehungsplan durchkreuzt , wohl aber die Mutter selbst ihn aufgegeben , also in keiner Weise Widerspruch zu strafen hatte . Uriel bekam Windeck samt Reginen und für Hyazinth war dann sehr leicht zu sorgen . So richtete Damian in Gedanken die Zukunft der Kinder so sicher im irdischen Glück und Glanz ein , wie Kunigunde darauf zu hoffen wagte , sie sämtlich zu halben Wundern der Vollkommenheit aufblühen zu sehen . - Nach einigen Jahren hatte sie ein zweites Töchterchen , das ihr Mann mit unaussprechlicher Freude empfing , denn er hatte halb und halb einen Sohn gefürchtet , dermaßen hing sein Herz an Uriel . Und wieder gingen Jahre vorüber mit den Sorgen und Freuden des Familienlebens , denen sich Kunigunde mit unbegrenzter Hingebung widmete . Da wurde sie von einem Brustfieber befallen und nach einem kurzen Krankenlager schied diese schöne , zärtliche , liebevolle Seele vom irdischen Leben . Ein Schrei des Jammers folgte ihr nach . Damian war fassungslos ; Levin nahe daran ; sämtliche Kinder in Verzweiflung . Von einer solchen Trauer hatte kein Mensch auf Windeck je eine Ahnung gehabt . Als ihr Sarg über den Main geführt wurde nach Kloster Engelberg in die Familiengruft , standen beide Ufer gedrängt voll Menschen , die ihr nachweinten und andächtig für sie beteten . In den achtzehn Jahren , die sie auf Windeck verlebt hatte , war ihr Herz zuweilen recht kummervoll und gedrückt gewesen ; aber nie hatte sie irgend jemand anders als freundlich empfangen und nie einen Unglücklichen oder Traurigen anders als getröstet entlassen . Dafür wurde ihr jetzt manche Träne nachgeweint und manches Gebet nachgeschickt . Im Schloß ging das Leben mechanisch fort , wie sie es geordnet hatte ; aber es hatte einen leichenhaften Anflug . Jetzt erst merkte man , wie sie es in ihrer stillen , demütigen , freundlichen Weise beseelt hatte . Als Damian seine Töchter zum erstenmal nicht weiß gekleidet , sondern im Traueranzug sah und dazu ihre kleinen , blassen , verweinten Gesichter , schloß er sie angsthaft in seine Arme und sagte zu Levin : » Was soll aus ihnen werden ohne Mutter ? « Da umschlang Regina ihn zärtlich und sagte : » Gräme Dich auch nicht zu sehr , lieber Vater , denn die heilige Mutter Gottes wird jetzt unsere Mutter sein . Eine andere können wir nicht brauchen . « Er beneidete fast das Kind um diese tiefe Zuversicht und um dies Eingehen in die übernatürliche Welt . Er machte sich tausend Vorwürfe , daß er gerade auf diesem Punkt Kunigunde so oft betrübt , so häufig die zarteste Blüte ihres inneren Lebens mit dem kalten Frost seines Indifferentismus verletzt hatte . Er mußte sich eingestehen , daß er das Beste , was er in sich selbst fand , Kunigunden verdankte , deren milde Liebe immer gegen seine Selbstsucht kämpfte , ohne sich durch geringe Erfolge entmutigen zu lassen . Da er ihr nicht selbst mehr danken konnte , so nahm er sich vor , in den Töchtern ihr zu vergelten und sie im Sinne der Mutter erziehen zu lassen . In Wien bei den Salesianerinnen hatten Kunigunde und Walburg ihre Erziehung empfangen , und Damian beschloß , seine Töchter ebenfalls einem klösterlichen Institute zu übergeben . » Nach Wien bringe ich sie aber nicht , « sagte er zu Levin , als er mit ihm den Plan überlegte . » Sie müssen so gütig sein , bester Onkel , und ein Institut der Dames du Sacré Coeur auskundschaften , von dem Kunigunde zuweilen redete . Gegen Wien sprechen drei Gründe . « » Und das sind ? « fragte Levin voll Erwartung . » Erstens die große Entfernung . Zweitens , daß die liebe Kunigunde im Französischen keinen Pariser Accent hatte . Drittens möchte ich gerne die Kinder von einer gewissen kleinen deutschen Sentimentalität fern halten , von einer gewissen Überschwänglichkeit des Gemütslebens , worin die besten und frömmsten Frauen leicht verfallen und welche sicherlich in einer deutschen klösterlichen Erziehungsanstalt ungemein floriert . « Levin ließ diese letzte Annahme auf sich beruhen und erwiderte : » Alle klösterlichen Genossenschaften , die sich der Erziehung der Jugend widmen , tun es im Geiste des göttlichen Heilandes , der da gesagt hat : Lasset die Kindlein zu mir kommen , und folglich mit der größten Liebe , Hingebung und Opferwilligkeit , denn sie haben aus der Nachfolge Jesu im Dienste der Seelen freiwillig ihren Stand gemacht . Daher erfüllen sie ihre Pflichten in möglichster Vollkommenheit und verdienen das größte Vertrauen . Aber , lieber Damian , wo Menschen wirken und handeln , da gibt es Schwächen , und in den Charakteren der Zöglinge gibt es Schattenseiten . Du darfst also Deine Erwartungen nicht übermäßig hoch spannen und später die etwaige Unvollkommenheit der Kinder nicht auf Rechnung der klösterlichen Erziehung bringen . Versprichst Du mir das , so will ich gleich Erkundigungen einziehen , die ohne Zweifel höchst günstig lauten werden , indem ja die Dames du Sacré Coeur berühmt sind wegen ihrer brillanten Erziehung für die Welt . « » Das ists gerade , was ich wünsche ! « rief Damian . » Seien Sie unbesorgt , bester Onkel ! Geraten die Kinder einigermaßen in dieser Richtung , so schwärme ich für das Sacré Coeur . Aber wie einsam , wie unerträglich einsam wird es hier werden . « Das empfand Levin mit schneidendem Herzweh . Die Beschäftigung mit den Kindern war seine Wonne ; aber er sagte tröstend zu Damian : » Es war ja schon festgesetzt , daß die ältesten Knaben fort sollten , und wir behalten doch vorderhand Hyazinth . « » Ja , den einen , und alle anderen gehen ! Mir graut vor der Stille , die hier eintreten wird . « An einem und demselben Tage war allgemeiner Aufbruch in Windeck . Uriel , Orest und Florentin reisten in Begleitung eines Hofmeisters ab , um Gymnasialstudien zu machen ; und Damian mit seinen Töchtern zuerst nach Stamberg , um sie noch einmal der Großmama vorzustellen , und dann zu den Dames du Sacré Coeur im Elsaß . Juliane mußte nach ihrer Gewohnheit Einwendungen gegen diesen Erziehungsplan machen , von dem sie ahnte , daß er mittelbar von Kunigunden herrühre . Weshalb nicht die Kinder nach Mannheim bringen , in das weltberühmte Institut , dessen glänzende Resultate man kenne . Oder noch lieber nach Norddeutschland , wo man überhaupt auf einem viel höheren Stand der Bildung stehe , nach Dresden zum Beispiel ; da könnten künstlerische Anlagen in ihnen entwickelt werden . Gab es aber irgend etwas , wodurch Damian in seinen Ansichten und Plänen bestärkt wurde : so war es gewiß der Widerspruch seiner Mutter . Ohnehin ging er nicht leicht von seinen Ideen ab und so hatte Julianens Mißbilligung nicht die geringste Wirkung auf ihn . Er war ganz gleichgiltig gegen ihre beständige Krittelei . Der Abschied von seinen Töchtern , die Heimkehr nach Windeck , die Verödung seines Hauses stimmten den Grafen ungemein schwermütig . Er hatte an Kunigunden die treueste Freundin gehabt , deren Teilnahme zu jeder Stunde , für jede Kleinigkeit ihm gewiß war und die sorgsam alles zu entfernen oder selbst zu übernehmen wußte , was ihn belästigte oder verstimmte . Er hatte in Uriel und Orest schon Gesellschafter gehabt , die mit ihm jagten und ritten , und in den beiden fröhlichen , kleinen Mädchen eine beständige Quelle des Scherzes und der Heiterkeit . Er hatte an dem Personal , welches die Erziehung der Kinder bald für immer , bald zeitweise , ins Haus brachte , eine Unterhaltung gehabt . Hofmeister , Musiklehrer , Zeichenlehrer , Tanzlehrer , Engländerin , Französin und was sonst noch die moderne Erziehung erheischen mag , zog auch in Windeck ein und aus . Zwölf Personen am Familientisch , das war die geringste Zahl ; und zwischen ihnen allen war er der Herr , war er der Mittelpunkt . Ihn wollten alle unterhalten ; ihm - alle gefallen . Um ihn bemühte sich alles , drehte sich alles . Kunigunde gab allen die Richtung auf ihn , die sie selbst nie verlor . Jetzt hatte er niemand als den Onkel Levin , den dreizehnjährigen Hyazinth und dessen Erzieher , einen jungen Geistlichen . » Seitdem ich keine Frau mehr habe , komme ich mir gar nicht vor wie der Herr des Hauses , « sagte er oft . Levin versuchte Saiten zu berühren , die in traurigen Herzen manchmal Anklang finden : Ergebung , Entsagung , Hinwendung zum höchsten Gut , das für den Verlust jedes anderen einen himmlischen Ersatz bietet . Allein dafür war der Graf taub . Er fühlte sich seiner glücklichen Existenz beraubt und faßte es nicht , wie man ohne eine solche zufrieden leben könne . Die Selbstsucht war noch immer übermächtig in ihm . » O wie beneide ich den geistlichen Stand um seine ewige , unzerstörbare Ruhe ! « äußerte er einmal in aufgeregter Traurigkeit gegen Levin . » Der Priester ist der glücklichste Mensch auf Erden . Er fühlt keinen Schmerz mehr . « » Die stille Ruhe fliegt ihm nicht an , « entgegnete Levin sanft ; » sie will erkämpft sein . Und der Schmerz flieht nicht von selbst vor ihm ; er will bezwungen sein . Und nicht mit einem Kampf ist die Ruhe auf immer hergestellt und nicht mit einem Willensakt der Schmerz besiegt ! Das dauert fort - durchs Leben . Aber wir sind freilich wie tüchtige Soldaten darauf eingeübt , uns nicht den Feind über den Kopf wachsen zu lassen , sondern uns bei Zeiten durchzuschlagen . « » Was kann der Priester für Schmerzen haben ? « fragte der Graf unbefangen . » Er hat nicht Weib noch Kind ; er verliert sie nicht ; er kennt keine Sorge um sie . Gegen irdische Leidenschaften - denn es versteht sich , daß ich von einem frommen Priester rede - schützen ihn Stand , Beruf und Gnade ; woher soll also für ihn der Schmerz kommen ? « » Aus der Sünde , der eigenen und der fremden , « entgegnete Levin und heftete sein seelenvolles Auge auf Damian . » Aus der Sünde , die den Gekreuzigten , welcher aus einem Wunder der Liebe für uns stirbt und aus einem anderen Wunder der Liebe für uns lebt , wieder und immer wieder kreuzigt und die Seelen , die er retten will , ihm entreißt und in den ewigen Tod stürzt . Der Schmerz um die verschmähte Liebe Gottes , um das Elend des Sünders , um die Leiden der Kirche , um den Abfall vom Glauben , um die Anfeindung der Religion bewegt sich in einer anderen Sphäre , als die der irdischen Verhältnisse , aber er hat auch seinen Stachel , auch seine Bitterkeit , mein lieber Damian , und wenn wir ihn nicht hinnehmen würden , als einen Dorn aus der Krone , die Christus trägt , und als einen Anteil an dem Kelch , den Christus trinkt : so würde kein Menschenherz stark genug sein , um ihn zu ertragen . « » Das ist es ja eben , lieber Onkel : Sie haben immer das Kreuz bei der Hand , an das Sie sich lehnen . « » Ergreife das Kreuz , dann hast Du es auch . Das Kreuz ist ein Gemeingut der Menschheit und hat für uns alle dieselbe Kraft . Es tut uns weh und heilt all ' unser Weh . « Aber das wollte der Graf nicht verstehen ! - Um sich zu zerstreuen , reiste er viel , ging in die Bäder , machte bald in Wien , bald in Paris einen Winteraufenthalt und besuchte alle Jahre einmal seine Töchter , während seine Söhne - wie er sie nannte - in den Ferien nach Windeck kamen und munteres Leben mit sich brachten . Durch die oberflächliche und erkältende Berührung mit der Welt ließ sich der Graf mehr und mehr von jeder höheren Ansicht und Lebensauffassung ablösen . Das Wenige , was ihm Kunigunde allmählig von ihrer Seelenwärme , von ihrem Seelenadel mitgeteilt hatte , ging wieder unter in der allgemeinen Welt-Epidemie der Selbstvergötterung - und das war der Moment , in dem er seine Töchter aus dem Institut des Sacrè Coeur abholte , um sie fortan bei sich zu behalten . Präludien » Wie gefällt Ihnen denn eigentlich Regina . bester Onkel , « sagte Damian , nachdem er jenes Gespräch mit seiner Tochter gehabt hatte . » Sie ist jetzt vierzehn Tage hier , da kann man schon ein Urteil über sie haben . « » Ich denke , ihre gute Mutter würde eine innige Freude an ihr haben , « versetzte Levin . » Und ihr guter Vater ? « fragte Damian . » Nun , ihr guter Vater hat diese Freude doppelt , « entgegnete Levin lächelnd , » für sich und für die Mutter . « » Ich gestehe Ihnen , daß ich etwas ganz anderes von der Klostererziehung erwartet hatte ! Regina macht mir durchaus nicht den Eindruck eines unterwürfigen Charakters , einer fügsamen Seele . Sie ist sehr schön , sie hat sehr viel Verstand , sie hat eine große Anmut des Benehmens ; aber ihre innere Entschiedenheit mißfällt mir . Ich fürchte , sie hat wenig Neigung zum Gehorsam . « » Sie sucht doch alle Deine Wünsche buchstäblich und mit großer , zuvorkommender Bereitwilligkeit zu erfüllen . « » Das ist richtig - aber ! aber ! sie hat einen Willen ! « » Du wirst doch nicht wünschen , daß sie ein Automat sei ? « » Unter Umständen könnte ich es wünschen ! Hat sie noch nicht mit Ihnen über ihre Klosterideen gesprochen ? « » Nicht eine Silbe ! und ich bitte Dich , darauf kein großes Gewicht zu legen . Solche Idee hat manches junge Mädchen , ohne daß ein wahrer Beruf ihr zu Grunde liegt . « » Glaub ' es gern ! nur fürchte ich , daß äußere Einflüsse sie in ihrer verkehrten Idee bestärken könnten und deshalb hab ' ich beschlossen , sie mit Uriel zu verloben , sobald er kommt , und das wird ja in den nächsten Tagen geschehen . « » Bester Damian , das ist gefährlich ! Uriel und Regina haben sich in fünf Jahren nicht gesehen , sind als Geschwister aufgewachsen und haben vielleicht nicht die mindeste Neigung für einander . « » O die findet sich ! Ich will auch nicht mit der Türe ins Haus fallen , sondern nur , wenn sie einige Wochen traulich miteinander gelebt haben , ihnen zu verstehen geben , was ich wünsche . Überdas ist Regina ein Mädchen , in das man sich leicht verlieben kann ; bemerkt aber ein Mädchen , daß sie eine Neigung weckt , so erwidert sie dieselbe . Das liegt in der weiblichen Natur und darauf baue ich meine Hoffnung : Uriel muß sich verlieben und die Klosterideen bekämpfen ; ich werde sie unberücksichtigt lassen . « » Das ist die klügste Taktik , « sagt Levin einstimmend . » Sie wünschen also nicht , daß Regina ins Kloster gehe ? « fragte der Graf etwas verwundert . » Ich dachte , Ordensleute und Priester hätten dafür eine besondere Liebhaberei . « » Hoffentlich , « entgegnete Levin lächelnd , » ist ihre größte Liebhaberei die , daß die Ehre Gottes und das Heil der Seelen in größtmöglichster Vollkommenheit gefördert werde . Wo aber kein Beruf zum geistlichen Stande ist , geschieht von beidem das Gegenteil . « » Ach , Onkel Levin ! Sie sind ein prächtiger Mann ! « sagte der Graf erheitert und klopfte ihm freundlich auf die Achsel ; » bei Ihnen wird Regina nicht in ihren Träumereien Unterstützung finden , und wahren Beruf zum Ordensstande kann sie ja unmöglich haben . Das sind Schwärmereien junger Mädchen und es beruhigt mich sehr , daß sie gar nicht mit Ihnen darüber gesprochen hat . Gewiß scheut sie Ihren klaren Blick in dergleichen Angelegenheiten . « Regina saß während dieses Gespräches in einer von dichten Schlingpflanzen umrankten Veranda am Strickrahmen und stickte zierlich auf einem schweren , weißen Seidenstoff mit Goldfäden eine Guirlande von Reben und Ähren , die sich um ein Dorngewinde schlang . Ihr Vater hatte wohl recht zu sagen , sie sei sehr schön . Ihre feinen edlen Züge waren beseelt durch einen Ausdruck von lieblicher Kindlichkeit und von hohem Ernst , wie man ihn bei den Heiligen und Engeln der alten florentinischen Maler findet . Unter ihrer zarten , durchsichtigen Stirn zogen sich ihre dunklen Augenbrauen fest und gerade mit großer Entschiedenheit hin , während ihr klares , glänzendes , graues Auge einen ungemein seelenvollen Blick hatte , wenn sie ihre langen , schwarzen Wimpern langsam aufhob . Es lag ein namenloser Friede , eine gänzliche Unberührtheit von der Welt auf ihrer ganzen Erscheinung . Sie stickte emsig und summte dabei , wie junge Mädchen zu tun pflegen , eine Melodie vor sich hin , die sehr fröhlich klang . Zuweilen stützte sie aber den Arm auf den Stickrahmen und den Kopf auf die Hand , blickte hinüber nach Kloster Engelberg und ging aus dem leisen Summen in ein helles , wunderliebliches Singen der zwei Worte » Venite , adoremus ! « über . Es lag in der Melodie ein Frohlocken , das kein Ende der Freude kennt und in welches Regina ' s ganze Seele einstimmte . Dann arbeitete sie weiter . Als sie Männerschritte auf dem Kieswege hörte , der zur Veranda führte , verstummte sie . Levin war nachdenkend über sein Gespräch mit dem Grafen in den Garten gegangen . Auch er hatte sich von jeher mit dem Gedanken vertraut gemacht , Uriel und Regina würden ein Paar werden . Die Äußerungen des Grafen über Regina beunruhigten ihn , obwohl er , Damian gegenüber , die Sache unwichtig genommen hatte , um ihn nicht aufzuregen . Hatte Regina wirklich einen Lebensplan entworfen , welcher mit dem ihres Vaters nicht übereinstimmte , welchen Stürmen ging sie dann entgegen . Und war es denn etwas Unmögliches , daß sie , die Tochter einer so frommen Mutter und ein Kind des