wollte reden und den Geliebten gegen diese Rohheit vertheidigen , aber Celtes bat sie zu schweigen und sich seinetwegen nicht mit dem Bruder zu erzürnen . » Es ist wahr , « sagte er zu diesem , » ich verehre Eure edle Schwester wie meine Muse und meine Herrin , aber nie habe ich meine Wünsche , noch meine Worte bis zu einem Ziel erhoben , das für mich aus doppelten Gründen unerreichbar ist . Ich kenne die veralteten Institutionen und den aufgeblasenen Dünkel dieser reichsstädtischen Geschlechter hinlänglich genug , um zu wissen , daß sie jede Bewerbung eines Mannes , der nicht zu ihnen gehört , und wenn er der Berühmteste der Welt wäre , für eine Beleidigung halten - und ich bin nicht der Mann , weder eine solche zu ertragen , noch eine Gnade von diesen hoffärtigen Bürgern hinzunehmen . Außerdem aber fühle ich , daß es dem Poeten , wenn er seine hohe Sendung ganz erfüllen will , nicht beschieden ist , einen häuslichen Herd zu gründen . Wie mein großer Lehrer Agricola werde ich nie eine Fessel tragen , weder die eines Amtes noch eines Weibes , und wenn auch arm und entsagend , doch reich und frei in meinem Berufe leben . Findet Ihr nach dieser Erklärung , daß eine so reine , geistige Gemeinschaft wie die meinige mit dieser edlen Jungfrau nicht bestehen kann , ohne ihrem Ruf zu schaden , so muß ich freilich darauf verzichten , denn das sei ferne , daß ihr durch mich ein Nachtheil erwachse . Dann aber Schande über die Lästermäuler und Splitterrichter dieser Stadt , die das Reine und Hohe verdammen , weil sie es nicht verstehen , das Gemeine und Unsittliche aber ruhig unter sich dulden . Die reinen , seligen Stunden , die mir das poetische Streben mit dieser keuschen Jungfrau gewährte , wagt man zu schmähen - wenn aber Eure achtbaren Ehemänner sich noch ein Zuweib halten , oder Eure edlen Rathsherren in die Frauenhäuser gehen und tausend Gemeinheiten in den Badstuben geschehen , so findet Ihr das ganz in der Ordnung . « Georg Behaim sah sich von dieser ruhigen Würde entwaffnet , er reichte Celtes die Hand und bat ihn mit ihm zu gehen . Man hörte andere Leute kommen , und Elisabeth , unfähig ein Wort zu sprechen , floh in ein anstoßendes Gemach , ohne noch Wort oder Blick für Celtes zu haben . Georg bemühte sich dem aufgebrachten Dichter das » ländlich-sittlich « auseinander zu setzen und es endlich wie eine Gnade von ihm zu erbitten , daß er seine Schwester meide . Celtes erklärte sich aus Stolz endlich bereit dazu . Als er sie nach einigen Wochen bei einem Feste wieder sah , näherte sie sich ihm , um ihm zu sagen , daß sie sich mit Herrn Christoph Scheurl verlobt habe . Celtes wünschte ihr , daß sie glücklich werden möge - sie lächelte verächtlich . Es waren Leute in der Nähe und sie konnten nicht unbemerkt zusammen sprechen . Bald darauf war Elisabeth ' s Hochzeit . Ihr Gatte war wohl zwanzig Jahr älter als sie selbst und von gewöhnlichem Aeußern , ja er hatte sogar etwas Abstoßendes darin . Man konnte kein ungleicheres Paar sehen , und Niemand begriff , warum Elisabeth eine so unpassende Wahl getroffen . Scheurl gehörte zu den stolzesten oder eitelsten Männern . Er war einer der reichsten Rathsherren , hatte sich das schönste Haus gebaut und wollte auch die schönste Frau haben - natürlich mußte er sich durch den Besitz Elisabeth ' s befriedigt fühlen , die ja ein Wink des Kaisers selbst öffentlich dazu erklärt hatte . Er spreizte sich in eitler Geckenhaftigkeit des älteren Mannes an ihrer Seite , und freute sich der Huldigungen , welche ihrer Schönheit und ihrem Geiste wurden , doppelt eitel darauf , daß die gefeierte Spröde , die so viele Bewerber ausgeschlagen , ihm so schnell ihre Hand gegeben . Celtes hatte zu Elisabeth ' s Hochzeit ihr ein Carmen gesendet , aber gesprochen hatte sie ihn seitdem nicht wieder . Und jetzt war er plötzlich bei ihr eingetreten , unangemeldet wie sonst in ihrem Elternhaus - jetzt war es , als versänken die Monate in ein Nichts , in denen sie sich nicht gesehen . Und über ein Jahr versank so - jetzt neigte sie sich wieder über ihn , wie damals mit dem Lorbeerkranz , da er sie zuerst erblickte . » O Elisabeth ! « rief er aus , » wie werd ' ich zu leben vermögen ohne meine Muse ? Nein , ich kann nicht fort von Euch , das Leben ist eine Wüste ohne Euch ! « Sie neigte ihre Lippen auf seine Stirn und sagte : » Dies sei mein Abschiedskuß - « Aber er sprang auf , umschlang sie heftig und sagte : » Nein , ich kann den Abschied nicht ertragen ! - O Elisabeth ! welch ' ein Götterleben war es , das wir führten ! Von da an , wo ich Euch erblickte , war ich an diese Stadt gefesselt ! der ich sonst immer unstät umhergeschweift , nirgend findend , was ich suchte - mir ward hier ein himmlisches Asyl ! Ewig wollte ich hier bleiben , ewig im Strahl Eurer Gunst mich sonnen . Ihr waret die Sonne , die alle Blüthen meines Geistes weckte - ohne Euch ist das Leben eine dumpfe kalte Nacht , in der alle Keime verderben ! « Willenlos , selbst wie eine gebrochene Blume , lag Elisabeth an seiner Brust und vermochte ihre Thränen nicht mehr zurückzuhalten . » Es hätte Euch ein Wort gekostet , und es war Alles anders ! « sagte sie . » Ihr hab ' t mich verstoßen ! « » Elisabeth ! « rief er und sah ihr prüfend in die überströmenden Augen , » ich gab nur den Vorstellungen und Bitten Eurer Familie nach um Euretwillen - alle meine sehnenden Empfindungen bezwang ich in heißen Kämpfen , um den Frieden Eures Hauses nicht zu stören - « » Und der Friede meines Herzens war Euch Nichts ? « fiel sie ihm in ' s Wort . » O Konrad , ich lebte gleich Euch in einem süßen Taumel , ich fragte nichts nach dem Morgen , da das Heute so himmlisch war . Ich war wie der Epheu , der sich fest um die starke Eiche ringelt - so unauflöslich fühlt ' ich mich an Euch gekettet . Da kam die Unglücksstunde , in der mein Bruder mit roher Hand aus dem holden Traum uns weckte . Ihr hießet mich schweigen , und welcher Edelsinn auch aus Eurer Vertheidigungsrede sprechen mochte - mir stieß sie einen vergifteten Dolch in das Herz ! « » Was konnt ' ich anders antworten ? « fragte er ; » mein Mannesstolz und meine hohe Liebe zu Euch ließen keine andere Antwort zu . Die weite Kluft , die mich von Euch trennt , ward zum Abgrund , der uns Beide verschlang , wenn ich den glühenden Empfindungen Worte gegeben hätte , die mich jetzt zermartern , seit ich mich von Euch fern halten mußte und jetzt , da ich von Euch scheiden soll ! « » O , und Ihr bildetet Euch ein stark zu sein , weil Ihr zu schwach waret , vor den Abgrund zu treten ? « sagte sie mit höhnischer Stimme . » Ich aber , die ich zu dem schwachen Geschelcht gehöre , fühle den Muth in mir , den Abgrund zu überspringen - aber Ihr hießet mich schweigen und erklärtet , daß Ihr niemals Liebe für mich empfunden ! « » Das habe ich nie gesagt ! « rief er , » eine so entsetzliche Lüge ist nie über meine Lippen gekommen - aber ich wußte , daß Ihr mir niemals angehören konntet , und darum , seit ich Euch gefunden , ward es mir klar , daß ich für immer dem Minne- und Eheglück entsagen müßte , weil mein Herz nie einem andern Weibe gehören konnte ! O Elisabeth ! « fügte er mit leidenschaftlicher Heftigkeit hinzu , indem er zu ihren Füßen stürzte , » das hab ' t Ihr doch gewußt , daß ich Euer Sklave bin , auch wenn ich mich stellte , als kenne und möge ich keine Fessel ? « » O hättet Ihr nicht die unseligen Worte gesprochen ! « versetzte sie , » hättet Ihr mich zuvor gehört ! Ich wollte meinem Bruder schildern , wie ich Euch liebe , und daß ich in Euch einen Ritter des Geistes sehe , davor dies Patrizierthum sich achtungsvoll beugen müsse . Daß ich Euch folgen würde , wohin es auch sei , wenn das Vaterhaus mich vielleicht verstieße . Und wäre dies geschehen , so wären wir zusammen geflüchtet ! und hätte sich weder in Deutschland noch Italien ein Asyl für uns gefunden , so wären wir meinen weltumsegelnden Bruder gefolgt und auf einem jener goldenen Eilande , die er schon entdeckt , hätten wir die Stätte der Glückseligkeit gefunden , die keine Menschen dieser verdorbenen Welt gestört ! Aber mit kalter Hand schnittet Ihr mir den Weg ab zu diesem Paradies ! « Wie vernichtet barg Celtes sein Haupt in Elisabeth ' s Schooß . Jetzt erst fühlte er die ganze Allmacht seiner und ihrer Liebe - und jetzt erst erkannte der Sänger der Liebe , wie viel tiefer und kühner die Liebe im Frauenherzen lebte und es zu Kampf und That begeistert , als in der Mannesbrust , die dem Stolz den Vorrang gestattete . Beschämt gestand er : » Solche Größe der Seele , die über alle Vorurtheile sich erhebt , solche Größe der Liebe glaubte ich bei keiner Frau zu finden ! Ihr ließet mich nicht ahnen , daß Ihr um meinetwillen Alles opfern könntet ! « » Ich bin auch stolz , « sagte sie , » und nach Eurer Erklärung blieb mir nichts , als mich in den Wunsch meiner Familie zu fügen , wie Ihr Euch fügtet . Scheurl warb um meine Hand - es erschien mir wie ein Schutz vor mir selbst , wenn ich sie ihm reichte . Ihr hattet sie verschmäht - da war mir ja Alles gleichgültig . Ja , ich bildete mir ein , wenn ich nicht mehr als Mädchen bösem Leumund ausgesetzt sei , könnte ich wieder mit Euch verkehren , meine Liebe auf den Pfad der Freundschnft zurücklenken . Dennoch wollt ' ich diesen Schritt nicht ohne Eure Zustimmung thun . Noch hatte ich das bindende Wort nicht gesprochen , als ich Euch davon sagte - Ihr wünschtet wir ruhig Glück - und damit war mein Geschick entschieden . « » Und da es einmal so ist , da das Entsetzliche geschehen , « sagte er nach einer Pause voll stummer Seufzer , heißer Thränen und noch heißeren Küssen , » so lasse uns versuchen , was Du hofftest - sei wieder meine Muse , meine Freundin - « Sie entrang sich seinen Armen . » Nein , « sagte sie zurückweisend , » was ich mir da selbst vorgeredet , war Nichts als verwerfliche Sophistik . Unsere Empfindungen waren rein und schön , und wie auch die Alltagsmenschen sie deuten mochten : wir waren uns ihrer Unschuld bemußt . Jetzt müßten wir sie selbst verdammen , Schande und Ehebruch wäre jetzt , was erst so heilig gewesen ! Nun ist kein Selbstbetrug , der kein Verbrechen wäre , mehr möglich . Nie wären diese Geständnisse über meine Lippen gekommen , wenn ich nicht diese Stunde empfände als einen Abschied für immer ! Nun ich Euch noch einmal gesehen und Alles gesagt , werde ich die Trennung von Euch würdig ertragen lernen ! Wir dürfen aneinander denken ohne Schuld - « » Aber nicht ohne Reue ! « unterbrach sie Celtes ; » o ich Unglücklicher , Kleingläubiger ! « » Auch ohne Reue ! « sagte Elisabeth . » Es sollte doch so sein , wie Ihr sagtet : der Dichter soll ohne Fesseln bleiben , und um sich ganz seinem Volke hinzugeben , muß er auf die Hingabe an ein einzelnes Wesen verzichten ! In Euren Werken werdet Ihr für mich fortleben , und was auch noch geschehen mag : nie kann mir das stolze Bewußtsein geraubt werden , daß ich die Muse war , die Euch zu Euren edelsten Dichtungen begeisterte ! « » Und ewig werdet Ihr es bleiben ! « rief er ; » ich will ringen den Lorbeer zu verdienen , den Ihr mir reichtet . « Ein letztes Umarmen - dann trieb sie ihn fort . Aber als er hinaus war , brach ihre gewaltsam bewahrte Kraft zusammen und bis zur Ohnmacht weinend lag sie auf dem Sammetpolster . Fünftes Capitel Eine Zusammenkunft An einem Juliabend , dessen Hitze ein Gewitter ahnen ließ , obwohl nur erst einzelne dunkle Wolken drohend über der Burg und den dahinter sich ausdehnenden Reichsforsten standen , ging Ursula Muffel durch die Straßen der Stadt , um ihre Freundin Elisabeth Scheurl zu besuchen . Als sie » unter der Beste « an Meister Wohlgemuth ' s Werkstatt vorüber kam , sah sie an der Thür desselben einen Mohren in goldgestickter Dienerkleidung stehen . Sie fuhr unwillkürlich zusammen , erröthete und fühlte ihre Schritte gehemmt , als versagten ihr plötzlich die kleinen Füße den Dienst , die doch vorher so hüpfend weitergeschritten . Sie kannte diesen Mohren : nur ein Nürnberger Patrizier hatte einen solchen im dienst . Herr Hans von Tucher hatte ihn von seiner Reise aus dem Morgenlande mitgebracht und er war der Diener seines Sohnes Stephan , der es immer liebte , durch irgend eine Seltsamkeit sich vor den andern Geschlechtern hervorzuthun . Ursula schielte durch die Fenster der Werkstatt . Da saß Albrecht Dürer und malte emsig , aber er warf einen Blick empor , der auch hinaus auf die Straße und auf Ursula traf ; sie lächelte ihm zu , aber er wagte nicht lange aufzusehen , weil schon ein neben ihm farbenreibender Gesell ihn hämisch anrief : » Was hast Du wieder auf die Straße zu stieren und auf schöne Frauenzimmer Augen zu machen , die Dich nur auslachen , Du Maulaffe ! « Albrecht antwortete : » Wenn eine edle Dame , die bei uns arbeiten läßt , hereinsieht , so ist es doch nicht meine Schuld . « » Nun , nach Dir wird sie nicht gesehen haben , « versetzte der Geselle , und hätte gern noch rohe Späße an seine Bemerkung geknüpft , wenn nicht Meister Wohlgemuth mit einem Herrn aus dem Nebengemache getreten wäre . Indeß war Ursula langsam vorüber gegangen und trat in Scheurl ' s prächtiges Gebäude . Aber so schnell , als sie konnte , eilte sie die Stiegen hinauf . Elisabeth empfing sie mit der ihr eigenen Würde , doch mit herzlichen Freudenbezeugungen über ihr Kommen . Aber Ursula war in ungewöhnlicher Aufregung . Sie zog die Freundin in das Chörlein , von dem aus man die ganze Straße auf und ab und auch bis zu Meister Wohlgemuth ' s Werkstatt sehen konnte , riß das Fenster auf und sagte dann Elisabeth ' s Hand erfassend : » Verzeiht ' mir - ich kam ohnehin Dir Alles zu sagen , an Deinem Herzen mich auszuweinen - aber sage mir , sah ' st Du ihn ? « » Wen denn ? « fragte Elisabeth verwundert . » Stephan Tucher , « flüsterte Ursula leise und immer mehr erglühend ; » dort steht sein Mohr . « » Gesehen hab ' ich ihn nicht , « antwortete Elisabeth , » aber mein Gemahl sagte mir , er sei seit gestern wieder zurück von Augsburg und Füssen , wohin ihn sein Vater in dringenden Handelsgeschäften geschickt hatte . « Ursula verwandte keinen Blick von der Straße . » Dort steht sein Mohr , « sagte sie noch einmal , » ob er wohl auf ihn wartet ? « » Ich war jetzt nicht am Fenster , ehe Du kamst , « antwortete Elisabeth . In diesem Augenblick aber trat Stephan Tucher wirklich aus Wohlgemuth ' s Werkstatt , grüßte den ihn zur Thür geleitenden Meister und sprach dann heftig mit dem Mohren , der mit lebhaften Gesten antwortend auf Scheurl ' s Haus deutete . Seine Blicke auf das Chörlein gerichtet kam jetzt Stephan an ihm vorüber . Da nahm Ursula einen Rosenstrauß , den sie zwischen einer abstehenden gestickten Krause an ihrer Brust trug , und warf ihn hinab auf die Straße , daß er vor Stephan ' s Füße fiel . Er hob ihn auf , aber sah die Geberin nicht mehr , die das Fenster zuwerfend mit einem Strom lang verhaltener Thränen in Elisabeth ' s Arme fiel . » Wie lange man auch sich und seinen Schmerz und seine Leidenschaft bezwingen mag , « sagte Ursula , » einmal kommt der Augenblick , da es nicht mehr möglich . « Elisabeth seufzte tief - sie hatte das nur zu sehr an sich erfahren . Aber Ursula meinte bei der kalten Freundin , die nur aus Gehorsam gegen ihre Familie oder aus Stolz auf das Geschlecht einen älteren Mann , der kein Gegenstand einer Herzenswahl war , gefreit haben konnte , einer Entschuldigung zu bedürfen und sagte : » Du in Deiner erhabenen Klarheit der Seele weißt freilich Nichts von diesen Kämpfen - aber Du kannst Alles verstehen , was groß und schön ist - gewiß auch meine Liebe ! « Jenes Lächeln , das aus Schmerz und Hohn sich mischte und das so oft Elisabeth ' s schönen Zügen eine dämonische Beimischung gab , zog auch jetzt darüber hin ; das vermochte sie nicht zu unterdrücken , wenn sie auch sonst jedes ihrer Gefühle in Schranken hielt , die sie nur in jener Abschiedsstunde von Konrad Celtes überschritten . Sie wußte , was sie dem Gatten schuldig war , dem sie mit freier Selbstbestimmung ihre Hand gegeben , sie heuchelte keine Liebe ; aber sie wollte die Welt glauben lassen , daß sie über diese Schwachheit erhaben sei , und auch nicht vor einem vertrauten Mädchenherzen ein Geständniß ablegen , das kein günstiges Licht auf ihren Gemahl und ihre Ehe werfen konnte . Aber daß ihr dieser Vorsatz so vollständig gelang , daß kein anderes Auge auf den Grund ihres Herzens zu lesen vermochte ; daß man sie für ruhig und befriedigt hielt , indeß alle Qualen verlorenen Liebesglückes und eines verfehlten Lebens ihren Nächten den Schlaf raubten und am Tage sie antrieben , durch geistige Beschäftigungen oder zerstreuende Vergnügungen vor sich selbst zu fliehen : das veranlaßte jenes bittere Lächeln , mit dem sie viel mehr noch sich selbst und ihr Geschick als ihre kurzsichtige Umgebung verhöhnte . » Vertraue mir nur , « sagte sie mit theilnehmender Stimme ; » ich weiß , daß Dich Stephan liebt und daß die Väter sich dieser Verbindung widersetzen ; mein Gemahl hat es mir gesagt ! « » Himmel ! « rief Ursula , » so ist es schon zum Stadtgespräch geworden ? « » Mein liebes Kind , « belehrte die ältere und welterfahrenere Freundin , » wenn Du Dich darüber wunderst , dann weißt Du nicht , wie die Männer sind . Die können nicht wie wir ihre Liebe und ihr Leid still für sich tragen , denen kostet es nicht wie uns ein Erröthen oder die Furcht , ihre innigsten Gefühle falscher Beurtheilung preiszugeben . Die reden davon auf der Fechtschule und in den Trinkstuben , oder wo sie sonst zusammen kommen , und was wir mit künstlichen Schleiern als tiefes Geheimniß bergen , das tragen sie offen zur Schau . Darin müssen wir uns fügen - sogar wenn es ein Beweis ist , das unsere Liebe eben im Innern ihre Heimath findet , indeß die der Männer von außen stammt und am Aeußern haftet . « Ursula seufzte . Sie hatte es freilich schon erfahren , daß sie Stephan gerade nach dem Bann der Väter mehr als einmal rücksichtslos aufgesucht hatte , und sie so dem Zorn des Vaters wie den Klatschereien der Leute preisgegeben ; aber wenn sie ihn auch eben darum abmahnend jene Zeilen geschrieben , deren Ueberbringer Albrecht Dürer war , so hatte sie doch so gern jede Unüberlegtheit und Ausschreitung seiner leidenschaftlichen Liebe vergeben . Und hatte sie nicht eben jetzt zu einer gleichen Unvorsichtigkeit sich hinreißen lassen ? War es auch nicht die eigene Wohnung , aus der sie den Strauß warf ; konnten nicht so gut wie Stephan selbst andere Vorübergehende sie gesehen und erkannt haben ? Sie mußte daher sich und ihn entschuldigen , indem sie der Freundin aufrichtiger beichtete , als selbst dem Priester . Als sie in ihrer Mittheilung bis zu den Blumen gekommen war , die ihr der Malerlehrling als Stephan ' s Antwort brachte , fuhr sie fort : » Ich konnte nicht glauben , daß mein Brief ihn dauernd erzürnen werde ; hoffte , daß er nur im ersten Aufwallen unbefriedigter Wünsche in meiner Bitte um stilles Harren meine Liebe bezweifeln konnte - da hörte ich , er habe Nürnberg verlassen . Daß er fortgegangen im Grolle und ohne ein tröstendes Abschiedswort , das hat mich bitter gekränkt und mich mit Selbstvorwürfen gequält . Sie wuchsen je mehr , je längere Zeit verging , ohne daß ich von ihm hörte . Da wollte ich heute zu Dir gehen , Dir dies gequälte Herz zu zeigen . Du bist so edel und klar , weißt , was die Sitte verlangt und die Familienehre , und kannst doch sanfte Empfindungen verstehen , und wärest Du selbst auch immer über sie erhaben geblieben und hättest sie nur mit empfunden in den Schilderungen des Celtes und anderer Poeten . « Elisabeth bebte zusammen bei Nennung dieses Namens . Seit sie sich verheirathet und Celtes fort war , hatten die Lästerzungen von ehemals schweigen gelernt , und gerade Alle , die Elisabeth näher standen , ihren Stolz und ihr geistiges Streben - ihre Gelehrsamkeit , wie man es damals nannte - kannten , waren durch ihr späteres Betragen fest überzeugt worden , daß sie Celtes gegenüber Nichts empfunden als die geschmeichelte Eitelkeit , die Muse eines gekrönten Poeten zu heißen , und daß sie ohne Kampf dem Willen ihrer Familie sich fügte , die Celtes von ihr verbannte , als die Welt dies Verhältniß zu mißdeuten wagte . Ursula hatte darum die Freundin nur bedauert , daß ihr durch ein gemeines Vorurtheil der belehrende Freund geraubt ward , durch den ihr wissensdurstiger Geist die beste Nahrung gefunden . Kein Gedanke kam in ihren Sinn , daß sie die zur Rathgeberin wählte , die jeden Augenblick bereit gewesen alle Schranken zu durchbrechen , nur um dem Geliebten zu gehören , sobald dieser es von ihr verlangt hätte , wie Stephan es von Ursula verlangte . Elisabeth fühlte sich von kaltem Schauer überrieselt und alles Blut drang ihr zum Herzen - unwillkürlich faßte ihre Hand nach seiner Stelle , als könne sie so es zu ruhigeren Schlägen zwingen . Warum mußten sich immer ungleichartige Elemente zusammenfinden ? Warum war Celtes nicht so rücksichtslos wie Stephan gewesen , warum war Stephan nicht so rücksichtsvoll wie Celtes ? So fragte sie sich - und rang dabei doch nach Worten , Ursula ihre Gedanken zu verbergen , die für sie selbst schon zu viel Bitterkeit und Beschämung hatten , als daß sie je etwas davon hätte mögen laut werden lassen . Endlich sagte sie ausweichend zu ihr : » Du hast ja schon entschieden , indem Du ihm den Strauß hinabwarfst . « » Es war die unbedachte Handlung eines Augenblickes , « entschuldigte sich Ursula , » des Entzückens , daß ich ihn wiedersah . Ich fand seinen Mohren hier auf der Straße , da konnte ich hoffen , er sei zurückgekehrt ; ich konnte den Augenblick nicht vorübergehen lassen ohne ein Liebeszeichen ; denn was auch geschehen möge , entsagen kann ich ihm nicht , - es sei denn , daß ich mich mit meinem Elend in ein Kloster flüchtete , dort nur der Erinnerung an ihn zu leben ! « Elisabeth warf den Kopf zurück : » Bist Du so unerfahren , daß Du glaubst , in den Klöstern wohne noch wie einstens stiller Gottesfriede und heilige Ruhe ? Vielleicht um irgend einer zugefügten Schmach von der Welt , in der man gelebt hat , zu entgehen , mag das Kloster eine passende Zufluchtsstätte sein : aber so lange uns die Welt noch offen steht , ist es besser , es mit ihr noch zu versuchen . Du bist noch so jung , und wie starr auch der Wille der Väter sein mag , durch Ausdauer kann er vielleicht überwunden und gebrochen werden - Ihr gäbet nicht das erste Beispiel dieser Art. « » O so mein ' ich auch , « stimmte Ursula freudig bei , und mit der glücklichen Schnellkraft hoffnungsfreudiger Jugend , die so gern glaubt , was sie wünscht , lächelte sie schon im Sonnenschein eines möglichen Glückes . » Die Tucher kommen zuweilen zu uns , « sagte Elisabeth , » vielleicht findet sich eine Gelegenheit den Vater günstiger zu stimmen ! « » O wäre es möglich ! « rief Ursula und fragte weiter : » Aber was sagte Dir Dein Gatte von uns ? « » Nun Du weißt , daß mein Gemahl sich selbst lieber zu den jüngeren als zu den älteren Herren hält , « spöttelte Elisabeth , » wiewohl er sich schon seit geraumer Zeit im kleinen Rath befindet und in manchen Stücken eifersüchtig ist auf den alten Tucher . Er hält es darum lieber mit dem Sohn als mit dem Vater , wenn er auch diesem alle äußere Freundlichkeit und Höflichkeit erweis ' t. Ist es ihm schon widerwärtig , daß sein Geschlecht sich über das seinige erhoben und für einen Scheurl nun gar keine Aussicht mehr ist , es bis zum Loosunger zu bringen , so verdrießt ihn auch Alles , was Hans von Tucher vor ihm voraus hat . Als sich dieser das prächtige türkische Haus hatte bauen lassen , eilte Scheurl sich dies Haus wo möglich noch prächtiger zu bauen , wenn auch auf gut deutsche Art , denn er will nicht etwa den Tuchern nachahmen , sondern sie überflügeln . So gönnt er es dem alten Loosunger , wenn ihm mit seinem Sohne nicht alles nach Wunsch geht , und erzählte mir mit wahrem Vergnügen , daß Stephan eine Wahl getroffen , die dem Vater nicht recht sei , und daß Stephan geschworen Dich besitzen zu müssen , es koste was es wolle . Aus Freundschaft für den Sohn und aus Neid gegen den Vater kannst Du also meinem Gemahl vertrauen und auf seinen Beistand rechnen , wo er möglich ist . « Ursula hörte diese tröstenden Worte mit Entzücken , und Elisabeth war klug und zart genug , ihr den wahren Beweggrund von Scheurl ' s Sympathie für Stephan Tucher zu verbergen , den ihr Gemahl ihr mit den Worten enthüllt hatte : » Dem alten Tucher gönn ' ich ' s , die Demüthigung zu erleben , daß eine Muffel in sein Geschlecht kommt . Die Schande wird ihn wohl ein wenig beugen . « » Ach , wenn ich ihn nur erst wiedersehe ! « seufzte Ursula . In diesem Augenblick trat ein Diener ein und überreichte der Hausherrin auf vergoldeter Schale von gediegenem Silber einen prachtvollen duftenden Strauß von purpurnen Granaten mit blühender Orange , und meldete , daß draußen der Mohr des Herrn Tucher stehe und bringe mit ehrfurchtsvollem Gruß seines Herrn diesen Strauß für die Dame , die vorhin aus dem Fenster den ihrigen verloren . Elisabeth nahm den Strauß und beauftragte den Diener : » Vermeldet Herrn Tucher meinen Gruß , und ich erwarte , daß er den Dank für diesen Ritterdienst noch heute selbst sich hole . « Nachdem der Diener hinaus war , steckte sie den Strauß an Ursula ' s bebende Brust , indeß diese rief : » Um Gotteswillen , was hast Du gemacht ? wenn er wirklich käme ? - ich muß gehen - « Sie sprang angstvoll auf . » Undankbares Kind ! « lachte Elisabeth , » in demselben Augenblick , da Du nach dem Geliebten seufztest , lockt ihn Dein Seufzer herbei , daß man wirklich an Zauberei glauben möchte , wie jetzt anfängt gang und gebe zu werden - und nun willst Du davonlaufen ! Ich dachte , Du würdest meine Klugheit und Aufopferung bewundern , mit der ich jetzt Alles auf mich nehmend Dich ganz aus dem Spiele ließ ! O bitte , verstelle Dich nur nicht , nachdem Du schon gebeichtet ! « Damit schob sie die Freundin wieder auf das Sopha , und während diese stumm , unruhig , beschämt und mit Thränen in den Augen dasaß , die zugleich Beschämung und Stolz , Furcht und Hoffnung , Freude und Schmerz und eigentlich doch nur Liebe verkündeten , scherzte Elisabeth weiter , indem sie den gesandten Strauß noch einmal zur Hand nahm : » Da sieht man , daß die Männer von Nichts etwas verstehen ! Der Strauß ist viel zu groß , um angesteckt zu werden ; ein Viertel davon reicht dazu hin , das übrige bildet noch ein Diadem für Dein Haar . « Und während so Ursula sich stillgewährend schmücken ließ , sagte sie auf ' s Neue bedenklich : » Aber wenn mein Vater erfährt , daß ich trotz seinem Verbot wieder heimlich mit Stephan zusammengekommen ? « » Heimlich ? « antwortete Elisabeth stolz , » dann würde mich Dein Vater wohl zu jenen alten Kupplerinnen werfen , welche die Genannten öffentlich mit dem Staubbesen und dem Pranger bestrafen lassen und sich heimlich doch ihrer selbst bedienen ? Beruhige Dich , mein Gemahl und meine Brüder werden uns bald Gesellschaft leisten , und Du konntest am wenigsten wissen ,