, wie sie hörte , jetzt in vollkommenem Deutsch geführten Gespräch zurück , aber die gutmüthigen Mienen ihrer Träger ließen auf ehrliche Dorfbewohner schließen . Lucinde war so angegriffen , daß sie mit sich geschehen ließ , was man thun wollte . Sie lehnte den Kopf an die Rückenlehne des Sessels und hörte nur . Endlich vernahm sie das Schlagen einer Thurmuhr und Hundegebell . Sich ein wenig aufrichtend , sah sie einige Lichter blinken , auf die man in gleichmäßiger Bewegung zuschritt . Der kleine Zug kam in ein stilles , schon in nächtlicher Ruhe sich wiegendes Dorf . Die hintern Begleiter hatten eine Straße abgeschnitten und waren den Trägern voraus . An der Kirche lag ein stattliches Haus , dem letztere durch ein zur Seite liegendes großes Hofthor schneller beikommen wollten ; doch der Kammerherr sprang heran und rief ein gellendes : Nein ! indem er auf den Haupteingang des Hauses selber zeigte . Seine Gestalt und Stimme bot in diesem Augenblicke einen ängstlichen Eindruck . Lucinde hätte gewünscht , von ihm minder geräuschvoll geehrt zu werden . Daß sie sich in einem evangelischen Pfarrhause befand , bemerkte sie bald an der Umgebung , die immer lebhafter und zahlreicher wurde . Eine freundliche Frau beklagte sie , erklärte sie ohne Zweifel für verirrt , für krank , und rühmte den Kammerherrn , der die Unglückliche entdeckt hätte , die an jener Stelle im Walde unfehlbar die Nacht würde haben verbleiben und sich vollends verderben müssen . Man trug Lucinden eine Treppe hinauf , in ein zwar niedriges , aber freundliches und sehr geräumiges Zimmer , neben welchem ein Cabinet mit Bett sich befand . Alles war schon hergerichtet zu ihrem Empfang . Jeder griff zu , jeder bot ihr Hülfleistung ; nur der Kammerherr stand unausgesetzt von fern und betrachtete , was er sah , wie eine Märchenerscheinung . Jetzt übersah Lucinde die ganze lange , starke , breitschulterige Persönlichkeit , deren zartes , fast süßes Benehmen mit diesem Aeußern in einem fast komischen Contraste stand . Ihre Erklärung , daß sie sich verirrt hätte , genügte vorläufig und verhinderte alle weitere Nachforschung . Man war bedacht , sie mit Speise und Trank zu versorgen und ihr die Ruhe eines weichen Lagers zu gönnen . Sie unterwarf sich auch jedem , was man zu ihrer Stärkung und Bequemlichkeit ersann . Sie war nur das willenlose Echo jedes gesprochenen Wortes bis auf das : Gute Nacht ! das man ihr zurückließ und das sie ebenso erwiderte . Sie hörte noch etwas wie den gezogenen Ton eines Wächterhorns und entschlief . Die weniger kräftige als zähe Natur Lucindens hatte sich am folgenden Morgen vollständig wieder erholt . Von einem wohlthätig über Nacht ausgebrochenen Schweiße merkte sie jetzt kaum noch etwas , als die gewonnene Stärkung . Sie richtete sich , wie die Sonne hell in die sehr niedrigen , aber wohnlichen Zimmer schien , hoch auf und lachte schon wieder über die Situation , in der sie sich befand . Man war schon um sie her beschäftigt gewesen . Sie fand schon Kleider , Wäsche , Hülfsmittel ihre Toilette zu machen , erfrischendes kaltes Wasser . Sie konnte annehmen , daß sie mit Oskar Binder in den von ihm so hochgerühmten Hotels der Seestadt Bremen angekommen und eine Gräfin war , als welche er sie überall behandeln zu wollen versprochen hatte . Bei dem Gedanken , ob der junge Mann nicht schon auf dem Wege ins Zuchthaus war , überlief sie eine peinliche Furcht . Sie erwog indessen ihren Antheil an seiner Schuld und durfte sich freisprechen bis auf den verlorenen Ruf . Letztere Betrachtung störte sie nicht zu lange : ihrer Natur widersprach es , sich um irgendetwas allzu viel Sorge zu machen . Die Kleider , die sie vorfand , entsprachen freilich der Vorstellung von einer reisenden Gräfin sehr wenig . Es waren leichte , vielfach gewaschene und von der Sonne ausgebleichte Kleider der Frau Pfarrerin . Sie zog einen der Röcke an und lachte über sich selbst , als sie in den Spiegel geblickt , von dem sie erst zwei sich kreuzende Pfauenfedern und eine Anzahl Visitenkarten und geschriebene Einladungen zu Mittagessen und Kaffeegesellschaften in der Umgegend wegnehmen mußte . Wie eine Großmutter ! sagte sie , von diesen Familienbezügen angeregt , zu sich selbst . Sie sann hin und her , wie sie sich helfen konnte , denn vollkommen gegenwärtig war ihr die Anwesenheit eines Mannes , den man Kammerherr genannt und der ja vor ihr anbetend auf den Knieen gelegen und sie wahrscheinlich spanisch oder arabisch begrüßt hatte . Leise hatte sie auch schon die an den Fenstern dicht herabfallenden gemusterten und roth umsäumten Musselingardinen gelüftet und richtig schon ihren Verehrer in dem kleinen Garten vor dem Hause auf- und abwandelnd erblickt . Lucinde war eitel genug , die glänzende Toilette , in der er erschien , auf ihre Veranlassung zu setzen . Er trug eine hellblaue Uniform mit goldgesticktem Kragen , mehrere Orden auf der Brust und einen dreieckigen Tressenhut auf dem schon wieder sehr rothen Antlitz . In gravitätischer Würde ging der Kammerherr durch die zierlichen Wege des kleinen Blumengärtchens auf und nieder und brach nur dann und wann zu einem Bouquet , das er schon in Händen hielt , noch eine Rose oder aus den Einfassungen der Beete eine Federnelke . Zunächst ordnete sie ihr verwildertes Haar . Sie legte es wie sonst wieder in Scheitel und Flechten . Um Locken zu machen , fehlte die Feuerzange ihrer Schwester . Diese Umwandlung dauerte lange . Sie wurde ihr aber angenehm durch eine ganz wunderbare Unterhaltung , die plötzlich durch das Haus ertönte . Eine Musik erfüllte die nicht unansehnlichen Räume desselben , und zwar mit einem Wohllaut , der höhern Sphären angehörte . Jedes Glas auf dem Tische , die Fensterscheiben , die Bilder an der Wand , ja , die klappernde Thür eines gußeisernen Ofens , alles schien von dieser Musik mit ergriffen , so mächtig brausten die Accorde durcheinander , ob sie gleich nur von einem einzigen Instrumente , etwa von einer riesigen Flötenuhr , zu kommen schienen . Was ist das ? fragte Lucinde die Magd , die sie in seltsam fremder , ihr nicht geläufiger , plattdeutscher Sprache um das Frühstück anging , das sie zu haben wünschte . Der Herr Pfarrer spielt ! hieß es . Ja , aber was ? worauf ? Die Magd lächelte verlegen ; ihr guter Wille , Aufklärung zu geben , scheiterte an einem schweren fremdartigen Namen . Die Töne schwollen indeß und lösten sich ab mit einer Weihe und Erhabenheit , die der feierlichsten Kirchenmusik gleichkam . Bald waren es Flöten , bald Oboen , bald die Töne eines Violoncells . Nur einmal hatte Lucinde ähnliche Eindrücke gehabt , damals , als sie zur Osterzeit gelegentlich die kleine katholische Kirche der Residenz betreten , um zu belauschen , wie sich die Frau Hauptmännin anstellte , im Beichtstuhl zu sitzen . Sie erfuhr später , daß die geizige Frau , die den Satan ohnehin für den wahren Herrgott hielt , nur deshalb alle Jahre einmal zur Beichte ging , um ein monatliches gänzliches Fasten zu motiviren , das sie darauf als eine ihrem Hause für ihre Sünden dictirte Strafe einführte . Lucinde dachte auch bei dieser Musik an jene Zeit der bittersten Entbehrungen . Da ihr schönes Kleid einer gründlichen Ausbesserung bedurfte , wenn es nicht gar ganz verdorben war , so blieb ihr nichts übrig , als für ihr Costüm sich den Umständen zu ergeben . Sie bat um eine Haube und erhielt sie . An dem Schnitt ihres Antlitzes , an dem Reiz ihrer Formen war nichts zu entstellen , sie konnte den Eindruck einer eben verheiratheten jungen Frau machen . Sie nahm dann ein leichtes Frühstück von Milch und eilte an die Quelle der berauschenden Töne , die das ganze Haus verzauberten . Man empfing sie unten sehr freundlich und wünschte ihr Glück zu ihrer schnellen Erholung . Ihre Toilette fand man erfindungsreich und entschuldigte sich , ihr nicht mehr bieten zu können . Die Musik hatte denselben Augenblick aufgehört . Auf ihr Befragen , welchem Instrument man verstanden hätte diese wunderbaren Töne zu entlocken , zeigte der Pfarrer auf einen Kasten , in welchem eine Reihe von Gläsern , eins ins andere gesteckt , an einem Bande in der Schwebe gehalten lagen . Durch eine mechanische Vorrichtung bewegten sie sich , geriethen durch ständiges Drehen in Schwingungen und wurden nun mit den Fingerspitzen je nach ihrer Stimmung berührt . Diese Art des Spielens schien anstrengend . Man mußte die Gläser durch Friction in Umschwung erhalten . Der Anblick selbst war lange nicht so poetisch wie die Wirkung . Es war eine , jedenfalls verbesserte , jener alten und echten Harmoniken , die Benjamin Franklin erfunden haben soll , und die schon lange aus dem Gebrauch des Virtuosenthums gekommen sind und nur hier und da noch von einem Freunde ernster und weihevoller Musik gespielt werden . Der Pfarrer und die Pfarrerin , beide waren gleich geschickt darin . Das nächste Gespräch , an welchem in bescheidener Zurückhaltung einige freundliche Kinder , zwei Mädchen und zwei Knaben , theilnahmen , betraf natürlich das gestrige Finden der Verirrten . Der Pfarrer hatte mit dem Kammerherrn , der immer noch im Garten , harrend und seinen Strauß vervollständigend , auf- und niederging , kurz vor Sonnenuntergang noch einen Spaziergang gemacht . An dem Riedbruch , wie die bezeichnete Gegend benannt wurde , hatte man Lucinden überraschend genug und im Schlummer hingestreckt gefunden . Ihr zerrissenes Kleid , die aufgelösten Haare hatten keinen Zweifel gelassen , daß es sich um eine Kranke handelte , und schnell war der Pfarrer zum Dorfe geeilt , während der Kammerherr zur Aufsicht zurückgeblieben war . Zwei fast gleichzeitige Fragen , die ihrerseits nach der wunderlichen Art des letztern , und die Frage der Pfarrersleute , wie und woher sie denn in diese misliche Lage gekommen , durchkreuzten sich eben , als man vorm Hause einen fürchterlichen Lärm hörte , Schimpfreden und Drohungen wildester Art. Ja , was ist wieder ? sagte ruhig der Pfarrer und ging hinaus . Lucinde sah , daß sich der Kammerherr wie ein Tobsüchtiger geberdete und in einige Entfernung hinausschrie : Schlingel , nichtswürdiger Schurke , Tagedieb ! Wo bleibt mein Degen ? Wie lange soll ich nach meinem Degen rufen ? Bin ich der Kammerherr von Wittekind oder nicht ? Da auch die Pfarrerin auffallenderweise sehr ruhig in den Garten ging , so nahm Lucinde keinen Anstand zu folgen . Sie hatte schon die Thür in der Hand , als ihr auffiel , wie schnell das älteste der Mädchen an die Harmonica sprang und einige der Gläser mit dem mühsam ausgebreiteten Spann ihres kleinen Händchens zu reiben sich mühte . Was ist das alles ? fragte sie sich und war um so mehr betroffen , weil der Name Wittekind sie an die monatlichen Geldsendungen der Frau von Buschbeck oder des Fräuleins von Gülpen erinnerte . Auf den fünf Siegeln hatte sie einmal die Worte : » Freiherrlich Wittekind ' sche Kameralverwaltung « gelesen ... Die Kleine spielte wohlgeordnet einen Choral . Der Kammerherr riß dazwischen sein Blumenbouquet auseinander , rannte über die Beete , zertrat alles und schlug sogar gegen den Pfarrer , der ihm zuzureden und ihn ins Haus zurückzuführen sich bemühte , mit geballter Faust . Leuten , die draußen am Staket gaffend stehen blieben , winkte der Pfarrer zu gehen . Meinen Degen ! Meinen Degen will ich haben ! rief der Ungeberdige unausgesetzt und drohte nach einer Seite hin , wo sich jemand zu befinden schien , der diesen zu bringen von ihm beauftragt war . Aber den Degen ? rief die Pfarrerin , jetzt doch auch erregter ins Haus zurückkehrend . Wie kann man ihm einen Degen lassen ! Lucinde begriff nun , daß der Kammerherr geisteskrank war . Nie hatte sie Menschen in diesem Zustande gesehen und fürchtete sich , trotzdem daß man versicherte , die Musik würde allmählich seine Tobsucht mildern . In wunderbaren Tönen spielte auch jetzt die Frau Pfarrerin , eine kleine , zarte , aber geistig durchleuchtete und willensstarke Frau . Wie Lucinde nun auch auf dem Sprunge war auf die Treppe zu eilen und sich in den obern Stock zu flüchten , traf sie durch die noch geöffnet gebliebene Hausthür der Blick des Tobenden . Kaum war er ihrer ansichtig geworden , als er augenblicklich in seinen Schimpfreden innehielt , die Hände nach ihr ausstreckte und halb die Knie beugte . Diese Aenderung der Scene war das Werk eines Augenblicks . Die zaubervollen Accorde , die die Pfarrerin dem Instrument entlockte , hoben eine Situation , deren Feierlichkeit von dem Schrecken und Staunen der Näherstehenden unterstützt wurde ; die entfernter Lauschenden freilich lachten . Lucinde blieb eine Weile unbeweglich . Dann aber faßte sie sich Muth und ging auf den Kammerherrn zu , ihm einen freundlichen : Guten Morgen ! wünschend . Er erhob sich , sprach nichts und lächelte voll Ehrfurcht . Daß Sie mich noch wiedererkennen ! fuhr Lucinde wie in unbefangenster Laune fort . Ich habe mich seit gestern verändert , nicht wahr ? Sie gehören jetzt der Erde an ! sprach der wie in einem Bann Befindliche feierlich , langsam , mit sonderbar hochliegender , fast weiblicher Stimme . Nicht wahr , fuhr Lucinde scherzend fort , Sie glaubten gestern , ich wäre vom Himmel gefallen ? Und nun suchte sie die zerstreuten Blumen auf , wobei ihr der Kammerherr behülflich sein wollte . Aber diese steife Uniform ! fuhr sie fort . Pfui ! Pfui ! Wie garstig dieser hohe Kragen ! Das mag sich wol bei Hofe schön ausnehmen , aber hier ... Die armen Rosen und Nelken ! Nein , kommen Sie , Herr Kammerherr von Wittekind ! Ziehen Sie Ihre gestrige leichte Kleidung an , und wir richten den Garten wieder in Ordnung ! Ich wollte Ihnen meine Ehrfurcht bezeugen ! sagte der Kranke und verbeugte sich wie vor einer Fürstin . Nun gut ! So denken Sie nur , daß ich auch ganz incognito hier lebe und wir uns eines dem andern nichts vorwerfen wollen ! Der Kammerherr verbeugte sich und ging , ohne weiter nach dem Degen zu fragen , ins Haus , um sich umzukleiden . Er bewohnte die andere Seite des Erdgeschosses . Alle standen in Verwunderung vor diesem unerwarteten Besänftigungsmittel . Der Pfarrer besonders schien sehr erfreut und sagte leise : Die Musik war bisjetzt das Einzige , was die zuweilen ausbrechende Tobsucht des geistesschwachen Mannes mildern konnte . Nun kommen Sie und schon Ihr Anblick entwaffnet seine Wuth ! Sie sind uns ja wie ein Geschenk von Gott gegeben ! Lucinde erfuhr , daß der Pfarrer von Eibendorf , dem das trauliche Nest von Kindern sich füllte , vom Ertrag seiner Pfarre aber kaum die Scheuer , sich erboten hatte , einen geisteskranken vornehmen , sehr reichen Mann in Obhut zu nehmen . Es war , er gestand es aufrichtig , eine ganz einfache Speculation auf die Besserung seiner eigenen Existenz . Er wollte diese Ersparnisse anlegen für die künftige Ausbildung seiner Kinder . Offen sagte er das ; aber man sah wohl , sein eigener redlicher Wille und die Herzensgüte seiner Frau konnten sich nicht entschließen , diese Pflege wie das Amt eines Miethlings auszuführen . Sie unterzogen sich ihrer schweren Aufgabe , die sie in diesem mislichen Umfange , wie sich bald herausstellte , kaum geahnt hatten , mit aufrichtiger Hingebung , wachten Tag und Nacht über den launischen , oft bösartigen und in der großen Welt in vielen Dingen gründlich verdorbenen Mann , der schon an die Vierzig gerückt schien und doch kaum dreißig zählte . Freiherr Jérôme von Wittekind entstammte dem Geschlechte , das sich für die Nachkommen jenes edeln und tapfern Wittekind hielt , der in diesen Gegenden , tiefer abwärts nach Westen zu , lange Jahre Karl dem Großen die Spitze geboten . Einem Geschlechte der Hünen schien auch noch immer dieser entartete Enkel anzugehören . Der Kammerherr war der jüngere Sohn des großen Landbesitzers und eines der ersten Glieder hierländischer Ritterschaft , des Kronsyndikus von Wittekind ; der ältere stand in Diensten des nordwärts liegenden großen Staats . Dieser jüngere , von früh beschränkt und schwachsinnig , hatte sich den Kammerherrnschlüssel eines der kleinen Höfe geben lassen , die in der Gegend der Externsteine liegen . Seine Reisen und Aufenthalte in großen Städten waren die Veranlassung zu so vielen Thorheiten und Verschwendungen geworden , daß der Vater seinem Wesen Einhalt thun mußte . Die Beschränkung , die er erfuhr , reizte seine Wildheit noch mehr , und als der Vater , der selbst ein determinirter Mann war und im Nothfall , wie Lucinde später kennen lernte , mit geschwungener Hetzpeitsche dreinfahren konnte , ihn vollends einengte und , um den Geisteszustand seines Sohnes nicht zu verrathen , ihn gar wie einen zweiten Kaspar Hauser einschloß , ließ die Elasticität dieser schwachen Geisteskräfte immer mehr nach und ein oft bösartiger Blödsinn war die Folge , die nur noch die gewohnte Art der Haltung und der hochgetragene Nacken des adeligen Stolzes in der stattlichen Erscheinung des Kammerherrn verdeckte . Obgleich Katholik , hatte man ihn , um seinen Zustand ganz aus dem Bereich der Controle der ihm ebenbürtigen Adelsgeschlechter zu bannen , zu einem protestantischen Geistlichen , zehn bis zwölf Meilen von den großen Gütern des Vaters entfernt , gegeben . Den Vorwand dafür gab seine Liebe zur Malerei . Er besaß ein wirkliches Talent zum Copiren und streifte durch die Gegend meist mit der Zeichenmappe . Sein Diener sagte dann jedem , sein Herr halte sich deshalb beim Pfarrer auf , weil nichts der Umgegend von Eibendorf gleichkäme . Wald , Berg , Wiese und Grund schmückten das Thal allerdings mit den reichsten Farben ; die Malerei und Musik wurden zu Hülfsmitteln , den Zustand des Kranken zu mildern . Von dem Augenblick an , wo der Kammerherr in seinen Sommerkleidern zurückkehrte und mit Lucinden , die sich einen Strohhut gegen die Sonne entliehen hatte , die Beete zu ordnen und die Pflanzen wiederherzustellen begann , entspann sich ein Verhältniß , das ein Jahr dauerte und mehr als Lucindens sechzehntes Lebensjahr füllte . 8. Lucinde blieb auf der Pfarrei , hier » Pastorat « genannt . Man fragte sie allerdings nach ihrer Herkunft , ihrem Namen und dem Stande ihrer Aeltern . Sie gab auch dem Pfarrer und dem Schulzen ( dem » Meier « des Dorfes ) einen Namen an . Erst war sie Johanna Stegmann , aus dem Thüringischen gebürtig . Kam der Pfarrer und drohte lächelnd mit dem Finger und sagte , er hätte nach Vacha , das sie als Wohnort angegeben , geschrieben und die Nachricht bekommen , daß man dort nichts von einer Johanna Stegmann wisse , so nannte sie sich Luise Starkin , aus der Gegend von Fulda über die Rhön hinaus , wo ihr Vater ein Oberförster des Königs von Baiern wäre . Schüttelte man nach vier Wochen wieder den Kopf , so erwiderte sie : Will man , daß ich bleibe , so quält mich doch nicht so ! Man mußte nämlich wirklich wünschen , daß sie blieb . Sie war dem Frieden des Hauses fast nothwendig geworden . Was zur Besänftigung des Kammerherrn die Harmonica nur annähernd erreicht hatte , das löste Lucinde vollständig . Der Kammerherr wurde durch sie ein Kind , das an ihrem Leitseile unter Blumen spielte ; er zeichnete , malte , sprach leidlich vernünftig und verhieß eine wirkliche Heilung . Ohne phantastisches Uebermaß und manche Wunderlichkeit ging es dabei freilich nicht ab . Es blieb dem Kranken von Lucinden die Vorstellung wie von einer in der That feenhaften Erscheinung . Er ließ sich den Wahn nicht nehmen , daß Lucinde eine Tochter der Waldeskönigin , vielleicht sie selbst wäre , und Lucinde that nichts , ihm diesen Glauben zu nehmen . Sie ließ sich von ihm ganz so schmücken , wie er sie sehen wollte , wenn er sie malte . Es waren dies diese wunderlichen Malereien der Geisteskranken , die durch ihre technische Vollendung oft überraschen und doch immer etwas nur mechanisch Wiedergegebenes und Seelenloses darstellen . Es waren in seinen Landschaften immer derselbe Eichbaum , immer derselbe Felsengrund , immer dasselbe Haus , derselbe Kirchthurm , derselbe Bach und dieselbe Mühle wiederzufinden , nur wechselte die Vermischung und die Beleuchtung . Auch seine Porträts drückten , er mochte den Pfarrer oder den Meier im Dorf oder den einzigen Bekannten , der ihn zuweilen besuchte , einen Grafen Hans von Zeesen wählen , immer denselben Charakter aus , eigentlich ihn selbst . Nur für Lucinden suchte er Abwechselung , bald in dieser Situation , bald in jener . Er verschwendete Summen Geldes , um sie bald als Griechin , bald als Zigeunerin , bald als Salondame oder Amazone malen zu können . Von jenem Residenzstädtchen , wo er sich einst den Kammerherrnschlüssel gekauft hatte , waren beständig Cartons mit kostbaren Stoffen unterwegs . Selbst theuere Schmucksachen wurden angekauft . Und der Kronsyndikus , der Vater , der zuletzt doch auch von diesem Treiben hören mußte , widersprach diesmal nicht . Einmal drückte ihn der geheime Vorwurf , das Uebel des Sohnes selbst durch seine Erziehung gemehrt zu haben , dann nährte er die Hoffnung , ihn wieder in die Gesellschaft zurückzuführen . Es wurde sogar eine Adelige genannt , die nach einem Familienstatut mit ihm vermählt werden sollte , nachdem eine Verbindung mit einem Fräulein Monica von Ubbelohde vor geraumen Jahren gescheitert war . Lucinde genoß diese Lage eine Zeit lang mit der ganzen Behaglichkeit ebenso eines sichern und geschützten Aufenthalts wie geschmeichelten Selbstgefühls ... Eibendorf lag dem Winkel zu , wo sich das Eggegebirge mit dem Teutoburger Walde kreuzt ; es war umgeben von jenen Waldzügen , die so dichtbelaubt , so frei und urstämmig sich sonst nur im Süden Deutschlands wiederfinden . Von mancher aufsteigenden Anhöhe aus sah man in das ganze Tiefthal der Weser hinab . Ein entzückender Anblick ! Jeder Hügel bewaldet und umgeben von unabsehbaren Feldern und Wiesen , denen sich in frischen Farben Dörfer , weiterhin ansehnliche Städte entwinden . Die schroffern und die Seele mit mächtigen Ahnungen erfüllenden Partieen mußte man im Gebirge suchen ; diese Ebene hier bot den Charakter der Milde und Lieblichkeit . Nach Osten hin sah man an besonders lichthellen Tagen in dunkler Färbung die Nadelholzcontouren des Harzes . Dabei waren die Volkssitten lebhaft , ja keck und herausfordernd . Es gab Aufzüge und Feste aller Art , sogar ein Schützenfest für Frauen . Morgens in erster Herbstfrühe ziehen die Ehefrauen der Gemeinde , unter ihnen manche Anmuthige , von irgendeinem Hofe aus , in goldenen landüblichen Häubchen und Stirnbinden , mit Bändern und Blumensträußen geschmückt , mit den Gewehren ihrer Männer in den Händen . Der Kammerherr hatte verlangt , daß Lucinde die Schützenkönigin spielte , die mit dem Zeichen ihrer Würde , den Säbel an der Seite , vorausmarschirte . Da sie nicht verheirathet war , so setzte man die äußerste Anstrengung daran , ihn von diesem Verlangen abzubringen . Sie begnügte sich dann auch mit der Rolle des Fähnrichs . Die Fahne aber , die er sie tragen ließ , war eine wunderliche Curiosität , die er selber erfunden hatte . Er beschäftigte sich nämlich mit der hier landesüblichen gelehrten Spielerei , in den Nachrichten der Alten über den Aufenthalt der Römer in Deutschland Thatsachen und Namen aufzufinden , die mit den Sitten und Namen der Gegenwart noch in irgendeinem Zusammenhange stehen . Der Kammerherr wußte genau , wo Varus von Hermann dem Cherusker geschlagen war , er behauptete , dicht bei Neuhof , dem Schlosse seines Vaters . Er war auch selbst in Rom gewesen und vermeinte , dort in den Alterthumsschätzen des Vatican Dinge gesehen zu haben , die die Römer nur auf der heiligen rothen Erde Westfalens gefunden haben konnten . Dortige alte Trinkgefäße wären nur aus Glashütte gekommen , einem Vorwerk seines Vaters , alte Wurfgeschosse nur aus einem ganz bestimmten Holze , dem Düsternbrook hinter Neuhof , geschnitzt , alte Waffen aus einer uralten Schmiede hervorgegangen , die seit Jahrhunderten die Hufe der Rosse seines Hauses beschlug . Nur in einem wich er von dem Urtheil seines Vaters ab . Er las den Tacitus ziemlich geläufig und hatte die besondere Ueberzeugung , daß der Tempel der Tanfana , wo die alten Deutschen angebetet haben sollten , nicht etwa die große Dämpfpfanne der Saline Hallenstein seines Vaters war , wie dieser selbst und alle Pastoren der Umgegend glaubten , sondern nur eine Tannenfahne , nämlich der alte deutsche , weiland heidnische , dann so gründlich getaufte , bekehrte und christlich gewordene liebe Weihnachtsbaum , den in der That Lucinde mit bunten Bändern geschmückt und mit allerlei zierlichen Vergoldungen bei jenem Schützenfeste als Fähnrich tragen mußte . Da auch in diesem Weihnachtsbaume , Tanfana , Tannenfahne , dem Palladium der alten Deutschen , goldene Ringe , Ketten , Schaumünzen hingen , die die Siegerinnen im Schießen gewinnen sollten , so ließ man sich diese Verbindung des alten heidnischen Rom mit Deutschland und dem überwiegend protestantischen Eibendorf ( katholische Einwohner waren in einem Nachbardorfe eingepfarrt ) gefallen . Es waren Geschenke von dem sogenannten » tollen Kammerherrn « . Auf die Länge mußte freilich den Pfarrer die unsichere Herkunft und das längere Verweilen Lucindens beunruhigen . Er hatte dem Kronsyndikus nach Neuhof , dem Stammsitze der Wittekinds jenseit des Gebirges , wiederholt seine Bedenken mitgetheilt . Da aber die Wirkung der Abenteurerin eine so vortheilhafte für den Kammerherrn war , so befahl der Vater , an diesem Erziehungsplane , den der Zufall an die Hand gegeben , vorläufig nichts zu ändern . Seine Briefe waren kurz und bestimmt , wie die Art des Mannes überhaupt sein sollte . So duldete man das , was nach und nach anfing auch seine Mislichkeiten nach sich zu ziehen . Denn weder die vom Gewöhnlichen abweichende Situation des Geisteskranken , seine einsamen Wanderungen mit der Fremden , seine Ausbrüche von Eifersucht , noch Lucindens mehr zum Zerstören als zum Schaffen geneigte Natur blieben lange unverborgen ... Schon fing sie an , als es zum Winter ging , sich an dieser sich gleichbleibenden Lage nicht zu genügen : selbst der Bann einer solchen Huldigung , wie sie sie hier , allerdings ohne die geringste intimere Belästigung fand , wurde ihr zu enge , der Gang der Tage wurde zu gleichförmig , die Welt , in der man hier seine Befriedigung gefunden hatte , brachte selten eine andere Unterhaltung als eine Thorheit des Kammerherrn mehr . Die Menschen , die es da und dort noch zu gewinnen gegeben hätte , hielten sich in scheuer Ferne , selbst Graf Zeesen , der alle zwei Monate einmal von seinen nahe liegenden Gütern kam , um einige Stunden lang die sonderbarsten Gespräche mit dem Kammerherrn zu pflegen . Wäre Graf Zeesen nicht ausgesprochen katholisch gewesen und im Pfarrhause dieser Punkt des Kammerherrn wegen mit großer Zurückhaltung behandelt worden , die Familie hätte vielleicht auch den Grafen mindestens tiefsinnig genannt . Dieser noch junge Cavalier war nach den Aeußerungen des Kammerherrn zu Lucinden , die von ihm alle seine Familienbeziehungen erfuhr ( nur nie etwas über die Frau » Hauptmännin « von Buschbeck oder das Fräulein von Gülpen , eine Persönlichkeit , die er nicht zu kennen behauptete ) , sein zweitbester Freund . Der erstbeste hieß Doctor Heinrich Klingsohr . Doch fügte er regelmäßig mit einem Kreuze , das er dabei in die Luft malte , hinzu : Klingsohr ist mein bester Freund , aber er hat mich verrathen ! Vom Grafen Zeesen , mit dem er studirt hatte und in Rom gewesen war , ließ er eine aufrichtige Hingebung gelten , beklagte aber ein unglückseliges Geschick desselben , das er nie genauer angab . Die Pfarrerin verrieth es eines Tages Lucinden , indem sie erzählte : Der Graf hat sich mit einem Freifräulein von Seefelden verlobt , leidet aber darüber an Gewissensscrupeln , seitdem er ein altes Familienstatut in Erfahrung gebracht hat . Vor hundert Jahren hat nämlich ein Ahn seines Hauses die Bestimmung gemacht , daß , wenn ein ältester Sohn der Nachkommenschaft sich entschließen sollte , nicht zu heirathen , die von ihm und seiner später geisteskrank gewordenen Frau reich vermehrten Güter der Zeesen dazu angewendet werden sollten , ein großes Landes-Irrenhaus zu begründen . Hundert Jahre lang haben die Nachkommen vorgezogen zu heirathen . Erst dieser Hans von Zeesen , der viel Frömmigkeit besitzt , wurde über jene nun hundertjährige Unterlassung eines guten Werkes stutzig , und sonderbarerweise ist seine Braut , die ihn ebenso heiß liebt wie er sie , von gleicher Seelenstimmung . Ich zweifle gar nicht , daß der Graf seinen kranken alten Freund nur deshalb so oft besucht , um sich in dem heroischen Vorsatze des Entsagens zu bestärken . Lucinde horchte hoch auf . Hier kamen Ideen , die sie an sich vollkommen verstand , in eine Verbindung oder in Conflicte , die sie noch nicht fassen konnte . Doch hörte sie aufmerksamer zu , wenn der kleine blasse , schmächtige Mann , der Graf , in schlichter , fast priesterlicher Tracht kam und sich mit dem Kammerherrn unterhielt . Nie hatte sie so viel von Gedanken , Meinungen , ideellen Beziehungen gehört wie in den Gesprächen eines Halbirren mit einem Manne , der so fromm war , daß er selbst unter der protestantischen Pflege seines Freundes zu leiden schien . Wie eigenthümlich nach dem Wunderbaren und Fremdartigen hier zu Lande fast überall ausgegangen wird , erfuhr Lucinde bei vielen Gelegenheiten , unter andern bei einer Erinnerung an den alten Bienenhelm ihres Vaters , den dieser nie zurückbekommen hatte ; die Hauptmännin hatte ihn , scheinbar zu Gunsten Lucindens , an einen Trödler verkauft . Sie besuchte nämlich aus alter Neigung oft die Dorfschule und gab in ihr Unterricht auf ihre Weise . Beim Schulmeister fand sie ein geregelteres Hauswesen