mitternächtliche Mauer des Hauses , und über der weißen Mauer das freundliche rote Dach . Von dem Gewächshause war nur das Dach und der Schornstein ersichtlich . Weiter hin gegen Mittag war das Land und das Gebirge kaum zu erkennen wegen des blauen Wolkenschattens und des blauen Wolkenduftes . Gegen Morgen stand der weiße Turm von Rohrberg , und gegen Abend war Getreide an Getreide , zuerst auf unserm Hügel , dann jenseits desselben auf dem nächsten Hügel , und so fort , soweit die Hügel sichtbar waren . Dazwischen zeigten sich , weiße Meierhöfe und andere einzelne Häuser oder Gruppen von Häusern . Nach der Sitte des Landes gingen Zeilen von Obstbäumen zwischen den Getreidefeldern dahin , und in der Nähe von Häusern oder Dörfern standen diese Bäume dichter , gleichsam wie in Wäldchen , beisammen . Ich fragte meinen Nachbar teils nach den Häusern , teils nach den Besitzern der Felder . » Die Felder von dem Kirschbaume gegen Sonnenuntergang hin bis zu der ersten Zeile von Obstbäumen sind unser « , sagte mein Begleiter . » Die wir von dem Kirschbaum bis hieher durchwandert haben , gehören auch uns . Sie gehen noch bis zu jenen langen Gebäuden , die Ihr da unten seht , welche unsere Wirtschaftsgebäude sind . Gegen Mitternacht erstrecken sie sich , wenn Ihr umsehen wollt , bis zu jenen Wiesen mit den Erlenbüschen . Die Wiesen gehören auch uns , und machen dort die Grenze unserer Besitzungen . Im Mittag gehören die Felder uns bis zur Einfriedigung von Weißdorn , wo Ihr die Straße verlassen habt . Ihr könnt also sehen , daß ein nicht ganz geringer Teil dieses Hügels von unserm Eigentume bedeckt ist . Wir sind von diesem Eigentume umringt , wie von einem Freunde , der nie wankt und nicht die Treue bricht . « Mir fiel bei diesen Worten auf , daß er vom Eigentume immer die Ausdrücke uns und unser gebrauchte . Ich dachte , er werde etwa eine Gattin oder auch Kinder einbeziehen . Mir fiel der Knabe ein , den ich im Heraufgehen gesehen hatte , vielleicht ist dieser ein Sohn von ihm . » Der Rest des Hügels ist an drei Meierhöfe verteilt , « schloß er seine Rede , » welche unsere nächsten Nachbarn sind . Von den Niederungen an , die um den Hügel liegen , und jenseits welcher das Land wieder aufsteigt , beginnen unsere entfernteren Nachbarn . « » Es ist ein gesegnetes , ein von Gott beglücktes Land « , sagte ich . » Ihr habt recht gesprochen , « erwiderte er , » Land und Halm ist eine Wohltat Gottes . Es ist unglaublich , und der Mensch bedenkt es kaum , welch ein unermeßlicher Wert in diesen Gräsern ist . Laßt sie einmal von unserem Erdteile verschwinden , und wir verschmachten bei allem unserem sonstigen Reichtume vor Hunger . Wer weiß , ob die heißen Länder nicht so dünn bevölkert sind und das Wissen und die Kunst nicht so tragen wie die kälteren , weil sie kein Getreide haben . Wie viel selbst dieser kleine Hügel gibt , würdet Ihr kaum glauben . Ich habe mir einmal die Mühe genommen , die Fläche dieses Hügels , soweit sie Getreideland ist , zu messen , um auf der Grundlage der Erträgnisse unserer Felder und der Erträgnisfähigkeit der Felder der Nachbarn , die ich untersuchte , eine Wahrscheinlichkeitsrechnung zu machen , welche Getreidemenge im Durchschnitte jedes Jahr auf diesem Hügel wächst . Ihr würdet die Zahlen nicht glauben , und auch ich habe sie mir vorher nicht so groß vorgestellt . Wenn es Euch genehm ist , werde ich Euch die Arbeit in unserem Hause zeigen . Ich dachte mir damals , das Getreide gehöre auch zu jenen unscheinbaren , nachhaltigen Dingen dieses Lebens wie die Luft . Wir reden von dem Getreide und von der Luft nicht weiter , weil von beiden so viel vorhanden ist und uns beide überall umgeben . Die ruhige Verbrauchung und Erzeugung zieht eine unermeßliche Kette durch die Menschheit in den Jahrhunderten und Jahrtausenden . Überall , wo Völker mit bestimmten geschichtlichen Zeichnungen auftreten und vernünftige Staatseinrichtungen haben , finden wir sie schon zugleich mit dem Getreide , und wo der Hirte in lockreren Gesellschaftsbanden , aber vereint mit seiner Herde lebt , da sind es zwar nicht die Getreide , die ihn nähren , aber doch ihre geringeren Verwandten , die Gräser , die sein ebenfalls geringeres Dasein erhalten . - Aber verzeiht , daß ich da so von Gräsern und Getreiden rede , es ist natürlich , da ich da mitten unter ihnen wohne , und auf ihren Segen erst in meinem Alter mehr achten lernte . « » Ich habe nichts zu verzeihen « , erwiderte ich ; » denn ich teile Eure Ansicht über das Getreide vollkommen , wenn ich auch ein Kind der großen Stadt bin . Ich habe diese Gewächse viel beachtet , habe darüber gelesen , freilich mehr von dem Standpunkte der Pflanzenkunde , und habe , seit ich einen großen Teil des Jahres in der freien Natur zubringe , ihre Wichtigkeit immer mehr und mehr einsehen gelernt . « » Ihr würdet es erst recht , « sagte er , » wenn Ihr Besitztümer hättet , oder auf Euren Besitztümern Euch mit der Pflege dieser Pflanzen besonders abgäbet . « » Meine Eltern sind in der Stadt , « antwortete ich , » mein Vater treibt die Kaufmannschaft , und außer einem Garten besitzt weder er noch ich einen liegenden Grund . « » Das ist von großer Bedeutung , « erwiderte er , » den Wert dieser Pflanzen kann keiner vollständig ermessen , als der sie pflegt . « Wir schwiegen nun eine Weile . Ich sah an seinen Wirtschaftsgebäuden Leute beschäftigt . Einige gingen an den Toren ab und zu , in häuslichen Arbeiten begriffen , andere mähten in einer nahen Wiese Gras , und ein Teil war bedacht , das im Laufe des Tages getrocknete Heu in hochbeladenen Wägen durch die Tore einzuführen . Ich konnte wegen der großen Entfernung das Einzelne der Arbeiten nicht unterscheiden , so wie ich die eigentliche Bauart und die nähere Einrichtung der Gebäude nicht wahrnehmen konnte . » Was Ihr von den Häusern und den Besitzern der Felder gesagt habt , daß ich sie Euch nennen soll , « fahr er nach einer Weile fort , » so hat dies seine Schwierigkeit , besonders heute . Man kann zwar von diesem Platze aus die größte Zahl der Nachbarn erblicken ; aber heute , wo der Himmel umschleiert ist , sehen wir nicht nur das Gebirge nicht , sondern es entgeht uns auch mancher weiße Punkt des untern Landes , der Wohnungen bezeichnet , von denen ich sprechen möchte . Anderen Teils sind Euch die Leute unbekannt . Ihr solltet eigentlich in der Gegend herumgewandert sein , in ihr gelebt haben , daß sie zu Eurem Geiste spräche und Ihr die Bewohner verstündet . Vielleicht kommt Ihr wieder und bleibt länger bei uns , vielleicht verlängert Ihr Euren jetzigen Aufenthalt . Indessen will ich Euch im allgemeinen etwas sagen und von Besonderem hinzufügen , was Euch ansprechen dürfte . Ich besuche auch meiner Nachbarn willen gerne diesen Platz ; denn außerdem daß hier auf der Höhe selbst an den schönsten Tagen immer ein kühler Luftzug geht , außerdem daß ich hier unter meinen Arbeitern bin , sehe ich von hier aus alle , die mich umgeben , es fällt mir manches von ihnen ein , und ich ermesse , wie ich ihnen nützen kann , oder wie überhaupt das Allgemeine gefördert werden möge . Sie sind im ganzen ungebildete , aber nicht ungelehrige Leute , wenn man sie nach ihrer Art nimmt und nicht vorschnell in eine andere zwingen will . Sie sind dann meist auch gutartig . Ich habe von ihnen manches für mein Inneres gewonnen und ihnen manchen äußeren Vorteil verschafft . Sie ahmen nach , wenn sie etwas durch längere Erfahrung billigen . Man muß nur nicht ermüden . Oft haben sie mich zuerst verlacht , und endlich dann doch nachgeahmt . In vielem verlachen sie mich noch , und ich ertrage es . Der Weg da durch meine Felder ist ein kürzerer , und da geht mancher vorbei , wenn ich auf der Bank sitze , er bleibt stehen , er redet mit mir , ich erteile ihm Rat , und ich lerne aus seinen Worten . Meine Felder sind bereits ertragfähiger gemacht worden als die ihrigen , das sehen sie , und das ist bei ihnen der haltbarste Grund zu mancher Betrachtung . Nur die Wiese , welche sich hinter unserem Rücken befindet , tiefer als die Felder liegt und von einem kleinen Bache bewässert wird , habe ich nicht so verbessern können , wie ich wollte ; sie ist noch durch die Erlengesträuche und durch die Erlenstöcke verunstaltet , die sich am Saume des Bächleins befinden und selbst hie und da Sumpfstellen veranlassen ; aber ich kann die Sache im wesentlichen nicht abändern , weil ich die Erlengesträuche und Erlenstöcke zu anderen Dingen notwendig brauche . « Um meine Frage nach dem einzelnen seiner Nachbarn zu unterbrechen , die er , wie ich jetzt einsah , nicht beantworten konnte , wenigstens nicht , wie sie gestellt war , fragte ich ihn , ob denn zu seinem Anwesen nicht auch Waldgrund gehöre . » Allerdings , « antwortete er , » aber derselbe liegt nicht so nahe , als es der Bequemlichkeit wegen wünschenswert wäre ; aber er liegt auch entfernt genug , daß die Schönheit und Anmut dieses Getreidehügels nicht gestört wird . Wenn Ihr auf dem Wege nach Rohrberg fortgegangen wäret , statt zu unserem Hause herauf zu steigen , so würdet Ihr nach einer halben Stunde Wanderns zu Eurer Rechten dicht an der Straße die Ecke eines Buchenwaldes gefunden haben , um welche die Straße herum geht . Diese Ecke erhebt sich rasch , erweitert sich nach rückwärts , wohin man von der Straße nicht sehen kann , und gehört einem Walde an , der weit in das Land hinein geht . Man kann von hier aus ein großes Stück sehen . Dort links von dem Felde , auf welchem die junge Gerste steht . « » Ich kenne den Wald recht gut , « sagte ich , » er schlingt sich um eine Höhe und berührt die Straße nur mit einem Stücke ; aber wenn man ihn betritt , lernt man seine Größe kennen . Es ist der Alizwald . Er hat mächtige Buchen und Ahorne , die sich unter die Tannen mischen . Die Aliz geht von ihm in die Agger . An der Aliz stehen beiderseits hohe Felsen mit seltenen Kräutern , und von ihnen geht gegen Mittag ein Streifen Landes mit den allerstärksten Buchen talwärts . « » Ihr kennt den Wald « , sagte er . » Ja , « erwiderte ich , » ich bin schon in ihm gewesen . Ich habe dort die größte Doppelbuche gezeichnet , die ich je gesehen , ich habe Pflanzen und Steine gesammelt und die Felsenlagen betrachtet . « » Jener Waldstreifen , der mit den starken Buchen bestanden ist , und noch mehreres Land jenes Waldes gehört zu diesem Anwesen « , sagte mein Beherberger . » Es ist weiter von da gegen Mittag auch ein Bergbühel unser , auf dem stellenweise die Birke sehr verkrüppelt vorkommt , welche zum Brennen wenig taugt , aber Holz zu feinen Arbeiten gibt . « » Ich kenne den Bühel auch , « sagte ich , » dort geht der Granit zu Ende , aus dem der ganze mitternächtliche Teil unseres Landes besteht , und es beginnt gegen Mittag zu nach und nach der Kalk , der endlich in den höchsten Gebirgen die Landesgrenze an der Mittagseite macht . « » Ja , der Bühel ist der südlichste Granitblock , « sagte mein Begleiter , » er übersetzt sogar die Wässer . Wir können hier trotz des Duftes der Wolken hie und da die Grenze sehen , in der sich der Granit abschneidet . « » Dort ist die Klamspitze , « sagte er , » die noch Granit hat , rechts der Gaisbühl , dann die Asser , der Losen , und zuletzt die Grumhaut , die noch zu sehen ist . « Ich stimmte in allem bei . Der Abend kam indessen immer näher und näher , und der Nachmittag war bedeutend vorgerückt . Das Gewitter an dem Himmel war mir aber endlich besonders merkwürdig geworden . Ich hatte den Ausbruch desselben , als ich den Hügel zu dem weißen Hause empor stieg , um eine Unterkunft zu suchen , in kurzer Zeit erwartet ; und nun waren Stunden vergangen , und es war noch immer nicht ausgebrochen . Über den ganzen Himmel stand es unbeweglich . Die Wolkendecke war an manchen Stellen fast finster geworden , und Blitze zuckten aus diesen Stellen bald höher , bald tiefer hervor . Der Donner folgte in ruhigem , schwerem Rollen auf diese Blitze ; aber in der Wolkendecke zeigte sich kein Zusammensammeln zu einem einzigen Gewitterballen , und es war kein Anschicken zu einem Regen . Ich sagte endlich zu meinem Nachbar , indem ich auf die Männer zeigte , welche weiter unten in der Niederung , in welcher die Wirtschaftsgebäude lagen , Gras machten : » Diese scheinen auch auf kein Gewitter und auf kein gewöhnliches Nachregnen für den morgigen Tag zu rechnen , weil sie jetzt Gras mähen , das ihnen in der Nacht ein tüchtiger Regen durchnässen , oder morgen eine kräftige Sonne zu Heu trocknen kann . « » Diese wissen gar nichts von dem Wetter , « sagte mein Begleiter , » und sie mähen das Gras nur , weil ich es so angeordnet habe . « Das waren die einzigen Worte , die er über das Wetter gesprochen hatte . Ich veranlaßte ihn auch nicht zu mehreren . Wir gingen von diesem Feldersitze , auf dem wir nun schon eine Weile gesessen waren , nicht mehr weiter von dem Hause weg , sondern nachdem wir uns erhoben hatten , schlug mein Begleiter wieder den Rückweg ein . Wir gingen auf demselben Wege zurück , auf dem wir gekommen waren . Die Donner erschallten nun sogar lauter , und verkündeten sich bald an dieser Stelle des Himmels , bald an jener . Als wir wieder in den Garten eingetreten waren , als mein Begleiter das Pförtchen hinter sich geschlossen hatte , und als wir von dem großen Kirschbaume bereits abwärts gingen , sagte er zu mir : » Erlaubt , daß ich nach dem Knaben rufe und ihm etwas befehle . « Ich stimmte sogleich zu , und er rief gegen eine Stelle des Gebüsches : » Gustav ! « Der Knabe , den ich im Heraufgehen gesehen hatte , kam fast an der nämlichen Stelle des Gartens zum Vorscheine , an welcher er früher herausgetreten war . Da er jetzt länger vor uns stehen blieb , konnte ich ihn genauer betrachten . Sein Angesicht erschien mir sehr rosig und schön , und besonders einnehmend zeigten sich die großen schwarzen Augen unter den braunen Locken , die ich schon früher beobachtet hatte . » Gustav , « sagte mein Begleiter , » wenn du noch an deinem Tische oder sonst irgendwo in dem Garten bleiben willst , so erinnere dich an das , was ich dir über Gewitter gesagt habe . Da die Wolken über den ganzen Himmel stehen , so weiß man nicht , wann überhaupt ein Blitz auf die Erde niederfährt , und an welcher Stelle er sie treffen wird . Darum verweile unter keinem höheren Baume . Sonst kannst du hier bleiben , wie du willst . Dieser Herr bleibt heute bei uns , und du wirst zur Abendspeisestunde in dem Speisezimmer eintreffen . « » Ja « , sagte der Knabe , verneigte sich , und ging wieder auf einem Sandwege in die Gesträuche des Gartens zurück . » Dieser Knabe ist mein Pflegesohn , « sagte mein Begleiter , » er ist gewohnt , zu dieser Tageszeit einen Spaziergang mit mir zu machen , darum kam er , da wir bei dem Kirschbaume saßen , von seinem Arbeitstische , den er im Garten hat , zu uns empor , um mich zu suchen ; allein da er sah , daß ein Fremder da sei , ging er wieder an seine Stelle zurück . « Mir , der ich mich an den einfachen , folgerichtigen Ausdruck gewöhnt hatte , fiel es jetzt abermals auf , daß mein Begleiter , der , wenn er von seinen Feldern redete , fast immer den Ausdruck unser gebraucht hatte , nun , da er von seinem Pflegesohne sprach , den Ausdruck mein wählte , da er doch , wenn er etwa seine Gattin einbezog , jetzt auch das Wort unser gebrauchen sollte . Als wir von dem Rasengrunde hinab gekommen waren und den bepflanzten Garten betreten hatten , gingen wir in ihm auf einem anderen Wege zurück , als auf dem wir herauf gegangen waren . Auf diesem Wege sah ich nun , daß der Besitzer des Gartens auch Weinreben in demselben zog , obwohl das Land der Pflege dieses Gewächses nicht ganz günstig ist . Es waren eigene dunkle Mauern aufgeführt , an denen die Reben mittelst Holzgittern empor geleitet wurden . Durch andere Mauern wurden die Winde abgehalten . Gegen Mittag allein waren die Stellen offen . So sammelte er die Hitze und gewährte Schutz . Auch Pfirsiche zog er auf dieselbe Weise , und aus den Blättern derselben schloß ich auf sehr edle Gattungen . Wir gingen hier an großen Linden vorüber , und in ihrer Nähe erblickte ich ein Bienenhaus . Von dem Gewächshause sah ich auf dem Rückwege wohl die Längenseite , konnte aber nichts Näheres erkennen , weil mein Begleiter den Weg zu ihm nicht einschlug . Ich wollte ihn auch nicht eigens darum ersuchen : ich vermutete , daß er mich zu seiner Familie führen würde . Da wir an dem Hause angekommen waren , geleitete er mich bei dem gemeinschaftlichen Eingange desselben hinein , führte mich über eine gewöhnliche Sandsteintreppe in das erste Stockwerk , und ging dort mit mir einen Gang entlang , in dem viele Türen waren . Eine derselben öffnete er mit einem Schlüssel , den er schon in seiner Tasche in Bereitschaft hatte , und sagte : » Das ist Euer Zimmer , solange Ihr in diesem Hause bleibt . Ihr könnt jetzt in dasselbe eintreten oder es verlassen , wie es Euch gefällt . Nur müsset Ihr um acht Uhr wieder da sein , zu welcher Stunde Ihr zum Abendessen werdet geholt werden . Ich muß Euch nun allein lassen . In dem Wartezimmer habt Ihr heute in Humboldts Reisen gelesen , ich habe das Buch in dieses Zimmer legen lassen . Wünschet Ihr für jetzt oder für den Abend noch irgend ein Buch , so nennt es , daß ich sehe , ob es in meiner Büchersammlung enthalten ist . « Ich lehnte das Anerbieten ab und sagte , daß ich mit dem Vorhandenen schon zufrieden sei , und wenn ich mich außer Humboldt mit noch andern Buchstaben beschäftigen wolle , so habe ich in meinem Ränzchen schon Vorrat , um teils etwas mit Bleifeder zu schreiben , teils früher Geschriebenes durchzulesen und zu verbessern , welche Beschäftigung ich auf meinen Wanderungen häufig abends vornehme . Er verabschiedete sich nach diesen Worten , und ich ging zur Tür hinein . Ich übersah mit einem Blicke das Zimmer . Es war ein gewöhnliches Fremdenzimmer , wie man es in jedem größeren Hause auf dem Lande hat , wo man zuweilen in die Lage kömmt , Herberge erteilen zu müssen . Die Geräte waren weder neu noch nach der damals herrschenden Art gemacht , sondern aus verschiedenen Zeiten , aber nicht unangenehm ins Auge fallend . Die Überzüge der Sessel und des Ruhebettes waren gepreßtes Leder , was man damals schon selten mehr fand . Eine gesellige Zugabe , die man nicht häufig in solchen Zimmern findet , war eine altertümliche Pendeluhr in vollem Gange . Mein Ränzlein und mein Stock lagen , wie der Mann gesagt hatte , schon in diesem Zimmer . Ich setzte mich nieder , nahm nach einer Weile mein Ränzlein , öffnete es , und blätterte in den Papieren , die ich daraus hervor genommen hatte , und schrieb gelegentlich in denselben . Da endlich die Dämmerung gekommen war , stand ich auf , ging gegen eines der beiden offenstehenden Fenster , lehnte mich hinaus , und sah herum . Es war wieder Getreide , das ich vor mir auf dem sachte hinabgehenden Hügel erblickte . Am Morgen dieses Tages , da ich von meiner Nachtherberge aufgebrochen war , hatte ich auch Getreide rings um mich gesehen ; aber dasselbe war in einem lustigen Wogen begriffen gewesen ; während dieses reglos und unbewegt war wie ein Heer von lockeren Lanzen . Vor dem Hause war der Sandplatz , den ich bei meiner Ankunft schon gesehen und betreten hatte . Meine Fenster gingen also auf der Seite der Rosenwand heraus . Von dem Garten tönte noch schwaches Vogelgezwitscher herüber , und der Duft von den Tausenden der Rosen stieg wie eine Opfergabe zu mir empor . An dem Himmel , dessen Dämmerung heute viel früher gekommen war , hatte sich eine Veränderung eingefunden . Die Wolkendecke war geteilt , die Wolken standen in einzelnen Stücken gleichsam wie Berge an dem Gewölbe herum , und einzelne reine Teile blickten zwischen ihnen heraus . Die Blitze aber waren stärker und häufiger , die Donner klangen heller und kürzer . Als ich eine Weile bei dem Fenster hinaus gesehen hatte , hörte ich ein Pochen an meiner Tür , eine Magd trat herein und meldete , daß man mich zum Abendessen erwarte . Ich legte meine Papiere auf das Tischchen , das neben meinem Bette stand , legte den Humboldt darauf , und folgte der Magd , nachdem ich die Tür hinter mir gesperrt hatte . Sie führte mich in das Speisezimmer . Bei dem Eintritte sah ich drei Personen ; den alten Mann , der mit mir den Spaziergang gemacht hatte , einen andern , ebenfalls ältlichen Mann , der durch nichts besonders auffiel als durch seine Kleidung , welche einen Priester verriet , und den Pflegesohn des Hausbesitzers in seinem blaugestreiften Linnengewande . Der Herr des Hauses stellte mich dem Priester vor , indem er sagte : » Das ist der hochwürdige Pfarrer von Rohrberg , der ein Gewitter fürchtet und deshalb diese Nacht in unserm Hause zubringen wird « , und dann auf mich weisend fügte er bei : » Das ist ein fremder Reisender , der auch heute unser Dach mit uns teilen will . « Nach diesen Worten und nach einem kurzen stummen Gebete setzten wir uns zu dem Tische an unsere angewiesenen Plätze . Das Abendessen war sehr einfach . Es bestand aus Suppe , Braten und Wein , zu welchem wie zu dem an meinem Mittagsmahle verkleinertes Eis gestellt wurde . Dieselbe Magd , welche mir mein Mittagessen gebracht hatte , bediente uns . Ein männlicher Diener kam nicht in das Zimmer . Der Pfarrer und mein Gastfreund sprachen öfter Dinge , die die Gegend betrafen , und ich ward gelegentlich einbezogen , wenn es sich um Allgemeineres handelte . Der Knabe sprach gar nicht . Die Dunkelheit des Abends wurde endlich so stark , daß die Kerzen , welche früher mit der Dämmerung gekämpft hatten , nun vollkommen die Herrschaft behaupteten , und die schwarzen Fenster nur zeitweise durch die hereinleuchtenden Blitze erhellt wurden . Da das Essen beendet war und wir uns zur Trennung anschickten , sagte der Hauswirt , daß er den Pfarrer und mich über die nähere Treppe in unser Zimmer führen würde . Wir nahmen jeder eine Wachskerze , die uns angezündet von der Magd gereicht wurde , während dessen sich der Knabe Gustav empfahl und durch die gewöhnliche Tür entfernte . Der Hauseigentümer führte uns bei der Tür hinaus , bei der ich zuerst herein gekommen war . Wir befanden uns draußen in dem schönen Marmorgange , von dem eine gleiche Marmortreppe emporführte . Wir durften die Filzschuhe nicht anziehen , weil jetzt über den Gang und die Treppe ein Tuchstreifen lag , auf dem wir gingen . In der Mitte der Treppe , wo sie einen Absatz machte , gleichsam einen erweiterten Platz oder eine Stiegenhalle , stand eine Gestalt aus weißem Marmor auf einem Gestelle . Durch ein paar Blitze , die eben jetzt fielen und das Haupt und die Schultern der Marmorgestalt noch röter beschienen , als es unsere Kerzen konnten , ersah ich , daß der Platz und die Treppe von oben herab durch eine Glasbedeckung ihre Beleuchtung empfangen mußten . Als wir an das Ende der Treppe gelangt waren , wendete sich der Hauswirt mit uns durch eine Tür links , und wir befanden uns in jenem Gange , in welchem mein Zimmer lag . Es war der Gang der Gastzimmer , wie ich nun zu erkennen vermeinte . Unser Gastfreund bezeichnete eines als das des Pfarrers , und führte mich zu dem meinigen . Als wir in dasselbe getreten waren , fragte er mich , ob ich zu meiner Bequemlichkeit noch etwas wünsche , besonders ob mir Bücher aus seinem Bücherzimmer genehm wären . Als ich sagte , daß ich keinen Wunsch habe und bis zum Schlafen schon Beschäftigung finden würde , antwortete er : » Ihr seid in Eurem Gemache und in Eurem Rechte . Schlummert denn recht wohl . « » Ich wünsche Euch auch eine gute Nacht , « erwiderte ich , » und sage Euch Dank für die Mühe , die Ihr heute mit mir gehabt habet . « » Es war keine Mühe , « antwortete er , » denn sonst hätte ich sie mir ja ersparen können , wenn ich Euch gar nicht zu Nacht geladen hätte . « » So ist es « , antwortete ich . » Erlaubt « , sagte er , indem er ein kleines Wachskerzchen hervorzog und an meinem Lichte anzündete . Nachdem er dieses Geschäft vollbracht hatte , verbeugte er sich , was ich erwiderte , und ging auf den Gang hinaus . Ich schloß hinter ihm die Tür , legte meinen Rock ab und lüftete mein Halstuch , weil , obgleich es schon spät war , die ruhige Nacht noch immer eine große Hitze und Schwüle in sich hegte . Ich ging einige Male in dem Zimmer hin und her , trat dann an ein Fenster , lehnte mich hinaus , und betrachtete den Himmel . So viel die Dunkelheit und die noch immer hell leuchtenden Blitze erkennen ließen , war die Gestalt der Dinge dieselbe , wie sie am Abend vor dem Speisen gewesen war . Wolkentrümmer standen an dem Himmel , und , wie die Sterne zeigten , waren zwischen ihnen reine Stellen . Zu Zeiten fuhr ein Blitz aus ihnen über den Getreidehügel und die Wipfel der unbewegten Bäume , und der Donner rollte ihm nach . Als ich eine Weile die freie Luft genossen hatte , schloß ich mein Fenster , schloß auch das andere , und begab mich zur Ruhe . Nachdem ich noch eine Zeit lang , wie es meine Gewohnheit war , in dem Bette gelesen und mitunter sogar mit Bleifeder etwas in meine Schriften geschrieben hatte , löschte ich das Licht aus , und richtete mich zum Schlafen . Ehe der Schlummer völlig meine Sinne umfing , hörte ich noch , wie sich draußen ein Wind erhob und die Wipfel der Bäume zu starkem Rauschen bewegte . Ich hatte aber nicht mehr genug Kraft , mich zu ermannen , sondern entschlief gleich darauf völlig . Ich schlief recht ruhig und fest . Als ich erwachte , war mein erstes , zu sehen , ob es geregnet habe . Ich sprang aus dem Bette und riß die Fenster auf . Die Sonne war bereits aufgegangen , der ganze Himmel war heiter , kein Lüftchen rührte sich , aus dem Garten tönte das Schmettern der Vogel , die Rosen dufteten , und die Erde zu meinen Füßen war vollkommen trocken . Nur der Sand war ein wenig gegen das Grün des begrenzenden Rasens gefegt worden , und ein Mann war beschäftigt , ihn wieder zu ebnen und in ein gehöriges Gleichgewicht zu bringen . Also hatte mein Gegner recht gehabt , und ich war begierig , zu erfahren , aus welchen Gründen er seine Gewißheit , die er so sicher gegen mich behauptet hatte , geschöpft , und wie er diese Gründe entdeckt und erforscht habe . Um das recht bald zu erfahren und meine Abreise nicht so lange zu verzögern , beschloß ich , mich anzukleiden und meinen Gastherrn ungesäumt aufzusuchen . Als ich mit meinem Anzuge fertig war und mich in das Speisezimmer hinab begeben hatte , fand ich dort eine Magd mit den Vorbereitungen zu dem Frühmahle beschäftigt , und fragte nach dem Herrn . » Er ist in dem Garten auf der Fütterungstenne « , sagte sie . » Und wo ist die Fütterungstenne , wie du es nennst ? « fragte ich . » Gleich hinter dem Hause und nicht weit von den Glashäusern « , erwiderte sie . Ich ging hinaus und schlug die Richtung gegen das Gewächshaus ein . Vor demselben fand ich meinen Gastfreund auf einem Sandplatze . Es war derselbe Platz , von dem aus ich schon gestern das Gewächshaus mit seiner schmalen Seite und dem kleinen Schornsteine gesehen hatte . Diese Seite war mit Rosen bekleidet , daß das Haus wie ein zweites , kleines Rosenhäuschen hervor sah . Mein Gastfreund war in einer seltsamen Beschäftigung begriffen . Eine Unzahl Vögel befand sich vor ihm auf dem Sande . Er hatte eine Art