Harrenden und wie sie immer hinaushorchte , um ihren Sohn kommen zu hören , so war sie eigenthümlich wach , und obgleich sie Niemand im Dorfe besuchte und mit Niemand sprach , wußte sie doch Alles , selbst das Geheimste was im Dorfe vorging . Sie errieth es aus der Art , wie sich die Menschen begegneten , aus abgerissenen Worten . Und weil dies wunderbar erschien , war sie gefürchtet und gemieden . Sie bezeichnete sich selbst gern nach einem landläufigen Ausdruck als eine » alterlebte Frau , « und doch war sie äußerst behend . Jahraus jahrein aß sie täglich einige Wachholderbeeren und man sagte : davon sei sie so munter und man sehe ihr ihre 66 Jahre nicht an . Eben daß jetzt die beiden Sechse beisammen standen , brachte sie auch nach einem alten Wortspiele in den Ruf einer Hexe , obgleich man nicht mehr recht daran glauben wollte . Man sagte : sie melke ihre schwarze Ziege oft stundenlang und diese gebe immer gar viel Milch , aber die schwarze Marann ' ziehe während sie melke nur immer den Kühen dessen , den sie hasse , die Milch aus dem Euter ; besonders auf des Rodelbauern Vieh habe sie es abgesehen . Und die große Hühnerzucht , die die schwarze Marann ' trieb , galt auch für Hexerei ; denn woher nahm sie das Futter dazu , und woher konnte sie immer Eier und Hühner verkaufen ? Freilich sah man sie oft im Sommer Maikäfer , Heuschrecken und allerlei Würmer sammeln , und in mondlosen Nächten wie ein Irrlicht durch die Gräben schleichen ; sie trug einen brennenden Span und sammelte die Regenwürmer die da herausschlichen , und murmelte allerlei dabei . Ja , man sagt , daß sie in stillen Winternächten mit ihrer Ziege und ihren Hühnern , die sie bei sich in der Stube überwinterte , allerlei wunderliche Gespräche hielte . Das ganze von der Schulbildung verscheuchte wilde Heer der Hexen- und Zaubergeschichten wachte wieder auf und wurde an die schwarze Marann ' geheftet . Amrei fürchtete sich auch manchmal in langen stillen Winternächten , wenn sie spinnend bei der Marann ' saß und man nichts hörte als manchmal das verschlafene Glucksen der Hühner und ein traumhaftes Mekern der Ziege ; und es erschien in der That zauberisch , wie schnell die Marann ' immer spann . » Ja , « sagte sie einmal , » ich meine , mein Johannes hilft mir spinnen , « und doch klagte sie wieder , daß sie in diesem Winter zum Erstenmal nicht mehr so ganz und immer an ihren Johannes denke . Sie machte sich Vorwürfe darüber und sagte : sie sei eine schlechte Mutter und klagte , es wäre ihr immer , als wenn ihr die Gesichtszüge ihres Johannes nach und nach verschwinden , und als ob sie vergesse , was er da und da gethan habe , wie er gelacht , gesungen und geweint und wie er auf den Baum geklettert und in den Graben gesprungen sei . » Es wäre doch schrecklich , « sagte sie , » wenn Einem das nach und nach so verschwinden könnte , daß man nichts Rechtes mehr davon weiß , « und sie erzählte dann Amrei mit sichtlichem Zwang alles bis auf ' s Kleinste und Amrei war es tief unheimlich , immer und immer wieder von einem Todten so reden zu hören , als ob er noch lebte . Und wieder klagte die Marann ' : » Es ist doch sündlich , daß ich gar nicht mehr weinen kann um meinen Johannes . Ich habe einmal gehört , daß man um einen Verlorenen weinen kann , so lang er lebt und bis er verfault ist . Ist er wieder zur Erde geworden , so hört auch das Weinen auf . Nein , das kann nicht sein , das darf nicht sein , mein Johannes kann nicht todt sein ; das darfst du mir nicht anthun , du dort oben , oder ich werf ' dir den Bettel vor die Thür . Da , da , vor meiner Thür , da sitzt der Tod , da ist der Weiher und da kann ich mich ersäufen wie einen blinden Hund , und das geschieht , wenn du mir das anthust ; aber nein , verzeih mir ' s guter Gott , daß ich so wider die Wand renne , aber mach ' da einmal eine Thür ' auf , mach ' auf und laß meinen Johannes hereinkommen . O die Freud ' ! Komm , da setz ' dich her , Johannes . Erzähl ' mir gar nichts , ich will gar nichts wissen , du bist da ; und jetzt ist ' s gut . Die langen langen Jahre sind nur eine Minute gewesen . Was geht ' s mich an , wo du gewandert bist ? Wo du gewesen bist , da bin Ich nicht gewesen , und jetzt bist du da . Und ich lasse dich nicht mehr von der Hand bis sie kalt ist . O Amrei , und mein Johannes muß warten , bis du groß bist , ich sag ' weiter nichts . Warum red ' st du nichts ? « Amrei war die Kehle wie zugeschnürt . Es war ihr immer , als ob der Todte dastünde , gespensterhaft ; auf ihren Lippen ruhte das Geheimniß und sie konnte es anrufen und die Decke fiel ein und alles war begraben . Manchmal war die Marann ' aber auch gesprächsam in anderer Weise , obgleich Alles auf dem einen Grunde ruhte , auf dem Andenken an ihren Sohn . Und schwer stellte sich hier die Frage der Weltordnung heraus : » Warum hier ein Kind todt , auf das die Mutter wartet , so zitternd , mit ganzer Seele wartet , und ich und mein Dami wir sind verlorene Kinder , möchten so gern die Hand der Mutter fassen und diese Hand ist Staub geworden ? « ... Das war ein dumpfes mächtiges Gebiet , wohin das Denken des armen Kindes getrieben wurde und es wußte sich nicht anders aus dem Wirrsal zu helfen , als indem es leise das Einmaleins vor sich hin sagte . Besonders an Samstagabenden erzählte die schwarze Marann ' gern . Nach altem Aberglauben spann sie am Samstagabend nie , da strickte sie immer , und wenn sie eine Geschichte zu erzählen hatte , wickelte sie zuerst ein gut Theil von ihrem Garnknäuel ab , um nicht aufgehalten zu sein und dann erzählte sie am Faden fort ohne Unterbrechung . » O Kind , « schloß sie dann oft , » merk ' dir Etwas , in dir steckt ja auch ein Einsiedel : wer gut grad fort leben will , der sollte ganz allein sein , Niemand gern haben und von Niemand was mögen . Weißt du , wer reich ist ? Wer nichts braucht , als was er aus sich hat . Und wer ist arm ? Wer auf Fremdes wartet , was ihm zukommt . Da sitzt Einer und wartet auf seine Hände , die ein Anderer am Leib hat , und wartet auf seine Augen , die einem Andern im Kopf stecken . Bleib ' allein für dich , dann hast du deine Hände immer bei dir , dann brauchst du keine anderen , kannst dir selber helfen . Wer auf Etwas hofft , was ihm von einem Andern kommen soll , der ist ein Bettler ; hoffe nur etwas vom Glück , von einem Geschwister , ja von Gott selbst ; du bist ein Bettler , du stehst da und hälst die Hand auf bis dir etwas hineinfliegt . Bleib ' allein , das ist das Beste , da hast du Alles in Einem ; allein , o wie gut ist Allein ! Schau , tief im Ameisenhaufen liegt ein klein winziger funkelnder Stein , wer den findet , kann sich unsichtbar machen und kann ihm Niemand was anhaben ; aber das kriecht durcheinander , wer findet ihn ? Und es giebt ein Geheimniß in der Welt , aber wer kann ' s fassen ? Nimm ' s auf , nimm ' s zu dir . Es giebt kein Glück und kein Unglück . Jeder kann sich Alles selber machen , wenn er sich recht kennt und die andern Menschen auch , aber nur unter Einem Beding : er muß allein bleiben . Allein ! Allein ! Sonst hilft ' s nichts . « Aus dem Tiefsten langjähriger schwerer Vereinsamung heraus gab die Marann ' dem eben erst aus dem Kinde entwachsenen Mädchen noch halbverschlossene Worte ; das Mädchen konnte sie nicht fassen ; aber wer weiß , was auch von Halbverstandenem in aufmerksam offener Seele haften bleibt ? Und nach wildem Umschauen fuhr die schwarze Marann ' fort : » O könnt ' ich nur allein sein ! Aber ich habe mich vergeben , ein Stück von mir ist unterm Boden und ein anderes läuft in der Welt herum , wer weiß wo ? Ich wollt ' ich wäre die schwarze Ziege da . « So freundlich und hell auch die schwarze Marann ' begann , immer ging der Schluß ihrer Rede wieder in dumpfes Hadern und Trauern über , und sie , die allein sein wollte , an Nichts denken und Nichts lieben , lebte doch nur im Denken an ihren Sohn und in der Liebe zu ihm . Amrei ergriff ein entscheidendes Mittel , um aus diesem unheimlichen Alleinsein mit der schwarzen Marann ' erlöst zu werden ; sie verlangte , daß auch Dami ins Haus genommen werde , und so heftig sich die schwarze Marann ' auch dagegen wehrte , Amrei drohte , selber das Haus zu verlassen und schmeichelte der schwarzen Marann ' so kindlich und that ihr was sie an den Augen absehen konnte , bis sie endlich nachgab . Dami , der vom Krappenzacher das Wollstricken gelernt hatte , saß nun mit in der elterlichen Stube ; und Nachts , wenn die Geschwister auf dem Speicher schliefen , weckte Eines das Andere , wenn sie die schwarze Marann ' drunten murmeln und hin- und herlaufen hörten . Durch die Uebersiedelung Dami ' s zur schwarzen Marann ' kam indeß neues Ungemach . Dami war überaus unzufrieden , daß er dies elende Handwerk , das nur für einen Krüppel tauge , habe lernen müssen ; er wollte auch Maurer werden , und obgleich Amrei sehr dagegen sprach , denn sie ahnte , daß ihr Bruder nicht dabei aushalten werde , bestärkte ihn die schwarze Marann ' darin . Sie hätte gern alle jungen Bursche zu Maurern gemacht , um sie in die Fremde zu schicken , damit sie Kundschaft erhalte von ihrem Johannes . Die schwarze Marann ' ging selten in die Kirche , aber sie liebte es , wenn man ihr Gesangbuch entlehnte , um damit in die Kirche zu gehen ; es schien ihr ein eigenes Genügen , daß ihr Gesangbuch dort sei , und eine besondere Freude hatte sie , wenn ein fremder Handwerksbursch , der im Ort arbeitete , das zurückgebliebene Gesangbuch des Johannes zu gleichem Zweck entlehnte ; es schien ihr als ob ihr Johannes bete in der heimathlichen Kirche , weil aus seinem Gesangbuch die Worte gesprochen und gesungen wurden , und Dami mußte nun jeden Sonntag zweimal mit dem Gesangbuch des Johannes in die Kirche . Ging aber die schwarze Marann ' nicht zur Kirche , so war sie bei Einer Feierlichkeit im Dorfe selbst und in den Nachbardörfern immer zu sehen . Es gab nämlich kein Leichenbegängniß , bei dem die schwarze Marann ' nicht leidtragend mitging und bei Predigt und Einsegnung , selbst am Grabe eines kleinen Kindes , weinte sie so heftig , als wäre sie die nächste Angehörige ; aber dann war sie auf dem Heimweg immer wieder ganz besonders aufgeräumt ; dieses Weinen schien ihr eine wahre Erleichterung zu sein . Sie schluckte das ganze Jahr so viel stille Trauer hinunter , daß sie dankbar dafür war , wenn sie wirklich weinen konnte . War es nun den Menschen zu verargen , daß sie sie für eine unheimliche Erscheinung hielten und zumal da sie noch dazu ein Geheimniß gegen sie auf den Lippen hatten ? Auch auf Amrei ging ein Theil dieser Gemiedenheit über , und in manchen Häusern , wo sie sich helfend oder mittheilend auf Besuch einstellte , ließ man sie nicht undeutlich merken , daß man ihre Anwesenheit nicht wünsche , zumal da sie schon jetzt eine Seltsamkeit zeigte , die Allen im Dorf wunderbar vorkam . Sie ging mit Ausnahme des höchsten Winters stets barfuß und man sagte , sie müsse ein Geheimmittel haben , daß sie nicht krank werde und sterbe . Nur in des Rodelbauern Haus wurde sie noch gern geduldet ; war ja der Rodelbauer ihr Vormund . Aber die Rodelbäuerin , die sich ihrer immer angenommen und ihr versprochen hatte , sie einst zu sich zu nehmen , wenn sie erwachsen sei , konnte diesen Plan nicht ausführen . Sie selber wurde von einem Andern angenommen ; der Tod nahm sie zu sich . Während sonst erst im späteren Leben sich die Schwere des Daseins aufthut , wie da und dort ein Anhang abfällt und nur noch ein Gedanken daran verbleibt , erfuhr dies Amrei schon in der Jugendfrühe und heftiger als alle Angehörigen weinten die schwarze Marann ' und Amrei bei dem Begräbniß der Rodelbäuerin . Der Rodelbauer klagte immer fast nur , wie herb es sei , daß er jetzt schon das Gut abgeben müsse . Und noch war keines seiner drei Kinder verheirathet . Aber kaum war ein Jahr vorüber - der Dami arbeitete schon den zweiten Frühling im Steinbruch - als eine Doppelhochzeit im Dorfe gefeiert wurde ; denn der Rodelbauer verheirathete seine älteste Tochter und zugleich seinen einzigen Sohn dem er am Hochzeitstage das Gut übergab ; da wurde Amrei eben auf dieser Doppelhochzeit neu benamt und in ein anderes Leben übergeführt . Auf dem Vorplatz des großen Tanzbodens waren die Kinder versammelt und während die Erwachsenen drin tanzten und jauchzten , ahmten die Kinder hier das Gleiche nach . Aber seltsam ! mit Amrei wollte kein Knabe und kein Mädchen tanzen , und man wußte nicht , wer es zuerst gesagt , aber man hatte es gehört , daß eine Stimme rief : » Mit dir tanzt Keiner , du bist ja das Barfüßele « und : » Barfüßele ! Barfüßele ! Barfüßele ! « schrie es nun von allen Seiten . Amrei stand das Weinen in den Augen , aber hier übte sie schnell wieder jene Kraft , mit der sie Spott und Kränkung bezwang ; sie drückte die Thränen hinab , faßte hüben und drüben ihre Schürze , tanzte mit sich allein herum und so zierlich , so biegsam , daß alle Kinder inne hielten . Und bald nickten die Erwachsenen unter der Thür einander zu , und ein Kreis von Männern und Frauen bildete sich um Amrei und besonders der Rodelbauer , der sich an diesem Tage doppelt gütlich gethan , schnalzte mit den Händen und pfiff lustig den Walzer , den die Musik drin aufspielte , und Amrei tanzte unaufhörlich fort und schien gar keine Müdigkeit zu kennen . Als endlich die Musik verstummte , faßte der Rodelbauer Amrei an der Hand und fragte : » Du Blitzmädle , wer hat dich denn das so schön gelehrt ? « » Niemand . « » Warum tanzest du denn mit Niemand ? « » Es ist besser man thut ' s allein , da braucht man auf Niemand zu warten und hat seinen Tänzer immer bei sich . « » Hast schon was von der Hochzeit bekommen ? « fragte der Rodelbauer wohlgefällig schmunzelnd . » Nein . « » Komm herein und iß , « sagte der stolze Bauer und führte das arme Kind hinein und setzte es an den Hochzeitstisch , auf den immerfort den ganzen Tag aufgetragen wurde . Amrei aß nicht viel und der Rodelbauer wollte sich den Spaß bereiten , das Kind trunken zu machen , es erwiderte aber keck : » Wenn ich noch mehr trinke , kann ich nicht mehr allein gehen und die Marann ' sagt : allein ist das beste Fuhrwerk , da ist immer eingespannt . « Alles staunte über die Weisheit des Kindes . Der junge Rodelbauer kam mit seiner Frau und fragte das Kind neckisch : » Hast du uns auch ein Hochzeitgeschenk gebracht ? Wenn man so ißt , muß man auch ein Hochzeitgeschenk bringen . « Der Hochzeitsvater steckte in unbegreiflicher Großmuth dem Kinde bei dieser Frage heimlich einen Sechsbätzner zu . Amrei aber behielt den Sechsbätzner fest in der Hand , nickte gegen den Alten und sagte dann dem jungen Paare : » Ich hab ' das Wort und ein Drangeld . Eure Mutter selig hat mir immer versprochen , daß ich bei ihr dienen und niemand Anders als ich Kindsmagd bei ihrem ersten Enkelchen sein soll . « » Ja , das hat die Bäuerin selig immer gewollt , « sagte der Alte und redete zu . Was er aus Furcht , daß er die Waise dann versorgen müsse , seiner Frau ihr Lebenlang versagt hatte , das that er jetzt , wo er ihr keine Freude mehr damit machen konnte , und gab sich vor den Leuten den Anschein , als ob er ' s zu ihrem Gedenken thue . Aber er that ' s auch jetzt noch nicht aus Güte , sondern in der richtigen Berechnung , daß die Waise ihm , dem entthronten Bauer , der ihr Pfleger war , dienstgefällig sein werde , und die Last ihrer Versorgung , die die bloße Ablohnung überstieg , fiel Anderen zu , nicht ihm selber . Die jungen Brautleute sahen einander an , und der junge Rodelbauer sagte : » Bring ' morgen dein Bündel in unser Haus . Du kannst bei uns einstehen . « » Gut , « sagte Amrei , » morgen bring ' ich mein Bündel ; aber jetzt ' möcht ich mein Bündel mitnehmen . Gebet mir da ein Fläschchen Wein und das Fleisch will ich einwickeln und es der Marann ' und meinem Dami bringen . « Man willfahrte Amrei , aber der alte Rodelbauer sagte ihr jetzt leise : » Gieb mir meinen Sechsbätzner wieder . Ich hab ' gemeint , du willst ihn schenken . « » Ich will ihn als Drangeld von Euch behalten , « erwiderte Amrei schlau , » und Ihr werdet sehen , ich will ihn euch schon wett machen . « Der Rodelbauer lachte halb ärgerlich in sich hinein und Amrei ging mit Geld , Wein und Fleisch davon zu der schwarzen Marann ' . Das Haus war verschlossen , und es war ein großer Abstand , zwischen dem lauten musikschallenden Lärmen und Schmausen im Hochzeithause und der stillen Oede hier . Amrei wußte , wo sie die Marann ' erwarten konnte auf ihrem Heimwege ; sie ging fast immer nach dem Steinbruch und saß dort eine Zeitlang hinter der Hecke und hörte zu wie Spitzhammer und Meisel arbeiteten . Das war ihr wie eine Melodie , die aus den Zeiten klang , wo Johannes einst auch hier gearbeitet hatte und da saß sie oft lange und hörte es picken . Amrei traf hier richtig die Marann ' und noch eine halbe Stunde vor Feierabend rief sie auch den Dami aus dem Steinbruch und hier draußen bei den Felsen wurde ein Hochzeitmahl gehalten , fröhlicher als drin bei der rauschenden Musik . Besonders Dami jauchzte laut und die Marann ' that auch heiter , nur trank sie keinen Tropfen Wein , sie wollte nicht eher einen Tropfen Wein über die Lippen bringen , als bis zur Hochzeit des Johannes . Als Amrei nun unter Heiterkeit erzählte , daß sie einen Dienst bei dem jungen Rodelbauer bekommen habe und morgen antrete , da erhob sich die schwarze Marann ' in wildem Zorn und einen Stein aufhebend und ihn an die Brust drückend sagte sie : » Es wäre tausendmal besser , ich hätte dich da drinnen , so einen Stein , als ein lebendig Herz . Warum kann ich nicht allein sein ? Warum habe ich mich wieder verführen lassen , Jemand gern zu haben ? Aber jetzt ist ' s vorbei , auf ewig ! Wie ich den Stein da hinunterschleudere , so schleudere ich fort alle Anhänglichkeit an irgend einen Menschen . Du falsches treuloses Kind ! Kaum kann es die Flügel heben , fort fliegt ' s. Aber es ist gut so , ich bin allein und mein Johannes soll auch allein bleiben , wenn er kommt , und es ist Nichts was ich gewollt hab ' . « Und fort rannte sie dem Dorfe zu . » Es ist doch eine Hexe , « sagte Dami hinter ihr drein , » ich will den Wein nicht mehr trinken , wer weiß ob sie ihn nicht verhext hat . « » Trink ' du ihn nur , sie ist eine strenge Eigenbrätlerin und hat ein schweres Kreuz auf sich ; ich will sie schon wieder gut machen . « So tröstete Amrei . 7. Die barmherzige Schwester . Das war nun ein volles Leben im Hause des Rodelbauern . Barfüßele , so hieß man nun fortan Amrei , war zu allem anstellig und wußte sich gleich bei Allen beliebt zu machen : sie wußte der jungen Bäuerin , die fremd in ' s Dorf und in ' s Haus gekommen war , zu sagen , was hier der Brauch sei , lehrte sie die Eigenschaften ihrer nächsten Angehörigen kennen und sich danach richten , und dem alten Rodelbauer , der den ganzen Tag trotzte und sich nicht zufrieden geben konnte , weil er sich so frühe zur Ruhe gesetzt , wußte sie allerlei Gefälligkeiten zu erweisen und ihm zu erzählen , wie gar gut die Söhnerin sei , und es nur nicht so von sich zu geben wisse ; und als nach kaum einem Jahre das erste Kind kam , zeigte sich Amrei darüber so glücklich und in allen Erfordernissen so geschickt , daß Jedes im Hause ihres Lobes voll war ; aber nach Art dieser Leute so voll , daß man sie bei dem kleinsten Ungeschick eher dafür auszankte , als daß man sie je in der That lobte . Aber Amrei wartete auch nicht darauf ; und namentlich dem Großvater wußte sie das erste Enkelchen immer so gut zuzutragen und zur geschickten Zeit wieder zu entziehen , daß man seine Freude daran haben mußte . Beim ersten Zahne des Enkels , den sie dem Rodelbauer zeigen konnte , sagte dieser : » Ich schenke dir einen Sechsbätzner , weil du mir die Freude machst . Aber weißt du ? den , den du mir gestohlen hast an der Hochzeit ; jetzt darfst du ihn ehrlich behalten . « Dabei war aber die schwarze Marann ' nicht vergessen . Es war allerdings ein schwer Stück Arbeit , mit ihr wieder in ' s Geleise zu kommen . Die Marann ' wollte vom Barfüßele nichts mehr wissen , und ihre neue Herrschaft wollte es nicht dulden , daß sie zu ihr hinginge , besonders nicht mit dem Kinde , da man noch immer fürchtete , daß ihm durch die Hexe ein Leid geschehe . Es bedurfte großer Kunst und Ausdauer , um diese Feindseligkeit zu besiegen ; aber es gelang dennoch . Ja , Barfüßele wußte es dahin zu bringen , daß der Rodelbauer die schwarze Marann ' mehrmals besuchte . Das wurde als ein wahres Wunder im ganzen Dorf berichtet . Aber die Besuche wurden bald wieder eingestellt , denn die schwarze Marann ' sagte einmal : » Ich bin jetzt bald siebzig Jahre und ohne die Freundschaft eines Großbauern ausgekommen ; es ist mir nicht der Mühe werth , das noch zu ändern . « Auch Dami war natürlich oft bei seiner Schwester , aber der junge Rodelbauer wollte das nicht dulden , denn er sagte nicht mit Unrecht , er müsse dadurch den großgewachsenen Burschen auch ernähren , man in einem solchen Hause nicht aufpassen , ob ein Dienstbote ihm nicht allerlei zustecke . Er verbot daher außer Sonntag Nachmittags Dami den Besuch des Hauses . Dami hatte indeß selbst zu sehr in das Behagen hineingeschaut , in einem so reich erfüllten Bauernwesen zu stehen ; ihm wässerte der Mund danach , auch so mitten drinn zu sein und sei es nur als Knecht . Das Steinmetzenleben war gar so hungrig . Barfüßele hatte viel zu widersprechen ; er solle bedenken , daß er nun schon das zweite Handwerk habe und dabei bleiben müsse ; das sei nichts , daß man immer wieder Anderes anfange und glaube , dabei sei man glücklich ; man müsse auf dem Fleck , auf dem man steht , es sein , sonst werde man es nie . Dami ließ sich eine Zeitlang beschwichtigen , und so groß war bereits die unwillkürliche Geltung Barfüßele ' s , und so natürlich die Annahme , daß sie für ihren Bruder sorge , daß man ihn immer nur » des Barfüßele ' s Dami « hieß , als wäre er nicht ihr Bruder , sondern ihr Sohn , und doch war er um einen Kopf größer als sie , und that nicht als ob er ihr unterthan sei . Ja , er sprach es oft aus , wie es ihn wurme , daß man ihn für geringer halte als sie , weil er nicht solch Maulwerk habe . Die Unzufriedenheit mit sich und seinem Beruf ließ er zuerst und immer an der Schwester aus . Sie trug es geduldig , und weil er nun vor der Welt zeigte , daß sie ihm gehorchen müsse , gewann sie dadurch nur immermehr an Ansehen und Uebermacht in der Oeffentlichkeit . Denn Jeder sagte : es sei brav von dem Barfüßele , was sie an ihrem Bruder thäte , und sie stieg dadurch noch , daß sie sich von ihm gewaltthätig behandeln ließ , während sie für ihn sorgte wie eine Mutter . Sie wusch und nähte ihm in den Nächten , daß er zu den Saubersten im Dorf gehörte , und bei zwei Paar Rahmenschuhen , die sie als Theil ihres Lohnes jedes halbe Jahr bekam , hatte sie beim Schuhmacher noch daraufbezahlt , damit er solche ihrem Dami mache , und sie selber ging allzeit barfuß und nur selten sah man sie einmal des Sonntags in Schuhen in die Kirche gehen . Barfüßele hatte viel Kummer davon , daß Dami , man wußte nicht wie , allgemeine Zielscheibe des Spottes und der Neckerei im Dorfe geworden war . Sie ließ ihn scharf darum an , daß er das nicht dulden solle , er aber verlangte : sie möge es den Leuten wehren und nicht ihm , er könne nicht dagegen aufkommen . Das war nun nicht thunlich , und innerlich war es dem Dami auch eigentlich gar nicht unlieb , daß er überall gehänselt wurde ; es kränkte ihn zwar manchmal , wenn Alles über ihn lachte und viel Jüngere sich etwas gegen ihn herausnahmen , aber es wurmte ihn noch weit mehr , wenn man ihn gar nicht beachtete , und dann machte er sich gewaltsam zum Narren und gab sich der Neckerei preis . Bei Barfüßele dagegen war allerdings die Gefahr , der Einsiedel zu werden , den die Marann ' immer in ihr erkennen wollte . Sie hatte sich an eine einzige Gespielin angeschlossen , es war die Tochter des Kohlenmathes , die aber nun schon seit Jahren in einer Fabrik im Elsaß arbeitete und man hörte nichts mehr von ihr . Barfüßele lebte so für sich , daß man sie gar nicht zur Jugend im Dorfe zählte ; sie war mit ihren Altersgenossen freundlich und gesprächsam , aber ihre eigentliche Gespielin war doch nur die schwarze Marann ' . Und eben weil Barfüßele so abgeschieden lebte , hatte sie keinen Einfluß auf das Verhalten Dami ' s , der , wenn auch geneckt und gehänselt , doch immer des Anschlusses bedürftig war und nie allein sein konnte wie seine Schwester . Jetzt aber hatte sich Dami plötzlich ganz frei gemacht , und eines schönen Sonntags zeigte er seiner Schwester die Drangabe , die er bekommen hatte , denn er hatte sich als Knecht zum Scheckennarr von Hirlingen verdungen . » Hättest du mir das gesagt , « sagte Barfüßele , » ich hätte einen bessern Dienst für dich gewußt . Ich hätte dir einen Brief gegeben an die Landfriedbäuerin im Allgäu , und da hättest du ' s gehabt wie der Sohn vom Haus . « » O schweig ' nur von der , « sagte Dami hart , » die ist mir nun schon bald dreizehn Jahr ein paar lederne Hosen schuldig , die sie mir versprochen hat . Weißt du noch ? Damals , wie wir klein gewesen sind und gemeint haben , wir könnten noch klopfen , daß Vater und Mutter aufmachen . Schweig ' mir von der Landfriedbäuerin , wer weiß , ob die noch mit Einem Wort an uns denkt , wer weiß ob sie gar noch lebt . « » Ja sie lebt noch , sie ist ja eine Verwandte von meinem Haus und es wird oft von ihr gesprochen , und sie hat alle ihre Kinder verheirathet bis auf einen einzigen Sohn , der den Hof kriegt . « » Jetzt willst du mir nur meinen neuen Dienst verleiden , « klagte Dami , » und sagst mir , ich hätte einen bessern kriegen können . Ist das recht ? « Seine Stimme zitterte . » O , sei nicht immer so weichmüthig , « sagte Barfüßele . » Schwätz ' ich dir denn was von deinem Glück herunter ? Du thust immer gleich , als ob dich die Gänse beißen . Ich will dir nur noch sagen :