in dieser Woche bei Ekkehard , dem Pörtner . Der Herzogin zu Ehren hatte er den vierundvierzigsten Psalm erkoren ; er trat auf und sprach einleitend : » Herr , öffne meine Lippen , auf daß mein Mund dein Lob verkünde « , und alle sprachen ' s ihm murmelnd nach , als Segen zu seiner Lesung . Nun erhub er seine Stimme und begann den Psalm , den die Schrift selber einen lieblichen Gesang nennet : » Es quillet mein Herz eine schöne Rede , ich will reden mein Gedicht dem Könige , meine Zunge sei der Griffel des Geschwindschreibers . Der Schönste bist du von den Söhnen des Menschen , Anmut ist gegossen über deine Lippen , denn Gott hat dich gesegnet ewig . Gürte um die Hüfte dein Schwert , du Held , deinen Ruhm und deinen Schmuck . Und geschmückt zeuch aus , ein Hort der Wahrheit , Milde und des Rechts . Ja , Wunder wird zeigen deine Rechte ! Deine Pfeile seien geschärft , Völker sollen unter dir stürzen , die im Herzen Feinde des Königs sind . Dein Thron vor Gott steht immer und ewig , ein gerechter Scepter ist der Scepter deines Reichs . Du liebest das Recht und hassest das Unrecht , drum hat dich Gott , dein Gott , gesalbt mit dem Öl der Freude , mehr denn alle Genossen ; Myrrhen , Aloe und Cassia duften all deine Kleider , aus elfenbeinernen Palästen erfreuen Saiten dich ... 69 « Die Herzogin schien die Huldigung zu verstehen ; als wenn sie selber mit den Worten des Psalms angeredet wäre , hefteten sich ihre Augen auf Ekkehard . Aber auch dem Abt war ' s nicht entgangen , da gab er ein Zeichen abzubrechen , und der Psalm blieb unbeendet , als sich männiglich zu Tisch setzte . Das aber konnte Herr Cralo nicht hindern , daß Frau Hadwig dem emsigen Vorleser befahl , an ihrer Seite Platz zu nehmen ; es war zwar der Rangstufung folgend der Sitz zu ihrer Linken dem alten Dekan Gozbert zugedacht , aber dem war ' s schon lang zumute , als käm ' er auf glühende Kohlen zu sitzen , denn er hatte mit Frau Hadwigs seligem Gemahl dereinst einen gröblichen Wortwechsel gepflogen , wie der dem Klosterschatz das unfreiwillige Kriegsanlehen auflegte , und war von damals auch der Herzogin giftig gestimmt , - kaum merkte er die Absicht , so drückte er sich vergnüglich seitwärts und schob den Pörtner auf den Dekanssitz . Neben Ekkehard kam der Herzogin Kämmerer Spazzo zu sitzen , dem zur Seite der Mönch Sindolt . Die Mahlzeit begann . Der Küchenmeister , wohl wissend , wie bei Ankunft fremder Gäste Erweiterung der schmalen Klosterkost gestattet sei , hatte es nicht beim üblichen Mus mit Hülsenfrüchten70 bewenden lassen . Auch der strenge Küchenzettel des seligen Abt Hartmuth ward nicht eingehalten . Wohl erschien zuerst ein dampfender Hirsebrei , auf daß , wer gewissenhaft bei der Regel71 bleiben wollte , sich daran ersättige ; aber Schüssel auf Schüssel folgte , bei mächtigem Hirschziemer fehlte der Bärenschinken nicht , sogar der Biber vom obern Fischteich hatte sein Leben lassen müssen ; Fasanen , Rebhühner , Turteltauben und des Vogelherds kleinere Ausbeute folgten , der Fische aber eine unendliche Auswahl , so daß schließlich ein jeglich Getier , watendes , fliegendes , schwimmendes und kriechendes , auf der Klostertafel seine Vertretung fand . Und mancher der Brüder kämpfte damals einen schweren Kampf in seines Gemütes Tiefe ; selbst Gozbert , der alte Dekan ... des Hirsebreis war er gesättigt und hatte mit mächtigem Stirnrunzeln des Hirsches Braten und des Bären Schinken weggeschoben , als wär ' s eine Versuchung des bösen Feindes : aber wie auch ein schön bräunlich gebraten Birkhuhn in seine Nähe gestellt ward , da schlug der Bratenduft träumerisch an seine Nase , mit dem Duft hielten die Geschichten seiner Jugend bei ihm Rückkehr : wie er selber vor vierzig Jahren dem Weidwerk oblag und in frühem Morgennebel dem balzenden Auerhahn nachstellte , und die Geschichte von des Försters Töchterlein , die ihm damals begegnet , und ... zweimal noch kämpfte er des Arms Bewegung zurück , das drittemal hielt ' s nimmer , des Birkhuhns Hälfte lag vor ihm und ward in Eile verzehrt . Der Kämmerer Spazzo hatte Beifall nickend der Schüsseln mannigfache Zahl erscheinen sehen , ein großer Rheinlank72 , der Fische besten einer , war schier unter seinen Händen verschwunden , fragend schaute er sich nach einigem Getränk um , da zog Sindolt , sein Nachbar , ein steinern Krüglein herbei , schenkte ihm den metallenen Becher voll , stieß mit ihm an und sprach : » Des Klosterweins Auslese ! « Herr Spazzo gedachte einen mächtigen Zug zu tun , aber es schüttelte ihn wie Fieberfrost , und den Becher absetzend , sagte er : » Da möchte der Teufel Klosterbruder sein ! « Der böse Sindolt hatte ihm ein saures Apfelweinlein mit dem Saft von Brombeeren gemischt vorgesetzt . Wie aber Herr Spazzo ihm schier mit einem Faustschlag gelohnt hätte , holte er , ihn zu sänftigen , des dunkelroten Valtelliners einen Henkelkrug . Der Valtelliner ist ein wackerer Wein , in dem schon der Kaiser Augustus seinen Schmerz über die Varusschlacht niedergetrunken 73 ; und allmählich versöhnte sich Herr Spazzo , trank auch auf das Wohlergehen des Bischofs von Chur , dem das Kloster diesen Wein verdankte , ohne daß er ihm sonst näher bekannt war , seinen Becher leer , und Sindolt tat wacker Bescheid . » Was sagt euer Patron zu solchem Trinken ? « fragte der Kämmerer . » Sankt Benedikt war ein weiser Mann « , sprach Sindolt . » Darum schrieb er in sein Gesetz : Wiewohl zu lesen steht , daß der Wein überhaupt kein Trunk für Mönche sei , so mag dies doch heutigentages keinem einzigen mehr mit Überzeugung eingeredet werden . Darum , und schwächlicheren Gemütes Hinfälligkeit erwägend , ordnen wir dem einzelnen eine halbe Maß für den Tag zu . Keiner aber soll trinken bis zur Sättigkeit , denn der Wein macht auch den Weisesten abtrünnig vom Pfade der Weisheit ... 74 « » Gut ! « sprach Spazzo und trank seinen Becher aus . » Wißt Ihr aber auch « , frug Sindolt , » was den Brüdern zu tun vorgeschrieben steht , in deren Gegend wenig oder gar kein Rebensaft gedeihen mag ? Die sollen Gott loben und preisen und nicht murren . « » Auch gut ! « sprach Spazzo und trank wiederholt seinen Becher aus . Der Abt suchte inzwischen seine fürnehme Base nach Kräften zu unterhalten . Er fing an , Herrn Burkhards trefflichen Eigenschaften einen Nachruf zu halten . Aber Frau Hadwigs Antworten waren karg und einsilbig . Da merkte der Abt , daß alles seine Zeit habe , namentlich die Liebe einer Witib zum verstorbenen Ehemann . Er wandte das Gespräch und fragte , wie ihr des Klosters Schulen gefallen . » Mich dauert das junge Völklein « , sprach die Herzogin , » daß es in jungen Tagen so vieles erlernen muß . Ist das nicht wie eine Last , die Ihr ihnen aufbürdet , an der sie zeitlebens keuchend schleppen müssen ? « » Erlaubet , edle Base « , erwiderte der Abt , » daß ich Euch als Freund und Blutsverwandter gemahne , weniger in den Tag hinein zu reden . Das Studium der Wissenschaft ist dem jungen Menschen kein lästiger Zwang , es ist wie Erdbeeren ; je mehr er genießt , desto größer der Hunger . « » Was hat aber die heidnische Kunst Logica mit der Gottesgelahrtheit zu schaffen ? « frug Frau Hadwig . » Die wird in rechten Händen zur Waffe , die Kirche Gottes zu schützen « , sprach der Abt . » Mit ihren Künsten haben der Ketzer viele die Gläubigen angefochten , jetzt fechten wir mit gleichem Rüstzeug wider sie , und glaubet mir , ein sauber Griechisch oder Latein ist eine feinere Waffe als unsere einheimische Sprache , die sich auch in des Gewandtesten Hand nur wie eine Keule schwingt . « » Ei « , sprach die Herzogin , » müssen Wir noch bei Euch lernen , was fein sei ? Ich habe seither gelebt , ohne Latein zu sprechen , Herr Vetter . « » Es möcht ' Euch nicht schaden , wenn Ihr ' s noch lerntet « , sprach der Abt . » Und wenn die ersten Wohlklänge der Latinität Euer Gehör erquickt haben , werdet Ihr zugeben , daß unsere Muttersprache ein junger Bär ist , der nicht stehen und gehen lernt , wenn ihn nicht klassische Zunge beleckt75 . Zudem lehrt alter Römer Mund Weisheit , fraget einmal den Mann zu Eurer Linken . « » Ist ' s wahr ? « wandte sich Frau Hadwig an Ekkehard , der schweigend dem Zwiespruch gelauscht hatte . » Es wäre wahr , hohe Herrin ! « sprach er mit Feuer , » so es Euch vonnöten wäre , Weisheit zu lernen . « Frau Hadwig drohte mit dem Finger : » Habt Ihr selber denn Erquickung aus den alten Pergamenten geschöpft ? « » Erquickung und Glück ! « sprach Ekkehard , und seine Augen leuchteten . » Glaubet mir , Herrin , es tut in allen Lebenslagen wohl , sich bei den Klassikern Rats zu erholen ; lehrt uns nicht Cicero auf den verschlungenen Pfaden weltlicher Klugheit den rechten Steg wandeln ? Schöpfen wir nicht aus Sallust und Livius Anweisung zu Mannesmut und Stärke , aus Virgils Gesängen die Ahnung unvergänglicher Schönheit ? Die Schrift ist uns Leitstern des Glaubens , die Alten aber leuchten zu uns herüber wie das Spätrot einer Sonne , die auch nach ihrem Niedergang noch mit erquickendem Widerschein in des Menschen Gemüt strahlt ... « Ekkehard sprach mit Bewegung . Die Herzogin hatte seit dem Tag , als der alte Herzog Burkhard um ihre Hand anhielt , keinen Menschen mehr gesehen , der für etwas begeistert war . Sie trug einen hohen Geist in sich , der sich leicht auch Fremdartigem zuwandte . Griechisch hatte sie in jungen Tagen der byzantinischen Werbung wegen schnell gelernt . Latein flößte ihr eine Art Ehrfurcht ein , weil es ihr fremd war . Unbekanntes imponiert , Erkenntnis führt auf den wahren Wert , der meist geringer ist als der geahnte . Mit dem Namen Virgilius war auch der Begriff des Zauberhaften verbunden ... In jener Stunde stieg in Hadwigs Herz der Entschluß auf , Lateinisch zu lernen . Zeit dazu hatte sie . Wie sie ihren Nachbarn Ekkehard noch einmal angeschaut hatte , wußte sie auch , wer ihr Lehrer sein sollte ... Der stattliche Nachtisch , auf dem Pfirsiche , Melonen und trockene Feigen geprangt hatten , war verzehrt . Lebhaftes Gespräch an den andern Tischen deutete auf nicht unfleißiges Kreisen des Weinkrugs . Auch nach der Mahlzeit - so wollte es des Ordens Regel - war zur Erbauung der Gemüter ein Abschnitt aus der Schrift oder dem Leben heiliger Väter zu verlesen . Ekkehard hatte am Tag zuvor das Leben des heiligen Benediktus begonnen , das einst Papst Gregorius abgefaßt . Die Brüder rückten die Tische zusammen , der Weinkrug stand unbewegt und es ward still in der Runde . Ekkehard fuhr mit dem zweiten Kapitel76 fort : » Eines Tages aber , dieweil er allein war , nahte ihm der Versucher . Denn ein schwarzer kleiner Vogel , der gemeiniglich Krähe geheißen ist , begann um sein Haupt zu flattern und setzte ihm so unablässig zu , daß ihn der heilige Mann mit der Hand hätte ergreifen mögen , so er ihn fangen gewollt . Er aber schlug das Zeichen des Kreuzes , da wich der Vogel . Wie aber derselbe Vogel verschwunden war , folgte eine so große Versuchung des Fleisches , wie sie der heilige Mann noch niemalen erprobt . Denn vor langer Zeit hatte er eine gewisse Frau erschauet . Diese stellte ihm der böse Feind jetzo vor die Augen des Geistes und entzündete das Herz des Knechtes Gottes durch jene Gestalt mit solchem Feuer , daß eine verzehrende Liebe in ihm zu glühen begann und er , von Lust und Sehnsucht bewältigt , seinen Einsiedelstand jäh zu verlassen gedachte . Da warf plötzlich des Himmels Gnade einen Schein auf ihn , daß er zu sich selber rückkehrte . Und er sah ihm zur Seite ein dicht Gebüsch von Brennesseln und Dörnern stehen , zog sein Gewand aus und warf sich nackt in die Stacheln des Gedörns und den Brand der Nesseln , bis daß er am ganzen Körper verwundet von dannen ging . Also löschete er des Geistes Wunde durch die Wunden der Haut und siegte ob der Sünde ... « Frau Hadwig war von dieser Vorlesung nicht erbaut ; sie ließ ihre Augen gelangweilt im Saal die Runde machen . Der Kämmerer Spazzo - deuchte auch ihm die Wahl des Kapitels unpassend , oder war ihm der Valtelliner zu Häupten gestiegen ? - schlug unversehens dem Vorleser das Buch zu , daß der holzbeschlagene Deckel klappte , hob ihm seinen Pokal entgegen und sprach : » Soll leben der heilige Benedikt ! « und wie ihn Ekkehard vorwurfsvoll ansah , stimmte schon die jüngere Mannschaft der Klosterbrüder lärmend ein , sie hielten den Trinkspruch für ernst ; da und dort ward das Loblied auf den heiligen Mann intoniert , diesmal als fröhlicher Zechgesang , und lauter Jubel klang durch den Saal . Dieweil aber Abt Cralo bedenklich umschaute und Herr Spazzo immer noch beschäftigt war , mit den jungen Klerikern auf das Wohl ihres Schutzpatrons zu trinken , neigte sich Frau Hadwig zu Ekkehard und frug ihn mit nicht allzulauter Stimme : » Würdet Ihr mich das Lateinische lehren , junger Verehrer des Altertums , wenn ich ' s lernen wollte77 ? « Da klang es in Ekkehards Herz wie ein Widerhall des Gelesenen : » Wirf dich in die Nesseln und Dornen und sag ' nein ! « er aber sprach : » Befehlet , ich gehorche ! « Die Herzogin schaute den jungen Mönch noch einmal mit einem sonderbar flüchtigen Blicke an , wandte sich dann zum Abt und sprach über gleichgültige Dinge . Die Klosterbrüder zeigten noch kein Verlangen , des Tages günstige Gelegenheit unbenutzt verstreichen zu lassen . In des Abts Augen mochte ein gnädig milder Schein leuchten , und der Kellermeister schob auch keinen Riegel für , wenn sie mit leeren Krügen die Stufen hinabstiegen . Am vierten Tisch begann der alte Tutilo gemütlich zu werden und erzählte seine unvermeidliche Geschichte mit den zwei Räubern78 ; immer lauter klang seine starke Stimme durch den Saal : » Der eine also zur Flucht sich gewendet - ich ihm nach mit meinem Eichpfahl - er Spieß und Schild weg zu Boden , - ich ihn am Hals gefaßt - den weggeworfenen Spieß in seine Faust gedrückt : du Schlingel von einem Räuber , zu was bist auf der Welt ? Fechten sollst mit mir ! ... « Aber sie hatten ' s schon allzuoft hören müssen , wie er dann dem Kampfgenötigten den Schädel eingeschlagen , und zupften und nötigten an ihm , sie wollten ein schönes Lied anstimmen ; wie er endlich mit dem Haupte nickte , stürmten etliche hinaus : bald kamen sie wieder mit Instrumenten . Der brachte eine Laute , jener ein Geiglein , worauf nur eine Saite gespannt , ein anderer eine Art Hackbrett mit eingeschlagenen Metallstiften , zu deren Anschlag ein Stimmschlüssel dienlich war , wiederum ein anderer eine kleine zehnsaitige Harfe , Psalter hießen sie das seltsam geformte Instrument und sahen in seiner dreieckigen Gestalt ein Symbol der Dreieinigkeit79 . Und sie reichten ihm seinen dunkeln Taktstab von Ebenholz . Da erhob sich lächelnd der graue Künstler und gab ihnen das Zeichen zu einer Musica , die er selbst in jungen Tagen aufgesetzet ; mit Freudigkeit hörten ' s die andern80 . Nur Gerold , dem Schaffner , ward ' s mit dem Aufklingen der Melodien melancholisch zu Gemüte , er überzählte die abgetragenen Schüsseln und die geleerten Steinkrüge , und wie ein Text zur Singweise flog ' s ihm durch den Sinn : Wieviel hat dieser Tag verschlungen an Klostergeld und Gut81 ? Leise schlug er mit sandalenbeschwertem Fuße den Takt , bis der letzte Ton verklang . Zu unterst am Tische saß ein stiller Gast mit blaßgelbem Angesicht und schwarzkrausem Gelock ; er war aus Welschland und hatte von des Klosters Gütern im Lombardischen die Saumtiere mit Kastanien und Öl herübergeleitet . In wehmütigem Schweigen ließ er die Flut der Töne über sich erbrausen . » Nun , Meister Johannes « , sprach Folkard , der Maler , zu ihm , » ist die welsche Feinfühligkeit jetzt zufrieden gestellt ? Den Kaiser Julianus mutete einst unserer Vorväter Gesang an wie das Geschrei wilder VögelA3 , aber seitdem haben wir ' s gelernt . Klingt ' s Euch nicht lieblicher als Sang der Schwanen82 ? « » Lieblicher - als Sang der Schwanen - - « wiederholte der Fremde wie im Traum . Dann erhob er sich und schlich leise von dannen . Es hat ' s keiner im Kloster zu lesen bekommen , was er in jener Nacht noch ins Tagebuch seiner Reise eintrug : » Diese Männer diesseits der Alpen « , schrieb er , » wenn sie auch den Donner ihrer Stimmen hoch gegen Himmel erdröhnen lassen , können sich doch nimmer zur Süße einer gehobenen Modulation erschwingen . Wahrhaft barbarisch ist die Rauheit solch abgetrunkener Kehlen ; wenn sie durch Beugung und Wiederaufrichtung des Tons einen sanften Gesang zu ermöglichen suchen , schauert die Natur und es klingt wie das Fahren eines Wagens , der in Winterszeit über gefrorenes Pflaster dahin knarrt ... 83 « Herr Spazzo gedachte , was löblich begonnen , auch löblich zu enden , er schlich sich fort über den Hof in das Gebäude , wo Praxedis und die Dienerinnen waren , und sprach : » Ihr sollet zur Herzogin kommen , und zwar gleich « - sie lachten erst ob seiner Kutte , folgten ihm aber zum Saal , und war keiner , der sie von der Schwelle zurückhielt . Und wie die Mägdlein an des Refektoriums Eingang sichtbar wurden , entstand ein Gemurmel und ein Kopfwenden im Saal , als sollte jetzo ein Tanzen und Springen anheben , wie es diese Wände noch nicht erschaut . Herr Cralo , der Abt , aber wandte sich an die Herzogin und sprach : » Frau Base ? ! « - und sprach ' s mit so duldender Wehmut , daß sie aus ihren Gedanken auffuhr . Und sie sah auf einmal ihren Kämmerer und sich selber in der Mönchskutte mit andern Augen an denn zuvor , und schaute die Reihen trinkender Männer , dem entferntesten verdeckte der Kapuze vorstehender Rand das Antlitz , daß es aussah , als werde der Wein in leeren Gewandes Abgrund geschüttet , und die Musik klang ihr gellend in die Ohren , als würde hier ein Mummenschanz gefeiert , der schon allzulang ' gedauert ... Da sprach sie : » Es ist Zeit schlafen zu gehen ! « und ging mit ihrem Gefolg nach dem Schulhaus hinüber , wo ihr Nachtlager sein sollte . » Wißt Ihr auch , was des Tanzens Lohn gewesen wär ' ? « frug Sindolt einen der Mönche , der ob dieser Wendung der Dinge höchlich betrübt schien . Der schaute ihn starr an . Da machte ihm Sindolt eine unverkennbare Gebärde , die hieß : » Geißelung « ! Fußnoten A1 Unter dieser Allegorie hatte der Afrikaner Martianus Capella im 5. Jahrhundert eine Enzyklopädie der sieben freien Künste gegeben , die im Mittelalter als Schulbuch viel benutzt ward ; Notker Labeo übersetzte sie ins Deutsche . Eine Alba mit Darstellungen daraus hatte Hadwig nach Kapitel 90 der » Casus S. Galli « dem Ekkehard geschenkt . A2 » Äneis « 1 , 132 ff. Worte Neptuns . A3 Flavius Julianus Apostata , Kaiser 361-363 , vergleicht in seinem » Misopogon « den Gesang der Alemannen dem Rufe rauh krächzender Vögel . Fünftes Kapitel . Ekkehards Auszug . Frühmorgens darauf saß die Herzogin samt ihren Leuten im Sattel , heimzureiten , und der Abt hatte keine Einwendung erhoben , da sie sich jegliche Abschiedsfeierlichkeit verbat . Darum lag das Kloster in stiller Ruhe , als drüben schon die Rosse wieherten , nur Herr Cralo kam pflichtschuldig herüber . Er wußte , was die Sitte gebot . Zwei Brüder begleiteten ihn . Der eine trug einen schmucken Becher von Kristall , mit silbergetriebenem Fuß und Aufsatz geschmückt , und saß manches gute Stücklein Onyx und Smaragd in der silbernen Umfassung ; der andere trug ein Krüglein mit Wein . Und der Abt schöpfte ein weniges in den Becher , wünschte seiner erlauchten Base einen gesegneten Tag und bat , mit ihm des Abschieds Minne zu trinken und den Becher zu freundlichem Angedenken zu behalten84 . Für den Fall , daß das Geschenk nicht genügend befunden werden sollte , hatte er noch ein seltsam Schaustück im Rückhalt , das war silbern zwar , doch unansehnlicher Gestalt und täuschend einem schlichten Brote gleichgeformt , innen aber gefüllt mit güldenen Byzantinern bis zum Rande85 ; - vorerst ließ der Abt nichts davon vermerken und trug ' s sorglich verborgen in der Kutte . Frau Hadwig nahm den dargebotenen Becher , tat , als wenn sie daran nippte , gab ihn aber wieder zurück und sprach : » Erlaubet , teurer Vetter , was soll der Frau das Trinkgefäß ? Ich heische ein anderweit Gastgeschenk . Habet Ihr nicht gestern von Quellen der Weisheit gesprochen ? « » Ihr sollet mir aus des Klosters Bücherei einen Virgilius verehren ! « » Immer zu Scherz geneigt « , sagte Herr Cralo , der eine gewichtigere Forderung erwartet hatte , » was soll Euch der Virgilius , so Ihr der Sprache nicht kundig seid ? « » Es versteht sich , daß Ihr mir den Lehrer dazu gebet « , sprach die Herzogin ernst . Da schüttelte der Abt bedenklich das Haupt : » Seit wann werden die Jünger des heiligen Gall als Gastgeschenke vergeben ? « Sie aber sprach : » Ihr werdet mich verstanden haben . Der blonde Pörtner wird mein Lehrer sein , und heut am dritten Tage längstens wird der Virgilius und er sich bei mir einstellen ! Gedenket , daß des Klosters Streit um die Güter im Rheintal und die Bestätigung seiner Freiheiten in Schwaben in meiner Hand ruhet , und daß ich nicht abgeneigt , auch auf dem Twieler Felsen den Jüngern Sankt Benedikts ein Klösterlein herzurichten ... Lebet wohl , Herr Vetter ! « Da winkte Herr Cralo betrübt dem dienenden Bruder : » Traget den Kelch in die Schatzkammer zurück . « Frau Hadwig reichte ihm anmutig die Rechte , die Rosse stampften , Herr Spazzo schwang den Hut - in leichtem Trab ritt der Zug aus des Klosters Bann heimwärts . Von des Wächters Turmstube ward ein mächtiger Strauß in die Abreitenden geworfen , dran allein an Sonnenblumen die Hälfte eines Dutzends prangte , der Astern nicht zu gedenken , aber niemand fing ihn auf , und der Rosse Huf brauste drüber hin ... Im trockenen Graben vor dem Tor hatten sich die Schüler der äußeren Klosterschule versteckt . » Langes Leben der Frau Herzogin in Schwaben ! Heil ihr ! ... und sie soll die Felchen bald schicken ! Heil ! « klang ihr Ruf gellend in der Scheidenden Ohr . » Wem für ein ungezogen Benehmen drei Feiertage und die besten Seefische bewilligt sind , der hat gut schreien « , sprach Herr Spazzo . Langsam ging der Abt ins Kloster zurück ; er ließ Ekkehard , den Pörtner , zu sich rufen und sprach zu ihm : » Es ist eine Fügung über Euch ergangen . Ihr sollet der Herzogin Hadwig einen Virgilius überbringen und ihr Lehrer werden . Die alten Lieder des Maro mögen mit lieblichem Sang die skythischen Sitten besänften , heißt ' s im SidoniusA1 . Es ist nicht Euer Wunsch ... « Ekkehard schlug die Augen nieder , seine Wangen röteten sich - » Aber den Mächtigen der Erde dürfen wir keinen Anstoß geben . Morgen reiset Ihr ab . Ich verliere Euch ungern ; Ihr wäret der brävsten und würdigsten einer . Der heilige Gallus wird Euch den Dienst gedenken , den Ihr seinem Stift leistet . Vergeßt auch nicht , aus dem Virgilius das Titelblatt wegzuschneiden mit der Verwünschung gegen den , der das Buch dem Kloster verschleppt ... 86 « Was des Menschen Herzenswunsch ist , dazu läßt er sich gern befehligen . » Des Gehorsams Gelübde « , sprach Ekkehard , » heißt mich des Vorgesetzten Willen sonder Zagen und Aufschub , sonder Lauheit und Murren vollziehen . « Er beugte sein Knie vor dem Abte . Dann ging er nach seiner Zelle . Es war ihm , als hätte er geträumt . Seit gestern war ihm fast zu vieles begegnet . Es geht noch andern ebenso : lang ' einförmig schleicht das Leben , - wenn des Schicksals Wendungen kommen , folgt Schlag auf Schlag . Er rüstete sich zur Reise . » Was du begonnen , laß unvollendet zurück , zieh ab deine Hand vom Geschäft , darin sie tätig war , zeuch aus im Schritt des Gehorsams « , es war ihm kaum Not , sich diesen Satz seiner Regel vorzuhalten . Auf seiner Zelle lagen die Pergamente des Psalmenbuchs87 , das Folkard mit Meisterhand geschrieben und mit feinen Bildwerken verziert hatte . Ekkehard war beauftragt , mit der wertvollen Goldfarbe , die der Abt jüngst von venezianischen Handelsleuten erkauft hatte , die Anfangsbuchstaben auszumalen und den Figuren durch leisen Goldstrich an Krone , Scepter , Schwert und Mantelsaum die letzte Vollendung zu geben . Er nahm Pergament und Farben und trug ' s seinem Gefährten hinüber , daß er statt seiner die letzte Hand ans Begonnene lege ; Folkard war gerade daran , ein neues Bild zu entwerfen , wie David vor der Bundeslade tanzt und die Laute spielt , - er schaute nicht auf . Schweigend verließ Ekkehard seine Künstlerstube . Er wandte sich zur Bibliothek , den Virgil auszulesen . Wie er droben stand im hochgewölbten Saal , einsam unter den schweigenden Pergamenten , da kam ein Gefühl der Wehmut über ihn ; auch das Leblose stellt sich bei Abschied und Wiedersehen vor den Menschen , als trüg ' s eine Seele in sich und nähme Anteil an dem , was ihn bewegt . Die Bücher waren seine besten Freunde . Er kannte sie alle und wußte , wer sie geschrieben ; - manche der Schriftzüge erinnerten an einen vom Tode schon entführten Gefährten ... » Was wird das neue Leben bescheren , das von morgen für mich anhebt ? « Eine Träne stand ihm im Auge . Jetzt fiel sein Blick auf das kleine , in metallene Decke gebundene Glossarium , in dem einst der heilige Gallus , der am Bodensee üblichen Landessprache unkundig , sich vom Pfarrherrn zu Arbon die notwendigsten Worte hatte verdeutschen lassen88 . Da gedachte Ekkehard , wie des Klosters Stifter mit so wenig Ausrüstung und Hilfe dereinst ausgezogen , ein fremder Mann unter die Heiden , und wie sein Gott und sein unverzagt Herz in Not und Fährlichkeit ihn immerdar frisch gehalten ... sein Mut stärkte sich , er küßte das Büchlein , nahm den Virgil aus dem Schrein und wandte sich , zu gehen . » Wer dies Buch wegträgt , den sollen tausend Peitschenhiebe treffen und Lähmung und Aussatz dazu ! « stand auf dem ersten Blatte . Er schnitt ' s weg . Noch einmal schaute er um , als wollten ihm von Brett und Kasten die Bücher einen Gruß zuwinken . Da hub sich ein Knistern an der Wand , der große Bauriß89 , den der Architekt Gehrung einst auf drei Schuh langer Tierhaut zu des Abt Hartmuth neuem Klosterbau angefertigt hatte , löste sich von dem festhaltenden Nagel und stürzte nieder , daß eine Staubwolke daraus emporstieg . Ekkehard machte sich keine Gedanken drüber . Wie er den Gang des obern Stockwerks entlang schritt , kam er an einem offenen Gemach vorüber . Das war der Winkel der Alten . Der blinde Thieto90 saß drin , einst des Klosters Abt , bis schwindendes Augenlicht ihn abzudanken nötigte . Ein Fenster war geöffnet , daß der Greis sich der sonnenwarmen Luft erfreue . Bei ihm hatte Ekkehard manche Stunde in traulichem Gespräch verbracht . Der Blinde kannte ihn am Schritt und rief ihn zu sich . » Wohin ? « frug er . » Hinunter , - und morgen fort ins Weite . Gebt mir Eure Hand , ich komme auf den hohen Twiel . « » Schlimm « , sprach der Blinde , » sehr schlimm ! « » Warum , Vater Thieto ? « » Frauendienst ist ein schlimm Ding für den , der gerecht bleiben will , Hofdienst noch schlimmer - was ist Frauen- und Hofdienst zugleich ? « » Es ist mein Schicksal « , sprach Ekkehard . » Sankt Gallus behüte und schirme Euch « , sagte Thieto . » Ich will für Euch beten . Gebt mir meinen Stab . « Ekkehard wollte ihm seinen Arm bieten , den lehnte er ab ; er erhob sich und schritt zu einer Nische in der Wand , dort stund ein schmucklos Fläschlein . Er nahm ' s herab und gab ' s ihm : » ' s ist Wasser aus dem Jordan , das ich selber einst geschöpft . Wenn Euch der Staub der Welt überflogen hat und Eure Augen trüb werden wollen , so läutert Euch damit . Meinen hilft ' s nicht mehr . Fahret wohl ! « Am Abend desselben Tages ging Ekkehard auf den Berg , an den sich das Kloster anlehnt