darauf verlassen kann . Frag dich nun selber , ob es sicher ist . « Die Schwester trat fest und aufrecht vor den Bruder hin . » Und ich tu ' s eben nicht ! « rief sie , seinen Ton nachahmend , indem sie dabei auf den Boden stampfte . » So gefällst du mir « , sagte er lachend . » Komm , setz dich wieder . Sei nur standhaft und laß dir sonst weiter keine graue Haar wachsen . Ich bin ja um den Weg . Wenn sie dir den Futterkasten gar zu arg versperren , so will ich dein Rabe sein , und wenn des Alten Hand zu schwer wird über dir , so will ich dazwischen springen und die schwersten Streiche auffangen . Du weißt ja , er ist leicht abzuleiten : wenn er Hist töbert , so braucht man ihm nur mit einem ungäben Wort zu kommen , dann läßt er Hist fahren und tobt Hott . Laß mich nur machen , ich will dir den Regen mit dem Dachtrauf vom Leib halten , ich hab ja ein dickes Fell . « Magdalene wurde vollends ganz zuversichtlich , während sie dieses Schutz- und Trutzbündnis verabredeten . » Verlaß dich nur auf mich « , sagte sie , » ich will zäh sein wie eine Katze . « » Recht so « , erwiderte Friedrich . » Was will das bißle Ungemach heißen , wenn die Alte sich dafür das Gallenfieber an den Hals ärgert . Es ist doch ein wüst ' s Weibsbild , und was sie für abscheuliche Reden führt ! « » Ach , ich hab mich so geschämt « , sagte Magdalene , indem sie wieder zu weinen begann und den Kopf auf ihres Bruders Schulter legte . » Sie hat mir das Herz im Leib herumgedreht mit ihren bösen Worten . Ich will ja dem Mann sonst nichts Schlimmes nachgesagt haben , aber warum soll er mir denn mit ' s Teufels Gewalt gefallen ? Es ist ja doch wahr , daß er alt ist und häßlich , und soll ich denn das nicht sagen dürfen ? « » Freilich darfst du ' s sagen , und ein recht ' s Mädle darf wohl ein Aug auf ein Mannsbild haben und lugen , ob was Wohlgefälliges an ihm ist oder nicht . Die Heuchlerin , die ! Glaub mir nur , wenn eine so verdammlich und augenverdreherisch redet und so den Willen Gottes vom Zaun bricht , die ist gewiß ein fauler Apfel . « » Ach geh , du wirfst das Beil auch gleich zu weit hinaus . Nachsagen kann man ihr nichts , und sie hat dem Vater immer genau Haus gehalten , nur gar zu genau . « » Meinetwegen , aber was sie da von ihrer Jugend schwätzt , das ist die lautere pure Heuchelei , und eh ich ' s ihr glaube , eher glaub ich , daß sie ein Hufeisen verloren hat . Für was braucht sie bei dir gleich auf so schandliche Gedanken zu kommen ? Es sucht keiner den andern hinterm Ofen , er sei denn selber dahinter gesteckt . Bleib du bei deiner Art und schäm dich nicht . Der lieb Gott hat nichts dawider , wenn dir ein frischgrüner Apfelbaum besser gefällt als eine dürre Pappel . Was , Dummheit ! Gleich und gleich gesellt sich gern . « » Ja , du scheinst mir auch ein feiner Hecht zu sein ! « » Mit den Alten werd ich ' s niemals halten , soviel ist gewiß . Jetzt möcht ich nur mein Schwesterle recht anständig versorgt sehen . Wart einmal , wir haben ja die Auswahl unter den jungen Burschen , wollen geschwind Musterung halten . « » Ach , schwätz nicht so überzwerch heraus . « » Mit welchem soll ich denn gleich anfangen ? Ja , da ist zum Exempel heut abend der untere Müller dagewesen , der Georg . « Er bemerkte ein leichtes Zucken an seiner Schwester und drehte ihr Gesicht zu sich herum . » Was ? « rief er , » hab ich gleich auf den rechten Busch geklopft ? Es ist nur schad , daß ich in der Dunkelheit nicht sehen kann , wie du dazu aussiehst . « » Laß mich zufrieden « , sagte sie . » Ich hab was Nötigeres zu tun jetzt , als nach den jungen Burschen auszuschauen . Behalt deinen Spott bei dir . « » Wenn dir ' s Ernst mit ihm ist , morgiges Tages bring ich ihn herbei , und wenn ich den Kälberstrick dazu nehmen müßte ! Ich bin ihm ohnehin noch eine Rache schuldig . Er hat mich einmal helfen liefern , und wiewohl ich ihm das nach Gestalt der Sachen nicht sonderlich nachtrage , so wär mir ' s doch zweimal recht , ihn zur gnädigen Straf an eine lebenslange Kette zu legen . « » Still , still ! « rief sie und hielt ihm , übrigens erst , nachdem er ausgesprochen hatte , die Hand auf den Mund . » Komm , es ist schon so spät , wir müssen ins Bett . Der Vater könnt lärmen . « Sie gingen leise in das Haus zurück und sagten einander gute Nacht . Friedrich aber wartete , bis seine Schwester in ihre Kammer hinaufgehuscht wär , und sagte : » Ich muß doch probieren , ob man heut noch Wind und Wetter beobachten kann . « Er schlich über den Öhrn , klinkte unhörbar die Türe zum Wirtszimmer auf , wo ein Knecht in der Ecke schnarchte , durchmaß das Zimmer mit großen Schritten , aber so lautlos , daß ihm kaum der Sand unter den Füßen knisterte , ging durch ein zweites kleineres und legte das Ohr an die Türe , die ins Schlafgemach seiner Eltern führte . Er hatte sich nicht getäuscht , sie waren noch in einer Gardinenunterredung begriffen . » Auch wider den untern Müller hätt ich eigentlich nichts einzuwenden « , hörte er seinen Vater sagen . » Wie kommst du denn auf den ? « fragte die Sonnenwirtin dagegen . » Mir deucht ' s seit einem Vierteljahr oder so etwas her , daß er ein Aug auf das Mädle hat . Er hat mir schon so eine Art Wink gegeben , freilich nicht mit dem Holzschlegel , denn er hat gar einen besonderen Stolz . Aber er ist ordentlich , bringt sein Sächle vorwärts und tät auch sonst besser für ein jungs Mädle passen als so ein alter Krachwedel . « » Ei , Alterle , wie tust du doch so jung ! « erwiderte die Sonnenwirtin . » Übrigens hab ich ebenmäßig nichts wider den Müller , und dem könntest du außerdem einen großen Gefallen erweisen . Ich hör , er will bauen , und da werden ihm ein paar tausend Gulden eine Frau erst recht wert machen . « » Das geht nicht ! « brummte er dagegen . » Von der Sonne kann ich nichts weggeben . Die ist und bleibt der Grundstock in der Familie , die darf nicht einen Strahl von ihrem Glanz einbüßen . « » Dann wird er wenig Lust haben « , sagte sie . » Zum Bauen hat er das Geld nötig . So wacker er ist , so ist er doch noch zu jung , als daß ihm jemand so viel leihen tät ! Also muß er ' s erheiraten . « » Soll anders wohin gehen . « » Der Chirurgus dagegen sagt , es sei eine Schande für einen Mann , wenn er beim Heiraten aufs Geld sehe . Er begehrt nichts dazu , er sagt , deine Tochter wär ihm lieb , und wenn sie nackt und bloß zu ihm käme , er wolle sie schon ernähren . « » Nu , wenn sich kein anderer meldet , so kann er sie haben . « » Ja sieh , aber er pressiert eben und wird auch nicht gerad warten wollen , bis es uns gefällig ist . Mit dem Probieren ist ' s so eine Sach . Die Mannsleut sind nicht so uninteressiert heutzutag . Wenn nun kein anderer käm , und der Chirurgus ging sonstwo auf die Brautschau , so blieb eben das Mädle sitzen , und das wär doch ein Spott und eine Schand . « » Hm ! « brummte der Sonnenwirt . » Der Habich ist besser als der Hättich « , fuhr die Frau fort , » und wenn man einmal etwas tun will , so tut man ' s besser gleich , damit ' s nachher nicht zu spät ist . Mir kann ' s zwar soweit einerlei sein ; es ist dein Kind und nicht meins . Was geht ' s mich an , wenn sie eine alte Jungfer werden will ? Meinetwegen kann sie in der Wirtschaft bleiben , solang sie mag . Deshalb ist mir ' s am liebsten , wenn ich dabei ganz aus dem Spiel bleiben kann . Nichts Schwereres für eine Stiefmutter , als solcherlei Pflichten zu erfüllen ; denn wenn ich noch so gut sorge , so bin ich doch eben die rechte Mutter nicht , und wird mir mein Sorgen noch obendrein verdacht . Mach du die Sach mit deiner Tochter ab . Sprich mit ihr und frage sie , was ihr gefällig sei . « » Fragen ! « brauste der Sonnenwirt auf . » Man wird so ein Ding noch lange fragen . Sie soll froh sein , wenn man sie versorgt . Nun ja , der Haue muß ein Stiel gedreht werden . Also , wenn kein anderer um den Weg ist , so mag ' s mein ' thalben der Chirurgus sein . Aber da soll er sich nur das Maul abwischen : bar Geld kriegt er keins von mir . « » Sei ganz ruhig . Bis wann soll denn die Sach jetzt richtig werden ? « » Das laß ich dir über . « » Sieh , Schwan « , hob die Sonnenwirtin mit einem freundlichen und überzeugenden Tone an , » ich hab das schon vorausbedacht , denn ich muß ja doch an alles denken . Weißt , morgen ist ja der Monatstag , da kommen die geistlichen Herren wieder zusammen . « » Hm « , brummte der Sonnenwirt . » Der Amtmann wird auch dabei sein , vielleicht sogar der Vogt von Göppingen . « » Hm , ja . « » Und weil unser Haus eigentlich doch auch ein wenig über den Leisten geschlagen ist , so könnte man dem Ding einen Anstrich geben , daß es ein recht gesellschaftliches , fürnehmes Aussehen bekäme . Weißt , auf so was verstehst du dich ! Wenn die Herren dann aufstehen müssen und Gesundheit trinken , so wird der Verspruch zur Hauptsach , und die Herren mögen wollen oder nicht , sie sind dann eigentlich nur um des Verspruchs willen da . « Der Sonnenwirt hatte immer beifälliger gebrummt . » Dabei soll ' s bleiben ! « sagte er endlich . » Aber jetzt laß mich schlafen , hast mir die Zeit lang genug gemacht . « Auch Friedrich hatte genug gehört . Leise , wie er gekommen wär , schlich er hinaus und begab sich auf seine Kammer , wo er lange nicht schlafen konnte . Als er in der Frühe seiner Schwester auf der Treppe begegnete und sie ihm guten Morgen sagte , klang ihre Stimme gar nicht so entschlossen wie vergangene Nacht . » Du machst ja ein Gesicht wie die Katz , wenn ' s donnert « , raunte er ihr zu ; » stell dich krank , Magdalene , stell dich krank und mach , daß du nur über den Tag hinüberkommst . « » Es wär keine Verstellung « , erwiderte sie , » wenn ich mich wieder legte . « » Tu ' s , tu ' s ! « rief er und sprang die letzten acht Staffeln mit einem Satz hinab . Er ging den Fußweg am Bache hin , der mitten durch den Flecken läuft . Die Gänge der Mühle klapperten ihm eifrig entgegen . Von der Brücke aus sah er den jungen Müller im Hofe beschäftigt , allerlei Holz zusammenzusägen . Er blieb unschlüssig stehen , als aber jener aufblickte , setzte er sich in Bewegung , als ob ihn der Weg zufällig hier vorüberführe . » Guten Morgen « , rief er in den Hof hinein . » Schön Dank . « » Treibt ' s gut um ? « » So so , la la « , war die verdrossene Antwort . » Ich glaub , an dir ist ein Zimmermann verloren gangen « , sagte Friedrich , indem er näher trat und sich gegen die Mauer lehnte . » Hm , ' s ist nur so ein wenig gebosselt . « » Man sagt ja , du wollest bauen , Georg ? « » Willst mir dabei an die Hand gehen , Frieder ? « » Ja , ich ! Was hätt ' st du von mir ? Soll ich dir Steine zutragen ? « » Hm , ja , aber solche , wo der Karl Herzog drauf geprägt ist . « » Oder der alt Kaiser ? Du hast ' s gut vor , Brüderle , solche Bausteine sind mir zu schwer , die muß ich liegen lassen . « Die beiden sahen einander an , und ihre scheinbar gleichgültigen Mienen spielten ein langes stummes Frag- und Antwortspiel . » Ich muß eben sehen , wie ich ein Dukatenmännle ins Haus krieg « , sagte der Müller endlich . » Vielleicht wissen mir die Zigeuner eins . « » Oder ein Bettelmädle mit ein paar tausend Gulden « , entgegnete Friedrich , den Stich verbeißend . » Weißt mir eine ? « fragte der Müller und sah ihn forschend an . Friedrich schlug die Augen nieder und wühlte mit dem Fuß im Sägmehl , das am Boden lag . » Ist denn das Bauwesen so nötig ? « fuhr er endlich in seiner Verlegenheit heraus . » Justement so nötig , als dein Geschwätz unnötig ist « , war die Antwort . » Oh , ich will nicht lang mit dir ränkeln , du zuckerigs Bürschle , du . Bau du mein ' twegen so hoch , wie der babylonisch Turm gewesen ist . « Dieses brummend , nahm er einen verdeckten Rückzug , das heißt , er setzte den eingeschlagenen Weg an der Mühle vorüber fort , um in einem weiten Bogen wieder nach Hause zu kommen . Der junge Müller sah ihm verwundert und ärgerlich nach . » Ich glaub , der hat Maulaffen feil « , brummte er , indem er wieder zur Säge griff . » Die Katz maust links , die Katz maust links ! « sagte Friedrich zu sich , mit bedenklichem Gesichte seine Schritte fördernd . » Ich wollt nur , daß der Tag im Kalender durchgestrichen wär . « Von Not und Eifer getrieben rannte er dahin , obgleich er eigentlich nicht wußte , warum er zu eilen habe ; es wär eine Aufregung in ihm , die seinem Gesicht in diesem Augenblick ein besonders kräftiges Aussehen gab . Die Leute , die auf der Straße oder an den Fenstern waren , mußten ihn unwillkürlich mit Wohlgefallen betrachten , und ein Mädchen , das ihm begegnete , grüßte ihn auf eine Weise , die trotz seiner gedankenvollen Selbstvergessenheit nicht unbemerkt von ihm blieb . Es wär ein schlankes Mädchen mit gelben Zöpfen , noch sehr jung und von auffallend hellen Gesichtszügen ; in ihren Mienen lag eine eigentümliche Mischung von Zutraulichkeit und Unschuld . Sie grüßte ihn mit dem gebräuchlichen Bauerngruße , das heißt , sie » wünschte ihm die Zeit « , aber mit einem Blicke , der , so schnell und schüchtern er vorüberglitt , eine Freundlichkeit , eine gewisse Teilnahme und Hingebung aussprach , die nur in einem Blicke so ausgesprochen und eben deshalb nicht weiter beschrieben werden kann . Genug , ihm wär , als hätte sich das junge Mädchen mit diesem Blicke ganz und voll und warm in seine Arme gelegt , und er , für einen solchen Eindruck nichts weniger als unempfänglich , fühlte sich hingerissen , obgleich er sich erst einige Sekunden nach der Begegnung bewußt ward , daß er gegrüßt worden sei , daß er einen Blick dabei wahrgenommen und daß dieser Blick ihm gegolten habe . Jetzt erst blieb er stehen und sah ihr nach . Sie wär schon ziemlich weit entfernt , und ihre Zöpfe flogen lustig hinter ihr her . » Ich kenn doch jedes Kind hier « , sagte er , » ist ' s vielleicht eine Fremde ? Sie trägt sich übrigens ganz Ebersbachisch . Aber das ist ein blitznett ' s Schelmengesicht ! « - Er wäre ihr gerne nachgegangen , aber er scheute die Mühle . Auch fiel ihm nur allzubald die Sorge wieder aufs Herz , die ihn aus dem Hause getrieben hatte . Er wandte sich , durchmaß einige Gäßchen , ging weiter oben über das Wasser zurück und kam unverrichteter Dinge nach Hause , wo ihm ein vielsagender Duft aus der Küche entgegenströmte . Nach dem Essen , als er Gelegenheit fand , einen Augenblick mit seiner Schwester allein zu sein , fragte er sie : » Ist dir ' s noch wie gestern ? « Magdalene versuchte zu lachen ; es wollte ihr aber nicht recht gelingen . » Ich tu ' s eben nicht ! « flüsterte sie , indem sie in der gestrigen Haltung auf den Boden stampfte ; aber ihre Stimme klang wie eine ohnmächtige Einsprache gegen das Schicksal , und über ihre Augen flog ein Nebel hin . Die Geschwister hörten des Vaters Tritt ; da stoben sie auseinander . Friedrichs Beklemmung stieg immer höher . Der Geist der Gewalttätigkeit begann in ihm wach zu werden . Er ging unruhig durch das Haus und suchte ein Brett , das ihm gerecht wäre . Dann stieg er auf den Boden , um Erbsen zu holen . Er wollte dem Chirurgus einen halsbrechenden Empfang bereiten . » Wenn sie mich auch wieder nach Ludwigsburg schicken « , dachte er , » was tut ' s ! « Als er aber mit seinen Vorbereitungen fertig wär , fiel es ihm ein , daß die geistlichen Herren , die heute ihr » Kränzchen « in der Sonne hatten , mit nächstem anrücken würden , und er entsagte seinem Attentat . Vor der Klerisei hatte er einen wohlbegründeten Respekt . Denn , dachte er in seiner rohen Weise , statt des Chirurgen könnt mir auch einer von den Pfarrern abe hageln , und das tät mir schlimmer gedeihen , als wenn ich meinem Vater einen Strick um den Hals gemacht hätt und hätt ihn an den Schild hinausgehenkt . Nicht lange , so erschienen die ersten der erwarteten Ankömmlinge . Von ihren weitschößigen schwarzen Röcken umrauscht , stiegen sie ernsthaft die Treppe empor , und ihre weißen Bäffchen oder Überschlägchen , wie man dieses geistliche Würdezeichen in Süddeutschland heißt , begleiteten ihre Unterredung , indem sie , beim Sprechen von den Halsmuskeln in Bewegung gesetzt , taktmäßig über der Brust auf und nieder klappten . Arglos überschritten die Pastoren die verhängnisvolle Staffel , die , wenn Gedanke und Tat ein Ding wären , ihnen ein Stein des Anstoßes und gewiß auch nicht geringen Ärgernisses geworden sein würde . Dem Chirurgus hatte es sein guter Geist eingegeben , daß er die Nachhut bildete , und so gelangte auch er wohlbehalten unter den Fittichen der geistlichen Macht herauf . Die Herren verfügten sich in ihr besonderes Kabinett . Die übrigen Mitglieder der Gesellschaft ließen nun auch nicht länger auf sich warten ; als die allerletzten kamen , um keine unschickliche Eile zu beweisen , der Pfarrer und , Saul unter den Propheten , der Amtmann des Orts . Mittlerweile fanden die dampfenden Schüsseln ihren Weg aus der Küche ins Kabinett . Die Sonnenwirtin und Magdalene trugen sie . Letztere hatte , als einen schwachen Versuch , sich mit Krankheit zu entschuldigen , ein Tuch um den Kopf gebunden , das ihr aber noch unterwegs von der sorgsamen Mutter abgerissen wurde . » Morgen kannst Kopfweh haben , soviel du willst « , sagte sie , » aber heut darfst nicht wehleidig sein . « Der Sonnenwirt begnügte sich , die Herren zu empfangen , ins Kabinett hinein zu komplimentieren und von Zeit zu Zeit nachzusehen , ob nichts fehle . Der Chirurgus durfte die Flaschen auftragen helfen , was dem Amtmann und dem Pfarrer Anlaß gab , ein wenig zu sticheln . Nachher hatte er die Ehre , einem von den Herren Schnupftabak zu besorgen , und zuletzt , als man nichts mehr von ihm wollte , zog er sich mit einer feinen Wendung zurück . Mit dem Hauptauftritt mußte man natürlich warten , bis die Herren ihre nächste Aufgabe , nämlich die teils gebackenen , teils blau abgesottenen Forellen vom Tische verschwinden zu machen , bereinigt haben würden . Friedrich war mit der Aufwartung im gewöhnlichen Wirtszimmer bei den Fuhrleuten betraut worden , erhielt aber nach einiger Zeit durch Vermittlung seiner Mutter , die ihm doch nicht recht traute , vom Vater den Befehl , in den Stall zu gehen und die Pferde zu füttern . Die unschuldigen Tiere mußten sich dabei manchen Puff gefallen lassen . Als er wieder heraufkam , sah er , was ihm sein Verstand schon gestern abend hätte voraussagen können , seine Schwester als » glückliche Braut « . Der Vater hatte sich inzwischen die Freiheit und die Ehre genommen , sie als solche im Kabinett vorzustellen , das man , um der Sache mehr Öffentlichkeit und Ansehen zu geben , gegen das Wirtszimmer offengelassen hatte . Die Herren wünschten Glück , stießen mit den Gläsern an und machten etliche versteckte skurrile Witze , alles das , wie es bei solchen Gelegenheiten zu geschehen pflegt . Magdalene knixte mit ängstlichem Lächeln und zwang die Tränen zurück , die freilich sehr nahe waren , aber wie hätte sie vor so gewaltigen Herren wagen können , einen Willen geltend zu machen ? Der Chirurgus stand neben ihr , ganz grün vor Seligkeit . Die Sonnenwirtin freute sich , daß sie den niederdrückenden Einfluß , den die Herrengesellschaft auf das Mädchen üben würde , so sicher voraus berechnet hatte . Der Sonnenwirt schmunzelte und schwamm in Wohlbehagen über die honoratiorenschaftliche Haupt- und Staatsaktion . Friedrich seinerseits ließ im Wirtszimmer seine festliche Bewegung an einer Flasche aus , die , als sie mit lautem Klirren am Boden zerbrach , die allgemeine Stimmung durch Schrecken , Lachen , Zorn und Scheltworte hindurch in das gewöhnliche Geleise zurückbrachte . Die Türe des Kabinetts schloß sich wieder , die Wirtschaft ging ihren Gang , und als die Herren abends ihre Sitzung aufhoben , blieb es ein Geheimnis , was der Gegenstand ihrer Unterhaltung gewesen war , ob die Ewigkeit der Höllenstrafen oder die Aufbesserung der Besoldungen . Nur eines hatte sich entschieden und unabänderlich festgestellt , nämlich , daß Magdalene jetzt das wär , was sie vergangene Nacht um keinen Preis , selbst nicht um den Preis ihres Lebens , hatte werden wollen . Friedrich redete den ganzen Abend kein Wort mit seiner Schwester . Als sie ihn einmal lange schüchtern und bittend ansah , antwortete er mit einem Blick , der ihr deutlich sagte , daß er , wenn er Gelegenheit hätte , seinen tollen Jähzorn tätlich an ihr auslassen würde . Sie vermied es deshalb , allein mit ihm zusammenzutreffen . Da man ihr jetzt keinen Zwang mehr antat und ihr Bräutigam , geduldig auf besseres Wetter wartend , sich beizeiten nach Hause gemacht hatte , so ging sie noch vor dem Abendessen zu Bette . Auch diese Nacht konnte Friedrich die Augen lange nicht schließen . Es war ihm sehr übel zumute . Der Zorn über das feige Benehmen seiner Schwester hatte sich in eine seltsame Bangigkeit verwandelt . Er fühlte sich ganz im Stich gelassen und begann zu ahnen , daß ihm das Leben noch harte Nüsse zu knacken geben werde . Daß die Menschen nicht seien , wie sie sein sollten , das war ihm klar geworden ; wie er aber selbst unter solchen Umständen eigentlich sein sollte , das wußte er so wenig , daß es ihm nicht einmal einfiel , auch nur die Frage an sich zu stellen . Mitleid , Angst , Empörung wechselten auf die wunderlichste Weise in ihm ab , und das Heimweh nach der sichern Umfriedigung des Zuchthauses kehrte ihm aber und abermals zurück . Er hatte es mit angesehen , wie neben den Verbrechern auch arme Waisen zu nicht schimpflicher Arbeit in dasselbe aufgenommen wurden , und ihr Los wollte ihn wie ein neidenswertes Glück bedünken . Aber mitten unter diesen verschiedenen Regungen fand er noch Raum genug in seinem Herzen , um mit vielem Behagen an das hübsche Mädchen zu denken , das ihn heute auf der Straße gegrüßt hatte . 4 Der Jüngling , dessen groben , verworrenen Lebensfaden wir zu verfolgen unternommen haben , war , als er die väterliche Schwelle wieder betrat , über eine jener unsichtbaren Grenzen geschritten , welche sich durch die Gesellschaft und durch den einzelnen Menschen selbst hindurchziehen . Er empfand vor seinem Vater , wo nicht Achtung , denn zu dieser gehört ein ausgebildeteres Bewußtsein , so doch eine unbestimmte Scheu , ja sogar unter rauher Decke einen Rest kindlicher Zuneigung ; und dennoch sagte ihm ein unbestechliches Gefühl , daß er durch den bloßen Rücktritt aus dem Kreise des Waisenpfarrers in den Kreis des Sonnenwirtshauses um eine Stufe gefallen sei . Das Leben war hier ein ganz anderes und wies mit seinen alltäglichen und doch gebieterischen Zwecken so manche Forderung der reifenden Seele zurück , welche dort , obwohl unter dem einförmigen Frondienst des Wollekrämpelns , von einem Geiste , den seine Zeitgenossen apostolisch nannten , geweckt worden war ; aber die fortgesetzte Berührung mit dem Alltagsleben mußte auch zugleich die Wirkung haben , daß dieses Gefühl allmählich wieder in ihm abgestumpft wurde . Sein blutiges Handwerk , wie es das unendliche Weh , das aus den stummen Augen der Tiere jammert , zum Schweigen brachte , so schlug es auch die verwandte Stimme in der Menschenbrust nieder . Daneben waren die Gäste , mit denen er täglich in der Wirtsstube zu tun hatte , gewiß lauter » ehrliche Leute « , aber wahrhaftig keine Tugendspiegel , und er hatte nur zu viele Gelegenheit , die mehr oder minder klare Betrachtung anzustellen , daß Achtbarkeit und guter Ruf in dieser Welt sehr oft weniger von einem streng ehrlichen und sittlichen Wesen , als von Klugheit und zufälligen Umständen abhängen . Je minder klar aber diese Betrachtung in ihm aufstieg , desto gefährlicher war sie ihm . Überhaupt wußte sein Kopf nichts von Nachdenken , sondern nur von raschen Eindrücken , die sich unter lärmenden Zechgenossen und auf dem Tanzboden entweder befestigten oder ebenso rasch wieder verdampften . Dieses Bedürfnis , eine immer rege mißbehagliche Unruhe zu verjubeln , söhnte ihn auch wieder mit seiner Schwester aus , bald nachdem sie dem aufgedrungenen Bräutigam angetraut worden war . Denn da sie von ihrem Manne ziemlich leidlich behandelt wurde , so hatte sie dann und wann den Trost , dem geliebten Bruder einen auf die Seite gebrachten Groschen zustecken zu können , und Friedrich , den der Vater sehr kurz zu halten für gut befand , verschmähte die klingenden Beweise der Schwesterliebe nicht . Während er auf diese Weise teils gleichgültig , teils in dumpfer Lustigkeit dahinlebte , kehrten auch seine äußeren Umstände ganz in das gewöhnliche Geleise zurück . Zu Hause ging er unangefochten aus und ein und stand mit der Stiefmutter in jenem mürrischen Verkehr , wo Gewohnheit die Stelle der Liebe vertritt . Auch in der Gemeinde wär er geduldet ; niemand zeigte sich ihm widerwärtig , mancher blickte ihn freundlich an , und des Makels , der auf ihm haftete , schien nicht gedacht zu werden . Ihm selbst war nicht wohl und nicht wehe ; mit dem Zuchthause hatte er auch den Waisenpfarrer vergessen . Ein strenges Gesicht machte ihm niemand mehr als der Amtmann . Aber dies hatte wenig zu sagen , denn der Amtmann galt persönlich nicht sehr viel bei der Gemeinde und zu Hause gar nichts ; auch nahm der im Grunde gutmütige und schwache Mann eigentlich nur deshalb eine Amtsmiene gegen ihn an , weil er ihn einmal in Untersuchung gehabt hatte und ihn nun , wo nicht mit Worten und Werken , so doch mit Gebärden polizeilich überwachen zu müssen glaubte . Dagegen war er bei der Frau Amtmännin sehr gut angeschrieben , und zwar zu seiner eigenen Verwunderung besser , als er es verdiente , denn er hatte sich schon manche boshafte Bemerkung über ihr Pantoffelregiment erlaubt . Vielleicht wär ihr nichts davon zu Ohren gekommen ; genug , die stolze , kräftige Frau empfand eine gewisse Teilnahme für den jungen Burschen , der schon so früh über die Schranken der bürgerlichen Ordnung gesprungen war . Es schien ihr nicht unangenehm zu sein , wenn sie ihren Fleischbedarf von ihm ins Haus getragen bekam , und der alte Sonnenwirt , der keine Art von Gnadenschimmer aus den Augen ließ , sorgte alsbald dafür , seinem Sohne dieses Ehrenrecht auf dem Wege des Herkommens zu überweisen . Die gestrenge Frau pflegte ihn dabei sehr huldvoll zu behandeln , sie reichte ihm manchmal ein Glas Wein , ermahnte ihn zu vernünftiger Aufführung , ergötzte sich aber besonders gerne an seinen eigentümlichen freimütigen Äußerungen . An solchen ließ es Friedrich selten mangeln ; denn wenn er einmal seine Schüchternheit gegen Vornehmere überwunden hatte , so tat er seiner Zunge , zumal wenn aufgemuntert , keine Gewalt mehr an . Die Gunst