» du bist doch schon so ein erwachsenes und vernünftiges Mädchen , daß du nicht früher zur Madame Wundel gegangen und sie um etwas Milch gebeten hast ; sie hätte es dir auch nicht abgeschlagen . Da muß man nachdenken , mein Kind ; ihr hättet schon um acht Uhr eure Milchsuppe essen können , und nun habt ihr bis jetzt gehungert . « » Es war noch ein Stück Brod in der Schublade , « erwiderte die jüngere Schwester , » und das haben wir drei gegessen . « Der alte Mann schaute träumerisch an die Decke empor und sagte : » Tante Cloe steht am Küchenfeuer und aus ihrer Bratpfanne hervor dringt der Geruch von was Gutem ; sie hat eben noch ein Stück Speck hineingethan und bemerkt , daß der Kuchen sich wunderschön färbt , daß er sich zu einem prächtigen Braun anläßt : darauf hebt sie den Deckel der Backpfanne weg und läßt einen schöngebackenen Pfundkuchen sehen , dessen sich kein städtischer Zuckerbäcker zu schämen gebraucht hätte . - Ah ! « fuhr er mit lauterer Stimme fort , » es ist etwas sehr Vortreffliches um so einen Kuchen . « Bei dem Worte Kuchen wandte das Bübchen rasch den Kopf herum und seine Theilnahme für die Milchsuppe wurde augenscheinlich geringer . » Der Papa spricht von Kuchen , « sagte die kleine Schwester zu Clara ; » haben wir vielleicht welchen ? « » O nein , « entgegnete die Tänzerin in bitterem Tone . » Papa spricht nur einiges vor sich hin aus dem Negerleben von Amerika . « Das Bübchen aber gab sich nicht so leicht zufrieden , sondern er wandte den Kopf herum und rief laut : » hast du Kuchen , Papa ? Du hast was von Kuchen gesagt ? « » Ich habe eigentlich nur laut gedacht , « versetzte der alte Mann mit einem trüben Lächeln ; » ich hatte vorhin gelesen von den armen Negersklaven - « » Die Kuchen essen ? « fragte das Mädchen . » Allerdings , mein Kind , « sagte der Vater träumerisch , » die Kuchen essen und ein warmes behagliches Zimmer haben . « Dabei rieb er sich die Hände und zog den alten fadenscheinigen Ueberrock fester um seine Schultern . » Ah ! « antwortete das kleine Mädchen , indem sie ihren Kopf auf die Hände stützte und in die dünne Milchsuppe schaute , » wenn sie Kuchen essen , so sind sie ja nicht arm . - Wir haben keinen Kuchen zu essen und oft kein warmes Zimmer ; also sind wir auf jeden Fall noch viel schlimmer daran . « » Das Kind hat in mancher Beziehung nicht unrecht , « sprach kummervoll der alte Mann , indem er seinen Blick umherlaufen ließ auf den kahlen Wänden seiner Wohnung , auf den ärmlichen Möbeln und Betten , und ihn dann auf die kleine Schüssel voll Milch heftete , in welche zwei Kreuzerbrode gebrockt waren , und die ein vollständiges Abendessen abgeben sollte für vier Personen , die bis Abends zehn Uhr gefastet . - - » So , jetzt ist es angerichtet ! « rief die Tänzerin mit lustiger Stimme . Sie wollte dadurch alle trüben Gedanken verscheuchen . » Jetzt laß deine Schreiberei sein , Papa , und komm ' zu Tisch . « » Das reicht ja kaum für euch aus , « entgegnete dieser , » eßt nur , eßt nur , ich schreibe noch . « Doch blickte er , seinen eigenen Worten widerstreitend , sehnsüchtig nach dem Tische , und als das kleine Mädchen ihm entgegenlief und ihn bei der Hand fortzog , brauchte sie gar keine Kraft anzuwenden , um ihn bis an die Milchschüssel zu bringen . Die Familie setzte sich um den Tisch herum ; Jedes hatte seinen Löffel ergriffen , doch ehe das Abendessen eigentlich begann , mußte sich das Bübchen entschließen , sein gewöhnliches Tischgebet herzusagen . Es faltete die Hände und sprach : » Komm , Herr Jesu , sei unser Gast , und segne was ich bescheeret hab ' . « Es war dies ein Sprachfehler , den man ihm trotz aller angewandten Mühe nicht abgewöhnt hatte , und den er sich heute Abend vollends nicht verbessern ließ , denn seine ganze Seele schwamm in der Milchschüssel . So ging nun das Nachtessen vor sich , und die kleine Familie beim flackernden Scheine der Talgkerze wäre in ihrer Zusammenstellung ein kleines , herrliches Genrebild geworden . Der alte Mann mit dem wohlwollenden freundlichen Gesichte , der nur mit großen Zwischenpausen aß , die junge schöne Tänzerin in dem ärmlichen Kleidchen , das volle schwarze Haar aber frisirt wie eine Fürstin und aus demselben hervor zahllose falsche Brillanten blitzend . Sie behauptete , fast gar keinen Hunger zu haben , und schaute mit dem liebenden Blick einer jungen Mutter den beiden kleinen Geschwistern zu , die eine Wette eingegangen zu haben schienen , wer von ihnen zuerst auf den Grund der Suppenschüssel gelange . Wir müssen gestehen , daß sich das Bübchen am Tapfersten hielt , namentlich aber viel Milch schlürfte und die Brocken mehr oder weniger verschmähte . Doch ist hiebei nicht zu übersehen , daß es von dem Stück Brod vor ein paar Stunden das größte Drittel erhalten . » Karl , Karl ! « sagte Clara , die ihm lächelnd zusah , » du vergißt wieder ganz die Geschichte von dem Kinde und der Eidechse . Das mußt du ihm erzählen , Marie . « Und darauf sprach die kleine verständige Schwester : » das Kind saß vor der Hausthüre und hatte ein Schüsselchen mit Milchsuppe vor sich stehen , da kam die Eidechse und aß mit , aber die Eidechse trank blos die Milch und ließ die Brocken liegen , da nahm endlich das Kind sein Löffelchen « , schlug das Thier auf die Schnauze und rief : » wenn du mithalten willst , so iß auch Brocken , du Ding ! « » So iß auch Brocken , du Ding ! « wiederholte Clara und schlug den kleinen Bruder zum Scherz abermals mit dem Löffel , auf seinen milchtriefenden Mund , worüber dieser in ein unauslöschliches Gelächter ausbrach , so daß er fast an einem Brocken , den er gehorsam zu sich genommen , erstickt wäre . Jetzt war die Milch fast verzehrt und es blieb auf dem Grund der Schüssel nur eine kleine bläuliche Fluth . » Seht ihr wohl , « rief plötzlich das Bübchen mit großem Ernst : » ihr alle habt wieder nicht an die arme Anna gedacht . Soll sie denn gar nichts zu essen bekommen ? « - Er meinte damit die kleine todte Schwester , die draußen im Vorzimmer lag und den ewigen Schlaf schlief . » Sie will nichts mehr essen , « sagte Marie ; » sie ist ja gestorben und jetzt im Himmel . « Clara , die trotz ihrer Beschäftigung den ganzen Abend an die Verstorbene gedacht , die aber durch ihre Erwähnung den Schmerz des alten Mannes nicht verwehren wollte , zwinkerte leicht mit den Augen und blickte ihren Vater von der Seite an . Dieser hatte , wie schon bemerkt , fast gar nichts gegessen und saß schon lange da mit gefalteten Händen . Denn wenn er auch im Drange der Arbeit nicht so innig an das Kind gedacht , so fiel ihm die Erinnerung an dasselbe jetzt doppelt schmerzlich auf die Seele , als er nun am Tische den leeren Platz sah , wo sonst die kleine Anna auf ihrem Stühlchen gesessen . Er stieß einen tiefen Seufzer aus und seine Augen funkelten auf eine ganz eigenthümliche Art. » Die Anna ist nicht im Himmel , « sagte entschieden das Bübchen ; » wie kann sie im Himmel sein , da sie draußen auf dem Kissen liegt ? Sie kommt erst in den Himmel , wenn sie begraben ist , und das geschieht morgen . « » Schon morgen ? « versetzte der alte Mann und sah seine ältere Tochter fragend an . - » Du hast Alles besorgt , nicht wahr , Clara ? « » Alles so gut wie möglich , « erwiderte die Tänzerin ; » und wenn die beiden Kinder brav sein wollen , so zeige ich ihnen das Kleidchen , in welchem die Anna ein Engelein wird . « Sie stand auf , um das kleine Paket zu holen , blieb aber an der Kommode länger als nöthig war stehen , um ihre hervorstürzenden Thränen , namentlich vor den beiden Kindern , zu verbergen . Da aber diese endlich ungeduldig wurden , so mußte sie wieder kommen und ihnen das Kleidchen zeigen . Nachdem sie den Tisch abgeräumt , schlug sie das Tuch auseinander und breitete es vor ihnen aus . » Das ist schön , « sagte der Knabe ; » ich möchte das Kleidchen wohl einmal anprobiren , mir müßte es recht gut stehen . « » Warte nur , Karl , « entgegnete ernst der Vater , indem er mit der Hand über die Augen fuhr , » einem solchen Kleide entgehst du nicht ; wenn du aber recht brav und folgsam bist , so möge der liebe Gott gnädigst bewilligen , daß du eins bekommst , das noch viermal so lang ist . « » Mir wäre dies schon recht , « antwortete das Bübchen , wobei es die rothen Schleifen durch die Finger gleiten ließ , » das ist wirklich schön . - Und du hast es ganz selbst gemacht ? « fragte er die ältere Schwester . » So schönes rothes Band ! « sagte Marie . » Das sieht doch besser aus als die schwarzen Schleifen . « » Ja , ja , es ist freundlicher , « versetzte der Vater . - » Wo hast du denn das Band noch aufgefunden ? « » Die im Theater haben es mir gegeben , « erwiderte Clara , » und es hat mich recht gefreut , daß sie so viel Antheil nahmen . « » Es ist sonderbar , « sprach lächelnd der alte Mann , » wie die Dinge in dieser Welt so seltsam ihren Platz wechseln . Dies rothe Band , das vielleicht noch gestern in den Haaren einer Tänzerin geflattert , kommt nun morgen in die kühle Erde . Aber es ist schön , daß sie dir so geholfen , es freut mich ; und wenn mein Kind in den Himmel einschwebt , so werden ihnen diese Schleifen dort oben keine üble Nachrede machen . - Amen ! « - » Amen ! « wiederholte auch Clara , und dann setzte sie mit gewaltsam verändertem Tone hinzu : » Aber jetzt , Kinder , zu Bett ! Ihr habt gegessen und getrunken und könnt nun ruhig schlafen . « Dabei lächelte sie durch ihre Thränen und sagte zu dem Bübchen : » Gaislein bist du satt ? « Worauf der Knabe lachend erwiderte : » Oh ! wo sollt ' ich satt von sein ? Ich sprang über ein Gräbelein Und fand kaum ein Blättelein . Aber ich bin schläfrig und bitte dich , liebe Clara , mich zu Bett zu legen . « Dies geschah denn auch ; Clara lockerte zuerst die dünnen Kissen in dem Bett , dann zog sie die Kinder aus und legte sie hinein . Sie krochen dicht an einander hin , um sich zu erwärmen und die ältere Schwester deckte zu dem gleichen Zweck noch einen wollenen Rock über sie hin . Dann sprachen die Kleinen zu ihrem Spasse den Spruch von vorhin ein paar Mal gegenseitig und entschliefen bald unter Lachen und Scherzen . Siebentes Kapitel . Sklavenleben . Der Vater setzte sich an den Schreibtisch , um noch einen angefangenen Bogen zu vollenden , und die Tänzerin zündete eine Lampe an , nahm das Kleidchen und den Kranz von Orangenblüthen und ging in ' s Vorzimmer . - Hier lag das todte Schwesterchen auf emem weißen Kissen und war mit einem Tuche zugedeckt . Als Clara dieses Tuch wegzog , durchschauerte es sie leicht , und als sie darauf das Kind betrachtete , rollte eine Thräne um die andere aus ihrem Auge . Es lag da so ruhig als ob es schliefe , die Augen halb geöffnet , die Händchen über der Brust gefaltet . Daß es wirklich todt war , sah man nur an der gelblichweißen Gesichtsfarbe , an der glanzlosen Haut und an einem schmerzlichen Zug , der um den zusammengepreßten Mund und das spitzige Näschen spielte , und man fühlte das , wenn man , wie Clara es that , das warme lebensfrische Gesicht an die bleichen Lippen des Kindes drückte und dann jene eisige sonderbare Kälte empfand , jene Kälte , die mit nichts Anderem zu vergleichen ist ; jene Kälte , welche die unerbittliche Hand des Todes zurückläßt . Clara deckte das Kleidchen mit den rothen Schleifen über ihre kleine Schwester hin , legte den Blumenkranz auf ihr Haupt und sank dann vor der Kleinen auf die Knie . Das Kind hatte viel gelitten und war in herben Schmerzen gestorben . Vor dem inneren Auqe der Tänzerin gingen Stunde um Stunde die zwei kummervollen Jahre vorüber , welche dies arme Kind durchlebt und welche Clara mit ihm geduldet und gelitten . Das war ein harte Zeit gewesen seit der Geburt der kleinen Anna . Ihre Mutter , Clara ' s Stiefmutter , war wenige Tage nach der Geburt des kleinen Kindes gestorben und die Tänzerin hatte es aufgezogen als wäre es ihr eigenes . Ah ! sie liebte das arme kränkliche Geschöpf mehr als Alles in der Welt . Sie hing in seinen Leiden inniger an ihm , als an dem Vater und den anderen Geschwistern ; es war ihr Eigenthum , sie hatte es sich erobert durch durch die unermüdlichste Sorgfalt , durch unzählige Nachtwachen . Ein halbes Jahr nach der Geburt hatte der Hausarzt gesagt : es ist ein Wunder , Fräulein Clara , daß Sie mit Gottes Hülfe das Kind durchgebracht haben . - Ja , es lebte , es gedieh , und das junge Mädchen sah mit Entzücken , wie es stärker und kräftiger wurde , wie es eines Tags zum ersten Mal lächelte , wie dann lange Unterredungen mit ihr hielt , aber in unartikulirten Tönen , nur ihr allein verständlich . - - - - Und doch mußte es sterben . Wie hatte sie dem Tode diese Beute streitig gemacht ! Wie hatte sie Tag und Nacht über seinem Lager gewacht , am Morgen seinen ersten Blick empfangen , am Abend seinen letzten ! Wie war sie athemlos die vier Treppen hinaufgerannt , um hineintretend zu fragen : » was macht das Kind ? « - Da endlich überfiel es eine neue Krankheit , und schon nach wenigen Tagen ging sein Athem schnell und schwer , sanken seine Augen ein und wurden Mund und Nase spitzig . Wenn sich auch Clara überreden wollte , das seien nur vorübergehende Symptome , und wenn sie auch an jedem Abend die ganze Familie an das Bettchen führte und fragte : » nicht wahr , heute geht ' s mit der Anna besser ? ihre Augen sind lebhafter , ihr Athem leichter , « so schüttelte doch der Hausarzt den Kopf , und der verzweifelte Blick , mit dem die junge Tänzerin an seinen Lippen hing , verhinderte ihn mehrere Tage , die Wahrheit zu sagen . Endlich aber mußte er doch eingestehen , daß alle Hoffnung vergebens sei . - An dem Tage war gerade ein neues Ballet , und Clara mußte tanzen und lustig sein ; aber im Zwischenakte stahl sie sich von der Bühne weg und ging an eine kleine Thüre , welche auf die erste Gallerie führte , und dort wartete sie , bis der Leibarzt des Königs seine Loge verließ . Das war ein alter freundlicher Herr , und als er vorbeigehen wollte , hatte sie sich ihm beinahe zu Füßen geworfen , auch konnte sie lange vor ihren Thränen nicht sprechen . Dem Arzte erschien es natürlich sonderbar , hier von der glänzend gekleideten , aber weinenden Tänzerin angehalten zu werden , doch da er ihr ein paar liebevolle Worte sagte , so war Clara bald im Stande , ihm ihr Leid mitzutheilen . Er versprach nach dem Kinde zu sehen und kam auch noch an demselben Abend zum Erstaunen sämmtlicher Hausbewohner , die seinen Wagen anfahren hörten . Doch zuckte er ebensogut die Achseln wie der Hausarzt , und nachdem er das Kind einige Minuten angeschaut , auch sich nach den Vorgängen erkundigt , tröstete er das Mädchen so gut er konnte und sagte richtig voraus , das kleine Kind werde die Nacht nicht überleben . - - Am andern Morgen war es todt . In Clara ' s Leben entstand eine große Lücke ; sie sah vor sich ein weites , graues Feld , in dessen Mittelpunkte das todte Kind schwebte , das langsam vor ihren Augen versank . - Das Alles überdachte sie in der heutigen Nacht , und all ' die Tage , welche das Kind gelebt , gingen in einem stillen Gebete vor ihrem Geist vorüber . Endlich erhob sie sich wieder , deckte das Tuch über das weiße Gesicht der Kleinen , nachdem sie dasselbe vorher noch mit ihren Küssen und Thränen bedeckt : dann ging sie gefaßter in das Wohnzimmer zurück . Der alte Mann schien eben seine Arbeit für heute Nacht beendigt zu haben , er klappte das Buch , aus welchem er übersetzte , zu , und legte die Feder darauf hin ; dann lehnte er sich in seinen Stuhl zurück und sah nachdenkend vor sich hin . Clara , welche noch keinen Schlaf verspürte , setzte sich ihm gegenüber und bedeckte ihre rothgeweinten Augen mit der Hand . » Das Buch ist ein eigenes Stück Arbeit , « sagte der Vater , » wohl für Amerika berechnet , namentlich jene Distrikte , wo man Sklaven hält oder für deren Abschaffung alle möglichen Schritte thut . Wie es aber mit seinem gewiß vielfach übertriebenen und eingebildeten Elend bei uns so großes Aufsehen machen konnte , ist mir nur dadurch erklärlich , wenn ich überhaupt unsere kindische Sucht nach Fremdem in ' s Auge fasse , oder eine Art wollüstig kitzelnder Grausamkeit annehme , mit der man nach weit entfernten fremden Leiden schaut , da man nicht den Muth hat , das Auge auf den eigenen Weg vor sich zu senken , um hier eine ungleich härtere Sklaverei zu entdecken , tieferen Jammer , größeres Elend . « » Glaubst du das wirklich , Vater ? « fragte nachdenkend Clara , die an jene Unterredung auf der Bühne dachte . » Ob ich es glaube , mein Kind ! « entgegnete finster der alte Mann . » Fragst du mich das im Ernst ? Blicke doch zunächst auf uns Alle , auf dich selbst . Sieh doch , wie es uns bei angestrengtem Fleiße , bei der größten Thätigkeit nicht möglich ist , unsere kümmerliche Lage zu ändern ; sieh doch zu , wie ich mich hier bis Mitternacht mit meiner Feder abmühe , und ohne deine Hülfe , mein gutes Kind , doch nicht im Stande wäre , ausreichend für unsern nothdürftigen Unterhalt zu sorgen . « » Es ist wahr , Vater , es ist sehr wahr . « » Jener Onkel Tom zum Beispiel ist glücklich gegen mich zu nennen ; er ist ein Sklave geboren , und konnte , ich gebe zu , daß es sehr traurig ist , von einem Tag auf den anderen gewärtigen , was ihm endlich zugestoßen . Und wenn nun diese Geschichte wirklich wahr , wenn solche Grausamkeiten dort jenseits der Meere verübt werden , so haben seine Leidensgenossen das Mitleid aller Nationen für sich ; man beklagt ihr Dasein , man bejammert ihr Schicksal , man thut durch Wort und Schrift , was man kann für Erleichterung des Looses jener schwarzen Sklaven , während man dagegen zu Hause wieder Alles thut , um uns recht hinabzudrücken , recht den Fuß auf den Nacken zu setzen , uns , den weißen Sklaven der Armuth und Geburt . - - Die Verfasserin , « fuhr der alte Mann nach einer Pause fort , eine Amerikanerin , Augenzeuge des von ihr geschilderten Sklavenlebens , hatte gewiß die schönste und lobenswertheste Absicht . Glaubst du vielleicht , mein Kind , daß der Gedanke , Etwas zur Beglückung jenes gedrückten Theiles des Menschengeschlechtes beizutragen , die zahllosen Buchhändler in unseren damit und mit so vielem Anderem gesegneten deutschen Landen vermocht hat , das Publikum mit Onkel Tom ' s Hütten zu überschwemmen , in Wort und Bild , in Gesängen und Theaterstücken ? - Glaubst du das ? - Ich nicht ! Ich habe von einem gehört , der seinen Enthusiasmus so weit trieb , daß er seine sämmtlichen Zimmer mit Schilderungen aus jenem Negerleben ausschmückte , in übermäßiger Freude , daß er endlich etwas gefunden , was in den jetzt interesselosen Zeiten nach seinem Ausdrucke zieht . Tritt doch hin vor diesen - geistigen Sklavenhändler , der dir die Arbeit ruheloser Tage und schlaflosen Nächte , der dir ein Stück deines Inneren , das du ihm geschrieben , anbietest , abfeilscht , ja abjaunert , der dir ein paar magere Kreuzer hinwirft für dein bestes Herzblut ; - tritt doch vor ihn hin und sage ihm , du habest auch eine Elise gefunden , deren Mann , ein fleißiger Mann , sich von ihr und ihrem Kinde trennen müsse und weit über ' s Meer fliehen , weil er hier kein Brod für sich und die Seinen mehr findet . Der hiesige Georg ist freilich kein Sklave , und sein Weib und sein Kind sind bei keiner guten Herrschaft , die sie auf ' s Freundlichste pflegt , auf ' s Beste erhält , die ihr Hülfe verspricht und in guten tief gefühlten Worten Trost spendet . O nein , mein Kind , die hiesige Elise , obgleich auch einstens schön , jung und blühend , ist nun nach wenigen Jahren ein armes , verkümmertes Weib geworden und sitzt auf einer ungeheizten Bodenkammer mit ein paar traurigen Gesellschaftern , dem Hunger und der Kälte ; und dazu pfeift der Wind höhnend durch die Risse des Daches ; sie selbst friert gern und muß ja frieren , denn in ihren letzten warmen Rock hat sie ihr Kind gewickelt und es schlummert nun leise an ihrer Brust , und wenn es auch zuweilen stöhnt und sich im Schlafe hin und her wendet , so ist es doch im Augenblick vor der Kälte geschützt , und wenn der liebe Gott im Himmel sie nicht gänzlich verlassen hat , so findet sie wohl im Laufe des Tages eine mitleidige Seele , die ihr mit etwas Suppe aushilft . - Vorderhand aber hungert sie und hofft , hofft auf ihren Gatten , daß er ihr Hülfe sendet , hofft auf die Barmherzigkeit des Himmels , daß er ihren kränklichen Körper genesen läßt , um sich alsdann durch Arbeit wieder fortbringen zu können . - - Und wie sie so sinnt und denkt , erweitern sich vor ihren Augen die zahlreichen Spalten und Risse im Dach , und ihr Blick fliegt hinaus über die Dächer der Stadt hinweg in das weite Land und über andere Städte und andere Länder , und endlich sieht sie vor sich eine weite , graue , hie und da mit Schnee bedeckte Fläche , eine trügliche Ebene , die auf und nieder wankt . - Sie fühlt auch den Seewind , denn es fröstelt sie kalt und schaurig an ; am Ufer des weiten Meeres aber stehen Leute und erzählen sich von dem großen Sturm , der gestern stattgefunden und von dem großen Auswandererschiff , das mit so vielen Menschen elend zu Grunde gegangen . - - Wie das Weib an diese Stelle des Traumes gekommen , da schreckt sie zusammen und ein herzzerreißender Schrei erweckt fast das Kind auf ihrem Schooße , sie aber zum klaren Bewußtsein . Sie streicht krampfhaft lachend das Haar aus ihrem Gesichte und redet sich ein , es sei doch lächerlich , eine solch ' traurige , solch ' schlimme Vorahnung zu haben . - - » Und sie hat in ihrem Geiste die Wahrheit gesehen , « fuhr der alte Mann erschüttert fort . Und dabei hatte er die Hände gefaltet und blickte mit einem seltsam stieren Gesicht an die Decke des Zimmers . - » Aus der Tiefe auf stiegen nächtlich die Geister der Ertrunkenen und sie flogen unverwandten Blicks aufwärts gen Himmel . Es waren viele , viele darunter , wie sie hier in dem Buche beschrieben sind , und auch ihnen wurden droben als armen Sklaven eilfertig die Thüren des Paradieses aufgerissen und sie trugen Alle an sich ihr Sklavenzeichen , nicht jenes eingebrannte T.F. an der Hand , das man im Nothfall ausschneiden oder mit einem eleganten Handschuh bedecken kann , sondern ihnen war dasselbe auf die Stirne geschrieben , und an den zusammengebissenen Zähnen und auf den weißen eingefallenen Wangen las man ein ganzes Sklavenleben , ein Dasein ohne Lust und Freude , dahingeschleppt in Kummer und Entbehrungen . « Clara hatte mit Entsetzen diesen wilden , so heftig ausgestoßenen Worten , ihres sonst gemüthlichen und ruhigen Vaters gelauscht . Sie drückte ihre Hand auf seinen Arm , wie um ihn zu erwecken , zu besänftigen , und es gelang ihr auch ; seine Augen verloren ihren starren Ausdruck und er blickte sie mit inniger , väterlicher Zärtlichkeit an , die aber nicht ohne eine tiefe Traurigkeit war . Dann legte er seine Hand auf ihr dunkles Haar , auf ihre zierliche Frisur , und warf sie leicht auseinander , daß ein paar falsche Perlen und Brillanten auf den Boden rollten , die er verächtlich mit dem Fuße von sich stieß , dann die junge Tänzerin auf die Stirne küßte , wobei ein paar Thränen aus seinen Augen auf die ihrigen herabträufelten . » Ich verstehe dich wohl , mein Vater , « sagte Clara nach einer Pause ; » auch ich bin ja eine arme Sklavin , tief erniedrigt durch meine Stellung und durch die Bösartigkeit der Menschen . « » Sei es , mein Kind , « erwiderte ruhiger der alte Mann , » sei es wenigstens äußerlich ; aber bewahre dein Inneres , bewahre dein Herz , dein gutes Gewissen , daß du frei und stolz um dich blicken kannst , daß du das Auge Gottes nicht zu scheuen hast . Was kümmern dich dann die Reden der Menschen ! « - Einen Augenblick blieb es hierauf still in dem Gemach , und der Vater blickte während der kleinen Pause mit ungetrübter Zärtlichkeit auf das junge Mädchen , dann aber drückte er sie sanft an sich , sein Blick wurde wieder finsterer , und um seinen Mund spielte abermals ein hartes , ja verächtliches Lächeln . » Da haben sie , « sagte er , » aus dem Buch ein Lied gemacht . « Es behandelt den Moment , wo die Sklavin Elise mit ihrem Kinde über die auf- und abschwankenden Eisschollen des Ohio flieht ; allerdings eine entschlossene und schöne That . Dieses Lied ist nun von irgend Einem zierlich in Musik gesetzt und wird nun schmachtend gesungen von Tausenden deutscher Frauen und Jungfrauen zu den Akkorden eines Klaviers oder dem Geklimper einer Guitarre , sich selbst und den Zuhörern zum unaussprechlichen Vergnügen , und es ist eine Heldenthat , deren Vorbild man Tausende von Meilen weit herholen mußte , weil sie nichts Aehnliches aufzuweisen hat im lieben Vaterlande . - So glauben sie - - » Ich habe aber eine Mutter gekannt , « fuhr der alte Mann fort , indem er sich erhob und im Zimmer auf-und abschritt , » die hat für ihr Kind noch unendlich mehr gethan , und man hat sie nicht gepriesen in Büchern und Balladen . Dieses Weib war ein armes unglückliches Weib , und obgleich sie nicht von Sklavenhändlern gejagt wurde , so jagten sie doch noch viel grimmigere Feinde : Noth und Hunger . Sie schrak nicht vor der Arbeit zurück , aber sie hatte in ihren guten Tagen nur gelernt , mit der Nadel kunstvolle Arbeiten zu machen , und nun waren ihre Finger vor Kälte steif geworden , und da sie zurückgekommen und verarmt war , so wollte ihr auch Niemand mehr etwas anvertrauen , womit sie sich einen Verdienst machen und das Leben ihres Kindes fristen konnte . Dieses Weib war keine geborene Sklavin ; sie war von einer guten ehrlichen Familie , und deßhalb konnte es ihr in ihrem tiefen Jammer nicht gelingen , irgendwo nur ein Almosen zu betteln ; auch hatte sie nicht das Geschick dazu : glücklichere und erfahrenere Almosensammler ließen sie nicht aufkommen . - Da irrte sie Abends herum , ihr Kind in ein ärmliches Tuch gewickelt , - ich glaube es war um die Weihnachtszeit und da thut es doppelt weh , wenn man mit einem halberfrorenen hungrigen Wurm vor hellerleuchteten Fenstern stehen muß , um zuzusehen , wie andere glücklichere Kinder in der Fülle der Gesundheit jubelnd um den glänzenden Weihnachtsbaum springen ; - das arme Weib hatte gerade keinen Neid auf diese Eltern und Kinder , sie wünschte nur ein kleines Brod für das ihrige , und als sie so an einem Bäckerladen vorbeikam , wo viel zierliches Backwerk ausgelegt war , kam ihr der Gedanke , dort etwas für ihr Kind zu stehlen . - - - Anfangs schauderte sie zurück , denn sie war arm , aber ehrlich . Als aber das kleine Kind vor Hunger leise wimmerte , als sie so gejagt war von Noth und Verzweiflung , da streckte sie die zitternde Hand aus und nahm ein kleines Brod hinweg , konnte aber damit nicht entfliehen , denn als das Verbrechen begangen war , stand sie vor Schrecken festgebannt