und erinnerte , daß die Sache der Freiheit diejenige der ganzen Menschheit sei . Die Teilnahme an den hellenischen Betätigungen verlieh auch den nicht philologischen Genossen zu ihrer übrigen Begeisterung einen edlen kosmopolitischen Schwung und benahm den hellgesinnten Gewerbsleuten den letzten Anflug von Spieß- und Pfahlbürgertum . Lee war überall der Erste , ein zuverlässiger , hingebender Freund für alle , seines reinen Charakters und seiner gehobenen Gesinnung wegen allgemein geachtet , ja geehrt . Er war glücklich zu nennen , um so mehr , als er von keinerlei Art Eitelkeiten befangen war , und erst jetzt fing er von neuem an zu lernen und nachzuholen , was ihm immer erreichbar war . Er trieb auch seine Freunde dazu an , und es war bald keiner derselben mehr , der nicht eine kleine Sammlung geschichtlicher und naturwissenschaftlicher Werke aufzuweisen hatte . Da fast allen in ihrer Jugend die gleiche dürftige Erziehung zuteil geworden , so ging ihnen nun besonders bei ihrem Eindringen in die Geschichte ein reiches und ergiebiges Feld auf , welches sie mit immer größerer Freude durchwandelten . Ganze Stuben voll waren sie an Sonntagsmorgen beisammen , disputierten und teilten sich die immer neuen Entdeckungen mit , wie allezeit die gleichen Ursachen die gleichen Wirkungen hervorgebracht hätten und dergleichen . Wenn sie auch Schiller auf die Höhen seiner philosophischen Arbeiten nicht zu folgen vermochten , so erbauten sie sich um so mehr an seinen geschichtlichen Werken , und von diesem Standpunkte aus ergriffen sie auch seine Dichtungen , welche sie auf diese Weise ganz praktisch nachfühlten und genossen , ohne auf die künstlerische Rechenschaft , die der große Schriftsteller sich selber gab , weiter eingehen zu können . Sie hatten die größte Freude an seinen Gestalten und wußten nichts Ähnliches aufzufinden , das sie so befriedigt hätte . Seine gleichmäßige Glut und Reinheit des Gedankens und der Sprache war mehr der Ausdruck für ihr schlichtes , bescheidenes Treiben als für das Wesen mancher Schillerverehrer der vornehmen heutigen Welt . Aber einfach und durchaus praktisch , wie sie waren , fanden sie nicht volles Genügen an oder dramatischen Lektüre im Schlafrock ; sie wünschten diese bedeutsamen Begebenheiten leibhaftig und farbig vor sich zu sehen , und weil von einem stehenden Theater in den damaligen Schweizerstädten nicht die Rede war , so entschlossen sie sich , wiederum angefeuert von Lee , kurz und spielten selbst Komödie , so gut sie konnten . Die Bühne und die Maschinen waren freilich schneller und gründlicher hergestellt , als die Rollen erlernt wurden , und mancher suchte sich über den Umfang seiner Aufgabe selbst zu täuschen , indem er mit vergrößerter Wut Nägel einschlug und Latten entzweisägte ; doch ist es nicht zu leugnen , daß ein großer Teil der Gewandtheit im Ausdruck und des äußern Anstandes , welche fast allen jenen Freunden eigen geblieben ist , auf Rechnung solcher Übungen gesetzt werden darf . Wie sie älter wurden , ließen sie dergleichen Dinge wieder bleiben , aber sie behielten den Sinn für das Erbauliche in jeder Beziehung getreulich bei . Würde man heutzutage fragen , wo sie denn die Zeit zu alledem hergenommen haben , ohne ihre Arbeit und ihr Haus zu vernachlässigen : so wäre zu antworten , daß es erstens noch gesunde und naive Männer und keine Grübler waren , welche zu jeder Tat und jeder außerordentlichen Arbeit einen Schatz von Zeit verschwenden mußten , indem sie alles zerfaserten und breitquetschten , ehe es genießbar war , und daß zweitens die täglichen Stunden von sieben bis zehn Uhr abends , gleichmäßig benutzt , eine viel ansehnlichere Masse von Zeit ausmachen , als der Bürger heute glaubt , welcher dieselben hinter dem Weinglase im Tabaksqualm verbrütet . Man war damals noch nicht einer Rotte von Schenkwirten tributpflichtig , sondern zog es vor , im Herbste das edle Gewächs selbst einzukellern , und es war keiner dieser Handwerker , vermöglich oder arm , der sich nicht geschämt hätte , am Schlusse der abendlichen Zusammenkünfte ein Glas derben Tischweines mangeln zu lassen oder denselben aus der Schenke holen zu müssen . Während des Tages sah man keinen , oder höchstens flüchtig und heimlich , vor den Gesellen es verbergend , ein Buch oder eine Papierrolle in die Werkstatt eines andern bringen , und sie sahen alsdann aus wie Schulknaben , welche unter dem Tische einen Roman lesen , und versäumten wohl auch ebensowenig ihr zeitliches Wohl dabei . Doch sollte dies aufgeregte Leben auf andere Weise Unheil bringen . Lee hatte sich , bei seinen gehäuften Arbeiten in steter Anstrengung , eines Tages stark erhitzt und achtlos nachher erkältet , was den Keim gefährlicher Krankheit in ihn legte . Anstatt sich nun zu schonen und auf jede Weise in acht zu nehmen , konnte er es nicht lassen , sein Treiben fortzusetzen und überall mit Hand anzulegen , wo etwas zu tun war . Schon seine vielfältigen Berufsgeschäfte nahmen seine volle Tätigkeit in Anspruch , welche er nicht plötzlich schwächen zu dürfen glaubte . Er rechnete , spekulierte , schloß Verträge , ging weit über Land , um Einkäufe zu besorgen , war im gleichen Augenblick zuoberst auf den Gerüsten und zuunterst in den Gewölben , riß einem Arbeiter die Schaufel aus der Hand und tat einige gewichtige Würfe damit , ergriff ungeduldig den Hebebaum , um eine mächtige Steinlast herumwälzen zu helfen , hob , wenn es ihm zu lange ging , bis Leute herbeikamen , selbst einen Balken auf die Schultern und trug ihn keuchend an Ort und Stelle , und statt dann zu ruhen , hielt er am Abend in irgendeinem Verein einen lebhaften Vortrag oder war in später Nacht ganz umgewandelt auf den Brettern , leidenschaftlich erregt , mit hohen Idealen in einem mühsamen Ringen begriffen , welches ihn noch weit mehr anstrengen mußte als die Tagesarbeit . Das Ende war , daß er plötzlich dahinstarb als ein junger , blühender Mann , in einem Alter , wo andere ihre Lebensarbeit erst beginnen , mitten in seinen Entwürfen und Hoffnungen und ohne die neue Zeit aufgehen zu sehen , welcher er mit seinen Freunden zuversichtlich entgegenblickte . Er ließ seine Frau mit einem fünfjährigen Kinde allein zurück , und dies Kind bin ich . Der Mensch rechnet immer das , was ihm fehlt , dem Schicksale doppelt so hoch an als das , was er wirklich besitzt ; so haben mich auch die langen Erzählungen der Mutter immer mehr mit Sehnsucht und Heimweh nach meinem Vater erfüllt , welchen ich nicht mehr gekannt habe . Meine deutlichste Erinnerung an ihn fällt sonderbarerweise um ein volles Jahr vor seinem Tode zurück , auf einen einzelnen schönen Augenblick , wo er an einem Sonntagabend auf dem Felde mich auf den Armen trug , eine Kartoffelstaude aus der Erde zog und mir die anschwellenden Knollen zeigte , schon bestrebt , Erkenntnis und Dankbarkeit gegen den Schöpfer in mir zu erwecken . Ich sehe noch jetzt das grüne Kleid und die schimmernden Metallknöpfe zunächst meinen Wangen und seine glänzenden Augen , in welche ich verwundert sah von der grünen Staude weg , die er hoch in die Luft hielt . Meine Mutter rühmte mir nachher oft , wie sehr sie und die begleitenden Mägde erbaut gewesen seien von seinen schönen Reden . Aus noch früheren Tagen ist mir seine Erscheinung ebenfalls geblieben durch die befremdliche Überraschung des vollen Waffenschmuckes , in welchem er eines Morgens Abschied nahm , um mehrtägigen Übungen beizuwohnen ; da er ein Schütze war , so ist auch dies Bild mit der lieben grünen Farbe und mit heiterm Metallglanze für mich ein und dasselbe geworden . Aus seiner letzten Zeit aber habe ich nur noch einen verworrenen Eindruck behalten , und besonders seine Gesichtszüge sind mir nicht mehr erinnerlich . Wenn ich bedenke , wie heiß treue Eltern auch an ihren ungeratensten Kindern hangen und dieselben nie aus ihrem Herzen verbannen können , so finde ich es höchst unnatürlich , wenn sogenannte brave Leute ihre Erzeuger verlassen und preisgeben , weil dieselben schlecht sind und in der Schande leben , und ich preise die Liebe eines Kindes , welches einen zerlumpten und verachteten Vater nicht verläßt und verleugnet , und begreife das unendliche , aber erhabene Weh einer Tochter , welche ihrer verbrecherischen Mutter noch auf dem Schafotte beisteht . Ich weiß daher nicht , ob es aristokratisch genannt werden kann , wenn ich mich doppelt glücklich fühle , von ehrenvollen und geachteten Eltern abzustammen , und wenn ich vor Freude errötete , als ich , herangewachsen , zum ersten Male meine bürgerlichen Rechte ausübte in bewegter Zeit und in Versammlungen mancher bejahrte Mann zu mir herantrat , mir die Hand schüttelte und sagte , er sei ein Freund meines Vaters gewesen und er freue sich , mich auch auf dem Platze erscheinen zu sehen ; als dann noch mehrere kamen und jeder den » Mann « gekannt haben und hoffen wollte , ich werde ihm würdig nachfolgen . Ich kann mich nicht enthalten , sosehr ich die Torheit einsehe , oft Luftschlösser zu bauen und zu berechnen , wie es mit mir gekommen wäre , wenn mein Vater gelebt hätte , und wie mir die Welt in ihrer Kraftfülle von frühester Jugend an zugänglich gewesen wäre ; jeden Tag hätte mich der treffliche Mann weitergeführt und würde seine zweite Jugend in mir verlebt haben . Wie mir das Zusammenleben zwischen Brüdern ebenso fremd als beneidenswert ist und ich nicht begreife , wie solche meistens auseinanderweichen und ihre Freundschaft außerwärts suchen , so erscheint mir auch , ungeachtet ich es täglich sehe , das Verhältnis zwischen einem Vater und einem erwachsenen Sohne um so neuer , unbegreiflicher und glückseliger , als ich Mühe habe , mir dasselbe auszumalen und das nie Erlebte zu vergegenwärtigen . So aber muß ich mich darauf beschränken , je mehr ich zum Manne werde und meinem Schicksale entgegenschreite , mich zusammenzufassen und in der Tiefe meiner Seele still zu bedenken Wie würde er nun an deiner Stelle handeln , oder was würde er von deinem Tun urteilen , wenn er lebte ? Er ist vor der Mittagshöhe seines Lebens zurückgetreten in das unerforschliche All und hat die überkommene goldene Lebensschnur , deren Anfang niemand kennt , in meinen schwachen Händen zurückgelassen , und es bleibt mir nur übrig , sie mit Ehren an die dunkle Zukunft zu knüpfen oder vielleicht für immer zu zerreißen , wenn auch ich sterben werde . - Nach vielen Jahren hat meine Mutter , nach langen Zwischenräumen , wiederholt geträumt , der Vater sei plötzlich von einer langen Reise aus weiter Ferne , Glück und Freude bringend , zurückgekehrt , und sie erzählte es jedesmal am Morgen , um darauf in tiefes Nachdenken und in Erinnerungen zu versinken , während ich , von einem heiligen Schauer durchweht , mir vorzustellen suchte , mit welchen Blicken mich der teuere Mann ansehen und wie es unmittelbar werden würde , wenn er wirklich eines Tages so erschiene . Je dunkler die Ahnung ist , welche ich von seiner äußeren Erscheinung in mir trage , desto heller und klarer hat sich ein Bild seines innern Wesens vor mir aufgebaut , und dies edle Bild ist für mich ein Teil des großen Unendlichen geworden , auf welches mich meine letzten Gedanken zurückführen und unter dessen Obhut ich zu wandeln glaube . Fünftes Kapitel Die erste Zeit nach dem Tode meines Vaters war für seine Witwe eine schwere Zeit der Trauer und Sorge . Seine ganze Verlassenschaft befand sich im Zustande des vollen Umschwunges und erforderte weitläufige Verhandlungen , um sie ins reine zu bringen . Eingegangene Verträge waren mitten in ihrer Erfüllung abgebrochen , Unternehmungen gehemmt , große laufende Rechnungen zu bezahlen und solche einzuziehen an allen Ecken und Enden , Vorräte von Baustoffen mußten mit Verlust verkauft werden , und es war zweifelhaft , ob bei der augenblicklichen Lage der Verhältnisse auch nur ein Pfennig übrig bleiben würde , wovon die bekümmerte Frau leben sollte . Ge-richtsmänner kamen , legten Siegel an und lösten sie wieder ; die Freunde des Verstorbenen und zahlreiche Geschäftsleute gingen ab und zu , halfen und ordneten ; es wurde durchgesehen , ge rechnet , abgesondert , gesteigert . Käufer und neue Unternehmer meldeten sich , suchten die Summen herunterzudrücken oder mehr in Beschlag zu nehmen , als ihnen gebührte , es war ein Geräusch und eine Spannung , daß meine Mutter , welche immer mit wachsamen Augen dabeistand , zuletzt nicht mehr wußte , wie sie sich helfen sollte . Allmählich klärte sich die Verwirrung auf , ein Geschäft um das andere war abgetan , alle Verbindlichkeiten gelöst und die Forderungen gesichert , und es zeigte sich nun , daß das Haus , in welchem wir zuletzt wohnten , als einziges Vermögen übrigblieb . Es war ein altes hohes Gebäude , mit vielen Räumen und von unten bis oben bewohnt wie ein Bienenkorb . Der Vater hatte es gekauft in der Absicht , ein neues an dessen Stelle zu setzen ; da es aber von altertümlicher Bauart war und an Türen und Fenstern viele schöne Überbleibsel künstlicher Arbeit trug , so konnte er sich schwer entschließen , es einzureißen , und bewohnte es indessen nebst einer Anzahl von Mietsleuten . Auf diesem Hause blieben zwar noch einige fremde Kapitalien ruhen , jedoch hatte es der rührige Mann in der Schnelligkeit so gut eingerichtet und vermietet , daß ein jährlicher Überschuß an Mietgeldern meiner Mutter ein bescheidenes Auskommen sicherte . Die alte Wohnung ist seither unverändert geblieben , wie er sie verlassen hat , und wir haben darin gelebt bis auf diesen Tag , und eine einzige Geschäftsidee des früh Verstorbenen hat hingereicht , seinen Hinterlassenen das Brot zu verschaffen , dessen sie bis jetzt bedurften . Das erste , was meine Mutter begann , war eine gänzliche Einschränkung und Abschaffung alles Überflüssigen , wozu voraus jede Art von dienstbaren Händen gehörte . In der Stille dieses Witwentumes fand ich me n erstes deutliches Bewußtsein , welches seinen Inhaber zur Übung treppauf und - ab im Innern des Hauses umherführte . Die untern Stockwerke sind dunkel , sowohl in den Gemächern wegen der Enge der Gassen als auf den Treppenräumen und Fluren , weil alle Fenster für die Zimmer benutzt wurden . Einige Vertiefungen und Seitengänge gaben dem Raume ein düsteres und verworrenes Ansehen und blieben noch zu entdeckende Geheimnisse für mich ; je höher man aber steigt , desto freundlicher und heller wird es , indem der oberste Stock , den wir bewohnen , die Nachbarhäuser überragt . Ein hohes Fenster wirft reichliches Licht auf die mannigfaltig gebrochenen Treppen und wunderlichen Holzgalerien des luftigen Estrichs , welcher einen heitern Gegensatz zu den kühlen Finsternissen der Tiefe bildet . Die Fenster unserer Wohnstube gehen auf eine Menge kleiner Höfe hinaus , wie sie oft von einem Häuserviertel umschlossen werden und ein verborgenes behagliches Gesumme enthalten , welches man auf der Straße nicht ahnt . Den Tag über betrachtete ich stundenlang das innere häusliche Leben in diesen Höfen ; die grünen Gärtchen in denselben schienen mir kleine Paradiese zu sein , wenn die Nachmittagssonne sie beleuchtete und die weiße Wäsche in denselben wehte , und wunderfremd und doch bekannt kamen mir die Leute vor , welche ich darin gesehen hatte , wenn sie plötzlich einmal in unsrer Stabe standen und mit der Mutter plauderten . Unser eigenes Höfchen enthält zwischen hohen Mauern ein ganz kleines Stückchen Rasen mit zwei Vogelbeerbäumchen ; ein nimmermüdes Brünnchen ergießt sich mit ewigem Geplätscher in ein ganz grün gewordenes Sandsteinbecken , und der ganze Winkel ist kühl und fast schauerlich , ausgenommen im Sommer , wo die Sonne gegen Abend einige Stunden lang darin ruht . Alsdann schimmert das verborgene Grün durch den dunklen Hausgang so kokett auf die Gasse , wenn die Haustür aufgeht , daß den Vorübergehenden immer eine Sehnsucht nach dem Freien befällt . Im Herbste werden diese Sonnenblicke immer kürzer und milder , und wenn dann die Blätter an den zwei Bäumchen gelb und die Beeren brennend rot werden , die alten Mauern so wehmütig vergoldet sind und das Wässerchen einigen Silberglanz dazugibt , so hat dieser kleine abgeschiedene Raum einen so wunderbar melancholischen Reiz , daß ich später noch oft aus der schönsten offenen Landschaft nach Hause gelaufen bin , wenn ich wußte , daß die Sonne jetzt in den Hof schien . Gegen Sonnenuntergang jedoch stieg meine Aufmerksamkeit an den Häusern in die Höhe und immer höher , je mehr sich das Meer von Dächern , das ich von unserm Fenster aus übersah , rötete und vom schönsten Farbenglanze belebt wurde . Hinter diesen Dächern war für einmal meine Welt zu Ende ; denn den duftigen Kranz von Schneegebirgen , welcher hinter den letzten Dachfirsten halb sichtbar ist , hielt ich , da ich ihn nicht mit der festen Erde verbunden sah , lange Zeit für eins mit den Wolken . Als ich später zum ersten Male rittlings auf dem obersten Grate unseres hohen , ungeheuerlichen Daches saß und die ganze ausgebreitete Pracht des Sees übersah , aus welchem die Berge in festen Gestalten , mit grünen Füßen aufstiegen , da kannte ich freilich ihre Natur schon von ausgedehnteren Streifzügen im Freien ; für jetzt aber konnte mir die Mutter lange sagen , das seien große Berge und mächtige Zeugen von Gottes Allmacht , ich konnte und mochte sie darum nicht von den Wolken unterscheiden , deren Ziehen und Wechseln mich am Abend fast ausschließlich beschäftigte , deren Name aber ebenso ein leerer Schall für mich war wie das Wort Berg . Da die fernen Schneekuppen bald verhüllt , bald heller oder dunkler , weiß oder rot sichtbar waren , so hielt ich sie wohl für etwas Lebendiges , Wunderbares und Mächtiges wie die Wolken und pflegte auch andere Dinge mit dem Namen Wolke oder Berg zu belegen , wenn sie mir Achtung und Neugierde einflößten . So nannte ich , ich höre das Wort noch schwach in meinen Ohren klingen , und man hat es mir nachher oft erzählt , die erste weibliche Gestalt , welche mir wohlgefiel und ein Mädchen aus der Nachbarschaft war , die weiße Wolke , von dem ersten Eindrucke , den sie in einem weißen Kleide auf mich gemacht hatte . Mit mehr Richtigkeit nannte ich vorzugsweise ein langes hohes Kirchendach , das mächtig über alle Giebel emporragte , den Berg . Seine gegen Westen gekehrte große Fläche war für meine Augen ein unermeßliches Feld , auf welchem sie mit immer neuer Lust ruhten , wenn die letzten Strahlen der Sonne es beschienen , und diese schiefe , rotglühende Ebene über der dunklen Stadt war für mich recht eigentlich das , was die Phantasie sonst unter seligen Auen oder Gefilden versteht . Auf diesem Dache stand ein schlankes , nadelspitzes Türmchen , in welchem eine kleine Glocke hing und auf dessen Spitze sich ein glänzender goldener Hahn drehte . Wenn in der Dämmerung das Glöckchen läutete , so sprach meine Mutter von Gott und lehrte mich beten ; ich fragte » Was ist Gott ? ist es ein Mann ? « und sie antwortete » Nein , Gott ist ein Geist ! « Das Kirchendach versank nach und nach in grauen Schatten , das Licht klomm an dem Türmchen hinauf , bis es zuletzt nur noch auf dem goldenen Wetterhahne funkelte , und eines Abends fand ich mich plötzlich des bestimmten Glaubens , daß dieser Hahn Gott sei . Er spielte auch eine unbestimmte Rolle der Anwesenheit in den kleinen Kindergebeten , welche ich mit vielem Vergnügen herzusagen wußte . Als ich aber einst ein Bilderbuch bekam , in dem ein prächtig gefärbter Tiger ansehnlich dasitzend abgebildet war , ging meine Vorstellung von Gott allmählich auf diesen über , ohne daß ich jedoch , sowenig wie vom Hahne , je eine Meinung darüber äußerte . Es waren ganz innerliche Anschauungen , und nur wenn der Name Gottes genannt wurde , so schwebte mir erst der glänzende Vogel und nachher der schöne Tiger vor . Allmählich mischte sich zwar nicht ein klareres Bild , aber ein edlerer Begriff in meine Gedanken . Ich betete mein Vaterunser , dessen vollendet schöne Einteilung und Abrundung mir das Einprägen leicht und das Wiederholen zu einer angenehmen Übung gemacht hatte , mit großer Meisterschaft und vielen Variationen , indem ich diesen oder jenen Teil doppelt und dreifach aussprach oder nach raschem und leisem Hersagen eines Satzes den folgenden langsam und laut betonte und dann rückwärts betete und mit den Anfangsworten Vater unser schloß . Aus diesem Gebete hatte sich eine Ahnung in mir niedergeschlagen , daß Gott ein Wesen sein müsse , mit welchem sich allenfalls ein vernünftiges Wort sprechen ließe , eher als mit jenen Tiergestalten . So lebte ich in einem unschuldig vergnüglichen Verhältnisse mit dem höchsten Wesen , ich kannte keine Bedürfnisse und keine Dankbarkeit , kein Recht und kein Unrecht und ließ Gott einen herzlich guten Mann sein , wenn meine Aufmerksamkeit von ihm abgezogen wurde . Ich fand aber bald Veranlassung , in ein bewußteres Verhältnis zu ihm zu treten und zum ersten Mal meine menschlichen Ansprüche zu ihm zu erheben , als ich , sechs Jahre alt , mich eines schönen Morgens in einen großen , melancholischen Saal versetzt sah , in welchem etwa fünfzig bis sechzig kleine Knaben und Mädchen unterrichtet wurden . In einem Halbkreise mit sieben andern Kindern um eine Tafel herum stehend , auf welcher riesige Buchstaben gemalt waren , war ich sehr still und gespannt auf die Dinge , die da kommen sollten . Da wir sämtlich Neulinge waren , so hatte der Oberschulmeister , ein ältlicher Mann mit einem großen groben Kopfe , die erste Leitung selbst übernommen für eine Stunde und forderte uns auf , abwechselnd die sonderbaren Figuren zu benennen . Ich hatte schon seit geraumer Zeit einmal das Wort Pumpernickel gehört , und es gefiel mir ungemein , nur wußte ich durchaus keine leibliche Form dafür zu finden , und niemand konnte mir eine Auskunft geben , weil die Sache , welche diesen Namen führt , einige hundert Stunden weit zu Hause war . Nun sollte ich plötzlich das große P benennen , welches mir in seinem ganzen Wesen äußerst wunderlich und humoristisch vorkam , und es ward in meiner Seele klar , und ich sprach mit Entschiedenheit » Dieses ist der Pumpernickel ! « Ich hegte keinen Zweifel , weder an der Welt noch an mir , noch am Pumpernickel , und war froh in meinem Herzen ; aber je ernsthafter und selbstzufriedener mein Gesicht in diesem Augenblicke war , desto mehr hielt mich der Schulmeister für einen durchtriebenen und frechen Schalk , dessen Bosheit sofort gebrochen werden müßte , und er fiel über mich her und schüttelte mich an den Haaren eine Minute lang so wild hin und her , daß mir Hören und Sehen verging . Dieser Überfall kam mir seiner Fremdheit und Neuheit wegen wie ein böser Traum vor , und ich machte augenblicklich nichts daraus , als daß ich , stumm und tränenlos , aber voll innerer Beklemmung den Mann ansah . Die Kinder haben mich von jeher geärgert , welche , wenn sie gefehlt haben oder sonst in Konflikt geraten , bei der leisesten Berührung oder schon bei deren Annäherung in ein abscheuliches Zetergeschrei ausbrechen , das einem die Ohren zerreißt ; und wenn solche Kinder gerade dieses Geschreies wegen oft doppelte Schläge bekommen , so litt ich am entgegengesetzten Extrem und verschlimmerte meine Händel stets dadurch , daß ich nicht imstande war , eine einzige Träne zu vergießen vor meinen Richtern . Als daher der Schulmeister sah , daß ich nur erstaunt nach meinem Kopfe langte , ohne zu weinen , fiel er noch einmal über mich her , um mir den vermeintlichen Trotz und die Verstocktheit gründlich auszutreiben . Ich litt nun wirklich ; anstatt aber in ein Geheul auszubrechen , ward es zum zweiten Male in mir klar , und ich rief flehentlich in meiner Angst » Sondern erlöse uns von dem Bösen ! « und hatte dabei Gott vor Augen , von dem man mir so oft gesagt hatte , daß er dem Bedrängten ein hilfreicher Vater sei . Für den guten Lehrer aber war dies zu stark , der Fall war nun zum außerordentlichen Ereignisse gediehen , und er ließ mich daher stracks los , mit aufrichtiger Bekümmernis darüber nachdenkend , welche Behandlungsart hier angemessen sei . Wir wurden für den Vormittag entlassen , der Mann brachte mich selbst nach Hause . Erst dort brach ich heimlich in Tränen aus , indem ich abgewandt am Fenster stand und die ausgerissenen Haare aus der Stirn wischte , während ich anhörte , wie der Mann , der mir im Heiligtum unserer Stube doppelt fremd und feindlich erschien , eine ernsthafte Unterredung mit der Mutter führte und versichern wollte , daß ich schon durch irgendein böses Element verdorben sein müßte . Sie war nicht minder erstaunt als wir beiden andern , indem ich , wie sie sagte , ein durchaus stilles Kind wäre , welches bisher noch nie aus ihren Augen gekommen sei und keine groben Unarten gezeigt hätte . Allerlei seltsame Einfälle hätte ich allerdings bisweilen ; aber sie schienen nicht aus einem schlimmen Gemüte zu kommen , und , meinte sie ganz vernünftig , ich müßte mich wohl erst ein wenig an die Schule und ihre Bedeutung gewöhnen . Der Lehrer gab sich zufrieden , doch mit Kopfschütteln , und war innerlich überzeugt , wie sich aus wiederholten Fällen ergab , daß ich gefährliche Anlagen zeige . Er sagte auch sehr bedeutsam beim Abschiede , daß stille Wasser gewöhnlich tief wären . Dieses Wort habe ich seither in meinem Leben öfter hören müssen , und es hat mich immer gekränkt , weil es keinen größern Plauderer gibt als mich , wenn ich mit jemand zutraulich bin . Ich habe aber bemerkt , daß viele Menschen , welche immer das große Wort führen , aus denen nie klug werden , welche ihretwegen nie zu Worte kommen . Sie pflegen dann plötzlich einmal sich über das Schweigen zu verwundern und zur Teilnahme aufzufordern ; ehe aber diese laut werden kann , haben sie schon wieder das Wort genommen und auf ein anderes Gebiet geführt , und wenn sie einmal einer Antwort Raum geben , so verstehen sie die einfache und kurze Logik nicht , an welche sich der Schweigende bei seinem Zuhören gewöhnt hat . Die meisten Gesellschaften lassen in ihrem Gespräche nicht so viel Raum für ein einzuschaltendes Wort , daß man mit einer Nähnadel dazwischenstechen könnte . Es gibt keinen Menschen , welcher nicht das Bedürfnis der Mitteilung empfände ; nur muß man sich soweit entäußern können , zuweilen in seine Weise einzugehen und ihm die Fesseln zu lösen . Unter den Erwachsenen ist der Mangel dieser Kunst kein so großer Übelstand , und die ans Schweigen Gewiesenen befinden sich manchmal nur um so gemütlicher dabei . Im Umgange mit stillen Kindern aber kann es ein wahres Unglück werden , wenn die großen Schwätzer sich nicht anders zu helfen wissen als mit dem elenden Gemeinplatze Stille Wasser sind tief ! Am Nachmittage wurde ich wieder in die Schule geschickt , und ich trat mit großem Mißtrauen in die gefährlichen Hallen , welche die Verwirklichung seltsamer und beängstigender Träume zu sein schienen . Ich bekam aber den bösen Schulmann nicht zu Gesicht ; er hielt sich in einem Verschlage auf , welcher eine Art Bureau vorstellte und ihm zur Einnahme von kleinen Kollationen diente . An der Türe dieses Verschlages befand sich ein rundes Fensterchen , durch welches der Tyrann öfter den Kopf zu stecken pflegte , wenn draußen ein Geräusch entstand . Die Glasscheibe dieses Fensterchens fehlte seit geraumer Zeit , so daß er durch den leeren Rahmen sein Haupt weit in die Schulstube hineinstrecken konnte zur sattsamen Umsicht . An diesem verhängnisvollen Tage nun hatte der Hausmeister gerade während der Mittagszeit die fehlende Scheibe ersetzen lassen , und ich schielte eben ängstlich nach derselben , als sie mit hellem Klirren zersprang und der umfangreiche Kopf meines Widersachers hindurchfuhr . Die erste Bewegung in mir war ein Aufjauchzen der herzlichsten Freude , und erst als ich sah , daß er übel zugerichtet war und blutete , da wurde ich betreten , und es ward zum dritten Male klar in meiner Seele , und ich verstand die Worte Und vergib uns unsere Schulden , wie auch wir vergeben unsern Schuldigern ! So hatte ich an diesem ersten Tage schon viel gelernt ; zwar nicht , was der Pumpernickel sei , wohl aber , daß man in der Not einen Gott anrufen müsse , daß derselbe gerecht sei und uns zu gleicher Zeit lehre , keinen Haß und keine Rache in uns zu tragen . Aus dem Gebote , seinen Beleidigern zu vergeben , entsteht , wenn es befolgt wird , von selbst die Kraft , auch seine Feinde zu lieben ; denn für die Mühe , welche uns jene Überwindung kostet , fordern wir einen Lohn , und dieser liegt zunächst und am natürlichsten in dem Wohlwollen , welches wir dem Feinde schenken , da er uns einmal nicht gleichgültig bleiben kann . Wohlwollen und Liebe können nicht gehegt werden , ohne den Träger selbst zu veredeln , und sie tun dieses am glänzendsten , wenn sie dem gelten , was man einen Feind oder Widersacher nennt . Diese eigentümlichste Hauptlehre des Christentums fand eine große Empfänglichkeit in mir vor , da ich , leicht verletzt und aufgebracht , immer ebenso schnell bereit war zu vergessen und zu vergeben , und es hat mich später , als mein Sinn sich der Offenbarungslehre zu verschließen anfing , lebhaft beschäftigt zu ermitteln , inwiefern jenes Gesetz nur der Ausdruck eines schon in der Menschheit vorhandenen und erkannten Bedürfnisses sei ; denn ich sah , daß es nur von einem bestimmten Teile der Menschen rein und uneigennützig befolgt wurde , von denjenigen nämlich , welche ihre natürlichen Gemütsanlagen dazu trieben . Die andern , welche ihr ursprüngliches