gebe drei seiner eigenen Siege für den Rückzug von Hochkirch . « » Lombards Mission war aber doch nicht eigentlich , sich Unterricht über den siebenjährigen Krieg geben zu lassen ? « » Spötter ! wissen Sie , was Napoleon über den Baseler Frieden sagte ? « » Die erste Wunde unserer Ehre ! « seufzte der Rath . » Das gab er selbst zu . Erkennen Sie die Größe des Mannes . Aber nach diesem Frieden sei es Preußens Aufgabe gewesen , die demarkirten Theile von Deutschland , die unter seinem Schutz gegeben waren , sich zu unterwerfen . Ein kleines Unrecht , rief er , kann in der Politik nur gut gemacht werden durch ein großes Unrecht . Was wäre Preußen jetzt , es stände da , eine europäische Macht , die nicht nöthig hätte , Sie , mein lieber Lombard , zu mir zu schicken , um mich zu sondiren . Es wäre an mir gewesen , zu Ihnen zu schicken , ich hätte aber freilich schwer einen Lombard gefunden . Er that einige Schritte im Zimmer auf und ab . Aber es thut nichts , hub er wieder an . Preußen ist ohnedem was es ist . Der Genius Friedrichs schwebt über ihm , und die Fittiche seines Adlers rauschen stark genug , daß sich so leicht kein Feind heranwagt . « » Und weiter berichtet Lombard nichts ? « » Sie bleiben ein ungläubiger Thomas . Der Kaiser ist nicht allein weit entfernt von einer feindlichen Absicht , sondern eine innige Verbindung mit uns wäre sein Wunsch . Wohl verstanden , eine Alliance , welche die Zügel der Welt in die Hand nimmt . Civilisation , Kultur , wahre Aufklärung , das Glück des Menschengeschlechts und ewiger Friede wären ihr Ziel . Wer zwingt ihn denn immerfort , das Schwert wieder zu ziehen , als die Manövres des Herrn Pitt , der jetzt Oesterreich , jetzt Neapel , nun Rußland , Schweden , und die Kleinen , warum nicht auch Spanien und die ganze Welt aufhetzt . Was sind diese Subsidien , die das monopolisirende England verschwenderisch auswirft , als das Blutgeld , womit es den Ruin der Länder erkauft , die sich verführen lassen ? England wäre es recht , wenn der ganze Kontinent zur Wüste würde , wenn er nur damit der Markt wird , wo die Bettelvölker , um ihre Blöße zu kleiden , seine schlechtesten Waaren kaufen müssen . Das ist sein Ziel , und jedesmal , wenn Bonaparte seinen Degen gegen einen neuen Feind ziehen muß , thut er es mit Seufzen ; er weiß , er kriegt nicht gegen die armen Neapolitaner , Hessen und Schwaben , die sind nur die Schlachtopfer ; seine eigentlichen Gegner , die reichen Kaufleute an der Themse , sitzen ruhig hinter ihren Wollsäcken und trinken ihren Ostindischen Thee , derweil die mit ihren Taschengeldern zu ihrem Vergnügen , zu ihrer Spekulation erkauften Völker in die französischen Kanonen getrieben werden . Darum ist sein Grimm gegen Pitt und die Andern unbeschreiblich . Wenn ihm die Landung gelänge , wenn er England seinen Degen ins Herz bohrte , so würde er vielleicht der Blutmensch , den man aus ihm macht . Aber seine Vernunft regelt seine Begierden . Seine Pläne sind andre . Könnte er den ganzen Kontinent mit einem Netz gegen die fremde Waare umspannen , daß kein Ballen ihrer Manufacte eindringt , könnte er den Gewerbfleiß unter den Kontinentalen anstacheln , daß wir gezwungen würden für uns selbst zu erfinden und zu schaffen , könnte er die Brtten aushungern , daß sie sich den Tod essen an ihren Schlauderwaaren , dann hätte er gesiegt , wie er wünscht , nicht für sich , für die ganze europäische Menschheit . Dann würde wir alle reiche , glückliche , selbstständige Völker . Aber er allein , ein wie großes Genie auch , kann das nicht . Er braucht einen Bundesgenossen . Rußland kann es nicht sein , Oesterreich ist des Gedankens nicht fähig , Preußen allein steht auf der Höhe der Civilisation und Intelligenz , mit Preußen Hand in Hand könnte er den Weltgedanken ausführen . Begreifen Sie nun , warum es in seinem Interesse ist mit uns Freund zu bleiben ? « » Lombard hat die Propositionen zur Alliance vermuthlich schon in der Tasche ? « » Bonaparte kennt uns , und darum giebt er fast die Hoffnung auf . Er kennt die Hindernisse . Ich versichere Sie , mit erschreckender Genauigkeit kennt er die Coterien an unserem Hofe , er weiß , was bei der Radziwill , in den Kreisen der Prinzeß Wilhelm über ihn gesprochen , wie er titulirt wird . Er weiß die Ausdrücke , das Treiben in den Umgebungen des Prinzen Louis Ferdinand auf ein Haar , ja er liest die Gedanken , die der Prinz unterdrücken muß . Die Discourse in unsern Wachtstuben , die freien Unterhaltungen unsrer Garde du Corps liegen aufgezeichnet in seinen Akten . Soll ihm das Vertrauen und Hoffnung auf uns einflößen ? « Der Rath war ernsthaft geworden . » Das ist schlimm . Man sagt , seine Spione kosten ihm viel . Preußen soll ihm überhaupt viel kosten , und das ist noch schlimmer . « » Ich sage Ihnen , jene Phantasten und Gelehrten sind Bagatell ; diese sogenannte Kriegspartei aber wird uns ruiniren . Die bohrt und drängt und stürmt , bis ein Mal der Widerstand der wahren Staatsmänner zu schwach wird , und das gute Herz des Königs nachgiebt . « » Und wir ständen allein , « fiel der Rath ein . » Prenez garde , mon cher , das auszusprechen . Man muß diesen Fanatikern gegenüber vorsichtig sein . Es freut mich , daß Sie den Wahn nicht theilen , als wären wir allein stark genug , gegen den Strom zu schwimmen . Doch besser , daß man dies für sich behält . Um so mehr , als , denken Sie , auch Napoleon zweifelt . Wie hübsch er das auffasst . Ich bin ja nicht so thöricht , sagte er zu Lombard , um nicht zu wissen , daß , wenn Preußen bei Valmy , Pirmasens , wenn es am Rhein ernstlich gewollt hätte , Frankreich nicht mein Frankreich , und ich nicht ich wäre . Das ist nun allerdings zu viel Artigkeit , indessen ersehen Sie daraus , wie hoch er auch unsre Armee schätzt . Ich weiß , sagte er , Ihres Königs Herz schlägt für Menschen- und Völkerglück , wie nur meines , aber ich würdige vollkommen seine Lage , er ist jung , befangen , zu gewissenhaft , er weiß sich nicht zu helfen zwischen den guten und bösen Rathgebern . Zu viel Blutsbande verknüpfen ihn mit den Ungestümen , Rasenden , und man kann sich keines Augenblicks versehen , daß nicht eine Mine auffliegt und die Feinde der Humanität siegen . « » Und wird Mortier Hannover räumen ? « fragte der Rath mit scharfer Betonung . » Wird die Sperrung der Weser- und Elbemündungen , worauf Preußen bestehen muß , aufgehoben werden ? Unser Handel geht zu Grunde , wenn das nicht geschieht . Das ist schlimm , aber es giebt Schimmeres . Wir verfeinden uns England . Das ist aber noch nicht das Schlimmste . Ganz Deutschland blickt sehnsüchtig und erwartend auf Preußen , als die einzige Macht , die ungebrochen da steht , frei noch von Frankreichs Einfluß , als die einzige Macht , welche die Ehre des Vaterlandes retten , der übermüthigen Gewaltthat eine Schranke entgegensetzen kann . Wenn wir diese Aufgabe nicht erfüllen , nicht rettend einschreiten , attestiren wir unsere Ohnmacht , und wir laden die Schmach auf uns , daß eine Koalition fremder Mächte , die nicht ausbleiben kann , diese Aufgabe übernimmt . Ich wiederhole nur , was die Tausende täglich sagen , die man Biedermänner nennt , mich selbst , wie sich versteht , jedes Urtheils begebend . « » So ! « sagte der Geheimrath gedehnt . » Diese Biedermänner werden sich gedulden müssen , bis Lombard aus Brüssel zurück ist . Die Spezialitäten seines Auftrages wird er mündlich Sr. Majestät vortragen . « Die Geschichte und auch die Memoiren der Zeit erzählen nichts von diesem Gespräch und dem , was es hervorrief ; der Dichtung aber ist es erlaubt , auch aus der Tradition zu schöpfen , wo sie noch die Worte lebendiger Zeugen belauscht hat , die es glaubten . Was einmal geglaubt ward , ist ein Faktum , das auch der Geschichte angehört . Uebrigens mag der Geheimrath Bovillard Verhandlungen und Gespräche anders aufgefasst haben , als die , welche gesprochen und verhandelt hatten ; er war ein Mann von lebhafter Imagination . » Und der Artikel für den Hamburger Korrespondenten ? « sagte nach einer Weile der Rath Fuchsius . » Sie werden das selbst am besten kombiniren . Ihre feine Feder weiß die Fäden zu verschlingen , daß man nicht ahnt , woher es kommt . De haut en bas etwas , mit einem gelinden Achselzucken die kriegerischen Herren behandelt . Es versteht sich , die hohen Personen , die ich nannte , bleiben unverwähnt , auch die Generale , namentlich Rüchel , Blücher . Nur mit der höchsten Distinttion von ihnen gesprochen ! Zu ihrer Einsicht habe das Publikum die feste Zuversicht , daß sie die verderblichen Rathschläge von des Königs Ohr abhalten würden . Die Seitenhiebe werden Sie eben so geschickt appliciren . Es bleibt , wie gesagt , ganz Ihrem Ermessen überlassen . Es ist Ihr Dafürhalten . « » Dann bleiben nur die Gensd ' armerie-Offiziere übrig . « » Mit diesen Herren komm ' ich nicht gern in Konflikt . Man begegnet sich doch täglich in Gesellschaften . « » So könnten nur die deutschen Gelehrten , die Romantiker , die Zielscheibe sein . « » Ganz richtig . « » Die Herr Geheimrath für unschädlich erklärt ! « » Sie verführen die Anderen mit ihren abstracten Ideen . Ja , setzen Sie es recht ins Licht , die Lächerlichkeit dieser Theoretiker , die sich einbilden , über Dinge mitsprechen zu können , von denen sie nichts verstehen . Geben Sie ' s ihnen recht stark , legen Sie auch Napoleon einige pikante Phrasen in den Mund über die deutsche Ideologen . Sie wären das einzige Hinderniß des Friedens , nach dem alle Welt sich sehnt . Ich weiß , sie sind es nicht . Darauf kommt es aber nicht an . Sie schlägt man , die Kriegspartei meint man . Die Herren vom Miliär erfreut es inniglich , wenn man gegen die Professoren- und Schreiberweisheit loszieht . Sie schlucken die Invectiven mit Heißhunger herunter und merken nicht , daß es Schläge für sie selbst waren . - A propos , wenn Sie auch einige scharfe Seitenhiebe gegen den Herrn von Stein geschickt anbringen könnten - « » Rechnen Herr Geheimrath den Freiherrn zu den Ideologen , zu den Romantikern oder der Kriegspartei ? « » Qu ' importe ! « » Viele richten ihre Blicke gerade jetzt auf ihn . « » Um so schlimmer , der Mann wäre im Stande - « Der Geheimrath hielt plötzlich , wie durch eine Erinnerung gestört , inne . Ein Secretair unterbrach das Gespräch in einem Augenblick , wo der Geheimrath selbst im Begriff stand , es zu enden , vielleicht , weil ihm Gedanken aufstiegen , für die Fuchsius ihm nicht der geeignete Vertraute schien . » Ich kann heut Niemand mehr empfangen , « rief er dem Sekeretair zu : » Mein Gott , wenn man doch wüsste , wie ich überlaufen bin . Ich kann mich doch nicht verdoppeln und verdreifachen . « Der Sekretär nannte einen Namen . Das Gesicht des Wirklichen verzog sich merklich in die Länge . » Diesmal werden Herr Geheimrath ihn wohl nicht abweisen können , « sagte der Rath . » Sie ließen ihn durch mich auf diese Stunde bescheiden . « Aufgähnend und mit einer französische Phrase fand sich der Geheimrath in sein Schicksal . Der Rath beurlaubte sich , das nächste Gespräch wurde wohl - besser ohne Zeugen geführt . Achtes Kapitel . Der wirkliche und der nichtwirkliche Geheimrath . Auch Lupinus war ein anderer in seinem Hause , als - wir ihn hier wieder sehen . Die süßesten Falten glätteten sein volles Gesicht und die Glätte ging über die sanft gepuderte Stirn bis an den Schopf . Lächelnd der Mund , das Auge , den Hut in der Hand , hatte er an der Thür seine respektvolle Verbeugung gemacht , um , den Dreiecker an die Brust gedrückt , mit einer Bewegung , welche an die der Maus erinnern konnte , auf den Wirklichen zu sich in Bewegung zu setzen : » Mein theuerster Gönner ! « Der Wirkliche hatte die Bewegung vorausgesehen und vor dem Händedruck , der ihm drohte , sich hinter einem Lehnstuhl verschanzt , den er mit der Linken fasste und bewegte , um sich gelegentlich darauf zu stützen , während er mit der Rechten sich auch gelegentlich bewegte . Der Wirkliche schien während dieses Auftritts um einen Kopf größer als der andere Geheimrath . Ob er es war , lass ' ich ungesagt : » Mein Herr Geheimrath , ich hatte nicht erwartet , daß wir uns so begegnen sollten . « Lupinus war um einen Schritt zurückgeprallt . Den Hut noch fester an die Brust drückend , verneigte er sich noch tiefer : » Mein Herr Geheimrath , wer hat keine Feinde ! « » Um das kurz abzuschneiden , von Ihren Feinden weiß ich nichts , aber ich weiß doch Alles . Ich bin nicht Ihr Richter , das wissen Sie . Wie Sie sich vor dem weiß brennen wollen , ist Ihre Sache , zu mir kommen Sie aus andern Gründen . Einem Advokaten muß man Alles sagen . « » Soll ich sagen , daß mich diese edle Gesinnung überrascht ? Nein ! Iustice et humanité , voilà le patrimoine de la famille de Bovillard ! Si mon ami Bovillard est mon advocat , je suis l ' homme le plus heureux . « » Herr , rasen Sie ! Von Ihrer Kassation ist die Rede ! Um des Himmels Willen , plagte Sie denn der Teufel ! Lauern uns denn nicht genug auf den Dienst , wissen Sie nicht , wie man uns auf die Finger sieht , wie man die unschuldigsten Handlungen verdächtigt , und Sie müssen uns mit solchen Stänkereien kommen ! Herr Geheimrath , Sie verdienten ja schon darum - « » Meine Intentionen waren die reinsten von der Welt - « » Zum Geier mit Ihren Intentionen . Wissen Sie , wie der König die Lippen biß , wie die Königin blaß ward , wie ein Jemand , den ich nicht nennen will , die Achseln zuckte und zu Ihrer Majestät flüsterte : das sind die Freunde des Herrn Lombard ! wie Seine Majestät , die Hände auf dem Rücken , stumm durchs Zimmer gingen : das muß anders werden ! - heißt das Ordnung ! Das nennt man Humanität , daß man Gottes Ordnung umkehrt und die Verbrecher Saufgelage feiern lässt . - Es muß , es soll anders werden ! schlossen Seine Majestät . Beyme hat ihn noch nie so gesehen . Die Kabinetsordre an den Justizminister war ihm noch nicht stark genug , er musste sie umschreiben . Was sagen Sie nun ? « Lupinus wusste nichts zu sagen . Er kaute mit den trockenen Lippen und rieb mechanisch die Hände über den Hut , bis der Wirkliche ihm zu Hülfe kam : » Erleichtern Sie Ihr Herz und schenken mir reinen Wein , aber verstehen Sie , ganz reinen , und bis auf den Grund . « Ob der Wein ganz rein war , lassen wir auf sich beruhen . Es war so ziemlich derselbe , den wir in Lupinus ' Gespräch mit seiner Schwägerin gekostet . Nur blieb der tolle Sohn des Geheimraths aus dem Spiele . Der Zuhörer , welcher besonders am Schluß aufmerksam den Kopf wiegte , schien einigermaßen befriedigt , denn er sagte , als der Andere zu Ende war : » Können Sie nun mit gutem Gewissen behaupten , daß Sie nichts hinzugethan , noch davon genommen haben : ich meine , daß , wenn Sie vor dem Richter stehen , Sie ebenfalls nichts mehr , noch weniger aussagen würden ? « » Wir sind Menschen , Herr Geheimrath , wir sind alle Menschen , und unser Loos ist irren . « » Beamte sind aber eine besondere Klasse von Menschen , die nicht irren sollen ; sonst jagt man sie fort . « » Seine Majestät der König kennt gewiß meine Loyalität . « » Der Hochselige kannte sie freilich durch Herrn Rietz . Ich möchte Ihnen nicht rathen , sich darauf zu berufen . Ueberhaupt scheinen mir Ihre Erinnerungen und Kenntnisse etwas antediluvianischer Art. Wenn man ein Beamter ist Ihres Ranges , die gebildete Gesellschaft besucht , ist erste Pflicht , daß man sich um die Verhältnisse und Ansichten kümmert . Vielleicht liegt das in Ihrer Familie - « » Herr Geheimrath meinen , meinen Bruder in der Jägerstraße . Ja , um die Dehors kümmert er sich allerdings wenig . Sollte er sich vielleicht bei irgend einer Gelegenheit einen Verstoß haben zu Schulden kommen lassen ! Gott , er hat ein gewissermaßen kindliches Gemüth , er kann kein Wasser trüben . Aber Gelehrte - Gelehrte , mein theuerster Gönner , ach , der Vers ist wie auf ihn gemacht : Er weiß , wie man in Rom gegessen Und zu Athen sich gab den Kuß ; Darüber hat er ganz vergessen , Wie man die Gabel halten muß . Wie oft habe ich freundschaftlich mit dem Trefflichen gesprochen , daß er sich doch etwas in die Verhältnisse schicken möchte . « » Hätten Sie sich die Predigt doch lieber selbst gehalten ! « fiel der Wirkliche wieder verdrießlich ein . » Mein Herr Geheimrath , es ist ganz unbegreiflich , wie Sie die Veränderungen übersehen haben , die sich in unsern Sitten zutrugen . Ja , ja , in unsern Sitten ! Sehen Sie denn nicht ein , daß und wie sich alles geändert hat . Ein junger tugendhafter König ist unser Staatsoberhaupt , eine ebenso tugendhafte und sittsame junge Königin an seiner Seite . Ihr Haushalt ist ein wahres Exempel von Moralität , von wirklich rührender Häuslichkeit . Fühlen Sie denn nicht , wie dies Beispiel schon auf das Publikum einwirkt ? Anfangs war man etwas frappirt , man verstand es nicht , daß es dauern könne , man sah mehr darin ein idyllisches Schauspiel . Manche fürchteten sogar , daß die Königliche Autorität verlieren würde , ohne Gold und Silberapparat . Aber es war anders . Wird dieser König weniger geliebt , als der höchstselige ? Ja , ich wage zu behaupten , der große Friedrich ward nicht so venerirt . Wenn dieser jugendliche Monarch mit zwei Rappen , die schöne Königin an seiner Seite , durch die Linden kutschirt , wie schlagen alle Herzen ! Hören Sie die Bemerkungen der Leute . Das sind Symptome , mein Lieber , auf die man achten muß . Bemerken Sie denn nicht , wie die Dinge in Berlin schon jetzt ein anderes Ansehen gewinnen ? Man muß sich fügen , mein Lieber , man muß mit dem Strome schwimmen , man muß sich kleiden wie die Andern , wenn uns auch die Mode nicht gefällt . Ou voulez-vous être un original , qui ne se désoriginalisera jamais ? Glauben Sie mir , es gefällt Manchem am Hofe nicht , ich muß manche Klage hören , aber man fügt sich . Manche Liaisons sind stadtkundig , wer hatte bisher Arges daran , aber - man genirt sich jetzt , man fährt nicht mehr zusammen in den Thiergarten . Ich könnte Ihnen - aber n ' en parlons pas à propos - man sagt mir , Sie besuchen noch immer das Haus der Schubitz . « Der Nichtwirkliche blickte ihn verwundert an . » Mein hochverehrtester Gönner , auch das « - Offenbar wollte er , was man nennt mit etwas herausplatzen , vielleicht aus der Defensive in die Offensive übergehen , aber rasch sich besinnend , fuhr er in dem vorigen süß flötenden Tone fort : » Wenn ich sagen dürfte , wie anständig es dort hergeht ! Ich kann betheuern , daß alles Unmoralische davon entfernt ist . In den untern Zimmern versammelt sich abendlich , gelegentlich eine Gesellschaft von frohen Menschen . Man trinkt Thee , man lässt sich eine Bowle brauen ; in heitern Gesprächen vergehen die Stunden . Wie mancher Geschäftsmann , erdrückt von der Last des Tages , der keine Familie hat , oder in ihrem Kreise nicht das rechte Soulagement findet , sucht die Zerstreuung , die nothwendige Erholung , um sich wieder zu erfrischen für die Sorgen und die Arbeit des nächsten Tages . Der Staat fordert von uns ungeheure Opfer , er muß uns doch auch etwas Erholung gönnen . Einige machen auch ein Spielchen , die Räume sind so gemüthlich und hell . Muß man denn immer Arges denken ! Diese leichten anmuthigen Kinder der Natur - ich will im entferntesten nicht für ihre vertu sonst einstehen - aber in diesen Reunions , wenn doch auch nur einmal etwas Unsittliches vorgefallen wäre ! Hüpfende Gazellen , Hebes mit der rauchenden Schaale , mischen sie sich in das Gespräch , man hält sie fest , wenn sie entschlüpfen wollen , man richtet Fragen an sie , und freut sich ihrer schalkhaften Antworten . Sie wissen oft den Nagel auf den Kopf zu treffen . Ich will auch nicht dafür einstehen , daß man nicht einmal , überrascht von einer naiven Antwort , den losen Schalk auf den Schooß zieht , und ihn dafür mit einem Kuß auf die Lippen belohnt oder bestraft . Aber , wie gesagt , il n ' y a rien là d ' immoral , Monsieur le conseiller ! Man findet immer achtungswerthe Gesellschaft , die höchstachtungswertheste zuweilen . - Herr Geheimrath würden erstaunen , wenn Sie hörten , welche Equipagen vor dem Hause halten - oft die ganze Behrenstraße hinauf bis zur Friedrichsstraße . Man trifft sich auch mit den Künstlern , den Genies unserer Stadt . Wie oft hat Herr Friedrich Gentz seine brillantesten Gedanken in diesen Kreisen zuerst saillant ausgespritzt . Da ist der berühmte Bildhauer , das Genie , - wie heißt er doch gleich - der macht Studien zum Basrelief für das neue Schauspielhaus . Der tiefsinnige Herr Adam Müller , ce génie mystique , las den Damen aus seinen Schriften vor , s ' il m ' est permis de m ' exprimer ainsi , pour les convertir . Reine psychologische Studien ! Der Herr Hofrath Hirt versichert , bei den Bewegungen der einen Nymphe würde er doch immer erinnert an ein pompejanisches Wandgemälde , was der Lichtenau so gefallen hatte , er hat es im Marmorpalais contrefeien müssen . Da sagte auch neulich Fleck - doch das erinnern sich Herr Geheimrath , - von der Auguste könnte die Schick agiren lernen , wenn sie die Dido singt . Enfin , je vous assure , mon génie protecteur , on n ' y va que pour faire ses études artistiques , philosophiques , psychologiques - « » Et physiologiques , « unterbrach Bovillard . » Und was studirten Sie , Herr Geheimrath ? « » Menschenkenntniß , Herr Geheimrath . Lernt man in der Schwäche sich nicht selbst am besten kennen ? « » Das will ich gelten lassen . Darum schickte ein gewisser Jemand auch wohl seine Pantoffeln in das Haus . « Der Geheimrath senkte den Blick : » So viel mir bekannt , sind diese schon vor Monaten wieder abgeholt . « » Das ist sehr klug von dem Jemand gehandelt . Denn , merken Sie noch etwas , eine Polizeiordre ist unter der Feder , in diesen Häusern soll künftig eine Präsenzliste geführt werden . Wer aus- und eingehet , muß seinen Namen einschreiben . An jedem Morgen wird der Polizeipräsident wissen , wer sie besucht hat , und die Beamten werden höheren Orts gemeldet . « Die beiden Geheimräthe sahen sich unwillkürlich mit einem wunderbaren Blicke an . Es entstand eine Pause . Eine vertraulichere Stimmung schien zwischen dem Wirklichen und dem Nichtwirklichen eingetreten , als jener nach einem kurzen Ambuliren seine verschanzte Stellung im Stich lassend , sich mit überkreuzten Beinen auf das Sopha setzte . Der Nichtwirkliche nahm bescheiden in der andern Ecke Platz . » Und dann , warum müssen Sie mit jeder Schürze auf der Straße Konversation anfangen , und jedes hübsche Dienstmädchen in die Backen kneifen ? « » Mon Dieu , auch das ein Verbrechen , wenn das Herz uns treibt , unsere Mitmenschen zu uns zu erheben ! Je vous proteste , ce n ' est rien que l ' inspiration d ' un coeur humain . « » Genialität , mon ami ! Ces beaux temps sont passées . Sie werden mich gewiß nicht zu den Rigorosen rechnen , aber man muß doch auch mit einem gewissen Ernst , der unserer Stellung und unserm Alter ziemt , die Verhältnisse betrachten . Es musste anders werden . Das sittliche Gefühl des jungen Monarchen war durch so viel Affröses verletzt . Man hätte sich nicht wundern dürfen , wenn er selbst mit rigoroser Strenge dazwischen fuhr . Aber in seiner milden , bescheidenen Weise zieht er es vor , nur durch sein Beispiel zu wirken . Und es ist überraschend , wie es schon gewirkt hat . Wie menagiren sich jetzt die Damen am Hofe ! Hört man noch das disgustirende Geplauder von sonst ! Ein Wort , ein strafender Blick der Königin , und wie der Nebel bei Sonnenschein wird es rein - die chocquirenden Konfidenzen verstummen . Kennen Sie die alte Voß wieder ? Ganz die Airs einer würdigen Matrone ! Wenn es auch noch nicht überall einklingt , so macht man doch Efforts . Selbst Comteß Laura , geht sie wohl noch so ausgeschnitten wie sonst ? Und wenn man auch noch die Redouten in Bergers Saal besucht , mit welcher Decenz geschieht es . Da kennt Keine die Andere , so tief maskirt ! Ihre Wagen lassen sie schon an der Ecke der Dorotheenstraße zurück . Nein , die Progressen in der öffentlichen Moral sind unverkennbar . Und die Minister ! Was kann denn erhebender sein , als wie der unsere den Glanz des Weltmannes von sich abgestreift hat , und wie ein Patriarch unter den Seinen lebt . Die Frau Ministerin , wenn sie das schlichte Häubchen auf dem Kopf , die Schürze vor , als Hausfrau in Küch ' und Keller waltet ! Ein Fremder könnte glauben , daß er in eine gewöhnliche Bürgerwirthschaft geräth . Ein herzlicher Händedruck würde ihn begrüßen , ein Trunk Bier steht immer auf dem Tische . « - » Trinken Excellenz jetzt Bier ? « fiel Lupinus rasch ein . - » Wahrscheinlich von dem , was mein Freund , der Hofrath Fredersdorf in Spandow braut . Ein treffliches Bier , aber sollte es ganz nach Excellenz Geschmack sein ? « » Das thut wohl nichts zur Sache . Ich meinte nur - « » Vielleicht nur des Magens wegen - Excellenz leiden an Indigestionen - da würde ein bitteres Magenbier , zum Exempel das Zerbster - der Magen eines Ministers ist etwas kostbares für das Land - ich habe da eine gute Quelle . Meinen Herr Geheimrath vielleicht , daß Excellenz es nicht ungütig nehmen würden , wenn ich mir erlaubte , ein Fässchen - « » Sorgen Sie lieber für Ihren eigenen Magen , « sagte Bovillard aufstehend , » denn Sie haben viel Verdorbenes gut zu machen ! « Aber der Alp auf der Brust des Geheimrath Lupinus schien sich doch allmälig gelöst zu haben , als er die Theilnahme seines Gönners bemerkte . Die Sache war nicht durch einen Scherz zu beseitigen . Man sprach auch von einem Dritten , der seine Vermittlung schon angeboten . » Wenn man dem nur ganz trauen kann , « sagte Lupinus . Der Wirkliche lächelte leichthin : » Das zu prüfen ist meine Sache . Ihre : Anstand , Ernst , Moralität zu zeigen - und vorsichtig zu sein . Denn mir ist gar nichts darum zu thun , daß Sie mit blauem Auge davonkommen und durch eine Hinterthür schlüpfen , sondern Ihre Ehre soll ganz fleckenlos dastehen . Verstehen Sie mich , mein Herr Geheimrath ? Es handelt sich um Ihre vollkommene Rechtfertigung , weil unser Interesse damit zusammenhängt . Verstehen Sie mich ! Wissen Sie auch , daß der Justizminister schon einen Kandidaten für Ihren Posten in petto hat ? « » Womit habe ich das verdient ! « Beinahe entfiel ihm der Hut , als er mit der Hand über die Stirn fuhr . » Das machen Sie mit sich selbst aus . Dann kann ich Ihnen auch nicht verbergen , daß das Verhältniß mit Ihrer Köchin Seine Majestät choquirt . Sie thäten besser , sie wegzuschicken , oder wieder zu heirathen . « » Wenn ich die Ungnade Seiner Majestät damit abwenden könnte - mein Gott , ich bin ja zu allem bereit - jeden Augenblick . « » Warten Sie ' s doch noch ab , « - entgegnete der Wirkliche , wirklich von diesem Zeichen der Devotion überrascht . » Es kann sich manches wieder ändern . Ueberhaupt müssen wir warten , « setzte er hinzu , » denn ich besinne mich , daß der Minister morgen wegen des Geburtstags Seiner Majestät nicht zu sprechen ist . « Mit etwas erleichtertem Herzen nahm Lupinus seinen Rückzug . Bovillard schien schon einer Reihe anderer Gedanken gefolgt , als er , die Hand an der Thür , ihm ein à propos