jetziges Ministerium mit dem Magistrat dieser Stadt hier einen Proceß wegen siebzehn alter Tempelhäuser begonnen hat , dessen Zulässigkeit in höchster Instanz längst entschieden ist ? Endlich , Bruder , wie , wenn ich dir beweisen könnte , daß diese Häuser - Doch genug , höre , was ich erlebte . Siegbert schob die Reste des Abendimbisses fort und lauschte voll gespannten aber doch zweifelnden Erstaunens . Als ich nun an jenem Abend , begann Dankmar wieder in seine Erzählung einzulenken , in dem Anbau des Tempelhauses im Interesse der Mutter und ihrer Benutzung dieser Räume mich orientiren wollte , entdeckte ich an einigen Stellen der Wände des Archivs , daß durch die Reihe der Jahre hier und da Mörtel losgesprungen war . Mir fiel Dies auf , weil es mir vorkam , als wenn unter der obern Decke , die nur leicht überkalkt schien , sich noch eine andere befinden müßte , die man nur dürftig überzogen hatte . Ich ziehe mein Taschenmesser und fange zu bröckeln an . In der That ! Es ist unter dem etwa einen Finger dicken Überwurf noch eine andere geglättete Wand , die mir immer deutlicher entgegentritt , jemehr ich den spätern , jedoch sehr alten Überputz ablöse . Noch konnte diese Entdeckung auf keinen andern Gedanken führen als den , daß man vielleicht die früher schadhaften Mauern neu hatte herstellen wollen . Plötzlich aber fährt mein Messer in eine Ritze . Ich kratze sie weiter auf . Es ist ein förmlicher Spalt . Ich trenne noch mehr von der obern Wand hinweg ; da wird die untere ein von Kalk bespritzter breterner Widerstand . Ich arbeite weiter . Bald entdeck ' ich , daß diese Wand gefelgt ist . Ich klopfe . Es klingt hohl . Ich habe ohne Zweifel einen Schrein vor mir , einen in die Mauer gebauten Wandschrank . Jetzt hatt ' ich keine Ruhe mehr . Ich mußte gründlicher untersuchen , koste was es wolle . Es war Nacht geworden . Ich kehrte über den Gang nach der alten Verbindungsthür mit dem Tempelhause zurück . Die Mutter schlief schon . In der Küche holt ' ich mir ein Licht , ein Beil und einen kleinen Holztritt . So ausgerüstet , kehrte ich an meine Arbeit zurück . Bis zwei Uhr in der Nacht hatt ' ich daran gearbeitet , den obern Putz des ganzen gewölbten Zimmers herunterzuschlagen ; ich selbst und meine Lampe , wir erstickten fast im Kalkstaub , den ich nicht zum Fenster hinausleiten mochte , sondern wie einen Dampf durch die Thür auf den Gang und zum Kirchhofe hinausstreichen ließ . Für die erste Nacht begnügte ich mich mit der Entdeckung , daß die letzten , wahrscheinlich protestantischen Ritter , die das Tempelhaus noch bewohnten , ohne Zweifel vor den Schrecken des Dreißigjährigen Krieges dies Archiv hatten schützen wollen und über die in die Wände gemauerten Schränke , um sie am sichersten zu verbergen , eine ganz neue Wand gezogen hatten . Am Tage darauf setzte ich meine einsame Arbeit fort . Niemand hinderte mich , auch der Mutter entdeckt ' ich nichts . Ich kannte ihre Ängstlichkeit und die allgemeine Scheu , in solchen Dingen etwas zu thun , ohne gleich der Polizei Anzeige zu machen . Die Benutzung dieser Räume stand ihr ja frei . Die Wandschränke der Zimmer , die wir im Tempelhause hatten , standen ihr ja auch offen . Auch hier fanden sich nun Wandschränke . Was sollt ' ich zögern , sie , so gut es ging , für unser Bedürfniß zu öffnen ! Ohne einen Schlosser war Dies freilich nicht möglich . Ich fand glücklicherweise einen , der es ganz in der Ordnung fand , daß die Mutter diese Gelasse nach Bequemlichkeit benutzen wollte . Der entfernte Schutt konnte ihn auf keinen andern Gedanken bringen , als daß hier noch einige Repositorien zur Mahl-und Schlachtsteuerverwaltung übriggeblieben waren , zu denen denn , » wie gewöhnlich « , fügte er hinzu , die Actuare den Schlüssel verloren hätten . Als der Schrank geöffnet war und wieder neue Schubläden zeigte , die dem Schlosser aufzuziehen nicht einfallen konnte , war ich geborgen . Ich entdeckte das vollständige Archiv der Tempelherren und Johanniter von Angerode , seit dem Übergang der Templerei in den Bruderorden des St.-Johannes im Jahre 1320 bis zum Jahre 1636 . Alles Das , was sich auf die Geschichte des johannitischen Tempelhofes seit seinem Übertritt zum Protestantismus bezog , war auffallenderweise in einem großen eichenen braungebeizten Schrein vereinigt , der auf dem Deckel in erhabener Holzarbeit ein Kreuz zeigte , dessen Enden in vierblätterige Kleeblätter ausliefen . Diesen Schrein nun - Um Gotteswillen , rief Siegbert , den hast du doch nicht aus dem Amtsgebäude entfernt ? Dankmar wollte antworten , aber in diesem Augenblick wurde das Gebell des Hofhundes , das schon seit einigen Minuten wieder begonnen hatte , unerträglich . Die Brüder , ganz vertieft in ihre Mittheilungen , sahen sich um . Die Nacht hatte sich leise mit einem durchsichtigen Sternenkleide herabgesenkt . Johanniswürmchen funkelten schon im Grase . Alles war still , traulich , nächtlich , nur der Hofhund machte einen Lärmen , der den gereizten Nerven der Brüder förmlich Schmerz verursachte . Die Bestie ! rief Dankmar und wollte schon hinaus , um das Thier zur Raison zu bringen , als Kathrine die Gartenthür aufstieß und herüber schrie : Er kommt ! Gott sein Dank ! rief Dankmar , nahm seinen Hut und eilte über alle Beete weg den kürzesten Weg zum Hofe des Pelikan . Siegbert folgte ihm langsamer und fühlte , als umgäbe ihn geisterhafter Spuk , nach seinen Taschen . Er erstaunte , wie Hackert über das Kreuz an der Kirche in Tempelheide ihn so richtig hatte aufklären können . Am Stil der Kirche , mußte er sich jetzt sagen , fand er , daß sie allerdings nur aus den Zeiten nach der Reformation herrühren konnte . Aber zu der Aufregung des Bruders wußte er nicht , ob er sich ihrer freuen oder betrüben sollte . Sie schien ihm zu krankhaft , zu unnatürlich , an Dankmar ganz ungewohnt . Er kannte ihn nur von seiner klaren und immer helldenkenden Vernunftseite . Wenn ihn zum ersten male hier etwas täuschte , wenn er statt nach dem langsam zu erreichenden Ziele seiner gediegenen Kenntnisse und seiner freimüthigen Gesinnung nach einem Luftphantome griffe ! Er folgte tief bekümmert dem Bruder , indem er die kleinen Wege einhielt , die in dem bescheidenen Gärtchen von den Beeten bezeichnet waren . Es war fast Nacht geworden . Aber im Hofe des Pelikan wurde es lebendiger wie am Tage . Der Hofhund ließ sein Bellen nicht , ja einige kleine Kläffer hatten sich ihm noch zugesellt und führten ein ohrenzerreißendes Concert auf . Woher sie die Witterung hatten , daß der Fuhrmann Peters von Angerode , der Eheherr ihrer jetzigen Herrin Kathrine , ankam , ist schwer zu sagen . Nur das elektrisch bewegte Schalten und Walten Kathrinens , ihr plötzlicher Aufschrei : Er kommt ! mußte ihnen das Zeichen gegeben haben , daß etwas im Werke und Werden war . Der dicke Pelikanwirth schlorrte , auch seinerseits insoweit erregt , als in diese Fleischmasse Leben und Bewegung kommen konnte , auf und ab . Der gute Mann mußte gewohnt sein , beherrscht zu werden , sonst würde er nach dem Tode der Pelikanwirthin sich nicht so ganz fremden , untergeordneten Menschen in die Arme geworfen haben . Kathrine zeigte sich jetzt in der Art , wie sie einen Stall- und Hausknecht zur Vorbereitung des Empfangs zurechtwies und eine andere Magd schalt , die die Einfahrt des Thorwegs mit Kücheneimern und Besen verstellt hatte , als die eigentliche Herrin des Ganzen , die die Umstände dieses Gasthauses klug zu ihrem Vortheil benutzt hatte . Doch war sie heute nicht ganz so froh , wie sonst , wenn Peters von Angerode anfuhr . Ich weiß nicht , sagte sie , ist er so müde oder was hat er , daß er auch nicht einmal mit der Peitsche klatscht ! Sonst hörte man ihn schon vom Chausséeeinnehmer her , soviel knallte er , daß es die ganze Vorstadt wußte : der Peters ist da . Und heute ... es muß wol das Rad sein . Wo soll ' s auch hinaus , wenn man in schlechten Zeiten auch noch die Achse bricht ! Der Wagen geht ihm nahe , das ganze Geschäft ! Er weiß , daß es nichts mehr taugt und in den Ofen geschoben werden muß , statt in die Remise . Die Erwähnung der Remise brachte sie wieder darauf , daß der Hausknecht ihre Thorflügel nicht weit genug geöffnet hätte . Muß man denn überall seine Augen haben ! polterte sie sich in einen künstlichen Zorn hinein . Wird denn nichts geschafft , wenn man ' s nicht selber angreift und Jeden mit der Nase darauf stößt ! Ja , ja , Musje Siegbert , da sehen Sie , daß es in Thaldüren nicht allein etwas zu schaffen gab ! Hier fehlt uns aber so ein langer Matthes , wie auf dem Pfarrhofe , der den ganzen Tag wetterte und die Faulen anhetzte . Matthes fluchte den ganzen Tag , und wenn ' s der Herr Vater merkte und ' s ihm verwies , sagte der alte Spitzbube : wo soviel gebetet wird , Herr Pfarrer , kann auch einmal ein bischen geflucht werden , sonst kommt Eins in den Himmel zu zeitig . Siegbert freute sich der Erwähnung des alten Matthes aus ihrer Knabenzeit , Dankmar aber hörte nicht mehr darauf , so erfüllte ihn Peters ' Ankunft . Er sah in dem von einigen Lämpchen erhellten Zwielicht der Landstraße den großen Wagen auf dem schlechten Pflaster langsam herantaumeln . Hohl dröhnten die krachenden großen Räder herauf . Er blieb wieder stehen , nachdem er dem Wagen einige Schritte entgegengegangen war . Kathrine , die bald in der Küche , bald im Stall , bald auf der Straße war , sagte jedesmal , wenn sie wieder ausschaute : Ach ! ach ! wie ' ne Schnecke ! Was wird er müde sein und wie ärgerlich ! Und er klatscht nicht ! Er klatscht nicht ! Das ist schlimm ... Endlich war denn der große , mit grauen Leinen überspannte Wagen dicht am Pelikan . Drei schellenbehangene Pferde zogen ihn . Peters in blauer Blouse schritt zur Linken . Er hinkte etwas . Wie der Fuhrmann beim Schein einer Laterne Dankmarn erkannte , sagte er mit sonderbarem heisern Tone : Dacht ' mir ' s ! Dacht mir ' s ! Guten Abend - ! Ihr habt Unglück gehabt , Peters ? begrüßte ihn Dankmar . Doch Alles wohl verwahrt ? Sonst keinen Schaden genommen ? Jesus ! schrie auch in diesem Augenblicke seine Frau ; du hinkst ja , Mensch ? Du hast Schaden genommen ... Guten Abend ! sagte Peters mit gedämpftem Ton und lenkte die müden Pferde in den Thorweg ein . Dem dicken Wirth galt ein zweiter Gruß . Doch hätt ' er ihn bald an die Wand des engen Thorwegs anquetschen können , wenn er nicht rasch in die Wirthsstube retirirt wäre . Endlich standen Pferde und Wagen im Hof . Kathrine , Siegbert , Dankmar drängten sich an den Fuhrmann , der in dem Augenblicke , als er das Ziel seiner Fahrt erreicht hatte , einen Schmerzensschrei ausstößt und zusammensinkt . Was ist ? Gott im Himmel ! Peters ! so scholl es durcheinander . Kathrine wirft sich über ihren Mann . Der Wirth zum Pelikan ruft : Wasser ! Siegbert tritt geängstigt näher . Dankmar faßt des in halber Ohnmacht daliegenden Mannes Hand . Was ist Euch , Peters ? Seid Ihr krank ? Erholt Euch ! Ich überleb ' s nicht , stöhnte der von innerer Qual gefolterte Mann , ich überleb ' s nicht . Aber Peters , suchte ihn sein Weib zu beruhigen , erkennst du nicht die jungen Herren ? Was hast du ? Ist ' s dein Bein , was dich schmerzt ? Der Wagen ist auf dich gefallen , als das Rad brach ? Sollen wir Leinen in Wasser tauchen ? Willst du nasse Leinen auflegen ? Sprich nur was , um Gotteswillen ! Statt aller Antwort schüttelte Peters heftig mit dem Kopf und lehnte mit der Hand jede Hülfleistung ab . Ich erkenne die Herren wohl , begann er endlich , als Alles gespannt lauschte , aber vergeben Sie ' s mir , Herr Dankmar , ... Gott ist mein Zeuge ... Peters ! rief Dankmar von einer Ahnung ergriffen ; der Schrein - Ist fort ! sagte Peters dumpf und seine Gesichtszüge verzogen sich wie das Lächeln eines Wahnsinnigen . Grimmiger Zorn packte Dankmarn . Mensch ! schrie er und rannte an den Wagen , um das Leintuch abzureißen . Er sah Kisten , Fässer , Ballen genug . Der Schrein ist da ! Verpackt unter den andern ! Du irrst , Peters ! Fort ! stöhnte Peters dumpf . Kathrine brach in ein lautes Schluchzen aus . Die Hunde bellten nicht mehr . Der Pelikanwirth mußte sich erschöpft und ermüdet auf einen Futterkasten an dem Stalle setzen . Der Hausknecht löste still die Pferde von der Deichsel und nahm ihnen die Schellenhalfter ab . Müd und wie traurig und mit bösem Gewissen schlichen die armen Gäule in den Stall . Alles stumm im Hofe und fast gespenstisch ... Siegbert , der seinen Bruder fürchterlich leiden sah , nicht minder wie den unglücklichen Fuhrmann , ergriff endlich das Wort und sagte : Erinnert Ihr Euch auch , den Schrein wirklich aufgeladen zu haben ? Ha ! ha ! war die ganze Antwort . Wo entsinnt Ihr Euch , daß Ihr ihn zuerst vermißtet , fuhr Siegbert fort . Hinter Hohenberg und Plessen ! antwortete der Fuhrmann . Auf freiem Feld ? Im Dorfe Plessen , an der Schmiede . Wo Ihr das Rad herstellen ließet , das gebrochen war ? Dort . Der Wagen mußte abgeladen werden ? Das mußt ' er . Ihr waret indeß in der Schmiede , wo das Rad hergerichtet wurde ? Ich lag halbtodt . Armer Mann ! Man muß Mitleid mit Euch haben . Aber der Schrein war meinem Bruder von Werth . Er enthielt Documente von seltener Wichtigkeit . Er würde ihn selbst mit sich geführt haben , wenn er nicht noch im Harz Geschäfte gehabt hätte . Er glaubte den Schrein Euch auf die Seele gebunden zu haben . Er war ' s auch . Aber Ihr wurdet von dem Sturz des Wagens ohnmächtig . Ihr wußtet vielleicht nicht , daß man , um das Rad herstellen zu können , die Last des Wagens erleichtern mußte . Man packte ihn ab , und als Ihr Euch erholt hattet , als das Rad fertig war und Ihr , unterstützt von den Leuten in Plessen , weiterfahren konntet , vermißtet Ihr erst das anvertraute Gut ? O nein , sagte Peters und richtete sich mühsam auf . Als ich mich erholte , schalt ich , daß man in der Schmiede so schlechte Hebebäume hatte , um nicht einmal einen so leichten Wagen unabgepackt zu lassen . Ich fluchte , wie man mir meine Fracht abladen konnte . Ich raffte , es war in der Dämmerung des Morgens - denn ich fuhr der Hitze wegen in der Nacht - ich raffte gleich Alles zusammen , was um die Achse zerstreut herumlag . Ich wußte , wo der Schrein stand , ich hatte ihn immer im Auge , ihn , der mir so heilig anvertraut war . Ich faßte wol alle Stunden an die Leinwand , ob ich auch noch das Kreuz auf dem Deckel fühlte . Nach dem faßt ' ich zuerst . Ich find ' es nicht , das Kreuz auf dem Holze ist nicht da . In meiner Ohnmacht hatte man abgeladen , Alles auf dem Wege liegen lassen und war mit dem Rad an die Schmiede gegangen , von der mir funfzig Schritte weit das Unglück passirte . O Gott ! Wie war mir , als ich den Schrein nicht fand ! Noch vor einer halben Stunde hatte ich das Kreuz gefühlt .... Um zwei Uhr Nachts fuhr ich aus . Um halb Drei brach das Rad ; der Wagen stürzte so , daß mein Bein gequetscht wurde . Ich schrie auf und rief und jammerte . Man kam zur Hülfe . Eine halbe Stunde mocht ' ich betäubt gelegen haben . Nachdem hink ' ich und sehe mich allein unter meinen abgeladenen Gütern . Der Mond stand noch am Himmel . Alles still . Kein Mensch um mich . Nur im Schlosse Hohenberg oben entdeckt ' ich helle Fenster .... Musik , wie von einem Tanz her , den sie dort bis an den Morgen hielten , und von der Schmiede hört ' ich die Hammerschläge . Der Morgen graute . Ich übersehe meine Güter . Die kalten Umschläge , die man dem Bein gegeben , hatten ihm gut gethan . Ich konnte leidlich gehen . Da ! Mein erster Blick sucht den Schrein , ich find ' ihn nicht . Jesus ! Es war mir in meiner Betäubung , als hätt ' ich einen Mann gesehen , der ihn forttrug ; einen Mann in einem Mantel .... Ich hörte den Schrein an einem Steine poltern ; denn er war schwer zu tragen , genau gewogen , sechsundvierzig Pfund und ein halbes . Ich sag ' es noch - es war kein Traum - geraubt ist der Schrein . Gestohlen ist er , das schwör ' ich zu Gott . Ich schlug Lärm , rief den Schmied , seinen Gesellen . Ich will den Schrein sehen ! Die Leute waren halb verschlafen , hatten kaum gewußt , was sie abluden . Sie hatten nur auf mein Jammern und das Winseln meines Hundes gehört ... Wo ist Bello ? rief Kathrine , jetzt erst fühlend , was ihr gefehlt hatte . Bello ... Bello hat bei dem Sturz ein Bein gebrochen , sagte der Fuhrmann ächzend . Bello ist todt ! jammerte sein Weib . Wenn ihn der Schmied nicht heilt , vielleicht ! sagte Peters und fuhr mühsam fort : Das Schreien und Winseln des Thieres weckte den Schmied , ich lag in Ohnmacht . Bello blieb beim Wagen und winselte . Ich hörte ihn in meinem Zustand , als man mir die Umschläge machte . Ich frug ihn , den Bello , ja den Hund , als ich erwachte , nach dem Schrein . Das Thier verstand mich und heulte und winselte und hörte nicht auf zu bellen . Aber es hatte den Dieb nicht festhalten , mich nicht wecken können . Da lag ich elend , da lag mein treues Thier , zerstreut meine Fracht und ein Räuber umschlich uns , der , ich schwör ' s - uns bestohlen hat ! Sich aussprechen und sein Unglück erzählen können , schien den Fuhrmann etwas zu erleichtern . Nach einer Weile fuhr er , während Dankmar starr brütend zuhörte , fort : Das Dorf Plessen liegt am Fuße des Schlosses Hohenberg . Mit meinem hinkenden Beine schleppte ich mich an alle Thüren und rief den ganzen Ort wach . Es war vier Uhr . Oben auf dem Schlosse erloschen allmälig die Lichter . Einzelne Wagen fuhren herunter . Man hatte ein Fest gefeiert , das nun zu Ende war . Jeden Wagen hielt ich an und fragte nach meinem verlorenen Gute . Die geputzten Gäste lachten mich aus und antworteten , ich sollte sie schlafen lassen . Den Ortsvorstand holt ' ich aus dem Bett . Ich verlangte , daß der Schmied und sein Gesell festgenommen würden , und doch kannt ' ich Beide als ehrliche Leute seit Jahren , und ich schämte mich , sie für Diebe zu halten . Auch ließ ich sie frei und bei meinem Rade . Der Schmied ist blind , sein Sohn taub . Die sind ehrlich . Aber das ganze Dorf bot ich auf und gesucht wurde überall , hinter jedem Strauch , in jedem Graben ; aber der Schrein blieb verloren . Gott weiß es , in welches Teufels Hand er gekommen ! Was sollt ' ich thun ? Das Rad war hergestellt , der Wagen fertig , mein Hund blieb beim Schmied , der ihn heilen will . O Gott ! Was sollt ' ich thun ? Der Ortsvorstand versprach mir auf Ehr ' und Seligkeit , Alles anzustellen , um den Gaunerstreich zu entdecken . Meine Lieferungszeit für die Güter ist auf Tag und Stunde berechnet . Ich mußte fort . Die Thiere zogen den Wagen und mich . Gehen könnt ' ich wenig , ich hinkte . Da bin ich nun , Herr ! Machen Sie mit mir , was Sie wollen . Der Schrein ist gestohlen . Nach einigem Bedenken sah Dankmar nach seiner Taschenuhr . Es war halb Zehn . Wie weit ist ' s bis Hohenberg und Plessen ? fragte er rasch . Wir rechnen vierzehn Meilen . Es sind dreizehn ein halb , sagte Peters . Bin ich mit einem Einspänner morgen Mittag da ? fragte Dankmar weiter . Bis morgen Abend , wenn ' s ein guter Gaul ist und Sie ihm dann und wann einige Ruhe gönnen . Herr Wirth , sagte Dankmar , ich sah in Ihrer Remise einen Einspänner stehen . Pferde haben Sie im Stall . Wollen Sie für mich einspannen lassen ? In zwei , drei Tagen bin ich wieder da . Bruder , fiel Siegbert erschrocken ein , ist dir der Verlust denn wirklich soviel werth , daß es dir an einem Aufruf in den Zeitungen und einer Anzeige an die dortige Behörde nicht genügt ? Ich bitte dich ! erwiderte Dankmar mit großer Bestimmtheit . Mache gegen ein Unternehmen keine Einwendung , das mit meinen künftig wichtigsten Lebensplanen in zu naher Verbindung steht . Es ist ja nicht um diesen Schrein ; es ist nicht um diesen zeitlichen Gewinn ; es ist um etwas Höheres , das in mein und dein ganzes Leben eingreifen soll ... Damit trat er näher und flüsterte dem Bruder halblaut zu : Siegbert , hast du Geld bei dir , so gib ! Oder meinst du , daß der Wirth uns zwanzig Thaler vorschießt ? Du schickst sie ihm morgen wieder . Siegbert schien der Säckelmeister der Brüder zu sein . Er verwaltete das höchst schwierige Amt , zwei jungen Männern , die noch keine sichere Lebensstellung hatten , soviel Hülfsmittel durch weise Ökonomie beisammen zu halten , daß sie immer mit leidlichem Anstand in der Welt bestehen konnten . Er murmelte einige sonderbare Worte , die wie ein keineswegs günstiger Kassenüberschlag klangen . Die Reise nach Angerode hat Geld gekostet , sagte Dankmar ungeduldig ... Und mein Bild ist noch nicht verkauft , fiel Siegbert in jenem murmelnden bedenklichen Tone ein , der auf eine augenblickliche finanzielle Ebbe zu deuten schien . Aber was machen wir uns denn für Sorge ! fuhr Dankmar plötzlich auf . Du hast ja hundert Thaler bei dir . Ich - hundert Thaler ? Was fällt dir ein ? Wozu die Bedenklichkeiten ! Der Rothkopf ist ein Capitalist , der mit unsern Zinsen zufrieden ist . Sahst du denn nicht , daß er uns ein Zwangsdarlehen aufdrängte ? Gieb nur her ! Zwanzig Thaler genügen . Für das Übrige wird unser Schutzgeist sorgen . Siegbert , fast voll Entrüstung , zögerte ... Es ist Unrecht von dir , mich in solche Versuchungen zu führen ! sagte er ; dein abenteuerlicher , mir jetzt noch lächerlicher Schrein ! Ich verstehe dein archivalisches Unglück gar nicht , kann deine finanzielle Ungeduld gar nicht schätzen .... Was weiß ich denn , was hier so Wichtiges auf dem Spiele steht ! Ich will nicht sagen , daß ich - er lenkte dabei freundlicher ein - zu Hause aus unserm Staatsschatze diese zwanzig Thaler nicht wieder ergänzen könnte ... Das kannst du ? rief Dankmar . So günstig steht die Bilanz der Gebrüder Wildungen ? Und da quälst du mich mit einer Miene , die aussieht wie ein österreichischer Bankbericht ? Her das Packet ! Zwanzig von hundert bleiben achtzig ! Wir sollten geizen , wir , die wir Pferde an Landstreicher verschenken , classische Bilder malen , ohne sie zu verkaufen , wir , die wir eine Anstellung im Staate so lange verachten , bis sich der Staat gebessert hat und würdig zeigt , einem Mann von Grundsätzen jährlich achtzehnhundert Thaler Gehalt zu geben , wir , die wir die arrangirtesten jungen Weltverbesserer sind , die nur jemals das Wort Credit und das Geld überhaupt verachtet haben ! Solchem Humor konnte Siegbert nicht widerstehen . Er trat hinter den großen Packwagen , griff in die Tasche , löste das Packet und zählte dem Bruder soviel Scheine ab , als er gewünscht hatte . Währenddem wurde schon die kleine Kalesche aus der Remise gezogen , die Stalllaterne leuchtete einem Pferde voraus , das langsam mit gebücktem Halse über den Hof schlich , in die Gabel des Wägelchens vom Hausknecht eingeschoben und angeschirrt wurde . Kathrine und Peters waren inzwischen verschwunden . Und nun ... wer fährt Sie jetzt ? fragte der Pelikanwirth , der mit Gutmüthigkeit an Dankmar ' s Verlust den innigsten Antheil nahm . Ich selbst ! Ich selbst ! Nur die Peitsche her ! O , Das nicht , Herr ! Das macht Sie müd und mat . Kaspar , da mein Knecht , geht mit . Die Peitsche geholt , Kaspar ! Die Decke auf den Bock ! Sapperlot , schläft der Kerl schon um die zehnte Stunde im Gehen ! Hört und sieht nicht , was um ihn vorgeht ! Kaspar ! Schon wollte sich Kaspar , aufgerüttelt von seinem Herrn , der in fremder Ermüdung nur seine eigene vertuschen wollte , anschicken , dem Befehle zu folgen , als aus der Dunkelheit eine Stimme ertönte und die Worte vernehmbar wurden : Wecken Sie doch den Kaspar nicht aus seinen süßen Träumen , Herr Wirth . Er sehnt sich , sehen Sie nur , nach einem tiefen Chausseegraben , in den er den Herrn hineinfahren wird . Wenn Sie erlauben , meine Herren , mach ' ich mir das Vergnügen und ... Der Sprecher brach ab und trat vor . Es war Hackert . Die Stalllaterne beleuchtete seine magere Gestalt und gab ihr im Zwielicht ein unheimliches , verwittertes Aussehen . Er hatte die Hände in den Beinkleidertaschen , als fröstle ihn . Das Halstuch hing über dem zugeknöpften Frack herab in langen , losen Zipfeln . Sind Sie schon wieder da ? fragte Dankmar erstaunt , während Siegbert in eine unbeschreibliche , fast komische Angst gerieth . Er gedachte , wie es nun werden sollte , wenn der sonderbare Fremde jetzt sein veruntreutes Pfand wieder verlangte . Ich habe den Levi auf Ihren nächsten Händedruck vertröstet , sagte Hackert . Jude bleibt doch Jude und wenn er auch Sporen an den Stiefeln trägt . Der alte Schimmel , der unter Roßtäuschern groß geworden ist und mehr Hengste gewallacht hat als mancher Beschnittene Dukaten wallacht , ist mein Freund nicht . Er meinte , es hat gute Wege - Und war doch froh , daß er sein Pferd wieder bekam ? entgegnete Dankmar forschend und wiederum zu Siegbert hinüberlugend , der vor Schreck über diese rasche Wiederkehr Hackert ' s fast sprachlos geworden war . Die Mähre läßt sich ' s schmecken , als wenn sie ein Wettrennen mitgemacht hätte . Sie sehen übrigens , daß ich mit Pferden umzugehen verstehe . Wenn ' s Ihnen recht ist , fahr ' ich Sie nach Hohenberg und helf ' Ihnen die Kiste mit dem Kreuz suchen . Sehen Sie , Herr Maler da hinten , ich bin curios , ob das ein drei-oder ein vierblätteriges Kreuz sein wird ! Gleichviel , wenn wir das Ding nur wiederfinden ! Dankmar horchte hoch auf . Siegbert erzählte dem Bruder in wenig Worten , daß er die Bemerkung über ein ähnliches Kreuz an der Kirche zu Tempelheide diesem gefälligen Herrn Hackert verdanke . Hackert ! Ganz Recht ! Das ist mein Name ! sagte dieser , und ich denke , ich fahre Sie nach Hohenberg . Wir treffen dort Gesellschaft . Lasally und seine Jokeys sind dort - sonst freilich ... Sonst ? wiederholte Dankmar , als Hackert stockte . Sonst - sagte Hackert und griff nach der Peitsche , die Kaspar geholt hatte . Mit einer Bewegung der Arme holte er aus und knallte . Er schien die Antwort vermeiden zu wollen . Kaspar und der Pelikanwirth schienen wenig Vertrauen zu dem aufdringlichen Mann zu haben und brummten vor sich her . Siegbert kämpfte wieder mit dem Gefühl , daß Hackert doch wol ein zweideutiger , ihres Vertrauens unwürdiger Mensch wäre , und bangte vor dem Gedanken , den geliebten Bruder mit einem im Feld herumschleichenden Tagediebe , einem abgesetzten Schreiber , allein zu lassen . Allein Dankmar , der vom Bruder besorgen mußte , daß er , um nur den Antrag Hackert ' s ablehnen zu können , die ihm eben zugezählte Summe von zwanzig Thalern zurückfodern würde , schnitt alle weitern Verhandlungen mit den Worten ab : Steigen Sie auf , wenn ' s Ihr Ernst ist ! Machen wir nun vorwärts . Gut denn ! Es ist mein völliger Ernst . Aber wenn ich nun bitten dürfte ... Dabei hatte ihn Dankmar schon auf den Bock gehoben . Der Wirth warf die Decke und einen alten Mantel nach . Erlauben Sie aber noch , sagte Hackert , sich zu Siegbert umwendend , erlauben Sie nur noch - zur Reise braucht man Geld - darf ich um mein Pfand bitten - Ihr Pfand behält mein Bruder , sagte Dankmar rasch entschlossen . Wer verbürgt mir , daß Sie den Gaul richtig abgeliefert haben ? Henker ! Was ? rief Hackert und richtete sich auf dem Bocke